grusswort jörg wieczorek, bah

GRUSSWORT
JÖRG WIECZOREK, BAH
Jörg Wieczorek, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller e.V.
Eröffnung expopharm, München, 12. Oktober 2016
ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Becker,
das alljährliche Grußwort zur Eröffnungsveranstaltung der Expopharm gehört zu meinen
absoluten Lieblingsaufgaben als Vorsitzender des Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller.
Ich sage Ihnen auch gerne, warum das so ist:
Erstens ist die Expopharm eine Leistungsschau, die alle wesentlichen Innovationen bei
Produkten und Dienstleistungen im pharmazeutischen Bereich.
Zweitens treffe ich zu dieser Gelegenheit immer wieder langjährige Weggefährten, die ich schon
länger nicht mehr gesehen oder gesprochen habe. So komme ich mir oft vor wie bei einem
Klassentreffen.
Der dritte Grund, warum ich immer gerne zur Expopharm komme, ist die Möglichkeit, hier auch
kritische Themen offen ansprechen und mit Ihnen als Fachpublikum diskutieren zu können. Auf
ein kritisches Thema komme ich gleich noch einmal zurück.
Doch nun zunächst zu einem aktuellen Punkt:
Im April dieses Jahres hat die Bundesregierung die Ergebnisse des ressortübergreifenden
Pharmadialoges vorgestellt. Wir haben damals gesagt: Es war ein guter Dialog, es war ein Schritt
in die richtige Richtung hin auf ein übergeordnetes Ziel, nämlich die Stärkung des Forschungs-,
Produktions- und Wirtschaftsstandortes Deutschland.
Und dann hat das Bundesgesundheitsministerium im Juli den Referentenentwurf des
Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetzes vorgelegt. Dieses Gesetz soll ja eigentlich die im
Pharmadialog getroffenen Verabredungen umsetzen. Aber die Arzneimittel-Hersteller wurden
bitter enttäuscht: Weder zu Anreizen für die Weiterentwicklung bekannter Wirkstoffe noch zur
Vertraulichkeit des Erstattungsbetrages findet man eine zufriedenstellende Regelung für die
Arzneimittelindustrie. Außerdem möchte das Ministerium das Preismoratorium erneut um weitere
fünf Jahre bis Ende 2022 verlängern. Das halten wir im hohen Maße für mittelstandsfeindlich und
schädlich für den Pharmastandort Deutschland. Damit würde die Industrie auch weiterhin auf
Kostensteigerungen sitzen bleiben. Ganz im Gegensatz zu den Krankenkassen, die steigende
Verwaltungskosten selbstverständlich über Beitragsmehreinahmen kompensieren dürfen.
So sind die Verwaltungskosten der Krankenkassen von 2009 auf 2015 um fast 2 Milliarden Euro
gestiegen, das entspricht einem Zuwachs von nahezu 18 Prozent. Die Einnahmen stiegen im
selben Zeitraum um 40 Milliarden Euro.
Also hat die Arzneimittelindustrie durchaus Grund zur Klage, während die Kostenträger eigentlich
entspannt sein sollten. Doch was passiert? Ausgerechnet die Krankenkassen jammern, wo es
nur geht: Die Industrie würde im neuen Gesetz nicht ausreichend in die Pflicht genommen, sie
hätte sich mit einem ihrer wichtigsten Anliegen, nämlich intransparenten Arzneimittelpreisen,
durchgesetzt.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich kann dieses Gejammer nicht mehr hören, ich bin es
absolut leid!
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Aber reden wir auch über den positiven Teil des Gesetzentwurfes: Die inhabergeführter
Apotheken haben über die Jahre einen tollen Job gemacht, dafür zolle ich Ihnen großes Lob.
Deshalb ist es nur folgerichtig, wenn der Gesetzgeber nun die Anhebung der Apothekerhonorare
plant.
Das begrüßt und unterstützt der BAH offen, ausdrücklich und ohne jede Einschränkung – im
Übrigen als einziger Verband im Pharma-Umfeld.
Schon in der Vergangenheit hat sich der BAH immer für die Stärkung der Apotheken und die
Erhaltung der Apothekenpflicht bei rezeptfreien Arzneimitteln ausgesprochen. Denn ohne die
qualitativ hochwertige fachliche Beratung durch Sie, durch die unabhängige, inhabergeführte
Apotheke, würden viele Patienten bei ihrer Versorgung mit Arzneimitteln auf verlorenem Posten
stehen.
Worüber ich mir allerdings Sorgen mache, ist der Umgang mit OTC-Arzneimitteln in den
Apotheken. Denn ich habe den Eindruck, dass viele Apotheker heilberuflich denken, aber
kaufmännisch handeln.
Damit meine ich zum Beispiel die immer öfter und immer intensiver durchgeführten Preisaktionen
und „Schüttenschlachten“ in den Offizinen der Apotheken, die mehr und mehr Drogerien ähneln.
Oft ist schon nicht mehr auf den ersten Blick erkennbar, wo die Freiwahl aufhört und die
Sichtwahl anfängt. Was wir gar nicht brauchen in der Apotheke, ist ein digitaler Bilderwald bis hin
zur Sichtwahl. Die optimale verkaufsfördernde Aufbereitung und Positionierung von Produkten
sollte nicht im Fokus Ihres Interesses stehen. Shopping-Erlebnisse sollte man den Kunden von
Supermärkten oder Kaufhäusern überlassen.
Was sollte dann im Fokus stehen? Natürlich der Patient und sein Anspruch auf eine qualitativ
hochwertige, fachlich kompetente Beratung und Orientierung. Darin liegt Ihre Kernkompetenz,
das ist Ihr Alleinstellungsmerkmal, mit diesem Pfund sollten Sie wuchern. Auch die Industrie hat
dies erkannt und bietet immer mehr und bessere Schulungen für Apothekenteams an, um Sie in
Ihrer Beratung mit dem Patienten zu stärken.
Am besten klappt das mit Arzneimitteln, deren Anwendung einer Erklärung bedarf. Jeder
Arzneimittel-Switch stärkt in diesem Sinne die Beratungskompetenz. Und nicht nur das: Switches
sind für alle ein Gewinn – für Patienten, Ärzte, Krankenkassen und vor allem für Apotheken.
Die Fokussierung auf ihre Beratungskompetenz sollte Apothekern eigentlich ganz leicht fallen.
Denn die Patienten fordern ihr fachliches Wissen geradezu immer wieder ein. Das Ansehen von
Apotheken in der Bevölkerung ist mit das höchste von allen Gesundheitsberufen.
Und das behaupte ich nicht nur. Nein, das belegt fast jede Umfrage des Deutschen
Gesundheitsmonitors des BAH konkret mit Zahlen. Zum Beispiel die Umfrage aus dem 2. Quartal
dieses Jahres:
Demnach nutzt fast jeder Vierte bei leichten Beschwerden die Apotheke als erste Anlaufstelle,
um sich beraten zu lassen beziehungsweise um ein Medikament zu kaufen.
Und grundsätzlich kommt für etwa zwei Drittel der Deutschen die Apotheke vor Ort als alternative
Anlaufstelle zum Arzt in Frage.
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Und noch etwas: 88 Prozent wollen wissen, wie ein Arzneimittel im Detail oder wenigstens in
Grundzügen im Körper wirkt. Das ist für Sie DIE Chance, mit Patienten gezielt ins
Beratungsgespräch zu kommen.
Also sollten Sie als Apotheker nicht heilberuflich denken und kaufmännisch handeln, sondern es
genau umgekehrt machen: Denken Sie kaufmännisch und handeln Sie heilberuflich! Der Patient
wird es Ihnen danken!
Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, lassen Sie uns das gemeinsam gestalten und
umsetzen!
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