2 SWR2 Tandem - Manuskriptdienst Zwei Vaterländer, ein Schlachtfeld Eine elsässische Familie im Ersten Weltkrieg Autorin: Pascale Hugues Redaktion: Nadja Odeh Sendung: Freitag, 19.08.16 um 10.05 Uhr in SWR2 Wiederholung aus dem Jahr 2014 __________________________________________________________________ Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Mitschnitte der Sendungen SWR2 Tandem auf CD können wir Ihnen zum größten Teil anbieten. Bitte wenden Sie sich an den SWR Mitschnittdienst. Die CDs kosten derzeit 12,50 Euro pro Stück. Bestellmöglichkeiten: 07221/929-26030. 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Lange Zeit hat der Erste Weltkrieg, den wir „la Grande Guerre/ den Großen Krieg“ nennen, die immer gleichen Szenen in mir hervorgerufen: Da sind französische Offiziere hoch zu Ross; in neuen Uniformen, den Säbel an der Seite, die Brust mit Orden gespickt, defilieren sie durch Frankreichs Straßen. Da ist der Poilu, der französische Frontsoldat, mit seiner schlammbesudelten Capote, dem weiten Militärmantel. Gekrümmt kauert er im Schützengraben. Auf eine altmodische Postkarte hat er Liebesschwüre an seine Verlobte geschrieben. Da ist die lange Prozession von Taxis an die Marne, die tausende Soldaten an die Front bringen, das Schlachtfeld von Verdun, die Verstümmelten, die Entstellten, da ist der Seehundschnauzbart des Premierministers Georges Clemenceau, genannt der „Tiger“ und „Vater des Sieges“. Da ist der Spiegelsaal von Versailles, wo das besiegte Deutschland gedemütigt und zu drückenden Reparationszahlungen gezwungen wird. Elsass-Lothringen wird ihm herausgeschnitten. Und da ist der Boche, der blutrünstige und kriegslüsterne Deutsche mit seiner Pickelhaube. Der verhasste Erbfeind. Wir Franzosen standen historisch immer auf der richtigen Seite. Die Deutschen waren Monster. Dieses Schwarz-Weiß-Bild vermittelten unsere Geschichtslehrer uns nach besten Kräften. Nach der Schule flirteten wir und erschufen die Welt neu, in den Cafés rund um die Avenue de la Liberté, Rue du Maréchal Joffre, Avenue Foch, Boulevard Messimy: In meiner Heimatstadt Straßburg trugen die Straßen die Namen der schnauzbärtigen Marschälle, die Frankreich gerettet und das Elsass 1918 vom „deutschen Joch“ befreit hatten. Ich bin Französin, aber ich bin auch Elsässerin. Erst Jahre später entdeckte ich die Risse in dem glatten Mauerwerk, das man uns in der Schule gezeigt hatte. „Unsere Vorfahren, die Gallier“, lernten die Schüler in den französischen Kolonien in Afrika. „Unsere Großväter, die Poilus“, lernten die kleinen Elsässer. Beide Sätze hatten mit der Realität nicht viel zu tun. 2 Denn die Geschichte des Elsass hat sich genauso wenig wie die afrikanische Geschichte an der Geschichte Frankreichs ausgerichtet, nein, wirklich nicht. Mehrfach hat sie sogar eine ganz andere Richtung eingeschlagen, besonders zwischen 1914 und 1918. Während des Ersten Weltkriegs ist das Elsass deutsch. Seine Hauptstadt heißt Berlin. Sein Herrscher heißt Kaiser Wilhelm II. Amtssprache ist deutsch. Das Reichsland wird als Bundesstaat im Berliner Bundesrat vertreten. Sein Amtssitz befindet sich an der Place de la République in einem sehr schönen Gebäude, das heute das TNS, das Théâtre National von Straßburg, beherbergt. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts verdankt das Elsass Deutschland viel: seinen Wohlstand, seinen sozialen Fortschritt, die würdige Pracht seiner großen Städte. Es stimmt nicht, was die offizielle französische Propaganda uns glauben machen will, dass nämlich die Elsässer all die Jahre von Frankreich träumen. Im Gegenteil: 1914 haben die meisten Elsässer sich längst mit dem Anschluss an das Deutsche Reich von 1870 arrangiert. Die große Mehrzahl empfindet sich als Deutsche. Die zentralistische und schrecklich vereinfachenden Interpretation der französischen Geschichte, wie sie das Bildungsministerium, die Education Nationale verbreitet, erwähnt das jedoch mit keiner Silbe. Es fehlt offenbar an Zeit und Lust, die regionalen Besonderheiten genauer zu betrachten. Das gilt besonders für das Elsass, die zwischen Deutschland und Frankreich zerrissene Grenzregion mit ihrem einzigartigen Schicksal. Mein elsässischer Großvater Joseph wurde 1896 als Deutscher in Colmar geboren, gegenüber von Breisach und nicht weit von Freiburg. 1918 wurde er Franzose. Dann alles von vorn: Er wird gewaltsam zum Deutschen gemacht, als die Wehrmacht 1940 den Rhein überschreitet. Eine neue Kehrtwende folgt 1945, als er wieder zum Franzosen wird. Mein Großvater Joseph hat seine Nationalität vier Mal gewechselt. Es hätte doch genügt, wenn ein kluger Geschichtslehrer uns aufgefordert hätte, diese Großväter zu befragen. Mit einem Notizbuch oder einem Tonbandgerät hätten wir die Klassenzimmer verlassen, um unsere Familiengeschichte zu erkunden. Ich wäre zu meinem Großvater Joseph gegangen. 3 Von diesem Großvater bleibt mir nur eine statische Erinnerung. Ein schöner alter Herr, distanziert und wenig redegewandt, der mich einschüchterte. Ich war ihm nie sehr nahe. Er ließ keine Nähe zu. Ich erinnere mich an seinen elsässischen Akzent und die Französischfehler, die seine Sätze sprenkelten. Ich erinnere mich, wie er bei Familienessen am Kopfende saß. Beim Digestif, wenn wir Kinder aufstehen und spielen gehen durften, erzählte er vom Krieg 14-18. Er wurde plötzlich lebhaft, gestikulierte mit seinen großen Händen und reihte eine groteske Anekdote an die andere. Immer dieselben. Wie er damals in Ostpreußen das erste und letzte Mal in seinem Leben auf ein Pferd stieg. Er spielte eine lustige Pantomime: wie er, Joseph, auf dem Rücken des Tieres kaum das Gleichgewicht halten konnte und mit den Armen hin und her ruderte, um bloß nicht runter zu fallen. Oder wie er für seinen Trupp eine Suppe Kochen sollte und nicht wusste wovon. In seiner Erzählung warf er alle erdenklichen, noch so unappetitlischen Zutaten in einen riesigen imaginären Topf und rührte und rührte. Ich kann mich an den Schrecken in seinem Gesicht erinnern, wenn er an die Stelle kam, als er die Suppe probierte. Wir Kinder zuckten zusammen und schrien « Encore, Grand-Papa ! Raconte encore !» „Weiter! Erzähl noch mehr Grand-Papa, s’il te plaît!“ Wir liebten diese Geschichten. Wir liebten den Grand-Papa Krieg. Grand-Papa gab den Clown. Nie hätten wir geahnt, welche traumatischen Erlebnisse sich hinter dieser grandiosen Show verbargen. Die ganze Familie bog sich vor Lachen. Für ihn schien der Krieg sich auf eine Folge von Abenteuern zu reduzieren, auf Eskapaden, über die man sich kaputtlachte. Der Krieg? Urkomische Erlebnisse, einzig dazu da, die Tischgesellschaft zu erheitern. Erst viel später entdeckte ich einen anderen Großvater. Dieser Großvater unterschied sich sehr von dem scheuen Mann, der seine Gefühle so wenig zeigte und dem die wortstarken Frauen der Familie nicht viel Raum ließen… Diesen anderen Großvater habe ich lange nach seinem Tod kennengelernt, als ich seine Feldpostbriefe las. Gott sei Dank hatte er sie in einem Schuhkarton aufbewahrt; vielleicht in der Hoffnung, dass ein selbsternannter Familienarchivar sich einmal dafür interessieren würde. Und das war ich. Als ich 1989 als Korrespondentin der französischen Tagesszeitung „Libération“ nach Berlin kam, wurden mir erstmals meine elsässische Wurzeln bewusst, und ich fing an, meine Familie zu befragen. Meine Großmutter gab mir die Briefe ihres Mannes. Es sind etwa 20, sie sind auf graublaues und völlig zerknittertes Papier geschrieben. Überlebende. 4 Kostbare Zeugen. Beim Lesen wurde mir zu meinem Erstaunen klar, dass mein Großvater zu Beginn des vorigen Jahrhunderts kein Französisch sprach. Alle seine Briefe sind auf Deutsch. Plötzlich verstand ich seinen Akzent, seine langsame Sprechweise, seine Fehler im Französischen. Vor allem sah ich einen sehr jungen Mann, völlig verstört durch das Geschehen und beherrscht von einem einzigen Wunsch: nach Hause kommen und in Frieden leben. Joseph ist 20 Jahre alt, als er im Jahr 1916 einberufen wird. Er ist Untertan von Kaiser Wilhelm dem Zweiten. 1871 wurde der Friede von Frankfurt geschlossen und von der internationalen Gemeinschaft anerkannt, er sprach große Teile von Elsass und Lothringen dem Deutschen Reich zu. Von 1871 bis 1918 ist das Elsass ein Reichsland und die Elsässer deutsche Staatsbürger. Im Krieg 1914-18 werden sie somit ganz regulär in die Armee des Kaisers eingezogen. Ihre Armee. Mein Großvater Joseph war also nie französischer Frontsoldat, er war nie ein Poilu. Zunächst wird er dem 2. Litauischen Feld-Regiment Nr. 37 zugeteilt. Er ist in Insterburg in Ostpreußen stationiert, in einem Instruktionslager für junge Rekruten. Die „politisch verdächtigen“ Elsass-Lothringer werden an die Ostfront geschickt. So weit entfernt von Frankreich wie nur irgend möglich. Sie gelten als unzuverlässig. Womöglich wollen sie desertieren oder für Frankreich spionieren. Monatelang durchlebt Joseph in Ostpreußen militärischen Drill und Langeweile. Zum ersten Mal ist er weit weg von seiner Mutter, seiner Schwester, seiner Heimatstadt. Weit weg von seinem blühenden Elsass. Am 3. März 1918 verschlechtert sich die Situation für Joseph. Das Deutsche Reich und das bolschewistische Russland unterzeichnen den Friedensvertrag von BrestLitowsk. Die Elsässer werden nun an die Westfront verlegt. Im Frühjahr nimmt Joseph an den letzten großen Offensiven der kaiserlichen Armee an der Westfront teil. Er ist zermürbt. Erschöpft. Verängstigt. Am 26. März 1918 kehrt er nach einigen Ruhetagen in das Kampfgeschehen zurück und schreibt an seine Mutter: „Nun sind die schönsten Tage wieder rum, und morgen geht es wieder zur Arbeit gegen die Engländer. Ich glaube nun voller Zuversicht, dass der Frieden kommt. Die letzten Schlachten werden geschlagen. Vielleicht ist in 2 Monaten Frieden. 5 Mir ist alles gleich, wenn nur Frieden ist, denn das Leben ist auf die Dauer nicht auszuhalten. Nun schließe ich mein Schreiben in der Hoffnung auf ein frohes Wiedersehen.“ „Bin immer noch gesund!“, so eröffnet er jeden Brief wie mit einem Mantra. Hinter dem euphorischen Ausruf erahnt man das Entsetzen, das er durchlebt, und die Angst, die ihm den Bauch drückt. Jeden Nachmittag wartet er auf die Post: „Es macht mir eine kolossale Freude, wenn man abends um 6 bei der Briefausgabe Nachrichten von zu Hause erhält. Schreibe mir recht oft, bittet er seine Mutter-; es ist wenigstens ein Trost.“ Am 30. Mai 1918 ist Joseph an der belgischen Front, in Steenwerk in Flandern, zwischen Lille und Saint Omer. "Meine Lieben! Es ist hier bald nicht mehr zum aushalten. Wie weit seid Ihr mit dem Urlaub? Schreib bald Bescheid, denn ich sehne mich sehr nach euch. Ich hoffe, dass es hier wieder besser wird, da wir noch beim Chemin des Dames 25 000 Gefangene gemacht haben. Es ist mir alles gleich, wenn es nur zum Schluss kommt, man hat gerade genug, wenn man dieses Unglück hier sieht. Und du meine liebe Mutter sei unbesorgt, der Krieg kann nicht mehr lange dauern, dann komm ich wieder zurück und dann wollen wir noch gute Tage verleben. Sendet mir Geld und Pakete und vor allem schreibt mir, denn ich brauche viel Mut.“ Nie mehr wird mein Großvater sich zu solchen Gefühlsausbrüchen hinreißen lassen. Nie mehr wird er sich so nackt zeigen wie in diesen letzten Briefen von der Front. Nur noch eins will er: dass dieser Krieg endlich aufhört! Am Leben bleiben! Nicht verwundet werden und nicht verstümmelt! In diesen bescheidenen Briefen findet sich keine Spur von patriotischem Enthusiasmus. Ob Frankreich oder Deutschland den Krieg gewinnt? Wen interessiert das schon! Mein Großvater war kein glühender Patriot. Und das gefällt mir. Der letzte Brief des Kanoniers Joseph an seine Mutter datiert vom 19. August 1918. Joseph ist in Château-Salins. Er ist entmutigt, erschöpft. Ein einziger Gedanke beherrscht ihn: Dieses Gemetzel soll aufhören! 6 „Wie glücklich wäre ich nach all diesen Abenteuern in Russland und Nord Frankreich, dich liebe Mutter wiederzusehen und meine lieben Geschwister! Jeden Tag bei klarem Wetter sehe ich die schönen Vogesen. Da denk ich mit Sehnsucht an mein liebes Mütterchen. Ihr werdet es wohl ein wenig lächerlich finden, dass ein Junge von 22 Jahren so schreibt. Wenn man aber dieses Leben hier draußen mitgemacht hat und das Unglück gesehen hat, dann ist es leicht zu begreifen. Betet für mich, so Gott will werden wir in einer glücklichen Zeit wieder froh zusammenleben.“ Als am 11. November 1918 der Waffenstillstand von Compiègne geschlossen wird, kehrt Joseph nach Hause zurück. Er ist ein besiegter Soldat. Er rollt seine feldgraue Uniform zusammen und wirft sie ganz hinten in den Kleiderschrank. Die Medaille mit dem Bild von Kaiser Wilhelm dem Zweiten kommt in einen Schuhkarton zu seinen Manschettenknöpfen und seinem Erstkommunionskreuz. Und ohne Zögern steigt er wieder in den Familienbetrieb ein. Seine Mutter ist verwitwet. Sein älterer Bruder Louis ist am dritten Kriegstag gefallen. Er hat sechs Schwestern. In Colmar wartet man seit vier Jahren darauf, dass der große Junge, der einzig verbliebene Sohn, unversehrt von der Front zurückkehrt, um diesen ganzen Schwarm Frauen zu ernähren. Und nun nimmt die Geschichte meiner Familie eine seltsame Wendung. Man könnte sie fast schizophren nennen, wie in so vielen elsässischen Familien, die zwischen Frankreich und Deutschland zerrissen sind. Denn mein anderer Großvater, Gaston, hat in französischer Uniform gekämpft. Gaston ist ein richtiger Franzose. Ein „Innerfranzose“, „un Français de l’intérieur“, wie man im Elsass sagt. Er stammt aus Ventavon, einem kleinen provençalischen Gebirgsdorf in den Alpes de Haute Provence. Er ist Berufsoffizier, überzeugter Soldat, Patriot durch und durch, so sagen es die militärischen Beurteilungen, zu denen ich Zugang hatte. 1918 nimmt er an der Siegesparade in Colmar teil; sie führt über den Vogesenwall, der noch nicht Avenue de la Liberté heißt. Dort sieht meine Großmutter ihn und verliebt sich in ihn. Es wäre gut möglich und gar nicht so unwahrscheinlich gewesen, dass Joseph und Gaston auf demselben Schlachtfeld gegeneinander gekämpft hätten. 7 Ein Großvater für das Reich, der andere für die Dritte Republik. Nach meinen Recherchen standen sie sich glücklicherweise nie von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Joseph stand in Flandern, am Chemin des Dames. Gaston in Verdun, am Fort Douaumont. Auf der Place de la République - ehemaliger Kaiserplatz, ehemaliger Adolf Hitler Platz - mitten in Straßburg steht ein Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Eine elsässische Mutter wiegt ihre zwei nackten toten Söhne in den Armen: Der eine Sohn ist Deutscher. Der andere ist Franzose. Ein Denkmal, das die ganze Zerrissenheit der elsässischen Geschichte und meiner Familie darstellt. Ich habe mich oft gefragt, wie es war, wenn meine Großmütter, beide jung verheiratet, sich besuchten – wie verhielten sich ihre Ehemänner? Was hatten sie sich zu sagen, Gaston, der Provençale, der seine französische Patrie verteidigt hatte, und Joseph, der Elsässer, der für sein deutsches Vaterland gekämpft hatte. Sprachen die beiden Männer über den Krieg? Oder zogen sie es vor zu schweigen, um einen Eklat zu vermeiden? Gaston, wie er an seiner Pfeife zog. Joseph, wie er eine Gauloise rauchte. In vielen Familien kämpften zwei Cousins gegeneinander, zwei Brüder, zwei Nachbarn. Ein Bruder hatte sich 1871 für Frankreich entschieden und lebte in Paris. Der andere wollte in seiner Region bleiben und war Untertan des Kaisers geworden. Diese herzzereißenden Familienkonstellationen symbolisiert die elsässische Pietà zwischen den Blumenbeeten auf der Place de la République. Das Schicksal der elsässischen Weltkriegssoldaten illustriert der sogenannte „elsässische Sonderweg“, „l’exception alsacienne“. Dieser Sonderweg, über den unsere Geschichtslehrer schwiegen. Während mein Großvater Gaston hoch erhobenen Hauptes als bejubelter Sieger ins Elsass einzog, machten mein Großvater Joseph und seine Kameraden aus dem Schützengraben sich ganz klein. Was soll nach dem Krieg denn nun mit den wieder zu Franzosen gewordenen Elsässern geschehen, die in der falschen Uniform gekämpft haben? Die Franzosen denken nicht daran, sie zu verbannen oder sie auszustoßen… 8 Die Republik will sie lieber integrieren. Sie werden als Kriegsveteranen anerkannt. Sie haben die gleichen Rechte wie die französischen Veteranen. Sie beziehen eine Kriegsrente. Am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, am 11. November, wenn der Waffenstillstand nach dem Ersten Weltkrieg gefeiert wird, defilieren sie mit ihren Fahnen, der Trikolore!, durch die elsässischen Dörfer. Als wenn nichts gewesen wäre. Das ist das Elsass! Alle französischen Kriegerdenkmäler tragen die Inschrift: „Morts pour la Patrie ! Gefallen für das Vaterland!“ oder „Morts pour la France ! Gefallen für Frankreich!“ Und auch da hat man im Elsass einen Trick gefunden, um sich mit der Geschichte zu arrangieren. Auf den elsässischen Denkmälern steht: „A nos Morts ! Für unsere Toten!“, „A nos enfants ! Für unsere Kinder!“ Das Vaterland, für das sie an der Front gestorben sind, wird nicht erwähnt. Es war nicht das Richtige. Gestorben für wen? Gestorben für was? Gestorben für den Feind? Gestorben für den Boche? Den Fridolin? Den Sprounz? Den Fritz? So wurden die Deutschen in meiner Kindheit in Frankreich genannt… die Sprache tut sich schwer mit der Versöhnung. In den Zeiten der europäischen Einigung und des Postnationalismus hat man in vielen elsässischen Familien kein Recht auf diesen läppischen und etwas lächerlichen Trost. Die Elsässer können sich nicht sagen, dass ihr Sohn, ihr Mann, ihr Bruder für eine gute Sache, auf dem Feld der Ehre, gefallen ist. Aber Frankreichs Großzügigkeit hat ihre Grenzen. Als Jacques Chirac am 11. November 1995 die höchstens 3000 noch lebenden Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg en bloc in die Ehrenlegion aufnimmt, schließt er die Elsässer aus. Die 145 Veteranen aus Elsass-Lothringen haben kein Recht auf diese letzte Anerkennung durch die Republik. Sie werden von der Liste des Präsidenten gestrichen. Große Empörung im Elsass. Der Abgeordnete und Bürgermeister von Colmar protestiert: „Wenn es in der Tat schwierig scheint, diese Auszeichnung aus militärischen Gründen zu verleihen, so hätte man es doch wenigstens in einem wiedergefundenen brüderlichen Geist zwischen Menschen tun können, die am selben Konflikt beteiligt waren. Es hätte ein zusätzliches Zeichen der Solidarität sein können, die fortan die Völker Europas verbindet, in einem entschiedenen Willen, dass es nie mehr zu einem solchen Grauen kommt.“ 9 Die Antwort von Präsident Chirac: „Als unvermeidliche Konsequenz eines Friedens, der Frankreich durch seine Niederlage im Jahr 1870 aufgedrängt worden war, kann den Betroffenen die Beteiligung am Krieg von 1914-1918 in der kaiserlichen Uniform nicht zum Vorwurf gemacht werden. Ihnen kann aber auch nicht die Dankbarkeit der Nation gelten. » Ein knallhartes „Die nicht!“ Nur eins tut mir heute leid: Dass ich als Schülerin nicht meinen Großvater Joseph ausgefragt habe. Erst viel später wurde mir klar, dass der Anekdotenkranz, den er bei den Familienessen über den Tisch hängte, und die Lachsalven, zu denen er sein Publikum mit seinen Erzählungen aus dem Krieg so gern hinriss, nur eine Schau waren. So konnte er die Fassung bewahren, um mit einer undurchdringlichen Schicht von Lustigkeit das Entsetzen zu ersticken, das er als junger Mann empfunden hatte. Damals hatten die Männer das Sprechen noch nicht gelernt. Ein Mann war stark, unbesiegbar, er schwieg über seine Gefühle. Er hatte keine Angst. Er war nicht schwach. Mein Großvater war ein Fels. Aber wie gern ich ihm die Würmer aus der Nase ziehen würde! Wie gern ich hören würde, wie sein Krieg wirklich war. Und wie gern ich mir erzählen lassen würde, wie es ihm in seinem weiteren Leben damit erging, dass er in der Armee dieser Deutschen gekämpft hatte, die in der Zwischenkriegszeit von den Franzosen so verabscheut wurden. Was er dachte, als Hitlers Panzer 1940 den Rhein überquerten und Elsass-Lothringen erneut einnahmen. Mein Großvater wurde im August 1942 nicht in die Wehrmacht eingezogen. Er war zu alt. Er wurde zum Glück nicht das, was wir im Elsass einen „Malgré Nous“ nennen, einen Zwangsrekrutierten. Ein weiteres Drama, das wahre Drama der Elsässer. Ich erinnere mich an die kleine Gipsbüste von General de Gaulle, die im Salon meiner Großeltern auf dem Bücherregal thronte. Jedes Jahr bekam Joseph zu Weihnachten von seinen Töchtern einen Band der Memoiren des Generals geschenkt. De Gaulle war sein Held. Auf diese Art bewies er seine Loyalität gegenüber Frankreich. Zumindest sein Denken war immer auf der richtigen Seite der Geschichte, bei den Franzosen. 10 In einer Schublade in Berlin bewahre ich die kleine Eisenmedaille auf, eine Erinnerung, keine militärische Auszeichnung, wie das Militärhistorische Forschungsamt der Bundeswehr mich informiert hat: „Eine nichtoffizielle patriotische Erinnerungsmedaille, heißt es in dem Schreiben. Derartige Dekorationen wurden zu dieser Zeit in großer Vielfalt in Umlauf gebracht und waren an keinerlei Verleihungsbedingungen gebunden.“ Diese Medaille ohne Bedeutung bezeugt die merkwürdigen Windungen der elsässischen Geschichte. Wenn ich sie hin und wieder voller Zärtlichkeit anschaue, sage ich mir, dass die Geschichte ihre Schattenzonen hat, ihre unentwirrbaren Schicksale. Und häufig ist sie nur schwer zu erzählen. Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke Buchtipp: Pascale Hugues Marthe und Mathilde rororo Verlag Taschenbuch 288 Seiten für 9,99 Euro ISBN-13: 978-3499624155 11
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