Fromm, unauffällig - und gefährlich?

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Fromm, unauffällig - und gefährlich?
03.08.2016
Moscheen in Deutschland
Fromm, unauffällig - und
gefährlich?
Rund vier Millionen Menschen bekennen sich in Deutschland
zum Islam. Diese Zahl ist bekannt. Nicht bekannt ist hingegen,
wie viele Moscheen es hierzulande überhaupt gibt. Und auch
die Frage, wie sich Moscheegemeinden in Deutschland
finanzieren, ist nicht einfach zu klären. Klar ist nur: Rund 90
Moscheen werden vom Verfassungsschutz beobachtet.
Von Ulrich Pick
Wie viele der mittlerweile rund fünf Millionen Muslime in Deutschland regelmäßig die 2.600 Moscheen
besuchen, ist unbekannt. (dpa / picture alliance / Daniel Naupold)
Die Mainzer Al-Nur-Moschee. Im ersten Stock haben sich 28 Männer zum
Abendgebet versammelt. Die meisten von ihnen stammen aus Syrien und
kommen nicht nur zum Beten in das islamische Gotteshaus. Denn sie
besuchen hier auch einen Deutschkurs. Für Samy el Hagrasy, den Leiter des
Moscheevereins, ist das selbstverständlich. Eine Moschee, sagt er, sei
schließlich für alle Bereiche des Lebens zuständig:
"Wenn sie bei uns sind und ein Familienproblem haben. Dann wollen Sie
auch mit jemandem sprechen, der ihre Kultur kennt und ihnen weiterhelfen
kann."
Die Al-Nur-Moschee ist eines von elf islamischen Gotteshäusern in der
rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt. Sie sieht aus wie ein
mehrstöckiges Wohnhaus und ist damit unauffällig. So wie die meisten
Moscheen hierzulande. Dies dürfte wohl auch der wichtigste Grund sein,
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weshalb niemand genau weiß, wie viele Moscheen es überhaupt in
Deutschland gibt. Im Grunde, sagt die Göttinger Islamwissenschaftlerin
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sozusagen repräsentative Moscheen, die vielleicht dann auch mal eine
Aussagen vernebeln den Blick
wie viele Ortsgemeinden, die bestehenden großen islamischen
Zusammenschlüsse und Dachverbände haben. So kommt man auf geschätzte
Kuppel oder ein Minarett haben. Die meisten Moscheegemeinden sind
Räumlichkeiten, die umfunktioniert wurden."
Güner Yasemin Balci
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Wie viele der mittlerweile rund fünf Millionen Muslime in Deutschland
regelmäßig die 2.600 Moscheen besuchen, ist unbekannt. Eine ungefähre
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Angabe bekomme man jedoch, sagt Riem Spielhaus, wenn man sich die
Mitgliederlisten der organisierten Moscheevereine anschaue. Denn die
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"Es gibt eine Befragung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, das
'. In dieser Studie sind es um die 15 bis 20 Prozent der geschätzten Anzahl
der Muslime in Deutschland, die sich einem Verband verbunden fühlen oder
durch ihn vertreten fühlen."
Ob der angegebene Prozentsatz wirklich den Anteil derjenigen Muslime
wiedergibt, die regelmäßig die Moscheen besuchen, ist jedoch umstritten.
Anders nämlich als bei den christlichen Kirchen, könne von der
Mitgliedschaft in einem islamischen Verband nicht unmittelbar auf den
Moscheebesuch geschlossen werden, erklärt Hamideh Mohaghighi,
islamische Theologin an der Universität Paderborn:
"Es gibt Mitglieder, es gibt aber auch viele Muslime, die nicht Mitglieder sind
und trotzdem in diese Moscheen reingehen. Deswegen ist es dann wirklich
mit den Zahlen zu zeigen, ist es schwierig."
Islam - Wunsch oder Wirklichkeit?
Wer repräsentiert die Muslime in Deutschland?
Die Frage, wie viele Muslime wirklich regelmäßig in die deutschen Moscheen
gehen, muss also offenbleiben. Und auch die Frage nach der Rolle der
islamischen Verbände, die in der Regel das Gemeindeleben organisieren, ist
nicht einfach zu beantworten. Zwar geben sie sich selbst immer wieder als
die offiziellen Repräsentanten aller Muslime in Deutschland aus. Dieser
Anspruch aber, sagt Susanne Schröter, die Direktorin des Frankfurter
Forschungszentrums "Globaler Islam", sei unangemessen:
"Die Verbände versuchen einen glauben zu machen, dass sie diejenigen sind,
die die Muslime in Deutschland repräsentieren. Versuchen sich als
Sprachrohr der Muslime der Politik auch anzubieten. Zum Teil mit gutem
Erfolg, muss ich sagen. Aber, die Sache ist eben die, dass sie nur einen
kleinen Teil aller in Deutschland lebenden Muslime tatsächlich vertreten
können, weil die Mehrheit der Muslime gar nicht organisiert ist. Sie sind gar
nicht Teil eines Verbandes oder auch nicht einer Moscheegemeinde."
Es gibt an die 150 repräsentative Moscheen in Deutschland. Hier die DITIB Markez CamiiMoschee in Duisburg (Nordrhein-Westfalen) im Stadtteil Marxloh. (dpa / picture alliance /
Horst Ossinger)
Diese Einschätzung teilt auch die islamische Theologin Hamideh
Mohaghighi. Die Muslime in Deutschland würden durch die islamischen
Verbände nur bedingt repräsentiert.
"Es ist einfach so, dass die Mehrheit der Muslime sich jetzt nicht vertreten
fühlt. Weil sie auch nicht direkten Kontakt mit den Verbänden hat."
Frage nach der Finanzierung der Moscheen
Gleichwohl spielen die Verbände eine Schlüsselrolle im deutschen Islam.
Denn über sie läuft auch die Finanzierung der Moscheen. Wie diese konkret
vonstattengeht, ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Denn
Fragen nach ihrem Vermögen und dessen Herkunft, weiß Susanne Schröter,
sind unter führenden Muslimen hierzulande ein Tabu:
"Verbände und Moscheegemeinden, die tun natürlich einen Teufel, das
offenzulegen. Sie können jetzt nicht in eine Moscheegemeinschaft gehen
oder in einen Verband und sagen: 'Jetzt erzählen Sie mir doch mal bitte, von
wem Ihre Finanzen kommen'. Die Antwort wird immer sein: 'Spenden!'
Spenden aus den Reihen der eigenen Mitglieder. Und das ist ein Feld, über
das nicht gerne geredet wird."
Da die meisten Muslime hierzulande eher als finanzschwach gelten, wird
deshalb vermutet, dass ein Großteil des Geldes, mit dem die deutschen
Moscheen unterhalten werden, aus dem Ausland kommt. Dies trifft vor
allem für den größten islamischen Dachverband in Deutschland zu, die
DITIB. Sie ist der deutsche Arm des türkischen Religionsministeriums. Die
Imame ihrer knapp 1.000 Moscheen sind türkische Staatsbeamte, die von
Ankara entsandt und bezahlt werden. Sie vertreten einen staatsoffiziellen
türkischen Islam und kommen in der Regel für fünf Jahre nach Deutschland.
Für Moscheen, die unter dem Dach der DITIB organisiert sind, ist der
Entsendedienst des türkischen Religionsministeriums ein großer Vorteil.
Denn ohne ihn, sagt Bekir Alboga, der Integrationsbeauftragte der DITIB,
hätten sie erhebliche Finanzprobleme:
"Die größte finanzielle Hilfe für uns ist natürlich, dass die Imame, die aus
der Türkei hierher entsandt werden, uns nichts kosten. Das ist eine enorme
Erleichterung. Stellen Sie sich mal vor, Sie würden einen Imam so brutto
5.000, 6.000 monatlich honorieren. 1.000 Imame, das ist eine enorme
Summe, viele unserer Moscheegemeinden wären finanziell an ihren
Grenzen."
DITIB-Imane sind türkische Staatsbeamte
Ob es außer der DITIB noch andere islamische Verbände und Moscheevereine
gibt, die regelmäßig Geld aus dem Ausland bekommen, ist schwer zu sagen.
Denn bislang gibt es hierüber nur wenige Informationen - zumal dieses
Thema bislang in der deutschen Öffentlichkeit kaum diskutiert wurde.
Folglich könne sie, sagt Hamideh Mohaghighi, nur ungefähre Angaben
machen:
"Ditib-Imame kommen ja aus der Türkei, sie werden von dort bezahlt. Das
ist einmal das. Dann gibt es einzelne Moscheen, die dann durchaus von
Saudi-Arabien scheinbar finanziert werden. Weil, das sind ja kleine
muslimische Gruppierungen, die dann auf einmal eine Moschee haben, wenn
sie auch Anhänger dieser Ideologie sind. Dass sie dann durchaus finanziert
werden. Einzelne iranische Moscheen, die hier sind, die bekommen natürlich
auch ihre Gehälter, ihr Geld aus dem Iran."
Muslime beten im Gebetsraum der DiTiB-Moschee in Stuttgart (picture-alliance / dpa / Daniel
Naupold)
Auch wenn etliche Details der externen Finanzhilfen für deutsche Moscheen
noch unbekannt sind – ein wichtiger Aspekt dieses Themas gibt bereits jetzt
Anlass zur Sorge: Das Geld dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach
Abhängigkeiten vom Ausland schaffen und damit eine gute Integration von
Muslimen in Deutschland untergraben. Denn zusammen mit den Spenden
fließt auch eine bestimmte politische Ideologie in die hiesigen Moscheen. So
ist bekannt, dass salafistische Gruppen oft aus Saudi-Arabien unterstützt
werden. Das Königreich gilt auch als die geistige Heimat der Terrorgruppe
Islamischer Staat. Entsprechend betont Riem Spielhaus:
"Wenn regelmäßig Geld fließt und die Moscheearbeit abhängig ist von
diesem Geld aus dem Ausland, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass
da auch Anforderungen mit verbunden werden."
Finanzierung aus dem Ausland unterbinden - und dann?
Dass diese Sorge nicht unbegründet ist, zeigt sich bei der DITIB: Das
türkische Religionsministerium als Geldgeber kann bis in die
Personalstruktur hiesiger Moscheegemeinden hinein mitbestimmen und
Vorgaben machen. So ist es wiederholt geschehen, dass dort Türkeikritische Personen ohne Angaben von Gründen von ihren Aufgaben
entbunden wurden: Kein Wunder, dass der Ruf, den ausländischen Geldfluss
für deutsche Moscheen zu stoppen, immer lauter wird. Allerdings: Das
Verbot alleine dürfte nur wenig helfen. Um das Problem wirklich nachhaltig
zu lösen, bedarf es nämlich gleichzeitig einer Antwort darauf, wie sich die
betroffenen Moscheen stattdessen finanzieren könnten, sagt Susanne
Schröter:
"Sicherlich wäre eine Möglichkeit, dass ähnlich wie bei den Kirchen unser
Staat eben auch da Steuern erhebt. Man müsste Moscheen wahrscheinlich
auch bezuschussen, weil die Mitglieder oft deutlich ärmer sind als die
Mitglieder in Kirchen. Also, man müsste sich sicherlich Gedanken machen,
wie diese Moscheen finanziert werden."
Auch für Hamideh Mohaghighi ist ein Verbot der Auslandsfinanzierung
deutscher Moscheen alleine zu wenig. Zwar sei dieses Thema ausgesprochen
wichtig und müsse angegangen werden, aber:
"Das ändert sich nur, wenn die Moscheegemeinden finanzielle Mittel dazu
haben, sich selbst hier zu organisieren. Daher muss man vielleicht erst daran
arbeiten, als zu sagen: "Das verbieten wir alles." Das wird nicht
funktionieren, sondern arbeiten daran: Wir erkennen die Muslime als
Religionsgemeinschaft an. Machen wir sie zur Körperschaft des Öffentlichen
Rechtes. Und dann haben sie auch die Möglichkeit, hier Gelder zu haben und
sich selbst hier zu finanzieren."
In der Aachener Bilal Moschee hat Aiman Mazyek seine religiösen Wurzeln. (Deutschlandradio
/ Nicolas Hansen)
Ob eine pauschale Anerkennung sämtlicher islamischer Verbände als
Körperschaft des Öffentlichen Rechtes machbar und gewollt ist, muss
letztlich politisch entschieden werden. Gleichwohl könnte der Gedanke einer
Eigenfinanzierung der Moscheen – auch mit Hilfe öffentlicher Mittel – grade
unter dem Aspekt der Integration ein erwägenswerter Ansatz sein. Aiman
Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, stimmt ihm jedenfalls
zu:
"Wer "a" sagt, muss auch "b" sagen. Wenn man sagt, okay wir wollen dieses
System so nicht mehr haben - und da gibt es durchaus Gründe dafür, das zu
sagen - dann müssen wir uns auch die Frage gefallen lassen: Wie
finanzieren wir die? Wie organisieren wir das hier in diesem Land? Und da ist
der Zentralrat gerne bereit mitzumachen."
CSU fordert Deutsch als Pflichtsprache in den Moscheen
In diesem Zusammenhang kam aus den Reihen der CSU die Forderung, in
deutschen Moscheen müsse auch auf Deutsch gepredigt werden. Denn
dadurch, so heißt es, könnten interne Entwicklungen besser kontrolliert und
ein möglicher Extremismus unterbunden werden. Hamideh Mohaghighi
schüttelt über diesen Appell nur den Kopf. Allein aus theologischen
Gründen, sagt sie, sei beispielsweise ein Verbot von Arabisch in der Moschee
nicht durchzusetzen:
"Das finde ich Unsinn. Erstens: Arabisch kann man gar nicht verbieten.
Ganze Gebete sind in Arabisch. Das ist die spirituelle Sprache aller Muslime.
Und auch in anderen Sprachen. Warum soll es nicht sein, dass ein Mensch
sich in zwei Sprachen zu Hause fühlt?"
Die Moscheen in Deutschland soll nach dem Willen von Bundesfamilienministerin Schwesig
(SPD) junge Muslime stärker vor dem Einfluss von Salafisten schützen. (picture
alliance/dpa/Wolfgang Kumm)
Hinzu kommt ein zweites Problem: Wer Deutsch als Pflichtsprache in
Moscheen türkisch- oder arabisch-stämmiger Muslime verordnet, muss sich
gleichzeitig fragen lassen, wie er es mit den Kirchen italienisch- oder
griechisch-stämmiger Christen und den Synagogen russisch-stämmiger
Juden halten will. Hier gilt der Grundsatz der Gleichbehandlung. Zudem
weist Riem Spielhaus daraufhin, dass eine Deutsch-Pflicht in islamischen
Gotteshäusern keineswegs Schutz vor Extremismus bietet:
"Ich glaube nicht, dass das wirklich hilfreich ist. Im salafistischen Feld,
finde ich, dass die problematischsten Predigten nicht unbedingt in
arabischer Sprache, sondern gerade auch auf deutscher Sprache laufen. Wir
haben da ja eine ganze Reihe von Konvertiten auch, die unterwegs sind und
kein Blatt vor den Mund nehmen, auch wenn sie Deutsch sprechen. Also,
deutsche Sprache hilft auch nicht unbedingt vor Extremismus."
Laut Verfassungsschutz werden derzeit bundesweit 90 Moscheen als
extremistisch eingestuft und observiert. Die meisten von ihnen sind nach
Angaben von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen arabischsprachige Moscheen.
Viele junge Muslime betrachten Deutschland als ihr Zuhause
Vor allem unter jungen Muslimen scheint sich Deutsch als Sprache
durchzusetzen. Denn im Gegensatz zu ihren Eltern betrachten sie
Deutschland immer öfter als ihr Zuhause und wünschen, dass sich diese
Sicht auch in hiesigen Moscheen widerspiegelt:
"Aus den Gemeinden höre ich immer mehr, dass es durchaus Kritik gibt von
der zweiten, dritten Generation. Die wünschten sich eigentlich, hier
aufgewachsene, hier sozialisierte und deutsch sprechende Imame, und sind
dadurch kritisch gegenüber dieser Entsendung aus der Türkei."
Diese Position vertritt auch Nushin Atmaca, die Vorsitzende des LiberalIslamischen Bundes. Sie verweist darauf, dass gerade Imame, die die
Lebensverhältnisse in Deutschland kennen und hier aufgewachsen sind, zur
besseren Integration von Muslimen beitragen könnten:
"Neben der Frage der Finanzen ist die Frage dessen, was inhaltlich in
Moscheen gepredigt und vermittelt wird, viel relevanter. Und es ist sehr viel
wichtiger, darauf zu schauen, welches Gedankengut oder welche Spielarten
des Islam dort vertreten werden. Ich denke, es ist wichtig, sich damit
auseinanderzusetzen, weil es letztlich ja auch darum geht – auch für uns
Muslime - wie sich unsere Religion weiterentwickelt und welche
Strömungen, über Deutungshoheit verfügen."
Bislang lag die Deutungshoheit des deutschen Islams in den Händen der
Verbände, die in der Regel ihre Imame aus dem Ausland holten. Seit 2010
gibt es Alternativen. Denn an mehreren deutschen Universitäten wird
seitdem der Studiengang "Islamische Theologie" angeboten, so dass sich
angehende Imame auch hierzulande und in deutscher Sprache ausbilden
lassen können. Für Susanne Schröter ist dies ein großer Vorteil, der genutzt
werden sollte:
"Man sollte schauen, dass die Imame in den Moscheen tatsächlich im Land
ausgebildet werden. Wir haben islamische Theologien an unseren
Hochschulen. Und die produzieren Absolventen, die durchaus in der Lage
wären, auch in den Moscheen Funktionen auszuüben. Dass muss man aber
wollen."
Mouhanad Khorchide hat für seine historisch-kritische Koranexegese viel Kritik geerntet - und
wurde bedroht. (Rolf Vennenbernd / picture alliance / dpa)
Die Vertreter der islamischen Verbände allerdings beobachteten diese
Entwicklung mit Argwohn, sagt Susanne Schröter. Und sie verweist auf den
Fall des islamischen Theologieprofessors Mouhanadaus Khorchide aus
Münster, der wegen seiner weltoffenen Haltung über lange Zeit von
Vertretern der Verbände bekämpft wurde.
"Das ist nicht gewollt, dass jemand tatsächlich ihnen die Deutungshoheit
über den Islam abspenstig macht. Dass hier andere Deutungen an den
Universitäten entstehen, liberale Deutungen. Und solche liberalen
Deutungen, die auch noch wissenschaftlich fundiert sind. Das ist ja eine
Bedrohung. Wenn man vorher die einzigen Instanzen war, die den Islam
interpretiert haben, dann ist das natürlich für solche Verbandsvertreter
nicht gerade eine Freude."
Die Verbände haben jedoch nach wie vor Einfluss. Denn sie stellen die
Vertreter einiger Beiräte, die die Lehrstühle für islamische Theologie
fachlich beaufsichtigen. Die islamische Theologin Hamideh Mohaghighi
sieht darin nicht unbedingt einen Nachteil. Wichtig sei allerdings, dass die
Freiheit der Wissenschaft nicht angetastet werde:
"Wenn jemand sagt, ich glaube nicht an Gott, und sagt, ich mache
islamische Theologie, ist klar, dass es nicht möglich ist. Aber es muss dann
im bestehenden Rahmen, wo man an Glaubensgrundprinzipien festhält,
doch die Möglichkeit geben, frei zu forschen. Und es muss nicht so sein, dass
die Theologinnen und Theologen daran gehindert werden, wirklich eine
islamische Theologie zu entwickeln, die wirklich auf Denken, auf
Reflektieren, auf Vernunftbasis arbeitet und nur gucken muss, was darf ich
und was darf ich nicht."
Vom Beispiel Österreich lernen?
Um Lösungen für die Problemfelder "Imamausbildung" und
"Moscheenfinanzierung" zu finden, könnte ein Blick nach Österreich
lohnen. Denn dort wurde – nach ähnlichen Diskussionen wie in Deutschland
– im vergangenen Jahr ein neues "Islamgesetz" verabschiedet. Es regelt
zweierlei: Erstens müssen die Moscheevereine und islamischen Verbände
das Geld für die religiöse Arbeit ausschließlich im Inland aufbringen.
Zweitens dürfen seit Mitte dieses Jahres keine Imame mehr tätig sein, die
aus dem Ausland kommen. Von Seiten der Verbände in Deutschland war
schon frühzeitig Kritik am österreichischen Islamgesetz zu hören. So betonte
der Dialogbeauftragte der DITIB, Bekir Alboga, dass eine ähnliche Regelung
für Deutschland ungeeignet sei:
"Wenn Sie jetzt Imame, die ein gemäßigtes Wissen über den Islam
verbreiten, nicht zulassen, dass sie in Deutschland arbeiten, dann entsteht
ein großes Vakuum: Wer soll dieses Vakuum füllen? Dann ist sozusagen Tür
und Tor geöffnet für radikale Prediger, und das muss man sich gut überlegen,
ob man das machen möchte."
Dass die Alternative zu staatlich entsendeten Imamen aus der Türkei
keineswegs einzig und allein radikale Prediger sind, dürften die Vertreter des
türkischen Religionsministeriums in Deutschland eigentlich wissen. Sie
dürften allerdings auch wissen, dass auf ihre Personalpolitik
schwerwiegende Änderungen zukämen, falls in Deutschland ähnliche
Vorgaben gelten würden, wie sie das neue Islamgesetz für Österreich
vorsieht. Da die islamischen Verbände aber nach wie vor eine tragende Rolle
für das hiesige Gemeindeleben der Moscheen spielen – über sie werden
nämlich in der Regel die Imame eingestellt und gezahlt – versuchen sie,
diese Position so gut es geht zu nutzen. So gibt es bislang an hiesigen
Moscheen kaum einen Imam, der in Deutschland studiert hat. Dass die
Verbände lieber Vorbeter aus den Herkunftsländern der Muslime einstellen,
hat für Hamideh Mohaghighi eindeutige Gründe:
"Es besteht noch die Angst davor, wenn man sich zu viel als Deutsche
versteht, dann automatisch verliert man eigene Glaubensprinzipien. Dann
assimiliert man sich in eine Form, die dann der Anlass dafür ist, dass man
nicht mehr den eigenen Glauben erst nimmt."
Politik muss sich mehr mit dem Islam in Deutschland beschäftigen
Ängste scheint es allerdings nicht nur bei den Moscheevereinen und
islamischen Verbänden zu geben, sondern auch in weiten Teilen der
deutschen Politik. Anders könne sie es nämlich sich nicht erklären, sagt
Susanne Schröter, warum so wenige Mandatsträger in Bund, Ländern und
Gemeinden sich ernsthaft mit dem Islam in Deutschland beschäftigten. Für
eine gedeihliche Zukunft hiesiger Moscheen sei dies aber unverzichtbar.
"Ich glaube, vielen Politikern ist der Islam grundsätzlich etwas Fremdes und
etwas So-Fremdes, dass sie sich schon fast weigern, sich damit
auseinanderzusetzen. Und glauben, wenn man da jetzt nicht drüber redet,
dann wird das sich irgendwie so organisieren, wie sich auch das Christentum
organisiert hat. Das heißt: Die Muslime werden irgendwie so was wie eine
Kirche jetzt gründen, und da hat man dann Ansprechpersonen. Aber
realisieren nicht, dass der Islam sehr heterogen ist. Und dass das alles auch
etwas Politisches hat."
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