Großbritannien nach Mord an Abgeordneter unter Schock - K

Großbritannien nach Mord an
Abgeordneter unter Schock
Tatort in Birstall
/ AFP PHOTO / OLI SCARFF
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Nach dem Mord an der Labour-Abgeordneten
Jo Cox steht Großbritannien unter
Schock:
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Die Kampagne für das Referendum über einen Verbleib des Landes in der
EU blieb auch am Freitag ausgesetzt. Auch auf die Veröffentlichung
neuer Umfragen wurde vorerst verzichtet. In London wehten die Flaggen
auf Halbmast. Cox, die vehement für einen Verbleib Großbritanniens in
der
Europäischen
Union
eintrat,
war
am
Donnerstag
in
ihrem
nordenglischen Wahlkreis von einem Angreifer getötet worden. Die
Motive des Mannes sind nach wie vor unklar. An den Finanzmärkten
machte sich die Hoffnung breit, dass der Schock über den Tod der
Abgeordneten das Lager der EU-Befürworter stärken werde. Europaweit
lagen die Börsen deutlich im Plus. Sollten die Briten bei dem
Referendum für einen EU-Austritt stimmen, rechnen Experten weltweit
mit Turbulenzen an den Märkten.
„Jo hat an eine bessere Welt geglaubt, und sie hat dafür jeden Tag
ihres Lebens mit einer Energie und einer Lust am Leben gekämpft, die
die meisten anderen Menschen erschöpft hätte“, erklärte Cox‘ Ehemann
Brendan. „Sie würde sich jetzt zwei Dinge mehr als alles andere
wünschen: Dass unsere wunderbaren Kinder mit Liebe überschüttet werden
und dass wir alle gemeinsam gegen den Hass kämpfen, der sie getötet
hat.“
Premierminister David Cameron bezeichnete den Mord als Tragödie. „Wir
haben einen großen Star verloren“, sagte der Konservative. Cox sei
eine fantastische Wahlkämpferin gewesen, mit viel Mitgefühl und einem
großen Herzen. Vor dem Parlamentsgebäude in London wurden Blumen für
Cox niedergelegt und Kerzen aufgestellt. Viele Passanten weinten
dabei. Andere legten Blumen auf dem Hausboot auf der Themse ab, in dem
Cox mit ihrem Mann und ihren kleinen Kindern wohnte. Hunderte Menschen
beteiligten sich an einer Mahnwache in einer Kirche in Birstall.
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RECHTE GRUPPE „BRITAIN FIRST“
DISTANZIERT SICH VON TAT
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Die 41-jährige Labour-Abgeordnete war am Donnerstag in ihrem Wahlkreis
im nordenglischen Birstall mit Schüssen und Messerstichen getötet
worden. Das Motiv des Angreifers ist bislang unklar. Die Polizei nahm
einen 52-jährigen Mann in der Nähe des Tatorts fest und stellte
Waffen, darunter eine Schusswaffe, bei ihm sicher. Zeugenaussagen
zufolge rief der Täter „Britain first“ (Großbritannien zuerst). Cox
hatte sich in der Brexit-Debatte für den Verbleib Großbritanniens in
der EU stark gemacht. Sowohl die Verfechter des EU-Austritts als auch
das Lager derer, die in der EU verbleiben wollen, setzten nach der Tat
ihre Kampagnen aus. Zunächst blieb unklar, wie lange der Kampf um
Stimmen in beiden Lagern ausgesetzt bleiben sollte. Sprecher des ProBrexit-Lagers kündigten eine Entscheidung noch im Laufe des Freitags
an.
„Britain first“ ist ein Slogan der Brexit-Befürworter, aber auch der
Name
einer
rechtsgerichteten
nationalistischen
Gruppe.
Die
stellvertretende Vorsitzende der Gruppe, Jayda Fransen, distanzierte
sich von dem Angriff auf die Politikerin, den sie als „absolut
widerlich“ bezeichnete. Die US-Menschenrechtsgruppe SPLC erklärte, sie
verfüge über Daten, wonach der 52-Jährige 1999 Verbindungen zu der
Neonazi-Organisation
National
Alliance
unterhielt.
Die
Gruppe
veröffentlichte Bilder, bei denen es sich ihren Angaben zufolge um
Kaufbelege für Bücher des Mannes handelt. Darunter sei auch eine
Handreichung für den Bau von Pistolen.
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PSYCHISCHE PROBLEME
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Nach Angaben der Polizei in West Yorkshire handelt es sich bei der Tat
um einen lokalen Vorfall, der aber viel weitere reichende Auswirkungen
habe. Familienmitglieder des Verdächtigen hätten erklärt, er habe
keine
starken
politischen
Ansichten
vertreten,
berichtete
der
„Guardian“. Der Mann habe in der Vergangenheit psychische Probleme
gehabt, sich jedoch Hilfe geholt. Der Besitz von Schusswaffen ist in
Großbritannien streng beschränkt. Angriffe auf Politiker sind sehr
selten. Der letzte britische Abgeordnete, der einem Attentat zum Opfer
fiel, war Ian Gow. Er starb 1990 in Südengland bei der Explosion einer
Bombe, die die IRA unter seinem Auto platziert hatte.
An den Märkten ließ der Mord die Hoffnung auf einen Verbleib
Großbritanniens in der EU wachsen. Das Pfund, der Euro und der
Deutsche Aktienindex Dax legten zu. Einige Händler in London
spekulierten, Cameron werde das für Donnerstag geplante Referendum
über einen Brexit wegen des Mordes möglicherweise verschieben. Andere
Finanzexperten
mutmaßten,
die
tödliche
Attacke
könne
einen
Meinungsumschwung auslösen, nachdem die Brexit-Befürworter zuletzt in
Umfragen die Nase vorn hatten. Ungeachtet dieser Spekulationen decken
sich britische Firmen allerdings weiter mit zusätzlichem Geld ein,
verfassen Presseerklärungen auf Vorrat und planen Nachtschichten, um
im Falle eines Brexit handlungsfähig zu sein.