Ärzteatlas der AOK 2015 - Kassenärztliche Vereinigung Berlin

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Wirtschaft und Abrechnung
KV-Blatt 09.2015
Ärzteatlas der AOK 2015
Kein gravierender Ärztemangel, vielmehr
eine Frage der Verteilung
Wie viele Ärzte sind genug? Ein wichtiger Indikator zur Beurteilung der medizinischen Versorgung eines Landes ist
die Ärztedichte in Relation zur Bevölkerungszahl. Deutschland liegt mit rund
vier Ärzten auf 1.000 Einwohner in der
Spitzengruppe der OECD-Staaten. Der
neue Ärzteatlas 2015 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hat
die Verteilung der Ärzte nach KV-Bezirken und Fachgruppen untersucht und
kommt zum Ergebnis, dass von einem
Ärztemangel keine Rede sein könne,
wohl aber von einer fehlenden angemessenen Verteilung.
Nach Angaben der Bundesärztekammer
(BÄK) waren Ende 2014 in Deutschland
365.247 Ärzte (niedergelassen, angestellt, verbeamtet, in der Klinik) tätig,
davon 166.230 Frauen (45 %); in Berlin waren 19.737 berufstätige Mediziner
registriert. Das Bundesarztregister der
Kassenärztlichen Bundesvereinigung
(KBV) weist zum Stichtag 31.12.2014
bundesweit 164.947 an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmende Ärzte
und Psychotherapeuten aus, davon
71.250 Frauen (43 %). Nach Angaben
der Kassenärztlichen Vereinigung (KV)
Berlin sind in der Hauptstadt gegenwärtig rund 6.800 Ärztinnen und Ärzte
niedergelassen, weiter 1.600 psychologische Psychotherapeuten sowie Kinderund Jugendlichenpsychotherapeuten.
Das WIdO kommt im Ärzteatlas 2015,
der die Versorgungsdichte von Vertragsärzten untersucht, zu dem Resultat:
„Über alle Arztgruppen hinweg wird das
Plansoll bundesweit um fast ein Drittel
übertroffen.“
Das WIdO nimmt für seine Darstellung
die aktuell gültigen Kennziffern der vertragsärztlichen Bedarfsplanung, wie
sie vom Gemeinsamen Bundesausschuss beschlossen und in der Bedarfsplanungsrichtlinie dokumentiert sind,
zum Maßstab. Diese definiert auf der
Ebene der KV-Bezirke für die hausärztliche Versorgung ein Soll-Verhältnis
(Index = 100 %) von einem Hausarzt auf
1.671 Einwohner; bei der allgemeinen
fachärztlichen Versorgung reicht auf
Soll-Ist-Vergleich – Gesamtversorgungsgrade der Hausärzte * nach KVen 2014
Baden-Württemberg
109,1
Bayern
117,8
Berlin
120,3
Brandenburg
103,3
Bremen
109,2
Hamburg
117,8
Hessen
111,6
Mecklenburg-Vorpommern
102,7
Niedersachsen
107,7
Nordhein
110,4
Rheinland-Pfalz
110,3
Saarland
108,0
Sachsen
101,3
Sachsen-Anhalt
99,6
Schleswig-Holstein
113,7
Thüringen
109,2
107,8
Westfaler-Lippe
110,4
Gesamt
0
20
40
60
80
100
Gesamtversorgungsgrad Hausärzte in %
120
* Allgemeinärzte,praktischeÄrzte,nichtfachärztlichtätigeInternistenohne
Kinderärzte.Quelle:MeldungenderKassenärztlichenVereinigungundeigeneBerechnungen.
WIdo 2015
der Ebene der Planungsbereiche (PB)
die Spanne zwischen 3.079 (Psychotherapie, PB Typ 1) und 52.845 (Urologie, PB Typ 3) Einwohnern pro Facharzt.
Eine Überversorgung eines KV-Bezirks
resp. regionalen PB wird ab einem Wert
von 110 %, nach dem im Juli 2015 verabschiedeten GKV-VSG ab 140 % angenommen. Die Ergebnisse seiner Erhebung kommentiert das Institut wie folgt:
„Es gibt in Deutschland Regionen, die
für eine ärztliche Niederlassung attraktiv sind und solche, die für eine Niederlassung weniger attraktiv sind. Daraus
ergibt sich ein Nebeneinander von Regionen, die mit Ärzten überversorgt sind
und solchen, in denen es Unterversorgung gibt oder eine solche droht.“ Was
bundesweit in puncto ausreichender
vertragsärztlicher Versorgung gelten
mag, muss auf der Ebene der KVBezirke und erst recht einzelner Regionen längst keine Gültigkeit haben, wie
die fachgruppenspezifischen Analysen
des WIdo belegen.
Heterogene Verteilung von Haus- und
Fachärzten
In der Hausärztlichen Versorgung sind
bundesweit 52.738 Mediziner tätig,
nach der Bedarfsplanung sollten es
lediglich 47.788 sein. Berlin kommt auf
einen Versorgungsgrad von 120,3 %
(2.536 Ärzte, davon 843 > 60 Jahre),
Bayern auf 117,8 %, Brandenburg auf
Wirtschaft und Abrechnung
KV-Blatt 09.2015
103,3 %. Sachsen-Anhalt mit 99,6 %
kann als nahezu ideal versorgt bezeichnet werden. Weitaus drastischer fällt die
Spreizung auf der Ebene der Planungsbereiche aus: Westerland auf Sylt meldet komfortable 189,4 % hausärztlicher
Versorgung, Ansbach Nord muss sich
mit 57,3 % bescheiden. In der Augenärztlichen Versorgung sind 5.399 Niedergelassene tätig, 4.331 sieht die
Bedarfsplanung vor. MecklenburgVorpommern ist mit 137,6 % versorgt,
Sachsen-Anhalt mit 131,6 %, Bremen
mit 130,3 % und Berlin mit 122,5 %.
Regional betrachtet, liegt der Planungsbereich Würzburg mit einer Quote von
262,3 % an der Spitze, das Schlusslicht bildet der Odenwaldkreis mit einer
Unterversorgung von 44,8 %.
In der ambulanten Psychotherapeutischen Versorgung arbeiten 23.757
Psychotherapeuten, 8.658 mehr, als der
Bedarf vorsieht. Hessen erreicht eine
Deckung von 200 %, Berlin kommt auf
194,8 %, Bremen auf 192,2 % und Westfalen-Lippe auf 170,1 %. Der Planungsbereich Tübingen hat eine spektakuläre
Quote von 581,7 % zu bieten, UeckerRandow nur bedenkliche 45,1 %.
Ausreichende ambulante Versorgung
abhängig von mehreren Faktoren
Bereits diese Beispiele zeigen, wie
schwer es ist, eine angemessene ambulante Versorgung der Bevölkerung in
Zahlen abzubilden. Rein statistisch
betrachtet, arbeiten in sämtlichen ärztlichen Fachgruppen mehr Mediziner,
als es die Bedarfsplanung will (so lautet für die Gynäkologie das Verhältnis
9.900 : 7.886, für die Orthopädie 5.395 :
3.915, für die Fachinternistische Versorgung 8.238 : 3.688 und für die Radiologie 2.602 : 1.611). Doch kann es kaum
eine Lösung sein, die bundesweit nach
dieser Rechnung als überzählig anzusehenden 33.941 Arztsitze zur Disposition zu stellen; zu sehr korrelieren
Quantität und Qualität der vertragsärztlichen Versorgung mit Faktoren wie
dem demografischen Wandel, sozioökonomischen Verhältnissen, regionaler
Morbidität, der Anziehungskraft der
Metropolen, örtlicher Infrastruktur, dem
Verhältnis von ambulanter und stationärer Versorgung und nicht zuletzt einer
Feminisierung des Berufes mit einem
sich ändernden Lebens- und Arbeitskonzept. Das WIdo befindet denn auch
relativierend: „In Bezug auf die Sicherung einer ausreichenden Versorgung
der Bevölkerung greift die Analyse von
Arztzahlen möglicherweise zu kurz:
Hier sollte auch die Frage diskutiert werden, inwieweit nichtärztliche Gesundheitsberufe, auch vor dem Hintergrund
einer alternden Bevölkerung und einer
Zunahme von chronischen Erkrankungen, verstärkt (arztentlastend) eingebunden werden können und sollen.“
Der Medizinerberuf, auch und gerade
in der Niederlassung, ist über die Jahre
immer attraktiver geworden; so hat
sich in Deutschland die Arztdichte seit
1980 verdoppelt, so nahm in Berlin die
Zahl der Ärzte seit 1991 um 23,9 % zu.
Ohnehin liegen die Stadtstaaten vorn
in der vertragsärztlichen Versorgung,
die allerdings Teile des Umlandes einschließt. Der Ärzteatlas 2015 zeigt, dass
es vor allem ein Verteilungsproblem
gerade im hausärztlichen Bereich gibt,
das sich perspektivisch noch verschär-
fen wird und dem die einzelnen KVen in
den Flächenstaaten bereits mit Anwerbungen potenzieller Niederlassungswilliger beizukommen versuchen.
In einer Stellungnahme zur Veröffentlichung des Ärzteatlas 2015 erinnert
Dipl.-Med. Regina Feldmann, Vize-Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), daran, dass die
Planung von Arztsitzen gemeinsam
durch Kassenärztliche Vereinigungen
und Krankenkassen erfolge: „Das heißt:
Für Sitze, die zusätzlich zur Planungsgrenze von 110 % hinzugekommen sind,
hat auch aus Sicht der Krankenkassen
eine Notwendigkeit für die Versorgung
der Patienten bestanden.“ Überdies sei
es ein Irrglaube, allein durch eine veränderte Planung junge Medizinerinnen
dazu zu bringen, in der Provinz eine
Praxis zu eröffnen. Es sei vielmehr eine
gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die
vertragsärztliche Versorgung in statistisch unterversorgten Gebieten sicherzustellen.
Den zitierten Ärzteatlas 2015 finden Sie
im Netz unter
www.wido.de/aerzteatlas2015.html
Andrea Bronstering
KV-Service-Center und betriebswirtschaftliche Beratung
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