als PDF - Französischen Kirche zu Berlin

16. Sonntag nach Trinitatis
20. September 2015
Pfarrer Dr. J. Kaiser
Französische Friedrichstadtkirche
Predigt über 2. Timotheus 1,7-10
Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und
der Liebe und der Besonnenheit.
Wir schaffen das, sagt Frau Merkel. Wir sind ein starkes Land.
Wir schaffen das, sagt Hatice zu Machmud. Die linke Hand hält den kleinen Sohn fest, die
rechte berührt den Zaun. Wir sind nicht im Meer ertrunken und haben es bis hierher geschafft.
Wir schaffen das, sagt Fabian zu seiner Freundin. Wir haben deutsche Pässe, genügend Geld
und ein großes Auto, das packen wir voll mit Zelten und Teddybären und fahren ihnen entgegen - bis ans Ende der EU.
Wir schaffen das nicht, sagt der Bürgermeister. Es sind zu viele. Wir wissen nicht, wo wir sie
hinbringen sollen. Mein Verwaltungsleiter hat schon seit zwei Wochen seine Kinder nicht
mehr gesehen. Wir schaffen das nicht, sagt der Polizeisprecher. Alle sagen, sie seien Syrer,
aber die meisten haben keine Pässe.
Wir schaffen das, aber nicht so schnell, nicht so ungeordnet, sagt der Innenminister.
Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und der
Liebe und der Besonnenheit.
Liebe Gemeinde,
Gottes Geist leitet uns. Tagein, Tagaus, durch die Zeiten. Er gibt Kraft und Hoffnung, er tröstet und macht empfindsam, er gibt langen Atem und weiten Blick. Gottes Geist hat viele Facetten und manche Effekte.
Wir schaffen das, sagt der Geist der Stärke. Willkommen, sagt er Geist der Liebe. Wir schaffen das nicht, sagt der Geist der Verzagtheit. Wir schaffen das, aber wir müssen es anders
machen, sagt der Geist der Besonnenheit.
Nicht alle Geister sind von Gott. Aber mit denen, die von ihm sind, leitet er uns tagein, tagaus
durch die Zeiten, wie es ihm gefällt. Und damit überwindet er die anderen Geister, die nicht
von ihm sind.
Welche Stunde schlägt, zeigt die Uhr nicht an. Egal, was geschieht, die Uhren laufen immer
im exakt gleichen Maß. Aber so ist die Zeit nicht. Sie läuft in Weilen wie in Wellen, ist mal
langweilig und mal kurzweilig, mal dünn und mal dicht. Die verdichteten Zeiten – wenn’s
„dicke“ kommt -, das sind die, die im Sieb der Geschichtsbücher hängen bleiben. Die Reformation war eine verdichtete Zeit, die Wende war es und die Zeichen der Zeit deuten darauf
hin, dass es gerade wieder so ist. Deutschland wird sich verändern, Europa wird und muss
sich verändern.
Dass Deutschland längst ein Einwanderungsland ist, das wussten bislang nur wir, die Hugenotten. Jetzt wissen es alle. Aber dass die Sache am Ende gut geht, allerdings viel, viel Zeit
braucht, das wissen die anderen noch nicht. Nur wir wissen es schon, und es ist in dieser ge-
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füllten Zeit unserer Aufgabe, es ihnen zu sagen und Mut zu machen, und zwar beiden, den
lange schon hier Heimischen und denen, die hier heimisch werden wollen.
Gott lässt uns in dichten Zeiten nicht allein. Er gibt seinen Geist. Und da das Leben manchmal
anstrengend und die Lage oft unübersichtlich ist, gibt er seinen Geist in mehreren Facetten.
Vier nennt der Apostel, aber nur drei sind von Gott: Liebe und Kraft und Besonnenheit. Die
Verzagtheit – weiß der Teufel, wo die herkommt.
Der Geist der Liebe und der Geist der Kraft sind verwandt. Liebe gibt Kraft. Und Kraft
braucht Liebe, damit sie den Menschen freundlich bleibt.
Auch liegen der Geist der Besonnenheit und der Geist der Verzagtheit nicht weit auseinander.
Wir schaffen das. Wir schaffen das nicht mehr. Wir schaffen das nicht so.
Aus manchem, was wir in diesen Tagen hören, spricht der Geist der Liebe und der Geist der
Kraft. Bei einigen ungewöhnlich und unerwartet.
Manchmal wird die Seele überschwemmt von den Bildern des Elends. Dann kommt der Geist
der Liebe und treibt zu spontan Unbedachtem. Mich beruhigt, dass wir in diesem Land Politiker haben, die sich noch zu was hinreißen lassen können. Politiker, die Mitleid haben, die
auch mal emotional entscheiden, die dünnhäutig sind und nicht dickfellig, die noch merken:
Hier geht es um Menschen und nicht um Geld und Gesetze. Nur so hat der Geist der Liebe
eine Chance. Gott wird es sich nicht nehmen lassen, auch mit diesem Geist Politik zu machen.
Und nicht nur bei Pfarrerstöchtern.
Joanna Hassoun geht seit Monaten Tag für Tag ins LaGeSo. Sie hilft den Flüchtlingen, die
dort auf ihre Registrierung warten. Sie wurde in einem Palästinenserlager im Libanon geboren. Sie lebt schon lange in Berlin. Den ganzen Tag ist Joanna im LaGeSo. Sie verteilt Zahnbürsten und Spielzeug, sie übersetzt und tröstet. Gott hat uns gegeben den Geist der Liebe und
den Geist der Kraft.
Doch dann war sie alle, die Kraft. „Ich merkte schon beim Aufstehen: Joanna, du bist fertig.
Aber ich war mit zwei Familien verabredet, die völlig in der Luft hängen, da wollte ich nicht
so jämmerlich schlappmachen.“ Sie schleppte sich ins LaGeSo und lief einer Sanitäterin in
die Arme, die den Notarzt rief. „Ich dachte nur noch: Wenn du schon umkippst, dann mit Eleganz“
Sie hat tausend Geschichten von Schlauchbooten gehört, die voll Wasser liefen, von Kindern,
die man mit letzter Not festhielt, sagt sie. „Ich weine jetzt nicht mehr. Man wird stumpf“.
(aus: Die Zeit No.38 vom 17.9.15, S.4)
Wenn alles zu viel wird, wenn die Kraft erschöpft ist und die Liebe nicht mehr durchdringen
kann, dann kommt der Geist der Verzagtheit. Verständlich und nachvollziehbar. Aber dieser
Geist ist nicht von Gott.
Bevor sich die Verzagtheit festbeißt, gibt Gott den Geist der Besonnenheit. Der muss den
Ausgleich schaffen. Der hat nicht die Hitze der Liebe und nicht das Tempo der Kraft. Der ist
kühler, aber nicht kalt, ist langsamer ohne sich festzusetzen. Der Geist der Besonnenheit ist
solider, gründlicher, geordneter als der Geist der Liebe und der Kraft, könnte ein deutscher,
gar ein preußischer Geist sein. Aber auch er ist ein Geist von Gott.
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Pfarrer Dr. J. Kaiser
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Liebe Gemeinde,
Gottes Geister leiten uns. Tagein, Tagaus, durch die Zeiten. Auch in diesen dichten Zeiten, in
denen vieles ins Schwimmen kommt.
Sie dienen uns verlässlich, flexibel und diskret. Bewusst wird uns das meistens nicht. Gottes
Geister arbeiten inkognito. Und Gott begeistert nicht nur die, die ihn kennen und an ihn glauben. Es sind nicht nur die Christen, die die Zeichen der Zeit erkennen und Fremde aufnehmen
und Wasser an durstige Flüchtlinge verteilen.
„Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr
habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“
(Mt 25,35)
Menschen tun es, auch solche, die Christus nicht kennen. Menschen tun es, auch solche, die
nie in einer Kirche waren. Sie tun es und sie wissen gar nicht, für wen sie es tun. Herr, wann
haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir
zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? (Mt 25,37f) Gottes Geister arbeiten diskret, aber verlässlich. Gott gibt auch denen seinen Geist, die ihn gar nicht kennen, den Geist der Liebe und der Kraft und der Besonnenheit.
Joanna Hassoun, die Berliner Palästinenserin, hatte viel vom Geist der Liebe und der Kraft.
Bis er alle war. Dann gab ihr Gott den Geist der Besonnenheit.
Gottes Geister brauchen keinen Taufschein zur Einreise in ihren Geltungsbereich. Sie reisen
grenzenlos in alle Menschen ein, die Gott für sich und sein Ziel in Anspruch nimmt.
Wir aber, liebe Gemeinde, wir sind hier, um uns zu vergewissern, vorher die Geister kommen,
die in diesen Zeiten das Sagen haben. Wir unterscheiden die Geister. Nicht nur die Liebe und
die Kraft kommt von Gott, auch die Besonnenheit. Nicht aber die Verzagtheit. Und wir wissen, wen wir mit allen den Flüchtlingen aufnehmen. Was ihr ihnen, diesen Geringsten, getan
habt, das habt ihr mir getan. (Mt 25,40)
Weil wir dieses beides wissen, danken wir Gott und schämen uns des Evangeliums nicht.
Aber das kann Paulus viel besser sagen:
Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der
Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Schäme dich nicht, Zeugnis abzulegen für unseren Herrn, […] sondern ertrage für das
Evangelium Mühsal und Plage in der Kraft Gottes, der uns errettet und uns berufen
hat mit heiligem Ruf, nicht aufgrund unseres Tuns, sondern aufgrund seiner freien
Entscheidung und seiner Gnade, die uns in Christus Jesus zugedacht wurde, vor aller
Zeit, jetzt aber sichtbar geworden ist im Erscheinen unseres Retters, Christus Jesus:
Er hat den Tod besiegt und hat aufleuchten lassen Leben und Unsterblichkeit, durch
das Evangelium.
Amen.
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