Gegen Rassismus und Angst Christian Hagen

Gegen Rassismus und Angst
Christian Hagen
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Gegen Rassismus und Angst
Christian Hagen
Liebe Gemeinde,
der Gott der Bibel ist ein „Gott der Fremden“, ein „Gott von Menschen auf
der Flucht“. Überall ist die Rede von Menschen, die verfolgt und vertrieben
wurden. Dafür gibt es viele Gründe: Weil sie anderes glaubten, als die
Herrschenden ihnen erlaubte. Weil sie ungehorsam waren und lieber auf
Gott als auf die Menschen hörten. Weil sie hungerten und im eigenen Land
keine Zukunft sahen. Weil sie unterdrückt und ausgebeutet wurden. Einige
Beispiele mögen als Illustration ausreichen: Abraham emigriert in ein ihm
unbekanntes Land. Jakob und seine Familie fliehen ins reiche Ägypten,
weil es in seiner Heimat zu einer Hungersnot kam– heute würde man ihn
als „Wirtschaftsflüchtling“ bezeichnen. Gott selbst befreit ein ganzes Volk
aus der Gefangenschaft und führt es in die Freiheit. Selbst König David ist
jahrlang ein Flüchtling auf dem Gebiet der Philister. Auch manche
Propheten waren auf der Flucht oder wurden vertrieben. Das geht bis zu
den ersten Christen. Auch sie waren Verfolgte und Vertriebene: „Es erhob
sich aber an diesem Tag eine grosse Verfolgung über die Gemeinde in
Jerusalem; da zerstreuten sich alle in die Länder Judäa und Samarien,
ausser den Aposteln (Apg. 8,1).
Sogar Gott selbst ist auf der Flucht. Joseph bringt Gott, der in Gestalt
eines Babys in die Welt gekommen ist, in Sicherheit und flieht aus der
eigenen Heimat. Es heißt im Text (Mt 2, 13-23), dass Herodes den
neugeborenen König umbringen lassen wollte. Umbringen, im
Griechischen: avpo,llumi. Dieses Wort bedeutet nicht nur einfach umbringen,
sondern vernichten, ausrotten, mit Stumpf und Stiel ausreissen. Nichts
soll übrig bleiben. Und für dieses Ziel ist Herodes bereit, alle Kinder unter
zwei Jahren auszumerzen.
Heute erleben wir einen Krieg in Syrien, wo es genau um das Gleiche
geht. Da sind Menschen am Werk, die andere Volksgruppen und
Religionen mit Stumpf und Stiel ausradieren wollen – so als hätte es diese
nie gegeben. Die Menschen und die Erinnerung an sie und ihre Kultur
werden eingeebnet. Nichts soll übrig bleiben von ihnen. Nichts.
Viele sterben, viele fliehen – 60% der Flüchtlinge sind übrigens Kinder! Sie
machen unglaubliches durch. Sie verlassen ihr Zuhause, ihre Heimat.
Unter unfassbaren Umständen versuchen sie über Land oder über das
Mittelmeer zu kommen. Sie hungern, sie dursten, sie frieren, manche
ersaufen, andere ersticken in Kontainern. Keiner macht das freiwillig und
keiner macht das, nur um ein paar Euro oder Franken aus der Sozialkassa
zu holen. Sie alle haben momentan keine Perspektive im eigenen Land.
Und dann endlich stehen sie an der Grenze zur Rettung, an der Grenze
des freien Europas. Und was sehen sie: Zäune, Mauern, Polizei, Militär! So
vieles haben sie erlitten und auf freundliche Menschen gehofft, die dem
Leid ein Ende bereiten. Stattdessen werden sie attackiert. Da hatten es
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selbst die Flüchtlinge zur Zeit der Bibel besser: das brutale und
unterdrückerische Ägypten gewährte Jakob und seiner Sippe Asyl und
sogar Arbeit, eigenen Grundbesitz. 1300 Jahre später durfte Jesus in
demselben Land die ersten Monate oder Jahre Seines Lebens verbringen.
Vielleicht waren es auch die Erfahrungen, die Er dort machte, die Ihn
lehrten, die Menschen – und zwar alle Menschen – zu lieben.
Jesus lehrte uns, alle Menschen zu lieben und nicht zu unterscheiden.
Manche von uns sagen aber, man müsse schon unterscheiden, ob jemand
als Wirtschaftsflüchtling kommt oder als Kriegsvertriebener. Gibt es also
eine Wertigkeit von Not? Wenn man durch eine Gewehrkugel stirbt, hat
man das Recht auf Schutz. Aber wenn man verhungert, ist der Tod
akzeptabel?
Am Krieg in Syrien tragen Europa, Russland und die USA eine Mitschuld.
Unsere Regierungen haben dort unten viel angerichtet – erst durch die
Kolonisation, dann durch willkürliche Grenzziehungen, dann durch die
Unterstützung von korrupten Regimen im Gegenzug zu billigem Öl, am
Ende durch Waffenlieferungen an falsche Freunde. Viele der Waffen, die
heute gegen die Bevölkerung eingesetzt werden, stammen aus unseren
Waffenschmieden. 563,5 Millionen Franken hat die Schweizer Wirtschaft
durch Waffenexporte 2014 umgesetzt. Viele dieser Waffen tauchten in
Syrien wieder auf. So zB die berüchtigte Splittergranate HG85 von der
Ruag. Wisst Ihr, was Splittergranaten anrichten? Könnt Ihr Euch das
ausmalen?
Auch an der Tragödie in Afrika tragen unsere Länder Mitschuld. Die
Flüchtlinge aus Afrika: Das sind zu 60% ehemalige Kleinbauern und
Viehzüchter, denen die EU ihre Lebensgrundlage geraubt hat. Die EU
subventioniert ihre Landwirtschaft mit so enormen Summen, dass
europäische Lebensmittel in Afrika auf den Markt kommen und dort weit
billiger angeboten werden als von den einheimischen Bauern. Und dann
regt man sich auf, dass diese Bauern, die nichts mehr zum Fressen haben,
aufbrechen und eine neue Zukunft suchen? Das Problem ist hausgemacht.
Und anstatt das Problem bei der Wurzel zu packen und das System zu
ändern und nicht mehr nur dem Mammon nachzurennen, werden Mauern
und Zäune gebaut und noch mehr Waffen exportiert! Und – was erst
kürzlich bekannt wurde – man schickt Geld und Militärberater in den
Sudan und nach Eritrea, damit diese Länder die eigene Bevölkerung daran
hindern auszuwandern! Das Regime in Eritrea versklavt das eigene Volk,
man spricht vom grössten Arbeitslager der Welt. Und wir schicken dorthin
Geld und Ausbildner, damit diese Regime ihre Leute noch besser
einsperren können?
Die Bibel spricht eine eindeutige Sprache, wenn es um Flüchtlinge und
Fremde geht. Diese Sprache ist unbequem, unbeliebt, nicht
mehrheitstauglich in unserer Gesellschaft. Aber sie ist unausweichlich.
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Wenn wir Gott ernst nehmen, dann müssen wir die Bibel in ihren
Aussagen ernst nehmen.
Vom Umgang mit dem Fremden sagt sie 5.Mose 10,17-21:
Der HERR, euer Gott, ist der Gott der Götter und der Herr der Herren, der
grosse, starke und furchtbare Gott, der kein Ansehen der Person kennt
und keine Bestechung annimmt, der der Waise und der Witwe Recht
verschafft und den Fremden liebt, so dass er ihm Brot und Kleidung gibt.
Auch ihr sollt den Fremden lieben, denn ihr seid selbst Fremde gewesen
im Land Ägypten.
5.Mose 23,8: Den Edomiter sollst du nicht für einen Gräuel halten; er ist
dein Bruder. Den Ägypter sollst du auch nicht für einen Gräuel halten;
denn du bist ein Fremdling in seinem Lande gewesen.
3. Mose 19,33f sagt: Wenn bei dir ein Fremder in deinem Land lebt, sollt
ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll
euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst;
denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der HERR, euer
Gott.“
Jesus selbst hat am Ende die Grenzen in unseren Köpfen niedergerissen.
Er hat erklärt, dass der Fremde Gott oft näher ist als der Fromme (vgl. der
barmherzige Samariter, der römische Hauptmann etc.) Bei der Rede vom
Endgericht sagt Jesus eindeutig, auf was es ankommt. Zu den Erlösten
sagt Er in Gestalt des Königs unter Anderem:
ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen;
Dann werden ihm die Gerechten antworten: … Und wann haben wir
dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen? … Darauf
wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen
meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. (Mt 25, 3440)
Wer einen Fremden aufnimmt, nimmt Jesus auf und kommt Gott ganz
nahe. Im Fremden, im Obdachlosen, im Vertriebenen begegnen wir Jesus.
Übrigens brauchen wir uns nicht vor den Flüchtlingen zu fürchten.
Vielmehr verspricht Er uns ein ewiges Erbe, wenn wir nur IHM vertrauen.
Vielmehr sagt Er: Werdet barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist!
Verurteilt nicht andere, dann wird Gott auch euch nicht verurteilen. Sitzt
über niemand zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht
sitzen. Verzeiht, dann wird Gott euch verzeihen. Schenkt, dann wird Gott
euch schenken; ja, er wird euch so überreich beschenken, dass ihr gar
nicht alles fassen könnt. Darum gebraucht anderen gegenüber ein
reichliches Mass; denn Gott wird bei euch dasselbe Maß verwenden. (Lk 6,
36ff)
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Ich schliesse mit Paulus Hebr 13,1.2: Die Liebe zu denen, die euch
vertraut sind, bleibe! Die Liebe zu denen, die euch fremd sind, vergesst
nicht – so haben manche, ohne es zu wissen, Engel beherbergt!
AMEN
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