Dorfgemeinschaft in Aufruhr - BUND Landesverband Mecklenburg

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Dorfgemeinschaft in Aufruhr
vom 24. August 2015
Aus der Redaktion des Prignitzers
Plane eines Biogasbehälters aufgeschlitzt, Protestplakat entwendet – Gegner und
Befürworter zusätzlicher Schweinemast distanzieren sich
In Lübzow stehen solche Kreuze gegen Massentierhaltung.
Foto: Edenharter
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Was ist los in Lübzow? Leisten sich Gegner und Befürworter einer geplanten Erweiterung der
Schweineaufzucht im Dorf jetzt nicht nur verbale Gefechte? Wer den Polizeibericht von
Montag liest, bekommt womöglich den Eindruck: Die Plane eines Biogasbehälters wurde
aufgeschlitzt, auf der anderen Seite ein Schild mit der Aufschrift „Keine weitere Tierfabrik in
der Lübzower Schweiz“ samt Pfosten entwendet. Schaden in beiden Fällen: 150 Euro.
Ein Dorf ist gespalten
Weitaus größer dürfte allerdings der Schaden für die Dorfgemeinschaft sein. Landwirt Bernd
Cord-Kruse versteht die Welt nicht mehr, wie er sagt, und möchte sich öffentlich nicht mehr
äußern. „Ich will nicht noch Öl ins Feuer gießen“, mit der Sachbeschädigung drohe die
Geschichte zu eskalieren. Er müsse vor allem an seine Mitarbeiter und an seine Familie
denken.
Vier Lübzower wollen aber reden. Den Namen will allerdings nur Joachim Harnisch in der
Zeitung wissen (die anderen liegen der Redaktion vor). „Seit 65 Jahren und länger wohnen
wir hier, aber so etwas gab es nie. Man hat mittlerweile selbst Angst“, berichten zwei
Frauen. Es gab immer einen guten Zusammenhalt, darauf war man stolz im Dorf.
Aufsteller vor der Kirche
Nach dem Erörterungstermin Ende Oktober vergangenen Jahres war es relativ ruhig im
Lübzow geworden. Mit der Veröffentlichung zum Volksbegehren sei alles wieder
hochgekocht, mutmaßen die Gesprächspartner. Rosa Kreuze gegen Massentierhaltung im
Garten aufgestellt, dagegen sei wirklich nichts einzuwenden. Jeder könne auf seinem
Grundstück tun und lassen, was er denke. Doch als das große Plakat mit der Aufschrift
„Keine weitere Tierfabrik in der Lübzower Schweiz“ mit Genehmigung des
Gemeindekirchenrates und auch seines Wissens über den Inhalt, wie Pfarrer Klaus-Dieter
Hanack auf Nachfrage bestätigt, vor der Kirche aufgestellt wurde, da regte sich Widerstand
im Dorf. Der Beschluss wurde daraufhin zurückgenommen, das Plakat auf einer privaten
Wiese aufgestellt, bis es entwendet wurde.
„Ich würde mir mit solcher Aktion doch selbst am meisten schaden“, so der kurze
Kommentar des Landwirtes Bernd Cord-Kruse. „Das geht auch zu weit, auf so eine Stufe
stellen wir uns nicht“, betonen auch die Lübzower. Jeder habe das Recht auf freie
Meinungsäußerung, auch die BI. Und man wolle keinesfalls den Mitgliedern das Gefühl
vermitteln, es ihnen auch nur im entferntesten absprechen zu wollen. Aber würde ein
Landwirt sämtliche Seminare zu MSRA-Keimen besuchen oder an Studien zum sogenannten
Schwanzbeißen teilnehmen, wenn ihm das Wohl der Tiere egal wäre, stellen sie als Frage in
den Raum. Schlimm sei, dass inzwischen ein tiefer Graben durchs Dorf ginge. Man könne
doch anderer Meinung sein und sich trotzdem noch Guten Tag sagen. Offensichtlich nicht,
wie sie berichten.
Auch die BI distanziert sich von dererlei Aktionen. Man stehe als kleines Dorf hier nicht
irgendeinem großen unbekannten Investor gegenüber, sondern dem Landwirt Cord-Kruse,
mit dem man gerade auch in der Vereinsarbeit viele gute Erfahrungen verbinde. Insofern
wolle man keinesfalls jetzt eine Schlammschlacht in der Öffentlichkeit, so die BI.
Unterschrift zum Volksbegehren
Mit dem Volksbegehren wollen sie nach außen zeigen, dass es die BI in Lübzow gibt, die sich
gegen eine Massentierhaltung deutlich ausspreche. Und sie wollen andere animieren, die
ebenso denken, auch ihre Unterschrift zu leisten. Immer wieder wurden sie mit dem
Vorwurf konfrontiert, sich selbst auf Veranstaltungen, wie auch beim Erörterungstermin
nicht zu äußern. „Weil wir es nicht können, wir sind keine Fachleute“, betonen ihre
Vertreter, die ebenfalls nicht öffentlich genannt werden wollen. Vielmehr lasse man leise
und vernünftig alles von Fachleuten aufbereiten. Ein solcher sei Eckehard Niemann von der
Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e. V., der sie auch als BI vertrete. „Dass
Plakate beschädigt oder auch mal entwendet wurden, das gab es, aber Anlagen beschädigt,
nein.“ Dass es Gegner oder Befürworter des Projektes waren, das halte er für absurd.
Worauf die BI setze sei vielmehr, dass man die Privilegierung als gewerblicher Betrieb
anzweifle, sprich dass 50 Prozent des benötigten Futters selbst angebaut werden. Und die
Nähe zum Wald, zu Biotopen nicht ausreichend oder keine Berücksichtigung in den
Unterlagen zum Genehmigungsverfahren fanden.
von Doris Ritzka
erstellt am 24.Aug.2015 | 13:23 Uhr