Geiser, Karl, Velofahrer und Knabe, 1941

Geiser, Karl, Velofahrer und Knabe,
1941-1956, Bronze, 36 x 26 x 39 cm,
Kunstmuseum Thun
Bearbeitungstiefe
Name
Geiser, Karl
Lebensdaten
* 22.12.1898 Bern, † [vor 6.4.]1957 Zürich
Bürgerort
Langenthal (BE)
Staatszugehörigkeit CH
Vitazeile
Plastiker, Bildhauer, Zeichner, Radierer und Fotograf. Figürliche Plastik
zwischen Klassizismus und Realismus. Akte, Porträts, Kunst am Bau
und Denkmäler
Tätigkeitsbereiche
Plastik, Radierung, Zeichnung
Lexikonartikel
1918, ein Jahr nach der Matura am Berner Literargymnasium, mietet sich
der junge Geiser sein erstes Atelier. Bereits im folgenden Jahr erhält er
ein Eidgenössisches Stipendium, das ihm einen Aufenthalt in Berlin
ermöglicht (April 1920 bis Januar 1921). Die Begegnung mit Werken der
deutschen Expressionisten, der russischen Konstruktivisten und der
Dadaisten wird ihm zum Anlass einer bitterbösen Abrechnung mit den
zeitgenössischen Kunsttendenzen: Deutschland und die neue Kunst
(publiziert in: Werk, 1925). Für ihn steht die Zertrümmerung der Form
ausser Frage, ebenso die Flucht in Exotismen oder in mystisch-religiöse
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Welten. Er sucht den Realitätsbezug und sieht sein Ideal in der
klassischen Kunst verwirklicht.
Zurück in der Schweiz arbeitet Geiser für kurze Zeit bei Hermann
Hubacher in Faulensee und siedelt Ende 1922 nach Zürich über. Die
Freundschaft mit dem Künstlerpaar Sasha und Ernst Morgen öffnet ihm
den Zugang zur Zürcher Gesellschaft. Geiser beginnt die Reihe der
Knabenköpfe und -figuren, die zu seinem frühesten Hauptthema werden.
Er gewinnt den Wettbewerb für zwei monumentale Figurengruppen, die
schliesslich – nach langwieriger und für ihn quälender Arbeit – 1938 vor
dem Berner Kirchenfeld-Gymnasium aufgestellt werden. Der
Winterthurer Kaufmann Georg Reinhart (1877–1955), sein erster
Sammler und Mäzen, gewährt ihm ein Stipendium und vermittelt ihm
1926 den Auftrag für zwei Stuckreliefs in der Eingangszone des
Winterthurer Kunstmuseums. Im selben Jahr reist Geiser zum ersten
Mal nach Paris, doch die Arbeit an den beiden Aufträgen verunmöglicht
ihm, eine Akademie zu besuchen, was er zeitlebens bereut. In Paris und
Marseille entstehen die ersten Folgen jener Skizzen und Zeichnungen,
die sich für ihn in ihrer Gesamtheit zu einer Comédie humaine verdichten
sollten: momenthafte, unprätentiös notierte Eindrücke des vielfältigen
Volkslebens. In Paris trifft er auch Alberto Giacometti. Aus dieser
Begegnung entwickelt sich eine lebenslange Freundschaft, die auf hoher
gegenseitiger künstlerischer Wertschätzung gründet. Wieder in Zürich,
erarbeitet er innerhalb von nur eineinhalb Jahren (1929–1931) fast das
ganze druckgrafische Œuvre: rund 100 Radierungen, vorwiegend nach
Motiven der erwähnten Zeichnungsserien, aber auch intime Interieurs mit
weiblichen Akten.
1932 erscheint in Paris, verfasst von Waldemar George (1893–1970), die
erste – und zu Lebzeiten des Künstlers einzige – Geiser-Monografie. Im
selben Jahr tritt Geiser in Zürich der neugegründeten Gesellschaft Das
Neue Russland (DNR) bei. Sein Interesse für den Aufbau der
Sowjetunion führt zu einem Überdenken der gesellschaftlichen Stellung
des Künstlers. Das Ziel für seine eigene Arbeit sieht er fortan in einem
«sozialen Humanismus» aufgehoben (wie er in den – eben erstmals
erschienenen und im Kreis von DNR diskutierten – Frühschriften von
Karl Marx zum Ausdruck kommt). Als Referent bei DNR tritt auch der aus
Deutschland in die Schweiz emigrierte Kulturphilosoph Max Raphael
(1889–1952) auf, mit dem sich Geiser befreundet und den er auch
später in seinem Pariser Exil immer wieder aufsucht.
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1934 gewinnt Geiser mit einer Löwenfigur den Wettbewerb für den
künstlerischen Schmuck am neuen Kantonalen Verwaltungsgebäude
Walche in Zürich. Die Ausführung fällt ihm schwer: sein Metier ist das
Modellieren, nicht das Steinhauen. Ein erster Versuch schlägt denn auch
fehl. Wieder in Paris, erlebt Geiser am 5. Mai 1936 den Wahlsieg des
sozialistisch-kommunistischen Front populaire über die bürgerlichfaschistische Action française. Er besucht die Veranstaltungen im
Maison de la Culture, wo Louis Aragon (1889–1982) als Wortführer die
«querelle du réalisme» propagiert. Aragons Voten folgend – die
Fotografie sei das gesellschaftlich zukunftsweisende Medium für die
Kunst –, setzt Geiser nun mit der Leica-Kamera die mit dem Zeichenstift
begonnene Serie der Comédie humaine fort. «L’homme habillé» (der
gesellschaftliche Mensch) und die Fotografie als «genre épique» werden
die Pfeiler des ihm vorschwebenden «neuen Realismus».
1937 wird der Bronzeguss von Geisers Mädchengruppe für das Berner
Kirchenfeld-Gymnasium vor dem Schweizer-Pavillon der Pariser
Weltausstellung aufgestellt. Geiser ist unzufrieden damit: sein
idealistisches (auf Friedrich Schillers Ästhetik beruhendes)
Figurenkonzept aus den 1920er-Jahren vermag ihn nun nicht mehr zu
überzeugen. Begeistert ist er jedoch von der Monumentalplastik Arbeiter
und Kolchosbäuerin der Bildhauerin Wera Muchina (1889–1953) auf
dem Sowjetpavillon, weil dahinter einmal kein Bildungserlebnis steht,
sondern der Versuch, eine Riesenplastik direkt aus dem Lebensgefühl
heraus zu schaffen.
1939 gerät Geiser in eine Krise: Kriegsausbruch, Aktivdienst,
Geldknappheit. Er versucht sie künstlerisch zu bewältigen: in Fotografien,
Zeichnungen und wenigen Plastiken hält er den Soldatenalltag fest. Von
Freunden und Bekannten vermittelte Porträtaufträge helfen mit,
materielle Engpässe zu lindern. 1941 zeigt das Kunstmuseum
Winterthur Plastiken, Zeichnungen und Radierungen von Geiser. Es ist
die einzige grössere Gesamtausstellung zu Lebzeiten des Künstlers.
Um 1942 entstehen die Velorennfahrer-Plastiken, begleitet von
zahlreichen Fotografien. Die Modelle findet Geiser bei den Radrennen
auf der offenen Rennbahn von Zürich-Oerlikon. Nach wie vor gilt sein
Interesse aber der weiblichen Aktplastik. In den 1940er-Jahren
entstehen mehrere lebensgrosse Frauenfiguren in Gips, an denen er
meist gleichzeitig arbeitet (Hulda, Doris, Die Italienerin).
1944 veröffentlicht der Kunsthistoriker Hans Naef (1924–2000)in einer
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kleinen Auflage eine Mappe mit 23 Originalfotografien Geisers. Innerhalb
weniger Jahre erhält Geiser drei bedeutende Aufträge für öffentliche
Plastiken: 1944 bestellen die Solothurner Behörden bei ihm eine
überlebensgrosse David-Figur für die neue Kantonsschule, 1947
gewinnt er den Wettbewerb für ein Denkmal zur Erinnerung an die
Bombenopfer von Schaffhausen und 1952 geht er erfolgreich aus der
Konkurrenz um ein Denkmal der Arbeit für den Zürcher Helvetiaplatz
hervor. Doch der äussere Erfolg trügt. Keine dieser Auftragsarbeiten
vermag Geiser zu vollenden. Zu sehr quält er sich mit dem Anspruch, für
die Öffentlichkeit «etwas Rechtes» zu schaffen, und so zögert er die
Ablieferung immer wieder hinaus. Zwar beflügelt ihn zunächst der
Gedanke, im Arbeiterdenkmal endlich seine Vorstellung eines «neuen
Realismus» in einer Grossplastik verwirklichen zu können. Er sieht
seine Zukunft als «troisième force» – in einer Kunst, die weder vom Staat
noch vom Kunsthandel diktiert wird. Mehrere Male reist er nach Venedig,
unter anderem der Biennale wegen (1948, 1950, 1952, 1954), aber die
internationale Kunstschau lässt ihn zumeist kalt. Hingegen zieht das
tägliche Leben in den venezianischen Arbeiterquartieren ihn immer
stärker in seinen Bann: unablässig fotografiert und zeichnet er die in
Gruppen zusammenstehenden schwatzenden Frauen, die in den
Gassen spielenden Kinder, das Treiben auf dem Fischmarkt, die
Grossmütter mit ihren Enkeln oder die heimkehrenden Arbeiter. Voller
Tatendrang und Visionen für seine zukünftige Arbeit kehrt er jeweils nach
Zürich zurück – doch hier erwarten ihn die unerledigten Aufträge. Immer
häufiger auftretende Depressionen sind die Folge; die Arbeit an der
David-Figur treibt ihn fast zur totalen Erschöpfung. Ein Tagebuch, das im
März 1955 einsetzt, zeugt von einer verzweifelten Gehetztheit. Am 5. April
1957 wird Geiser tot in seinem Atelier aufgefunden. Alle Umstände
deuten darauf hin, dass er sich das Leben genommen hat.
Geisers Kunst ist vor allem Menschendarstellung. In seinen Figuren,
Zeichnungen und Fotografien ist durchweg der Wille spürbar, die
Dargestellten in ihrer menschlichen Würde wiederzugeben. Geiser ist
überzeugt, dass ein Bild des Menschen diesem Anspruch nur genügen
kann, wenn es aus dem unmittelbaren Lebensgefühl heraus entsteht.
Der Massstab für die Qualität einer Plastik liegt für ihn nicht etwa in der
Behandlung des Materials oder in der formalen Ausgestaltung, sondern
allein in der Intensität des Erlebnisses, in der sinnlichen Erfahrung, die
sie vermitteln kann.
1937 – im Jahr der Weltausstellung in Paris, und ein Jahr nach der
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«querelle du réalisme» – fragt Geiser in einem Brief den Adressaten:
«Hast Du bemerkt, wie ich mich vom erotisch-sentimentalen zu einem
sachlich-dokumentären Stil entwickle?» (Naef 1959, S. 26). Damit
bezeichnet er treffend zwei Positionen, die seine Auffassung von Kunst
charakterisieren. Sicher können die frühen Knabenakte aus den 1920erJahren (Fritzli, Franz, Daniel) und die gleichzeitigen weiblichen Halbund Ganzfiguren (Frau mit Mieder, Cornelia, Zöpfeflechtendes Mädchen)
kurzweg als «erotisch-sentimental» bezeichnet werden, und die Entwürfe
zum Denkmal der Arbeit aus den 1950er-Jahren als «sachlichdokumentär»; doch wäre es verfehlt, diese Charakterisierungen als
Etikett für das Früh- oder Spätwerk – oder etwa einseitig im Sinne von
Klassizismus oder Realismus – zu verwenden. Beide sind bei Geiser
Ausdruck einer unmittelbaren, sinnlichen Haltung gegenüber dem
Dargestellten, die sein gesamtes Schaffen über die Jahre hinweg
bestimmt.
Werke: Aarau, Aargauer Kunsthaus; Kunstmuseum Bern (nahezu
vollständige Kollektion der Druckgrafik); Bern, Gymnasium Kirchenfeld,
Knabengruppe und Mädchengruppe, 1926–1938, Bronze; Chur, Bündner
Kunstmuseum; Kunsthaus Glarus; Langnau im Emmental, Stiftung
Kunst auf dem Land; Bern, Knabensekundarschulhaus Munzinger,
Wandbrunnenrelief mit drei Schulbuben, 1924, Stein; Kunstmuseum
Olten; Kunstmuseum Thun; Schaffhausen, Museum zu Allerheiligen;
Schaffhausen, Münster, David (bekleidet), (postum aufgestellt, anstelle
des von Geiser nie vollendeten Denkmals zur Erinnerung an die
Bombenopfer), 1944–1957, Bronze; Schaffhausen, Klostergarten, David
(nackt, Variante), 1944–1957, Bronze; Kunstmuseum Solothurn;
Solothurn, Kantonsschule, David (nackt), 1944–1957, Bronze;
Kunstmuseum Winterthur; Winterthur, Fotostiftung Schweizer
(Fotografischer Nachlass); Winterthur, Eingangszone Kunstmuseum,
zwei Figuren-Reliefs, 1926–28, Stuck; Winterthur, Friedhof Rosenberg,
Engel, 1932–35, Bronze auf hohem Betonpfeiler; Zürich, Graphische
Sammlung der ETH (Zeichnerischer Nachlass); Kunsthaus Zürich;
Zürich, Muraltengut, Schreitender Jüngling, um 1927, Bronze; Zürich,
Kantonales Verwaltungsgebäude Walche, Schreitender Löwe, 1934–39,
Stein; Zürich, Helvetiaplatz, Denkmal der Arbeit, 1952–57, Bronze (1964
aufgestellt); Kunsthaus Zug.
Urs Hobi, 1998, aktualisiert 2011
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Literaturauswahl
- Alexander J. Seiler: Geysir und Goliath. Karl Geiser - Bildhauer,
Zeichner, Fotograf. [Zürich]: Limmat-Verlag, [2011], [DVD], 52 Min.
- Jan Morgenthaler: Der Mann mit der Hand im Auge. Die
Lebensgeschichte von Karl Geiser. Zürich: Limmat Verlag
Genossenschaft, 1988
- Karl Geiser 1898-1957. Plastiken, Zeichnungen, Radierungen,
Photographien. Kunsthaus Zürich, 1988. Texte: Urs Hobi, Reinhold Hohl,
Guido Magnaguagno. Zürich, 1988
- Karl Geiser. Stiftung «Kunst auf dem Lande». Kunstmuseum Olten,
1987. Texte: Urs Hobi, Peter Killer und Hans Ulrich Schwaar. Olten, 1987
- Hans Naef: «Der Zeichnungsnachlass von Karl Geiser». In:
Neujahrsblatt der Zürcher Kunstgesellschaft, 1960
- Hans Naef: Karl Geiser. Zeichnungen. Zürich: Manesse, 1959
- Hans Naef: Karl Geiser. Das graphische Werk. Zürich: Manesse, 1957
- Waldemar George: Karl Geiser. Paris: Editions des quatre chemins,
1932 (Schweizer Künstler)
- Karl Geiser: «Anmerkungen über Plastik». In: Neue Zürcher Zeitung,
26.7.1931
- Karl Geiser: «Deutschland und die neue Kunst». In: Werk, März/April,
1925. [1921 geschrieben]. S. 85-90, 120-122
Nachschlagewerke
- E. Bénézit: Dictionnaire critique et documentaire des peintres,
sculpteurs, dessinateurs et graveurs de tous les temps et de tous les pays
par un groupe d'écrivains spécialistes français et étrangers. Nouvelle
édition entièrement refondue sous la direction de Jacques Busse. Paris:
Gründ, 1999, 14 vol.
- Biografisches Lexikon der Schweizer Kunst. Dictionnaire biographique
de l'art suisse. Dizionario biografico dell'arte svizzera. Hrsg.:
Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich und Lausanne;
Leitung: Karl Jost. Zürich: Neue Zürcher Zeitung, 1998, 2 Bde.
- Künstlerlexikon der Schweiz. XX. Jahrhundert, Hrsg.: Verein zur
Herausgabe des schweizerischen Künstler-Lexikons; Redaktion: Eduard
Plüss. Hans Christoph von Tavel, Frauenfeld: Huber, 1958-1967, 2 Bde.
[unveränderter Neudruck 1983].
- Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler des XX. Jahrhunderts.
Unter Mitwirkung von Fachgelehrten des In- und Auslandes bearbeitet,
redigiert und herausgegeben von Hans Vollmer. 6 Bände. Leipzig:
Seemann, [1953-1962] [unveränderter Nachdruck: München: Deutscher
Taschenbuch Verlag, 1992]
Website
SIK-ISEA, Virtuelle Vitrine
Seite 6/7, http://www.sikart.ch
Fotostiftung Schweiz
Archiv
SIK-ISEA, Schweizerisches Kunstarchiv, HNA 070; HNA 244; HNA 279;
HNA 955
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15.02.2016
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AutorIn: Titel [Datum der Publikation], Quellenangabe, <URL>, Datum
des Zugriffs. Beispiel: Oskar Bätschmann: Hodler, Ferdinand [2008,
2011], in: SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz,
http://www.sikart.ch/kuenstlerinnen.aspx?id=4000055, Zugriff vom
13.9.2012.
Seite 7/7, http://www.sikart.ch