Hilfe für existenzgefährdete Betriebe beim Schopf ergreifen

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Finanzen
BAUERNBLATT l 12. Dezember 2015 ■
Beratung rund um das Geld: Sozioökonomische Beratung
Hilfe für existenzgefährdete Betriebe beim Schopf ergreifen
Schwierige Situationen erfordern
eine besondere Unterstützung für
landwirtschaftliche Familien. In
oftmals existenzgefährdenden Situationen entwickeln die sozioökonomischen Beratungskräfte
der Landwirtschaftskammer gemeinsam mit der Familie Problemlösungen für den Betrieb und helfen bei der Umsetzung notwendiger Schritte. Rund ein Drittel der
landwirtschaftlichen Unternehmen gilt derzeit als finanziell gefährdet. Schon für die nahe Zukunft wird aufgrund der schwierigeren Rahmenbedingungen, insbesondere der volatilen Märkte,
ein verstärkter Strukturwandel in Sozioökonomische Beratung kann Lösungswege aus der Krise aufzeigen.
der Landwirtschaft die Folge sein.
Foto: landpixel
Erste Warnzeichen einer Unternehmensgefährdung sind oftmals
an langfristigen Eigenkapitalverlusten und schrumpfenden Rücklagen
abzulesen. Wenn kurzfristige Verbindlichkeiten stark ansteigen und
Lieferantenkredite ebenfalls bestehen, ist dringender Handlungsbedarf geboten. Die sozioökonomischen Berater sind betriebswirtschaftliche Experten mit langjähriger Erfahrung, die auch die persönliche Tragweite der Probleme erkennen und verstehen. Die betrieblichen Anliegen werden selbstverständlich vertraulich behandelt. Je
früher die Berater hinzugezogen
werden, desto mehr Handlungsspielräume zur Einkommens- und
Vermögenssicherung bestehen.
Das Aufgabengebiet der sozioökonomischen Berater ist vielfältig.
Es geht darum, Gewinnreserven bei
den Betrieben aufzudecken und anschließend mit der Familie auf diesen Grundlagen Konzepte für die
Zukunft zu entwickeln. Dabei kann
als Ergebnis herauskommen, dass
entweder der Betrieb durch entsprechende Umstellungen weitergeführt werden kann oder aber Rückzugsvarianten aus der Landwirtschaft vorstellbar werden. Oberstes
Ziel ist dabei immer, möglichst viel
Vermögen zu erhalten.
Zukunftskonzepte
entwickeln
Zu Beginn eines Beratungsgespräches steht oftmals eine intensive Betriebsanalyse – die Zahlen aus der Bilanz sowie der Gewinn- und Verlustrechnung – im Hinblick auf die Ana-
lyse der Rentabilität, Liquidität und
Stabilität eines Betriebes. Hieraus
können produktionstechnische Reserven sowie Kosteneinsparungsmöglichkeiten im Bereich der Betriebsorganisation und insbesondere Alternativen zu einer besseren Finanzierung der Unternehmen abgeleitet werden.
Anhand der Ergebnisse besprechen Familie und Berater dann gemeinsam verschiedene Entwicklungs- und Anpassungsmöglichkeiten mit dem Ziel, stabile Lösungen
zur Einkommens- und Vermögenssicherung zu finden. Je nach persönlicher und betrieblicher Ausgangssituation können diese sehr unterschiedlich aussehen. Für rund ein
Drittel der Betriebe bestehen aus der
Erfahrung in der Beratungspraxis
heraus Konsolidierungsmöglichkeiten. Die Unternehmen können nach
besonderen
Anpassungsschritten
langfristig im Haupterwerb fortgeführt werden. Für die verbleibenden
zwei Drittel bieten kurz- oder mittel-
fristige Ausstiegskonzepte besondere Möglichkeiten zur finanziellen
Stabilisierung.
Die Chancen
selbst ergreifen
Wichtig für die Familien ist, selbst
initiativ zu werden und die besprochenen, notwendigen Maßnahmen
auch konsequent umzusetzen. Bei
Bedarf unterstützen die Berater die
Familien bei diesen konkreten Umsetzungsschritten – zum Beispiel bei
Bankgesprächen, Verhandlungen
und Antragstellungen auch gegenüber anderen Institutionen.
Betriebsumstellungen
oder Rückzug
Hofnachfolger. Wenn bereits jetzt die
finanzielle Situation sehr eng ist,
muss ein Rückzugskonzept besonders sorgfältig geplant werden. Ein
„Fahrplan“ für die Arbeitswirtschaft,
Investitionen, Finanzierung, Flächenund Prämienverwertung bietet nicht
nur persönliche Klarheit, sondern ist
unverzichtbare Grundlage für eine
langfristige Vermögenssicherung.
Ein Beispiel
aus der Beratung
Bernd Peters, 55 Jahre alt, und seine Frau Heike, fünf Jahre jünger, bewirtschaften einen 105 ha umfassenden Futterbaubetrieb mit 90 Milchkühen. Bisher wurden rund
650.000 kg Milch an die Molkerei geliefert. Die männliche Nachzucht
wird zum Teil gemästet, und 15 ha
stehen dem Marktfruchtbau zur Verfügung. Das Ertragsniveau liegt bei
72 dt/ha Getreide beziehungsweise
40 dt/ha Raps. Der gemeinsame
Sohn Klaus, 20 Jahre, besucht die Höhere Landbauschule (HöLa) zur weiteren Vorbereitung auf seinen späteren landwirtschaftlichen Beruf. Alles lief in geordneten Bahnen. Die
Arbeit war mithilfe des Einsatzes von
Lohnunternehmen und Maschinenringen noch gut zu bewältigen. Die
verbleibende kurze Zeit bis zum
Schulabschluss des Sohnes würde die
Familie schon managen.
In den Jahresabschlüssen der vergangenen Jahre wurde im Mittel ein
Gewinn von gut 110.000 € erzielt.
Nach Abzug der Privatentnahmen
und einer privaten Vermögensbildung von 65.000 € sowie einer Tilgung von 30.000 € verblieben gut
15.000 € Eigenkapital zum Beispiel
für weitere Investitionen im Betrieb,
ohne auf andere Abschreibungen zurückgreifen zu müssen. Doch die finanziell guten Zeiten haben sich abrupt verändert. Ein deutlicher Preisrückgang bei der Milch und eine
schwere Erkrankung des Betriebsleiters haben das bisher stabile System
über den Haufen geworfen. Die Familie entscheidet sich, eine Beratung
für die weiteren jetzt notwendigen
Schritte in Anspruch zu nehmen.
Familie und Betrieb sind in der
Landwirtschaft aufs Engste verbunden. Schwere Erkrankungen des Betriebsleiters beziehungsweise der
Ehefrau oder gar ein Todesfall erfordern oft weitreichende Betriebsumstellungen. Hier
bieten die sozioökonomischen
Beratungskräfte
der Landwirtschaftskammer
wichtigen Rat
und Unterstützung.
Viele der landwirtschaftlichen
Betriebe
in
Vorgehensweise
Schleswig-Holder Beratung
stein haben aus
unterMit dem Berater gemeinsam wird
Familie und Berater besprechen verschiedene Möglichkei- ganz
das betriebliche und familiäre Umten mit dem Ziel, stabile Lösungen zur Einkommenssiche- schiedlichen
rung zu finden.
Foto: landpixel Gründen keinen feld analysiert. Die Szenarien „Wei-
Finanzen
■ BAUERNBLATT l 12. Dezember 2015
terführung“, „Umstellung“ oder
„Aufgabe“ des Betriebs werden in
ihren finanziellen Dimensionen aufgezeigt. Die Vorstellungen der Familie bilden bei der Erörterung der
Handlungsalternativen immer die
Grundlage. Deshalb sind Zahlen bei
diesen Planungsrechnungen nur eine Seite der Betrachtung. Im Mittelpunkt, und damit viel wichtiger, sind
die Äußerungen, Wünsche und Reaktionen der betroffenen Menschen.
In schweren Zeiten, in denen
grundlegend über die Zukunft eines Betriebs entschieden werden
muss, gilt es vor allem, die emotionale Belastung der Beteiligten zu
erfassen und zu berücksichtigen.
Besonders wichtig ist hierbei zu akzeptieren, dass die neue Situation
von der Familie oftmals als Bedrohung empfunden wird. Wer sich
aber bedroht fühlt, ist in der Regel
nicht sehr handlungsfähig. Soll oder
muss ein Veränderungsprozess in
Gang gesetzt und durchgeführt
werden, benötigen die betroffenen
Menschen hierfür Kraft und Ener-
ZINSBAROMETER
Stand 7. Dezember 2015
Die Zinsspannen am Kapitalmarkt nehmen zu. Das Zinsbarometer bietet lediglich erste
Anhaltspunkte zur aktuellen
Kapitalmarktsituation (ohne
Gewähr). Bei den gekennzeichneten Zinssätzen können sich je
nach persönlicher Verhandlungssituation deutliche Abweichungen ergeben.
Zinsen
Geldanlage
%
Festgeld 10.000 €,
3 Monate1)
0,05 - 1,40
Kredite
Landwirtschaftliche Rentenbank2)
% effektiv
(Sonderkreditprogramm)
Maschinenfinanzierung
6 Jahre Laufzeit,
Zins 6 Jahre fest
1,00
langfristige Darlehen
10 Jahre Laufzeit,
Zins 5 Jahre fest
1,00
20 Jahre Laufzeit,
Zins 10 Jahre fest
1,41
Baugeld-Topkonditionen3)
Zins 10 Jahre fest 1,32 - 1,84
Zins 15 Jahre fest 1,82 - 2,34
1) Marktausschnitt (100 % Einlagensicherung)
2) Zinssatz Preisklasse A, Margenaufschlag
0,35 bis 2,85 %, je nach Bonität und Besicherung (7 Preisklassen)
3) Quelle: www.capital.de
(Spanne der Topkonditionen)
FAZIT
Vor allem für Milchviehbetriebe ist die finanzielle Situation im Moment sehr
angespannt.
Foto: Isa-Maria Kuhn
gie. Wenn die beteiligten Personen
erkennen, dass die neue Situation
für sie auch eine Chance sein kann,
kommt oft Bewegung in den Veränderungsprozess.
Entscheidung
und Folgen
In dem vorliegenden Fall entschied
sich die Familie für eine Aufgabe des
Betriebs. Mit der Bank wurde eine
Vereinbarung getroffen, wie durch
Inventarverkäufe die vorhandenen
Verbindlichkeiten
zurückgeführt
werden können. Auch der Landhandel unterstützte das vorgelegte Kon-
zept. Durch den Verkauf einer 1,5 ha
großen Wiese mit Teich konnten die
letzten Verbindlichkeiten vollständig
getilgt werden. Die verbliebenen eigenen Betriebsflächen und der Stall
wurden verpachtet.
Bernd Peters fand nach kurzer Zeit
eine Anstellung als Hausmeister. Seine Frau Heike arbeitet jetzt halbtags
in einer Pflegeeinrichtung. Die Altersversorgung des Betriebsleiterehepaars konnte gesichert werden.
Der Sohn Klaus wird nach Abschluss
der HöLa noch die Fachhochschule
besuchen. Dann hat er alle Optionen
für seine berufliche Zukunft in der
Agrarwirtschaft.
Viele Betriebe stehen aufgrund
der volatilen Märkte derzeit
vor schwierigen Zeiten im Hinblick auf ihre weitere Entwicklung. Dies gilt für die Höfe und
somit das eigene Vermögen,
aber auch, und dies im Besonderen, für die betroffenen Personen in den Landwirtschaftsfamilien. Bei manchen Betrieben ist sogar die Existenz gefährdet.
Geschulte Beratungskräfte der
Landwirtschaftskammer können in diesen Situationen helfen, wenn es zum einen darum
geht, Vermögenswerte zu erhalten, und zum anderen insbesondere darum, Familienmitglieder positiv in die Zukunft zu begleiten. Nicht immer geht es um die Betriebsaufgabe. In vielen Fällen reicht
eine Umstellung des Betriebs,
um ihn dann in anderer Form
weiterzuführen.
Dr. Karl-Heinrich Deerberg
Landwirtschaftskammer
Tel.: 0 43 31-94 53-220
[email protected]
Jens Rohwer
Landwirtschaftskammer
Tel.: 04 31-94 53-231
[email protected]
Chancen und Risiken der Niedrigzinsphase
Betriebsfinanzierung und Altersvorsorge ohne Fallen
Um die Betriebsfinanzierung und
die Altersvorsorge in der Niedrigzinsphase geht es bei einer öffentlichen Vortrags- und Diskussionsveranstaltung der DLG-Arbeitsgruppe
Banken und Versicherungen am 11.
Januar 2016 im Rahmen der DLGWintertagung in München.
Die Kapitalmarktzinsen bewegen
sich seit Jahren auf einem historischen Tiefstand. Für Unternehmer
bieten sich dadurch Möglichkeiten,
Investitionen günstig zu finanzieren und gegebenenfalls kurzfristige
Verbindlichkeiten langfristig umzuschulden. Dies ist jedoch auch mit
Risiken verbunden. Denn steigende
Zinsen nach Ablauf der Zinsbindungsphase und zu kurz gewählte
Darlehenslaufzeiten können die Liquidität in der Zukunft stark beein-
trächtigen. Auch auf die richtige Altersvorsorge ist in der Niedrigzinsphase zu achten. Die Veranstaltung
findet im Internationalen Congress
Center München (ICM) im Saal 13a
statt und beginnt um 17 Uhr.
Nach der Begrüßung durch den
Vorsitzenden der DLG-Arbeitsgruppe Banken und Versicherungen, Dr.
Rüdiger Fuhrmann, Leiter Agrarbanking bei der Nord/LB in Hannover,
geht es in einem Einführungsvortrag
um Fragen zur Konjunktur, zur Zinspolitik und zur Sachwertentwicklung. Hierzu referiert Wilfried Gerling, Vorstandsmitglied der Münchner Bank eG. Worauf Unternehmer
beim Finanzieren in der Niedrigzinsphase achten sollen, erläutert Christopher Braun, Abteilungsdirektor
Landwirtschaft, bei der DZ Bank AG
in Frankfurt am Main. Welche Rolle
die Lebensversicherung bei der Altersvorsorge heutzutage spielt, darüber informiert Ulrike Taube, Bereichsleiterin R+V Lebensversicherung AG in Wiesbaden. Aus Sicht der
Praxis nimmt der Land- und Energiewirt Jörg Lange aus Petershagen
(Nordrhein-Westfalen) Stellung. Er
stellt seine Strategie in Bezug auf das
Investieren und Vorsorgen in der
Niedrigzinsphase vor.
Die Teilnahme an dieser Veranstaltung ist kostenfrei. Aus organisatorischen Gründen wird um eine vorherige Anmeldung gebeten.
Diese kann online unter http://
www.dlg.org/wintertagung.html
vorgenommen werden. Interessenten finden unter diesem Link zudem
das vollständige Veranstaltungsprogramm.
pm DLG
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