Bericht - Sarabella

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Frühlingstörn Kos - Athen 05. - 14. Mai 2015
Segeln hat ja viel mit überraschenden
Situationen zu tun, die das Ganze eben
spannend und anspruchsvoll machen. Die
erste Überraschung – eine bürokratische –
war aber dann doch zu viel des Guten. Die
zweite – ein dreitägiger Sturm - gehört in
diesem Segelgebiet allerdings eher zu den
möglichen Anforderungen.
Unsere Oldie-Crew (Lindi und Lucien)
packte alles positiv an, so dass es am
Ende doch noch eine erfolgreiche
Segelreise wurde.
.
Wir dürfen nicht absegeln!
„No, you cannot sail, you have no transitlog“ sagte der Zollbeamte, als wir endlich
im zweiten Versuch am Montag im
Zollbüro vorsprachen. Die Woche vorher
konnte der anwesende Beamte unsere
Yacht nicht im Computersystem finden und
wegen dem 1.Mai, verzögerte sich alles
nochmals um 4 Tage. Lange Gesichter bei
Lindi und Lucien, die nun schon einen Tag
warteten und endlich mit dem schönen
Wind, der vor der Marina Kos blies, Richtung Athen segeln wollten.
Was war geschehen? Letzten Herbst hatte ich das alte Transitlog vorschriftsgemäss beim Zoll abgegeben, allerdings war
es das zweite Zollbüro, das für Ausreisen
in die Türkei zuständig war. Die Beamtin
nahm das Log entgegen, schaute kurz rein
und fragte, wo wir die Sarabella liegen hätten. „We leave it Kos Marina over winter“,
antwortete ich. „OK, you can go“, meinte
sie. Hier geschah Fehler Nummer eins:
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Die Beamtin hätte unser Boot unter Zollverschluss nehmen müssen, damit die erforderliche 6-monatige Karenzzeit zur Erlangung des neuen Logs im nächsten
Frühling eingehalten ist.
Das vermaledeite Transitlog mit dem falschen Ausreisestempfel
Als wir nun im (richtigen) Zollbüro standen,
erklärte mir der Beamte, ich hätte letzten
Herbst eine Woche vor Abgabe, in für die
Türkei ausklariert, dabei waren wir an diesem Tag in Kos und konnten dies mittels
Hafenquittung und Logbuch beweisen. Wie
dieser Stempel in mein Transitlog kam, ist
bis heute in Rätsel! Und damit war der
Fehler übersehen worden und das Log
wurde ins Hauptbüro nach Piraeus geschickt. Damit war die Kacke am Dampfen
und die Sarabella war unter Zollverschluss. Wir durften nicht absegeln! Wir
wurden auf eine „Anhörung“ auf Dienstag
vertröstet.
Um es kurz zu machen: Nach drei Stunden
konnte ich das neue Transitlog von Yannis
dem Agenten für solche Zollgeschichten,
entgegen nehmen. Kostenpunkt: 325 Euro
Busse (wofür??) und 30 Euro für das Papier. Dass alles ohne Quittung ablief, muss
ich wohl nicht erwähnen.
Ab nach Pserimos!
Aber jetzt hielt uns nichts mehr, da es nun
schon Dienstag Mittag war und „nur“ noch
schnell die defekte, kaum drei Monate alte
(!) Elektrotoilette, durch die manuelle Version ersetzt werden musste.
Zollverschluss
Am nächsten Tag glaubten uns zwar die
Beamten – die Beweise waren einleuchtend und erdrückend – aber für die
Schreibtischtäter in Piraeus waren sie weder schlüssig noch von Bedeutung. Das
bedeutete, sie mussten eine Geschichte
erfinden, wie diese Fehler passieren konnten. Zum Glück half mir Christos, der als
Basisleiter für das Boot verantwortlich war.
Ich sass da wie begossener Pudel und
über meinen Kopf hinweg wurde – wohlverstanden in Griechisch – mit viel Brimborium, Hände verwerfen und offensichtlichen Flüchen das Ganze zu Papier gebracht.
Die
(zweite)
elektrische WCPumpe
hat
den
Winter
nicht
überlebt.
Sie
war
nur
drei
Monate in Gebrauch! Es muss wieder von Hand
gepumpt werden.
Endlich können wir segeln! Lindi ist am Steuer.
Nach nur 2 Stunden gemütlichem Segeln
legen wir als einziges Boot längsseits im
kleinen Hafen von Pserimos an und genossen den ersten Apéro. Was für ein Saisonstart!
Endlich habe ich das ersehnte Transitlog, nur sind
wir € 365 ärmer.
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Damit hatten wir die letzte Insel der Dodekanes Gruppe erreicht. Ab morgen werden
wir mit dem Ziel Amorgos zu den Kykladen
wechseln.
Die Kykladen empfangen uns sanft
Als wir von Levitha absegelten, wussten
wir noch nicht, dass dies der letzte Leichtwindtag gewesen sein sollte.
Der erste Apéro an Bord in Pserimos.
Die 40 Meilen bis Amorgos verliefen teils
unter Segel (25 sm) oder Motor ereignislos. Ohne Probleme legten wir Katapola
an. Doch schon der nächste Morgen liess
ahnen, dass es nun zur Sache gehen wird.
Bevor wir aber beim Rausfahren die Segel
setzen konnten, winkte uns ein Fischer
wild mit seinen Armen. Zuerst dachten wir,
er wollte uns Fische verkaufen, aber sein
Zeichen war eindeutig: er hatte einen Motorenschaden und treib trotz heftigem Rudern unweigerlich auf die Felsen zu. Also
nahmen wir ihn in den Schlepptau zurück
in den Hafen.
Wir sind die Einzigen in Pserimos.
Wir verlassen die Dodekanes
Am nächsten Morgen nahmen wir die 25
Meilen zur „Schäflein“-Insel Levitha unter
den Kiel, was wir bei angenehmen drei
Beaufort spielend schafften. Verwundert
waren wir allerdings, als wir hier zehn Boote, an den vom einzigen Wirt der Insel gelegten Bojen, antrafen. Wir holten uns
diesmal die Schafsklösse (meatballs) aus
der Küche und kochten an Bord, da wir
unseren Gästen den mühsamen und steinigen Weg zur Taverna ersparen wollten.
Wir retten einen Fischer mit Motorschaden und
schleppen ihn zurück in den Hafen von Amorgos.
Ios rettet uns vor dem ersten Starkwind
Kaum hatten wir von Amorgos abgelegt,
frischte der Wind auf 15 Knoten auf. Doch
wir hatten Glück: Obwohl Nordwind
herrschte, konnten wir die Insel Ios mit eiWir hängen uns an eine Boje bei Levitha.
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nem Amwindkurs von 330 Grad ohne aufkreuzen zu müssen, anlegen.
Den heutigen Apéro genossen wir verdientermassen! Sollte es so weitergehen? Es
sollte und es kam noch viel dicker!
Serifos: Wir werden eingeweht
Lucien geniesst das Steuern bei 20 Knoten.
Nach zwanzig Meilen frischte es nochmals
fünf Knoten auf und wir reduzierten erneut
die Segelfläche. Ziemlich erschöpft erreichten wir nach 54 Meilen den Hafen von
Ios. „Wie sollen wir anlegen?“, fragte die
Crew sorgenvoll, als es bei der Anfahrt mit
25 Knoten Gegenwind bliess. „Keine Sorge“, meinte ich, „nach der Hafenecke ist
der Wind weg“.
Die Windgrenze liegt kaum 50 Meter vor unserem
Anlegeplatz in Ios.
Die Prognosen verhiessen, das, was in
den Kykladen des öftern vorkommt. Der
Nord- oder Nordwestwind nimmt Sturmstärke an. Muss man dann noch gegenan
segeln, muss man entweder ziemlich masochistisch veranlagt sein und eine Mannschaft haben, denen solche Strapazen
nichts ausmacht. Nun Lindi mit ihren 77
und Lucien mit seinen 87 Jahren war das
eindeutig zu viel, was natürlich verständlich war.
Folglich segelten wir so lange wie wir
konnten nach Norden, d.h. bis Serifos und
hatten das Glück uns an eine der stärksten
Mooringbojen hängen zu können. Sie wird
in den nächsten vier Tagen Windböen bis
50 Knoten (ca. 100 km/h) aushalten müssen. Der kleine Hafen war voll und für unseren Tiefgang nicht geeignet.
Ein solcher Wind, ähnlich dem Meltemi,
der aber normalerweise nur im Sommer
bläst, war für diese Jahreszeit sehr aussergewöhnlich. Die Isobarenkarte (s. unten) zeigt es aber deutlich. Wir sassen
zwischen einem Tiefdruckgebiet im Süden
und einem kalten Hoch über Russland,
das Nordwind brachte.
Und tatsächlich, kaum waren wir im geschützten Hafenteil hinter den Häusern,
konnten wir mit Buganker am Steg anlegen.
Die Isobarenkarte zeigt es deutlich: wir sind zwischen einem Hoch über Russland und einem Tief
über der Südtürkei eingeklemmt.
Ios Hafen im Nachtlicht der untergehenden Sonne.
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von den Beinen geweht und konnten das
kochende Meer ehrfurchtsvoll betrachten.
„Zum Glück sind wir geblieben“, meinten
sie einstimmig, obwohl sie als gestandene
Segler schon viel erlebt hatten.
Eine kleine Schicksalsgemeinschaft an der
Mooringbojen Serifos: Ann und Alan mit ihrer Malö
und die Sarabella im Hintergrund.
Wer nun glaubt, dass dies Anlass zu Trübsal blasen wäre, kennt Griechenland nicht.
Erstens gibt es bei solchen Windverhältnissen jeden Abend Hafenkino, wenn wieder neue Boote anzulegen oder zu Ankern
versuchen. Es ist manchmal schon himmeltraurig, wie wenig Seemannschaft vor
allem die Chartercrews an den Tag legen.
Den Vogel schoss aber ein australisches
Ehepaar ab, die am ersten Tag zwei Stunden zu ankern versuchten und am nächsten Tag bei der Hafeneinfahrt (ohne Leinen und Fender!) dem Nachbarboot das
halbe Rigg abrasierten und ihre Selbststeueranlage zertrümmerten.
Der Hauptort hoch oben am Berg.
Zweitens gibt es auf diesen Inseln immer
was zu entdecken: Den am Berg oben gelegenen Hauptort (die „Chora“) ein reizendes Dörflein mit typisch kykladischer Ambiente (blaue Häuser, schmale Gassen,
gastfreundliche Leute).
Die „Chora“ und eine typische Ecke mit orthodoxer
Kapelle.
Die Aussicht von der Bergspitze des Hauptorts und
das kochende Meer im Hintergrund.
Lucien und Lindi fuhren mit dem Dorfbus
hoch, genossen die Aussicht, wurden fast
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Es wurde uns folglich in den vier Tagen
kaum langweilig, wenn wir nicht mit dem
Dinghi an Land gingen, lasen wir (Lindi:
„Endlich habe ich Zeit zum Lesen“) oder
kommunizierten via WhatsApp (Wifi
aboard sei Dank) mit der Familie zu Hause.
Ein Abschluss nach Mass
Nach vier Tagen war der Spuk vorbei, die
Boje hatte gehalten und am letzten Abend
konnten wir in Ruhe an Land essen gehen.
Nach zwei Stunden unter Motor ankerten
wir für den Mittagshalt in Kythnos in der
Bucht mit der heissen Quelle und Regi und
Lindi genossen das Bad in der Steinbadewanne.
Das heisse Bad in der Quellen-Steinbadewanne.
Wir geniessen nach vier Tagen das Essen an Land.
Am Donnerstag früh lösten wir die Leinen
und fuhren unter Flaute aus der Bucht von
Serifos, kurvten um die Südecke und
nahmen Kurs auf das 40 Meilen entfernte
Athen.
Nach einer Stunde hievten wir den Anker
und segelten bald schon unter Gennaker
an Kea vorbei. Jetzt waren es noch sieben
Meilen bis zur Marina in Lavrion.
Am Donnerstag Abend legten wir nach 245
sm in der Olympic Marina in Lavrion bei
Athen an.
Unsere Segelstrecke: Kos – Pserimos – Levitha – Amorgos – Ios –
Serifos – Kythnos - Athen
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