Kompletter Erfahrungsbericht - IAESTE Lokalkomitee Rostock

Praktikumsbericht UNESP Guaratinguetá, Brasilien 2015
Im Rahmen des IAESTE-Programms habe ich von Oktober bis Dezember 2015 ein 12-wöchiges Praktikum
an der staatlichen Universität von Sao Paulo (UNESP), genauer gesagt an der Fakultät für
Ingenieurwissenschaften (FEG: Faculdade de Engenharia) in Guaratinguetá, absolviert. Im Folgenden
möchte ich von den persönlichen Erfahrungen während des Praktikums berichten sowie ein paar Tipps
geben, die zukünftigen Praktikanten den Einstieg erleichtern könnten.
Ankunft
Ich bin mit Condor von Frankfurt über Recife nach Sao Paulo geflogen und gegen Mitternacht am Flughafen
Sao Paulo - Guarulhos angekommen. Da es zu dieser Zeit aufgrund der Sicherheitslage und Infrastruktur
bedenklich ist, mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt zu fahren, wurde ich nach Absprache
freundlicherweise von einem IAESTE-Mitarbeiter (in Brasilien Teil einer Organisation namens ABIPE) mit
dem Auto abgeholt und zu einem Hostel gefahren. Nachdem er mich am nächsten Tag ein wenig durch die
Innenstadt geführt hat, bin ich vom (gut mit der Metro zu erreichenden) Busterminal nach Guaratinguetá
gefahren (Bustickets sind am einfachsten und günstigsten in den Verkaufsstellen der jeweiligen
Busunternehmen am Terminal zu erwerben). In Guaratinguetá angekommen, wurde ich von den zukünftigen
Mitbewohnern mit dem Auto abgeholt. Gleich zu Beginn sei gesagt, dass eine halbe bis Stunde Verspätung
bei vereinbarten Terminen in Brasilien völlig üblich ist und man deshalb nicht nervös zu werden braucht.
Leben in Guaratinguetá
Untergebracht war ich, wie für brasilianische Studenten üblich, in einer sog. Republica, wo ich mir ein
Zimmer mit zwei Brasilianern geteilt habe. In Deutschland käme eine Studentenverbindung dieser
Wohngemeinschaft vermutlich am nächsten. Diese Häuser werden von ca. 10 bis 15 Studenten gleichen
Geschlechts bewohnt, tragen einen Namen mit dem auch eine gewisse Tradition verbunden wird und treten
in verschiedenen Wettkämpfen gegen andere Republicas in der Stadt an. So hat jeder Student eine gewisse
Identifikation mit seiner Republica, zumal er im ersten Jahr auch ein etwas unangenehmes Aufnahmeritual
durchstehen muss. Nicht selten kommt es vor, dass am Wochenende ehemalige Republica-Bewohner zu
Besuch kommen und ausgiebig mit Bier und Churrasco (eine Art Barbecue mit verschiedenen Fleischsorten,
allerdings auch nur Fleisch, weder Beilagen noch Saucen werden bei den einfachen Churrascos zubereitet)
gefeiert. Aufräumen nach solchen Partys und auch alle anderen Aufgaben, die im Haushalt anfallen, wie
waschen, putzen und zweimal täglich kochen (in den allermeisten Fällen Reis, Bohnen, Fleisch oder
Geflügel und etwas Salat) erledigt eine Haushälterin, die dafür mit einem Hungerlohn bezahlt wird. Dies ist
in vielen Haushalten in Brasilien üblich und so musste ich mich zumindest erst einmal an den
selbstverständlichen Umgang der Mitbewohner mit der Haushälterin gewöhnen. Selbstverständlich ist
ebenfalls, den Weg zur Uni, der ca. 10 Minuten zu Fuß betragen würde, mit dem Auto zurückzulegen. So
waren 6 meiner 10 Mitbewohner im Besitz eines Autos, welche auch alle fast täglich zur selben Universität
und Vorlesung ausgefahren wurden. Als ich mir für umgerechnet 5€ ein gebrauchtes Fahrrad gekauft habe,
wurde ich daher etwas schief beäugt. Sicherheitsbedenken hatte ich in der kleinen Stadt kaum,
nichtsdestotrotz ist jedes einzelne Haus mit Mauern und Stacheldraht gesichert, viele Haushalte besitzen
zudem einen Wachhund. Freizeitmöglichkeiten sind rar gesät, so gibt es einige Kneipen und Restaurants,
Sportkurse der Uni in Basketball, Fußball, Volleyball meist sehr spät abends und einige Fitnesscenter und
Kampfsport-Clubs sowie ein Outdoor-Fitnesspark. Wem die Ernährung nicht abwechslungsreich genug ist,
der kann jeden Mittwoch Morgen auf einem Wochenmarkt frisches Obst und Gemüse sowie tierische
Produkte kaufen. An Wochenenden, die man nicht auf Reisen ist, sind die Partys der anderen Republicas,
zum Teil sogar mit eigenem Pool, das beste Programm. Oder ein Besuch der Nachbarstadt Aparecida, in der
es neben der für Touristen sehr beliebten riesigen Kirche auch einen Markt mit allerlei günstigen Klamotten
und anderen Sachen gibt.
Reisen in der Umgebung von Guaratinguetá
Bezogen auf die enorme Größe und geringe Bevölkerungsdichte Brasiliens liegt Guaratinguetá in einer sehr
abwechslungsreichen Gegend und einer optimalen Lage als Ausgangspunkt für Wochenendtrips oder längere
Reisen. Rio de Janeiro, Sao Paulo, der Nationalpark Itatiaia, Paraty und die anliegende Halbinsel mit
verlassenen Stränden, Ilha Grande (ein Muss!) und Ilhabela, um nur ein paar Reiseziele zu nennen, liegen
quasi nur einen Katzensprung entfernt. Ob an einem paradiesischen Strand mit ein paar Fischern am
Lagerfeuer zu sitzen oder die Sonne über Rio de Janeiros Favelas aufgehen zu sehen, diese Trips haben die
Zeit in Brasilien für mich unvergesslich gemacht. Ein Mietauto zu teilen ist dabei in den meisten Fällen die
einfachste und billigste Lösung, in Brasilien zu reisen. Busreisen sind nur für die großen Städte sinnvoll.
Organisiert haben wir die Trips mit anderen Praktikanten aus dem Ausland, die anfängliche
Unternehmungslustigkeit der brasilianischen Studenten blieb leider (so auch die Erfahrungen der anderen
Praktikanten) bei der Theorie und so haben diese ihr Geld dann doch lieber in Alkohol investiert und die
Wochenenden auf der Couch vor dem Fernseher abgesessen. Ca. die Hälfte meiner Mitbewohner ist noch
nicht einmal in Rio gewesen, obwohl das Busticket umgerechnet nur 10€ kostet und es lediglich 250km
entfernt ist. Für weiter entfernte Reiseziele wie z.B. die Wasserfälle von Iguacu (dürfen auf keiner
Brasilienreise fehlen) oder Salvador lohnt sich dann schon das Ticket für den Flieger, es sei denn, man bringt
Zeit mit und verbindet diese Ziele mit einer längeren Rundreise.
Die IAESTE-Crew aus Guaratinguetá
Universität
Das gesamte Praktikum über gab es mit Professoren und Doktoranden einen sehr lockeren Umgang. Feste
Arbeitszeiten gab es nicht, Besprechungen mit dem Professor, die man gut und gerne in 5 Minuten hätte
erledigen können, wurden oft in einer entspannten Kaffeerunde nebenbei geführt. Zusätzliche Urlaubstage
für verlängerte Wochenenden wurden ohne Probleme und in allen Fällen genehmigt, oft wurden auch sonst
Vormittage oder ganze Tage freigegeben, weil ein entsprechender Mitarbeiter an dem Tag keine Zeit hatte,
etwas nicht funktionierte oder schlicht ein eingeplanter Termin versäumt wurde. Aber zur eigentlichen
Arbeit. Mit Hilfe eines älteren experimentellen Aufbaus wurden Plexiglas-Proben mittels
Plasmapolymerisation mit einer dünnen Polymerschicht beschichtet und anschließend
Kontaktwinkelmessungen zur Ermittlung der Oberflächenenergie und Hydrophilie der Schicht durchgeführt.
Ein großer Teil des Praktikums bestand aus theoretischer Einarbeitung in das Thema, was für mich durchaus
interessant war. Alles in allem war der notwendige Zeitaufwand für das Projekt aber wesentlich geringer als
angesetzt und es wurde oft der Eindruck vermittelt, dass hinter der Forschung keinerlei Motivation steckt
und das Praktikum zum Teil nur „Beschäftigungstherapie“ ist. Nichtsdestotrotz gab es spannende Momente,
ein vergleichbares Praktikum in der „westlichen Welt“ bietet jedoch vermutlich mehr fachliches
Vorankommen.
Weitere Hinweise
Als deutscher Staatsbürger braucht man für einen Aufenthalt von bis zu 3 Monaten kein Visum, das gilt auch
für IAESTE-Praktikanten. Das spart in jedem Falle eine Menge Geld und bürokratischen Aufwand, da man
sich mit einem Visum noch umständlich bei der brasilianischen Polizeibehörde registrieren lassen muss. Zur
Sicherheitssituation ist eigentlich nicht viel zu sagen. Natürlich verbreiten sich auch unter den Praktikanten
immer wieder Horrorgeschichten. Unter Einhaltung einiger Vorsichtsmaßnahmen (in großen Städten nachts
keine wichtigen Dokumente mitnehmen, stets einen geringen Bargeldbetrag wegen möglicher Überfälle
dabei haben, Problemviertel meiden, keine auffällige Kleidung tragen oder sich wie ein typischer „Touri“
aufführen, mit viel Gepäck nur tagsüber oder an offiziellen Orten unterwegs sein, …) lässt sich das Risiko
aber auf ein Minimum reduzieren. Oberste Regel ist natürlich, bei einem Überfall keinen Widerstand zu
leisten. Ich habe, wie auch die meisten der anderen Praktikanten, in Brasilien jedoch keine einzige brenzlige
Situation erlebt. Zur Sprache ist zu sagen, dass man im alltäglichen Leben mit Englisch auf jeden Fall nicht
sehr weit kommt. Die Grundlagen (einkaufen, ein Busticket kaufen, etc.) sollten also schon gelernt werden
(möglichst vorher). Wer spanisch kann, kann meist auch damit kommunizieren. In der Universität war es
zum größten Teil möglich, auf Englisch zu kommunizieren. Während meiner Praktikumszeit wurde ein
wöchentlicher Einsteigerkurs von einer Praktikantin organisiert, dieser war gerade am Anfang auf jeden Fall
sehr hilfreich. Das Gehalt wurde auf Wunsch an einem Tag in bar ausgezahlt. Unterkunft und Verpflegung
ließ sich davon bezahlen, für die Reisen sollte man auf sein Erspartes zurückgreifen können und die Kosten
dafür auf jeden Fall auch nicht unterschätzen. Als Reisekonto ist ein Kreditkonto der DKB zu empfehlen,
damit kann gebührenfrei zum aktuellen Wechselkurs (welcher sehr stark schwankte) abgehoben werden und
auch an vielen Kassen bezahlt werden. Der vom DAAD finanzierte Fahrtkostenzuschuss für IAESTEPraktikanten für Brasilien beträgt 600€, die Bewerbung läuft über ein Online-Portal. Es sei darauf
hingewiesen, dass die Liste mit den notwendigen Dokumenten veraltet ist und neben dem
Bewerbungsformular lediglich eine Reisepasskopie, die Bescheinigung der Hochschule über die
Anerkennung des Praktikums, die Immatrikulationsbescheinigung und das Akzeptierungsschreiben der
Gasthochschule benötigt werden. Außer dem kann beim DAAD sehr einfach und günstig eine
Auslandskrankenversicherung für den Zeitraum des Praktikums abgeschlossen werden. Impfen lassen sollte
man sich lediglich gegen Gelbfieber, insbesondere wenn eine Weiterreise in andere Länder Südamerikas
geplant ist.
Mit dem IAESTE-Programm ist es sehr einfach, einmalige Erfahrungen in neuen Ländern zu sammeln und
es war, in meinem Falle, ein sehr guter Einstieg für Südamerika. Dieser Kontinent hat mich begeistert und
ich werde ihn mit Sicherheit noch mehrere Male bereisen. Fachlich sollten die Erwartungen an ein Studium
oder Praktikum in Südamerika jedoch nicht zu hoch gesetzt werden.
Clemens Schindler
Master Physik
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