TIGERWUT-Mari

Tiger-Wut von Mari Stephani
Wut – eine der großen ungeliebten, bekämpften, verdrängten, verteufelten und tabuisierten
Regungen in unserem Leben und ebenso, das müssen wir zugeben, eine große Bewegerin von
Lebendigkeit in unseren Körpern. Wir fürchten die Zerstörungskraft und Gewalt, die wir der
Wut zuschreiben. Eine Gewalt, die ebenso zerstörend nach außen wie auch verheerend nach
innen wirken kann. Während die Einen darum ringen, ihre Wut nicht mehr an Unschuldigen
auszulassen, kämpfen die Anderen um das Gegenteil: Wut nicht länger in sich hineinzufressen
und gegen sich selbst zu richten oder „endlich mal an die eigene Wut ranzukommen“. Daher
ist unsere verständliche Reaktion auf Wut meist polarisierend und aufgeheizt oder taub. Wir
mögen versuchen, unsere Wut zu verdrängen, zu tabuisieren oder ihr in reinweiße spirituelle
Welten oder ins Erwachen zu entkommen – eine wirklich nachhaltige Lösung finden wir in
diesen Manövern nicht.
Ich möchte hier einen anderen Umgang mit Wut vorschlagen, einen geradlinigen und
körperlichen, der die immense gestaute Energie unserer Wut als pure Lebensenergie wieder
fruchtbar in unser Leben integrieren kann. Dazu müssen wir besser verstehen, was Wut
eigentlich ist, woher sie kommt und was sie auslöst.
Am Boden, sozusagen als Basis von Wut, wie wir sie erleben, finden wir die Aggression.
„Wut“ wird sie erst, wenn wir diese Aggression nicht oder nur verzögert und verschoben
zulassen. Die Qualität von Aggression ist zum einen die unserem Dasein innewohnende Kraft
zur Selbstbehauptung, zum aktiven Agieren in der Welt, und zum anderen die unwillkürliche
Verteidigungs-Reaktion in unserem autonomen Nervensystem, wenn unser Organismus
bedroht wird und darauf mit Kampf reagiert, um die Bedrohung abzuwehren und zu
überleben. Beides beginnt und wurzelt in unserem Stammhirn, Sitz und Steuerzentrale unserer
Aggression. Beides gründet in dem uns innewohnenden Bedürfnis, mit unserer Umwelt aktiv
in Kontakt zu sein, in ihr zu leben und zu überleben.
Das Wort Aggression basiert auf dem lateinischen »gressio« (Schreiten, Schritt, Gehen) und
der Vorsilbe »ad« (heran) und bedeutet „heran-schreiten“. Es meint ein intentionales
Verhalten, Auf-etwas-Zugehen, Auf-etwas-Zugreifen und ist im Ursprung ein Impuls, ein
Drang, unsere eigene Aktivität. Daran ist bis hierher nichts, rein gar nichts problematisch! Um
Aggression negativ zu besetzen, brauchen wir die Idee und die leidvolle Erfahrung, dass das
aggressive Zu-Greifen nach etwas greift, was besser nicht ergriffen werden sollte – es braucht
die Angst, dass das Ergriffene – oder auch der „Ergreifende“ selbst – dadurch Schaden
nimmt, leidet oder zerstört wird. Und solche Erfahrungen machen wir leider fast alle. Schon
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ein paar „erwachsene Wutausbrüche“ können ein Kind davon überzeugen, dass nicht nur die
Art und Weise, wie die Umgebung Wut ausdrückt, gefährlich ist, sondern dass sogar der
Ursprung von Wut, ein natürlicher aggressiver Impuls, bedrohlich und „falsch“ ist – und dass
ebenso die instinktive aggressive Gegenreaktion des Kindes lebensgefährlich ist, da sie die
primären Beziehungen zu den Eltern zu gefährden droht.
Das Spektrum der gestauten Aggressionen
Wut – Frustration – Ärgernis – Empörung – Ärger –Trotz – Groll – Zorn – Hass – Selbsthass
– Gewalt – Grausamkeit. All das sind Spielarten unterschiedlicher Temperaturen, Tempi und
Bewegungsrichtungen von Aggression, die entstehen, wenn Aggressionen zurückgedrängt,
gestaut und unterdrückt wurden und werden. Selbst Ohnmacht und Depression resultieren
oftmals aus diesem Zurückhalten von Aggressionen. So prägen unsere kindlichen OhnmachtsErfahrungen im Angesicht erwachsener Aktions- und Reaktionsmuster von Wut zutiefst
unsere Vorbehalte gegenüber dieser Kraft und drängen sie weit zurück – oder die gestaute
Energie bricht sich wieder ähnlich Bahn, wie wir es bei den eigenen Eltern oder
Bezugspersonen vorgelebt bekommen haben.
Aus diesen Erfahrungen heraus passiert es leicht, dass wir „Aggression“ per se und also auch
angemessene Regungen problematisch finden und ablehnen. „Aggression an sich“, also jedes
Auf-etwas-Zugehen als negativ zu besetzen, produziert jedoch ein tragisches und
unentrinnbares Dilemma, nämlich, dass das bloße verkörperte Existieren von Menschen
bereits in sich ein Problem darstellt! Denn wir können unsere sozialen Interaktionen mit
anderen Körpern/Menschen gar nicht so steril halten, so künstlich einschränken, friedlich und
harmlos machen, dass wir alle aggressiven Momente entfernen können… Ein Leben ohne
echten Kontakt ist der Preis, den wir dafür zahlen müssen.
Viele Ansätze, die wir in Büchern und Ratgebern zum Thema finden, gründen auf dem
Modell, dass es eines „normalen, gesunden, funktionstüchtigen Ichs oder Selbsts“ des
Menschen bedarf, um Herr all dieser problematischen Regungen zu werden. Dieses Ich,
Ballungszentrum unseres Seins, wird nun also von Gefühlen heimgesucht – dem Ich
widerfährt die Wut, die aus der Tiefe des eigenen oder eines fremden Organismus aufsteigt,
und unser mehr oder weniger integriertes Ich-Gefühl bedroht, ins Schwanken bringt und
allerlei Gefahren aussetzt (zum Beispiel, die Kontrolle zu verlieren).
Die Wut und das Ich
Wut in diesem Sinne wird empfunden und beschrieben als ein wildes, verselbstständigtes
wüstes Tier, das von außen oder von innen in unser Revier eindringt, das uns stört, bedroht
und uns fremd ist. Da ist ein Tier, ein „Anderes“ – und unser Ich ist all das nicht. Das Ich
sollte aber damit umgehen lernen und diese Regungen unter Kontrolle bringen. Wir
konstruieren eine Diskrepanz zwischen uns selbst und unserer Wut – schließlich erleben wir
das so – und diese Diskrepanz füttert die Fremdheit, den Schrecken, die Ohnmacht und die
Angst, die wir gegenüber unseren Aggressionen empfinden – und das umso stärker, je mehr
wir in die Wut einfach hineinfallen, „blind vor Wut“ und „außer uns vor Wut“ sein können.
„Das war nicht ich…“ werden wir später dazu sagen, uns schämen und schuldig fühlen.
So verfallen wir leicht dem Eindruck, das Problem der Wut käme tatsächlich von außen auf
uns zu, selbst wenn es in und aus uns selbst nach oben steigt und an die Oberfläche drängt.
Darüber hinaus glauben wir daran, unsere Welt sei glücklicher und friedlicher, wenn es uns
gelänge, die wilden Tiere aus unseren inneren und äußeren Räumen zu jagen.
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Dass dieser Haltung eine tiefe Furcht vor dem Leben und der eigenen körperlichen
Lebendigkeit innewohnt, fällt uns nicht mehr auf. Und doch sprechen unsere Bemühungen
Bände: Wir sind eingeklemmt in unseren eigenen Impulsen, wir fühlen uns von unseren
eigenen Kräften an die Wand gedrückt und appellieren an „Achtsamkeit“, „bewussten
Umgang“, „Reife“ oder wenigstens an soziales Gespür.
Nun hat die Neurobiologie diese wohlmeinenden Ansätze längst widerlegt: Achtsamkeit,
unsere berühmte Präsenz, all diese verständlichen Bemühungen reichen bei weitem nicht bis
zu unserem Stammhirn, das Aggression wie Rückzug, unser körperliches Ja und körperliches
Nein beherbergt und steuert. Das Stammhirn entzieht sich dem direkten Zugriff unseres
Verstandes und unserer Wünsche nach Harmonie. Dem globalen und individuellen Dilemma
der Aggression mit guten Vorsätzen, Einsicht und Disziplin beizukommen, ist folglich
schlicht unmöglich. Eine sachliche Analyse unserer individuellen, sozialen, kollektiven oder
spirituellen Geschichte reicht nicht bis in diese archaischen Räume – und unsere Flucht ins
„Erwachen“ und spirituelle Welten ebenso wenig.
Im Sinne eines integrierten körperlichen Umgangs mit Wut möchte ich dazu einladen, das
Ziel, ein intaktes Ich oder Selbst aufzubauen, für den Moment beiseite zu lassen. Weiter unten
werden wir aus einer anderen Perspektive wieder darauf zurückkommen und verstehen, dass
im Zuge der Integration dieser Lebenskraft, die der Wut innewohnt, das zentrierte und
zentrierende Ich ad acta gelegt werden kann und wir einfacher und leichter ohne es in
unserem menschlichen und freien Sein ankommen.
Wut als Instinkt
Ich nenne Wut bewusst eine Regung und nicht ein Gefühl. Denn der Ansatz, den ich
vorschlage, beginnt, wie gesagt, nicht beim fühlenden Ich, sondern bei der körperlichen
Regung der Aggression selbst – mit ihrem augenblicklichen im Körper erlebbaren „Nein!“
oder „Nicht so!“ und mit dieser großen Bestimmtheit, die auch Basis für Lebenslust,
Handlung und Anteilnahme ist. Sie taucht als Aussage des bejahenden Da-Seins in der Welt
auf, teilt sich mit und gibt sich hinein in den Strom aller Energien. Ein Mensch, der seine IchEbene verlässt, um sich den körperlichen Instinkten, den basalen Regungen der Aggression
und Liebe, der Grenze und der Verschmelzung hinzugeben, wird nicht an seiner Präsenz
arbeiten müssen, braucht keine Praxis der Achtsamkeit und keine Kontrolle seiner Impulse –
er wird sich schließlich wiederfinden als präsent, denn das ist seine Natur. Er wird ganz
einfach integriert SEIN, er wird integriertes SEIN sein.
Wenn das Ich selbst nichts tut, wirklich NICHTS tut, was macht unser Organismus dann,
wenn wir Angriffssituationen erleben? Die Antwort ist simpel: Er zeigt auf direkte und
einfache Weise die in unserem autonomen Nervensystem, in unseren Instinkten angelegten
Verteidigungsreaktionen. Ganz so, wie wir blinzeln, wenn eine Mücke sich anschickt, uns ins
Auge zu fliegen, oder wir einen Arm hochnehmen, wenn wir im Dunkeln durch dichtes
Gebüsch gehen.
Ein Nein ist ein Nein, ein Ja ist ein Ja, auf der Ebene des Körpers wie der Sprache, ob mit
anderen oder allein. Und genau diese fundamentale eindeutige Einfachheit, die kein Ich und
nicht einmal einen Verstand braucht, um sich über sich selbst im Klaren zu sein, ist uns
Menschen zutiefst suspekt. So wurde ausgerechnet die größte Klarheit am gezieltesten
verunsichert, verurteilt und verhindert – ausgerechnet diese erste Einheit wurde zerrissen –
und aus den zersprengten Fragmenten dieser Trennung gebiert sich das Ich-Erleben und die
Diskrepanz zwischen eben diesem Ich und den wilden, wüsten Regungen aus der Unterwelt.
Die Frage ist: Was ist uns passiert, wenn wir uns so automatisch und so häufig unserer
körperlichen Eindeutigkeit in den Weg stellen? Dass wir statt Nein oder Ja zu spüren, klar zu
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sagen, was wir wollen, und dementsprechend zu handeln...beginnen zu fluchen und mit dem
dagegen brüllenden Partner oder Nachbarn in Streit geraten. Oder in einem Weinkrampf
zusammenbrechen, weil wir die Welt nicht mehr ertragen können und uns für unfähig halten,
je mit den übermäßigen Anforderungen zurechtzukommen, die sie unentwegt an uns stellt.
Wie kommt es, dass wir simple aggressive Impulse nicht SEIN lassen können, sondern sie
beispielsweise als tobende Wut nach außen schleudern oder gegen uns selbst wenden?
Instinkt-Entfremdung
Auch, wenn uns diese Situationen komplex und schwierig erscheinen, ist die Antwort wieder
simpel: Offensichtlich wurde unser Wachsen in der Zeit, in der sich Instinkte, Körper,
Gefühle und unsere bewusste Wahrnehmung homogen miteinander vernetzten – ähnlich zur
Entwicklung eines Tierkindes – während unserer allzumenschlichen Kindheit empfindlich
gestört und nachhaltig verschoben. Offenbar wurde uns ein Misstrauen unseren eigenen
Instinkten gegenüber eingepflanzt, das wiederum nur auf der Basis einer grundsätzlichen
Instinkt-Entfremdung Nahrung finden konnte.
Eine so basale Bewegung wie die unserer Instinke im Nervensystems zu bremsen, ja zu
unterbrechen, erfordert massiven Druck auf den kindlichen Organismus – und kostet das
Kind, diesen Menschen, viel Kraft. In dem neurologischen und biochemischen Stau, in
diesem Cocktail aus Adrenalin und körpereigenen Opiaten bildet und verfestigt sich das Ich –
eine individuell gesponnene „Klammer“, die fortan versuchen wird, dieses wühlende,
blühende und desorientierte innere Chaos in den Griff zu bekommen…
Neurologisch und biochemisch hat diese grundsätzliche „Achsenverschiebung“ des modernen
Menschen einen hohen Preis: Wir interpretieren diese Stressenergie in uns als Notsituation.
Wir reagieren, als sei der Feind ständig da, eine ewige Bedrohung für uns und die Ordnung in
unserem Leben, und wir wechseln zwischen verschiedenen Schichten von Unterdrückung und
„Explosion“ hin und her.
Unser Stammhirn, das uns ursprünglich mit den Ur-Kräften seines Lebenswillens segnete,
lernt so die falsche Lektion: Es reagiert mit einer permanenten und hohen neurologischen
Dauer-Erregung. Wir kommen nicht mehr runter und fürchten, eines Tages könne die Bombe
in uns platzen – „und dann geht alles kaputt.“ Vielleicht liegen wir damit näher an der
Wahrheit, als wir glauben. Die Ur-Kraft unserer organismischen Ur-Wut vermag die Welt des
Ichs selbst aus den Angeln zu heben.
Alternativer Umgang mit Wut
Wenn wir es schaffen, unseren Blick auf die Wut weg von der Oberfläche unseres
„persönlichen Verhaltens“ zu lenken und stattdessen die Basisenergie der Aggression
aufspüren, können wir unmittelbar körperlich die konditionierten Muster unterlaufen. Die in
ihnen gespeicherte und explosiv gewordene Energie kommt wieder in Bewegung und kann in
verarbeitbare Größen verwandelt und integriert werden. Muster lösen sich dadurch auf, dass
wir die gespeicherte Energie aus früheren Erfahrungen erneut zulassen, aber diesmal als eine
pure Regung und Erregung im Körper, die gehalten werden und zirkulieren kann und sich
beispielsweise als Hitze, Vibration, unwillkürliche Zuckungen entlädt, ohne sich zerstörerisch
nach außen oder innen zu richten. Die noch immer gespeicherte Abwehrreaktion, die
„damals“ nicht erfolgreich und angemessen ablaufen konnte, kann sich „jetzt“
vervollständigen und beruhigen. Dies ist möglich, wenn wir unseren Körpern, unserem
Nervensystem, bewusst neue Situationen und neue Erfahrungen ermöglichen, die anders
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verlaufen als unser üblicher eingeschliffener zerstörerischer Umgang mit Wut. Dazu sind
alternative Settings sinnvoll, zum Beispiel in Einzelsessions und Gruppen, die sich diesen
Bewegungen geschult und offen und mit der entsprechenden Kompetenz widmen.
So wird diese zuvor noch gestaute Energie der Wut wieder frei. Wir besitzen diese Regung
nicht, sie gehört einzig dem Leben selbst, und wir bemächtigen uns ihrer nicht, auch nach der
Integration nicht. Wut in dieser körperlichen instinktiven Tiefe liegt unterhalb des Ichs –
sie ist nicht nur etwas, das es zu integrieren gilt, um damit in Frieden zu kommen – sie eignet
sich als Angelpunkt unserer friedvollen Ich-Auflösung, da die freiwerdende Kraft unserer
konstruierten Diskrepanz zwischen Ich und Nicht-Ich (und Wut wollen wir nicht sein…)
diese Diskrepanz auflöst. Wenn die instinktiven Kräfte unserer Körper wieder zu ihrem Recht
kommen, de-konstruieren wir das Fundament des Ich und das Ich selbst, welches wir
aufgrund bislang gehaltener innerer Spannung zu sein glaubten. Die Fragmente der
Ich-Konstruktion purzeln in einem glücklichen, erlösenden Chaos zurück ins SEIN.
Wenn sich das Problem der gestauten Wut in uns auflöst, lösen sich mit ihm all die
Erscheinungsformen auf, durch die wir glauben lernten, Aggression als solche sei
gefährlich… Nicht Aggression ist das Problem, sondern unterdrückte, gestaute Aggression,
die irgendwann in Form von „meiner Wut“ an die Oberfläche drückt und diese durchbricht.
Tatsächlich vermag Aggression unsere Welt friedlicher und liebevoller zu machen, weil wir
uns miteinander sicherer fühlen, wenn wir unsere Grenzen verteidigen und die Grenzen der
anderen spüren lernen.
Diese ursprüngliche Aggression, das klare Nein und Ja, ist in sich Ausdruck frei fließender
Lebensenergie, ein Ausdruck ungebrochener lebendiger Fähigkeit unseres menschlichen Seins
und eine wesentliche Voraussetzung für ein integriertes Leben in Freiheit.
Mari Stephani
gibt Satsang, Einzelsessions, Paarberatung,
Abendgruppen, Seminare, Intensives und Retreats
zu gelebter Freiheit, spirituellem Erwachen,
Instinkte, Sexualität und Embodiment.
(Seine Arbeit ist keine Therapie und soll diese auch
nicht ersetzen.)
MARIPOSA - Raum für Transformation
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