Verstellung und Betrug im Mittelalter und in der mittelalterlichen

Aventiuren
Band 7
Herausgegeben von
Martin Baisch, Johannes Keller, Elke Koch,
Florian Kragl, Michael Mecklenburg, Matthias Meyer
und Andrea Sieber
Matthias Meyer / Alexander Sager (Hg.)
Verstellung und Betrug im Mittelalter
und in der mittelalterlichen Literatur
Mit 3 Abbildungen
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ISSN 2198-7009
ISBN 978-3-89971-880-5
ISBN 978-3-86234-880-0 (E-Book)
ISBN 978-3-7370-9789-5 (V& R eLibrary)
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Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
7
Martin Baisch (Hamburg)
Seitensprünge und Eisenstäbe. Blutspuren in Szenarien von Betrug und
Verstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
9
Bernd Bastert (Bochum)
„Überwachen und Strafen“. simulatio und dissimulatio in deutschen
Chanson de geste-Bearbeitungen des 12.–14. Jahrhunderts . . . . . . . .
35
Harald Haferland (Osnabrück)
Die Kontingenz der Innenwelt. Liebesbetrug in Konrads von Würzburg
„Trojanerkrieg“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
53
Johannes Keller (Wien)
Verborgene Küsse – gefesselte Füße. Das „St. Trudperter Hohelied“ am
Scheideweg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
75
Manfred Kern (Salzburg)
Täuschend erotisch. Poetische Verstellung und metapoetische List im
„Roman de la Rose“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
89
Florian Kragl (Erlangen)
Betrogen? Eindruckslose Listen und gleichmütige Verlierer in „Flore und
Blanscheflur“ und anderswo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
Matthias Meyer (Wien)
Verstellung und andere Kleinigkeiten. Überlegungen zur Normalität von
Verstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
6
Inhalt
Lydia Miklautsch (Wien)
Das verstellte Ich. Heinrich von Morungen und Walther von der
Vogelweide . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
Scott E. Pincikowski (Frederick)
Wahre Lügen: Das Erkennen und Verkennen von Verstellung und Betrug
in „Herzog Ernst B“, „Kudrun“ und „König Rother“ . . . . . . . . . . . . 175
Ann Marie Rasmussen (Waterloo)
Problematizing Medieval Misogyny. Aristotle and Phyllis in the German
Tradition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
Alexander Sager (Athens)
Verwirrende Worte, weiches Denken. Der Betrug Evas in der „Genesis B“
Markus Stock (Toronto)
Lesbarkeit. Herrscher und Verräter im „Alexander“ Rudolfs von Ems
221
. . 239
Julia Zimmermann (München)
Narrative Lust am Betrug. Zur Nekt–nabus-Erzählung in Rudolfs von
Ems „Alexander“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261
Vorwort
Es gehört zu den bekannten Topoi der Mediävistik, dass Außen und Innen der
Protagonisten ein hohes Maß an Kongruenz aufweisen: Entsprechend dem aus
der Antike übernommenen Ideal der kalokagathia sind Schönheit und Gutheit
weitgehend deckungsgleich. Diese Kongruenz wird auch da thematisiert, wo sie
– scheinbar – nicht gilt, so etwa beim vermeintlichen Kaufmannssohn Tristan.
Das Beispiel zeigt bereits, wo und wie die Vorstellung der Kongruenz von Innen
und Außen – und damit die Möglichkeiten zur Verstellung – an ihre zumindest
narrativen Grenzen stößt, nämlich in der schwierigen Inszenierung einer Diskrepanz zwischen adligem Körper und angenommener nichtadliger Rolle. Der
Tristan-Stoff und auch das Nibelungenlied bieten viel diskutierte und wohlbekannte Beispiele einer zumindest temporär erfolgreichen Verstellung, eines
temporären Aufhebens dieser Kongruenzbeziehung, die jeweils auch extrem
folgenreich sind. Doch auch außerhalb dieser bekannten Fälle gibt es – zum Teil
sehr viel erfolgreichere, zum Teil vollständig misslingende – Beispiele für Verstellungen: Iwein zum Beispiel gelingt es keine Minute, Lunete über seine Verliebtheit zu Laudine zu täuschen. Ob die vielen Varianten des rash-boon-Motivs
unter dem Stichwort ,Betrug‘ zu subsumieren wären, ist immerhin diskutabel.
Doch nicht nur in erzählenden Texten wird über die Möglichkeiten von
Verstellung reflektiert: Im Minnesang gehört die Frage nach der Authentizität
der vorgeführten Gefühle vs. einer ,professionellen‘ Verstellung zu den zentralen
Diskussionsfiguren. Darüber hinaus spielen Verfahren der Dissimulation, ihr
Erkennen und ihre Zulässigkeit auch in eher pragmatisch orientierten oder
historisch-chronikalischen Texten eine Rolle (man denke nur an den spektakulären Fall der Päpstin Johanna).
Im Spätmittelalter haben wir bei erweiterter Quellenlage etwa durch die sehr
viel enger an historische Ereignisse heranrückende Chronistik eine veränderte
Situation: Betrug wird eines der gängigen Mittel der Politik, Verstellung ist
notwendig, um Betrug zu erzielen oder ihm zu entgehen. Auch in den literarischen Texten zeigen sich Veränderungen. Doch nicht nur in den unterschiedlichen weltlichen Diskursen spielt das Thema eine Rolle, auch in der geistlichen
8
Vorwort
Literatur wird über Betrug und Verstellung nachgedacht – nicht zuletzt anhand
der Frage, ob eine Vision ,echt‘ ist oder nicht.
Das sind nur einige der Facetten, die das Thema Verstellung und Betrug im
Mittelalter haben kann. In Wien wurde im Jahre 2009 eine Tagung zu diesem
Thema organisiert, bei der in der Forschung eher wenig unter diesen Stichworten diskutierte Beispiele verhandelt werden sollten. Nun endlich liegen
Beiträge der Tagung in gedruckter Form vor. Die Verzögerung geht einzig zu
Lasten des zeichnenden Herausgebers (und seinen Aktivitäten in der Universitätsverwaltung), der sich bei den BeiträgerInnen nicht zuletzt dafür bedankt,
dass sie ihre Beiträge dennoch zur Verfügung gestellt haben.
Bei der Entstehung des Bandes haben Lena Zudrell, Michaela Wiesinger und
Jasmin Penninger geholfen, ihnen sei gedankt.
Matthias Meyer
Martin Baisch (Hamburg)
Seitensprünge und Eisenstäbe. Blutspuren in Szenarien von
Betrug und Verstellung
„Was ist das Leben? Es ist ein Minenfeld.
Was die Verstellung? Bedingung unseres Aufstiegs.
Was ist die Liebe? Die schönste aller Täuschungen.“1
In der Erzählung „Sich verstellen“ des 2008 erschienenen Buches mit dem
schönen Titel „Die schonende Abwehr verliebter Frauen oder Die Kunst der
Verstellung“ erläutert Adam Soboczynski,
dass wir uns immerzu inszenieren, inszenieren müssen, um Wünsche, Gedanken,
Sehnsüchte auszudrücken, dass wir uns immerzu verstellen! Zur Schonung anderer,
damit sie uns in Zukunft nicht schaden und um uns gegenüber Konkurrenten Vorteile
zu verschaffen. Wir brauchen dafür den Körper, brauchen die Sprache. Fragile
Werkzeuge, die anzeigen, dass ein Riss, seitdem wir auf der Welt sind, in uns ist; dass
wir gespalten sind in ein geistiges Innen und ein körperliches Außen; dass wir authentisch sein wollen und bestenfalls so wirken. Nie sind wir bei uns selbst, die
Schöpfung, seit wir den Sündenfall erlitten, ist reines Welttheater. Und „wahrhaft zu
sein“, wie einst ein Philosoph sagte, heißt nur, „nach einer festen Konvention zu lügen,
herdenweise in einem für alle verbindlichen Stile zu lügen“.2
Soboczynski verweist zunächst auf den wichtigen Umstand, dass Körper und
Sprache in sozialen Zusammenhängen als zentrale Instrumente bei der Herstellung von Betrug und Verstellung aufzufassen sind. Der Philosoph, auf den
hier angespielt wird, ist kein Geringerer als Friedrich Nietzsche; und das
korrekt wiedergegebene Zitat stammt aus dem 1873 aus dem Nachlass herausgegebenem Essay „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“. Dort
heißt es weiter :
Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte
in der Verstellung; denn diese ist das Mittel, durch das die schwächeren, weniger
robusten Individuen sich erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz mit
Hörnern oder scharfem Raubtier-Gebiß zu führen versagt ist. Im Menschen kommt
1 Adam Soboczynski: Die schonende Abwehr verliebter Frauen oder die Kunst der Verstellung.
Berlin 2008, S. 27. Der Aufsatz greift Überlegungen auf, die ich zuerst in: Zeichen lesen im
höfischen Roman. In: Paragrana 21 (2012), H. 2: UnVerfügbarkeit. Hg. v. Kasten, Ingrid,
Berlin 2012, S. 112–131, entwickelt habe.
2 Soboczynski [Anm. 1], S. 22.
10
Martin Baisch
diese Verstellungskunst auf ihren Gipfel: hier ist die Täuschung, das Schmeicheln,
Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentieren, das im erborgten Glanze Leben, das Maskiertsein, die verhüllende Konvention, das Bühnenspiel
vor anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende Herumflattern um die eine
Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz, daß fast nichts unbegreiflicher ist,
als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen
konnte. Sie sind tief eingetaucht in Illusionen und Traumbilder, ihr Auge gleitet nur auf
der Oberfläche der Dinge herum und sieht „Formen“, ihre Empfindung führt nirgends
in die Wahrheit, sondern begnügt sich, Reize zu empfangen und gleichsam ein tastendes Spiel auf dem Rücken der Dinge zu spielen. Dazu läßt sich der Mensch nachts,
ein Leben hindurch, im Traume belügen, ohne daß sein moralisches Gefühl dies je zu
verhindern suchte: während es Menschen geben soll, die durch starken Willen das
Schnarchen beseitigt haben. Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte er auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in einen erleuchteten
Glaskasten, zu perzipieren? Verschweigt die Natur ihm nicht das Allermeiste, selbst
über seinen Körper, um ihn, abseits von den Windungen der Gedärme, dem raschen
Fluß der Blutströme, den verwickelten Fasererzitterungen, in ein stolzes, gauklerisches
Bewußtsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den Schlüssel weg: und wehe der
verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewußtseinszimmer heraus und hinabzusehen vermöchte, und die jetzt ahnte, daß auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht,
in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines
Tigers in Träumen hängend. Woher, in aller Welt, bei dieser Konstellation der Trieb zur
Wahrheit!3
Wenn wir uns verstellen und uns und andere betrügen, sind wir auf – wie
Soboczynski sagt – „fragile Werkzeuge“ wie unsere Sprache und unsere Körper
angewiesen. Diese sind mithin Dinge, von denen Nietzsche in seiner negativen
Anthropologie behauptet, dass wir über sie nicht wirklich etwas wissen! Es sind
Dinge, zu denen „die Natur den Schlüssel weggeworfen hat“. Unsere Augen –
unfähig zur Erkenntnis – „gleiten nur auf der Oberfläche der Dinge herum“; „auf
dem Rücken der Dinge“ spielen wir ein Spiel, von dem der Philosoph postuliert,
dass es kaum vorstellbar ist, dass es auf Wahrheit oder Erkenntnis zielt.
Dabei verkennen wir, dass die Dinge ein Eigenleben besitzen, das wir nicht
beherrschen. ,Sprache‘ wie ,Körper‘ scheinen uns nicht verfügbar, ihre vermeintliche Verfügbarkeit belegt nur eine weitere Täuschung unsererseits. In
narrativ entfalteten Szenarien von Betrug und Verstellung sind es ,Werkzeuge‘
3 Nietzsche, Friedrich: Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne. In: Kritische
Studienausgabe. Hg. v. Colli, Girogio u. Montinari, Mazzino. Bd. 1. New York, München
1967 – 1977, S. 873 – 890, S. 876 f. Vgl. hierzu Geisenhanslüke, Achim: Masken des Selbst.
Aufrichtigkeit und Verstellung in der europäischen Literatur. Darmstadt 2006, S. 17 – 26;
Mayer, Mathias: Das rechte Leben und das falsche Lesen? Über den Zusammenhang von
Literatur, Lüge und Ethik. In: Kulturen der Lüge. Hg. von Mayer, Mathias. Köln, Weimar u. a.
2003, S. 225 – 245.
11
Seitensprünge und Eisenstäbe
wie ,Sprache‘ und ,Körper‘ die unsere Handlungen ermöglichen wie scheitern
lassen, ist es unser Vertrauen auf die „Oberfläche der Dinge“, die uns täuschen
lässt wie unsere Täuschung bewirkt. „Auf dem Rücken der Dinge“: dort ruhen
unsere Absichten gut, dort müssen sie aufsitzen und darauf vertrauen, dass sie
nicht abgeworfen werden. Die Widerständigkeit der Dinge zeigt sich unmerklich
in den Spuren, die wir an ihnen hinterlassen, an den Spuren, die ein Wissen
hervorbringen, die unsere Verstellung und unseren Betrug behindern. Doch ist
es auch möglich, dass wir absichtlich Spuren legen, um den Betrug, den wir
vorhaben, abzusichern. Ich gehe von der These aus, dass das in der Spur konzentrierte und vermittelte Wissen in einem Spannungsverhältnis zu jenem
Wissen steht, das in der Verstellung bzw. im Betrug hervor gebracht wird oder
hervorgebracht werden soll. Die Spur – am Außen auffindbar, nicht-intentional,
der Welt der Dinge angehörend – ermöglicht ein Wissen, das womöglich im
Widerspruch steht zu jenem, das durch Verstellung und Betrug umgesetzt ist.
Denn dieses basiert u. a. auf der Differenz von Innen und Außen und ist auf
Intentionalität gegründet.4 Doch was ist eigentlich eine Spur?
1.
Was ist eine Spur?
„Die authentische Spur […] stört die Ordnung der Welt.“5
Wodurch ist die ,Spur‘, die im Lateinischen mit vestiguum bezeichnet ist, im
Englischen mit trace und im Französischen mit trace und vestige, gekennzeichnet? In welcher Weise wird sie begrifflich verwendet? Wie ist sie konzeptuell gefasst? Es scheint auf den ersten Blick nicht weiter schwer, zu definieren,
4 Vgl. Haferland, Harald: Über detektivische Logik. In: Lektüren. Aufsätze zu Umberto Ecos
„Der Name der Rose“. Hg. v. Bachorski, Hans-Jürgen. Göppingen 1985, S. 129 – 164, S. 132:
„Probleme gibt es erst, wenn Intentionen ins Spiel kommen, seien dies nun die Tatmotive der
Täter oder ihre Absichten, die Spuren ihrer Tat zu verwischen und ihre Täterschaft zu verschleiern. Intentionen kann man nicht sichern wie Spuren. Man kann sie aus Spuren erschließen, aber man hat dann sofort das, was als hermeneutischer Zirkel bekannt ist. Man
belegt die Existenz einer Intention mit einer Spur und erklärt so die Spur aus der Intention.
Man schließt damit andere Verbindungen der Spur mit anderen Intentionen nicht wirklich
aus. Der Schluß, den man also vorgenommen hat, setzt voraus, was erst noch zu beweisen
wäre.“ Haferlands Überlegungen zur ,Spur‘ bzw. zur Zeichentheorie setzen an bei Ecos
Roman „Der Name der Rose“. Vgl. Umberto Eco: Der Name der Rose. Aus dem Italienischen
von Kroeber, Burkhart. München, Wien 91982; Eco, Umberto: Nachschrift zum ,Namen der
Rose‘. München 102007; Ecos Rosenroman. Ein Kolloquium. Hg. v. Haverkamp, Anselm u.
Heit, Alfred. München 1987; Zeichen in Umberto Ecos Roman ,Der Name der Rose‘. Hg. v.
Kroeber, Burkhard. München, Wien 1987.
5 Emmanuel Levinas: Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie. Übersetzt, hg. und eingeleitet von Krewani, Wolfgang Nikolaus. 3., unveränderte Auflage, Freiburg i. Br. 1992, S. 231.
12
Martin Baisch
was unter einer ,Spur‘ zu verstehen ist. Denn die Wörterbücher geben verständliche und genaue Auskunft:
Spur, ahd. spor, mhd. spur, verwandt mit Sporn […] bezeichnet urspr. den Eindruck,
den die Fußtritte eines Tieres (besonders eines Wildes) oder Menschen hinterlassen.
Auf jüngerer Übertragung beruht es, wenn man auch von der S. eines Wagens spricht.
Aus dem Jagdleben stammen manche uneigentlich gebrauchte Wendungen: einem
(einer Sache) auf der S. sein, einem auf die S. (auf die S. von etwas) kommen, auf der S.
haben u. dgl. Verallgemeinert heißt S. in der neueren Sprache jedes Merkmal davon,
daß etwas einmal vorhanden gewesen ist oder gewirkt hat […].6
Damit ist klar : „Spuren sind Verweise auf Abwesendes, das einmal da war.
Jemand oder etwas hat sie hinterlassen, und da er oder es selbst nicht mehr
befragt oder in Augenschein genommen werden kann, harren sie der Deutung.“7
Die alltagsweltliche Erfahrung stellt rasch ein Wissen bereit, das zum Verständnis der ,Spur‘ zweifellos beiträgt. Denn sie ist „eine Metapher, der ein
lebensweltliches Verstehen zugrunde liegt“.8 Hierzu gehört auch, dass eine Spur
oft nicht als einzelne oder isoliert begegnet: Mehrere Spuren hintereinander
ergeben eine Fährte, man findet sich auf einem Weg oder einem Trampelpfad
wieder. Folgt man den Spuren, wird man in eine Richtung gewiesen. Blickt man
nach einiger Zeit zurück, wird deutlich, wie man sich im Raum orientiert hat und
welche Anstrengungen an Aufmerksamkeit und Bemühungen um Deutung
hierzu notwendig waren:
Während der Begriff ,Zeichen‘ die Vorstellung von der Einzelheitlichkeit eines ,Zeichens‘ und von der Statik in der Zuordnung von ,Signifikant‘ und ,Signifikat‘ nahelegt,
läßt der Begriff ,Spur‘ von vornherein an eine Abfolge mehrerer ,Signale‘ (vgl. ,Fährte‘)
und an deren komplexen Interpretationsprozeß (,Spurenlesen‘) denken, der sich nicht
in einer einfachen Zuordnung von ,Signal‘ (,Signifikant‘) und ,Bedeutung‘ (,Signifikat‘)
erschöpft.9
Beschäftigt man sich mit dem Phänomen der ,Spur‘ intensiver, lernt man zu
unterscheiden, wann von ihr als einer bloßen Redewendung gesprochen wird,
6 Paul, Hermann: Deutsches Wörterbuch. Bearbeitet von Betz, Werner. 8., unveränderte
Auflage, Tübingen 1981, S. 624 f. Vgl. auch Deutsches Wörterbuch, von Jakob und Wilhem
Grimm, Fotomechanischer Nachdr. der Erstausg. 1854, München 1971, Bd. 17, Sp. 235 – 242.
7 Bedorf, Thomas: Spur. In: Wörterbuch der philosophischen Metaphern. Hg. v. Konersmann, Ralf. Darmstadt 2007, S. 401 – 420, S. 401.
8 Gawoll, Hans Jürgen: Spur. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hg. v. Ritter,
Joachim u. Gründer, Karlfried. Bd. IX. Basel 1995, Sp. 1550 – 1558, Sp. 1550.
9 Scherner, Maximilian: Textverstehen als Spurenlesen. In: Text und Grammatik. Festschrift
für Roland Harweg zum 60. Geburtstag. Hg. v. Canisius, Peter u. a. Bochum 1994, S. 317 – 339,
S. 322. Nach Fertigstellung des vorliegenden Aufsatzes ist die grundlegende Arbeit von Norah
Hannah Kessler : Dem Spurenlesen auf der Spur. Theorie, Interpretation, Motiv. Würzburg
2012 (Film – Medium – Diskurs 39) erschienen, die leider nicht mehr berücksichtigt werden
konnte.
Seitensprünge und Eisenstäbe
13
wann sie als Metapher Verwendung findet, welche Anstrengung es benötigt, sie
als Begriff oder als Konzept zu entwerfen. Diskussionen darüber, wie die ,Spur‘
konzeptuell zu fassen ist, finden sich nämlich in ganz unterschiedlichen Wissensbereichen. Zu nennen sind etwa die Überlegungen in der linguistischen
Texttheorie, die Versuche der Diskurstheorie der Wissenschaften und auch die
Prozessforschung der Informatik. Wissensgeschichtlich ist in Bezug auf Überlegungen zur ,Spur‘ das von Carlo Ginzburg in die Debatte eingeführte und
wirkungsreiche ,Indizienparadigma‘ zu nennen.10
Offenkundig ist, dass die Kategorie der ,Spur‘ in den gegenwärtigen literatur- und erkenntnistheoretischen Debatten kulturwissenschaftlicher Orientierung zunehmend an Aufmerksamkeit gewinnt. Erwägungen zur ,Spur‘
stehen im Kontext von Begriffen und Konzepten wie ,Präsenz‘ und ,Materialität‘. Begrifflich ist die ,Spur‘ von Termini wie ,Abdruck‘, ,Zeichen‘, ,Index‘
oder ,Symptom‘ abzugrenzen. Sie kann als Instrument der Kritik an überkommenen konstruktivistischen Paradigmen in den theoretischen Diskussionen der letzten Jahrzehnte dienen, in denen über das Verschwinden des
Referenten, über Dematerialisierung, Entkörperung, Informatisierung und
Virtualisierung der Lebenswelt debattiert wurde.11 Die ,Spur‘ – verstanden als
„fortbestehende Präsenz eines Restes“ (Derrida) – wäre mit Hilfe von Kriterien wie Heteronomie, Polysemie und Interpretativität näher zu bestimmen.
Die Spur generiert und modelliert Wissen, das Spurenlesen ist auch und nicht
zuletzt ein Instrument der Wissenserzeugung. Dass das Spurenlesen eine
Wissenspraktik darstellt, rechtfertigt hier im Kontext von Betrugs- und Verstellungshandlungen ihre Bearbeitung: „Spurenlesen ist ein knowing how, es
10 Ginzburg, Carlo: Spuren einer Paradigmengabelung: Machiavelli, Galilei und die Zensur
der Gegenreformation. In: Spur. Spurenlesen als Orientierungstechnik und Wissenskunst.
Hg. v. Krämer, Sybille u. a. Frankfurt a. M. 2007, S. 257 – 280; Harrowitz, Nancy : Das
Wesen des Detektiv-Modells. Charles Peirce und Edgar Allan Poe. In: Der Zirkel oder Im
Zeichen der Drei. Dupin. Holmes. Peirce. Hg. v. Eco, Umberto u. Sebeok, Thomas A.
München 1985 (Supplemente 1), S. 262 – 287; Eco, Umberto: Hörner, Hufe, Sohlen. Einige
Hypothesen zu drei Abduktionstypen. In: Der Zirkel oder Im Zeichen der Drei. Dupin.
Holmes. Peirce. Hg. v. Eco, Umberto u. Sebeok, Thomas A. München 1985 (Supplemente 1),
S. 288 – 320; Krämer, Sybille: Was also ist eine Spur? Und worin besteht ihre epistemologische Rolle? Eine Bestandsaufnahme. In: Spur. Spurenlesen als Orientierungstechnik und
Wissenskunst. Hg. v. Krämer, Sybille u. a. Frankfurt a. M. 2007, S. 11 – 33, S. 25.
11 Vgl. Krämer [Anm. 10], S. 12. Vgl. aus mediävistischer Perspektive zum Begriff des Zeichens u. a. Huber, Christoph: Wort sint der dinge zeichen. Untersuchungen zum Sprachdenken der mhd. Spruchdichtung bis Frauenlob. Zürich, München 1977 (MTU 64), S. 6 – 21;
Haferland [Anm 4.]; Meier-Oeser, Stephan: Die Spur des Zeichens. Das Zeichen und
seine Funktion in der Philosophie des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Berlin 1997
(Quellen und Studien zur Geschichte der Philosophie 44); Müller, Jan-Dirk: Visualität,
Geste, Schrift. Zu einem neuen Untersuchungsfeld der Mediävistik. In: ZfdPh 133 (2003),
S. 118 – 133. Näher zu untersuchen wäre, inwiefern die Kategorie der ,Spur‘ in der virulenten
Debatte um die mittelalterliche Präsenzkultur zu Präzisierungen führen könnte.
14
Martin Baisch
ist die ,Kunst des (intelligenten) Vermutens‘, ein Können also, das unter bestimmten Umständen zu neuem Wissen führt – uns aber auch dessen Grenzen
spüren lässt.“12 Die Spur kann einerseits den Status eines Beweises erlangen
und gilt als ein Mittel der Orientierung; andererseits ist ihr in epistemologischer Hinsicht mit Skepsis zu begegnen: sie ist ,Schrift‘, bedarf also der
Interpretation13 und verlangt von dem Interpreten ein Vorwissen:
Ich schließe nur dann von den Spuren auf der Erde auf die Anwesenheit eines Tieres,
wenn ich gelernt habe, eine konventionelle Beziehung zwischen diesem Zeichen und
diesem Tier herzustellen. Wenn die Spuren Spuren von etwas sind, was ich noch
niemals vorher gesehen habe (und von dem mir niemals gesagt wurde, welche Art von
Spuren es hinterlässt), dann erkenne ich den Index nicht als Index, sondern interpretiere ihn als natürlichen Zufall.14
Damit wird die Rolle des Spurensuchers betont bzw. die Interdependenz von
Spur und Spurendeuter hervorgehoben: „,Aufmerksam machendes Mal von
Etwas‘ (Reizgegebenheit der Spur) und Detektor konstituieren eine komplizierte
Wechselbeziehung, die eine genauere Betrachtung verdient.“15
12 Krämer [Anm. 10], S. 21. Vgl. zur Konzeptionalisierung von ,knowing how‘ auch den Band
Dynamiken des Wissens. Hg. v. Hempfer, Klaus W. u. Tranninger, Anita. Freiburg i.
Br. 2007 (Rombach Wissenschaften Scenae 6). Hierzu auch Haferland [Anm. 4].
13 Nägele, Rainer : Spurlos: Spürbar. In: ders.: Darstellbarkeit. Das Erscheinen des Verschwindens. Basel, Weil am Rhein 2008, S. 137 – 155 betont S. 137 den Umstand, dass die
Spur immer die eines anderen ist, „auch wenns die eigene gewesen sein wird“.
14 Eco, Umberto: Einführung in die Semiotik. München 51985, S. 199. Harald Haferland hat
– auch unter Rückgriff auf das Phänomen der Fußspur, die er im Kontext von Magie betrachtet – die These aufgestellt, dass sich das vormoderne Denken primär durch kontiguitäre
Konstrukte auszeichne und durch ein nachhaltig und „in den verschiedensten Kontexten
verwendetes konzeptuelles Ist“ (S. 100) gekennzeichnet sei. Ein „modernes“ Denken hingegen löse kontiguitär vermittelte Gleichsetzungen auf und differenziere die zugrundeliegenden Relationen abstrakt aus. Zwar lasse sich dann doch nicht zeitlich exakt bestimmen,
wann ein derart modernes Denken beginne. Entscheidend sei, dass es in der Neuzeit erheblich größere Felder der Wissensorganisation und der sozialen Praktiken durchdringe,
während sogenannt assoziativ-kontiguitäres Denken in Residuen der Privatmythologie, des
Aberglaubens, des Fetischismus etc. zurückgedrängt erscheine. Vgl. Haferland, Harald:
Kontiguität. Die Unterscheidung vormodernen und modernen Denkens. In: Archiv für
Begriffsgeschichte 51 (2009), S. 61 – 104; vgl. auch Haferland, Harald: Verschiebung,
Verdichtung, Vertretung. Kultur und Kognition im Mittelalter. In: IASL 33, 2 (2008), S. 52 –
101. Den Ansatz zeichnet ein teleologisches Denken aus, das mithin Hierarchien entfaltet,
welche die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem vernachlässigt. Es zeigt sich, dass hier der
Begriff der ,Spur‘ dem Feld assoziativ-kontiguitären Denkens zugeordnet wird und damit,
wie mir scheint, eine erhebliche Reduktion erfährt.
15 Spitznagel, Albert: Auf der Spur von Spuren. In: Wunderliche Figuren. Über die Lesbarkeit
von Chiffrenschriften. Hg. v. von Arburg, Hans-Georg u. a. München 2001, S. 239 – 259,
S. 240. Vgl. auch Bernd Stiegler : Spuren, Elfen und andere Erscheinungen. Conan Doyle
und die Photographie, Frankfurt a. M. 2014.
15
Seitensprünge und Eisenstäbe
*
Die Spur hängt in emotionshistorischer Perspektive mit dem Interesse, der
Neugier und dem Staunen eng zusammen. In der augustinischen Weltsicht wird
die Neugier als der (fehlschlagende) Versuch aufgefasst, sich den von Gott geschaffenen Kosmos unmittelbar verfügbar zu machen. Man greift neugierig
nach etwas und übersieht, dass das Gegriffene und Berührte lediglich auf etwas
anderes – eben das Wirken Gottes – verweist:
Die neugierige Perspektive auf die Welt verwandelt diese, die bei aller Verheißung von
Präsenz die Spuren der Absenz tragen, in trügerisch schon erfüllte Präsenz. Denn Gott
manifestiert sich wohl in Zeichen, aber er geht darin nicht auf. Die Spur der Absenz, die
das Zeichen markiert, macht es allererst zum Zeichen, während die fruitio der Welt
darin besteht, über ihren Zeichencharakter hinwegzutäuschen und die Illusion von
Präsenz an die Stelle der Spur einer Absenz zu setzen. Der Neugierige verkennt den
allegorischen Zustand von Sprache und Welt und liest alles literal-hiesig. In der Welt
sieht er sein eigenes Spiegelbild, in dem er sich narzisstisch genießt; dieses Spiegelbild
modelliert die Welt nicht mehr nach Gottes Bild, sondern reduziert Gott auf die Welt.16
Damit ist auch eine wichtige Traditionslinie angesprochen, innerhalb derer das
Konzept der ,Spur‘ große Bedeutung besitzt. In der metaphysischen Überlieferung werden Spuren als Manifestationen des Göttlichen verstanden bzw. erkannt. Spuren können nach dieser Auffassung als Hinweise auf eine von der
Faktizität der Welt getrennte Transzendenz aufgefasst werden. In der Trinitätslehre des Johannes Scotus Eriugena findet sich in Nachfolge von Positionen des
Augustinus eine christliche Umdeutung der Spuren, die als entfernteste Hinweise auf den verborgenen Gott verstanden werden:
Obwohl der Mensch die trinitarische Wahrheit nicht selbst in den Spuren erkennt,
wertet Eriugena die Spuren gegenüber Augustinus auf. Sie bedeuten für ihn sinnliche
Lichter, in denen der göttliche Grund aufstrahlt. Diese Verbindung des Sinnfälligen mit
einer Lichtmetaphorik und -ontologie bildet den sachlichen Kontext, in dem dann
Bonaventura seine Auffassung der Spuren entwickelt.17
16 Vinken, Barbara: Art. Curiositas/Neugierde. In: Historisches Wörterbuch ästhetischer
Grundbegriffe. Hg. v. Barck, Karlheinz u. a. Stuttgart 2000, S. 794 – 813, S. 800. Vgl. zu dieser
Perspektive noch Scheler, Max: Zur Rehabilitierung der Tugend. In: ders.: Gesammelte
Werke. Hg. v. Frings, Manfred S. Bd. 3: Vom Umsturz der Werte: Abhandlungen und
Aufsätze. Bonn 1972, S. 15 – 31, der in der existentialen Haltung des Staunens gegenüber der
Welt die Spur des Göttlichen vermutet.
17 Gawoll [Anm. 8], Sp. 1551. Vgl. Bonaventura: „Itinerarium mentis in Deum“. Der Pilgerweg des Menschen zu Gott. Lateinisch-deutsch, übersetzt und erläutert von Schlosser,
Marianne. Mit einer Einleitung von Zahner, Paul. Münster 2004 (Theologie der Spiritualität. Quellentexte 3), Kap. II, 7 (S. 38): „Haec autem omnia sunt vestigia, in quibus specularia
possumus Deum nostrum.“ Die Metaphysik der ,Spur‘ hat auch die Philosophie im
16
Martin Baisch
*
Etymologisch eng mit dem Begriff der Spur hängt auch das Verb ,spüren‘ zusammen:
spüren, ahd. spurian, altgerm. schwaches Verb, das zunächst die Tätigkeit des Jägers
oder des Jagdhundes bezeichnet, womit analoge Tätigkeiten verglichen werden, intr.
gebraucht, vgl. nach Handschriften s., früher auch zuweilen trans. Dagegen bezeichnet
es jetzt trans. jede Art von gewahrwerden, selbst wenn es ohne Aufmerksamkeit zustande kommt.18
Entscheidend für die Semantik von ,spüren‘ ist nicht, „dass diese Tätigkeit sich –
wie es doch naheläge – auf das ,Machen von Spuren‘ bezieht, vielmehr auf ihre
Deutung und Verfolgung.“19 Als ein Beispiel aus der mittelhochdeutschen Literatur lassen sich hierfür aus Wolframs von Eschenbach Fragment „Titurel“
folgende Strophen anführen, die davon berichten, wie Gahmuret im Gespräch
mit Schionatulander, mit dem er in verwandtschaftlichem Verhältnis steht, über
die schmerzliche Erfahrung der Liebe, die der junge Knappe erlitten hat, reflektiert:
Str. 99
er sprach: ,owÞ, durh waz h–t sich geloubet
d„n anlütze l˜terl„cher
blicke? diu minne sich selben an dir roubet.
Str. 100
Ich spür an dir die minne,
alze grúz ist ir sl–ge.
du solt mih d„ner tougen
niht helen, s„t wir s„n sú n–hen gem–ge
unt bÞde ein verch von ordenl„cher sippe.
die spür ich n–her dane von
der muoter, diu d– wuohs ˜z stelehaftem rippe.20
20. Jahrhundert intensiv beschäftigt: Autoren wie Heidegger, Benjamin, Levinas und
Derrida haben in der ,Spur‘ für ihre ontologischen und epistemologischen Konzepte einen
wichtigen Baustein gesehen. Vgl. etwa Gawoll, Hans-Jürgen: Spur: Gedächtnis und Andersheit: Teil II: Das Sein und die Differenzen – Heidegger, Levinas und Derrida. In: Archiv
für Begriffsgeschichte 32 (1989), S. 269 – 296; vgl. auch Jauß, Hans Robert: Spur und Aura.
Bemerkungen zu Walter Benjamins Passagen-Werk. In: ders.: Studien zum Epochenwandel
der ästhetischen Moderne. Frankfurt a. M. 1989, S. 189 – 215.Vgl. zu Jauss’ Verwischen
seiner eigenen biographischen Spuren als SS-Offizier während der Zeit des Nationalsozialismus die Pressemitteilung Nr. 48/2015 der Universität Konstanz.
18 Paul [Anm. 5], S. 625. Vgl. auch Deutsches Wörterbuch von Jakob und Wilhem Grimm
[Anm. 5], Bd. 17, Sp. 243 – 248. Vgl. auch Pape, Helmut: Fußabdrücke und Eigennamen:
Peirces Theorie des relationalen Kerns der Bedeutung indexikalischer Zeichen. In: Spur.
Spurenlesen als Orientierungstechnik und Wissenskunst. Hg. v. Krämer, Sybille u. a.
Frankfurt a. M. 2007, S. 37 – 54, S. 39.
19 Krämer [Anm. 10], S. 13.
20 Der Text und seine Übersetzung werden zitiert nach: Wolfram von Eschenbach: Titurel. Hg.,
Seitensprünge und Eisenstäbe
17
,Er sagte: ,Ach, weshalb hat dein Antlitz den strahlenden Glanz verloren? Die Minne
beraubt sich selbst an dir. Ich nehme an dir die Spur der Minne wahr, allzu ausgeprägt
ist ihre Fährte. Du sollst mir dein Geheimnis nicht verhehlen, da wir so nahe Blutsverwandte sind und beide ein Fleisch und Blut aus gottgeordneter Familie. Diese
Verwandtschaft spüre ich näher als die von der Mutter, die hervorging aus der gestohlenen Rippe.‘
Blass und fahl durch die Liebeserfahrung – so präsentiert sich das Antlitz von
Schionatulander in der Wahrnehmung von Gahmuret. Es hat seinen Glanz
verloren! Diesen Mangel (er)spürt der Ältere: Die Erfahrung der Minne, die hier
in der Metaphorik der Jagd (spüren – sl–ge) gefasst ist,21 hüllt sich in ein Geheimnis, das dem Gesicht des Jüngeren abzulesen ist. Die Abwesenheit von
Glanz ist die Spur auf dem Angesicht des Knappen, der Gahmuret nachspürt. Ein
wichtiges Kriterium, das sich aus dem Gesagten ergibt und wodurch sich ein
Konzept von ,Spur‘ näher definieren ließe, wäre also der Moment von Abwesenheit:
Die Anwesenheit der Spur zeugt von der Abwesenheit dessen, was sie hervorgerufen
hat. In der Sichtbarkeit bleibt dasjenige, was sie erzeugte, gerade entzogen und unsichtbar […]. Die Spur macht das Abwesende niemals präsent, sondern vergegenwärtigt seine Nichtpräsenz; Spuren zeigen nicht das Abwesende, sondern vielmehr
dessen Abwesenheit.22
Die Abwesenheit von Glanz verweist auf Minne: Dieses Geheimnis zu lüften,
gelingt Gahmuret, weil er sich blutsverwandt mit dem von der Minne Betroffenen weiß.
In Str. 165 wird das Verb ,spüren‘ erneut aufgegriffen, als davon erzählt wird,
wie Schionatulander beim Angeln plötzlich das Gebell, die Stimme, von Gardeviaz hört und daraufhin dem Hund, der Liebe, hinterher eilt:
Er warf den angel ˜z der hant.
mit snelheit er g–hte
über ronen unt ouch durch br–men,
d– mit er doch dem bracken ninder gen–hte.
den het im ungeverte alsú gevirret,
daz er ninder spürte wilt noch hunt,
unt wart ouch von dem winde der húre verirret.
,Er warf die Angel aus der Hand. Flink eilte er über Baumstämme und auch durch
Dornengestrüpp, aber trotzdem kam er dem Bracken keineswegs näher. Die Unwegübersetzt und mit einem Kommentar und Materialien versehen von Brackert, Helmut und
Fuchs-Jolie, Stephan. Berlin/New York 2002.
21 Im Mittelhochdeutschen vielfältig belegt ist das Wort sl–ge (oder in kontrahierter Form sl–)
für Spur (bes. vom Hufschlag der Pferde), Fährte oder Weg.
22 Krämer [Anm. 10], S. 15. Vgl. auch Krämer, Sybille: Was kommt nach den Zeichen? Ein
Essay über die Spur. In: Kulturelle Existenz und Symbolische Form. Philosophische Essays
zu Kultur und Medien. Hg. v. Krois, John Michael u. Meuter, Norbert. Berlin 2006, S. 155 –
166. Vgl. auch Gawoll [Anm. 8], Sp. 1550: Die Spur „bedeutet einen Abdruck oder ein
aufmerksam machendes Mal von etwas, das selbst nicht gegenwärtig ist“.
18
Martin Baisch
samkeit des Geländes hatte ihn ganz weit entfernt, so daß er weder das Wild noch den
Hund irgendwo aufspüren konnte. Auch wurde er vom Wind am Hören gehindert.‘
,Spüren‘ verweist hier in der Bedeutung von ,wahrnehmen‘ erneut auf den Bereich der Jagd und deren komplexen Erfassung und Verarbeitung von Informationen:
Jahrtausendelang war der Mensch Jäger. Im Verlauf zahlreicher Verfolgungsjagden
lernte er es, aus Spuren im Schlamm, aus zerbrochenen Zweigen, Kotstücken, Haarbüscheln, verfangenen Federn und zurückgebliebenen Gerüchen Art, Größe, und
Fährte von Beutetieren zu rekonstruieren. Er lernte es, blitzschnell komplexe geistige
Operationen auszuführen, im Dickicht des Waldes wie auf gefährlichen Lichtungen.23
Während sich Schionatulander im ersten Textbeispiel von der Minne gezeichnet
und gejagt zeigt, ist er in der zweiten Textstelle selbst der Jäger der Liebe. Mit
dem Spürsinn verwandt – in wissenstheoretischer Perspektive – scheint auch der
Begriff der Intuition. Das Wort ,Intuition‘ stammt ursprünglich aus dem lateinischen intueri und bedeutet ,anschauen‘, ,betrachten‘, ,erwägen‘. Intuition
steht deshalb auch für ein spontanes, ganzheitliches Erkennen oder Wahrnehmen24 und ist als Wissensform Konzepten des tacit knowledge nahe stehend.25
*
Hier soll nicht weiter diskutiert werden, wie Spuren als Medien des Gedächtnisses zu verstehen seien, wie etwa der Begriff der Erinnerungsspur andeutet,
der auf die Vergangenheit zielt, oder die Debatten um die materielle Verortung
von Spuren (im menschlichen Gehirn) bei Descartes oder bei Spinoza, die
Spur als Gedächtniskonstrukt verstehen. „In der Geschichte der memoria soll
das Spurkonzept erklären, wie erinnerndes Aufbewahren möglich ist bzw. was
der Konservierung von Eindrücken zugrunde liegt. Ein unbekannter, nicht direkt der Beobachtung zugänglicher Prozeß, die Einprägung, wird in Analogie
zur bekannten Spurenbildung betrachtet.“26 Auch nicht näher bedacht werden
23 Ginzburg [Anm. 10], S. 15.
24 Fuchs, Thomas: Spürsinn – Intuition – Erfahrung. Phänomenologische Spurensuche in der
psychiatrischen Diagnostik. In: Neurobiologie und Psychotherapie. Hg. v. Wollschläger,
Martin. Tübingen 2007, S. 55 – 68.
25 Polanyi, Michael: Implizites Wissen. Frankfurt a. M. 1985; vgl. auch Fohrmann, Jürgen:
Spur, Spuren: Mutmaßungen über Abdrücke und Bigfoots in 13 Etappen. In: Spuren. Lektüren. Festschrift für Ludwig Jäger zum 60. Geburtstag. Hg. v. Fehrmann, Gisela u. a.
München 2005, S. 13 – 32, S. 24 f.
26 Spitznagel [Anm. 15], S. 241. Vgl. auch Krämer [Anm. 10], S. 22 f.; Bedorf [Anm. 7],
S. 404: „Erinnerungen als geistige Leistungen bedürfen einer Vermittlung in der Zeit, um
erklären zu können, wie aktuell nicht Bewusstes wieder ins Bewusstsein treten kann, gewollt
oder ungewollt. Das Bild der Spur dient hier dazu, eine Eigenständigkeit des Erinnerbaren zu
19
Seitensprünge und Eisenstäbe
sollen hier medientheoretisch orientierte Überlegungen, die im ,semiologischen
Konstruktivismus‘ entwickelt wurden, wonach „jeder Sprachverwendung Spuren ihres Mediums anhaften und dies erst die Bedingung dafür bildet, daß sich
Differenzierungsprozesse, etwa des Selbstbezugs, entfalten können.“27
*
Der Zusammenhang von ,Spur‘ und ,Macht‘ bzw. ,Herrschaft‘ stellt ein wichtiges, noch nicht ausreichend bearbeitetes Untersuchungsfeld dar. Gerade der
Umstand, dass Spuren als Symptome von bisher noch nicht entdeckten Sachverhalten gelten können, erlaubt es auf eine Semiotik zu setzen, die sich nicht auf
eine Analyse nur von a priori feststehenden Symbolsystemen beschränkt.
Machtanalyse, die um die Unmöglichkeit einer Theorie der Macht weiß, läßt sich so nur
als Spurenkunde vollziehen, die nicht von Zeichen und Symbolen mit konventionaler
Bedeutung ausgeht, sondern von einer Störung der eindeutigen Sinnzuordnung.
Spuren sind demnach ,Unordnungen‘ im System der Signifikanten, auch wenn die
Zeichen ihre Spurhaftigkeit niemals ganz abzulegen vermögen. In den Spuren der
Macht, also jenen Effekten, die noch nicht zu Symbolen oder Zeichen geronnen sind,
läßt sich die Wirkungsweise von Macht zeigen, ohne sich auf den Repräsentationsdiskurs der Zepter, Institutionen und Oberhäupter verlassen zu müssen.28
*
Als Attribut, mit dem man der ,Spur‘ bzw. den ,Spuren‘ auf die Spur kommen
könnte, wäre – wie schon angedeutet – ihre Fähigkeit zu nennen, Orientierung zu
ermöglichen und damit Wissen zu stiften:
Denen, die Spuren lesen, geht es immer um eine Orientierung für das eigene praktische
oder theoretische Handeln. Spurenlesen wird nötig unter Bedingungen von Ungewissheit, Unsicherheit und vielleicht auch von Angst, dort also, wo eine Situation
entstanden ist, in der wir uns nicht (mehr) auskennen.29
behaupten, auf das sich bewusstes Wiederaufgreifen, konstruktive Gedächtnisarbeit oder
traumatisches Hereinbrechen stützen.“
27 Bedorf [Anm. 7], S. 403. Vgl. Krämer, Sybille: Das Medium zwischen Zeichen und Spur.
In: Spur. Zur Externalität des Symbolischen. Hg. v. Fehrmann, Gisela u. a. München 2005,
S. 153 – 166; Krämer, Sybille: Medien, Boten, Spuren. Wenig mehr als ein Literaturbericht.
In: Was ist ein Medium? Hg. v. Stefan Münker u. Alexander Roessler, Frankfurt a. M. 2008,
S. 65 – 90.
28 Bedorf [Anm. 7], S. 408. Vgl. hierzu Ansätze bei Röttgers, Kurt: Spuren der Macht.
Begriffsgeschichte und Systematik. Freiburg i. Br. 1990; ders.: Spuren der Macht und das
Ereignis der Gewalt. In: Reden von Gewalt. Hg. v. Platt, Kristin. München 2002, S. 80 – 120.
29 Krämer [Anm. 10], S. 15. Vgl. hierzu auch Stegmaier, Werner : Anhaltspunkte. Spuren zur
20
Martin Baisch
Gawans neugieriges Verhalten in Wolframs von Eschenbach berühmter Blutstropfenepisode aus dem „Parzival“-Roman belegt, dass hier ein Spurenleser am
Werk ist, der sich nicht – wie seine stürmisch-ritterlichen Kollegen Segremors
und Keie – täuschen lässt. Gawan reitet auf den in Minnetrance erstarrten Ritter
ohne kämpferischen Ehrgeiz und in friedvoller Absicht zu. Doch auf seinen Gruß
wie auf seine freundlich-interessierte Nachfrage reagiert Parzival nicht. Gawan
bringt Erfahrung, indem er sich an eigenes Minneleid erinnert, und Empirie,
indem er seine Aufmerksamkeit auf die gesamte Situation richtet, zusammen. Er
beobachtet zunächst sein Gegenüber :
er marcte des W–leises sehen,
war stüenden im die ougen s„n.
(Wolfram von Eschenbach: ,Parzival‘, V. 301, 26 f.)
,Er gab acht auf des W–leisen Blick, wo seine Augen hingingen.‘30
Gawans besondere Leistung besteht darin, dem wunderlichen Verhalten Parzivals durch ein unvoreingenommenes und neugieriges Verhalten auf den Grund
zu gehen. Im Roman ist Gawans Wahrnehmung als eine geschildert, die den
Blicken eines anderen folgt.31 Es ist eine Wahrnehmung, welche die drei Tropfen
Tierblut im Schnee zu lesen vermag.32
Dass man Spuren aber erst zum Sprechen bringen muss, das ist die besondere
Leistung Gawans. Solches weiß auch die Kriminalistik: „Welche ,Spuren‘ im
Orientierung. In: Spur. Spurenlesen als Orientierungstechnik und Wissenskunst. Hg. v.
Krämer, Sybille u. a. Frankfurt a. M. 2007, S. 82 – 94.
30 Wolfram von Eschenbach: Parzival. Text nach der 6. Ausgabe von Karl Lachmann, Übersetzung von Knecht, Peter, Einführung von Schirok, Bernd. Berlin 2003.
31 Hasebrink, Burkhard: Gawans Mantel. Effekte der Evidenz in der Blutstropfenepisode des
,Parzival‘. In: Texttyp und Textproduktion in der deutschen Literatur des Mittelalters. Hg. v.
Andersen, Elizabeth u. a. Berlin, New York 2005 (TMP 7), S. 237 – 247, S. 244. Vgl. auch
Mertens Fleury, Katharina: Zur Poetik von ratio und experientia in der Blutstropfenszene
im ,Parzival‘ Wolframs von Eschenbach. In: Wolfram Studien XX (2008), S. 73 – 94;
Münkler, Marina: Inszenierungen von Normreflexivität und Selbstreflexivität in Wolframs
von Eschenbach ,Parzival‘. In: ZFG N.F. (2008), S. 497 – 511.
32 Meyer, Matthias: Filling a bath, dropping into the Snow, drunk through a glass straw.
Transformations and Transfigurations of Blood in German Arthurian Romances. Plenarvortrag auf dem Internationalen Kongress der Arthurian Society, Utrecht 2005. In: BBSIA
LVIII 2006 (erschienen 2007), S. 399 – 424, S. 413 f.: „In both romances, the basic structure is
the same: Parzival/Perceval is entranced by three drops of blood in the untimely snow –
blood that dripped down from a wild goose which was slain by a falcon. There are many
differences in detail. To name but a few: in Wolfram, it is Arthur’s falcon which feed itself and
spent the night together with Parzival. Chr¦tien describes in detail how the blood mingles
with the snow and produced the rosy colour of Blancheflur’s skin. Wolfram only mentions
three drops, and thus produces more the impression of an abstract face. In Chr¦tiens text, the
contrast of red blood drops and white background clearly echo the dripping blood on the
white lance, a trait that is missing in Wolfram, where the connection with the blood and the
lance is not clear in this scene […].“
Seitensprünge und Eisenstäbe
21
kriminaltechnischen Sinne wirklich Spuren sein können, ist also bereits in
diesem um die Evidenz zentrierten Feld nicht ohne eine Hermeneutik festzulegen, die davon ausgeht, daß Spuren nicht für sich selbst sprechen. Spuren
werden nicht einfach gelesen, sondern konstruiert.“33
Das Beispiel aus dem „Parzival“ belegt auch, dass eine Spur über eine eigene
Materialität verfügt:
Spuren treten gegenständlich vor Augen; ohne physische Signatur auch keine Spur.
Spuren entstehen durch Berührung, also durchaus ,stofflich‘: Sie zeigen sich im und am
Material. Spuren gehören der Welt der Dinge an. Nur kraft eines Kontinuums in der
Materialität, Körperlichkeit und Sinnlichkeit der Welt ist das Spurenhinterlassen und
Spurenlesen möglich. Der Zusammenhang zwischen Urheberschaft und Spur ist nach
Art einer Ursache-Wirkungs-Relation zu denken; er beruht weder auf Ähnlichkeit (wie
im Abbild) noch auf Konventionalität (wie im Symbol). Die Materialität der Spur –
anders als beim Zeichen – subordiniert sich nicht der Repräsentation. Spuren repräsentieren nicht, sondern präsentieren. Und überdies: Wie alle Dinge zeigen sie nur und
reden nicht.34
In merkwürdiger Weise wird im autobiographischen Exkurs der MinnegrottenEpisode in Gottfrieds von Straßburg „Tristan“-Roman die Materialität von
Spuren in Szene gesetzt: Auf dem Kristallbett in der Grotte hat der Erzähler, wie
er berichtet, nicht geruht; tanzend ist er allerdings durch die Minnegrotte gesprungen, hat derart auf dem harten Marmorboden Spuren hinterlassen, die
aber – der grüne Marmor wächst wundersamer Weise nach – aus der Welt zu
schaffen sind.
und aber den ester„ch d– b„,
swie herte marmel„n er s„,
den h–n ich sú mit triten zebert:
hæte in diu grüene niht ernert,
an der s„n meistiu tugent l„t,
von der er wahset alle z„t,
man spurte wol dar inne
diu w–ren spor der minne.
(Gottfried von Straßburg: ,Tristan‘ V. 17117 – 17124)35
33 Bedorf [Anm. 7], S. 402. Vgl. auch Reichertz, Jo: Die Spur des Fahnders oder: Wie Polizisten Spuren finden. In: Spur. Spurenlesen als Orientierungstechnik und Wissenskunst.
Hg. v. Krämer, Sybille u. a. Frankfurt a. M. 2007, S. 309 – 332.
34 Krämer [Anm. 10], S. 15 f.; Alt, Peter-Andr¦: Die Verheißungen der Philologie. Göttingen
2007 (Göttinger Sudelblätter), S. 25 f.; vgl. auch Fohrmann [Anm. 25], S. 15 f.
35 Der Text wird zitiert nach: Gottfried von Straßburg: Tristan. Band I: Text. Hg. v. Marold,
Karl. Unveränderter fünfter Abdruck nach dem dritten mit einem auf Grund von Friedrich
Rankes Kollationen verbesserten kritischen Apparat besorgt und mit einem erweiterten
Nachwort versehen von Werner Schröder. Band II: Übersetzung v. Peter Knecht. Mit einer
Einführung in das Werk v. Tomas Tomasek. Berlin, New York 2004.
22
Martin Baisch
,Den Marmorboden um das Bett herum habe ich mit meinen Tritten ganz zertrampelt,
so hart er ist. Wenn er nicht immer nachwachsen würde – das macht die grüne Farbe,
die ihm diese besondere Fähigkeit verleiht –, dann könnte man heute noch meine Spur
der wahren Liebe darauf erkennen.‘
Gawans Verhalten in der Blutstropfen-Episode belegt auch, dass das Konzept der
,Spur‘ abhängig ist von der Tätigkeit, den Handlungen eines Beobachters, denn
es ist – neben dem Erzähler – der Artusritter, der aus den Tropfen roten Tierbluts
Beweismittel für einen von ihm selbst konstruierten Sinnzusammenhang macht.
Etwas ist nicht Spur, sondern wird als Spur gelesen. Es ist der Kontext gerichteter
Interessen und selektiver Wahrnehmung, welcher aus ,bloßen‘ Dingen Spuren macht.
Wir sind beim Spurenlesen involviert. […] Spur ist nur das, was als Spur betrachtet und
verfolgt wird. Macht dies Spuren zu sozialen Tatsachen, deren Sein auf ihrem Anerkanntsein beruht?36
Ohne die roten Blutspuren im weißen Schnee hätte Gawan also nicht so handeln
können, wie er gehandelt hat. Aufmerksam ist er aber geworden, weil er in seinen
Sehgewohnheiten irritiert wurde: Das Rot im Weiß bedeutet einen ,Bruch‘, eine
Störung in der Wahrnehmung, die etwas als Spur zu erkennen gibt: „Auffällig
können Spuren nur werden, wenn eine Ordnung gestört ist, wenn im gewohnten
Terrain das Unvertraute auffällt oder das Erwartete ausbleibt. Erst Abweichungen lassen Spuren sinnenfällig werden.“37
*
„Nur unter der Voraussetzung, daß die Vergangenheit eine Spur hinterlassen hat,
die von den Monumenten und Dokumenten zu einem Zeugen der Vergangenheit
gemacht wird, wird es überhaupt möglich, daß Archive eingerichtet und Dokumente gesammelt und aufbewahrt werden.“38 In der Geschichtswissenschaft
ist, wie dieses Zitat von Paul Ricoeur belegt, Erkenntnis nur durch Spuren
möglich. Auf diesen Zusammenhang hat schon Marc Bloch, der Mitbegründer
der Annales-Schule, hingewiesen, bei dem der Begriff der ,Spur‘ aber keine
programmatische Bestimmung erfährt.39 Der Historiker und Theologe Johann
Martin Chladenius betonte schon im 18. Jahrhundert in Hinblick auf die ,Spur‘
gerade das Moment des Unscheinbaren und des Flüchtigen. Nach seiner Auf36 Krämer [Anm. 10], S. 16 f.
37 Krämer [Anm. 10], S. 16.
38 Ricoeur, Paul: Zeit und Erzählung. Band III: Die erzählte Zeit. Aus dem Französischen von
Knop, Andreas. München 1991 (Übergänge 18), S. 191.
39 Vgl. etwa Bloch, Marc: Apologie der Geschichte oder Der Beruf des Historikers, 31992, S. 67:
„Was sonst verstehen wir unter Zeugnissen (Quellen), wenn nicht eine ,Spur‘, d. h. ein durch
die Sinne wahrnehmbares Zeichen, das uns ein Phänomen hinterlassen hat, das selber als
solches nicht fassbar ist?“
Seitensprünge und Eisenstäbe
23
fassung kann es daher auch leicht geschehen, dass ,Spuren‘ nicht wahrgenommen, ,übersehen‘ werden können. Er schreibt: „Folgen und Anzeichen einer
Geschichte, die gar leichte können übersehen werden, heissen Spuren. Und
daher kommt es, daß das Entdecken mit dem Aufspüren übereinkommt.“40
Erkenntnistheoretisch spielen Spuren für die Geschichtswissenschaft deshalb
eine entscheidende Rolle, weil sie – wie Ricoeur herausgearbeitet hat –
Bedeutungsbezüge und Kausalitätsbezüge vereinen, weil sie Zeichen und Wirkung verbinden:
Das Markieren nämlich setzt eine Materie voraus, die härter und dauerhafter ist als die
vorübergehende Tätigkeit des Menschen: Vor allem deshalb, weil die Menschen den
Stein, den Knochen, gebrannte Tontäfelchen, den Papyrus, das Papier, das Tonband, die
Diskette bearbeitet haben, ihnen ihr Schaffen anvertraut haben, überleben ihre Werke
ihren Schaffensprozeß; die Menschen gehen vorüber, die Werke bleiben. Dieser
dinghafte Charakter jedoch ist wichtig für unsere Untersuchung: Er begründet zwischen markierendem und markiertem Etwas ein Verhältnis von Ursache und Wirkung.
Folglich vereinigt die Spur eine Signifikanzbeziehung, die sich leichter an dem Gedanken eines Spuren hinterlassenden Vorübergehens ablesen läßt, mit einer Kausalitätsbeziehung, die sich aus der Dringlichkeit der Markierung ergibt. Die Spur ist
Zeichen und Wirkung in eins. Die beiden Systeme von Beziehungen überschneiden
sich: Denn einerseits heißt eine Spur verfolgen, Kausalitätsschlüsse zu ziehen, die die
einzelnen Schritte betreffen, aus denen sich die Handlung des ,dort Vorübergehens‘
zusammensetzt; und die Markierung zum markierenden Etwas zurückverfolgen, heißt
andererseits, aus allen möglichen Kausalzusammenhängen diejenigen herauszugreifen, die überdies eine Signifikanz aufweisen, wie sie typisch ist für die Beziehung der
Spur auf das Vorübergehen.41
Spuren sind Geschichte – Spuren erzählen Geschichten: Ihnen eignen als Aspekte damit Narrativität, Interpretativität und Polysemie. Der Literaturwissenschaftler ist ein Spurenleser. Interpretieren heißt, der Störung (einer im Text
aufscheinenden Ordnung) auf die Schliche kommen und sie zu reformulieren:
Eine Spur zu lesen heißt, die gestörte Ordnung, der sich die Spurbildung verdankt, in
eine neue Ordnung zu integrieren und zu überführen; dies geschieht, indem das
spurbildende Geschehen als eine Erzählung rekonstruiert wird. Die Semantik der Spur
40 Chladenius, Johann Martin: Allgemeine Geschichtswissenschaft. Neudruck. der Ausg.
Leipzig 1752, Wien 1985 (Klassische Studien zur sozialwissenschaftlichen Theorie, Weltanschauungslehre und Wissenschaftsforschung 3), Cap. 7, § 39 (1752) 199. Vgl. hierzu
Schmölders, Claudia: „Sinnreiche Gedancken“. Zur Hermeneutik des Chladenius. In:
Archiv für die Geschichte der Philosophie 58 (1976), S. 240 – 264; Friederich, Christoph:
Sprache und Geschichte. Untersuchungen zur Hermeneutik von Johann Martin Chladenius,
Meisenheim am Glan 1978 (Studien zur Wissenschaftstheorie 13).
41 Ricoeur [Anm. 35], S. 193.
24
Martin Baisch
entfaltet sich nur innerhalb einer ,Logik‘ der Narration, in der die Spur ihren ,erzählten
Ort‘ bekommt.42
Eine Strophe aus Walthers „Lindenlied“ belegt, dass die Spur über eine eigene
Temporalität verfügt. Der Spur ist eine Zeitkonzeption inhärent: Damit ist die
zeitliche Differenz zwischen Spurenproduktion und dem Erkennen der Spur
gemeint. Eine hinterlassene Markierung besitzt eine doppelte Struktur, da sie
Zeichen und Wirkung zu verbinden vermag:
Sie bezieht sich als materialer Abdruck einer ehemaligen Präsenz auf die kalendarische
Zeit und zugleich als gegenwärtige Spur auf die Zeit derjenigen, die heute eine Geschichte zu erzählen haben. Sie vermittelt daher als zu deutende Hinterlassenschaft
zwischen der chronologischen Ordnung und der narrativen Zeit […].43
Im „Lindenlied“ heißt es in der dritten Strophe in einer Rückschau auf die
topographischen Umstände der Liebesbegegnung:
Dú hat er gemachet
alsú r„che
von bluomen eine bettestat.
des wirt noch gelachet
innecl„che,
kumt iemen an daz selbe pfat.
b„ den rúsen er wol mac,
tandaradei,
merken w– mirz houbet lac.44
,Da hatte er / ganz herrlich aus Blumen / ein Bett bereitet. / Darüber wird man noch /
herzlich lachen, / führt jemanden sein Weg dahin. / An den Rosen kann er wohl sehen, /
tandaradei, / wo mein Kopf gelegen ist.‘
Indem in der Gegenwart des Liedvortrags die Möglichkeit angesprochen wird,
dass die Spuren gemeinsamen, von Liebe erfüllten Zusammenseins später/
immer noch/jetzt am Kopfabdruck des (weiblichen) Ichs bei den Rosen wahrnehmbar ist, verweisen die hinterlassenen Spuren auf die Vergangenheit wie sie
in der Gegenwart noch wirken. Freilich: Die Kopfspuren sagen nicht, wer da
gelegen hat; sie sagen nur, dass dort gelegen wurde.
In den beiden folgenden Textbeispielen möchte ich nach der narrativen Funktion, der Statur und dem Status der ,Spur‘ fragen. In beiden Fällen handelt es sich
um Blutspuren – um Blutspuren, die im Kontext von Szenarien von Betrug und
42 Krämer [Anm. 10], S. 17.
43 Bedorf [Anm. 7], S. 406.
44 Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters. Texte und Kommentare. Hg. v. Kasten,
Ingrid. Frankfurt a. M. 1995 (Deutscher Klassiker Verlag, Bibliothek des Mittelalters Bd. 3),
S. 396.
Seitensprünge und Eisenstäbe
25
Verstellung Brisanz gewinnen. Ich greife bei ihrer Darstellung und Analyse auf
die genannten Attribute der Spur zurück. Welches Wissen wird mit den Spuren
gewonnen? Wie unterstützen sie, wie behindern sie Betrug und Verstellung?
2.
Seitensprünge
„Eine Sache ist es, Spuren, Gestirne und Kot (tierischen oder
menschlichen), Katarrhe, Hornhäute, Pulsschläge, Schneefelder
oder Zigarettenasche zu analysieren; eine andere, Schriften,
Gemälde oder Diskurse zu untersuchen. Der Unterschied zwischen
(unbeseelter oder lebendiger) Natur und Kultur ist viel wesentlicher
als die unendlich viel oberflächlicheren und unveränderbaren
Unterschiede zwischen den einzelnen Wissenschaften.“45
In der sog. Mehlstreuepisode von Gottfrieds Romanfragment werden die Liebenden – nach einem Aderlass Ruhe genießend – allein gelassen, nicht ohne dass
Melot, diu slange („Tristan“, V. 15104), der intrigante Zwerg, Mehl streut, um
eventuelle Spuren zwischen den Betten sichtbar werden zu lassen. Tristan und
Isolde wird also eine Falle gestellt: Sie sollen Spuren hinterlassen.
Nu Marke von dem bette kam,
Melút s„n mel ze handen nam,
den estr„ch er besæte,
ob ieman b„ getræte
dem bette dar oder dan,
daz man in spurte ab oder an.
hie mite giengen sie zwÞne hin. („Tristan“, V. 15149 – 15155)
,Als Marke vom Bett kam, / nahm Melút sein Mehl zur Hand: / Das verstreute er auf dem
Fußboden, / damit man es nachher an den Spuren erkannte, / wenn jemand zu dem Bett
hin ginge oder es verließe. / Dann gingen die beiden davon.‘
König und Zwerg gehen – ihre Absichten sind deutlich – zur Messe. Brangaene
warnt Tristan vor der List. Doch Tristan, der minnen blinde („Tristan“, V. 15190),
springt nach kurzer Abwägung seiner Lage von Bett zu Bett. Die Ader platzt auf,
besudelt das Bett Isoldes und, nachdem er zurückgesprungen ist, auch das
Tristans mit Blut. Eine Vorausdeutung des Erzählers (daz ime s„t michel ungemach und leit begunde machen. „Tristan“, V. 15196 f.) verweist auf künftiges
Unheil.
bette und bettelachen
diu missevarte daz bluot,
45 Ginzburg [Anm. 10], S. 31.