Ablass - Maria Rosenberg

Ablass
Ein Angebot
zum Heiligen Jahr
der Barmherzigkeit
in Maria Rosenberg
„Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.“ So
predigte im Jahr 1517 der Dominikaner Johann Tetzel. Den Ablass, diese
zwar teure, aber doch bequeme Möglichkeit, seine Sünden loszuwerden:
gibt es den immer noch? So fragten viele, als sie hörten: Anlässlich des
Heiligen Jahres der Barmherzigkeit besteht wieder die Möglichkeit, einen
Ablass zu gewinnen. Zwar werden keine Ablassbriefe mehr verkauft.
Doch scheint es ja sogar noch unkomplizierter als vor fünfhundert Jahren
zu sein, einen Ablass zu gewinnen: „Geh einfach durch die Pforte der
Barmherzigkeit, sei es in der Peterskirche in Rom, sei es im Speyerer Dom
oder auch in der Rosenberger Gnadenkapelle, und alles ist wieder gut.“
Zumindest war das in manchen Presseberichten zu lesen. Heißt es jetzt
also: „Wer durch die Heil‘ge Pforte geht, alle Sünden sind verweht“?
Mit Recht hat Martin Luther, Priester und Augustinermönch, gegen ein
solches Missverständnis protestiert, nicht zuletzt in seinen 95 Thesen
vom 31. Oktober 1517. „Unser Herr und Meister Jesus Christus wollte,
dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei“, so schreibt er in These 1.
Mit anderen Worten: Wenn ein Mensch nicht innerlich, in seinem
Herzen umkehrt, ist jedes äußere Tun umsonst. Das bedeutet: Ohne
innere Umkehr nützt Ihnen keine Geldzahlung, aber auch der Gang durch
die Heilige Pforte nichts. Und ohne das äußere Zeichen der Umkehr, die
Beichte, gibt es auch keinen Ablass.
Warum, fragen Sie, die Beichte? Gott vergibt doch meine Sünden, wenn
ich wirklich bereue, es mir leidtut und ich entschlossen bin, mich zu ändern. Stimmt. Doch wenn Sie sündigen, ist das nicht nur Ihre Privatangelegenheit. Sie betrifft die Gemeinschaft, zu der sie gehören, die Kirche,
und belastet sie. Inwieweit? Ein Beispiel: An der Mainzer Uni, wo ich studierte, hieß es immer: „An der Theologischen Fakultät werden die meisten Bücher geklaut…“ Das waren natürlich nur ein paar Leute, aber diese
haben dem Ansehen aller Katholiken geschadet. Paulus sagt im zwölften
Kapitel des 1. Korintherbriefs mit Recht: Wir sind ein Leib! Wir gehören
zusammen. Leider auch im Negativen. Darum ist auch die erste Voraussetzung, den Ablass des Heiligen Jahres zu gewinnen: sich versöhnen mit
Gott und mit der Gemeinschaft, der ich geschadet habe, und sich durch
den Dienst der Kirche von Gott vergeben lassen.
Aber was meint nun „Ablass“? Was wird abgelassen, nachgelassen? Die
offizielle Definition lautet so: Der Ablass ist ein Nachlass zeitlicher Sündenstrafen für Sünden, die hinsichtlich der Schuld von Gott bereits vergeben worden sind. Die Kirche tritt für den Gläubigen ein, der im Bußsakrament mit Gott versöhnt wurde, dass er von den Strafen befreit
werde, die er sich durch seine Schuld möglicherweise zugezogen hat.
Wieso ist die Rede von „Strafe“? Um es klar zu sagen: Strafe meint hier
nicht eine göttliche Vergeltung. Warum sollte Gott eine Sünde, die er vergeben hat, noch bestrafen? Unter Strafe ist etwas anderes zu verstehen:
nämlich den „Fluch der bösen Tat“. Auch wenn mir zum Beispiel die
Auseinandersetzung mit den Nachbarn vergeben ist, bleibt das Verhältnis
unterkühlt. Auch wenn mir das zu schnelle Fahren vergeben ist, liegt das
Opfer noch im Krankenhaus. Auch wenn mir die üble Nachrede vergeben
ist, das Gerücht ist in der Welt. Auch wenn der Ehestreit vergeben ist,
bleiben die Kinder verstört, die die Auseinandersetzung mitbekommen
haben. Natürlich kann ich vieles wieder gutmachen: indem ich mir Mühe
gebe, mich anders zu verhalten. Doch ungeschehen machen kann ich’s
nicht. Diesen „Zustand danach“ meint die Kirche mit Sündenstrafen.
Und auch bei mir selbst zeigt sich dieser Fluch der bösen Tat. Ich komme
über schlechte Gewohnheiten nicht hinweg, bin gefangen in Abhängigkeiten, innerlich angespannt, isoliert oder vereinsamt, schwermütig oder
hoffnungslos, voll Zorn und Wut, Neid, Missgunst, Eifersucht usw. Das eigene Innere bleibt verletzt und anfällig, Böses zu tun.
Papst Franziskus drückt es sehr treffend so aus: „Trotz der Vergebung ist
unser Leben geprägt von Widersprüchen, die die Folgen unserer Sünden
sind. Im Sakrament der Versöhnung vergibt Gott die Sünden, die damit
wirklich ausgelöscht sind. Und trotzdem bleiben die negativen Spuren,
die diese in unserem Verhalten und in unserem Denken hinterlassen haben.“ Und jetzt beschreibt er, was Ablass meint: „Die Barmherzigkeit Gottes ist aber auch stärker als diese (negativen Spuren). Sie wird zum Ablass, den der Vater durch die Kirche (…) dem Sünder, dem vergeben
wurde, schenkt und der der ihn von allen Konsequenzen der Sünde befreit, so dass er wieder neu aus Liebe handeln kann und vielmehr in der
Liebe wächst, als erneut in die Sünde zu fallen.“ (Misericordiae vultus 22)
„Durch die Kirche“ ist der entscheidende Punkt. Denn im Ablass tritt die
Kirche wieder nicht als eine rein menschliche Organisation in Erscheinung, sondern eben als ein Leib, in dem alle Glieder zusammengehören,
als eine große, solidarische Gemeinschaft, in der die Christen füreinander
beten und sich füreinander einsetzen. Man könnte sagen: Wie es einen
Fluch der bösen Tat gibt, so gibt es auch einen Segen der guten Tat. Und
der wird traditionell „Gnadenschatz Christi und der Heiligen“ genannt.
Wir gehören zusammen – eben nicht nur im Bösen, sondern auch im Guten. Der hl. Papst Johannes Paul II. spricht von einem „wunderbaren Austausch geistlicher Güter [zwischen den Gläubigen], kraft dessen die Heiligkeit des einen den anderen zugute kommt, und zwar mehr als die
Sünde des einen den anderen schaden kann“ und denkt dabei an „Menschen, die geradezu ein Übermaß an Liebe, an ertragenem Leid, an Reinheit und Wahrheit zurücklassen, das die anderen einbezieht und aufrichtet.“ (Incarnationis mysterium 10) Kennen Sie nicht auch solche Menschen, seien Sie schon gestorben oder noch am Leben? Durch sie wird der
Segen, die heilsame Wirkung der guten Tat geteilt und weitergegeben. Ist
das nicht großartig?
Darum kommt ausdrücklich die Kirche ins Spiel, wenn Sie einen Ablass
gewinnen möchten: In den Anliegen des Heiligen Vaters sollen Sie beten:
ein „Vaterunser“, ein „Ave Maria“ und ein „Ehre sei dem Vater“; Sie sollen
das Glaubensbekenntnis sprechen und sich an Ihre Taufe erinnern, durch
die Sie Glied am Leib Christi geworden sind; und den Leib Christi sollen
Sie empfangen in der Kommunion, um sich stärker zu verbinden mit Jesus und mit allen anderen Christen.
Und was hat das jetzt für einen Sinn, durch die Heilige Pforte zu gehen?
Und speziell durch die, die in unsere Kapelle führt? Ich finde, das ist ein
sehr passendes Zeichen. Denn Sie betreten einen über 800 Jahre alten
Raum, in dessen Mauern die Gebete von Abertausenden Menschen gespeichert sind. Hier betete gerne ein offizieller Seliggesprochener, Pfarrer
Paul Josef Nardini, und eine, für die der Seligsprechungsprozess eröffnet
worden ist, Therese Neumann von Konnersreuth, die im letzten Jahrhundert lebte und die Wundmale Jesu trug. Hier beteten unsere heiligmäßigen Stifter und viele, viele unbekannte Heilige unserer Region von 1150
bis 2016. Wenn Sie durch die Pforte gehen, sind alle diese Menschen bei
Ihnen, machen Ihnen Mut und sagen: „Du schaffst es, das Böse zu überwinden, ein neues Leben zu beginnen und deine Vorsätze zu verwirklichen.“ Der Papst sagt: „Wer durch diese Pforte hindurchschreitet, kann
die tröstende Liebe Gottes erfahren, welcher vergibt und Hoffnung
schenkt“ (Misericordiae vultus 3). Und ich möchte ergänzen: der erfährt
auch die Unterstützung der vielen bekannten und unbekannten Heiligen, der Lebenden wie derer, die in der Ewigkeit sind.
Und wie würde es der Ablassprediger des Jahres 2016 formulieren…?
„Wer durch die Heil‘ge Pforte geht, zu dem die ganze Kirche steht.“
Wie gewinne ich einen Ablass im Heiligen Jahr?
Für einen Heilig-Jahr-Ablass müssen Sie folgendes tun:
1.
2.
3.
4.
5.
6.
einen Pilgergang zur Heiligen Pforte zurücklegen;
das Sakrament der Versöhnung empfangen;
an der Feier der Eucharistie (mit Kommunionempfang) teilnehmen;
eine Zeit über die Barmherzigkeit Gottes nachdenken;
das Glaubensbekenntnis sprechen;
für den Heiligen Vater und für seine Anliegen beten
zum Wohl der Kirche und der ganzen Welt
(Vater unser, Gegrüßet seist Du Maria, Ehre sei dem Vater).
Ablässe können Sie für sich selbst gewinnen. Da das Gebet der Kirche
auch denen gilt, die nach ihrem Tod noch geläutert und gereinigt werden
(„Fegefeuer“), können Sie jeden Ablass auch den Verstorbenen zuwenden.
Volker Sehy, Januar 2016