JAPANS WEG INS NIRGENDWO

TRENDS
22. Februar 2016
JAPANS WEG INS NIRGENDWO
von Wolfgang Pflüger
Uups – ich habe meine Wirtschaft geschrumpft!
Dieses Gefühl sollte für Ministerpräsident Shinzo Abe kein
neues sein. Zwar war er im Herbst 2012 mit einer speziellen
Wachstums- und Anti-Deflationsagenda („Abenomics“)
angetreten. Sein Reformmandat wurde sogar durch den
Sieg in vorgezogenen Parlamentswahlen (Ende 2014) und
die Bestätigung als Chef der dominierenden Regierungspartei, LDP (Herbst 2015) gestärkt. Zum Jahresende 2015
weist seine „Erfolgsbilanz“ allerdings den vierten Wachstumseinbruch innerhalb der letzten fünf Jahre auf. Während des Schlussquartals ist die Wirtschaftsleistung des
Landes nämlich abermals rückläufig gewesen (–1,4 % annualisiert).
rück. Für sie stimmen die nachhaltigen Absatzperspektiven
nicht. Japans Bevölkerung altert und schrumpft rapide.
Rund um dieses Phänomen ließe sich sicherlich eine wachstumsträchtige Dienstleistungskultur etablieren. Allein, es
mangelt an staatlicher Rahmensetzung und entsprechenden
Fördermitteln. Also pflegen viele Unternehmen weniger die
Alten daheim, sondern lieber ihre traditionellen Wachstumsmärkte im Ausland. Nun hat diese Antriebskraft zuletzt bedauerlicherweise ebenfalls spürbar nachgelassen.
…trifft auf Exportschwäche
Seit der Anhebung der Mehrwertsteuersätze von 5 % auf
8 % (1.4.2014) wiesen vier der letzten sieben Quartale ein
negatives Vorzeichen auf. Hauptursache: die Konsumschwäche. Der Beschäftigungsstand insgesamt ist zwar
hoch. Der Anteil von Niedriglohn- und Teilzeitarbeitsverhältnissen allerdings auch. Folge: die Reallöhne steigen
nicht wirklich.
China schwächelt, importiert weniger. Der Außenhandel ist
2015 erstmals seit vielen Jahren geschrumpft. Das hat auf
die gesamte asiatische Region ausgestrahlt. Diese Ländergruppe nimmt 51 % der japanischen Ausfuhren auf (davon
China 16 Prozentpunkte). In der Konsequenz fallen Japans
Exporte nun schon seit vier Monaten in Folge. Das Tempo
hat sogar zugenommen. Im Januar stand ein Minus von
12,9 % gegenüber Vorjahr zu Buche. Dabei gingen die
Lieferungen in das Reich der Mitte um 17,5 %, nach ganz
Asien um 17,8 % zurück. Die USA nahmen 5,3 % weniger
ab, die EU 3,6 %.
Einzelhandelsumsätze
Exporte
Konsumschwäche…
15
50
10
25
5
0
0
-5
-10
Jan 10
Jan 11
Jan 12
Jan 13
Jan 14
Jan 15
Veränderung gegenüber Vorjahr in %; gleitender Dreimonatsdurchschnitt. Quelle: Ministerium
für Wirtschaft, Handel und Industrie Japan.
Die großen Unternehmen schwimmen nach jahrelangen
Rekordgewinnen in Liquidität. Dennoch halten sie sich bei
Lohnanhebungen und Anlageinvestitionen im Inland zu-
-25
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Jan 13
Jan 14
Jan 15
Jahresveränderung in %. Quelle: Ministerium für Finanzen, Japan.
Da Nippons Importe vergleichbar stark sanken, blieb der
Netto-Effekt auf das BIP zuletzt neutral. Somit erklärt sich
der neuerliche Konjunktureinbruch fast ausschließlich mit
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dem Nachgeben der privaten Konsumausgaben. Die angekündigten und über einen Nachtragshaushalt zu finanzierenden zusätzlichen Staatsausgaben waren noch nicht nachfragewirksam. Ein Langfristvergleich zeigt, dass Japans
nominales Bruttoinlandsprodukt derzeit niedriger ist als im
Jahr 2000.
US-Dollar in Japanischem Yen
135
125
115
105
Nominales BIP
95
6500
85
6000
75
Feb 11
5500
Feb 12
Feb 13
Feb 14
Feb 15
Feb 16
In Japanischem Yen. Quelle: Bloomberg.
5000
4500
4000
2001
2003
2005
2007
2009
2011
2013
2015
Nominales BIP in Mrd. US-Dollar. Quelle: Bloomberg.
Die Rolle der Notenbank
Ersten kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen wurden
massive Wertpapierankaufsprogramme der Notenbank an
die Seite gestellt. Schon während der zehn vorangegangenen Jahre verfolgte sie praktisch eine Null-Zins-Politik
(Zero Interest Rate Policy = ZIRP) – ohne messbaren Anti-Deflationserfolg. Es folgte nach US-Vorbild das sogenannte Quantitativ Easing. Das heißt, ab April 2013 wurden vor allem Staatsanleihen, aber auch andere Wertpapiere, in einem Volumen von 60 000 Mrd. Yen angekauft. Die
Renditen fielen. Wichtiger und in erster Linie beabsichtigt:
Bis Mitte 2014 wertete sich der Yen gegenüber dem USDollar um bis zu 12 % ab. Die Exportindustrie wurde
wettbewerbsfähiger. Der Nikkei-Aktienindex stieg sogar
um gut 23 %. Auf die mehrwertsteuerinduzierte Baisse
reagierte die Bank of Japan (BoJ) im Oktober 2014 mit
einem weiteren Expansionsschritt. Das Volumen der Ankäufe wurde nicht nur auf 80 000 Mrd. Yen (etwa 660 Mrd.
US-Dollar oder 13,2 % des japanischen BIP) ausgeweitet.
Neben Anleihen wurden nun auch Aktienindexpapiere und
Immobilienzertifikate einbezogen. Das Ganze nannte sich
Qualitative Quantitative Easing (QQE). Wieder gab es die
erwarteten/erhofften Reaktionen. Der Yen gab um weitere
14 % nach. Der Nikkei haussierte um knapp 30 % (bis auf
über 20 900 Punkte).
Die Realwirtschaft zog jedoch nicht mit. Im zweiten und
dann erneut im vierten Quartal 2015 brach die Konjunktur
ein. Die Verbraucherpreise näherten sich auch aufgrund des
Verfalls der Energiekosten erneut der Nulllinie. Die ehrgeizigen Zielvorgaben von Regierung und Notenbank bis zum
Ende des Fiskaljahres 2015/2016 (31.3.2016) eine Teuerungsrate von 2 % zu erreichen, waren obsolet geworden.
Verbraucherpreise
4
3
2
1
0
-1
-2
-3
Feb 96
Feb 01
Feb 06
Feb 11
In %. Quelle: Ministerium für innere Angelegenheiten und Kommunikation.
In einem verzweifelt anmutenden Schritt hat die BoJ im
Januar diesen Jahres nochmals nachgelegt. Nun wurden
nach schweizerischem, skandinavischem und dem Vorbild
der europäischen Zentralbank Negativzinsen eingeführt
(Negative Interest Rate Policy = NIRP). Das Inflationsziel
soll nun Mitte bis Ende 2017 realisiert werden. Die Reaktion der Marktteilnehmer fiel diesmal jedoch grundlegend
anders aus. Der Nikkei fiel zwischenzeitlich bis auf 14 865
Punkte zurück. Der Yen wurde nicht schwächer. Im Gegenteil: seit Jahresbeginn legte er gegenüber dem US-Dollar
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in der Spitze um 8 % zu. Gegenüber dem Euro war der
höchste Stand seit Juni 2013 zu verzeichnen.
Also: Weder sind Abes makroökonomische Zielsetzungen
aufgegangen, noch ist es der Notenbank gelungen, die
Wirtschaft aus ihrem deflationären Verhaltensmuster zu
befreien.
„Anata no ishi matawa yakuzaishi ni o tazune kudasai“?
So ähnlich lautet die Frage, die man (nicht nur) der japanischen Notenbank stellen sollte, nämlich: „Haben Sie Ihren
Arzt oder Apotheker gefragt?“ (in Bezug auf mögliche
Nebenwirkungen der verabreichten Medizin). Das jahrelange Aufkaufen von Staatsanleihen hat nicht nur zu künstlich
niedrigen Zinsen geführt. Damit einhergegangen sind erhebliche Kapitalfehlallokationen. Es wurden Investitionen
getätigt, die sich unter „normalen“ Umständen nicht gerechnet hätten. Die Risikobereitschaft hat zugenommen
und somit die Gefahr von Blasenbildungen an den Finanzmärkten befördert. Aber vor allem ist die Notenbank
mittlerweile mit Abstand zum größten Gläubiger des japanischen Staates geworden. Sie hält inzwischen mehr als
30 % aller ausstehenden Anleihen. Die komplette Neuverschuldung der vergangenen Jahre wurde von ihr aufgenommen. Die Trennlinie zwischen Geldpolitik und offener
Staatsfinanzierung wurde längst überschritten. Daraus ergeben sich Interessenkonflikte. Wie soll die Notenbank
jemals wieder zu früheren, höheren Renditeniveaus zurückkehren können, wenn sie damit möglicherweise eine massive Verschuldungskrise nach griechischem Vorbild auslösen
würde? Denn: der japanische Staat schiebt Schulden in
Höhe von 250 % des BIP vor sich her. Selbst in den vergangenen Jahren als in den USA und weiten Teilen Europas
die Neuverschuldungsquoten deutlich reduziert werden
konnten, leistete sich Nippon jährlich durchschnittlich 7 %
vom BIP mehr an neuen Verbindlichkeiten. Wie auch anderswo: solange die Notenbanken die Zinsen nicht oder
nur minimal anziehen lassen, wird sich die Politik kaum zu
den erforderlichen Strukturreformen und Haushaltskonsolidierungen bewegen lassen. Und schließlich: Negativzinsen
stellen nicht nur eine Strafsteuer auf liquide Vermögenswerte dar. Sie gefährden das Geschäftsmodell von Banken,
Versicherungen und Pensionskassen und damit das Rückgrat jeder Volkswirtschaft. Schon liebäugeln einige Notenbanken mit noch tieferen Negativsätzen. Wo bleibt da die
Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes? Aber braucht
man die überhaupt noch, wenn es möglicherweise in zehn
Jahren kein Bargeld mehr gibt?
Fazit: Der japanische Staat hat die Geldpolitik überfordert.
Die Anhebung der Mehrwertsteuer wirkte restriktiv (hoffentlich bleibt der für April 2017 angekündigte zweite
Schritt aus). Der kürzlich beschlossene Nachtragshaushalt
kommt zu spät und ist vom Umfang her zu gering. Die
Gesamtverschuldung setzt Grenzen. Zusätzlich expansive
Impulse sind kaum zu erwarten. Somit wirkt ein erwarteter
BIP-Anstieg um jeweils 0,8 % in den Kalenderjahren
2016/2017 durchaus ambitioniert. Wirksame Schritte in
Richtung einer mittelfristigen Freisetzung neuer Wachstumskräfte wären schon eher in mäßigen Ausgabenkürzungen, einer Renten- und Arbeitsmarktreform, einer gesteuerten Einwanderungspolitik, der Öffnung abgeschotteter
Binnenmärkte und der Förderung von Zukunftstechnologien zu sehen. Solange das nicht geschieht, kann die Notenbank machen, was sie will. Sie bleibt machtlos!
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