28. Echter Gamander (Teucrium chamaedrys)

Altes Heilkraut
als betörende Staffage
Echter Gamander Teucrium chamaedrys
T
KURZPORTRAIT
Volkstümlich: Edelgamander, Schafkraut, Bathengel, Frauenbiss, Gamanderlein.
INHALTSSTOFFE
Gerbstoffe, Bitterstoffe, Cholin, ätherisches Öl, Monoterpen, Triterpensäure,
Teucrein, Diterpene, Teumarin, Marrubiin, Flavonoide.
HEILWIRKUNG
Antiseptisch, fiebersenkend, cholagog (fördert Gallensekretion), magenwirksam,
tonisch, wundheilend.
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Schon die heilkundigen Griechen der Antike
führten den Echten Gamander in ihrem Arzneischrank. Auf die Epoche und Region verweist
allein der Name des Krautes, schließlich sind die
Gebiete rund um das Mittelmeer bis hin nach
Westasien seine natürliche Heimat. Er leitet sich
ab von chamaedrys, dem wissenschaftlichen
Namenszusatz. Denn die eiförmigen, stumpf
gekerbten Blätter des aparten Halbstrauches erinnern an die der Eiche, griechisch drys (chamei
bedeutet „zwergartig“), und machen ihn unter
den Gamanderarten unverwechselbar.
Legendär ist der wissenschaftliche Gattungsname. Plinius d. Ältere führt ihn in seiner
Naturgeschichte auf den trojanischen König
Teukros zurück. Dieser soll zuerst bemerkt
haben, dass Teucrium auf die Milz wirkt. Nach
einem Opferfest hatte man das Kraut auf die
Eingeweide der getöteten Tiere geworfen, und
dem König fiel auf, dass deren Milz allmählich
zusammenschrumpfte. Verschiedene TeucriumArten wurden zur Reinigung und Abschwellung
des entzündeten Organs eingesetzt, so bereits
vom bedeutendsten Arzt der Antike, Pedanios
Dioscurides (um 40 bis 90 v. Chr). Dieser empfahl die Droge außerdem bei Krämpfen, Husten,
Leberverhärtung, Harnverhaltung, alten Wunden
und beginnender Wassersucht und „mit Wein
getrunken und als Umschlag ... gegen den Biss
giftiger Tiere.“
Der aromatisch duftende Lippenblütler mit
den purpurfarbenen Blüten konnte auch die
Koryphäen der Klostermedizin überzeugen.
Der Mönch Odo Magdunensis widmet ihm in
seinem „Macer floridus“ (11. Jh.), dem meistverbreiteten Kräuterbuch des Mittelalters, eine
Gedichtstrophe. Odo nennt bei den Heilanzeigen
der Pflanze an erster Stelle ihre Wirkung als
Frauenkraut: „Mit Wasser getrunken, treibt sie
die Leibesfrucht ab; ... mit Essig getrunken
..., sorgt sie für geordneten Monatsfluss.“ Er
erweitert das breite Anwendungsspektrum um
Milzleiden, Husten, Prellungen eiternde Wunden,
mangelnde Sehschärfe und Schüttelfrost. Einzig
Hildegard von Bingen, die in der Klostermedizin
mit ihren eigenständigen Ansätzen als Solitär
dasteht, rät von der Verwendung des Gamanders
ab: „Er gellt ins Blut und verschlechtert und
vermindert dasselbe; wenn er im Abführtrank
genommen ist, so erfolgt gewöhnlich eine große
Erschlaffung.“
In späteren Zeiten nahm man die Heilkräfte
seiner Inhaltsstoffe auch bei Gicht, Arthritis,
Rheuma, als Magenmittel sowie bei Darmund Gallenstörungen zu Hilfe.
Mit der Zeit geriet der Gamander in Vergessenheit. 1986 war er dann wieder ganz präsent.
Als Nahrungsergänzungsmittel zur Gewichtsreduktion kam er in Frankreich auf den Markt
und machte schnell Negativschlagzeilen. Nach
längerer Einnahme bewirkten die Pflanzenextrakte eine mäßige bis mittelschwere Hepatitis.
In der modernen Phytotherapie wird deswegen
auf die innerliche Anwendung des Gamanders
verzichtet. Ein eindrückliches Beispiel dafür,
dass keineswegs alle heilkräftigen Kräuter
harmlos sind.
Zu einem romantischen Einsatz kommt der
Gamander in einem Liebesgedicht des Züricher
Minnesängers Johannes Hadloub um 1300. In
Lied XXVII beschreibt er seine Wunschträume
und wie er seine Angebetete betören möchte:
mit einem Blumenbett, das er als Liebesstatt
in der Natur herrichtet. Unter den Pflanzen
seiner Bühnendekoration für das erotische Spiel
befindet sich auch der aromatische Lippenblütler, wahrscheinlich weil er in der Heilkunde als
Frauenkraut rangierte. Der Dichter versprach
sich von seinem blühenden Arrangement, es
möge der Dame seines Herzens ein Lächeln der
Wonne entlocken.
Tinktur
Äußerlich kann man eine aus dem Echten
Gamander zubereitete Tinktur direkt auf
entzündete oder kranke Hautstellen sowie
Wunden auftragen, um den Heilungsprozess zu
beschleunigen. Von einer inneren Anwendung ist
wegen der Lebertoxizität der Pflanze abzusehen.
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