Morgenandachten von Domvikar Msgr. Dr. Michael Bredeck

Domvikar Michael Bredeck
Paderborn
Kirche in WDR 3-5
01.06. – 06.06.2015
Montag, 01. Juni
„Mit dem Jesus von Nazareth“
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
vor einigen Wochen war ich auf einer Tagung in Berlin. Die Zeit reichte leider nicht
dazu, etwas mehr von der Hauptstadt zu sehen. Aber einen Ort habe ich doch
besucht, der mich nachhaltig beeindruckt hat. Ganz nahe bei der Katholischen
Akademie liegt der Dorotheenstädter Friedhof. Neben vielen anderen Prominenten
ist dort auch Johannes Rau begraben. Mir geht es jetzt nicht um seine politische oder
staatsmännische Bedeutung als NRW-Ministerpräsident oder als Bundespräsident.
Und auch seiner Familie ging es wohl nicht darum, als sie eine Grabinschrift für ihn
ausgesucht hatte. Nachhaltig beeindruckt hat mich nämlich, was auf seinem Grab
steht. Unten am Grabstein findet sich ein Satz, den ich bis dahin noch nirgendwo auf
einem Friedhof gelesen hatte. „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth". Man
muss vor Ort vielleicht zweimal hinschauen und im Radio zweimal hinhören, um es
zu verstehen: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth“. Das soll wohl heißen:
Der Mensch, der hier begraben liegt, war einer, dem Jesus von Nazareth etwas in
seinem Leben bedeutet hat. In der Sprache des christlichen Glaubens ausgedrückt:
Dieser Mensch war ein Jünger von Jesus. Ich habe seitdem häufig von diesem
Spruch am Grab von Johannes Rau erzählt. Denn ich finde, er ist ein wirklich
großartiger Impuls für Sie und mich, für das eigene Leben. Der Spruch hat es in sich,
wenn ich ihn nicht nur als Aussage über diesen einen Menschen Johannes Rau
verstehe, sondern als eine mögliche Aussage über mich. Oder noch mehr als eine
Frage an mich: Bin ich auch mit dem Jesus von Nazareth? Und so würde ich jetzt Sie
am liebsten persönlich fragen, liebe Hörerinnen und Hörer: Sind Sie mit dem Jesus
von Nazarethh? Eine weitere Frage könnte sein: Was bräuchte es an
Entscheidungen, um mit dem Jesus von Nazareth zu sein?
Bin ich auch mit dem Jesus von Nazareth? Jetzt muss noch etwas weiter
nachgedacht werden. Woran kann man merken, dass ein Mensch mit dem Jesus von
Nazareth ist? Ich meine, das hängt wohl in erster Linie an einer persönlichen
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Entscheidung, dass Jesus in meinem Leben eine Bedeutung haben soll. Ein Mensch,
der mit Jesus von Nazareth ist, braucht irgendeinen Punkt, der ihn an Jesus
anspricht und anrührt. So wie es damals war bei den ersten Menschen, die Jesus
folgten: die Fischer am See Genesareth, Petrus, sein Bruder Andreas und weitere
Bekannte aus Kafarnaum, sie waren ja die ersten, die mit Jesus von Nazareth waren.
Gerade von Petrus wissen wir durch die Evangelien, wie sehr dieser Weg an der
Seite Jesu Höhen und Tiefen kannte und Leidenschaft und Versagen. Mit Jesus zu
sein, ist also mehr als eine anfängliche Begeisterung. Ein Strohfeuer reicht dafür
nicht aus. Es muss ein Punkt sein, auf den ich letztlich mein Leben bauen kann.
Diesen Punkt gibt es bei Jesus. Im Neuen Testament gibt es dafür ganz
verschiedene Ausdrücke. Einer, der mich besonders anspricht, ist das Wort, das
Petrus einmal zu Jesus sagte: „Herr, du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6,68)
Das heißt: Jesus, was du mir geben kannst, geht weit über das hinaus, was mir sonst
irgendjemand oder irgendetwas in dieser Welt geben kann. Was das genau ist, das
wird bei uns allen sehr verschieden sein. Ich zum Beispiel glaube, dass Jesus mir
einen Lebenssinn anbietet, der in Höhen und Tiefen trägt. Für mich ist dieser Punkt
Ausgang für ein Lebensprojekt, für mein Lebensprojekt: Jünger Jesu sein.
„Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth“. Als ich am Grab von Johannes Rau
stand und diese Worte las, dachte ich spontan: Ich wäre sehr zufrieden, wenn man
das später auch einmal über mich sagen könnte. Eine Kurzformel für mein Leben.
Vielleicht können Sie mit diesem Gedanken ja auch etwas anfangen, liebe
Hörerinnen und Hörer. Überlegen Sie doch mal, ob Sie auch ein Mensch mit dem
Jesus von Nazareth sind oder sein wollen. Aus Paderborn grüßt Sie Domvikar
Michael Bredeck.
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Dienstag, 02. Juni
Ausnahme Ehe
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
am kommenden Samstag werde ich wieder einem Paar „bei der kirchlichen Trauung
assistieren“, wie es offiziell in der Kirchensprache heißt. Meist sagt man: ich werde
dieses Paar trauen. Auch nach fast zwanzig Jahren als Priester kann ich sagen: Für
mich gehört das immer noch zu den schönsten und ehrenvollsten Aufgaben. Und ich
bin froh, dass ich jedes Jahr einige Paare auf ihrem Weg zur kirchlichen Trauung
begleiten darf und dann die Hochzeit in der Kirche mit ihnen feiern kann. Die Feier in
der Kirche bringt etwas Wichtiges zum Ausdruck: Wenn zwei Menschen ihre Liebe in
der Form der Ehe leben, dann ist das nach christlichem Verständnis nämlich nicht
nur eine Sache zwischen den Beiden. Vielmehr spiegelt sie etwas wieder von der
Liebesbeziehung, die Gott zu den Menschen sucht. Sie ist ein Zeichen, ein
Sakrament. Und dieses Bewusstsein soll in den vielen großen und kleinen
Herausforderungen einer Ehe tragen.
Ich habe großen Respekt vor dem Schritt, heute eine kirchliche Trauung zu feiern.
Denn anders als vor vierzig oder fünfzig Jahren ist das heute keine
Selbstverständlichkeit mehr, sondern eher eine Ausnahme. Und so freue ich mich
immer, wenn mich eine Email erreicht, in der ein Paar mich bittet, gemeinsam mit
ihm die kirchliche Trauung zu feiern und natürlich auch vorzubereiten. Das sieht
dann konkret so aus, dass ein erstes Treffen vereinbart wird, um sich
kennenzulernen oder, wenn man sich schon persönlich kennt, um sich genauer
kennenzulernen. Und dann geht es in der Vorbereitung um einen Blick auf all das,
was diese zwei konkreten Menschen füreinander empfinden und miteinander zu
gestalten bereit sind. Mir geht es dabei immer so, dass ich nicht nur etwas über zwei
Menschen erfahre und ihre Geschichte – auch wenn diese Geschichte immer etwas
ganz Eigenes und damit für mich auch etwas Heiliges ist. Ich erfahre auch etwas von
dem, über das ich und sicher nicht nur ich so oft in Predigten spreche: wie das große
und schöne Geheimnis der Liebe konkret wird in zwei Menschen und in ihrem
gemeinsamen Weg miteinander und mit Gott. In der gemeinsamen Vorbereitung, die
aus wenigstens zwei längeren Treffen besteht, geht es dann darum, diesen Weg
miteinander und den gemeinsamen Weg als Paar mit Gott zu deuten und zu
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erkennen. An irgendeinem Punkt kommen wir natürlich auch auf den Glauben an
Gott zu sprechen. Ich habe in all den Jahren nur ganz selten gehört, dass Menschen
auf dem Weg zur kirchlichen Trauung sagen, dass sie nicht an Gott glauben können.
Über solche persönlichen Themen geht es in der Ehevorbereitung vor der kirchlichen
Trauung. Natürlich ist das nicht ganz einfach, denn wann spricht ein Paar mit
Außenstehenden schon mal über so persönliche Dinge? Und dann noch mit einem
Priester, der ja selbst nicht in der Ehe lebt? Aber wenn das Eis gebrochen ist,
entwickelt sich in aller Regel ein intensives Gespräch über Gott und die Welt oder
hier dann eben über Gott und die Liebe. Und in der Regel werden diese Gespräche
eher zu einem Gespräch des Paares miteinander, als dass sie auf meine Fragen
antworten würden.
Liebe Hörerinnen und Hörer. Ich meine aufgrund solcher Gespräche: Es ist doch im
Grunde ganz einfach, irgendwann im Leben, etwa vor der kirchlichen Trauung, neu
damit zu beginnen, das eigene Leben mit den Augen des Glaubens anzuschauen.
Dazu gehören Fragen wie: welche Punkte haben mich nah zu Gott und welche weiter
von ihm weg geführt? Welche Personen waren oder sind für meinen Glauben von
Bedeutung? Und an wem konnte oder kann ich gut erkennen, was das eigentlich
bedeutet, an Gott zu glauben. Solche Fragen sind für alle Menschen von Bedeutung,
nicht nur für Menschen wie Kathi und Dominik – so heißen die beiden, die ich am
Samstag in der Kirche trauen werde. Vielleicht finden Sie heute Zeit, irgendwann im
Lauf des Tages einmal Kontakt mit Gott aufzunehmen und ihm zu danken für seine
Nähe. Das wünscht Ihnen Ihr Domvikar Michael Bredeck aus Paderborn
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Mittwoch, 03. Juni
Gedanke Gottes
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
bei Taufen wird manchmal ein Lied gesungen, das ich auch persönlich ganz gerne
mag. Der Text beginnt so: Vergiss es nie, dass du lebst war keine eigene Idee – und
dass du atmest, kein Entschluss von dir. Stimmt ja auch. Keiner, weder Sie noch ich,
haben beschlossen, zu leben. Wir selber konnten uns nicht den Lebensatem
schenken, der in uns schlägt. Das Lied geht dann so weiter: Vergiss es nie, dass du
lebst, war eines anderen Idee, und dass du atmest, sein Geschenk an dich. Stimmt,
jedenfalls, wenn man religiös empfindet. Denn dass es Sie und mich gibt, ist für
einen religiösen Menschen die Idee eines Anderen gewesen, die Idee Gottes. Und
so heißt es dann am Ende des besagten Liedes auch: Du bist gewollt, kein Kind des
Zufalls, keine Laune der Natur, ganz egal, ob du dein Lebenslied in Moll singst oder
dur, du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu – du bist du – das ist der
Clou – ja, der Clou, der Clou bist du.
Für mich als Priester, aber vor allem als Christ ist es ganz wichtig, jeden Menschen,
dem ich begegne, so anzuschauen: Du bist ein Gedanke Gottes. Natürlich fällt es
manchmal schwerer und manchmal leichter wie im Lied hinzuzufügen: ein genialer
Gedanke. Aber erst einmal ist jeder Mensch ein Gedanke Gottes. In der
Theologensprache heißt das dann: Gottebenbildlichkeit. Und übersetzt in politische
Kategorien: Menschenwürde. Bei den vielen Auseinandersetzungen, die es in
unserer Gesellschaft um fast alle Themen des menschlichen Lebens heute gibt, ist
diese Überzeugung hoffentlich mehr als der kleinste gemeinsame Nenner: dass jeder
Mensch eine unbedingte Würde hat – und für religiös eingestellte Menschen kommt
diese Würde eben daher, dass jeder Mensch ein Gedanke Gottes ist – egal, ob das
Lebenslied gerade in Moll oder in Dur gesungen wird. Sie und ich sind ein Gedanke
Gottes – und das gilt in guten und in schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit.
Es scheint so, dass immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft dieses Vertrauen
nicht mehr haben oder nie gefunden haben. Es wäre für die Christen und die Kirchen
eine ganz wichtige Aufgabe, Menschen in diesem Vertrauen zu stärken, dass ihr
Leben ein Entschluss Gottes ist. Denn wenn ich so auf mein Leben schaue, dann
verändert sich die gesamte Perspektive. Dann werde ich dankbarer dafür, dass es
mich gibt – und die vielen Menschen um mich herum. Dann werde ich offener für die
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Idee, dass ich einmalig bin in dieser Welt und gerade deshalb unersetzlich. Dann
beginnt eine Ahnung in mir, dass Gott durch mich mit meinen oft so begrenzten
Mitteln dieser Welt ein einzigartiges Geschenk machen wollte. Und dann finde ich
auch leichter die Aufgabe, die nur mir zufällt in dieser Welt und in diesem Leben.
Als vor etwas mehr als zehn Jahren Papst Benedikt XVI. in sein Amt eingeführt
wurde, hat er diese Überzeugung ins Zentrum seiner ersten öffentlichen Predigt als
Papst gestellt. Für mich sind seine Worte ein Ansporn auf allen Feldern, auf denen
ich als Priester tätig bin, zu handeln. Papst Benedikt sagte damals: „Wir sind nicht
das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines
Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht.“ Ich will
nicht verschweigen, dass es vielen Menschen schwerfällt, das so zu sehen. Und es
gibt in jedem Leben ja tatsächlich genug gute Gründe dafür, in Moll zu empfinden,
streckenweise oder manchmal auch als Grundstimmung. Aber es wäre schon viel
damit getan, wenn jeder sich bemüht, den Menschen, die einem den Tag über so
über den Weg laufen, so gegenüberzutreten, in der Haltung, dass jeder ein Gedanke
Gottes ist. Vielleicht können Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, das ja heute einmal
versuchen. Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen aus Paderborn Ihr Domvikar
Michael Bredeck.
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Donnerstag, 04. Juni
Exoten
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
vor einigen Jahren sah ich einen Cartoon mit dem Titel „Exoten“. Da war eine
Gruppe Menschen bei einem Sektempfang gezeichnet. Einer trug ein schwarzes
Sakko, alle anderen waren hell gemalt. Und bei einem war eine Sprechblase, darin
stand: „Christ? Ach, interessant, und was macht man da so?“ Als ich den Cartoon
mal in einer Gruppe von engagierten Gemeindemitgliedern herumgereicht habe,
habe ich schnell erfahren, dass der ein oder andere diese Situation nur zu gut
kannte.
Christ – Ach interessant. Und was macht man da so?
Könnten Sie, falls Sie Christ sind, eine Antwort auf diese Frage geben? So ganz
einfach ist das wohl gar nicht. Heute ist Fronleichnam – ein Fest an dem sich
traditionell die katholischen Christen auf die Straßen trauen und zeigen: hier sind wir.
Die Tage las ich, dass es in den großen deutschen Städten wie Berlin, Hamburg und
München schon heute weniger als jeder zweite Bewohner überhaupt Christ oder
Christin ist. Auch wenn in unserem Land überall die Zeichen der christlichen Kultur
zu finden sind, werden Christen tatsächlich zu Exoten, wie der Cartoon sagt. Und
selbst in einer traditionell katholischen Stadt wie Paderborn, in der ich lebe, ist das
schon an manchen Orten spürbar. Die Frage wird häufiger kommen – Christ, ach
interessant. Und was macht man da so? Und es wird gut sein, wenn Christen darauf
antworten könnten.
In der Regel haben die Meisten sich genau so wenig bewusst entschieden wie ich,
ein Christ zu sein. Die allermeisten wurden und werden noch immer als kleine Kinder
getauft. Die Eltern wollten es so Das Christentum wurde quasi vererbt. Und was das
Christentum ausmachte, war ebenso fast selbstverständlich wie unreflektiert. Je
weniger dieses „vererbte Christentum“ in unserem Land verbreitet ist, desto mehr
kommt der einzelne Christ unter Druck. Angesichts vieler Freunde, Bekannter oder
Arbeitskollegen, die keine oder eine andere Religion haben, wächst vielleicht die
eigene Unsicherheit, überhaupt genauer sagen zu können, was man denn als Christ
so macht.
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Ich möchte Ihnen heute zwei Antworten anbieten. Die erste ist: ein Christ, eine
Christin betet. Und die zweite: ein Christ, eine Christin versucht, an Jesus Christus
Maß zu nehmen.
Das erste: Als Christ bete ich. Dafür gibt es äußere Zeichen: Das Kreuzzeichen, die
gefalteten Hände, Kreuze und Bilder, die ich betrachte; es gibt feste Gebete, die ich
auswändig kenne wie das Vater Unser. Beten ist aber nicht an bestimmte Formen
oder Worte gebunden. Ich meine, es beginnt schon da, wo ich bewusst Kontakt
suche mit Gott, wo ich meine eigenen Gedanken oder Taten kürzer oder länger
unterbreche und eine Brücke betrete, die von Gottes Seite her immer besteht.
Wenn ich bete, wende ich mich an Gott, weil ich weiß, aus mir heraus weiß ich nicht
alles, verstehe ich nicht alles, erkenne ich nicht alles und kann auch nicht alles.
Beten ist auch etwas anderes als Gespräch. Beten geht weiter, setzt tiefer an.
Und das zweite: ein Christ, eine Christin, versucht, an Jesus Christus Maß zu
nehmen. Ich versuche, mit Worten von Jesus zu leben oder durch den Tag zu gehen.
Ich versuche, wie er zu handeln. Ich versuche, zu fragen: was würde Jesus in dieser
Situation tun? Alles natürlich immer unvollkommen – aber doch sehr ernsthaft.
Christ? Ach, interessant – und was macht man da so? – Vielleicht haben Sie, liebe
Hörerinnen und Hörer, ja Interesse, dieser Frage mal weiter nach zu gehen, mit Ihren
eigenen Erfahrungen.
Einen guten Fronleichnamstag wünscht Ihnen
Domvikar Michael Bredeck aus Paderborn.
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Freitag, 05. Juni
Kopf hoch?
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
es gibt so manche Sprüche, die mir gar nicht gut gefallen, auch wenn sie vielleicht
ganz gut gemeint sind. Ich kann mich erinnern, als ich vor einigen Jahren in einer
längeren Phase persönlicher Sorgen war, dass mich zwei Sprüche ziemlich
aufregten, obwohl sie mich eigentlich ermutigen sollten. Der eine Spruch hieß: „Zeit
heilt alle Wunden“, der andere: „Kopf hoch, das wird schon wieder“.
Natürlich meinen Menschen es gut, wenn sie in schwierigen Situationen versuchen,
andere mit solchen oder ähnlichen Worten zu trösten. Und trotzdem werden solche
Worte einem konkreten Menschen in seiner Situation meist nicht gerecht. Können sie
ja auch gar nicht. Denn was da mit der Zeit geheilt werden könnte, tut im Moment
sehr weh. Und was da irgendwann vielleicht wieder werden könnte, hat im Moment
eine ungeheure Schwere.
Im Umgang mit Menschen, denen es derzeit schlecht geht, braucht man eine Menge
Fingerspitzengefühl und Empathie. Ändern lässt sich ja meistens nichts, weil die
Situation ist, wie sie ist.
Im Neuen Testament gibt es einen Vers, der in diesem Zusammenhang vielleicht in
eine andere Richtung weist. Der Apostel Paulus sagt: „Einer trage des Anderen Last.
So erfüllt ihr Christi Gesetz“ (Galaterbrief 6,2). Ich habe mich schon oft gefragt, wie
Paulus das denn wohl gemeint hat. Natürlich können wir einander helfen, etwas zu
tragen. Bestimmt können wir dabei einander unterstützen, mit Schwierigkeiten fertig
zu werden. Aber des Anderen Last zu tragen, wie soll das gehen? Wir haben doch
oft schon genug mit uns selbst und unseren Lasten zu tragen.
Es heißt im Galaterbrief dann auch noch: So erfüllt ihr Christi Gesetz. Es hat also
etwas mit dem christlichen Glauben zu tun, einander Lasten zu tragen. Auf dem
letzten Weg Jesu zur Kreuzigung wird das ja auch berichtet: da wird ein Mann,
Simon von Zyrene mit Namen, von den Römern gezwungen, das Kreuz Jesu zu
tragen. Jesus allein drohte unter der Last des Kreuzes zusammen zu brechen. Wir
brauchen uns gar nicht so viele Gedanken machen, was denn ein christliches Leben
eigentlich ausmacht, wenn wir von diesem Beispiel lernen. Das gehört zu einem
christlichen Lebenskonzept dazu: die Bereitschaft, sich den Problemen, den Nöten
eines anderen Menschen wirklich auszusetzen und ihn dann zu stützen und zu
unterstützen. Natürlich soll sich keiner überfordern. Menschen mit einem weiten und
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selbstlosen Herzen werden oft ausgenutzt oder bringen sich selbst an Grenzen ihrer
Kraft. Und wir können letztlich nie die Probleme anderer Menschen lösen, indem wir
sie auf unsere Schultern laden. Aber die Probleme mittragen – das ist eine
Solidarität, die bei den Christen von Anfang an verbreitet ist. Der Auftrag, auf
einander zu achten, kommt von Jesus selbst. Wenn ich christlich leben will, dann
komme ich nicht darum herum, Augen und Ohren, Hände und manchmal auch das
Portmonnaie zu öffnen, um Not zu lindern oder einem anderen Menschen
beizustehen. Dann habe ich einen besonderen Blick auf die Welt. Ein Blick, der sich
berühren lässt, vom Anderen – auch in seinen Leiden. Das genau ist wahrscheinlich
auch das Problem mit Sprüchen wie „Kopf hoch, das wird schon wieder“. Wer das
sagt, dem kann die innere Berührung mit dem Leid des Anderen fehlen. Das muss
nicht zwangsläufig so sein, aber gut ist es schon, zumindest sensibel für diese
Gefahr zu sein.
Wir Menschen haben eine ganz große Gemeinsamkeit, jedenfalls aus der Sicht eines
religiösen Menschen: wir sind Kinder des einen Vaters im Himmel.
Vielleicht begegnet Ihnen heute oder in den nächsten Tagen ein Mensch mit einer
konkreten Situation, in der Sie auf einfache Weise wirksam werden können. Aus
Paderborn grüßt Sie Domvikar Michael Bredeck.
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Samstag, 06. Juni
Start up Kirche
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
in diesen Tagen zieht mein jüngerer Bruder nach Hamburg. Er hat dort zum 1. Juni
dieses Jahres eine neue Arbeit gefunden – in einem „Start Up“-Unternehmen. Das
sind hochdynamische Firmen voller kreativer, junger Leute, die bereit sind, sich stark
zu engagieren und viel zu leisten. Mein Bruder, er ist noch keine dreißig Jahre, freut
sich sehr über diese riesige Chance, die ihm da geboten wird.
Natürlich spreche ich mit meinem Bruder auch schon mal über die Kirche. Die ist
freilich eine ganz andere Welt als so ein junges Unternehmen. Wenn mein Bruder
mir zu verstehen gibt, dass er die Kirche – vorsichtig gesagt – nicht für einen
attraktiven Arbeitgeber oder ein attraktives Umfeld hält, macht mich das
nachdenklich. Er meint, dass dort Kreativität und Engagement nicht so gefragt sind.
Und dass da auch nicht so richtig viel passiert. Und, wie Sie wahrscheinlich wissen,
steht er mit diesem Eindruck nicht alleine.
Offen gestanden ertappe ich mich selbst ja auch dabei, dass ich denke, na ja, etwas
mehr Engagement und Einsatz, etwas mehr Mut und Power täte in der Kirche schon
gut. So einiges liegt in der Kirche im Argen, weil es da oft ganz schön viel
Selbstzufriedenheit und Bequemlichkeit gibt und vor allem Angst vor Veränderungen
und Entwicklungen, die in unbekanntes Terrain führen. Vielleicht liegt es auch daran,
dass nur selten wirklich junge Menschen in leitender Verantwortung stehen in
Gremien oder Gruppen der Kirche.
Ich frage mich, gerade als Priester, wie ein Ausweg aus diesem Dilemma aussehen
könnte. Wie könnte es gehen, dass junge Menschen wie mein Bruder und so viele
andere der Kirche wieder etwas mehr Kraft und Power zutrauen? Und noch mehr:
Wie könnte es gehen, dass junge Menschen die Kirche als attraktiven Lebensort
wahrnehmen? Wie könnten junge Menschen sich daran freuen, sich als Christ, als
Christin in dieser heutigen Welt zu engagieren?
Ein Paar, das ich vor einigen Wochen getraut habe, erzählte mir, dass sie sich gerne
konkret für kirchliche Flüchtlingshilfe einsetzen würden. Aber wo und wie können sie
sich schnell und zuverlässig über entsprechende Möglichkeiten informieren?
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Mir fiel zunächst nicht ganz schnell etwas ein, was ich ihr antworten konnte.
Vermutlich war das auch ganz gut, denn es geht ja gerade nicht mehr darum, andere
für vorgefertigte Aufgaben zu rekrutieren, sondern von den Talenten und Fähigkeiten
her Felder für Engagement zu finden. Und das kann man nicht planen, aber man
kann dafür die Wege bereiten.
An ein gelungenes Beispiel erinnere ich mich in diesem Zusammenhang sehr gerne:
An meiner zweiten Stelle engagierte sich plötzlich ein Unternehmensberater in der
Kirchengemeinde. Bei einem Besuch zuhause erzählte er mir, wie das kam: er hatte
den Pfarrer einfach gefragt, ob er etwas für die Gemeinde vor Ort tun könnte. Der
Pfarrer war ein mutiger Mann und sagte: Sie sind doch Unternehmensberater.
Beraten Sie doch mal unsere Gemeinden dabei, Veränderungen nicht bloß zu
erleiden sondern auch zu gestalten und damit Entwicklungen anzustoßen.
Herausgekommen waren verschiedenste Zukunftswerkstätten mit den Gremien und
viele andere konkrete Neuerungen und Ideen für das Gemeindeleben. Und das,
obwohl die Kirche bislang kein besonders wichtiger Ort im Leben dieses
Unternehmensberaters war.
Ein schönes und gelungenes Beispiel, von dem ich hoffe, dass es häufiger
Wirklichkeit werden kann. Dafür allerdings müsste sich etwas bewegen in den
Kirchen: ein weites, offenes und dynamisches Verständnis von Engagement. Und ein
flexibler Umgang mit Menschen, die sich und ihr Engagement anbieten. Da könnte
die Kirche schon eine Menge von jungen Menschen und jungen Unternehmen heute
lernen. Wer weiß, vielleicht hat ja auch mein Bruder irgendwann einmal Lust, sich mit
seinen Talenten und Erfahrungen auch über den Beruf hinaus zu engagieren.
Unsere Gesellschaft und natürlich auch die Kirchen leben davon.
Vielleicht habe ich Sie neugierig gemacht, liebe Hörerinnen und Hörer, mal auf
Entdeckungsreise zu gehen bei sich selbst. Was können Sie denn besonders gut –
was interessiert Sie und wofür würden Sie sich gerne einsetzen – als Christ, als
Christin, als engagierter und einsatzbereiter Mensch?
Aus Paderborn grüßt Sie herzlich Domvikar Michael Bredeck.
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