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Die Knallerbsenbande
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Gaunerjagd mit Flitsche
Semmel, Matti, Jolle und Muckel haben eine richtige
Bande gegründet, die Knallerbsenbande nämlich. Mit
Flitschen, supercoolen Fahrrädern und jeder Menge Mut.
Jeden Tag treffen sie sich und üben Zielschießen mit
getrockneten Erbsen. Jetzt fehlt nur noch ein Abenteuer!
Als in ihrem Wald ein Jäger verschwindet, sind sie natürlich sofort zur Stelle. Aber warum liegen jetzt auch noch
geklaute Elektrogeräte im Wald? Was hat der fiese Herr
Henk (genannt Henker) damit zu tun? Und hängt Mattis
Bruder Gero da etwa auch mit drin? Langsam wird ihnen
die ganze Sache etwas zu aufregend. Doch die Knallerbsen lösen den Fall – sie überführen einen Dieb, finden den
Jäger und sind am Ende die Helden des Ortes!
Auf ins nächste Abenteuer!
• Erster Band einer turbulenten Kinderserie
• Spannend, urkomisch und liebevoll zugleich
• Für ganz wilde Jungs ab 7
• Durchgehend wunderbar illustriert von
Meike Haberstock
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DIENSTAG, SECHSTLETZTER FERIENTAG
In einer supermarktüblichen Tüte getrockneter Erbsen stecken ziemlich genau 2000 Erbsen. Meistens. Bei unseren
Schießübungen gehen leider die meisten davon verloren,
was bedeutet, dass der Vorrat rasch zur Neige geht. Heute haben wir wieder viel geübt. Wir haben den alten Topf
beschossen, dass es nur so knallte (deshalb nennen wir uns
auch die Knallerbsenbande, was man sich ja denken kann).
Nun sind nur noch 411 Erbsen übrig. Da Mattis und Jolles
Mamas sich weigern, uns weiter Erbsen zu besorgen, müssen
wir demnächst selbst welche kaufen. Eine Tüte Erbsen kostet
einen Euro und neunundvierzig Cent. Wenn jeder von uns
jeden Tag 100 Erbsen verschießt, brauchen wir jeden sechs-
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ten Tag eine neue Tüte. Also brauchen wir im Monat …
äh … Ich frag mal Matti.
Matti sagt, wir brauchen pro Monat sechs Tüten, also
8,94. Die müssen wir uns irgendwie verdienen, sonst ist ja
schon wieder Schluss mit der Bande.
Natürlich schießen wir nicht auf Menschen. Sonst wär’s
ja auch gleich wieder vorbei mit der Bande. Wir haben
schließlich schon Hausarrest bekommen, als wir damals die
Wasserbomben auf den Postboten geschmissen haben – und
dabei hat er sich noch nicht mal verletzt. Wir schießen auch
nicht auf Tiere – normalerweise. Also nicht so, dass sie totgehen oder sich verletzen. Heute allerdings hat Muckel (unser Zwerg, eigentlich heißt er Jonathan) eine tote Maus entdeckt. »Die ist mausetot«, hat Matti gesagt. Muckel wollte
sie auseinandernehmen, um hineinzugucken. Aber das geht
ja mal gar nicht, finde ich, das ist doch Totenbeleidigung
oder so.
Allerdings hat Matti vorgeschlagen, mit der Maus schießen zu üben. Nur, damit wir mal ein echtes Zielobjekt vor
uns haben, hat er gesagt. Er hat die Maus auf den Waldboden
gelegt und wir haben mit den Flitschen Erbsen draufgeschossen. Matti, Muckel und ich haben vorbeigeschossen, aber
Jolle hat getroffen. Und wie! Die Maus ist mindestens zwei
Zentimeter weitergeschossen. Doch Jolle hat geschrien und
ist kreidebleich geworden. »Es tut mir leid, es tut mir leid«,
hat er gerufen und darauf bestanden, dass wir die Maus als
Wiedergutmachung ordentlich begraben. Mit Sarg und so.
Einen Sarg hatten wir im Wald nicht, aber es lag ein alter
Schuh im Graben. Da haben wir die Maus hineingelegt. Jolle
hat sich noch dreimal entschuldigt und sie dann zusammen
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mit dem Schuh vergraben. Er wollte unbedingt noch einen
kleinen Grabstein bemalen, aber das muss er allein machen,
meinte Matti. »Das Mausevieh ist doch sowieso schon tot«,
hat er gemault. Doch da hat Jolle ihm die Faust vors Gesicht gehalten und gemeint, er solle mal schön die Klappe
halten, sonst würde er ihn mit ’ner Knallerbse abknallen. Da
haben Muckel und ich gelacht, weil das so lustig klingt: mit
’ner Knallerbse abknallen. Zum Glück haben Matti und Jolle
auch gelacht und dann hat Matti tatsächlich noch ein Beerdigungslied gesungen: »Der Hahn ist tot, der Hahn ist tot.«
Das passte nicht so ganz, aber was soll’s.
Gerade, als wir zurück auf den Waldweg sprangen, kam der
alte Henker uns entgegen. Eigentlich heißt der Alfred Henk,
doch er ist irgendwie gruselig. Auch jetzt guckte er schon
wieder so zornig, als hätten wir auf seinen kläffenden Dackel
geschossen. »Was wollt ihr hier?«, hat er gebrummt und mit
dem Finger zur Straße gezeigt. »Das ist kein Spielplatz. Ab
nach Hause.« Matti wollte sich von dem überhaupt nichts
sagen lassen, deshalb rief er: »Der Wald ist frei, hier darf jeder sein, wann er will.« Das fand ich cool und die anderen
auch und wir stellten uns nebeneinander und verschränkten
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die Arme und sahen ganz bestimmt sehr einschüchternd aus.
Das fand der alte Henker scheinbar auch, denn er drehte sich
um. »Ich hol jetzt meine Knarre, und wenn ich zurückkomme, seid ihr weg oder es setzt was«, brummte er und ging
davon.
»Der holt seine Knarre«, flüsterte Jolle. »Nichts wie weg
hier!«
Matti schüttelte den Kopf. »Ach Quatsch. Der hat Karre
gesagt, du Depp! Der meint seine Schubkarre. Du hast doch
wohl keine Angst vor ’ner Schubkarre?« Aber uns anderen
war auch mulmig geworden und deshalb liefen wir doch lieber zur Straße.
Dort kam uns prompt der kleine Laster vom Supermarkt
entgegen, was toll war, weil doch Mattis großer Bruder
Gringo den fährt. Gringo hielt grinsend an und kurbelte die
Scheibe runter. »Achtung, Achtung, Zwerge auf der Landstraße!«, brüllte er. Matti streckte ihm die Zunge raus und
kletterte ruck, zuck auf die kleine Ladefläche. Ich krabbelte
hinterher und auch Jolle und Muckel sprangen auf. Gringo
gab Gas. Er drehte die Lautstärke hoch und wir brüllten das
Lied mit: »36 Grad und es wird noch heißer!«, obwohl es
gar nicht so warm war und wir im Fahrtwind richtig froren.
Ich hatte eine irre Gänsehaut und ließ mir von Matti auf die
Arme boxen, damit sie warm wurden. Danach hatte ich immer noch Gänsehaut, aber jetzt schimmerten die Pünktchen
schön rot, das war doch mal was anderes.
Gringo parkte den Wagen hinterm Supermarkt. Leider
kam gerade Herr Heinze heraus, dem der Supermarkt gehört, und brüllte: »Gero, du sollst keine Kinder auf der Ladefläche mitnehmen! Und jetzt komm rein, da warten noch
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Auslieferungen.« Gringo grinste uns an, tippte sich grüßend
an die Mütze und lief pfeifend ins Lager.
In einer Ecke des Parkplatzes standen jede Menge leerer
Holzpaletten und natürlich haben wir uns daraus eine Bude
gebaut. Nach einer halben Stunde hatte Muckel vier Holzsplitter in der Hand und Jolle eine Beule, weil ich ihm eine
Palette gegen den Kopf geknallt hatte. Aus Versehen natürlich. Dafür hatten wir jetzt eine kleine Butze, in die wir gleich
krochen. Matti suchte die besten Löcher zum Erbsenflitschen, falls uns jemand angreifen sollte. »So ’n Quatsch, wer
soll uns denn hier angreifen?«, fragte Jolle. Aber ich fand’s
lustig und schoss mit Matti ein paar Erbsen gegen Gringos
Kleinlaster. »Wer die Scheibe trifft, gewinnt!«
»Ihr müsst die Dinger nachher wieder einsammeln, wir
haben kaum noch welche«, meckerte Jolle.
»Kann dein Bruder nicht mal welche im Laden mitgehen
lassen?«, fragte Muckel, der immer noch versuchte, die Splitter aus seiner Hand zu ziehen.
»Klauen?«, fuhr Matti ihn an. »Du willst, dass mein Bruder für dich klaut? Du hast ja nicht alle Latten am Zaun. Die
schmeißen den raus, wenn die das merken, und dann? Dann
kannst du das Geld für sein Studium besorgen, du Blödmuckel. Kannste ja irgendwo klauen, wa?«
Muckel runzelte die Stirn. »Jetzt reg dich nicht auf. Man
wird ja wohl noch fragen dürfen.«
»Darfste eben nicht«, grummelte Matti.
Danach fing Jolle wieder von dem alten Henker und seiner Knarre an und ob der damit schießen würde. Wir stritten
uns gerade so richtig schön, als Matti plötzlich meinte: »Ich
hör irgendwas.« Ich grinste. »Da parkt ein Laster. Hast du
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Angst vor Lastern?« Matti boxte mir in die Rippen. »Ne, da
stimmt was nicht. Ich hab das im Gefühl.« Jolle, Muckel und
ich kriegten einen Lachanfall, aber als Muckel gerade »Matti
hat zu vüle Gefühle«, gluckste, brüllte Matti los: »Verdammt,
das ist der Laster vom Bauhof. Der mit dem Greifarm. Raus
hier!«
Ich begriff nicht, was er meinte, und Jolle und Muckel
sicher auch nicht, doch Mattis Stimme klang so panisch,
dass wir pfeilschnell aus dem Palettenberg krochen. Wir warfen uns dahinter ins Gras und sahen fassungslos zu, wie der
Greifarm von oben in unseren Palettenberg griff. Das Holz
splitterte und knirschte, als es zerquetscht wurde. Es dauerte
nur drei Griffe, dann hatte der Bauhoflaster die Paletten alle
auf seine Ladefläche gehoben und fuhr davon. Uns hatte der
Typ gar nicht bemerkt.
»Heiliges Kaninchen«, flüsterte Muckel. »Das war echt
mal knapp.«
Dann mussten wir schon wieder lossprinten, denn aus der
Lagertür kam Herr Heinze gerannt, der sich die Haare raufte und »Seid ihr des Wahnsinns?« brüllte. Er schrie immer
weiter und ich konnte die Worte »gefährlich«, »verrückt«
und »Hausverbot für immer« heraushören. Wir rannten drei
Straßen weiter, bevor wir erschöpft auf den Rasen in Jolles
Vorgarten fielen und anfingen zu kichern. Ich hoffte nur,
dass Gringo jetzt keine Schwierigkeiten kriegte. Matti dachte
offenbar dasselbe, denn er sah mich ernst an und sagte »Gringo«. Ich nickte.
Abends im Bett dachte ich über den Tag nach und kam
zu dem Schluss, dass es einer der coolsten Ferientage in meinem ganzen Leben gewesen war.
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MITTWOCH, FÜNFTLETZTER FERIENTAG
Am nächsten Morgen wachte ich davon auf, dass mir ein
Brötchen gegen die Stirn knallte. Mit noch halb geschlossenen Augen griff ich danach und feuerte es gleich wieder zum
Fenster hinaus, denn mir war klar, dass das nur einer gewesen
sein konnte: Matti.
»Ey, du Schlafheini, wach auf, es ist schon halb zehn!«,
brüllte er von unten hoch.
Ich schleppte mich zum Fenster und sah hinunter. Matti
grinste. »Du siehst aus wie ein Lama nach der Waschanlage.
Mach hin, ich komm schon mal rein.«
Nachdem ich meine Haare gebändigt hatte, lief ich in die
Küche. Zum Umziehen hatte ich keinen Bock, ich hatte sowieso in den Klamotten von gestern geschlafen. Matti saß auf
der Küchenbank und parkte die Füße auf dem Tisch.
»Nimm die Stinkhufe runter«, ranzte ich und schenkte
mir Kakao ein.
Matti grinste, nahm die Füße runter und tunkte seinen
Finger tief ins Schokocreme-Glas.
»Ii, lass das, du Sau«, schimpfte ich und drückte ihm
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seinen Finger ins Gesicht. Leider reizte mein anschließender Lachkrampf Matti dazu, mir den Schokorest ins Ohr zu
schmieren. Wir konnten erst mit der Kabbelei aufhören, als
das Schokoglas vom Tisch krachte.
»Verdammt«, seufzte ich. Und auf das Brötchen hatte ich
mich auch noch gesetzt.
Nachdem ich die verschmierten Scherben mit Handbesen und Schaufel zusammengekratzt hatte, wischte Matti die
Schokoklebe mit der Morgenzeitung auf. Dann hielt er inne.
»Hör mal«, sagte er gebannt. »Hier wird ein Typ vermisst!«
Er hielt die Seite ins Licht. »Wer hat diesen Mann gesehen?
Seit gestern wird der Jäger Marco Gruben vermisst. Er ist nach
seinem Ausflug in den Kornbacher Wald nicht nach Hause
gekommen. Hinweise bitte an die örtliche Polizeidienststelle.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Na und?« Viel wichtiger
war, dass wir die Küche sauber kriegten, sonst würde meine
Mutter einen Meckerkrampf kriegen. Es sah ganz passabel
aus, fand ich – es schmatzte nur etwas beim Gehen, weil der
Boden noch klebte.
In diesem Moment krochen Jolle und Muckel durchs
Küchenfenster. Genau auf demselben Weg war auch Matti
reingekommen. Alle Knallerbsen ließen stets bei einem Fenster den Griff waagerecht stehen, damit man es von außen
aufdrücken konnte. Notfallplan, wir waren eben Genies.
»Habt ihr gehört, dass der Henker einen entführt hat?«,
platzte Matti heraus.
»Entführt?« Jolle wurde blass. »Und auch gekillt?«
»Vermutlich«, sagte Matti nachdenklich.
»Was?«, sagte ich schmatzend. »Quatsch. Da ist nur einer
verschwunden.«
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»Beim Henker?«, fragte Muckel neugierig.
»Ne, im Wald«, antwortete ich.
»Im Kornbacher Wald? Wo soll man denn da verschwinden?«, fragte Jolle.
»Im Henkerhaus«, flüsterte Matti unheimlich.
»Da geh ich nicht wieder hin«, sagte Jolle entschieden.
»Doch«, sagte Matti und schlug mit der flachen Hand so
heftig auf den Tisch, dass mein Brötchen in die Luft flog.
»Genau das tun wir.« Mein Brötchen landete in der Kakaotasse. Jetzt war es platt UND nass. Ich ließ es abtropfen.
»Dann los«, sagte ich, stopfte mir den Kakao-Teigklumpen in den Mund und suchte meine Turnschuhe.
Mit unseren Rädern rasten wir wie die Bekloppten zum
Wald. Matti wurde Erster, aber Jolle war ihm dicht auf den
Fersen und deshalb konnte er auch nicht rechtzeitig bremsen, als wir an der Schranke vorm Waldweg hielten, und
fuhr Matti hintendrauf. Das machte nichts, denn wir hatten vier Extraknallerbsenräder. Die hatte Muckels Vater vom
Flohmarkt besorgt, nachdem er ausgezogen war. Und immer
wenn jetzt Besuchswochenende war, frickelten wir mit Muckels Papa in seiner neuen Garage an den Rädern herum. Es
versteht sich von selbst, dass wir kein Licht und so ’nen Kram
dranhaben. Und dass die Räder schwarz sind. Jedenfalls hielten die Räder was aus, und als wir sie besorgt betrachteten,
konnten wir keine schlimmen Schäden entdecken.
»Und wer guckt nach meinen Schäden?«, fragte Jolle beleidigt und tupfte sich das Blut vom aufgeschrammten Ellbogen.
»Ach, stell dich nicht so an«, sagte Matti grinsend. »Vielleicht hast du jetzt endlich ’ne schicke Narbe.«
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Eine Narbe war Jolles größter Wunsch. Am besten auf
der Wange, doch bisher hatte es noch nicht geklappt.
»Jetzt leise«, warnte Matti und lief voraus.
Wir anderen huschten hinterher. Es dauerte eine Weile, bis wir zum Henkerhaus kamen. Düster und unheimlich
stand es am Waldweg, fast zugewuchert von wild wachsenden Sträuchern und großen Bäumen. Links vom Haus lagerte jede Menge Kram und Schrott auf dem eingezäunten
Grundstück. Alles wirkte kaputt und beinahe verlassen. Wir
blieben in einiger Entfernung stehen und beobachteten das
Haus.
»Der ist nicht da«, flüsterte Jolle.
»Aber die Leiche bestimmt noch«, warf Muckel ein.
»Die würdest du wohl am liebsten auch aufschlitzen, so
wie die Maus?«, zischte Jolle.
Ich stieß ihn kräftig in die Rippen. »Wir wissen doch gar
nicht, ob der tot ist«, raunte ich.
»Au«, brüllte Jolle.
»Psst«, machte Matti.
Dann knallte es. Zuerst beim Haus. Danach raschelte es
über uns. Im nächsten Moment krachte ein Ast neben uns
auf den Boden.
»Verdammt, der schießt«, bölkte Matti. »Haut ab!«
Aus dem Augenwinkel sah ich noch, dass der Henker hinter der Hausecke hervorkam, seine Flinte in der Hand. Du
meine Güte, der schoss wirklich!
Wir rannten, was das Zeug hielt. Bald würden wir uns
für einen Marathon anmelden können. Bei dem täglichen
Training …
Bis – ja, bis Muckel in die Blätter fiel. Ich wäre beinahe
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über ihn gestolpert. »Los, komm«, keuchte ich und zog ihn
hoch.
»Geht nicht«, sagte Muckel.
Ich drehte mich um, aber vom Henker war nichts mehr zu
sehen. Also kniete ich mich neben Muckel. »Was ist denn?«
»Verknackst«, vermutete Muckel und rieb sich seinen linken Knöchel.
Die anderen waren auch zurückgekommen und gemeinsam überlegten wir, wie wir Muckel am besten zum Rad tragen könnten. Mattis Vorschlag, ihn an den Armen den Weg
entlangzuschleifen, wurde abgelehnt. Stattdessen nahmen
Jolle und ich einen dicken Ast und Matti half Muckel, sich
draufzusetzen. Muckel legte die Arme um unsere Schultern
und los ging’s.
Es dauerte ewig. Doch irgendwann waren wir am Waldrand. Muckel schwor, mit einem Bein fahren zu können,
und so radelten wir heim. Langsam, versteht sich.
»Glaubt ihr, der wollte uns umbringen?«, fragte Jolle, der
immer noch ganz weiß im Gesicht war.
»Klar«, sagte Matti.
Ich glaubte das nicht. »Der hat doch nach oben gezielt.
Auf den Ast. Der wollte uns nur erschrecken.«
»Aber er hätte uns umbringen können«, beharrte Matti.
»Mit so einem Ast. Und dann hätte er behauptet, dass es ein
Unfall war.«
»Hätte, hätte, Popelkette«, brummte ich.
Auf dem Heimweg trafen wir Gringo.
»Hey Zwerge«, sagte er lustlos.
»Howdy Gringo«, rief Matti. »Wo ist denn deine Superkutsche?«
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Gringo rieb sich die Nase. »Ist nicht mehr meine«, murmelte er. »Der Heinze hat mich gefeuert.«
»Der Supermarkt-Chef?«, fragte Matti entsetzt. »Aber
wieso? Wegen der Paletten?«
Gringo kniff die Augen zusammen. »Was für Paletten?«
Matti wurde rot. »Ach, nix. Warum denn nun?«
»Ich soll geklaut haben. ‚Waren im großen Stil‘, hat der
Heinze gesagt.«
»Du? Niemals«, schrie Matti auf.
Gringo lächelte. »Schon gut, kleiner Bruder«, sagte er.
»Das weiß der Heinze ja nicht. Es fehlt halt was aus dem Lager. Elektronik-Geräte. Und ich hab den Lagerschlüssel und
den Transporterschlüssel. Da denkt er eben …«
»Da denkt er eben falsch«, rief Matti zornig. »Dieser …
dieser Mistkerl.«
Gringo zuckte mit den Schultern. »Nicht zu ändern«,
meinte er. »Ich geh jetzt nach Hause. Kommst du mit?«
Matti schüttelte den Kopf. »Geh schon vor, ich komm
gleich nach«, sagte er.
Gringo ging mit hängenden Schultern davon.
»Wie ätzend«, murmelte ich.
Matti nickte. »Gringo braucht doch das Geld für sein Studium. Und außer im Supermarkt gibt’s hier ja keine Jobs.«
Er ballte die Fäuste.
»Wie wäre es, wenn WIR Geld für ihn auftreiben?«,
schlug ich vor.
Matti lächelte und schubste mich gerührt in die Hecke.
»Du bist der Beste, Semmel. Und ich glaub, ich hab auch
schon eine Idee, wie.«
Den Rest des Tages verbrachten wir in unserer Klebekü-
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che mit Spaghetti-Kochen und Futtern und mit dem Sammeln von Ideen zur Geldgewinnung. Ach ja, und natürlich
mit Erbsen-Schießübungen.
Mit der Wahl der besten Idee ging schließlich der fünftletzte Ferientag zu Ende.
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