Reisen im Kreis - Urbane Künste Ruhr

Reisen
im
Kreis
15. Juni —— 16. August 2015
Ganz nah,
weit weg
Reisen im Kreis
15. Juni —— 16. August 2015
Ein Kunstprojekt mit einem Reisezentrum in Dinslaken und
sechs verschiedenen Tagesreisen, die den Kreis Wesel zu Fuß,
per Fahrrad, Bus und Schiff erkunden: Achtzehn Termine für
die Entdeckung unbekannter Orte und die Begegnung mit
unterschiedlichsten Menschen, für einen anderen Blick auf
Fremdes wie Vertrautes, begleitet von den Künstlern, die diese
Erlebnistouren kreiert haben.
Konzipiert und kuratiert von
Kay von Keitz
Mit den Künstlern
Daniela Brahm, Lutz Fritsch, Uschi Huber, Christian Odzuck,
Evamaria Schaller, Nicola Schudy und Hans Hs Winkler
VORWORT
Über Identitäten und neue Perspektiven
im Ruhrgebiet
Das Ruhrgebiet hat viele Gesichter. Es ist ehemalige Industrie­
region mit neuem touristischem Profil und es ist Experimentier­
feld für Künstler und Kreative. Die Region an Rhein und Ruhr ist
aber auch eine bäuerlich geprägte Region. Zwischen den großen
Industriearealen, vor allen Dingen jedoch an den Rändern der
Städteagglomeration, scheint dieses Antlitz immer wieder auf.
Der Kreis Wesel markiert den nordwestlichen Zipfel des Ruhr­
gebietes. Münsterland und Niederrhein befinden sich in direkter
Nachbarschaft. Sie prägen die Identität des Kreises weit mehr
als die industrielle Nachbarschaft in Duisburg oder Oberhausen.
Seenplatten, römische Lager und Rheinauen verbindet kaum
ein Besucher mit dem Ruhrgebiet, aber auch die Bewohner der
Region kennen oftmals diese Seite der Heimat nicht.
Um diese besondere Stadtlandschaft aus einer neuen Perspektive
betrachten zu können, lädt Urbane Künste Ruhr regelmäßig
Künstler und Kuratoren ein.
Auch für Reisen im Kreis haben sieben Künstler und ein Kurator
die Gegebenheiten vor Ort erforscht. Die Geschichten von Orten
und Bewohnern des Kreises Wesel haben sie sich dabei angeeig­
net und in die Konzeption von künstlerisch gestalteten Tagestou­
ren überführt. Die Reisenden erleben auf eindrucksvolle Weise,
wie die Wahrnehmung von Orten durch ihre Kontextualisierung
bestimmt und verändert werden kann.
Auf den Reisen entdeckt sich das Bekannte im Unbekannten und
umgekehrt; in jedem Fall werden die besuchten Orte bewusst
bereist und erlebt. Eine gewichtige Rolle spielt dabei auch die
Form der Fortbewegung – ob mit dem Rad, dem Bus, zu Fuß
oder per Schiff. Distanz, Tempo, sowie äußere und innere Ein­
flüsse wie die Witterung oder die Anstrengung beim Tritt in die
Pedale werden erfahrbar und verdeutlichen, was es eigentlich
bedeutet, auf Reisen zu sein.
Katja Aßmann
Künstlerische Leiterin
Urbane Künste Ruhr
Lukas Crepaz
Geschäftsführer
Kultur Ruhr GmbH
EINFÜHRUNG
Reisen
im Kreis
Mit Künstlern unterwegs in
parallelen Welten
Ländliche Idylle neben verwaisten Industrieanlagen, Autobah­
nen und Stromtrassen durch weite Auenlandschaften, vorbei an
Wohnsiedlungen, Abraumhalden, Baggerseen und römischen
Funden: An starken Kontrasten mangelt es nicht im Kreis Wesel­­­,
der sich von der nordwestlichen Ecke des Ruhrgebiets bis tief ins
Niederrheinische erstreckt und ein typisches Resultat bundes­
deutscher Gebietsreformen der 1970er-Jahre ist. Doch vielleicht
sind es, trotz aller Eigenheit, gerade diese unvermittelten Land­
schaftswechsel in der Region zwischen Dinslaken und Ham­
minkeln, Moers und Xanten, die einem bekannt oder geradezu
exemplarisch für Westdeutschland erscheinen. Wie in vielen
anderen Landesteilen auch sind die Wege hier kurz zwischen hei­
meliger Altstadt und nüchternem Gewerbegebiet, historischer
Schlossanlage und Wohnblöcken der Nachkriegsmoderne, viel­
befahrenem Verkehrsknotenpunkt und romantischem Flussufer.
Genau diese Phänomene von Widersprüchlichkeit auszuloten
und das Unbekannte im Bekannten, das Ungewöhnliche im
Alltäglichen zu entdecken, ist das Anliegen von Reisen im Kreis.
Selbst für Menschen, die hier zuhause sind, gibt es vieles zu
entdecken, was einem bei aller räumlichen Nähe doch sehr fern
vorkommen mag. Denn bei einem echten Reiseerlebnis geht es
ja bekanntlich darum, den eigenen Blick auf die Dinge zu verän­
dern und zu intensivieren, eine andere Haltung einzunehmen
und sich für neue Erfahrungen zu öffnen – ganz unabhängig von
der geografischen Distanz, die man dabei zurücklegt.
Insgesamt sieben Künstler, die sich alle seit geraumer Zeit in
sehr unterschiedlicher Form mit architektonischen, urbanen
und landschaftlichen Räumen beschäftigen, wurden zu diesem
EINFÜHRUNG
Projekt eingeladen, um mit solchen Perspektiv- und Haltungs­
wechseln zu experimentieren: Daniela Brahm, Lutz Fritsch,
Uschi Huber, Christian Odzuck, Evamaria Schaller, Nicola
Schudy und Hans Winkler. Sechs von ihnen wurden gebeten,
im Kreis Wesel eine ortsbezogene Arbeit zu realisieren – ohne
jede Vorgabe, abgesehen von einer zwingenden Bedingung: Das
Ergebnis sollte kein künstlerisches Werk im eigentlichen Sinne,
sondern eben eine Reise sein. Die Aufgabe der Künstler war, für
eine Gruppe von Teilnehmern jeweils eine Tour zu gestalten, die
innerhalb eines Tages durchführbar ist. Sie selbst werden dabei
zu »Reiseführern«, die ihre thematisch-motivischen Fokussie­
rungen und persönlichen Wahrnehmungen dramaturgisch
inszenieren und damit auch für ihre Mitreisenden erlebbar
machen. Jeder Interessent kann also unter sechs verschiedenen
Tagesreisen wählen, die jeweils drei Mal an insgesamt achtzehn
Wochenend-Terminen stattfinden. Dabei bewegt man sich zu
Fuß, per Rad, Bus und Schiff und gelangt nicht nur an die unter­
schiedlichsten Orte, sondern auch zu den unterschiedlichsten
Menschen, die dort leben. So folgen die Reisenden dem speziel­
len Blick des jeweiligen Künstlers, aber recht bald auch einer
dadurch geschärften, eigenen Wahrnehmung – und darum soll
es ja letztlich gehen.
Nur was wäre ein Angebot außergewöhnlicher Reisen ohne ein
eigens dafür geschaffenes Reisezentrum? Die Gestaltung einer
solchen Mischung aus Reisebüro und Projektzentrale hat Nicola
Schudy, als eine »Spezialistin« für Rauminterventionen, über­
nommen und ein leer stehendes Ladenlokal in der Innenstadt
von Dinslaken mit allen erforderlichen Funktionen ausgestattet.
Zugleich ist aber auch eine große Installation entstanden, die
unverkennbar ihre künstlerische Handschrift trägt und auch
ohne touristische Absichten in jedem Fall einen Besuch lohnt.
Man kann sich dort umfassend über die einzelnen Touren, die
grundsätzlich am Reisezentrum starten und enden, über das
gesamte Projekt und die beteiligten Künstler informieren. Und
wer sich nicht im Internet, sondern lieber persönlich betreut für
einen oder mehrere Termine anmelden möchte, ist natürlich
herzlich eingeladen, das hier zu tun.
Gute Reise!
Kay von Keitz
Kurator
KREIS WESEL
Past /
Present /
Futur
S. 19
Die Tour als Skulptur:
Satteldach
City Dinslaken
S. 13
+
+
WESEL
XANTEN
Treffpunkt
(Start- & Endpunkt)
Reisezentrum
Dinslaken
S. 25
HÜNXE
ALPEN
+
DINSLAKEN
Lass uns
eine Runde drehen
S. 17
RHEINBERG
Expedition durch
Xanten – mit Fellinis
Satyricon und den
Batavern
Die erste
S. 23
österreichische
Weseler Bergtour
S. 21
+
Grenzgebiete
S. 15
KAMP- LINTFORT
+
MOERS
DUISBURG
+
DÜSSELDORF
ESSEN
›
TAG E S R E I S E E I N S
Die Tour
als Skulptur
Satteldach City Dinslaken
13
Daniela Brahm
Sa. 20.06. ——— So. 21.06. ——— So. 19.07.
jeweils 12 bis 18 Uhr
Warum sieht eine Stadt so aus, wie sie aussieht? Genau das will die
seit vielen Jahren in Berlin lebende Künstlerin Daniela Brahm,
die sich in ihren Zeichnungen, Collagen und raumgreifenden
Installationen mit urbanistischen Themen beschäftigt, heraus­
finden. Denn die Gestalt der Stadt, in der wir aufwachsen oder
lange Zeit wohnen, ist unser ästhetischer Maßstab und prägt zu
einem nicht unerheblichen Teil unser Lebensgefühl. Brahms
insgesamt sechsstündige Fahrradtour durch Dinslaken ist vor
allem der eingehenden Beschäftigung mit Wohnsiedlungen der
1950er- und 60er-Jahre, also der Moderne aus Wiederaufbau- und
Wirtschaftswunderzeiten, gewidmet. Dabei steuert ihre Reise­
gruppe Kirchen und Schulen, Jugendzentren und Schwimm­
bäder und immer wieder Arbeitersiedlungen unterschiedlicher
Prägung und Geschichte an. Diese Architekturen werden visuell
oder gedanklich von späteren Umgestaltungen befreit und auf
ihre ursprünglichen funktionalen, gestalterischen und gesell­
schaftlichen Ideen hin betrachtet – ein »archäologischer« Blick in
die jüngste Vergangenheit. An mehreren Stationen stehen kennt­
nisreiche Gesprächspartner zur Verfügung, die den Wissensdurst
der Tourteilnehmer stillen. Anderem Durst und Hunger wird
durch eine Mittags- und eine Kaffeepause begegnet.
Daniela Brahms Tagesreise hat zum Ziel, Dinslaken – als
eine zugleich typische und doch sehr eigene westdeutsche Stadt
dieser Größe – durch intensives ästhetisches Erleben besser zu
verstehen. Und mit dem treffenden Titel bringt sie nicht nur ihre
spezielle Betrachtungsweise, sondern auch einen Grundgedan­
ken von Reisen im Kreis auf den Punkt: »Die Tour als Skulptur«.
TAG E S R E I S E Z W E I
Grenzgebiete
15
Uschi Huber
Sa. 27.06. ——— Sa. 04.07. ——— Sa. 11.07.
jeweils 10 bis 18 Uhr
Auch wenn uns das gar nicht bewusst ist, wir überqueren tag­
täglich unzählige Grenzlinien: Grundstücks-, Gemeinde- oder
Gebietsgrenzen, die Grenzen zwischen privaten, gemeinschaft­
lichen, halböffentlichen und öffentlichen Räumen, zwischen
verschiedenen Untergründen, ober- und unterirdischem Terrain,
Drinnen und Draußen, Hell und Dunkel … Die in Köln leben­
de Künstlerin Uschi Huber, die ursprünglich aus Oberbayern
stammt, ist eine sehr genaue Beobachterin ihrer Umgebung, was
nicht zuletzt von ihrer langen und intensiven Beschäftigung mit
der Fotografie herrührt. Auf ihrer Tour führt sie zu Fuß und
mit dem Fahrrad zu den unterschiedlichsten Formen von
Grenzen, Grenzbauten und Grenzgestaltungen in und um Dins­
laken. Das reicht von Bodenbelägen und Zaunanlagen, über
Pfade und Wege, die aus Grenzverläufen entstanden sind, bis hin
zur mitten im Rhein gelegenen Weseler Kreisgrenze, die – als
ausnahmsweise geduldeter Regelverstoß – bei dieser Reise per
Fähre überquert wird.
Huber beschränkt sich aber nicht darauf, solche Phänome­
ne mit einem geschärften Blick zu betrachten, sondern sie sorgt
auch für Begegnungen mit Menschen vor Ort: Experten, die mit
ihrem Fach- und Hintergrundwissen die gemeinsamen Beob­
achtungen vertiefen. Die kleine Reisegruppe begleitet sogar den
einen oder anderen »Grenzgänger« auf dessen Weg diesseits, jen­
seits oder entlang von sichtbaren und unsichtbaren Trennlinien.
Es wird wetterfeste Kleidung und festes Schuhwerk emp­
fohlen, für Erfrischungspausen werden die vorhandenen Ein­
kehrmöglichkeiten genutzt.
TAG E S R E I S E D R E I
Lass uns
eine Runde
drehen
17
Lutz Fritsch
So. 28.06. ——— So. 05.07. ——— So. 12.07.
jeweils 14 bis 19 Uhr
Noch vor 30 oder 40 Jahren war der Trabrennsport gerade im
Ruhrgebiet sehr populär und in den Medien präsent, heute
scheint er fast zu einem Nischenphänomen geworden zu sein.
Trotzdem ist eine traditionsreiche Einrichtung wie die 1954 eröff­
nete Trabrennbahn in Dinslaken für viele bis heute ein wichtiger
Bestandteil dieser Stadt. Ein ganz eigenes Raumerlebnis stellt
sich auf dem weiten Gelände mit seinem elliptischen Parcours
ein, und so waren auch die an Reisen im Kreis beteiligten Künst­
ler gleich fasziniert von diesem Ort. Vor allem Lutz Fritsch war
derart begeistert, dass seine Tagesreise nun ausschließlich hier
stattfindet.
Der in Köln lebende Bildhauer, den einige auch als »Raum­
forscher« bezeichnen, hat bereits an den ungewöhnlichsten
Orten gearbeitet. So hat er in der Antarktis nahe der deutschen
Forschungsstation eine Bibliothek im Eis geschaffen und in Duis­
burg, dort wo die Ruhr in den Rhein mündet, die stählerne
Landmarke Rheinorange errichtet. Bei seiner Tour erkundet die
Reisegruppe das Areal der Trabrennbahn in konzentrischen­­­
Kreisen von außen nach innen, trifft dabei kompetente Ge­
sprächspartner und entwickelt schließlich Visionen für die
Zukunft dieser Anlage: sinnvolle neue Nutzungen, die zugleich
den Erhalt des Bisherigen sichern. Die dabei entstehenden Phan­
tasien werden vor Ort zu Bildern und Texten verarbeitet, die jeder
Teilnehmer in seinem individuellen Skizzenbuch festhält, die
aber auch digital archiviert werden. Anschließend sollen diese
dann allen Interessierten, vor allem natürlich in Dinslaken und
im Kreis Wesel, für eine möglichst produktive Verwendung zur
Verfügung stehen.
TAG E S R E I S E V I E R
Past /
Present /
Futur
Researching Simultanität II
19
Christian Odzuck
Sa. 18.07. ——— Sa. 15.08. ——— So. 16.08.
jeweils 10.30 bis 16.30 Uhr
Unsichtbare parallele Welten – das sind kurz gesagt die Reiseziele,
die Christian Odzuck bei seiner großen Busrundfahrt im Kreis
Wesel ansteuert, immer wieder unterbrochen von Spaziergän­
gen und einer kleinen Rheinschifffahrt als erholsame Pause.
Auch bei seinen architektonischen Skulpturen in Innen- und
Außenräumen, für die er oft eine Performance als theatrale
»Nutzung« gleich mitentwickelt, handelt es sich um Werke, die
auf umfangreichen Recherchen und komplexen Bezugnahmen
zum jeweiligen Ort basieren. So hat sich Odzuck auch bei der
Konzeption seiner Tagestour ganz den Dingen hinter den Din­
gen verschrieben und die Region auf landschaftliche, bauliche
und strukturelle Eigentümlichkeiten hin untersucht. Oft be­
merkt man diese erst auf den zweiten Blick, wobei einem ihre
tatsächlichen Funktionen oder hintergründigen Geschichten
verborgen bleiben. Er lädt also zu einer Entdeckungsreise ein,
bei der zeitliche und räumliche Realitäten an der Autobahn, auf
einem Kasernengelände oder rund um einen Aussichtsturm er­
forscht werden. Experten und Zeitzeugen geben dabei Auskunft
und bringen die wahren Fakten ans Licht.
Wobei das mit der »Wahrheit« wie immer so eine Sache
ist: Schließlich gilt natürlich auch und gerade bei den Reisen im
Kreis das Recht auf künstlerische Freiheit. Christian Odzuck,
jedenfalls­­­, bietet allen, die an dieser ungewöhnlichen Erkun­
dung teilnehmen, nicht nur vielfältige Informationen, sondern
auch eine durchdachte Inszenierung.
TAG E S R E I S E F Ü N F
Die erste
österreichische
Weseler
Bergtour
Wetterfeste Kleidung und festes Schuhwerk sind mitzubringen,
die Brotzeit gibt’s in einer Wirtschaft am Wegesrand.
Evamaria Schaller
Sa. 25.07. ——— So. 26.07. ——— Sa. 01.08.
jeweils 10 bis 18 Uhr
21
Bergtouren im Kreis Wesel? Doch, das geht! Dabei werden
zwar keine Gipfel im Alpenformat erklommen, aber Orte, in
deren Namen »Berg« vorkommt, gibt es reichlich. Und das muss
doch Gründe haben – welche es nach Ansicht von Evamaria
Schaller zu entdecken und zu erwandern gilt. Die aus Öster­
reich stammende Künstlerin, die normalerweise vor allem im
Bereich Performance aktiv ist, verfolgt mit ihrer Tagesreise für
alle Berg­begeisterten vor allem zwei Ziele: zum einen das Stillen
ihrer eigenen Sehnsucht, die sie immer beim Anblick von Flach­
land überkommt, und zum anderen den damit verbundenen
Klischees ordentlich Zucker zu geben, damit sich am Schluss
doch alles ganz anders dreht und wendet, als man es vielleicht
erwarten würde. Allerdings wird das kein kaffeeseliger Sonn­
tagsausflug, denn bei dieser Tour ist sowohl physischer wie auch
geistiger Einsatz gefordert: Zwischen den einzelnen Wander­
etappen ist auch so manche spezielle Aufgabe zu bewältigen, die
sich die Bergführerin für ihre Seilschaft ausgedacht hat.
Als ein Motto ihrer Reise hat Schaller das schöne Zitat der
österreichischen Schriftstellerin Kriemhild Buhl gewählt:
Bergsteiger sind Künstler. Sie entdecken das Verborgene im Vorhandenen. Eine Route durch den Fels zu zeichnen ist eine Komposition
aus Schwerkraft, Fantasie und Körperbeherrschung.
TAG E S R E I S E S E C H S
Expedition
durch
Xanten
mit Fellinis Satyricon und
den Batavern
23
Hans Hs Winkler
So. 02.08. ——— Sa. 08.08. ——— S0. 09.08.
jeweils 14 bis 19 Uhr
Der in Berlin und New York lebende und überhaupt sehr weit
gereiste Hans Winkler lädt zu einer Forschungsreise ein: in
die antike Vergangenheit zu Römern und Batavern, zu Brot
und Spielen, bacchantischen Gelagen und Reiterritualen. Aber
das wäre keine echte Winkler-Expedition, wenn es nicht auch
um unsere Gegenwart ginge. Wie immer bei diesem Künstler
werden fast beiläufig subversiv die Perspektiven verschoben und
scheinbare Gewissheiten in Frage gestellt: Welchen historischen
und touristischen Blick haben wir auf diese Epoche und ihre
Spuren? Wie ist dieser durch unser heutiges Leben beeinflusst?
Wollen wir wirklich »die ganze Wahrheit« erfahren oder doch
nur das, was uns aktuell genehm ist? Und wie wird unsere eigene
Kultur in Zukunft überliefert und musealisiert?
Um diese Themen gemeinsam mit seiner Reisegruppe von
möglichst vielen Seiten zu beleuchten, hat Winkler Quellenma­
terial aus Literatur und Film mit im Gepäck, von Hanns Dieter
Hüsch bis zu Pier Paolo Pasolini, von Hollywoods Sandalenfil­
men bis zur italienischen Avantgarde. Eine zentrale Rolle wird
dabei Federico Fellinis berühmter Film Satyricon aus dem Jahr
1969 spielen, den der Regisseur selbst als »eine in die Vergangen­
heit gerichtete Science-Fiction« bezeichnete und als eine Reise
in die »Unbekanntnis«. Damit ist wohl auch Hans Winklers
abenteuerlicher Ausflug zutreffend beschrieben.
Doch wie bei allen Touren ist die eigene Bewegung natür­
lich das Wichtigste – zur römischen Arena, kreuz und quer durch
Xanten, ans schöne Ufer des Rheins und als Finale dann zurück
nach Dinslaken auf die Trabrennbahn.
REISEZENTRUM
Reisezentrum
25
Nicola Schudy
Mo. 15.06. ——— So. 16.08.
täglich 14 bis 18 Uhr
Auch in Zeiten von Online-Angeboten jedweder Art sollte ein
Kunst- und Reiseprojekt, bei dem es ausdrücklich um eige­ne
Erkundungen und Erlebnisse geht, nicht auf ein reales Zentrum­­­
verzichten. Ein Ort, der als traditionelles Reisebüro mit entspre­
chendem Informations- und Buchungsservice fungiert, gleich­
zeitig aber auch als Treffpunkt, um zu den jeweiligen Touren
aufzubrechen, und natürlich als Projektraum, wo man alles
Wissenswerte über die beteiligten Künstler erfahren kann. Ein
solches Reisezentrum ist jedoch nicht einfach durch das Aufstel­
len von branchentypischem Mobiliar herzustellen: Eine projekt­
gemäße Gestaltung soll neben der Erfüllung aller notwendigen
Funktionen auch den Facettenreichtum und die Besonderheiten
der angebotenen Reisen im Kreis vermitteln – durch eine eigen­
ständige künstlerische Arbeit.
Diesen Part hat Nicola Schudy übernommen. Für ihre meist
raumgreifenden Installationen untersucht sie die betreffenden
Architekturen sehr genau auf spezielle Merkmale hin und leitet
daraus skulpturale Eingriffe ab, die oft ganze Geschichten erzäh­
len. Hier in Dinslaken, in einem leer stehenden Ladenlokal mit­
ten in der Fußgängerzone, kreiert Schudy eine Art benutzbares
Bühnenbild, bei dem sie eine Reihe unterschiedlicher Elemente
miteinander verknüpft: Reisebüro-Einrichtungsklischees von
der Topfpflanze bis zum mobilen Raumteiler, vorgefundene
Boden-, Wand- oder Deckenmaterialien und eine Farbpalette,
die von den Fassaden der Umgebung stammt. Dieses Reise­
zentrum ist somit »Aushängeschild« des Projekts und zugleich
Präsentationsplattform für die sechs verschiedenen Touren der
Künstlerkollegen.
BIOGRAFIEN
Biografien
Daniela Brahm
Lutz Fritsch
Lutz Fritsch, Zeichner, Bildhauer, Fotograf, Filme­macher und
Polarreisender, studierte Bildhauerei an der Düsseldorfer Kunstakademie. Fritsch arbeitet mit farbigen Skulpturen im Innenund Außenraum. Seine Fotografien zeigen den Blick des Bild­
hauers auf räumliche Zustände, urbane Situationen, während
seine Zeichnungen mit dem gesehenen und erlebten Raum
umgehen. Mit den Außenskulpturen will Lutz Fritsch den Blick
auf immer Übersehenes lenken, lang Vertrautes bewusst werden
lassen und neue Orte des Geschehens bilden. Die Skulpturen
strukturieren vorhandene Räume und definieren neue Räume.
Sie sollen Orientierungspunkte, Landmarken im urbanen Raum
Uschi Huber
Uschi Huber studierte freie Kunst an der University of Brighton
sowie an der Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Magdalena
Jetelovà. Seit 1995 ist sie Mitherausgeberin von »Ohio«, einem
Foto- und Videoprojekt in Magazinform. Schwerpunkte bilden
Fotografie, Video und Installation. Dabei spielen Definitions­
spielräume zwischen Kunst und Nicht-Kunst, sowie Formen
künstlerischer Aneignung und Interpretation des öffentlichen
Raums eine Rolle. Auszeichnungen umfassen u.a. das DG-Bank
Fotostipendium, den Toyota Fotokunst-Preis, sowie Förderun­
gen der Kunststiftung NRW und des Kunstfond Bonn e.V. Län­
gere Arbeitsaufenthalte führten sie u.a. nach New York, Florenz,
Tel Aviv und Singapur. Nach Lehrtätigkeiten u.a. an der HFBK
Hamburg ist Huber Professorin für künstlerische Fotografie an
der Universität Siegen.
Christian Odzuck
Christian Odzuck studierte Bildhauerei an der Kunstakademie­­­
Düsseldorf bei Rita McBride, Hubert Kiecol und David Rabi­
nowitch und schloss das Studium als Meisterschüler ab. Der
Ausgangspunkt von Odzuck’s künstlerischer Praxis ist das
Inter­esse an Prozessen der Wahrnehmung und der Frage, wie
Realitäten im Kontext von Gesellschaft, Politik und Ökonomie
entstehen. Nach intensiven Rechercheprozessen entwickelt er
27
Daniela Brahm, bildende Künstlerin und Raumproduzentin,
studierte an der Hochschule der Künste Berlin. Raum und
Formen der gebauten Umwelt sind Schwerpunkte ihrer künst­
lerischen Arbeit. Ausstellungen im In- und Ausland, u.a. Künst­
lerhaus Bethanien Berlin, Museo Tamayo Mexiko-City, Ideal
City / Invisible Cities Zamosc (PL) und Potsdam, Museum für
Moderne Kunst Warschau. 2004 initiierte sie zusammen mit Les
Schliesser­­das Projekt ExRotaprint auf dem Gelände der ehema­
ligen Rotaprint-Fabrik in Berlin-Wedding. 2007 Mitbegründerin
der ExRotaprint gGmbH. Von Künstlern initiiert entsteht hier
ein Modell für eine offene und profitferne Stadtentwicklung.
sein, wie z. B. Vorgang – Zustand in Bonn vor dem Schumann­
haus, Rheinorange an der Mündung von Rhein und Ruhr in
Duisburg, Der Stand der Dinge in Pforzheim oder auch seine
Bibliothek im Eis.
BIOGRAFIEN
medial vielfältige­­­Arbeiten, die mit den Gegebenheiten vor Ort
interagieren oder diese verändern.
Evamaria Schaller
Nicola Schudy
Nicola Schudy studierte visuelle Kommunikation an der Fach­
hochschule Düsseldorf sowie Bildende Kunst an der Ecole des
Beaux-Arts de Besançon in Frankreich. Danach folgten verschie­
dene Engagements im Film und Theater, u.a. als Ausstattungs­
assistenz bei Christoph Schlingensief, Steven Berkhoff und Peter
Greenaway. Ihre Arbeiten sind konkret und fiktiv zugleich – sie
oszillieren zwischen Installation, Filmkulisse und Architektur.
»Mehr poetische Idee als real gestalteter Raum, ein fiktiver Ort,
an dem sich Atmosphäre und Materialität verdichten und der
Raum eine mehrdeutige Fortschreibung erfährt.«
Hans Hs Winkler studierte Sozialwissenschaft in München und
Berlin sowie Kunst und Archäologie. Seit 1980 Ausstellungen,
Interventionen­­­und Aktionen. 1988—2000 p.t.t.red zusammen
mit Stefan Micheel. U.a. realisierte er 2002 »un incidente in
gondola« in Venedig, 2008 die »Flucht des Ötzi« in Bozen in
Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Museum, der Eurac­­­
und dem Museion Bozen, oder die »Held Saga«, 2005 in der
Akademie der Künste in Berlin. Er kuratierte die Ausstellungen
»FestKunst« in Brixen 2002 (mit Marion Piffer Damiani), oder
»Looking for Mushrooms« im Museum Ludwig Köln 2008 (mit
Barbara Engelbach und Friederike Wappler). Er unterrichtet
Interventionen und Public Art in unterschiedlichen Kunstaka­
demien, u.a. im San Francisco Art Insitute.
29
Evamaria Schaller studierte Film, Medienwissenschaften und
Fotografie in Graz, Salzburg, Prag und Köln und ist seit 2011
als Performance- und Filmkünstlerin international tätig. Sie ist
Gründungsmitglied von PAErsche, einer Kölner Plattform für
Performancekunst, und dem Künstlerkollektiv Raumfaltung.
Schaller arbeitet zwischen Performance, Film und Installation.
Ihr Augenmerk liegt dabei vor allem auf der Interaktion mit
ortsspezifischen Bedingungen, die menschliches Verhalten und
Beziehungen bestimmen. Sie interveniert im Raum mit simplen,
klaren Gesten. Alltägliche Dinge und gefundene Materialien
werden dabei dekontextualisiert und metamorphorisiert.
Hans Hs Winkler
Kurator
Kay von Keitz
Kay von Keitz studierte Kulturwissenschaften und ästhetische
Praxis an der Universität Hildesheim. Er lebt in Köln und arbei­
tet in den Bereichen Kunst und Architektur als freier Autor,
Herausgeber (»En passant. Reisen durch urbane Räume: Perspek­
tiven einer anderen Art der Stadtwahrnehmung«) und Kurator
(»gestern­­die stadt von morgen«, 2014). 1999 gründete er gemein­
sam mit Sabine Voggenreiter das internationale Ausstellungsund Veranstaltungsprojekt »plan – Architektur Biennale Köln«.
Von 2012 bis 2015 hat er im Auftrag der Stadt Köln unter dem
Projekttitel »Der urbane Kongress« gemeinsam mit Markus
Ambach die erste Phase des neu eingerichteten »StadtLabors
für Kunst im öffentlichen Raum« konzipiert und umgesetzt.
INFO
Tour-Infos
Sa. 20.06 — So. 21.06. — So. 19.07.
Die Tour als Skulptur: Satteldach City Dinslaken
Daniela Brahm
jeweils 12 bis 18 Uhr mit dem Fahrrad
Fahrräder werden gestellt,
eigene Fahrräder können genutzt werden.
Inklusive Einkehr (Selbstzahler)
Teilnehmerzahl: max. 20 Pers.
Sa. 27.06. — Sa. 04.07. — Sa. 11.07. jeweils 10 bis 18 Uhr mit dem Fahrrad
Fahrräder werden gestellt,
eigene Fahrräder können genutzt werden.
Inklusive Einkehr (Selbstzahler)
Teilnehmerzahl: max. 20 Pers.
So. 28.06. — So. 05.07. — So. 12.07. Lass uns eine Runde drehen
Lutz Fritsch
jeweils 14 bis 19 Uhr zu Fuß
Teilnehmerzahl: max. 20 Pers.
31
Grenzgebiete
Uschi Huber
INFO
Sa. 18.07. — Sa. 15.08. — So. 16.08.
Past / Present / Futur — Researching Simultanität II
Christian Odzuck
jeweils 10.30 bis 16.30 Uhr mit Bus und Schiff
Inklusive Einkehr (Selbstzahler)
Teilnehmerzahl: max. 30 Pers.
Sa. 25.07. — So. 26.07. — Sa. 01.08
Die erste österreichische Weseler Bergtour
Evamaria Schaller
Anmeldung und Treffpunkt,
Start- und Endpunkt aller Tagesreisen
im Reisezentrum
Neustraße 54 46535 Dinslaken
Das Reisezentrum ist täglich von 14 bis 18 Uhr geöffnet.
Das Reisezentrum befindet sich in der Fußgängerzone und ist
fußläufig etwa 10 Minuten vom Dinslakener Hauptbahnhof
entfernt.
Eine Anmeldung zu den Touren ist erforderlich.
Jede Tagesreise ist kostenfrei.
Die Teilnehmerzahl ist begrenzt!
Zu jeder Tagesreise bitte festes Schuhwerk und
ggf. Regenkleidung mitbringen sowie Verpflegung
zur Selbstversorgung unterwegs.
So. 02.08. — Sa. 08.08. — So. 09.08.
Auskunft und Anmeldung
Expedition durch Xanten —
mit Fellinis Satyricon und den Batavern
Hans Hs Winkler
jeweils 14 bis 19 Uhr mit dem Bus und zu Fuß
»Römisches Picknick« inklusive
Teilnehmerzahl: max. 30 Pers.
Die Touren sind nicht barrierefrei.
telefonisch unter
0209 — 60507 301 montags bis freitags 10 bis 17 Uhr
Oder jederzeit per Mail an
[email protected]
Internet
www.urbanekuensteruhr.de
33
jeweils 10 bis 18 Uhr mit dem Bus und zu Fuß
Bitte festes Schuhwerk, ggf. Regenkleidung und
Rucksack mitbringen!
Inklusive Einkehr (Brettl-Jause)
Teilnehmerzahl: max. 25 Pers.
IMPRESSUM
REISEZENTRUM
Neustraße 54 46535 Dinslaken
(Innenstadt – Fußgängerzone)
Anreise mit dem ÖPNV:
Dinslaken Hbf (ca. 10 Minuten Fußweg).
Öffnungszeiten ab 15. Juni: täglich von 14 bis 18 Uhr.
HERAUSGEBER
Urbane Künste Ruhr Leithestraße 35 45886 Gelsenkirchen
T 0209 — 60507 301 F 0209 — 60507 399
[email protected] facebook: is.gd/HLuQ 49
urbanekuensteruhr.de
GESCHÄFTSFÜHRUNG
Kultur Ruhr GmbH — Lukas Crepaz, Johan Simons
K Ü N S T L E R I S C H E L E I T U N G U R B A N E K Ü N S T E R U H R Katja Aßmann
TEXT
(AUSSE R VORWORT UND BIOGRAFIE N)
Kay von Keitz
FOTOS
Daniela Brahm (S.13), Sarah Brenk, Uschi Huber (S.15),
Fellinis Satyricon © United Artists (S.23),
Evamaria Schaller (S.21), Nicola Schudy (S.25),
Magdalena Spinn
PROJ E K TPARTN E R Stadt Dinslaken
Regionalverband Ruhr
18 Tagesreisen im Kreis Wesel
und 1 Reisezentrum in Dinslaken
gestaltet von 7 Künstlern
urbanekuensteruhr.de