Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist

ST. ANNA-GEMEINDE ZÜRICH
Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist
Predigt von Pfarrer Hansjörg Stückelberger
gehalten am 2. August 2015
Schriftlesung: Matthäus 13,18-23
Predigttext:
Psalm 144,15b
„Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist.“
Liebe Gemeinde
In diesem Wort „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist“, wird
klar zum Ausdruck gebracht, dass 1. Gott der Herr nicht nur
unseres Herzens, sondern der Gott der Weltgeschichte, der
Völker und unserer Zeit, ist. Bevor wir uns mit unserem eigenen
Land beschäftigen, möchte ich darlegen, wie wir in unserer Zeit
Zeugen für die Tatsache wurden, dass Gott Herr über die Völker
ist. In den letzten Wochen haben wir viel von Grexit gehört. Kann
Griechenland in der Euro-Zone bleiben oder nicht? Jeden Tag
wurden wir darüber informiert, dass Griechenland bald vor einer
Pleite steht. Werden die Verantwortlichen der Euro-Zone Griechenland einen weiteren Kredit geben? Werden sie das Land retten? Welche Bedingungen müssen die Griechen noch erfüllen? In
dieser Zeit wurde Herr Zipras zum Premierminister gewählt. Er
versprach den Griechen, dass sie weniger drastische Einsparmassnahmen hinnehmen müssten, wenn sie ihn wählen würden. Am
Schluss musste er grössere Einsparungen zugestehen und durchsetzen, als dies vorher der Fall gewesen war. Zwischen Griechenland und der EU entstand ein Streit. Es gab böse Worte und Verachtung auf beiden Seiten.
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Die Euro-Zone hat schliesslich beschlossen, dass sie Griechenland
einen weiteren Zahlungsaufschub gewährten. Die Griechen mussten schwere Bedingungen annehmen. Jetzt haben Verantwortliche
der Euro-Zonen einen Vertrag unterzeichnet, nach welchem sie
weitere Milliarden zahlen müssen. Milliarden, von denen eigentlich niemand glaubt, dass sie jemals zurückbezahlt werden. Nach
dem ersten und dem zweiten Hilfspaket wurde nun noch ein drittes
Hilfspaket beschlossen über etwa 80 Milliarden. Wer hat da noch
den Durchblick? Die Griechen mussten akzeptieren, dass sie ihre
Mehrwertsteuer von 13 auf 23 % erhöhen. Für viele Rentner kamen noch weitere Kürzungen hinzu. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer ist eine sehr unsoziale Steuer. Sie trifft Leute, die angewiesen sind, regelmässig einzukaufen.
Die grossen Probleme begannen 2001. Griechenland hatte die Bedingungen der Euro-Zone erfüllt und wurde in die EU aufgenommen. Das Land hatte vorher zu viele Schulden und Staatsaufgaben.
In sehr kurzer Zeit hiess es, dass nun alles in Ordnung gebracht
sei. Das war, fand man bald heraus, gelogen. Es war ein Trick, mit
dem die Regierung von Griechenland diese Zahlen erfüllt hatte.
Die Verantwortlichen der Euro-Zone sagten, dass nun alles in
Ordnung sei − im Hintergrund war jedoch klar, dass dem nicht so
war. Mit anderen Worten begann diese ganze Katastrophe und die
einschneidenden Massnahmen für das Volk mit zwei grossen Lügen, die ganz Europa als die Wahrheit verkündet wurden.
Wir waren im Nordosten Deutschlands an der Nordsee in den Ferien. Dort gibt es flache Zonen mit wunderschönen Wäldern. In
einem dieser Wälder steht eine kleine, schmucke Holzkirche an
deren Wand steht: „Was der Mensch sät, das wird er ernten.“ Die
Kirche wurde 1934/35 gebaut. Kurz nach der Machtübernahme
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Hitlers wagte es die Gemeinde, diesen Vers an der Wand anzubringen. Wir alle wissen, was für eine entsetzliche Ernte diese
Nationalsozialistische Ideologie über Deutschland, Europa und die
Welt gebracht hat. Nun sehen wir, dass die Europäische Union aus
dieser Katastrophe nichts gelernt hat. Denn sie haben jeden Bezug
auf Gott in ihrem grundlegenden Entwurf zum Vertrag der Völker
in der Präambel ausgeschlossen. Die Geschichte Europas haben
sie als eine christliche Geschichte nicht berücksichtigt. Die EU hat
sich offiziell, mit Zustimmung aller beteiligten Völker, von dieser
christlichen Vergangenheit getrennt. „Was der Mensch sät, das
wird er ernten.“
Ein englischer Evangelist besuchte einmal das Gebäude des EUParlamentes in Strassburg. Betrachtet man das Gebäude von aussen, erkennt man, dass es einem Bild des holländischen Malers
Pieter Bruegel nachempfunden ist. Es stellt den Turmbau zu Babel
dar. Es ist ein Turm, der immer höher und höher wird und nach
oben offen ist. Man kann hineinsehen und sieht deutlich, dass das
Vorhaben unmöglich ist. Der Evangelist fragte ein Parlamentsmitglied, ob es stimmen würde, dass das Gebäude diesem Bild nachgemacht sei. „Ja, das stimmt“, sagte der Parlamentarier. „Aber
damals ging doch alles schief?“, meinte der Evangelist. „Ja, damals ging alles schief, doch wir machen es besser!“, entgegnete er.
Eine sehr, sehr ernste Sache. „Was der Mensch sät, das wird er
ernten.“ − „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist.“ Wenn aber
das Volk, ein Kontinent sich von Gott verabschiedet, was wird
dann daraus? Heute, liebe Gemeinde, meine ich, erinnert uns Gott
durch diese ganze Grexit Geschichte daran, dass es auf diesem
Weg nicht gut gehen kann. Er mahnt uns durch die Geschichte,
dass wir an dem, was wir glauben, festhalten sollen. Gott ist auch
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der Herr der Geschichte, er ist der Herr der Völker und er ist der
Herr unseres Volkes.
2. Wir haben ein ganz wunderbares, grossartiges Erbe, das
uns unsere Vorfahren, unsere Väter und Vorväter übergeben
haben. Es war nicht alles gut, was in der Schweizer Geschichte
passierte. Niemand behauptet das. Aber heute stellen wir fest:
Über der Kuppel unseres Bundeshauses ist ein Kreuz! Nach meinem Wissen, gibt es kein einziges Land auf der Welt, wo ein
Kreuz über dem Parlament steht. 1994 gab es eine neue Bundesverfassung und man diskutierte, ob man ‚Im Namen Gottes des
Allmächtigen‘ hineinschreiben soll. Unter Gott kann man sich
Verschiedenes vorstellen, doch immerhin, man hielt daran fest und
es steht weiterhin in der Präambel. Man hat sich von dieser Verantwortung vor Gott nicht verabschiedet, es blieb in der Verfassung!
Am Rand unseres Fünf-Franken-Stückes stehen die Worte: Dominus providebit – der Herr wird vorsorgen, er sieht voraus. Das
heisst, dass ein grundlegendes Vertrauen in Gott geäussert wird.
Gott wacht über diesem Land und es ist wichtig, dass er das tut.
Noch ist dieser Rand vom Fünfliber nicht entfernt worden. Noch
haben wir eine Nationalhymne, die eigentlich ein Psalm ist. Er
wurde von einem Zisterzienser Mönch Albert Zwissig aus Wettingen gedichtet. Die Melodie stammt von Leonhard Widmer, einem
evangelischen Mann ebenfalls aus Wettingen. Er hat die Melodie
ursprünglich für die Einführung eines Pfarrers in eine Gemeinde
gemacht. In dieser Nationalhymne heisst es: „Betet freie Schweizer, betet.“ Es gibt keine andere Nationalhymne, die solche Worte
beinhaltet. Noch ist es unsere Hymne, noch dürfen wir darüber
dankbar sein. Wir haben in unserem Land mehr Freiheit, mehr
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Gerechtigkeit, mehr Solidarität und weniger Korruption als in
vielen anderen Ländern. Dafür dürfen wir einfach dankbar sein.
Wir verachten deswegen andere Völker nicht, aber wir sind dankbar, dass uns dieses Erbe bis heute noch erhalten blieb.
Gott hat die Schweiz reich gesegnet und hat aus der Schweiz gewaltige geistliche Impulse werden lassen. Wir alle kennen das
Rote Kreuz. Es ist eine schweizerische Schöpfung von einem
gläubigen Genfer Laien Henry Dunant. Er war sein Leben lang ein
evangelikaler Gläubiger und hat in seinem Alterssitz in Heiden
ausgerechnet, wie lange die Erde noch sein wird und überlegte die
Wiederkunft Christi. Er war ein ganz vom Glauben durchdrungener Mensch. Wenn es heute in China etwa 120 Millionen Gläubige
gibt, die sich in Hauskirchen versammeln, dann ist das wesentlich
auf die Reformation von Johannes Calvin zurückzuführen. Er hat
das Priestertum aller Gläubigen konsequent umgesetzt. Calvin
sagte, es seien die Gläubigen, die eine Gemeinde leiteten. Sie sind
es, die die Gemeindevorsteher wählen und führte das allgemeine
Wahlrecht ein. Er hat damit den verfolgten Reformierten in Frankreich und in Polen usw. die Möglichkeit gegeben, Gemeinden zu
bilden ohne einen geweihten Priester oder ohne einen studierten
Theologen. Dieses Gemeindekonzept ist heute das weitaus erfolgreichste Missionskonzept in Amerika, in Lateinamerika, in Afrika
und eben auch in Asien. Aus der Schweiz sind weltweit ganz bedeutende geistliche Impulse ausgegangen. Das ist das Erbe, das
wir pflegen dürfen. Wir können darüber nur staunen.
Das Gleichnis vom Sämann weist uns darauf hin, dass wir das
nicht aus eigener Kraft tun müssen. Gott ist der Sämann, der das
Wort Gottes ausstreut und er hat die Kraft in die Saat hineingelegt,
dass aus der Saat − aus dem Evangelium, das von den gläubigen
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Herzen aufgenommen wird − etwas wird. Die Menschen in der
Schweiz und in Europa haben über die Jahrhunderte dieses Evangelium aufgenommen und daraus das christliche Abendland geschaffen. Aus diesem Glauben heraus wurden auch die politischen
und gesellschaftlichen Strukturen dem Evangelium gemäss gemacht. Langsam, nicht überall gerecht, aber gerechter und besser
als in anderen Kulturen. Auch die Frauen sind in der christlichen
Kultur besser behandelt worden, als in jeder anderen Kultur. Trotz
der noch vorhandenen Defizite, waren es die Christen, die die
Frauen in Positionen hineingebracht haben, die sie sonst in keiner
anderen Gesellschaft haben durften. Wir sind die Erben, wir dürfen dieses Erbe pflegen und uns dafür einsetzen.
Nun sind wir aber mit gewaltigen Kräften konfrontiert, die dieses
Erbe zerstören wollen: Die Gender-Ideologie, die Gefahr der Islamisierung, die Zerstörung unserer Freiheit. Wir beschäftigen uns
mit dem Lehrplan 21, hören von Ideen, dass in der Ehe auch Polygamie bewilligt werden soll, der Inzest soll fallen. Vorschläge, die
von Professoren gemacht werden, die sich mit der Rechtssituation
befassen. Als Christen wissen wir, dass es böse, finstere Mächte
sind, die im Verborgenen an der Zerstörung des Glaubens und des
Reiches Gottes arbeiten. Wir erkennen das, wenn wir die Bibel
lesen, wir verstehen die Welt und was geschieht besser.
Wir sind darüber traurig und haben zwei Möglichkeiten uns dagegen einzusetzen. Die eine heisst: „Da kann man nichts machen,
der Zeitgeist läuft, wer sich dagegen wehrt, hat verloren.“ Kürzlich begegnete ich einem Spruch: „Diejenigen, die verrückt genug
sind, zu glauben, sie könnten die Welt verändern, sie sind es, die
es tun!“ Liebe Gemeinde, wir tun es nicht in eigener Kraft. Wir
tun es in der Kraft Gottes. Mit den wenigen Möglichkeiten, die wir
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haben, dürfen wir arbeiten und glauben, dass aus dem Saatkorn,
das wir pflegen, etwas Grosses werden kann. Kürzlich führte ich
ein Telefongespräch mit jemandem, der ganz davon überzeugt
war, dass wir uns gar nicht dagegen wehren dürfen, weil es Gottes
Wille sei. In der Bibel heisst es, dass jede Regierung und Obrigkeit von Gott sei. Paulus sagt das vom Römischen Reich in Römer
13. Nur leben wir nicht im Römischen Reich! Im Römischen
Reich war der Kaiser die Obrigkeit. Was er befahl und beschloss,
wurde Gesetz.
Wer ist denn bei uns die Obrigkeit? Sind es die Parlamentarier in
Bern? Wir leben in einer direkten Demokratie. Wenn wir das ernst
nehmen, ist das Volk der Souverän. Sie und ich sind die Obrigkeit.
Wir können die Schuld nicht einfach den Leuten in Bern geben.
Wir wählen die Leute. Wenn wir die Bibel ernst nehmen, dann
sind wir von Gott beauftragt, dafür zu sorgen, dass sich die Gesellschaft in unserem Land nicht vom christlichen Menschenbild entfernt, sondern sich diesem Erbe zuwendet und es pflegt. Das ist
der Auftrag, den Gott uns gibt. Wir dürfen darauf vertrauen, dass
Gott uns segnet, wie er auch unsere Vorfahren segnete und ihnen
Gelingen schenkte.
Gott gibt uns dazu auch Ermutigung. Wir sind nicht ganz allein.
Gestern fand auf dem Bundesplatz eine Versammlung von ‚Gebet
für die Schweiz‘ statt und man erwartete 5-10‘000 Leute. Schon
seit Jahren wird am 1. August, an unserem Nationalfeiertag, auf
dem Bundesplatz gebetet. Das ist etwas Grossartiges, das Gott in
unserer Schweiz tut! Seit einigen Jahren gibt es den ‚Marsch fürs
Läbe‘ gegen die Abtreibung. Zu Beginn waren es knapp 1000,
jetzt sind es 2000 und mehr Leute, die an diesem Marsch teilnehmen. Die Zustimmung wächst. Es gibt Leute, die sich engagieren.
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Es gibt auch Leute, die dagegen sind, aber das darf uns nicht entmutigen, sondern bestätigt uns nur, dass wir auf dem rechten Weg
sind. Wir kämpfen für Gottes Willen und er macht uns Mut.
Im Idea-Spektrum las ich, dass vor einiger Zeit in Nürnberg ein
Kongress für die Evangelisation Europas stattfand. Schon die Idee,
dieses gottlose Europa zu evangelisieren, ist etwas Unerhörtes. Es
kamen 25‘000 Leute, die dafür gebetet haben und sich motivieren
liessen! Liebe Gemeinde, Gott ist an der Arbeit und wir dürfen
dabei sein. Die meisten von uns sind schon alt, aber wir haben die
Möglichkeit, zu beten! Das Gebet ist eine mächtige Waffe im
Kampf gegen die Machenschaften der Finsternis. Deshalb sagt
auch Paulus: „Ziehet die ganze Waffenrüstung Gottes an.“ Das ist
die Freude, dass wir an diesem Werk Gottes, das er in unserer Zeit
tun will, mitwirken dürfen, indem wir glauben, beten, lieben und
opfern, wo es möglich ist. Wenn wir das tun, dann erfüllen wir den
Auftrag Gottes. „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist.“
Amen.
ST. ANNA-GEMEINDE ZÜRICH
St. Anna-Kapelle, St. Annagasse 11, 8001 Zürich
Gottesdienste: Sonntag 10.00 Uhr, Bibelstunden: Mittwoch 15.00 Uhr
Sekretariat St. Anna, Grundstrasse 11c, 8934 Knonau, Telefon 044 776 83 75