Die Sprache des Unvermögens

Die Sprache des Unvermögens
Tania Kummer
„Over there in Europe“, sagt mein Freund, als ich ihn das zweite Mal in London besuche. Ich frage
nach, wie er das meint und merke dann, dass Europa in seinem Kopf ein Ort fernab seines
Königreiches ist. In der Schule hat er keine Fremdsprache gelernt, „what for?“ fragt er. Sein Bruder,
behauptet er, spreche Deutsch, und als ich das dritte Mal in London bin, spricht sein Bruder beim
Dinner Deutsch. „Hallo, mein Name ist Jon“, sagt er, und: „Ich lebe in London“. Die beiden Sätze sagt
er immer und immer wieder, das ist, was die Brüder Deutsch sprechen nennen.
Später an diesem Abend fragt mich Jon’s Frau im Taxi: „Your English is very good, where did you
learn it?“ Da erzähle ich, dass ich Englisch in der Schule gelernt habe, und nicht stolz darauf bin, weil
ich mit meinem Schulenglisch, das für meinen Begriff tot und nicht lebendig ist, in London an allen
Ecken und Enden anstosse – ich erzähle beispielsweise noch immer, wie es mir geht, wenn jemand
sagt „Hi, how are you?“
Zwischen dem zweiten und dritten Mal in London fliege ich mit zwei Freundinnen in die Ferien nach
Spanien, wo niemand auf mein totes Englisch reagiert. Als die eine der Freundinnen nach einer Paella
Durchfall hat, stehen wir zu dritt in der Apotheke und die Freundin ohne Durchfall, die mit einem
Spanier verheiratet ist, kann dem Apotheker einiges zur Paella und dem Durchfall sagen, und das im
gebrochenen Spanisch – doch der Apotheker sagt auf Spanisch: „Wenn ich so gut Deutsch könnte
wie du Spanisch, wäre ich sehr stolz!“
Doch die Freundin ist nicht stolz, schlägt sie sich am Abend mit der Handfläche gegen die Stirn, weil
ihr Spanisch so schlecht sei und sie wollte, sie hätte besser Spanisch gesprochen, denn der
Apotheker, das müssen wir alle drei zugeben, ist ein äusserst attraktiver Spanischer Apotheker. Den
Rest der Ferien lassen wir die Freundin sprechen – auch in der Apotheke, denn nach dem Durchfall
haben wir abwechselnd Sonnenbrand und Magenbrennen, manchmal auch Kopfschmerzen.
An unserem letzten Abend in Spanien sitzen wir zwischen Apérogebäck und ungeöffneten
Medikamenten auf dem Balkon der Ferienwohnung und ich erzähle von meinem Urlaub in Australien.
Dort habe ich mit zwei Engländern in einer Wohnung in Sydney gelebt. Zwei Monate nach meinem
Einzug erhielten sie die Postkarte einer Schwedin, die früher bei ihnen gewohnt hat. Nachdem wir die
in hanebüchenem Englisch geschriebene Karte gemeinsam entziffert und erfahren hatten, dass in
Schweden schönes Wetter sei, sie Australien aber trotzdem vermisse, fragte mich der eine Engländer,
ob ich mich auf die Rückkehr nach Schweden freue. Im Verlauf des Gespräches stellte ich fest, dass
die Engländer nicht wussten, dass es ein Sweden und ein Switzerland gibt, und sie sich über mein
Aussehens gewundert hatten, weil sie dachten, dass alle Schweden blond seien. Ich erklärte ihnen,
was ich über die Schweiz und Schweden weiss und endete mit „But in the end – it’s still Europe“ und
wechselte dann schnell das Thema, weil ich mich davor fürchtete, von den Engländer gefragt zu
werden, wie es denn so sei, das Leben in Europa.
Meine Freundinnen lachen herzlich, obschon wir alle drei insgeheim nicht genau wissen, wo dieses
sagenumwobene Europa anfängt und wo es endet.
Wieder zurück auf Schweizer Boden kommt mein Engländer zu Besuch und wir fahren zur
Geburtstagsfeier meines Vaters, der 60 wird. Meine Familie ist dort, und viele Verwandte und
Bekannte, von denen niemand Englisch spricht – ausser die Freundin meines Bruders ihr
Sprachaufenthalts-Englisch. So wie es sich anhört, glaube ich ihr zwar, dass sie während den drei
Monaten in Neuseeland viele neue Freunde gefunden hat - aber das müssen vor allem Deutsche
gewesen sein.
Die Junge Akademie
Tania Kummer: Die Sprache des Unvermögens
Meine Mutter ist Italienerin und sieht sich ihre Lieblingsserien wie „Alf“ im Fernsehen stets in
Italienisch an. Als Kind habe ich mich immer darüber gewundert, weil ich nicht verstehen konnte, was
im Fernsehen gesagt wurde, meine Mutter aber plötzlich loslachte. Italienisch hat sie mir und meinem
Bruder nicht beigebracht, da die Italiener dazumal lediglich geduldet wurden – man hatte sie in die
Schweiz geholt, um den Gotthard-Tunnel zu bauen. Später hiess es, sie hätten den Schweizern die
Arbeit weggenommen.
Heute, da sie zum ersten Mal ihrem potentiellen Schwiegersohn begegnet, lässt sie nicht locker, setzt
sich neben uns und bittet mich, zu übersetzen: „Frag ihn ob er Mr. Bean kennt“ – ja, er kennt ihn –
„frag ihn ob er Lady Di kennt“ – ja, er kennt sie – „frag ihn ob er Elton John kennt“ – ja, er kennt ihn
„und ja, Claudia Schiffer ist ja jüngst nach London gezogen...“ – nein, die kennt er nicht. Das war die
ganze Konversation, kurz bevor meine Mutter in Lachsalven unterging, als sie sich – in Deutsch – an
die Episode von Mr. Bean erinnert, wo er sich einen Truthahn über den Kopf stülpt. Mein Engländer
findet das nicht lustig, ist der Turkey ihm doch quasi die heilige Gans. Am Ende des Abends bedankt
er sich „For the food“ und unterstützt das Gesagte mit einer Bewegung seiner Hand, mit der er sich
imaginäres Essen in den Mund schaufelt. Meine Mutter erwidert „Es war schön, dich kennen gelernt
zu haben“, sagt es auf Hochdeutsch, wo wir doch bislang Schweizerdeutsch gesprochen haben, als
würde er sie, wenn schon nicht auf Schweizerdeutsch, dann wenigstens auf Hochdeutsch verstehen.
Zu Hause, im Bett, haben wir einen kleinen Streit, weil ich es „hilarious“ finde, mit ihm im Bett zu
liegen, weil ich glaube, dass es soviel wie „beautiful“ heisst, und er es überhaupt nicht lustig findet,
weil er glaubt, ich halte ihn im Bett für lustig, und welcher Mann will im Bett schon für Lustig gehalten
werden.
Nicht erst darauf hin mache ich mir Gedanken darüber, wie ich meine Muttersprache, die nicht
Deutsch, sondern Schweizerdeutsch ist, eigentlich gelernt habe, und dass ich nicht stolz genug darauf
bin, eine Sprache so gut zu sprechen, dass ich mich mit all den anderen Schweizern, die
Schweizerdeutsch sprechen – in der Schweiz wird Deutsch, Italienisch, Französisch und
Räteromanisch gesprochen – verstehe, denn das ist ob den Dialekten in der Schweiz nicht so einfach.
Das deutsche Substantiv „Abend“ sprechen wir je nach Dialekt „Obig“, „Oobig, „Abig“ oder „Hinich“
aus, und da wir in der Schule Französisch und Englisch lernen müssen, sprechen wir eigentlich vier
Sprachen, ohne dass wir uns jemals darüber gewundert haben - nur paart sich das schlecht mit der
ausgeprägtesten Eigenschaft der Schweizer: Wir sind bescheiden und darum nicht lauthals stolz auf
das, was wir haben, sei es der demokratische Staat, die sauberen Städte, die gut funktionierende
Altersvorsorge, das viele Grün in den Städten und ausserhalb. Wer etwas auf sich hält, kauft nur
Fleisch von glücklichen Kühen und Eier von glücklichen Hühnern, und realisiert nicht, dass wir stolz
darauf sein könnten, dass die Tiere glücklich waren, bevor sie getötet wurden. Wir sind ein reiches
Land, reisen viel und gleich hinter der Landesgrenze, egal, ob in Italien, Deutschland, Österreich oder
Frankreich, scheint uns alles viel besser als das, was wir haben, überall scheint die Sonne öfter, sind
die Menschen spontaner, lebt man nicht so isoliert wie in der Schweiz, wie es uns scheint.
So war ich begeistert ob der Aussicht, durch meinen Engländer sein Land, die Leute und nicht zuletzt
die Sprache kennen zu lernen. Das erste, was ich gelernt habe, war, dass mein totes Schulenglisch
dem Englischen Akzent meines Freundes Meilen hinterherhinkt, er lässt Ausdrücke wie „reckon“,
„mate“ oder „bloke“ über mich niederprasseln, die ich noch nie zuvor gehört habe.
Mir scheint der Aufwand, eine Sprache zu lernen riesig, so dass ich nur den Hut ziehen kann vor
Freda, die ich letzthin kennen gelernt habe – eine Amerikanerin, die vor nur sechs Monaten durch die
Armee in die Schweiz gekommen ist und beteuert, Deutsch und nicht mehr Englisch zu denken, und
das sagt sie in tadellosem Hochdeutsch. Ich frage mich wieder einmal, warum es für Menschen, die
eine andere Sprache sprechen, einfacher ist, Hochdeutsch zu lernen als Schweizerdeutsch.
Einer meiner Mitarbeiter – ein Deutscher aus Köln – erzählte mir letzthin, er sei an einem Fest junger
Ärzte gewesen, von zwölf Anwesenden waren neun aus Deutschland. Diese seien in die Schweiz
geholt worden, weil es hier zu wenig junge Akademiker gebe, und er fände es sehr schade, dass
Schweizerdeutsch langsam von Hochdeutsch verdrängt werde.
„Goots no?“ frage ich – ein schweizerdeutscher Ausdruck für „Spinnst du?“ - und entschuldige mich
sogleich. Er sagt „Nein, schon gut“, er habe mich schon verstanden, ich solle ruhig Schweizerdeutsch
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Tania Kummer: Die Sprache des Unvermögens
mit ihm sprechen, damit er es lernen könne, wogegen ich mich weigere, weil ich mein Hochdeutsch
professionalisieren will, da für mein Ohr jede andere Sprache meiner eigenen überlegen klingt. Meine
Sprache, die ich als Kind gelernt habe, ohne darüber nachdenken zu müssen, weil es kein Richtig und
Falsch gab.
Bei meinem vierten Besuch in London lerne ich die Mutter meines Freundes kennen, die mich fragt,
wie es denn so sei mit der Arbeitssituation „Over there in Europe“, und ich ärgere mich nur noch ein
bisschen über ihre Ausdrucksweise, stottere aber bei der Antwort, weil es doch die Mutter ist, und ich
beim Sprechen keine Fehler machen möchte. Mein totes Englisch scheint mir mehr denn je die
Sprache des Ausdrucks des eigenen Unvermögens zu sein.
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