Predigt am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres

Predigten – von Pastorin Julia Atze
Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres
8. November 2015
Lukas 6, 27-38
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Liebe Gemeinde,
er war ein echter Widerling. Mit mürrisch, streitsüchtig, brutal, gemein oder
ähnlich unschönen Beschreibungen, trifft man sein Wesen am besten.
Mit jedem, wirklich ausnahmslos jedem, hatte er sich angelegt und zerstritten
– mit den Nachbarn, Freunden und Bekannten, Arbeitskollegen, Kunden. Seine
Frau und seine beiden Töchter quälte und schlug er – immer wieder. Seine
Frau flieht in die innere Immigration, spricht kaum mehr und läuft geduckt und
versteckt durchs Leben. Die beiden Töchter haben große Schwierigkeiten sich
im Leben zurechtzufinden, die Misshandlungen und Abwertungen des Vaters
haben sie so nachhaltig geprägt.
Beide ziehen zuhause aus, sobald sie können und brechen den Kontakt zu
ihren Eltern ab. Dann wird die Mutter krank: Demenz. Sie kommt in ein
Pflegeheim. Die eine Tochter kümmert sich, besucht die Mutter, zieht wieder
in die Nähe, schafft es nach einiger Zeit auch nach dem verhassten Vater zu
sehen. Wie er wohl alleine zuhause zurechtkommt? Als sie durchs Fenster
schaut, erschrickt sie. Im Haus herrscht ein furchtbares Durcheinander. Das
Haus ist vollkommen verwahrlost. Sie findet ihren Vater in seinem Bett –
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orientierungslos. Im Krankenhaus dann die Diagnose: mehrere Schlaganfälle.
Die Tochter veranlasst, dass auch er in ein Pflegeheim kommt, aber in ein
anderes als ihre Mutter. Man weiß ja nie.
Nach einer ganzen Weile besucht die Tochter ihren Vater. Es kostet sie viel
Überwindung. Er sitzt im Rollstuhl am Fenster und schaut hinaus. Eine
Pflegerin ist bei ihm. Sie redet leise mit ihm und er antwortet, leise und
freundlich. Die Tochter denkt, sie sei im falschen Zimmer. Diese Stimme
gehört doch nicht ihrem Vater! Er brüllt und schreit. Immer. Aggressiv und laut
klingt seine Stimme, nicht leise und freundlich. Als sie sich umdreht und gehen
will, hört sie, wie die Pflegerin ihn mit Namen anspricht. Sie hat sich doch
nicht im Zimmer geirrt. Es ist ihr Vater. Und diesmal erkennt er sie auch. Sie
unterhalten sich, vorsichtig. Seine Stimme bleibt ruhig und freundlich. Als sie
geht hört sie ihn leise sagen: „Danke“. Ein kleines Wort mit gewaltiger
Wirkung. Die Tochter besucht ihren Vater von nun an regelmäßig jede Woche.
Sie nimmt ihn mit ins Pflegeheim der Mutter. Als er seine Frau sieht fängt er
zu weinen. Die Tochter ist fassungslos, ringt selber mit den Tränen. Er, der
ihnen so viel Leid angetan hat, wegen dem sie so viel geweint hat in ihrem
Leben, kann auch weinen. Ein Wunder.
Wenige Tage nach dem Besuch bei seiner Frau stirbt er. Bei der Beerdigung
kann die Tochter weinen. Das hätte sie nicht für möglich gehalten: Keine
Rachegedanken mehr, keine Vergeltung wünscht sie sich mehr. Ein kleines
Wort und die Tränen ihres Vaters haben sie versöhnt.
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Liebe Gemeinde,
auch wenn dies eine wahre Geschichte ist von denen es sicher noch viel mehr
gibt, muss man doch leider grundsätzlich sagen: die meisten Geschichten
gehen nicht so gut aus. Gewalt und Hass bestimmen unsere Welt an so vielen
Orten und in so vielen Ländern, ob das Boko Haram in Afrika ist oder der
Islamische Staat in Syrien, Israelis und Palästinenser, die sich gegenseitig
töten, Pegida-Demonstranten in Dresden oder auch Menschen direkt vor
unserer Haustür oder in unseren Wohnungen: Wir sind überall umgeben von
Gewalt- und Hass-Geschichten, die aus aktueller oder langjähriger Feindschaft
erwachsen sind, manchmal familiär, manchmal politisch.
Und ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch
hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.
Mit diesen Worten begegnet Jesus dem Hass und der Gewalt, die er erlebt
und stellt seine Zuhörer und uns vor eine scheinbar unmögliche
Herausforderung.
„Liebt eure Feinde“ – nur ein Spinner, ein Träumer, ein hoffnungsloser Idealist
kann so etwas fordern – da ist sich die intellektuelle und politische Welt des
christlichen Abendlandes überwiegend einig:
Friedrich Nietzsche zum Beispiel deutete die Feindesliebe als Egoismus, der
sich von Freundlichkeit gegenüber Feinden einen Nutzen versprach.
Oder Siegmund Freud, der die Nächsten- und Feindesliebe einen
übersteigerten, unrealisischen Altruismus nannte.
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Auch Martin Luther konnte das Gebot der Feindesliebe nicht universell stehen
lassen. In seiner Zwei-Reiche-Lehre hat er die Feindesliebe für die Gläubigen
und auf das Privatleben begrenzt. Öffentlich und politisch müsse der Staat das
Vergeltungsgesetz durchsetzen:
„Und in einem solchen Krieg ist es christlich und ein Werk der Liebe, unter den
Feinden unverzagt zu würgen, zu rauben und zu brennen und alles zu tun, was
Schaden bringt, bis man sie überwindet.“
Nur Immanuel Kant, der große Denker aus Königsberg, bewegt sich ganz nah
an dem, was Jesus über die Feindesliebe sagt, wenn er formuliert:
„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst,
dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Auch wenn Kant für seinen kategorischen Imperativ ohne Gott auskommt, hat
er doch das aufgenommen, was auch Jesus mit seinem Gebot zur Feindesliebe
fordert: einen Perspektivwechsel:
„Sieh die Dinge doch mal mit anderen Augen, mit den Augen des anderen!“
Warum handelt derjenige, der dich bedrängt und quält, so? Was sind wohl
seine Motive, warum ist er so geworden wie er ist?
Liebe, also auch Nächsten- und Feindesliebe heißt ja nicht, dass mir alles am
anderen gefällt und ich ihn uneingeschränkt perfekt finde. Liebe heißt, dass
ich bereit bin, auch seine Perspektive auf die Welt und die Dinge,
einzunehmen und zu versuchen, das Handeln des anderen zu verstehen und
zu respektieren – auch wenn ich es nicht immer gut heiße.
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Und Jesus geht noch weiter: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig
ist. Haut nicht zurück, verlangt nicht zurück, was ihr geliehen habt, richtet
nicht, verdammt nicht.
Gut und in Liebe Freunden gegenüber zu handeln ist nicht schwer, das kann
fast jeder. Aber gut und in Liebe den Fremden und Feinden gegenüber zu
handeln, gegenüber denen die mir Angst machen, mich bedrohen oder
verletzen ist dagegen sehr schwer.
Helfen kann mir auch da ein Perspektivwechsel: Ich lasse mich nicht von dem
anderen, dem Fremden, dem Feind bestimmen, ich überlasse ihm nicht die
Hoheit darüber, was ich denke oder tue: Hass auf Hass, Gewalt auf Gewalt. Ich
orientiere mich nicht am Bösen des anderen, denn – so hat es der Dichter
Erich Fried in einem Gedicht Weltfremd ausgedrückt:
Wer denkt
dass Feindesliebe
unpraktisch ist
der bedenkt nicht
die praktischen Folgen
der Folgen des Feindeshasses.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen
und Sinne in Christus Jesus. Amen