Egon Schiele und seine Zeit - Evangelisches Museum Österreich

Egon Schiele (1890 – 1918) und seine Zeit
Aus den meisten der bisher im Dialog veröffentlichten Biografien berühmter Evangelischer
aus Österreich ist vielleicht spürbar geworden, was Kulturhistoriker bestätigen: In keiner
anderen Epoche wurden Wissenschaft, Kunst und Kultur Österreichs so stark von
Protestanten geprägt und getragen, wie in den letzten Jahrzehnten der sich auflösenden
Donaumonarchie.
Diese zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Epoche des Umbruchs. Neben Adel und
katholischer Kirche wurde das Bürgertum eine bestimmende Kraft. Um 1890, dem
Geburtsjahr Egon Schieles, begannen auch Frauen politisch aktiv zu werden. Der
„Allgemeine österreichische Frauenverein“ wurde gegründet, die Frauenmode vom Korsett
befreit und radikal verändert. Eine treffende Symbolik. Die Kaffeehäuser Wiens wurden zum
Mittelpunkt für Großbürger, Literaten, Künstler, Intellektuelle und revolutionäre Geister.
Lenin und Trotzky verkehrten beispielsweise dort. Die Industrialisierung forderte bereits
Tribut und Opfer. Wie Seismografen registrierten die Künstler und Intellektuellen die
gewaltigen gesellschaftlichen Umwälzungen. Verfremdung, Abstrahierung, atonale Musik
und Auflehnung waren ihre Antwort. Siegmund Freud und Ludwig Wittgenstein erdachten
neue Hintergründe und Zusammenhänge.
In dieses kultursoziologische Biotop eines Umbruchs wurde Egon Leo Adolf Schiele am 12.
Juni 1890 hineingeboren. Der Vater Adolf Eugen Schiele war Bahnhofsvorsteher in Tulln und
entstammte ursprünglich einer norddeutschen Familie, in der sich viele Generationen von
Pastoren, Beamten, Offizieren, Ärzten und Politikern nachweisen lassen. Die Mutter Marie,
geborene Soukoup, kam aus dem südböhmischen Krumau, wo ihre wohlhabenden Vorfahren
hauptsächlich im Gewerbe und in der Landwirtschaft tätig waren.
Mangelnde Schulerfolge verleideten dem jungen Schiele seine gesamte Gymnasialzeit. Er sah
sich selbst als den „unpassenden Schüler aller Schulen“ und zog sich immer mehr zurück.
Allein Religion und Kunst, insbesonders Zeichnen, interessierten ihn während der Schulzeit.
Er zeichnete seit seiner frühesten Kindheit mit erstaunlich sicherem Strich und wollte
unbedingt Künstler werden. Mit Unterstützung der Mutter bewarb er sich nach dem Tode des
Vaters vorerst an der progressiven Wiener Kunstgewerbeschule. Diese verwies ihn jedoch
wegen seines verblüffenden Talents an die Wiener Kunstakademie, wo er - noch keine 16
Jahre alt - die Aufnahmsprüfung mit Bravour bestand. Ein Jahr später hat sich auch ein
damals unbekannter Postkartenmaler um diese Aufnahme beworben. Adolf Hitler wurde
jedoch mangels Talent abgewiesen. Zwei Bewerber also: der eine ging in die
Kulturgeschichte ein, der andere leider in die Weltgeschichte.
Schieles Interesses an Kunst und Religion während der Schulzeit manifestierte sich dann auch
in seinem gewaltigen Frühwerk, wie etwa die Bilder „Kreuzigung“ (1907), „Vor Gott Vater
kniender Jüngling“ (1908) oder „Mutter und Kind (Madonna)“ (1909), die er noch nicht 20jährig schuf, belegen. Etwa 1907 lernte Schiele Gustav Klimt kennen, der zu einer Art
Vaterfigur und Förderer Zeit seines Lebens werden sollte.
Egon Schiele lebte und malte intensiv. Fast rast- und ruhelos. In wenigen Jahren schuf er etwa
330 Ölgemälde und 2500 Zeichnungen. Mit einem Lieblingsmodell – Valerie (Wally) Lauzil
– lebte Schiele seit 1911 in wilder Ehe, was ihn zu dieser Zeit jede Menge an Anfeindungen
einbrachte. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs traf ihn schwer. „Wir leben in der
gewaltigsten Zeit, die die Welt je gesehen hat …“, schrieb Schiele an seine Schwester Gerti
„… jeder muss sein Schicksal lebend oder sterbend ertragen – was vor 1914 war, gehört zu
einer anderen Welt …“ In dieser Zeit verliebte sich Egon Schiele neu und trennte sich von
seiner Lebensgefährtin Wally Lauzil. Am 17. Juni 1915, fast genau an seinem 25. Geburtstag,
heiratete er in der evangelisch-lutherischen Stadtkirche in der Dorotheergasse Edith Harms,
deren Vater ein aus Norddeutschland zugezogener Schlossermeister war. Vier Tage später
wurde Egon Schiele zum Militärdienst eingezogen. Wegen seiner schwächlichen Konstitution
jedoch nicht an die Front. 1918 war dann ein Schicksalsjahr. In vieler Hinsicht. Am 6. Februar
starb Schieles väterlicher Freund Gustav Klimt und am 19. Oktober erkrankte seine im 6.
Monat schwangere Frau an Spanischer Grippe. Mit etwa 20 Mio. Todesopfern fielen dieser
Grippe 1918/1919 weltweit mehr Menschen zum Opfer als im ersten Weltkrieg. Am 28.
Oktober starb Edith Schiele und wurde 3 Tage später beigesetzt. An diesem Tag, dem
Reformationstag 1918 – vor 90 Jahren also – verstarb auch der ebenfalls an der Spanischen
Grippe erkrankte Egon Schiele. Schieles Leben endete für den Menschen und Künstler zu
früh. Er wurde zu Lebzeiten angefeindet und als Künstler verkannt. Lediglich in den letzten
Monaten seines Lebens konnte er eine aufkommende Anerkennung genießen. Er war ein
Aufbegehrer, Grenzgänger und das Efant terrible der österreichischen Künstlerszene seiner
Zeit. Er wurde weltweit einer der bedeutendsten Vertreter des Expressionismus in der
bildenden Kunst. Kaum 10 Jahre intensivsten Schaffens machten ihn zu einem rebellischen
Neuerer in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Seine Porträts, Aktdarstellungen, Figurenbilder,
aber auch die faszinierenden Landschaftsbilder drücken oft Leiden, Schmerz und Einsamkeit
aus.
Egon Schiele ein unruhiges Geschöpf unruhiger Zeiten.