Asylbewerber im Dorf, Doku, Feb. 2016 - SDL

Asylbewerber im Dorf
Wie das Miteinander gelingen kann
Bausteine zur Integration:
• Helferstrukturen
• Sprache und Bildung
• Arbeit und Beschäftigung
am 18.02.2016
Seminarleitung:
Gerlinde Augustin
Christine Brandmeir
Asylbewerber im Dorf – Wie das Miteinander gelingen kann
Die Schulen der Dorf- und Landentwicklung sind der Bürgerbeteiligung verpflichtet und
qualifizieren die politisch Verantwortlichen der Kommunen. Das erste Seminar
„Asylbewerber im Dorf“ im Jahr 2016 und das fünte in dieser Reihe zum Thema Asyl
konzentrierte sich auf die drei Schwerpunkte Engagement, Spracherwerb und Arbeit.
Das Seminar konzipierten Geschäftsführerin Gerlinde Augustin, Prof. Dr. Theresia
Wintergerst und Dipl.-Sozialpädagogin Christine Brandmeir. Wie auch bei den
vorausgegangenen Seminaren dieses Formates war die Nachfrage groß und das Angebot
schnell ausgebucht. Bürgermeister/innen, Verwaltungsmitarbeiter/innen der
Kommunen und Ehrenamtliche der Helferkreise nutzten die Gelegenheit gemeinsam zu
überlegen, welche Wege sie zur Integration von Asylbewerber/innen in den
Arbeitsmarkt und in die Dorfgemeinschaft gehen wollen.
Zu Beginn des Seminars wurde im Rahmen einer Vorstellungsrunde die
Zusammensetzung des Plenums mit folgenden Fragestellungen ermittelt:
Sind Sie Politiker/Politikerin?
Sind Sie Helfer/Helferin?
Haben Sie Asylbewerber in Ihrer Gemeinde?
Gibt es Asylbewerber in Arbeit?
12
20
38
38
Professsionelle Flüchtlingshilfe im Landkreis Augsburg
Astrid Zimmermann, Diakonie Augsburg
Der thematische Einstieg in das Seminar wurde von Astrid Zimmermann aus Sicht der
Diakonie Augsburg über die Arbeit im Landkreis Augsburg übernommen. In ihrem
Vortrag informierte sie über Asylverfahren, Asylsozialberatung und ehrenamtliches
Engagement im Asylbereich.
Im Moment sind 2500 Asylbewerber und - bewerberinnen im Landkreis Augsburg
untergebracht. Dazu gibt es Betreuungseinrichtungen für 200 unbegleitet minderjährige
Flüchtlinge. 17 Kümmerer, angestellt vom Landkreis, sind zuständig vor Ort sich um
verwaltungs- und haustechnische Fragen. Mittlerweile gibt es zwei bald drei
Mitarbeiterinnen für die Frewilligenkoordination im Landkreis Augsburg.
Betreuung der Asylsuchenden findet statt durch:
- Asylberatung: 450 Asylbewerber auf einen Beratenden, es ist geplant die Stellen
aufzustocken, dazu kommen Assistentenstellen, die die Beratenden unterstützen
- Herferkreise vor Ort
- Frewilligenkoordination vor Ort
Grosse Herausforderung ist die Frage nach Wohnraum für anerkannte Flüchtlinge. Dies
betonten anwesende Bürgermeister. Es gibt in den Gemeinden einen grossen Bedarf an
Wohnungen und die Rolle der Kommune ist hier zu klären. Die Schule für Dorf- und
Landentwicklung Thierhaupten bietet zu diesem Thema am 16. März 2016 ein spezielles
Seminar an.
Frau Zimmermann ging anschließend noch näher auf die Aufgaben eines Helferkreis ein.
Diese sind u.a. Deutschkurse organisieren, da es offizielle Deutschkurse nur im geringen
Ausmass gibt. Wichtig war Frau Zimmermann das Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe. So zum
Beispiel beim Thema Fahrräder, wo sich die Frage stellt schenken oder verkaufen. In
vielen Helferkreisen hat sich die Praxis bewährt, dass Asylsuchenden ihr Fahrrad kaufen.
Auch Vermietung der Fahrräder, so berichtete eine Teilnehemerin, ist eine Möglichkeit.
Mittlerweile gibt es zahlreiche Unterstützungsangebote für Helfer und Helferinnen:
- Es gibt Basiskurse für ehrenamtlich Engagierte. Die Diakonie arbeitet mit der
Jurafakultät der Uni Augsburg zusammen. Eine Gruppe von Studierenden, die
lawclinic, unterstützen bei Fragen zum Asylverfahren. Teil der Kurse sind auch die
soziale Situation der Asylsuchenden sowie best practice Beispiele.
- Weiter gibt es speziellere Seminare zu den Themen : Sprache, Arbeitsmarkt,
Traumatisierungen.
- Auch besteht die Möglichkeit der Supervision.
- Es gibt eine landkreisweite Homepage.
- Neu ist das Netzwerk 4A, von der EU-gefördert mit Ziel der besseren Vernetzung
der beteiligten Akteure.
- Es gibt die Apps „Integrate“ in Augsburg und „Ankommen“ vom Bayerischen
Rundfunk.
Wichtig ist im Dorf Begegnungen zu fördern. Eine Möglichkeit ist hier ein Café
International anzubieten. Dabei sollte darauf geachtet werden, es nicht in der
Asylunterkunkft zu veranstalten. Aus dem Kreis der Seminarteilnehmer wurde angeregt
an Datenbanken zu arbeiten, die die Verwaltung von Helferkreisen vereinfachen.
Thannhauser Modell – Bei guter Stimmung Deutsch lernen
Karl Landherr, Rektor a.D.
Herr Landherr berichtete, wie er mit einem Kreis Freiwilliger in Thannhausen begann den
Deutschkurs für Asylbewerber aufzubauen. Die bereits vorhanden Bücher der Verlage
schienen ungeeignet und so beschloss die Gruppe eigene Materialien zu entwerfen. Die
Nachfrage nach den Arbeitsblätter auch von anderen Gemeinden war so gross, dass
diese dann gedruckt wurden. Nach den Berichten im Bayerischen Rundfunk und dem
ZDF gab es 60 000 Bestellungen und so hat ab November 2015 der Auerverlag die
Materalien übernommen.
Herr Landherr erläuterte im Weiteren die Prinzipien des Thannhauser Modells:
- Wichtig ist Begegnung und Kontaktvermittlung, viele Ehrenamtliche haben sich
auf Begegnungsabenden gefunden.
- Der Deutschkurs findet 3 x in der Woche statt. Drei Teams sind tätig und am
Freitag gibt es eine Wiederholung.
- Das Thannhauser Modell arbeitet mit Brückensprachen wie z.B. Englisch und
Französisch
- Auch Ehrenamtliche, die keine Erfahrung im Schuldienst haben, können
unterrichten.
- Das Thannhauser Modell ist praxiserprobt und wurde ständig weiter entwickelt.
- Es ist niedrigschwellig und arbeitet ohne Erfolgsdruck. Es geht um einfache
Sprachkenntnisse.
- Es wird oft zwischen Plenum und Gruppenarbeit abgewechselt.
- Es gibt Lehrende und Helfer und Helferinnen, die in der Gruppenarbeit mit helfen.
-
Es gibt eine Kommphase im Deutschkurs. Die Schüler und Schülerinnen arbeiten
mit einer Lernkartei bis alle anwesend sind.
Im Thannhauser Modell werden auch Religionsthemen behandelt.
Alle Sinne werden angeregt, so gibt es zum Beispiel Materialkisten zu den
Themen.
Deutschkurs Outside: Der Deutschkurs geht auch mal raus. Unterricht findet nicht
immer in den gleichen Räumen statt.
Bisher gab es keine Materialen, um die Alphabetisierung zu unterstützen. Mittlerweile
sind Arbeitsblätter diesbezüglich in Vorbereitung und können bald im Verlag erworben
werden.
Es ist notwendig mit Taktgefühl in den Kontakt zu gehen und eine gewisse verbale
Bescheidenheit mitzubringen. Weniger ist oft mehr. Herr Landherr plädiert für
Leidenschaft, Gelassenheit und Spass bei der Arbeit mit Asylsuchenden und lädt
schließlich ein die Webseite www.deutschkurs-asylbewerber.de zu besuchen.
Zugang zum Arbeitsmarkt
Bayerisches Netzwerk für Beratung und Arbeitsvermittlung von
Flüchtlingen, Frau Löhner (Agentur für Arbeit) und Frau Bakare
(Volkshochschule Augsburg)
Frau Bakare und Frau Löhner stellten in ihrem Vortrag den Zugang zum Arbeitsmarktund Ausbildungsmarkt für Asylbewerber/innen und Flüchtlinge vor.
Grundlegend für die Arbeitsmarktvermittlung ist der Aufenthaltsstatus. Frau Bakare
erläutert die verschiedenen Aufenthaltsstati. Die Ausländerbehörden tragen die
Möglichkeiten zur Erwerbstätigkeit in die Ausweispapiere ein. Es ist wichtig die
Nebenbestimmungen zu beachten. Meist ist eine Erwerbstätigkeit nur mit Zustimmung
der Ausländerbehörde gestattet. Asylsuchende dürfen gemeinnützige Arbeit ab dem
Aufenthalt in einer dezentralen Unterkunft leisten. Ehrenamtliche Arbeit, Praktikum und
weitere Tätigkeiten dürfen in der Regel drei Monate nach Einreise begonnen werden.
Die Fristen in Bezug auf Ausbildung sind anders. Personen mit einer Duldung dürfen eine
Ausbildung beginnen.
Es gilt für Asylbewerber die Nachrangregelung. Sie erhalten die Arbeitsstelle nur, wenn
sich kein anderer Bewerber oder Bewerberin findet. Dies wird von der Arbeitsagentur
und Ausländerbehörde geprüft.
Frau Bakare und Frau Löhner stellten die Checkliste für die Arbeitsaufnahme von
Asylsuchenden vor. So benötigen diese eine Anmeldung bei einer Krankenkasse, eine
Sozialversicherungsnummer, ein Bankkonto sowie den Antrag und Genehmigung der
Ausländerbehörde für die Aufnahme eines Arbeitsverhältnisses.
Asylsuchenden aus sicheren Herkunftsländern ist eine Arbeitsaufnahme verboten. Diese
sind Bosnien, Herzegowina, Serbien, Senegal, Ghana, Mazedonien, Albanien,
Montenegro und Kosovo. Geflohene aus Iran, Irak, Syrien und Eritrea haben eine hohe
Bleibeperspektive.
Frau Löhner erläuterte die verschiedenen Möglichkeiten der Unterstützung der
Arbeitsagentur und des Bayerischen Netzwerkes für Beratung und Arbeitsvermittlung für
Flüchtlinge. Aus ihrer Erfahrung scheitert eine Arbeitsvermittlung bzw. eine
Weiterbeschäftigung oft an mangelnden Deutschkenntnissen. Frau Löhner weist deshalb
auf die verschiedenen Möglichkeiten hin, Deutsch zu lernen. Neben den ehrenamltichen
Kursen, den Kursen der Bayer. Staatsregierung und des BAMFs gibt es auch Online-Kurse
z.B. von Mc Donald oder der Arbeitsagentur.
Fr. Löhner erläuterte schließlich die Besonderheiten von Asylsuchenden und schließt
ihren Vortrag mit dem Wunsch eigene Unterkünfte für jugendliche Asylsuchende
einzurichten. Die Arbeit mit den Menschen macht Spass. Sie sind motiviert und
zukunftsorientiert.
Asylkreis Affing/Anwalting
Petra Bachmeir, ehrenamtl. Engagierte
Anschließend wurde von Petra Bachmeier ein umfassender Einblick in die Arbeit mit
Asylbewerbern und Asylbewerberinnen vor Ort gegeben. Frau Bachmeir ist als
ehrenamtlich Engagierte im Asylkreis Affing-Anwalting tätig, der im Jahr 2014 mit dem
Schwäbischen Integrationspreis ausgezeichnet wurde. Ihre Präsentation behandelte
Herausforderungen und Maßnahmen bei der Organisation eines Helferkreises sowie die
Unterstützung von Asylsuchenden auf dem Weg in den Arbeitsmarkt. In
Affing/Anwalting leben derzeit 66 Asylbewerber davon 4 Familien. Der Helferkreis
betreut auch 2 anerkannte syrische Familien durch Familienpaten.
Die Asylsuchenden in Affing/Anwalting kommen aus Nigeria, Senegal, Mali, Pakistan,
Irak, Eritrea, Afghanistan und Syrien. „Hilfe zur Selbsthilfe“ und die Animierung zum
Eigenengagement sind wichtige Ziele der Freiwilligenarbeit. Es ist wichtig offene Ohren
für die Sorgen und Nöte sowohl der Asylsuchenden wie auch der lokalen Bevölkerung zu
haben. Frau Bachmeir betonte, wie wichtig es ist beim Aufbau eines Helferkreises von
einer anerkannten Persönlichkeit im Dorf unterstützt zu werden. In Affing/Anwalting war
das anfangs der Ortspfarrer, mittlerweile besteht auch ein guter unterstützender
Kontakt mit dem Bürgermeister.
Der Asylkreis Affing/Anfwalting ist sehr erfolgreich bei der Vermittlung in Arbeit. Dies
liegt u.a. daran, dass eine Helferin den direkten Kontakt zu Unternehmen und Betrieben
in der Region sucht. Auch unterstützt der Asylkreis bei Bewerbungsgesprächen oder
kümmert sich darum, dass auch im Winter Arbeitsstellen erreicht werden können.
Bei der Organisation des Helferkreises wird darauf geachtet, dass den freiwilligen Helfern
konkrete Projekte zugewiesen sind. Frau Bachmeir verwies auf den „Leitfaden für
Ehrenamtliche“ vom Landkreis Aichach-Friedberg, den sie aufgrund der enthaltenen
Tipps und Informationen allen ehrenamtlichen Helfern und Helferinnen empfiehlt. Der
Leitfaden verfolgt das Ziel ehrenamtlich Engagierten eine einheitliche Basis für die
Freiwilligenarbeit mit Asylbewerbern zu verschaffen.
Im Vortrag von Frau Bachmeir wurde deutlich, dass der Asylkreis in Affing-Anwalting mit
viel Herzblut arbeitet, ein großes Arbeitspensum ehrenamtlich erledigt und darüber
nachgedacht wird wie die Asylarbeit nachhaltig aufgestellt werden kann.
World Café
Ergebnisse des Erfahrungsaustausches zu der Frage: Welche
Herausforderungen gibt es, was und wie ist zu tun?
Im Rahmen eines World-Cafés sammelten die Teilnehmenden in einer ersten Runde an
sechs verschiedenen Tischen Stichpunkte zu den Herausforderungen die sie im
Zusammenhang mit dem Thema „Asylbewerber im Dorf“ sehen. In der zweiten Runde
diskutierten sie, was ist in den jeweiligen Gemeinden zu tun und wie es angegangen
werden könnte.
Herausforderungen sahen die Teilnehmenden u.a. bei den kulturellen Unterschieden
und der Sprachbarriere, der Ausstattung der Unterkünfte, der Organisation und
Motivation von Ehrenamtlichen, der Arbeitsvermittlung und sozialen Teilhabe, bei der
Verkehrsanbindung der Unterkünfte und der Wohnungssuche für anerkannte
Flüchtlinge.
Um den Herausforderungen zu begegnen wurden niedrigschwellige Sprachkurse,
Begegnungsmöglichkeiten und Rechtsbelehrungen als Möglichkeiten benannt. Des
Weiteren wurde angeregt Familienpaten einzuführen, die Familien unterstützen.
Unterstützung erfahren Asylsuchende auch durch die Einbindung ins dörfliche
Vereinsleben z.B. im Sportverein. Für die Helferkreise ist es wichtig eine gute
Kommunikation zu Verwaltung und Gemeinderat auf zu bauen, sowie Whats up
Gruppen zu nutzen. Auch wurde die Notwendigkeit benannt, bezahlbaren Wohnraum in
den Gemeinden zu schaffen.
Allgemein lassen sich viele der angebrachten Aktionen unter der Überschrift „Hilfe zur
Selbsthilfe“ zusammenfassen, da die Arbeit der Ehrenamtlichen hauptsächlich der
Förderung von Selbstständigkeit der Asylsuchenden dient.
Ein Wort gibt das Andere – eine sprachliche Entdeckungsreise zum
Thema Asylsuchende, Gisela Goblirsch Kommunikationsprofi
Zur Einführung in den letzten Vortrag des Seminars machte Gisela Goblirsch mit den
Teilnehmenden eine Wahrnehmungsübung zu den Worten Hilfeleistende, Helfende und
Helferling. Das Wort „Helferling“ wurde von den Teilnehmenden emotional als
unangenehm bezeichnet. Frau Goblirsch wies darauf hin, dass Worte Emotionen
erzeugen. Unworte entstehen dadurch, dass sie gedankenlos oder mit kritikwürdiger
Intention verwendet werden. Sprache ist ein Prozess der Kulturbildung, der letztlich die
Gesellschaft prägt. Wir hören permanent auf zwei Ebenen: auf der Bedeutungsebene
und der Bewertungsebene. Wir hören viel stärker die Untertöne als die Töne.
Interpretation erzeugt immer Emotion.
Es ist wichtig darauf zu achten welche Worte verwendet werden, denn so entsteht
Wirklichkeit. Jedes Wort ist ein Instrument und hat unterschiedlichen Einfluss. Das
Pejorativ-Suffix „- ling“ wie bei Flüchtling stellt immer eine Abhängigkeit dar und hat
manchmel einen negativen Beigeschmack. So auch bei den Wörtern Pflegling,
Schreiberling, Lehrling, Liebling. Frau Goblirsch forderte die Teilnehmer und
Teilnehmerinnen auf präzise und wortgewaltig zu sein und schloss ihren Vortrag mit dem
Wunsch nach Achtung gegenüber der Verletzlichkeit des Gegenübers, denn das ist es
was Gemeinschaft ausmacht.
Schule der Dorf- und Landentwicklung (SDL)
im ehem. Benediktinerkloster Thierhaupten
Geschäftsstelle der SDL
Klosterberg 8
86672 Thierhaupten
Telefon: 0 82 71/ 4 14 41
Telefax: 0 82 71/ 4 14 42
E-Mail: [email protected], www.sdl-inform.de