Restrukturierung im mitbestimmungsnahen Umfeld

WHITE PAPER | RESTRUKTURIERUNG IM MITBESTIMMUNGSNAHEN UMFELD
AUTOREN: GEZA BRUGGER, DENNIS KUHLMANN
Restrukturierung im mitbestimmungsnahen Umfeld –
die Evolution des Betriebsrats zum konstruktiven Mitgestalter .
Umstrukturierungen von Unternehmen sind in den letzten Jahren immer stärker zum
festen
Bestandteil
der
Managementaufgabe
geworden.
Als
Vertreter
der
„Betroffenen“ positioniert sich der Betriebsrat gegenüber der Arbeitgeberseite
deutlich seltener im Wartemodus, sondern zunehmend agil und proaktiv. Er erfährt
dadurch häufiger Gehör, nicht mehr nur qua Gesetz, sondern insbesondere durch
seine frische Art kreativen Gestaltungsdenkens. Unter der Prämisse „Primat des
Handelns“ zeigen sich gerade in stark mitbestimmungsgeprägten Gesellschaften der
traditionellen deutschen Industrien Züge eines aufgeklärten und konsensorientierten
Veränderungsprozesses.
Die angesprochene Entwicklung stellt Unternehmen und Führungskräfte neben den
bereits komplexen Herausforderungen des Transformationsvorhabens vor zusätzliche
Aufgaben, bei denen sie teilweise Neuland betreten. Durch aufgeklärtes Verständnis
für die Notwendigkeit der Veränderung können für beide Seiten bessere und
nachhaltigere Lösungen erarbeitet werden.
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Der vorliegende Artikel stellt dar, welche Weichen auf dem mitbestimmungsnahen
Pfad zu stellen sind, um effektiv, für beide Seiten erfolgreich und „in Manndeckung“
zum gewünschten Ziel zu gelangen.
KEY-TAKE-AWAYS:

INFORMATION. INFORMATION. INFORMATION. Frühe Transparenz als Türöffner
zur Arbeitnehmerseite.

Proaktiver Schulterschluss durch Schaffung einer „Sekundärorganisation“ mit
dedizierten Gremien, Arbeitskreisen und beidseitigen Projektverantwortlichen.

Involvierung unvorbelasteter Mitarbeiter als Steuerungs- und antizipatives
Schlichtungsorgan.

Seine Gegenüber kennen und verstehen – Roadmap für verschiedene
Stereotype von Betriebsräten.

Produktivitätssteigerung bereits im Umbauprozess: Vermeintliches Problem als
Chance ansehen und gemeinsam nutzbar machen.
AUSGANGSSITUATION | HERAUSFORDERUNGEN | POTENTIALE
„Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ (Bertolt Brecht)
Im Diskurs zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite lauern zahlreiche Tücken und
Stolpersteine. Sich diesen Herausforderungen zu entziehen, wäre in weiten Teilen nicht
nur schwer darstellbar – aufgrund rechtlicher Vorgaben des Betriebsverfassungsgesetzes hinsichtlich Informations-, Konsultations- und Mitbestimmungsrechten –
sondern auch feige. Denn im gemeinschaftlichen Prozess der Restrukturierung
zwischen Unternehmer/Führungskraft und Betriebsrat/Arbeitnehmer muss es nicht
zwingend einen Gewinner und einen Verlierer geben, wie im obigen Zitat etwas
überspitzt
postuliert.
Vielmehr
gilt
es,
das
Maximum
an
Konsens
und
Interessenausgleich aus einem Vorgehen herauszuholen, das durch eine andere
Rollenverteilung geprägt ist, als dies früher hauptsächlich der Fall war. Stellt sich die
Frage: Wo liegen die Geheimnisse robuster Zusammenarbeitsmodelle, wie kann man
diese effektiv nutzbar machen – und in welcher Ausprägung manifestieren sie sich
bereits in der deutschen Unternehmenslandschaft?
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Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass sowohl die Existenzquote, als auch die
Stärke der Betriebsratsgremien mit höherer Beschäftigtenanzahl exponentiell ansteigt.
So haben in Betrieben unter 100 Beschäftigten lediglich 17% der Unternehmen eine
gesetzliche und gewählte Vertretungsinstanz, wohingegen Betriebe mit über 100
Arbeitnehmern bereits eine Quote von 74%, Großkonzerne – bekannte Beispiele sind
die Unternehmen der stahlverarbeitenden und der Automobil-Industrie, Banken und
Versicherungen sowie Versorger – nahezu flächendeckende Arbeitnehmervertretung
vorweisen1.
Getrieben durch die mediale Berichterstattung über starke, teils sehr dominante
Betriebsräte
in
öffentlichkeitswirksamen
Unternehmen
wie
Volkswagen
oder
Commerzbank wird deutlich, welche Machtverhältnisse möglich sind. Beim Blick hinter
die Kulissen erkennt man schnell, dass auch Arbeitnehmervertreter aus der zweiten
Unternehmensreihe verstanden haben, dass sich selbstbewusstes Auftreten und
Betriebsratsarbeit nicht widersprechen müssen.
Um derart handeln und Interessenvertretung mit Führungsanspruch verbinden zu
können, sind allerdings immer differenziertere und spezialisiertere Qualifikationen
notwendig. Aufgrund der veränderten Praxisanforderungen über fachliche Aspekte
hinaus – gewissermaßen als Querschnittsqualifikation – sind zunehmend auch soziale
und methodische Kompetenzen, wie Kommunikationsvermögen, Kooperations- und
Teamfähigkeit sowie der Umgang mit Konfliktsituationen („Beteiligungskompetenz“)
notwendig. Spezifisch ausgerichtete Schulungen und Workshops erfreuen sich daher
steigender Beliebtheit.
Wirft man einen Blick auf die Strahlkraft eines professionellen und bewusst
gleichberechtigt gespielten Umgangs zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite
– sei es auf Basis erfolgreich durchgeführter Restrukturierungen oder auch im Gespräch
mit Vertretern der „schwachen“ Fraktion – wird schnell deutlich, dass die Vorteile
überwiegen. Im klassischen Spannungsfeld der Leistungsziele Zeit, Qualität und Kosten
wird durch Berücksichtigung einiger simpler und pragmatisch umsetzbarer Kniffe die
Ausbalancierung und Befriedigung der gegenseitigen Anspruchslevel zur „mission
possible“.
1
Quelle: http://www.boeckler.de/pdf/magmb_2006_04_pries.pdf
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PRAXIS-BEISPIEL: SANIERUNG EINES MITTELSTÄNDISCHEN UNTERNEHMENS.
In den obersten Stockwerken der Metallicor GmbH brannte schon seit einigen Wochen bis tief
in die Nacht das Licht: Die Geschäftsführung traf sich zu konspirativen Meetings, um über die
prekäre Lage ihres metallverarbeitenden Unternehmens zu beratschlagen. Dramatischer
Wettbewerbsdruck und fehlende Innovationskraft hatten zur Schieflage geführt. Es sah für den
Großteil der knapp 400 Mitarbeiter düster aus.
Geschäftsführer Dr. P. hatte aufbauschend im kleinen Führungskreis die Devise ausgegeben,
keinesfalls den Betriebsrat in die Neuausrichtung der Firma zu involvieren. „Die blockieren uns
doch wieder mit ihren abstrusen Sozialplänen und machen alles nur noch schlimmer. Wir
brauchen jetzt sehr schnell Maßnahmen zur Rettung, es geht um unsere Existenz und nicht um
Einzelschicksale!“
Finanzchef Herr B. war mit seiner vehementen Kritik an diesem Vorgehen immer wieder auf
taube Ohren gestoßen. Schlaflose Nächte plagten ihn. Er konnte aber zumindest seinen
Vorschlag durchsetzen, eine externe Unternehmensberatung mit an Bord zu nehmen. „Ein
solcher komplexer Umstrukturierungs-Prozess muss professionell begleitet werden. Ansonsten
machen wir auch noch den letzten Rest unseres Unternehmens kaputt.“ Fast zeitgleich erfuhr
der Betriebsrat zufälligerweise vom geheimen Projekt: Sekretärin Frau U. hatte eine OutlookKalendereinladung samt vertraulicher Informationen versehentlich an den falschen Verteiler
geschickt. Per se schon konfrontativ, wurde der Betriebsrat nun zum schlimmsten Albtraum für
die Geschäftsführung. Wutentbrannt forderte er umgehende Aufklärung sowie eine
kompromisslose Mitbestimmung in der Sache. „Das ist ja mal wieder typisch: die
Geschäftsführung trägt ihre Fehlentscheidungen auf dem Rücken der Mitarbeiter aus. Aber
nicht mit uns!“ Wie ein Lauffeuer breiteten sich daraufhin intern die Gerüchte aus. Auch
Lieferanten bekamen Wind davon. Die ohnehin angespannte Lage spitzte sich weiter zu.
Die Unternehmensberatung pochte darauf, den Betriebsrat schnellstens und umfassend zu
involvieren – und wurde zum brandlöschenden Mittler zwischen den verhärteten Fronten. Dies
glückte nur teilweise. In einer Trotzreaktion überschüttete der Geschäftsführer den Betriebsrat
mit einer undurchschaubaren Fülle an Unterlagen. Größtenteils irrelevante Daten. „Die wollen
Informationen – hier haben sie Informationen. Hauptsache, diese Querulanten sind erst einmal
beschäftigt …“, dachte er sich. Es folgte ein unerbittlicher Grabenkampf. Der Betriebsrat
brachte sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Waffen in Stellung. Blockieren um jeden
Preis war jetzt mehr denn je sein Credo. Die Schlichtungs-Sitzungen endeten in lautstarken
Wortgefechten und wüsten Beschimpfungen, die noch weit durch die Gänge zu hören waren.
Keiner rückte auch nur einen Millimeter von seiner Position ab. Schließlich wurde die
Unternehmensberatung wieder abgezogen von der verbrannten Erde – auf Druck des
Betriebsrats hin.
Zwei Monate später musste der Geschäftsführer Insolvenz anmelden. Die Umstrukturierung war
ihm aufgrund des ausufernden Kampfes mit dem Betriebsrat und der rasant verstrichenen Zeit
nicht mehr gelungen. Kurz darauf wurden im Rahmen der Liquidierung die wertvollsten Assets
des Unternehmens von einem amerikanischen Investor aus der Insolvenzmasse herausgekauft
und sämtliche Mitarbeiter durch den Insolvenzverwalter entlassen. So auch der Betriebsrat.
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SCHLÜSSELELEMENTE FÜR EINEN ERFOLGREICHEN UMGANG MIT DER ARBEITNEHMERVETRETUNG.
Um nicht am proaktiv-gestalterischen Auftreten der Betriebsräte zu verzweifeln oder
bei der geplanten Restrukturierungsinitiative aufgrund fehlenden Rückhalts aus der
Belegschaft vorzeitig zu scheitern, empfiehlt sich ein Blick auf die wichtigsten und
effektivsten Faktoren bei der Zusammenarbeit mit der Arbeitnehmerseite.
1. Betriebsrat so früh wie möglich einbeziehen
Ein häufiger Fehler im Zuge von Veränderungsprojekten ist die zu späte Integration in
das geplante Vorhaben. Oftmals werden Arbeitnehmervertreter erst nach der
Konzeptions-, oftmals auch „Planspielphase“ genannt, involviert und so vor vollendete
Tatsachen gestellt. In diesem Falle wird der Betriebsrat lediglich als geduldeter
„Advisor“ zu Rate gezogen, um seine Meinung zu einem bereits diskutierten und
gereiften Arbeitspapier beizusteuern.
Viel ratsamer ist es jedoch, ihn gleich zu Beginn auf Augenhöhe zu involvieren und
konstruktiv am Vorhaben zu beteiligen. Das zeigt auf der einen Seite eine wesentlich
höhere Wertschätzung und ermöglicht zum anderen, dass die gegenseitigen
Bedenken frühzeitig verstanden und ausgeräumt werden können. Darüber hinaus ist
damit zu rechnen, dass der potenzielle Widerstand gegen ein geplantes
Veränderungsvorhaben deutlich abgemildert wird, wenn die Veränderung auch
konzeptionell und von Anbeginn beidseitig mitgestaltet und im Ergebnis mitgetragen
wird.
„Lassen Sie den Betriebsrat von Anfang an mitreden und
seine Ideen einbringen. Ein weiterer „Challenger“ schadet
nicht dem Vorhaben, sondern schlimmstenfalls dem
eigenen Ego.“
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2. Eine gemeinsame Agenda erarbeiten
Einen Schritt weiter als die bloße Integration des Betriebsrats geht die Erarbeitung einer
gemeinsamen Agenda. Dazu gehören etwa eine klare Vision des Wandels, die
Klärung von Rollen und Verantwortlichkeiten, die Planung von Aktivitäten in einem
Projektplan und das Führen von Checklisten. Darunter also viele klassische
Projektmanagement-Aufgaben, die in der Praxis jedoch allzu oft nicht gemeinsam mit
den Arbeitnehmervertretern ausgearbeitet und gepflegt, sondern diesem bestenfalls
zwecks Information verfügbar gemacht werden.
Dabei gilt die Definition einer gemeinsamen „Change Vision“ als zentrale Aufgabe.
Diese sollte möglichst kurz, präzise und für alle von der Veränderung betroffenen
Personen nachvollziehbar sein. Es sollte daraus hervorgehen, wie das gewünschte
Zielbild nach dem Wandel aussieht und wie das Unternehmen sich diesem Soll-Zustand
annähern möchte. Dabei gilt:
„Ein Plan, der nicht in zwei bis drei Sätzen beschrieben
werden kann, ist nicht zu Ende gedacht.“
Investieren Sie daher ausreichend Zeit für die Erarbeitung einer Vision, dem Herzstück
der Veränderung. In vielen Fällen reicht ein einzelnes Meeting nicht dafür aus.
Vielmehr bedarf es in der Praxis oftmals mehrerer Wochen, bis die Inhalte ausgereift
sind.
Anschließend muss eine flächendeckende und mehrstufige Kommunikation erfolgen.
Idealerweise wird dabei über möglichst viele Kanäle und durch sinnvolle
Wiederaufnahme von Kernaspekten mit der Belegschaft kommuniziert. Das
Kommunikationskonzept sollte gemeinsam mit dem Betriebsrat ausgeplant und
vorbereitet werden, etwa durch Initiierung eines dedizierten Newsletters sowie
gemeinsamen Präsentationen auf Betriebs- und Mitarbeiterversammlungen.
Auch hierbei ist es ratsam, den Betriebsrat im Sinne des Wandels als Projektmitglied zu
begreifen
und
beide
Vertreter
in
klar
sichtbaren
–
und
als
gleichwertig
nachvollziehbaren – Rollen zu positionieren.
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3.
Betriebsrat
als
Change
Agent
etablieren:
Arbeitnehmervertreter
als
Überzeugungstäter
Betriebsräte sind in den meisten Fällen bereits seit etlichen Jahren – nicht selten seit
Jahrzehnten – im jeweiligen Unternehmen und kennen die Belegschaft und die Kultur
wie kaum jemand aus der Führungsebene. Sie kennen die Sorgen, Ängste und
Vorbehalte der Mitarbeiter und setzen deren Ziele gegenüber dem Management
durch; dadurch genießen sie großen Rückhalt.
Dieser Umstand birgt die Möglichkeit, diese Instanz nicht nur als Stakeholder des
Wandels, sondern als potenziellen Mittler zu begreifen, der in der Lage ist, die
Mitarbeiter von der Notwendigkeit und den Chancen der Veränderung zu
überzeugen.
„Stellen Sie den Betriebsrat nicht in die zweite Reihe,
sondern nutzen Sie sein Potenzial an vorderster Front.“
Viel zu oft wird ignoriert, dass der Betriebsrat durch das Verhältnis und seinen Einfluss
auf die Belegschaft einen wichtigen, wenn nicht sogar den wichtigsten Treiber des
Wandels darstellen kann. Arbeitnehmervertreter haben in den Augen der Mitarbeiter,
insbesondere in speziellen Situationen wie der geplanten Veränderung, oftmals eine
deutlich höhere Glaubwürdigkeit als etwa das Management, welches auf die
Reorganisation drängt und dem nicht selten Eigennutz oder Schönfärberei
vorgeworfen wird.
Um den Betriebsrat als Promoter für den Wandel zu gewinnen, muss dieser jedoch
zuerst von der Sache überzeugt werden. Dazu muss er zum einen verstehen, warum
die Veränderung notwendig ist und zum anderen von der Umsetzungsplanung
überzeugt werden. Letzteres fällt bedeutend leichter, wenn von Anfang an die
Veränderungs-Agenda gemeinsam erarbeitet wird (siehe Punkt 2).
Ist der Arbeitnehmervertreter nicht nachhaltig von der Dringlichkeit des Vorhabens
überzeugt, wird dieser nicht in der Lage sein, den Wandel glaubhaft zu verkaufen.
Darüber hinaus gilt:
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„Wenn alleine der Betriebsrat nicht von der Dringlichkeit
und der Vision des Wandels überzeugt werden kann –
wieso sollte es dann bei der Belegschaft anders sein?“
Eine gemeinsam abgestimmte Präsentation durch den Betriebsratsvorsitz auf der
Betriebsversammlung,
ein
Interview
zum
geplanten
Wandel
in
einer
Mitarbeiterzeitschrift oder ein regelmäßig vom Betriebsrat organisiertes Info-Meeting
zum Bericht über den Status der Veränderung – all diese Maßnahmen schaffen
Akzeptanz auf Seiten der Belegschaft und helfen dabei, die Vorteile des Wandels in
der Unternehmenskultur zu verankern. Im Ergebnis fungiert der Betriebsrat als
wirkungsvolles Sprachrohr für die Veränderung.
4. Einsatz eines internen Vertrauten als Brückenbauer zwischen Management und
Betrieb
Bevor es zu spät ist, vielfach als antizipatives Schlichtungsorgan etabliert, kann auch
der Einsatz eines sachlich objektiven Dritten zielführend sein. Ein interner Ex-Kollege,
Senior-Experte oder übergreifender Konzern-Mitarbeiter, welcher mit den Strukturen
vertraut, aber keinesfalls mit ihren Akteuren und Eigenheiten „verheiratet“ ist. Ein
fachlich versierter Mediator, der gekonnt die Bälle zwischen den Fronten hin- und her
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spielt und dabei beidseitige Zugeständnisse erlaubt. Ein übergeordneter Vermittler, der
den Überblick behält und auch mal mit harter Hand die Arbeitgeberseite in die
Schranken weist. Hierfür nötig sind Rückendeckung durch die nächsthöhere
Management-Ebene,
Akzeptanz
auf
Betriebsrats-
und
häufig
auch
Gewerkschaftsseite sowie verlässliche Kompetenz und nicht zuletzt Verfügbarkeit einer
geeigneten Ressource. Sauber vorbereitet, trainiert und gespielt kann dieser Zug zum
Zünglein an der
Waage, dem alles entscheidenden
Schlüsselelement des
Veränderungsprozesses werden.
Durch Einhaltung der dargestellten Maßnahmen wird der Schritt von der klassischen
Interessenvertretung (konfrontative Abwartehaltung) hin zum kontinuierlichen CoManagement nicht nur begreifbar, sondern auch steuerbar und resultiert in
nachhaltigen Vorteilen für beide Seiten.
PRAXIS-BEISPIEL: RESTRUKTURIERUNG EINER VERTRIEBSGESELLSCHAFT (PHARMAUNTERNEHMEN).
Voller Elan startete Herr N. vor zehn Monaten bei der Vertriebsgesellschaft des deutschen
Pharmaunternehmens Zenoxsan AG. Nach einer kurzen Einarbeitungsphase schlug er dem
Geschäftsführer Prof. M. vor, die regional ausgerichtete Vertriebsstruktur zu zentralisieren. „Mein
Konzept wird unsere Sales-Performance erheblich steigern, indem wir sämtliche Prozesse,
Maßnahmen und Aktionen direkt über ein zentrales Vertriebssystem steuern. Die bisherige
Selbstverwaltung der einzelnen Organisations-Einheiten ist in weiten Teilen kontraproduktiv. Sie
schadet unserem Markenimage und verursacht unnötig hohe Kosten. Dafür müssen wir aber
eine umfassende Restrukturierung der Organisation durchführen, die mit dem Umzug vieler
Mitarbeiter verbunden ist.“
Die Initiative des Vertriebsleiters begeisterte den Geschäftsführer: ihm war der monierte Zustand
ohnehin schon seit längerem ein Dorn im Auge. „Passen Sie aber mit dem Betriebsrat auf. Der
hat bei uns traditionell eine sehr starke Position. Am besten, Sie informieren ihn erst zum Schluss.
Sonst wird das mal wieder nichts.“ Herr N. erwiderte: „Ganz im Gegenteil. Es scheitert, wenn wir
den Betriebsrat nicht von Anfang an als Partner der Transformation gewinnen. Von
Mitbestimmung zum Mit-arbeiten!“ Mit einem mulmigen Gefühl stimmte der Geschäftsführer zu.
Beim gemeinsamen Kick-Off-Termin präsentierte Herr N. seine Vision ‚Umzug in die Zukunft:
ONEsalesteam‘ und erläuterte in einigen Sätzen das Konzept. Geschickt stellte er die Vorteile
für Unternehmen und Mitarbeiter heraus – und skizzierte eine originelle, interne KommunikationsKampagne zur Motivation der Belegschaft. „Und dafür sind gerade Sie, als Vertreter der
Mitarbeiter, von größter Bedeutung, damit wir für alle Beteiligten die beste Lösung erreichen!“
schloss er seinen Vortrag mit Blick auf den Betriebsrat. „Natürlich werden wir auch Anreize
schaffen für Arbeitnehmer mit Familien: Umzugsprämien, mobile und flexible Arbeitskonzepte,
Home-Office-Lösungen usw. Lassen Sie uns das gemeinsam Schritt für Schritt planen.“ ergänzte
der Geschäftsführer. Der Betriebsrat zeigte sich sichtlich positiv überrascht. Schnell ging es in
die Diskussion und Ausgestaltung der konkreten Maßnahmen. Am Ende des ersten Meetings
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stand bereits der grobe Aktionsplan und beide Seiten waren sich einig, dass ein gemeinsamer
Weg angestrebt und effektiv sein würde.
Für die konzeptionelle Prozess-Steuerung und professionelle Projekt-Umsetzung wurde ein
gerade von einer Auslandsstation zurückgekehrter interner Manager eingebunden, was sich
als Glücksgriff erwiesen hat. Etwa 85% der regionalen Vertriebs-Mitarbeiter konnten in
gemeinsamer Aktion vom Umzug überzeugt werden – und arbeiten in der neuen Konstellation
mit noch mehr Sales-Drive. Sie fühlen sich als Teil einer gemeinsamen Vision und leben diese
neu entstandene Unternehmenskultur. Heute operiert die zentralisierte Vertriebsgesellschaft der
Zenoxsan AG nach den Prinzipien der modernen Arbeitsplatzgestaltung – und gilt als Vorbild in
der Branche. Schlussendlich sind alle Beteiligten – insbesondere die Arbeitnehmervertretung –
positiv und gestärkt aus dem Transformationsprozess herausgekommen. Die Anfangsworte des
internen Projekt-Koordinators hätten treffender nicht sein können: „Nur Seite an Seite, in
intensiven Arbeitsgruppen sowie dedizierten Randgesprächen, kann der Prozess gelingen. Lasst
uns heute gleich zu Beginn darauf einschwören!“
Auch bei Berücksichtigung der angesprochenen Erfolgsfaktoren gibt es jedoch für den
Umgang mit DEM Betriebsrat kein einheitliches Erfolgsrezept. Ergänzend zur
hinreichend
bekannten
Kooperationsbereitschaft
Typisierung
und
Grad
nach
von
den
Dimensionen
Instrumentalisierbarkeit
Macht,
sollte
das
Management die verschiedenen Stereotype kennen und im Vorhinein auf die
individuelle Situation projizieren.
VERSTÄNDNIS SOZIOLOGISCHER STEREOTYPE | MASSNAHMEN
„Zentralorgan“ Betriebsrat:
Von Haus aus ist er der geborene Vorreiter und Zentralist. Er ist der Repräsentant der
Gesamtbelegschaft, der Fachmann für das Ganze, der zusammenhält, was historisch
zusammengewachsen ist. Wenn das Ganze aber auch in kleineren Portionen zu haben
ist, dann kann das durchaus attraktiv für ihn sein.
Typischerweise ist er besetzt von eher konservativ „klassisch“, häufig gewerkschaftlich
agierenden
Mitgliedern
mit
dem
Blick bis
zum
sprichwörtlichen
Tellerrand.
Entsprechend ist der Verhandlungsaufwand höher und komplexer und birgt
tendenziell hohes Konfliktpotential.
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„Betriebswirtschaftlicher“ Betriebsrat:
Geführt von smarten und mit-/vorausdenkenden Mitgliedern, die mit dem richtigen
Gespür für die Verhandlung sowohl mit dem Gesamtbetriebsrat, als auch mit den
Arbeitnehmern das Alltagsgeschäft und auch brenzlige Situationen meistern, schlüpft
er gern in die Rolle des so genannten Co-Managers. Er verfügt über die richtige
Mischung aus unternehmerischer Weitsicht und einem ökonomischen Verständnis für
den Wunsch nach „Besitzstandssicherung“. So kann er auf diesem Feld die teils
weitreichenden negativen Auswirkungen für die Beschäftigten richtig abschätzen und
dabei kooperativ ein plausibles und effektives Ergebnis herbeiführen. Richtig
eingesetzt und eingebunden wird er diese Entscheidungen möglichst lautlos und
konfliktfrei mittragen.
„Beweglicher“ Betriebsrat:
Ob gutgläubig oder nur gläubig – er schenkt den Argumenten und Informationen
„seiner“
Betriebsleitung,
Wettbewerbsdruck,
z.B.
Glauben,
hinsichtlich
auch
Aussagen
wenn
nicht
über
alles
im
den
gestiegenen
Einzelnen
direkt
nachvollziehbar und belegbar ist. Seine Mitglieder sind nicht selten diejenigen, für die
der Betriebsrat ein „sicherer“ Hafen ist. Er ist bei entsprechender Einbindung durchaus
kooperativ und glaubt nicht erst an den Ernst der Situation, wenn die Zahlen „tief-rot“
sind. Im Sinne der Interessenvertretung ist ihm daran gelegen, es erst gar nicht so weit
kommen zu lassen. Durch seine Authentizität genießt er hohes Ansehen bei der
Belegschaft und kann dadurch äußerst effektiv als Sprachrohr für notwendige
Reformen agieren. Er interpretiert sein Verhalten als sinnvolles und gerechtfertigtes
Zugeständnis, als ein „den Gürtel enger schnallen in schweren Zeiten“, als zumutbaren
Arbeitnehmerbeitrag, damit der Betrieb wieder „auf Spur“ kommt. Wesentlicher
Erfolgsfaktor für eine kooperative Zusammenarbeit ist eine frühe und umfassende
Einbindung in alle relevanten Details.
SCHLUSSWORT | HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN
Es gibt zahlreiche wichtige Aspekte, die Organisationen und ihre Entscheider im
Rahmen von Restrukturierungen im Auge behalten müssen. Wo allerdings frühere
Manager einmal in zehn Jahren mit akuter Veränderungsnotwendigkeit konfrontiert
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wurden, ist diese in der heutigen Zeit – im Kontext kürzerer Innovationszyklen und sich
rasant entwickelnder Themen wie z.B. Digitalisierung – zum Alltagsphänomen
geworden. Somit wird auch die Einbeziehung des Betriebsrats in vermeintliche
Management-Themen zum Dauerzustand. Der Modus eines partnerschaftlichen
Miteinanders sollte zum fixen Bestandteil der Unternehmenskultur avancieren, statt als
temporäre Einzelerscheinung im Krisenmodus zu verharren.
Die positiven Beispiele robuster Zusammenarbeitsmodelle werden häufig durch einen
unabhängigen externen Dritten begleitet, der sicherstellt, dass das Vorhaben fachlich
versiert, sachlich organisiert und effektiv im Ergebnis abläuft. e&Co. hat sich als
Spezialist für Veränderungssituationen etabliert und zahlreiche Projekte begleitet –
insbesondere im angesprochenen Spannungsfeld zwischen Arbeitgeber- und
Arbeitnehmerseite. Unser Erfahrungsschatz und Leistungsspektrum geht dabei weit
über die gängigen fachlichen und organisatorischen Methoden hinaus – mit
überzeugenden und unkonventionellen Lösungsansätzen, die auf Ihre Bedürfnisse
zugeschnitten sind. Lassen Sie sich von unseren Experten beraten.
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EXPERTISE
 Mehr als sechs Jahre Consulting- und Linienerfahrung in der fertigenden Industrie
 Themenschwerpunkte: Strategiekonzeption, Leistungssteigerungs- und EffizienzProgramme im Vertrieb und After Sales, Projekt-/Performanceaudits, Restrukturierung
und Turnaround Management, Wettbewerbsanalyse und Benchmarking
 Automotive Marktexperte (insbesondere asiatische OEM Strategien & Car
Connectivity / Mobility Lösungen)
 Branchenschwerpunkte: Automotive, Maschinen- und Anlagenbau, Medizintechnik
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Unternehmer-Berater begleiten wir unsere Klienten und Geschäftspartner bei ihren
zentralen Herausforderungen. Zu unseren Klienten zählen Unternehmen und
Unternehmer, die vor großen Herausforderungen stehen und ehrgeizige Ziele haben.
Einige von ihnen gehören zu den globalen Größen der Industrie, andere sind
mittelständisch oder familiär geprägt. Verbindendes Element ist der Wille zur
Veränderung und nachhaltigen Verbesserung des Status Quo. e&Co. hat sich
erfolgreich im Markt positioniert und unterhält mehrere Büros in Europa sowie eine
Asien-Dependance in Seoul, Südkorea. ENABLING VALUE: www.eandco.com
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