Pressetext - Essl Museum

Presseinformation Essl Museum, März 2016
Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare (Christian Morgenstern)
Pressekonferenz:
Dienstag, 5.4.2016, 10.00, mit den Kuratoren Andreas Hoffer
und Viktoria Calvo-Tomek, Direktor Prof. Karlheinz Essl
Eröffnung:
Dienstag, 5.4.2016, 19.30
Kuratoren:
Andreas Hoffer, Viktoria Calvo-Tomek
Ausstellungsort:
Ausstellungshalle und Großer Saal, Essl Museum
Mit der Ausstellung Body & Soul wird der verstärkten künstlerischen Auseinandersetzung rund um
Körper, Körperlichkeit, dem Verhältnis von Körper und Seele sowie den Fragen nach Identität
Rechnung getragen. Dieser Themenkomplex ist in der Sammlung Essl sehr umfangreich vertreten,
einerseits mit Werken des Wiener Aktionismus und andererseits mit Arbeiten junger Künstlerinnen
und Künstler. Die dichte, umfangreiche und konzentrierte Schau wirft Fragen zur eigenen
Positionsbestimmung auf und regt zur Auseinandersetzung von vorhandenen und neu erstarkten
Tabus an. Das Verhältnis zum eigenen Körper, der Körper als Ausdrucksort für seelische Zustände,
aber auch die ewige Frage nach der Schönheit und Vergänglichkeit werden thematisiert. Zeitlich
spannt die Ausstellung einen Bogen von den frühen 1950er Jahren bis zu ganz aktuellen Positionen.
Fitnessstudios und Wohlfühl-Seelensmoothies
Welches Bild haben wir heute von unserem Körper und von Sexualität? Sind Körper und Geist
nur noch Folien für Dienstleister zur Ertragssteigerung? „Wer nach dem Begriffspaar Body
and Soul im Internet sucht, findet sofort die Webseiten von Fitnessstudios und
Modelagenturen. Ist der gestylte Körper ein Fetisch für die Seele, oder sogar ein Ersatz dafür?
Nein, auch für das seelische Wohl hat die Dienstleistungsgesellschafft ein breites Angebot an
esoterischen Wohlfühl-Seelensmoothies. Körper und Seele, immer schön getrennt, sind im
festen Griff der westlichen Wohlstandsgesellschaft“, so der Kurator Andreas Hoffer.
Nacktes Fleisch vs. konservativen Geist
Soviel nacktes, in der Öffentlichkeit sichtbares Fleisch wie heute hätten sich die
aufklärerischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts von Monte Verità, über die FKK Bewegung
der Sozialisten in den 1930er Jahren bis zu den Aufklärungswellen der 1970er Jahre nie
vorstellen können. Der prüden Zwangsverhüllung des Körpers noch im 19. Jahrhundert folgt
das rüde Zurschaustellen und die Verdinglichung des Körpers als Objekt am Anfang des
21. Jahrhunderts. Internet-Pornos sind so gut wie jedem Menschen zugänglich und lassen
selbst die für viele noch immer aufrüttelnden Fotos der Wiener Aktionisten der frühen 1960er
Jahre alt aussehen. Demgegenüber gewinnen rigide traditionalistische Bewegungen, oft im
religiösen oder konservativen Milieu angesiedelt, an Zulauf, die die heute durchaus
bemerkbare Trennung von Körper und Geist wieder aufheben wollen. „Allerdings meist durch
eine Rückkehr zur prüden und meiner Ansicht nach scheinheiligen Körperfeindlichkeit, wie
wir sie auch von außereuropäischen Kulturen kennen“, so Andreas Hoffer.
Sichtbarmachung von Missständen
Die Befreiungsbewegungen des vergangenen Jahrhunderts haben sich erfolgreich gegen starre
körperfeindliche und in strenge Rollenmuster geteilte gesellschaftliche Normen gewehrt und
dadurch zu einem veränderten Selbstgefühl gesellschaftlicher Gruppen geführt.
Die Frauenbewegung, in besonderem Maße jene der 1970er Jahre, hat entscheidend für eine
gesellschaftliche Veränderung gekämpft, aber auch die Schwulenbewegung und die
Genderdebatte hat vieles an Selbstbefreiung geleistet. Durch mediale Unterstützung
öffentlich gemacht scheint vieles davon heute selbstverständlich, wäre aber noch vor 50
Jahren unvorstellbar gewesen und ist es außerhalb Europas und Nordamerikas auch
weiterhin. Gleichwohl ist man in der Genderdebatte von einer wirklichen Gleichberechtigung
noch meilenweit entfernt, was auch die Vormachtstellung von Künstlern gegenüber
Künstlerinnen in Ausstellungen, Sammlungen und am Markt verdeutlicht. Ohne die
gesellschaftlichen Kämpfe und das auch künstlerische Sichtbarmachen von Missständen und
Ungleichheiten wäre aber das Erreichte nie möglich gewesen.
Körper Sexualität Öffentlichkeit
Besonders Künstlerinnen haben sich seit den 1960er Jahren mit dem eigenen Körper kritisch
auseinandergesetzt, verkrustete gesellschaftliche Normen aufgedeckt und die Rollenbilder der
Geschlechter thematisiert, analysiert oder auch aufgehoben. VALIE EXPORT thematisiert in
vielen ihrer Arbeiten aus den frühen 1960er Jahren – wie z.B. mit ihrer Expanded CinemaAktion Tapp und Tastkino, oder der Fotoarbeit Genitalpanik – die Rolle der Frau als Objekt
und deren Verfügbarkeit. 30 Jahre später, aber lange vor der völligen Aufhebung von
Privatsphäre und Scham durch die sozialen Medien wie Facebook und Instagram, kreiert
Elke Krystufek eine Kunstfigur, die exhibitionistisch ihren Körper und ihre Sexualität zur
Schau stellt und damit die Grenze von Öffentlichkeit und Privatheit aufhebt. Zwei Positionen,
die zeigen wie konzise KünstlerInnen gesellschaftlich relevante Themen bearbeiten, auch
bevor sie noch öffentlich und medial diskutiert werden.
Selbstbefreiung und anhaltende Debatten
Die westliche Gesellschaft hat ihr Verhältnis zu Körper und Geist im 20. Jahrhundert
grundlegend revolutioniert, neu definiert aber auch problematisiert. Diese Entwicklungen
haben sich naturgemäß auch in der Kunst widergespiegelt, insbesondere in der Zeit nach
1945. Auf scheinheilige Sexualmoral und Verdrängungsmentalität im Nachkriegsösterreich
trafen subkulturelle Avantgarden mit deutlich widerständigem Impetus. Der auch heute noch
für viele verstörende Wiener Aktionismus zählt mittlerweile zu einer der bedeutendsten
Leistungen österreichischer Kunst. Gut aufgearbeitet und musealisiert ist er heute ein
Beispiel für einen künstlerischen Ansatz, der als klare Absage an die Regeln der bürgerlichen
(Nachkriegs-) Gesellschaft gedacht war und nun von der bildungsbürgerlichen Gesellschaft
als Kulturgut vereinnahmt scheint. Aktuelle Reaktionen von BesucherInnen auf die
Aktionsfotos von Mühl, Schwarzkogler oder Nitsch bezeugen, wie irritierend, abstoßend,
verunsichernd diese über ein halbes Jahrhundert alten Fotos für viele heute noch sind.
Das künstlerische Rückgrat und auch das räumliche Zentrum der Ausstellung bilden die
dicht gehängten Aktionsfotos in der Rotunde gemeinsam mit einer installativen Arbeit von
VALIE EXPORT.
Akt und Körper
Am Beginn des Ausstellungsrundganges sind klassische Akte von Herbert Böckl zu sehen.
Diese sind noch ganz der akademischen Tradition der Aktmalerei verpflichtet, auch wenn der
Künstler nach dem Krieg formal eine Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kunst
sucht. Der eigene Körper als Akt ist ein eher junges Thema, das eine Rolle sowohl bei
feministischen Positionen (siehe VALIE EXPORT), als auch beim Spiel mit Identität wie bei
Elke Krystufek oder Francesco Clemente spielt. Eine ganz besonders wichtige Arbeit, so
Andreas Hoffer, ist „das Video von Peter Land, in dem der nackte Künstler zu einer
Discomusik tanzt, weil es in seiner Einfachheit und Natürlichkeit eine seltene unverkrampfte
und leichte Seite der Zuschaustellung des eigenen Körpers zeigt“.
Der Körper als Ausdruck der Seele
Der eigene Körper kann als Ausdrucksfläche seelischer Zustände und Empfindungen
fungieren, wie bei Maria Lassnigs body awarenes paintings. Oft spürt Lassnig einer inneren
Befindlichkeit nach und verleiht ihr auf der Leinwand Farbe und Form. In Anlehnung an ihre
frühere Science-Fiction Werkreihe saugen zum Beispiel im Bild Ideenfischer zwei technoide
Wesen die Ideen aus dem Leib der Künstlerin, die auch Professorin war.
Franz Ringel quält und zerkratzt seine umrissbetonten Figuren mit spitzen Gegenständen. In
seltsame Nabelschnüre verwickelt, bewohnen sie uterusartige Raumhöhlen.
Der gepeinigte Leib als Ausdruck der gequälten Seele ist ein starkes, immer wieder
auftauchendes Thema der Kunst nach 1945. Gerade die Nachkriegsgeneration hat so auf
Tabus, die Verlogenheit der Nichtaufarbeitung der Schuld und die verklemmte Sexualmoral
der 1950er und 60er-Jahre reagiert.
Identitäten
Die junge ungarische Künstlerin Patricia Jagicza hat mit ihrer Malerei Estrella von 2010 die
Genderdebatte ebenso wie das Schlüpfen in andere Identitäten – ein beliebter Vorgang in
sozialen Medien – thematisiert. Vielleicht ist es nicht verwunderlich, dass dieses Werk 2013
in der Ausstellung Like it! von FacebookfreundInnen am meisten geliked wurde. Der
weiblichen wie auch der männlichen Identität und Selbst-Bestimmung sind eigene Räume in
der Ausstellung gewidmet.
Schönheit und das Vergehen
Es darf die Frage gestellt werden, warum die Sehnsucht vieler BetrachterInnen nach
Schönheit in der Kunst besonders in den Avantgarden des 20. und beginnenden
21. Jahrhunderts kaum eine Rolle spielt. Marc Quinns Skulptur Alison Lapper thematisiert
Schönheit abseits gesellschaftlicher Normierung. Im Stil einer idealisierten klassischen
Skulptur in weißem Marmor zeigt Quinn die Künstlerin Alison Lapper, die mit verstümmelten
Gliedmaßen geboren wurde. Schönheit in ganz traditionellem Sinn findet man auch bei der
Malerei von Martin Schnur. Die allegorischen Malereien des mexikanischen Künstlers Daniel
Lezama zeigen auf den ersten Blick eine an klassische Schönheit gemahnende
Formensprache. Bei genauer Betrachtung wird es deutlich, dass sie lokale Mythen und
Schönheitsbegriffe verarbeitet.
Auch der Endlichkeit allen Seins und aller Körperlichkeit widmet die Schau ein Kapitel. In
der Fotoserie Gilles and Gotcho von Nan Goldin, zeigt die Künstlerin die Aidserkrankung des
einen Porträtierten bis zu seinem Ende, sie begleitet und dokumentiert bewegend die Liebe
und Freundschaft der beiden Männer bis zum Tod.
Die Ausstellung mit etwa 100 Werken zeigt, dass das Verhältnis von Körper und Seele eine
der spannendsten Projektionsflächen für Künstlerinnen und Künstler ist, ein Thema, das nie
an Aktualität verlieren wird.
KünstlerInnen der Ausstellung:
Siegfried Anzinger, Georg Baselitz, Herbert Boeckl, Günter Brus, Francesco Clemente, Martin
Eder, VALIE EXPORT, Adolf Frohner, Nan Goldin, Gudrun, Ilse Haider, Karen Holländer, Jörg
Immendorff, Patricia Jagicza, Alen Kasumović, Ronald Kodritsch, Anton Kolig, Elke
Krystufek, Peter Land, Maria Lassnig, Marie Luise Lebschik, Daniel Lezama, Rosa Loy,
Marcin Maciejowski, Monika Pascoe Mikyšková, Virgilius Moldovan, Otto Muehl,
Muntean/Rosenblum, Hermann Nitsch, Irina Polin, Marc Quinn, Daniel Richter, Franz
(M.J.M.) Ringel, Bianca Maria Samer, Martin Schnur, Peter Sengl, Max Streicher, Rudolf
Schwarzkogler, Yang Shaobin, Herwig Zens
Mehr Infos auf unserer Website www.essl.museum
Folgen Sie dem Essl Museum:
ESSL MUSEUM – KUNST DER GEGENWART
An der Donau-Au 1, A-3400 Klosterneuburg / Wien
+43 (0)2243 370 50 150, [email protected], www.essl.museum
Öffnungszeiten: DI – SO 10.00 – 18.00, MI 10.00 – 21.00
Eintrittspreise: Erwachsene 9 Euro und ermäßigt 7 Euro
Presseanfragen:
Erwin Uhrmann (Leitung),[email protected], +43 (0) 2243/370 5060
Regina Holler-Strobl, [email protected], +43 (0) 2243/370 5062