SWR2 Glauben DIE GÖTTER SIND NICHT VOM HIMMEL GEFALLEN

SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Glauben
DIE GÖTTER SIND NICHT VOM HIMMEL
GEFALLEN
ÜBER DIE ENTSTEHUNG DER RELIGIONEN
VON MICHAEL HOLLENBACH
SENDUNG 06.03.2016 / 12.05 UHR
Redaktion Religion, Kirche und Gesellschaft
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Collage
20:00 (Parzinger) also der Neandertaler hat in gewisser Weise das Jenseits
entdeckt.
25:55: (Schmidt-Salomon) es ist ja auch nicht leicht, Mensch zu sein in dem
Bewusstsein, dass alles dem Untergang geweiht ist.
1:20:55 (Blume) 100.000, manche sagen 150.000 Jahre ist Religion wohl alt.
27:15: (Schmidt-Salomon) wahrscheinlich war die Angst vor den
Wiedergängern am Anfang der Religion.
1:28:20 (Blume) am Anfang, die höheren Wesen, die waren furchterregend,
man hat versucht, sie zu besänftigen.
13:25: (Illing) Gott ist eine Konstruktion, aber eine, die sich großartig bewährt
hat.
1:29:45 (Blume) Das stiftet Sinn.
Alle Völker hatten und haben Religionen. Doch wie sind sie entstanden? Wie
haben sie sich entwickelt? Vom Himmel gefallen sind die Götter jedenfalls
nicht. Das ist sich Ina Wunn, Religionswissenschaftlerin an der Universität
Hannover, ganz sicher:
1.
0:15: (Wunn) Religionen sind ganz bestimmt biologisch bedingt.
Allerdings nicht so, wie man sich das vielleicht vorstellt, dass es so
etwas gibt wie ein Gottesgen, das einen quasi automatisch religiös
macht oder eine Stelle im Gehirn, die einem dann religiöse Gedanken
vorgaukelt an einer Stelle, wo eigentlich nichts ist. Religion ist insofern in
unserer Biologie verankert, weil wir ganz bestimmte Dispositionen
haben.
Also Anlagen und kognitive Kompetenzen, die die Entwicklung religiöser
Vorstellungen erst ermöglichen.
Der Freiburger Neurobiologe Robert-Benjamin Illing ist überzeugt: Im Prinzip
benötigte der Mensch in seiner Entwicklungsgeschichte die Religion, um
Antworten auf die Sinnfragen zu finden: Woher komme ich? Wohin gehe ich?
Warum bin ich auf der Welt?
2. 7:46 (Illing) Der braucht etwas, weil er mit dem Transzendenten
konfrontiert ist, mit großen Fragen, die ganz real sind, die aber keine
offensichtlichen Antworten finden, und da muss er jetzt aktiv werden
und das ist Religion im weitesten Sinne.
Die Hypothese des Neurobiologen: Die ersten Lebewesen, die ein Bewusstsein
entwickelt haben, gehen davon aus, dass die Welt um sie herum beseelt ist;
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3. 3:30: (Illing) und dass hinter allem, was geschieht, auch diesen großen
Dingen wie ein Vulkanausbruch oder eine Sintflut, (..) das dahinter ein
großer Wille steckt. Und da hinter allem, was man selber tut, ein Wille
steckt, interpretiert man jetzt auch diese großen Ereignisse, die man
selber nicht kontrollieren kann, als einen großen Willen. Also die
Beseeltheit der Natur ist wahrscheinlich der erste Schritt zur Bildung
einer Religion.
Musik Pink Floyd Is there anybody out there?
Religion dient als Methode, Angst zu bewältigen. Das sieht auch der
Prähistoriker Hermann Parzinger so.
4. 21:20: (Parzinger)Ich habe sehr stark den Eindruck, dass es immer
wieder war, sich Dinge begreiflich zu machen, und das, was man gar
nicht verstehen konnte, in irgendeiner Form durch rituelle Handlungen,
sich bestimmte Entwicklungen, auch des Klimas, der Umwelt, gewogen
zu machen.
Die ersten Menschen wurden vor rund 10.000 Jahren sesshaft. Doch religiöse
Vorstellungen sind weit älter, sagt Hermann Parzinger, der auch Präsident der
Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist.
6. 20:00 (Parzinger) Es fängt schon sehr früh an, dass man beim Menschen
(…) spürt, er kann sich nicht alles erklären. Wir haben beim
Neandertaler die ersten Gräber, also der Neandertaler hat in gewisser
Weise das Jenseits entdeckt.
7. 0:25: (Auffermann) Wir sind hier im Neandertal-Museum im
Themenbereich Mythos und Religion, wo wir uns mit der Frage: wie alt
sind Religionen, gab es schon immer Religionen, hatten die
Neandertaler eine Religion, auseinandersetzen.
8. 9:45 Atmo Museum (Drunter legen)
Die Archäologin Bärbel Auffermann ist stellvertretende Leiterin des
Neandertal-Museum in der Nähe von Düsseldorf.
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9. 0:40 (Auffermann)Hier im Museum gehen wir davon aus, dass alle
Völker, die heute auf der Welt leben, eine Religion und auch einen
Schöpfungsmythos haben, erklären sich die Welt auf irgendeine Art und
Weise und haben auch einen Gott oder Götter, die sie anbeten.
10. 9:45 Atmo Museum (drunterlegen)
Das Problem: Erst spät in der Menschheitsgeschichte können Historiker auf
schriftliche Quellen zurückgreifen. So müssen Archäologen Ausgrabungen
und Funde interpretieren. Auch beim Neandertaler, einem Verwandten des
heutigen Menschen, der aus bislang ungeklärten Gründen vor rund 30.000
Jahren ausstarb:
11. 1:11: (Auffermann)Wir wissen, dass Neandertaler ihre Toten bestattet
haben; das zum Teil in sehr komplexen Ritualen, und da kann man dann
davon ausgehen: Wer seine Toten bestattet, der macht sich auch
Gedanken darüber, wo der Körper oder der Geist nachher hingeht nach
dem Tod und hat wahrscheinlich auch eine Jenseitsvorstellung.
50 Gräber wurden entdeckt, die man den Neandertalern zuordnen kann:
Gräber zum Teil mit Beigaben wie Schmuck und kleinen Steinwerkzeugen.
12. 3:15 (Auffermann)Vor uns sehen wir eine Neandertalerin, die trauert um
ihren toten Bruder, hat so eine leicht betende Haltung und sitzt vor einem
kleinen Erdhügel, und wenn wir uns den dazu gehörigen Audiotext
anhören, dann erfahren wir, dass ihr Bruder bei einem Jagdunfall
gestorben ist.
13. Audiotext: Kein Leben mehr in deinem Körper, Bruder. Du liegst unter der
Erde. (..) die anderen haben eine Grube gegraben, dein Fellkleid war
zerrissen, behalte es an. Wir haben gesungen und getanzt, und das
Wasser kam in meine Augen. Heute ziehen wir weiter. Du bleibst hier.
14. 4:20 (Auffermann) Es gibt sehr komplexe Totenrituale zum Teil. Wir haben
bei den Neandertalern zum Beispiel Hinweise auf
Sekundärbestattungen, (…) da wird der Tote zunächst in einem Baum
deponiert, zersetzt sich zum Teil schon und wird dann von einem Priester
wieder eingesammelt, die Überreste, und die werden von Fleisch und
Geweberesten gereinigt und die gereinigten Knochen werden erst
beigesetzt. Da müssen ja schon recht komplexe Vorstellungen dahinter
stehen.
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Weiter entwickelt wurden diese Sekundärbestattungen dann vor in der
Jungsteinzeit vor ca. 12.000 Jahren, erläutert die Religionswissenschaftlerin Ina
Wunn:
15. 10:15: (Wunn) Wenn man sich alte Gesellschaften anschaut,
neolithische Gesellschaften, da stellt man fest, dass der Tod eher etwas
ist, was zelebriert wird. Die Distanz, die zwischen erster und zweiter
Bestattung ist, spiegelt gedanklich den Weg wieder, den der Tote in die
Unterwelt zurückzulegen hat. (…) Es besteht die Vorstellung, dass der
Mensch, der die irdische Welt verlassen hat, weiter existiert, nur eben
nicht an diesem Platz, sondern an einer ganz neuen Stelle, nämlich in
der Unterwelt.
Am Anfang war der Tod. Auch der Trierer Philosoph und Religionskritiker
Michael Schmidt-Salomon sowie der Neurobiologe Robert-Benjamin Illing
gehen davon aus, dass das aufkommende Bewusstsein der eigenen
Vergänglichkeit religiös inspirierend war:
16. 25:55: (Schmidt-Salomon) Natürlich ist der Tod auch ein wesentlicher
Aspekt des religiösen Denkens. Man versucht mit diesen religiösen
Heilsgeschichten die Dramatik dieses Geschehens zu verarbeiten, und es
ist ja auch nicht leicht, Mensch zu sein in dem Bewusstsein, dass alles, was
wir lieben, was wir hegen und pflegen, dem Untergang geweiht ist.
Religionen schaffen hier die Möglichkeit, mit dieser dramatischen
Erfahrung umzugehen.
17. 1:45: (Illing) Jetzt gibt es einen Moment in der Menschheitsgeschichte, wo
den ersten Individuen deutlich wurde, dass sie sterblich sind, dass sie
verletzbar sind, und dass der Tod der definitive Endpunkt in ihrer Entwicklung
ist. Was haben diese Menschen in dieser Situation gefühlt und gedacht? Wie
haben sie diesen Ängsten entkommen können? Und es war nicht mehr so,
dass sie das gleiche Muster wie bisher mit ihrem Angstmanagement verfolgen
konnten: nämlich weglaufen oder angreifen. Aber jetzt stecken die Ängste in
uns drin, nämlich die Ängste vor der eigenen Vergänglichkeit. Und jetzt waren
wir gefragt, mit neuen Hypothesen zu arbeiten, um uns lebensfähig zu halten.
Und in diesem Bereich dürfen wir vermuten, dass erste Jenseitsideen, erste
Gottesvorstellungen sich entwickelt haben.
Musik Pink Floyd Is there anybody out there?
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Doch ob die Angst vor dem eigenen Sterben wirklich der Beginn religiöser
Vorstellungen war, das sei in der Forschung durchaus umstritten, meint der
Stuttgarter Religionswissenschaftler Michael Blume:
18. 1:36:22: (Blume) Interessanterweise ist es so, dass wir in alter Religionen
noch keine Jenseitsvorstellungen haben, da gibt es noch kein
Paradiesversprechen, das würde man ja dann erwarten. Auf der anderen
Seite sehen wir in Studien, dass es schon reicht, wenn wir Leute an ihren
eigenen Tod erinnern, dann steigt ihre Religiosität, die Bereitschaft an
religiösen Ritualen teilzunehmen.
Statt paradiesischer Jenseitsvorstellungen treffen wir zu Beginn der
Religionsgeschichte eher auf einen Ahnenkult, der durchaus angstbesetzt
war:
19. 27:15: (Schmidt-Salomon) Wahrscheinlich war die Angst vor den
Wiedergängern am Anfang der Religion. Man hat die Toten bestattet
nicht, damit sie ins Paradies kommen, sondern um zu verhindern, dass
sie wieder auferstehen und Leid über die Lebenden bringen.
20. 1:37:50(Blume) Ein Beispiel ist, dass über lange Zeit die Toten eher
gefürchtet werden. Man hat Angst, dass sie wieder auferstehen, dass sie als
Untote wiederkommen. Die moderne Vorstellung, dass wir sie wiedersehen
werden, dass wir sie in die Arme schließen können, dass wir uns darauf freuen
können, sie wieder zu sehen, die ist deutlich jünger. (…) Die Angst vor den
Toten, die haben wir schon ganz früh: dass Tote gefesselt werden, das sehen
wir da schon.
Gefesselt, damit sie als Untote keinen Schaden anrichten können. Und auch
in der Antike, bei den Juden oder Griechen, gab es eher düstere Bilder vom
Totenreich, sagt die Saarbrücker Theologin Katharina Peetz:
22. 8:10: (Peetz) Wenn wir auf den alttestamentlichen Kontext schauen, sieht
man zum Beispiel, dass die Jenseitsvorstellungen sich allmählich
herausgebildet haben. Also die Sheol, die Hölle im jüdischen Verständnis, war
zunächst ein Ort der Gottesferne. Das heißt, Gott hatte keinen Zugriff auf die
Sheol, und die Toten haben in der Sheol dahinvegetiert. Ein Ort, an dem man
von Gott getrennt ist, und man sieht in den alttestamentlichen Schriften, wie
sich das dann zunehmend entwickelt, hin zu der Vorstellung, dass die Sheol
dem Zugriff Gottes offen steht, bis hin zu der Vorstellung, dass es auch so
etwas wie ein Leben nach dem Tod gibt und eine Auferstehung.
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Wie sie dann das Christentum entwickelt hat. Das ist allerdings
menschheitsgeschichtlich eine sehr junge Religion.
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Religiöse Vorstellungen begleiten den Menschen von Beginn seiner
Geschichte an:
23. 1:20:55 (Blume) 100.000, manche sagen 150.000 Jahre ist Religion wohl alt.
Und seit ein paar Tausend Jahren ist sie ja wohl ein großer prägender
Bestandteil jeder menschlichen Kultur.
Doch nicht nur die Angst vor dem Tod war prägend für die Entstehung von
Religionen. Der Religionswissenschaftler Michael Blume nennt als einen
wesentlichen Grund die existenzielle Unsicherheit der Menschen:
24. 1:37:20: (Blume) Ich kann die bösen Dinge, die mir geschehen, deuten. Ich
kann versuchen, sie zu bannen; ich kann versuchen, die höheren Wesen zu
besänftigen mit Opfern, mit Gebeten und ich kann später sogar versuchen,
Verbündete zu gewinnen.
Verbündete im Transzendenten gegen Wetterkatastrophen, eine Art
Rückversicherung für eine gelingende Jagd oder eine gute Ernte. Der
Prähistoriker Hermann Parzinger:
25. 26:30: (Parzinger)Es ist ja auch so, dass, wenn es um Regen geht, die
Regenmacher, die es ja auch noch in späteren Naturreligionen, bei
Naturvölkern gibt, das ist etwas, was enorm wichtig ist, für das Überleben einer
Siedelgemeinschaft und dass man versucht, die Götter, wie auch immer man
sich die vorgestellt hat, sich die gewogen zu machen. Ich glaube, dass ist
eine entscheidende Triebfeder in diesem ganzen Prozess.
Und in diesem Prozess entstehen dann die ersten Kultstätten.
26. 27:50: (Parzinger) Ich glaube, dass Ritualplätze schon in der Altsteinzeit
Orte waren, an denen man versuchen wollte, auf bestimmte überirdische
Wesen Einfluss zu nehmen.
Als die Menschen vor ca. 10.-15.000 Jahren sesshaft wurden, waren sie noch
abhängiger von den Launen der Natur. Schlechtes Wetter konnte die Ernte,
die Lebensgrundlage, vernichten. Und sie mussten ihr Territorium verteidigen
gegen Angreifer. Das versuchten sie u.a. mit magischen Waffen, sagt die
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Religionswissenschaftlerin Ina Wunn. Es entstehen erste Tonfiguren und so
etwas wie Hausaltäre: oft Darstellungen von korpulenten, nackten Frauen, so
genannte Venusfigurinen.
27. 4:00 (Wunn)Wenn es so gewesen ist, dass diese Zeichen, diese Gesten
Eindringlinge abgehalten haben, (…) dann ist der Schritt zur Annahme, dass
diese Dinge gegen Bedrohliches an sich wirken, naheliegend.
Diese kleinen Tonfiguren werden als Fruchtbarkeitssymbole, aber auch als
Darstellung erster Göttinnen interpretiert. Und diese Frauenstatuetten – die
ersten werden vor rund 30.000 Jahren geformt - tauchen später auch bei den
Toten auf:
28. 5:50 (Wunn)Eine erste Kombination von mächtigen Frauenfiguren und
Bestattungen haben wir im Neolithikum, das setzt ein um 7000 vor Christus in
Anatolien.
Aber schon in der späten Eiszeit entstehen Höhlenmalereien – zum Beispiel im
Flusstal der Ardeche in der Chauvet-Höhle vor rund 30.000 Jahren:
29. 20:20 (Parzinger) Wunderbare Ausmalungen, in den hinteren
Höhlenbereichen nur vorzufinden, nicht vorne, wo das Tageslicht sie sichtbar
macht, die man also nur mit künstlichem Licht, mit einer Fackel etwa, betreten
kann, wodurch die noch mal ganz anders belebt werden. Auch das kann
man sich nicht nur als Kunst vorstellen, das waren Ritualplätze, ganz klar.
Besonders imponierend ist der Göbekli Tepe in Südostanatolien, der vor rund
12.000 Jahren entstanden ist: wahrscheinlich ein steinzeitliches Bergheiligtum.
1994 erkannte der Heidelberger Archäologe Klaus Schmidt die Bedeutung der
steinzeitlichen Fundstelle. Heute gilt Göbekli Tepe als die früheste Hochkultur
der Menschheit – offenbar mit Darstellungen von Gottheiten.
Im Prozess der Jahrtausende bilden sich differenzierte religiöse Vorstellungen
und Rituale heraus.
30. 24:05 (Parzinger) Es gibt dann gewisse Regeln, wie diese Rituale ablaufen.
Mit der Sesshaftwerdung nimmt dieses Religiös-Rituelle zu. Es gibt Orte, die
klar für den Archäologen auch nach Jahrtausenden wiederzufinden sind, ob
es Kultplätze sind, ob es Hausaltäre sind, und das geht kontinuierlich weiter.
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Die Angst mag bei der Entstehung von Religion eine große Rolle gespielt
haben; aber noch ein Punkt ist wesentlich: Religion war nie individuell zu
denken:
31. 1:25.25 (Blume) Tatsächlich wirkt bei Religiosität zusammen, dass wir
einerseits auf existentielle Unsicherheit reagieren, also auf Angst, Furcht vor
dem Tod, dem Gefühl, Dinge nicht kontrollieren zu können. Dann suchen wir
instinktiv nach Verbündeten, und das können andere Menschen sein, aber
auch höhere Wesen, an die wir uns wenden können, die wir anflehen können.
Und das wirkt zusammen: das heißt: Religionen erzeugen Netzwerke und
Gemeinschaften von Menschen, die an die gleichen höheren Wesen glauben
und deswegen intensiv zusammenarbeiten.
32. 24:35: (Schmidt-Salomon) Religion war ein Instrument, um Gruppen fester
aneinander zu binden und abzugrenzen gegenüber den Mitgliedern anderer
Gruppen.
Mit dieser bewussten Interaktion mit anderen Menschen bildeten sich vor Ort
religiöse Konzepte heraus – zunächst meist polytheistische.
34. 8:30: (Wunn) Zunächst hatte jedes Dorf, jede Siedlung ihre eigenen
übermächtigen Gestalten, die teilweise in der Unterwelt wohnten, teilweise
aber auch auf Bergen.
Monotheistische Religionen wie der Islam, das Christentum und auch das
Judentum hatte sich noch nicht herausgebildet. Michael Schmidt-Salomon:
35. 28:14 (Schmidt-Salomon) Auch das Judentum ging nicht ursprünglich von
dem einen Gott aus. Jahwe war ursprünglich ein provinzieller Berggott, der
aus politischen Gründen dann zu dem Alleinherrscher gemacht wurde. Er
hatte eine richtige Karriere gemacht. Ursprünglich ein Provinzgott, dann war er
der Stadtgott Jerusalems und später wurde er dann zum alles beherrschenden
einzigartigen Gott. Das war ein langer Prozess.
Und die ersten Gottheiten – so der Stuttgarter Michael Blume – waren
keineswegs gnädige Götter. Den „lieben Gott“ gab es erst sehr spät:
36. 1:28:20 (Blume) Tatsächlich deutet sehr vieles darauf hin: am Anfang, die
höheren Wesen, die haben Tabus bewacht, sie waren nicht unbedingt gut, sie
waren furchterregend, man hat sich besser ferngehalten, man hat versucht,
sie zu besänftigen.
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Strafende und allsehende Gottheiten dienten auch – so Religionssoziologen –
der hierarchischen Etablierung von festen Gemeinschaften. Und sie trugen
bei zur Integration nach innen, zur Abgrenzung nach außen. Religion war
schon immer wichtig für die Identitätsbildung:
37. 1:29:45 (Blume) Die klassischen Mythen sind die religiösen. Ich bin Teil des
Pilgerweges, der zur göttlichen Wahrheit hinführt. Das ist ein religiöser
Grundmythos, den wir in den Religionen haben. (…) Das stiftet Sinn.
Michael Blume räumt ein, dass es auch immer wieder nicht-religiöse Versuche
der Sinnstiftung und Identitätsbildung gegeben habe: z. B. den Nationalismus
oder den Kommunismus. Doch keiner sei langfristig so erfolgreich gewesen
wie die religiöse Sinnstiftung. Das sieht auch Michael Schmidt-Salomon so. Er
ist Sprecher der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung.
38. 29:35 (Schmidt-Salomon) Religionen haben offenkundig
evolutionsgeschichtliche Vorteile, denn sonst würden sie heute ja nicht mehr
existieren. Religionen dienen der Stabilisierung von Gruppen. Es ist nicht
entscheidend, ob die Aussagen von Religionen wahr sind, sondern es ist
entscheidend, das sich die Religion gegen andere Religionen oder gegen
andere Weltanschauungssysteme durchsetzen kann.
Michael Schmidt-Salomon geht ebenso wie die Religionswissenschaftlerin Ina
Wunn davon aus, dass es auch so etwas wie eine Evolutionsgeschichte der
Religionen gibt. Eine Art Selektionsprozess, in dem nur die religiösen Konzepte
sich durchsetzen, die den Gesellschaften und den jeweiligen Machthabern
Vorteile bringen.
39. 13:05: (Wunn)Judentum, Christentum und Islam waren deshalb so
erfolgreich, da darf man sich keinen Illusionen hingeben, weil sie politisch
große Vorteile hatten. Das Christentum wurde bald die Religion des römischen
Reiches.
Doch Religionen müssten noch mehr bieten:
40. 14:05 (Wunn) Religionen müssen das Lebensgefühl einer Zeit
wiederspiegeln, und das tun zur Zeit diese beiden monotheistischen
Religionen Christentum und Islam in ausgezeichneter Weise.
Wobei die Konzepte der Religionsgemeinschaften evolutonsgeschichtlich
immer humaner wurden: vom strafenden zum gütigen Gott, vom
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allmächtigen zum mitleidenden. Der Teufel hat fast ausgedient, die Hölle ist
nur noch lauwarm. Vor allem die christliche Religion hat an Schärfe verloren.
Musik: Herr, Deine Liebe ist wie Gras und Ufer
41. 1:33:00 (Blume) Man kann sagen: Dort, wo Religion kombiniert wird mit
existenzieller Sicherheit, also wo die Leute nicht mehr glauben müssen, weil
sie verängstigt sind und strikte Gemeinschaft und Wegweisung brauchen,
sondern weil sie es freiwillig tun und als zweites, wenn sie auch gebildet sind,
wenn Menschen gelernt haben zu reflektieren, zu hinterfragen, dann wird
Religion humanisiert.
Als Beispiel führt Michael Blume den so genannten Euro-Islam an, wie er sich
an deutschen Universitäten entwickelt. Dennoch gibt es natürlich auch
gegenläufige Tendenzen: das krude religiöse Verständnis des Islamischen
Staates zum Beispiel. Möglicherweise sind das Rückzugsgefechte, die
Anhänger fundamentalistischer Strömungen unternehmen den verzweifelten
Versuch, scheinbare Fundamente zu sichern.
Musik Pink Floyd Is there anybody out there?
Religionswissenschaftler, Biologen, Philosophen sprechen von einer Evolution
der Religionen.
46. 9:40 (Illing)Die Theologen sehen da einen Widerspruch, weil sie diese
naturalistische Sichtweise nicht teilen, weil sie an Dinge wie Offenbarung
glauben, an originale Dokumente von Gottes Wort.
Sprecher:
Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater
denn durch mich.
Johannesevangelium Kapitel 14, Vers 6
47. 10:00 (Illing) Solche Dinge kommen nicht vor in diesem evolutionären
Ansatz. Der geht andersherum: wir bilden den Gottesgedanken, so wie wir
den Freiheitsgedanken bilden oder die Vorstellung einer Seele. (…) Wir bilden
diesen Gedanken, und dann prüfen wir das Universum, ob für diesen
Gedanken Platz ist. Wenn dieser Platz gefunden wird wie so eine Art
ökologischer Nische, dann können wir sagen, dass Universum hat die
Möglichkeit vorgesehen, dass wir einen Gottesgedanken pflegen und damit
besser leben als ohne. Und dass ist für mich der Kulminationspunkt zu sagen:
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es ist sinnvoll, von einem Gott zu reden. Nicht durch Offenbarung, sondern
weil der Gottesgedanke uns hilft im Leben.
Für den Neurobiologen ist Religion vor allem ein Konzept, eine Lebensbrücke.
48. 13:25: (Illing)Ich würde mich nicht als Atheisten bezeichnen, aber
gleichzeitig sagen: Gott ist eine Konstruktion, aber eine, die sich großartig
bewährt hat.
Aber wenn Gott nur eine Konstruktion ist - braucht der Mensch dann heute
noch Religion?
49. 15:50: (Wunn) Ich bin der Überzeugung, dass er sie – biologisch gesehen –
nicht braucht.
Meint die Religionswissenschaftlerin Ina Wunn.
50. 16:05 Solche Staaten wie die Sowjetunion oder der gesamte Ostblock
haben ja gezeigt, dass man Religion fast zum Verschwinden bringen lassen
kann. Die Frage ist nur: was steht an deren Stelle? Menschen brauchen
sicherlich einen Halt, einen Trost, Menschen brauchen Ideologien,
möglicherweise kann ein Fußballverein einen gewissen Ersatz leisten, aber es
ist wahrscheinlicher, dass andere gefährliche Ideologien aufkommen wie
eben auch die Ideologie des Nationalstaats.
Dann doch lieber die Religionen? Zumal Ina Wunn davon überzeugt ist, dass
sie nicht aussterben, sich aber dramatisch verändern werden:
51. 17:00 (Wunn)wir werden nicht mehr die festgefügten Religionen haben,
wie wir sie aus der Vergangenheit gewohnt sind, sondern heute kann sich
jeder unter den verschiedenen Sinnanbietern bedienen und wir werden
sicherlich irgendwann ein Konglomerat von verschiedenen
Glaubensvorstellungen haben, so dass jemand, der sich als Christ bezeichnet,
möglicherweise auch an die Wiedergeburt glaubt.
Die Religionen verlieren tendenziell ihre strenge Dogmatik; sie müssen sich –
zumindest in den westlichen Gesellschaften – öffnen. Und sie werden heute –
was Jahrtausende nicht vorstellbar war – individuell gelebt. Wird die Religion
damit irgendwann überflüssig?
52. 20:20 (Peetz) Ich als Theologin würde sagen: Nein.
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Meint die Saarbrückerin Katarina Peetz.
53. 0:25: Weil Religion auf wichtige Fragen von Menschen antwortet. Also auf
ihre Fragen: warum sind wir hier? Wohin gehen wir? Was können wir hoffen?
Wie können wir uns in unserem Zusammenleben gut verhalten? Das sind für
mich ganz wichtige und wesentliche Punkte, wo eine religiöse Haltung einen
weiterbringt.
Musik Pink Floyd Is there anybody out there?
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