Barfußpolitik?! - Institut Prozessarbeit

INNEN-AUSSEN-POLITIK: aufs Ganze gehen
Barfußpolitik?!
INTEGRATIONSPOLITIK: Räume zum Landen
MUTOPIEN: ins Leben träumen
NETZ: Kunst, Natur, Kommunikation
www.tau-magazin.net
Heft 08, 2015
8€
Innere und äußere Arbeit mit Unterdrückung
Der Mainstream eines jeden Landes neigt dazu, die Wut der unterdrückten Klassen zu unterdrücken. Politik und Psychologie drängen Außenseiter dazu, sich zu assimilieren und zu integrieren. Um selbst nicht
in einer Position stecken zu bleiben und verschiedene Standpunkte zu sehen, braucht es neben der politischen Bewusstseinsbildung auch innere Arbeit.
Arnold Mindell ist ein USamerikanischer Schriftsteller und
Begründer der prozessorientierten Psychologie (POP). Seine 19
Bücher wurden in 20 Sprachen
veröffentlicht.
Mehr Infos:
www.aamindell.net
www.institut-prozessarbeit.ch
Viele Menschen haben Angst hervorzutreten und Gruppen
zu facilitieren. Es gibt gute Gründe, Gruppen zu fürchten;
ihre potenzielle Macht ist enorm. Sie können im Facilitator
das Gefühl entstehen lassen, dominiert, bewertet oder beschämt zu werden. Die Angst vor Konflikten ist einer der
Gründe dafür, dass Regierungen wenig Toleranz gegenüber
anderen Meinungen, Wut und Revolte gezeigt haben. Die
Menschen fühlen sich gezwungen, zu Mitteln wie Krawall,
bürgerlichem Ungehorsam und Revolution zu greifen, um
gehört zu werden und sozialen Wandel zu schaffen. Bevor
wir Gemeinschaften durch Konflikt transformieren können,
müssen wir in der Lage sein, ihn selbst zu überleben. Eine
besondere Form von innerer Arbeit ist
notwendig, um uns in Älteste zu transformieren, die im Feuer sitzen können. Ohne
eine solche Transformation werden wir fortfahren, unsere
Wahrnehmung von Spannungen in und zwischen Gruppen zu unterdrücken, und dadurch die Probleme der Welt
aufrechterhalten.
Vor kurzem facilitierten meine Partnerin Amy und ich eine
Versammlung in den Vereinigten Staaten, während der Rassenprobleme aufkamen zwischen schwarzen und weißen
Lesben. Die Interaktionen zwischen diesen Frauen waren
hitzig, doch ihre Flexibilität schuf eine emotionale und berührende Lösung. Fast alle Anwesenden fühlten sich erleichtert. Zu unserer Überraschung stand ein weißer Mann
auf und sagte, er sei verärgert darüber, dass ich den Konflikt
zwischen den beiden Frauen überhaupt erst habe aufkommen lassen. Er deutete an, ihrer hitzigen Art den Konflikt
zu lösen hätte nicht nachgegeben werden dürfen. „Warum
musste ein solch offener Konflikt überhaupt auftreten?“
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Er zitterte am ganzen Körper, als er all seinen Mut zusammennahm, um uns zu sagen, dass er und seine Frau „den
besten Kreisen in den Vereinigten Staaten und Europa“
angehört hätten. Sie hätten bei großen Gurus und internationalen Führungspersönlichkeiten gelernt und niemals
vorher solche Schwierigkeiten in einer Gruppe erlebt. Mir
wurde bewusst, dass seine Welt verletzt worden war durch
die Offenheit der Frauen den Spannungen gegenüber. Er
war wütend auf Amy und mich, da wir seine Welt und deren
kulturelle Normen nicht wiederhergestellt hatten. Es ärgerte
ihn, dass das Thema Homosexualität aufgeworfen worden
war. Das Ganze wurde noch schlimmer dadurch, dass die
Frauen sich lautstark darüber äußerten. Er wurde gezwungen, über Probleme „anderer“ nachzudenken, von denen er
dachte, sie seien nicht seine eigenen.
Anstatt mich zu verteidigen oder ihn zu attackieren wegen
seiner Gleichgültigkeit den Problemen gegenüber, versuchte
ich, seiner Kritik zuzuhören und sicherzugehen, dass ich ihn
verstand. Denn wenn ich ihn nicht verstehen konnte, wie
konnte ich dann von ihm verlangen, er solle andere verstehen? Als er aufhörte zu sprechen, sagte ich ihm, ich würde
mit seinen Ansichten nicht übereinstimmen. Ich dankte
ihm, dass er sie mitgeteilt hatte. Ich sagte ihm, ich sei froh,
dass er gesprochen habe. Wir bräuchten seinen
Standpunkt. Ich sagte, ich würde mir der Interessen,
die er repräsentierte, in Zukunft bewusster sein. Er freute
sich über meine Aufmerksamkeit. Er verkündete stolz, es sei
an der Zeit, dass seine Stimme genauso gehört würde wie
die der anderen.
Heft08
2015
Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer an diesem Treffen
stimmten nicht mit ihm überein und sagten, er sei ein typischer weißer Mann. Andere interessierten sich für Offenheit
der öffentlichen Meinung gegenüber und freuten sich über
die Darlegung verschiedener Meinungen. Alle wurden in
ein erregtes Gespräch verwickelt, und der Tag endete mit
einer ungewöhnlichen Offenheit hitzigen Diskussionen
gegenüber.
Doch ich war unglücklich. Ich ging nach Hause,
verletzt und deprimiert, und ließ den Kopf hängen. Ich war
schon oft in Gruppen einer solchen Kritik ausgesetzt gewesen, doch irgendetwas, das ich nicht genau identifizieren
konnte, machte mich so traurig, dass ich Amy bat, mir zu
helfen, mit meinen Gefühlen zu arbeiten. Hatte ich meine
Wut auf den Mann wegen der verletzenden Ansichten über
Frauen unterdrückt? Ich wusste, dass seine Meinungen mich
wütend gemacht hatten, aber da war noch etwas anderes.
Amy schlug Folgendes vor:
Eine innere Übung, um Stimmungen zu klären ...
Amy sagte: „Stell dir eine schwierige Szene vor. Es kann
irgendeine Szene sein, die dich in einen schmerzhaften Gefühlszustand versetzt.“ – Ich sah mich in einer Szene vom
Nachmittag, als der Mann mich kritisierte. – „Nun schau
auf einen Teil deines Körpers, der dich interessiert“, sagte
sie. – Vor meinem geistigen Auge sah ich mich deprimiert
sitzen. Ich konzentrierte mich auf meinen Kopf, der tief herabzuhängen schien. – „Sei geduldig. Versuche, etwas Neues
zu beobachten in dieser Gegend deines Körpers, etwas, was
du noch nie vorher gesehen hast. Es kann eine Minute oder
zwei dauern.“ – Zu meiner Überraschung sah ich eine Guillotine über mir hängen wie jene, die Jahrhunderte vorher in
Europa benutzt worden waren, um die Köpfe von Menschen
abzutrennen. – „Lass die Geschichte dieses Neuen sich
entfalten“, sagte Amy. – Ich erschauderte. Ich konnte kaum
hinsehen. Doch dann sah ich die Klinge herunterkommen.
Ich wurde in meiner Vorstellung enthauptet, weil ich ein Sozialaktivist war, der für
die Demokratie und gegen die Monarchie
gearbeitet hatte.
Doch was hatte meinen Kopf abgetrennt? Nicht der König,
sondern ein großer Geist. Die Szene wurde immer seltsamer. Die Geschichte entfaltete sich weiter. Ich sah mich,
wiedergeboren in einem neuen Körper. In meiner Phantasie
war die Zeit nicht länger das historische Europa, sondern
die amerikanische Revolution. Ich hatte eine neue Persönlichkeit. Wieder war ich ein Sozialaktivist, aber viel älter.
Als diese ältere Person arbeitete ich nicht nur für die Unterdrückten, sondern war fähig, alle, Unterdrückende und
Unterdrückte, gleichermaßen als meine Kinder zu sehen.
Plötzlich verstand ich meine Gefühle. Der Mann, der
mich am Nachmittag kritisiert hatte, verband mich mit meiner Traurigkeit darüber,
einseitig zu sein. Etwas tief in mir wollte sozusagen
meinen eigenen Kopf abtrennen oder meine Meinung ändern. Mit anderen Worten, ich ärgerte mich unbewusst
über mich selbst, weil ich insgeheim so weit Partei ergriffen
hatte für die Probleme der Unterdrückten, dass ich mich
nicht mehr in jemand anderen hineinversetzen konnte. Dieses Problem reichte weit zurück in meine eigene Geschichte
sozialer Unterdrückung. Nun bestand ich auf Wachstum,
damit ich nicht mehr gezwungen sein würde, Menschen, die
die öffentliche Meinung vertreten, Widerstand zu leisten.
Als wir am nächsten Morgen begannen, war
ich zu allem bereit. Der Mann, der mich
Barfußpolikritisiert hatte, stand auf, bevor ich
tisch
bin ich, wenn ich
überhaupt gesprochen hatte, und sagte
im Kontakt mit dem Boden
allen, wie gut er sich fühle und wie
bin.
Es bedeutet, nicht zugeknöpft
viel er am Tag zuvor gelernt habe.
Ich war überrascht und weinte
zu sein, ohne Vorstellungen, wie
vor Freude. Auch ich erzählte
Dinge auszusehen haben. Es bedeutet,
der Gruppe, was ich
einfach auf der Erde zu gehen und in
gelernt hatte.
Verbindung mit allem um mich herum zu
bleiben. Alexandra Vassiliou –s. S. 9
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