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WAS UNS BEWEGT.
Das Magazin 2014 der HARTMANN GRUPPE
+
EIN VIRUS AUF
WELTREISE
Die Geschichte der
Schweinegrippe
DER FABELHAFTE
MR. TOILET
Jack Sim und das
Toilettentabu
IM EINSATZ GEGEN
DIE KEIME
Zu Besuch im BODE
SCIENCE CENTER
HERAUSFORDERUNG
Hygiene
Vom Alltagsritual bis zum Infektionsschutz in
der Klinik: Hygiene ist mehr als Sauberkeit
EDITORIAL
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
1
Liebe Leserin,
lieber Leser,
Hygiene ist ein facettenreiches Thema. Sie beschäftigt uns
als Individuum, etwa wenn wir morgens unter der Dusche
stehen. Sie beschäftigt uns im Beruf, wenn man wie viele
unserer Kunden – und auch ich zu Beginn meines Berufslebens – im Krankenhaus oder Pflegeheim tätig ist. Und sie
beschäftigt Unternehmen wie HARTMANN, die Hygieneprodukte entwickeln und Kunden im Hygienemanagement
unterstützen. Ein Nischenthema? Keinesfalls: Hygiene ist
gesellschaftlich hoch relevant. Wo Keime sich ausbreiten
können, weil es an der richtigen Ausstattung oder dem
nötigen Wissen fehlt, ist die Gesundheit in Gefahr. Noch immer sterben jedes Jahr unzählige Kinder weltweit, weil kein
sauberes Wasser zur Verfügung steht. Auch in entwickelten
Ländern ist und bleibt Hygiene eine Herausforderung. Erst
recht, wenn das Gesundheitswesen finanziell unter Druck
steht und es immer mehr antibiotikaresistente Keime gibt.
Die gute Nachricht: Hygiene ist machbar, häufig mit einfachen Mitteln. Als ein führender Anbieter von medizinischen
und pflegerischen Angeboten sieht HARTMANN sich hier
in der Pflicht. Wir haben das Know-how, um einen wesentlichen Beitrag für mehr Hygiene zu leisten: Mit Produkten,
die im oft hektischen Klinik- und Heimalltag einfach zu
handhaben sind und höchste Qualitätsstandards erfüllen.
„HARTMANN entwickelt sich
weiter. Auf klare Ziele fokussiert,
immer mit Blick auf den
Mehrwert für unsere Kunden.“
VARIANTENREICH
Escherichia coli
Gramnegatives Bakterium,
das im menschlichen Dickdarm
zum Beispiel die Herstellung
von Vitaminen unterstützt.
Außerhalb des Darms
können die Bakterien unter
anderem Harnwegsinfektionen
hervorrufen. Einige Stämme
lösen Darmerkrankungen aus.
Andreas Joehle führt die HARTMANN GRUPPE seit 1. Juli 2013.
Mit wissenschaftlich fundierter, praxisorientierter Beratung,
wie sie etwa das BODE SCIENCE CENTER bietet. Und mit
professionellen Systemlösungen, orientiert an den Prozessen
unserer Kunden. Wirtschaftlichkeit und Patientenwohl sind
keine Gegensätze – das ist und bleibt stets unser Anspruch.
Viele der Geschichten über HARTMANN in dieser Ausgabe sind Ausdruck dieser Haltung. So wie es der Anspruch
dieses Magazins ist, blicken wir wieder über den Tellerrand:
Unsere Autoren nehmen Sie mit in die Labore der Wissenschaft und berichten über ungewöhnliche Persönlichkeiten.
Etwa über den Singapurer Jack Sim, der sich als „Mr. Toilet“
für saubere Toiletten einsetzt, oder die Amerikanerin Sylvia
Branzei, die Kindern mithilfe skurriler Experimente Hygieneregeln vermittelt. Wir lassen Hygienefachleute zu Wort
kommen, begleiten einen Mann, der seinen Waschzwang
überwunden hat, und setzen uns satirisch mit der Frage auseinander, wie sinnvoll es wäre, in der Hygiene ausschließlich
auf Mehrwegprodukte zu vertrauen.
Wie Sie sehen, gehen wir bei der Gestaltung dieser dritten
Ausgabe unseres Konzernmagazins neue Wege. Mit starken
Bildern, einer übersichtlichen Leseführung und hoher journalistischer Qualität wollen wir Ihnen noch besser vermitteln,
„was uns bewegt“. HARTMANN entwickelt sich weiter, das
zeigt auch unser Magazin: Gestalterisch und strategisch, auf
klare Ziele fokussiert und immer mit Blick auf den Mehrwert
für unsere Kunden.
Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre!
Mehr zur Entwicklung der PAUL HARTMANN AG
lesen Sie im Geschäftsbericht 2013,
www.hartmann.info
ANDREAS JOEHLE
CEO der HARTMANN GRUPPE
THEMEN DER AUSGABE 2014
THEMEN DER AUSGABE 2014
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
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3
2
+
HERAUSFORDERUNG
HELFEN
HANDELN
Hygiene
S.
S.
42
HERAUSGEBER
PAUL HARTMANN AG,
Heidenheim, Deutschland
Idee & Konzept
Matthias Mietka
Projektsteuerung
Anja Krey
42
PLANUNG & REALISATION
Rat für Ruhm und Ehre GmbH,
Düsseldorf
Chefredaktion
Myrto-Christina Athanassiou
MR. TOILETS MISSION
Der Singapurer Jack Sim
kämpft für mehr Toiletten.
S.
KREATION
Ziegler, Berlin
Entwicklung & Kreativ-Direktion
Angela Ziegler
Gestaltung
Bettina Keim, Angela Ziegler
Bildredaktion
Anne Grobler, Max Miller
48
EINE SAUBERE SACHE
Das Qualitätsmanagement
von HARTMANN sorgt für
einwandfreie Produkte.
S.
S.
S.
1
+
S.
S.
S.
16
IM EINSATZ GEGEN KEIME
Vermittler zwischen
Wissenschaft und
Anwendern: zu Besuch
im BODE SCIENCE
CENTER.
S.
S.
30
S.
64
3
SAUBERKEIT ALS OBSESSION
Putz- und Waschzwänge
sind schwer zu überwinden.
Holger Müller hat es
geschafft.
S.
S.
60
KEIME ÜBERALL
Internationale Hygieneherausforderungen.
72
S.
S.
72
SURVIVAL-KIT FÜR
WELTENBUMMLER
Was bei Reisen in exotische
Länder ins Gepäck gehört.
74
DAS WELTENRETTER-DILEMMA
Einweg oder Mehrweg?
Einsichten eines Satirikers.
78
VON SCHLEUSEN
UND SCHWÄMMEN
Worauf es bei der Lebensmittelhygiene ankommt.
S.
82
MEHR ALS NUR
KEIMFREIHEIT
Hygiene im übertragenen Sinn.
36
WIE VIEL IST ZU VIEL?
Kann man Hygiene auch
übertreiben? Zwei
prominente Wissenschaftler
nehmen Stellung.
S.
38
VORSICHT, FALLE!
Eine Auswahl der beliebtesten Hygieneirrtümer.
S.
LEBEN
LEBEN LASSEN
LEHRSTUNDE BEI
FRAU BRANZEI
Eine Amerikanerin
begeistert Kinder mit
ekligen Experimenten.
S.
LITHOGRAFIE
Atelier am Schloßberg GmbH,
Stuttgart
+
24
EIN VIRUS AUF WELTREISE
Die Schweinegrippe ist der
aktuellste Fall einer
Pandemie. Eine Chronik
der Ereignisse.
S.
LEKTORAT
Textklinik GmbH, Düsseldorf
58
D
S.
30
54
SAUBERMÄNNER UND ÜBERSENSIBLE
Das individuelle Hygiene-Empfinden kann sehr
unterschiedlich sein. Vier typische Charaktere im Porträt.
38
14
WUNDERWERK DER NATUR
Wie schützt der Körper
sich vor Krankheitserregern?
Ein Überblick.
AUTOREN
Myrto-Christina Athanassiou,
Dr. Werner Bartens, Dietmar Bittrich,
Simone Flattich, Prof. Dr. Detlev Ganten,
Stefan Grönke, Sepideh Honarbacht,
Brigitte Lohmanns, Sophie Mühlmann,
Prof. John Oxford, Melanie Rübartsch,
Kerstin Zilm
ANGST VORM VOLLBAD
Statt aufs Waschen setzte
man zu Casanovas Zeiten auf
Rauch und Leinenhemden.
ENTDECKEN
ERFORSCHEN
S.
50
„DIE HAUSSPITZE MUSS
MIT INS BOOT“
Ein Expertengespräch
über Hygienestandards in
Heimen und Kliniken.
24
S.
16
S.
78
IMPRESSUM
84
WIR WOLLEN GEGNER!
Dr. Werner Bartens
findet, dass die
Menschheit es den
Keimen zu leicht
macht.
DRUCK
frey+mareis - druck+medien GmbH,
Ulm
BILDNACHWEISE
Titelseite: David Maupilé,
S. 2: Getty Images, S. 3: KD Busch,
S. 4 – 5: Corbis, Sabine Hecher, Jim
Ingraham, Samuel Zuder, laif, Getty Images,
S. 6 – 13: imagebroker/ Frank Bienewald,
Martin Langer/ Agentur Focus, Boisvieux/
hemis.fr/ laif, Melvyn Longhurst/ Corbis, S.
14 – 15: akg-images (2), keystone, Interfoto (2), Quagga Illustrations, S. 26 – 27:
Science Faction/ Masterfile, S. 30 – 31:
Science Faction/ Masterfile, blickwinkel,
S. 40 – 41: Getty Images (2),
Gallerystock, S. 42 – 43: F1online,
Getty Images (4), bpk, GlowImages,
S. 44 – 49: Jim Orca, Getty Images (3),
Corbis, privat, S. 62 – 63: F1online, Okapia,
laif, S. 64 – 65: F1online, Getty Images,
dpa (2), Dave King, Interfoto (2), S. 74 –
75: PR (8), Mauritius, S.80 – 83: Mauritius,
Gallerystock, Glow Images, Getty Images, S.
84 – 85: Plainpicture, Getty Images (2),
S. 86: Intertopics
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird
an mehreren Stellen im Text nur die männliche
Sprachform verwendet. Selbstverständlich
werden damit beide Geschlechter gleichermaßen angesprochen.
RITUALE DER HYGIENE
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
4
Das spirituelle Bad der Hindus
L
aut der hinduistischen Mythologie stritten sich die Götter und Dämonen einst um einen Krug Nektar. Dabei fielen einige Tropfen dort auf die Erde, wo heute die indischen
Städte Allahabad, Nashik, Ujjain und Haridwar liegen. Alle paar Jahre, wenn Sonne, Mond und Jupiter in einem bestimmten Winkel zueinander stehen, pilgern Millionen
Menschen in eine der vier Städte, um die größte religiöse Feier der Welt zu begehen: das Fest des Kruges, die Maha Kumbh Mela. Höhepunkt ist das große Bad Snan parva,
ein spirituelles Hygieneritual. Am Zusammenfluss von Ganges, Yamuna und dem mythischen Strom Sarasvati steigen tausende in die Fluten, um sich von allen weltlichen
Sünden zu reinigen. Dass das Wasser der Flüsse stark verschmutzt ist, stört die Gläubigen nicht. 34 Millionen Menschen kamen 2013 zur Maha Kumbh Mela nach Allahabad.
Jeden Tag aufs Neue
K
örperhygiene ist für viele ein tägliches Ritual. Die meisten Europäer verbringen jeden Tag eine halbe Stunde damit, sich zu duschen, zu rasieren, ihr Gesicht zu reinigen
oder sich einzucremen. Zwei Drittel greifen zudem mindestens morgens und abends zur Zahnbürste. Eltern und Kindertagesstätten legen viel Wert darauf, schon den
Kleinsten die richtigen Abläufe beim Zähneputzen beizubringen. Den Zeitaufwand für Körperhygiene empfindet die Mehrheit als gut investiert: Über die Hälfte der Europäer
sagen, dass sie sich gerne mit der Pflege ihres Äußeren zu beschäftigen. Seit Jahren steigen weltweit auch die Ausgaben für entsprechende Produkte: Die Deutschen zum
Beispiel gaben 2013 fast 1,4 Milliarden Euro allein für Zahn- und Mundpflegemittel aus. Fast überall investieren Frauen im Schnitt mehr Geld in Körperhygiene als Männer.
Wellness auf Japanisch
W eil Japan auf vulkanisch aktivem Gebiet liegt, finden sich fast überall im Land so genannte Onsen: Kurorte mit zahlreichen Thermalquellen, in denen Geschäftspartner,
Paare, Familien und Freundesgruppen sich ganz der Reinigung und Entspannung hingeben. Allein die Onsen-Hochburg Beppu auf der Insel Kyūshū zählt über 2.000
Thermalquellen und 170 öffentliche Bäder. Bereits die Samurai stiegen hier nach dem Kampf ins heiße Wasser, um sich symbolisch von den Spuren ihrer Kämpfe zu reinigen
und ihre Wunden zu pflegen. Noch heute sind außerdem Sand- oder Schlammbäder beliebt. Vor dem Eintauchen ins Onsen-Becken schreibt das Ritual eine gründliche
Körperreinigung vor, die im Sitzen auf einer kleinen Bank absolviert wird. Das Bad selbst genießen Männer und Frauen getrennt – und möglichst in absoluter Ruhe.
Fegen fürs Karma
D
en öffentlichen Raum sauber zu halten, gilt in vielen Kulturen als Zeichen des Respekts vor Umwelt und Mitmenschen. Auch ihre Götter stimmen Gläubige in
diversen Religionen gnädig, wenn sie gemeinschaftlich genutzte Orte von Schmutz und Unrat befreien. In Myanmar zum Beispiel, auf dem Platz vor der berühmten
Shwedagon-Pagode in Yangon, versammeln sich tagtäglich Bürger zur ehrenamtlichen, rituellen Straßenreinigung: Kurz vor Sonnenuntergang sieht man dort lange
Reihen von Burmesen den Staub des vergangenen Tages beseitigen. Wer den Platz vor Myanmars berühmtem buddhistischem Wahrzeichen fegt, vollbringt der Überlieferung
nach eine gute Tat, die sich positiv auf die spirituelle Entfaltung auswirkt. Er verbessert sein Karma und darf darauf hoffen, im nächsten Leben viel Glück zu haben.
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
W
ENTDECKEN + ERFORSCHEN
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
ENTDECKEN + ERFORSCHEN
12
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„Möge im Kriege gegen
die kleinsten, aber
gefährlichsten Feinde des
Menschen eine Nation
die andere überflügeln.“
ROBERT KOCH
Wegbereiter der Infektionslehre
— Robert Koch (1843 bis 1910)
Der deutsche Mediziner und Mikrobiologe gilt als
Mitbegründer der Bakteriologie. Er hat die Infektionslehre und den Aufbau der Tropenmedizin geprägt.
ENTDECKEN +
ERFORSCHEN
Ohne die Fortschritte der Wissenschaft wüsste die Menschheit
noch heute nicht, warum Hygiene überlebenswichtig ist. Medizin
und Mikrobiologie, akribische Laborarbeit und Experimente
weisen den Weg in eine Welt mit weniger Infektionen.
BACILLUS ANTHRACIS +
MYCOBACTERIUM
TUBERCULOSIS
Koch hat sowohl
den Erreger von
Milzbrand als auch
den von
Tuberkulose
entdeckt.
ROBERT-KOCH-INSTITUT
Grundlagenforschung
1891 wird die Einrichtung als
Königlich Preußisches Institut
für Infektionskrankheiten eröffnet.
Hier entwickelt Koch etwa
Nährböden zur Züchtung von
Bakterien und führt die
Mikrofotografie ein.
24. MÄRZ
WeltTuberkuloseTag
1905
Nobelpreis
für Medizin
Insekten können
Erreger von Infektionen
wie Malaria oder
Schlafkrankheit
übertragen.
Das Nobelpreiskomitee
zeichnet den Wissenschaftler
für seine Entdeckungen zur
Tuberkulose aus.
1882 gibt Robert Koch
an diesem Tag offiziell
die Entdeckung des
Tuberkelbazillus
bekannt.
1883
Reise nach Ägypten
und Indien
Der Tropenmediziner unternimmt
regelmäßig Expeditionen. Er isoliert als
Erster den Cholera-Erreger und treibt die
Erforschung der Schlafkrankheit voran.
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
ENTDECKEN + ERFORSCHEN
ENTDECKEN + ERFORSCHEN
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Auge
Lid und Wimpern verhindern, dass
Fremdkörper ins Innere des Auges gelangen.
Zudem enthält die Tränenflüssigkeit ein
Enzym, das Bakterien abtötet.
Mandeln
Ein
Wunderwerk
der Natur
Luftröhre
Speiseröhre
Nase
Bauchspeicheldrüse
Dickdarm
Dünndarm
Lymphknoten
Text: Melanie Rübartsch — Infografik: Sabine Hecher
Die Haut –
unser großer Schutzmantel
Bronchien
Leber
Milz
Magen
Unser Körper hat einen vielschichtigen
Schutz gegen Angriffe von Keimen
aufgebaut. Anatomische Barrieren, die
natürliche Bakterienflora und
Abwehrmechanismen der Zellen halten
Krankheitserreger unter Kontrolle.
Fremdkörper aus der Atemluft bleiben an
der Nasenschleimhaut hängen. Die Nasenflimmerhärchen der Schleimhaut bewegen sich
konstant in Richtung Rachen. Dort wird ein
Teil der Partikel wieder hinausgehustet.
Lunge
D
ie Haut ist mit 20 Prozent
des Körpergewichts und
zwei Quadratmetern Fläche das
größte und vielseitigste Organ
des Menschen – und zugleich
die größte äußere Barriere gegen
Keime. Zum Schutz verfügt sie
über ein ausgeklügeltes biochemisches Abwehrsystem: Ihre
Oberfläche ist von einem Säureschutzmantel und hauteigenen
Lipiden umgeben. Gemeinsam
mit den Hornzellen wirken sie in
der Oberhaut so robust wie ein
Backstein-Zement-Modell: Die
Lipide setzen sich wie Mörtel
zwischen die Hornzellverbände
und machen sie undurchlässig.
So geht weniger körpereigene
Flüssigkeit verloren und der
Organismus wird vor Austrocknung geschützt.
Dringen trotzdem Erreger
in die Haut ein, werden die so
genannten Langerhans-Zellen
aktiv. Bis zu 800 dieser Abwehr-
zellen siedeln sich netzförmig
auf einem Quadratzentimeter
Haut an. Sie wecken die
Wächterzellen und stoßen damit
die Immunreaktion auf fremde
Zellen an. Dafür wandern sie von
der Oberhaut ins Lymphsystem
zu einem Lymphknoten.
Nur gesunde Haut hält den
täglichen Belastungen stand.
Die Pflege mit schützenden
und regenerierenden Produkten
ist daher unerlässlich.
Unser Speichel enthält
spezielle Eiweißstoffe, so
genannte Muzine, die sich
als schützende Schicht über
Mundschleimhaut, Zunge und
Zähne legen und den Angriff
etwa von Säuremolekülen
abpuffern. Außerdem befinden
sich im Speichel Enzyme,
Moleküle und Proteine,
die antibakteriell wirken.
Hornschicht
Oberhaut
Epidermis
Lymphgefäße
Lederhaut
Dermis
Unterhaut
Subcutis
Blutgefäße
Haarwurzel
Muskel
Fettgewebe
Atmung
Beim Atmen bleiben Mikroorganismen an winzigen Härchen in der
Luftröhre hängen. Schleim und
Flimmerhärchen, die so genannten
Zilien, transportieren Keime wie
eine Art Kehrmaschine aus den
Bronchien heraus.
Lymphen
In Lymphknoten und Milz sammeln
sich B-Lymphozyten und bilden
Antikörper gegen Erreger. In den
Lymphknoten sind außerdem
Fresszellen aktiv. Diese so
genannten Makrophagen reinigen
die Gewebeflüssigkeit und leiten
Partikel der Fremdkörper an die
T-Lymphozyten weiter, die Killerzellen, die Erreger unschädlich
machen können. Eine wichtige
Rolle in der Immunabwehr spielen
zudem die Wächterzellen, die durchs
gesamte Gewebe patrouillieren und
bei Fremdkörpern Alarm schlagen.
Mund
Füße
Hält der Druck auf die Haut länger an,
verdickt sich die tiefer liegende Hornschicht. Die Fußsohlen sind daher mit
einer gleichmäßigen Hornhaut geschützt.
Die natürliche Abwehr durch die Haut
wird jedoch häufig im Fußbereich gestört,
zum Beispiel durch zu enge oder luftundurchlässige Schuhe, in denen der
Fuß zu schwitzen beginnt.
Blut
Verdauung
Hände
Können Erreger die anatomischen Barrieren
überwinden, greifen die nächsten Stufen des
Immunsystems. Alle Zellen, die der Körper für die
Abwehr braucht, transportiert das Blut – etwa
die Killer-, Wächter- und Fresszellen.
Gelangen fremde Erreger in den Magen, greift die Magensäure sie an. Nächste Station ist der Darm: Mehr als tausend
Arten und bis zu eine Billion Bakterien tummeln sich in
einem Gramm Darminhalt. Die Mikroben bilden einen
Schutzfilm, der gefährliche Keime in Schach hält.
Die Haut ist an den Handinnenflächen besonders
dick und verfügt damit über eine starke Keimbarriere. Amerikanische Forscher haben 2008
allein über 4.700 Bakterienarten identifiziert,
die die Handinnenflächen besiedeln.
ENTDECKEN + ERFORSCHEN
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
17
Im Einsatz
gegen die Keime
Immer mehr Menschen infizieren sich gerade dort, wo sie es nicht erwarten –
im Krankenhaus. Die Zahl multiresistenter Keime, gegen die Antibiotika nicht mehr
wirken, nimmt weltweit zu. Aufzuhalten ist dieser Trend nicht mehr, bessere
Hygienemaßnahmen können ihn jedoch verlangsamen.
Text: Brigitte Lohmanns — Foto: Samuel Zuder
I
m Hamburger Stadtteil Stellingen, im
Nordwesten der Hansestadt, befi ndet
sich das 2011 von HARTMANN und
seinem Tochterunternehmen BODE
gegründete BODE SCIENCE CENTER, ein Kompetenzzentrum innerhalb
der HARTMANN GRUPPE. Das
11-köpfige Team aus Wissenschaftlern,
Laborkräften, Beratern sowie Kommunikations- und Marketingexperten
arbeitet dort gemeinsam daran,
Menschen besser vor Infektionen
zu schützen. Ein Besuch vor Ort.
hilft meinen Kolleginnen und mir sehr.
Wir können dadurch viel gezielter
nachfragen und helfen.“
Die promovierte Biologin arbeitet
seit zwei Jahren im Beratungsteam
des BODE SCIENCE CENTERS.
Insgesamt sind sie zu viert, alle haben
eine naturwissenschaftliche Ausbildung
DIE WISSENSVERMITTLERIN
Pilz- und Bakterienkulturen
im Labor der Abteilung
Mikrobiologie bei BODE.
Im Contact Point klingelt das Telefon.
Brigitte Hérit nimmt ab. Die Zentralsterilisation eines großen Krankenhauses will wissen, woran es liegen kann,
dass in den Reinigungs- und Desinfektionsgeräten braune Verfärbungen
auftreten. „Haben Sie möglicherweise
das Desinfektionsmittel gewechselt?
So etwas passiert, wenn Wirkstoffe
nicht miteinander kompatibel sind“,
vermutet Hérit. Die Beraterin spricht
aus Erfahrung. Vor Kurzem hat sie in
einem Krankenhaus hospitiert. „Den
Alltag unserer Kunden mitzuerleben,
Brigitte Hérit berät Anrufer aus unterschiedlichen
Branchen in Hygienefragen.
und beraten verschiedene Zielgruppen, wie Krankenhäuser und Ärzte,
Pharmaunternehmen, Rettungsdienste
oder Wäschereien. Zu den Aufgaben des
Teams gehören: telefonieren, E-Mails
beantworten sowie Schulungsunterlagen
und Informationsmaterial erstellen.
Wieder klingelt das Telefon. Diesmal
möchte eine schwangere Hygienefachkraft wissen, ab wann die Aldehydkonzentration in der Luft für sie eventuell
gefährlich wird. Kurz darauf fragt eine
Kindergärtnerin nach einem Desinfektionsmittel, das gegen Noroviren wirkt.
Gerade die bunt gemischten Fragen
machen die Arbeit im Contact Point so
spannend, erklärt Hérit.
Manchmal allerdings muss auch die
erfahrenste Beraterin zunächst passen.
Brigitte Hérit erinnert sich an einen
Anrufer, der wissen wollte, wie man
ein Glasauge desinfi ziert. „Solche ungewöhnlichen oder besonders kniffl igen
Fragen besprechen und diskutieren
wir mit unseren Kollegen aus dem
Wissenschaftsbereich. Wir setzen uns
fast täglich zusammen. Dabei helfen
die Ergebnisse aus der Forschung oft,
Anfragen zu beantworten.“
ENTDECKEN + ERFORSCHEN
18
DER FORSCHER
Leiter des wissenschaftlichen Bereichs im
BODE SCIENCE CENTER ist Professor
Günter Kampf. Der Facharzt für Hygiene
und Umweltmedizin arbeitet seit mehr
als 16 Jahren bei BODE und war bis zur
Gründung des Centers 2011 für die Abteilung Scientific Affairs verantwortlich.
Nach wie vor arbeiten er und sein Team
eng mit dem Bereich Forschung und
Entwicklung von BODE zusammen.
Im Büro des Wissenschaftlers
steht ein großer Schrank mit vielen
Schubladen. Darin liegen mehr als 160
Publikationen, die Kampf in den letzten
Jahren veröffentlicht hat. Sein Wissen
zu vermitteln und neue Impulse zu
setzen, liegt ihm sehr am Herzen. „Hier
haben mich meine ersten Arbeitsjahre in
England geprägt“, erzählt Kampf. „In
Großbritannien hat das Weitergeben
von Gelerntem eine lange Tradition.“
Großen Wert legt Kampf darauf,
dass er innerhalb seiner wissenschaftlichen Arbeit viele Freiräume hat.
„Natürlich sind wir auch privatwirtschaftlichen Zwängen unterworfen,
aber wissenschaftliche Fragen stehen
bei uns im Vordergrund“, erklärt der
Hygieniker. So haben er und sein Team
zum Beispiel nachgewiesen, dass es ausreicht, wenn sich Chirurgen vor einer
OP 1,5 Minuten lang die Hände mit
alkoholischen Desinfektionsmitteln einreiben. Bisher ging man von 3 Minuten
aus. „Die Reduzierung der Einwirkzeit
und damit auch des Produktverbrauchs
wirkt auf den ersten Blick eher nicht
absatzfördernd“, so Kampf. „Aber damit
hatten wir für Sterillium noch bessere
Verkaufsargumente und der Vorteil
gegenüber antimikrobiellen Waschlotionen wurde noch deutlicher.“ Gerade
solche Forschungen tragen dazu bei,
dass das BODE SCIENCE CENTER
in der wissenschaftlichen Fachwelt
anerkannt ist und als unabhängige Einrichtung wahrgenommen wird. „Mir
ist es wichtig, die medizinische Fachwelt zu überzeugen“, erklärt Kampf.
Dass ihm dies gelungen ist, zeigen die
Einladungen zu Konferenzen und Fach-
Professor Günter Kampf hat in den letzten Jahren mehr als 160 Publikationen veröffentlicht.
„Mir ist es
wichtig, die
medizinische
Fachwelt zu
überzeugen.“
— Professor Günter Kampf
vorträgen auf der ganzen Welt. Darunter in so unterschiedlichen Ländern wie
der Elfenbeinküste, Syrien, den USA,
Kanada, Indien oder Russland und natürlich in vielen europäischen Staaten.
„Eines der größten Probleme in
Europa besteht darin, dass das medizinische Personal zwar weiß, wie wichtig
Hygienemaßnahmen sind, diese aber
nicht immer umsetzt“, erklärt Kampf.
Daher entwickelt sein Team Checklisten
dazu, wie man Handlungsabläufe bei
abgeschlossenen, einfachen Tätigkeiten
auf Stationen optimieren kann. Dazu
zählen Standardtätigkeiten wie das
Legen von Infusionen oder peripheren
Die erste Flasche
Sterillium verließ am
4. Juni 1965 die Produktion von BODE Chemie.
ENTDECKEN + ERFORSCHEN
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
21
Sozialmanagement studierte. Mittlerweile gehört er zum Vorstand des hochmodernen Eppendorfer Klinikums. Das
Thema Hygiene vergleicht Prölß gerne
mit der Flugsicherheit: „Genau wie sie
ist Hygiene eine Führungsaufgabe.“
DIE DATENENTWICKLERIN
Im Reich von Christiane Ostermeyer
sind sie zu besichtigen, die kleinen
Organismen, um die sich hier alles
dreht. Fest in Petrischalen verschlossen,
zeigen sich die Kulturen in sämtlichen
Farben: Gelb, Orange, Rosa, Hellgrün.
Gezüchtet werden Keime wie Candida
albicans, Escherichia coli oder Staphylococcus aureus. Direkt daneben geht es
zu den Brutschränken, wo sich hinter
Edelstahltüren die Keime bei Temperaturen zwischen 30 und 37 Grad Celsius
vermehren, damit sie für Versuche zur
Verfügung stehen. „Keine Angst“, sagt
Ostermeyer, Leiterin der Abteilung Mikrobiologie bei BODE, „wir haben nur
Christiane Ostermeyer in ihrem Reich, der Abteilung Mikrobiologie von BODE.
„Ich wünsche mir ein wirksames Desinfektionsmittel
ohne negative Begleiteigenschaften.“
— Christiane Ostermeyer
Verweilkathetern und das Wechseln
von Verbänden in der Wundversorgung.
Wann genau müssen die Hände desinfi ziert werden? Welche Schritte müssen
aufeinander aufbauen, damit Krankheitserreger nicht übertragen werden?
Die Abläufe müssen wissenschaftlichen
Ansprüchen genügen und gleichzeitig
in den Arbeitsalltag passen. Daher
arbeiten die Forscher eng mit dem
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) zusammen.
„Uns stellt sich die Frage, wie wir bei
zunehmendem Kostendruck im Gesundheitswesen medizinisches Personal dazu
bewegen können, die für den Patientenschutz nötigen Hygienemaßnahmen
einzuhalten.“ Erste Ansätze liefern neue
Lernmodelle wie das E-Learning-Tool
(siehe Kasten) und Ergebnisse aus der
Motivationsforschung. „Hier stehen wir
noch am Anfang“, so Kampf. „Ich kann
mir gut vorstellen, dass man hier mit
Psychologen oder Pädagogen spannende
neue Modelle entwickeln könnte.“
DER PRAKTIKER
Seit 2010 ist Joachim Prölß Direktor
für Patienten- und Pflegemanagement
am UKE. Gemeinsam mit dem BODE
SCIENCE CENTER hat er eine Interventionsstudie in seiner Klinik durchgeführt. „Wir wollten wissen, welche
‚Sicherheitslücken‘ im Arbeitsalltag
von Ärzten und Pflegern dazu führen,
dass sich Patienten im Krankenhaus
Infektionen zuziehen“, erklärt Prölß. Ein
Ergebnis der Studie: Alle Beteiligten wissen, dass sie sich die Hände desinfi zieren
müssen, aber sie wissen nicht genau,
wann. Deshalb hat das Team um Prölß
und Kampf Checklisten für das UKE
entwickelt. Mit Erfolg: „Arbeitsprozesse
zu vereinfachen, erhöht die Compliance,
also die Bereitschaft, sich an Regeln zu
halten, was im täglichen Arbeitsstress
nicht immer einfach ist“, so Prölß.
Der Manager weiß, wovon er spricht.
Er arbeitete selbst sechs Jahre als
Pfleger, bevor er Pflegemanagement und
einige Jahre später Gesundheits- und
Keime der Risikogruppe 2, die können
mit Medikamenten behandelt werden.“
Ihr Team besteht aus insgesamt rund
20 Mitarbeitern, die flexibel in Labor,
Nährboden- und Spülküche sowie
Dokumentation zum Einsatz kommen.
Täglich prüfen sie, ob die Produkte, die
die Fertigung verlassen, mit Bakterien,
Pilzen oder Sporen verunreinigt sind.
Vor fast 20 Jahren musste BODE
eine Waschlotion zurückrufen, die
mit so genannten adaptierten Keimen
belastet war. „Das war die schlimmste
Situation, die ich hier erlebt habe“,
erzählt Ostermeyer, die 1979 nach ihrer
Ausbildung zur Lebensmittelchemikerin
bei BODE angefangen hat. „Aus diesem
Rückruf haben wir viel gelernt – und
die Produktionsbedingungen sowie die
betriebsbegleitenden Kontrollen so angepasst, dass seitdem nie wieder etwas
Ähnliches passiert ist.“
Ein zweites wichtiges Aufgabenfeld
besteht darin, die Wirksamkeit von
Produkten nachzuweisen. „Dabei arbeiten wir im Labor eng mit dem BODE
SCIENCE CENTER zusammen“,
erläutert Ostermeyer. So gab es im
November 2012 den Hinweis vom
Verbund für Angewandte Hygiene, dass
Lösungen in Tuchspendern verkeimen,
wenn sie nicht richtig aufbereitet
werden. „Gemeinsam mit dem BODE
SCIENCE CENTER haben wir ein
wirksames manuelles Aufbereitungssystem entwickelt, das sich mittlerweile
INFEKTIONSSCHUTZ VERBESSERN
E-Learning zur Händehygiene
Joachim Prölß im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Der Direktor für Patienten- und Pflegemanagement
arbeitet eng mit dem BODE SCIENCE CENTER zusammen.
In dem vom BODE SCIENCE CENTER
entwickelten „5-Momente-E-Learning-Tool“
lernen die Nutzer, in welchen Situationen sie
sich die Hände desinfizieren müssen. Das Tool
spiegelt typische pflegerische und ärztliche
Tätigkeiten wider und ist als Fortbildungsmaßnahme anerkannt.
Grundlage ist das von der WHO entwickelte
Modell „My 5 Moments of Hand Hygiene“,
das viele Einzelindikationen in fünf Indikationsgruppen zusammenfasst, in denen eine Übertragung von Krankheitserregern möglich und
damit eine Händedesinfektion erforderlich ist.
ENTDECKEN + ERFORSCHEN
23
„Wir forschen
nicht im
Elfenbeinturm,
sondern für
die Praxis.“
— Claudia James
Claudia James, Direktorin des BODE SCIENCE CENTERS, hält die Fäden in der Hand.
in Fachkreisen durchgesetzt hat“, so
Ostermeyer. „Das war eine sehr schöne
Zusammenarbeit, jeder wusste die
Arbeit des anderen zu schätzen.“ Was
sie sich für die Zukunft wünscht: „Dass
es den Kollegen aus der Entwicklung
gelingt, eine Art ‚eierlegende Wollmilchsau‘ zu kreieren – ein wirksames
Desinfektionsmittel ohne negative
Begleiteigenschaften.“
DIE LENKERIN
Im BODE SCIENCE CENTER
wird Wachstum großgeschrieben. Vor allem, wenn
es um wissenschaftliche
Erkenntnis geht.
Wissenschaftler, Laborkräfte, Berater,
Kommunikations- und Marketingexperten: Claudia James, Direktorin
des BODE SCIENCE CENTERS und
Mitglied der Geschäftsleitung, schätzt
gerade das Miteinander der zahlreichen
Professionen an der Arbeit hier. Sie
selbst ist ursprünglich Literatur- und
Musikwissenschaftlerin und hat im
Marketing eines Lebensmittelkonzerns
gearbeitet, bevor sie zu BODE kam und
dort das strategische Marketing leitete.
„Das mag sich jetzt moralisch anhören,
aber ich empfinde es als unheimlich
sinngebend, dass wir hier Produkte empfehlen und Patientenschutzmaßnahmen
erarbeiten, die potenziell Leben retten“,
so James. Gemeinsam mit ihrem Team
sorgt sie dafür, dass die Ergebnisse
der Forschungsarbeit sowohl bei den
Praktikern als auch in der Öffentlichkeit
ankommen. Ihre Mitarbeiter erstellen
Medien für den Vertrieb, in denen wichtige Erkenntnisse zu Desinfektion und
Hygiene verständlich beschrieben sind.
„Wir forschen eben nicht im Elfenbeinturm, sondern für die Praxis“,
so James. Das spiegelt sich auch auf
der Website des BODE SCIENCE
CENTERS wider. Hier fi nden sich
praktische Tools wie die Erregersuche
von A bis Z, mit Informationen zu
Übertragungswegen und Produkten
sowie ein E-Learning-Tool zur Händehygiene (siehe Kasten). „In manchen
Ländern ist das E-Learning-Tool mit einem Gewinnspiel verbunden, die Erlöse
werden an gemeinnützige Einrichtungen
gespendet“, erklärt James. „Das kommt
bei den Nutzern sehr gut an.“
Um den Austausch mit Fachkollegen
aus der Hygieneforschung zu fördern,
organisiert das BODE SCIENCE
CENTER regelmäßig Experten-Veranstaltungen, zu denen auch Koryphäen
wie der deutsche Sepsisexperte Professor
Frank Brunkhorst gerne kommen. „Wir
sind stolz auf unsere Forschungsarbeit,
die Vernetzung in die Fachwelt und die
Nähe zur Praxis und zum Vertrieb. Da
der Patientenschutz uns leitet, profitieren
alle von unserer Arbeit“, so James.
In Zukunft will das Kompetenzzentrum verstärkt auch Industriekunden beraten: vom Rettungsdienst
über die Großbäckerei bis hin zu
Pharmaunternehmen. Es bleibt viel zu
tun im Einsatz gegen die Keime. •
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
ENTDECKEN + ERFORSCHEN
25
Faszinierende Formen:
der Erreger der Schweinegrippe
unter dem Mikroskop.
Ein Virus geht
um die Welt
Erst trifft die Krankheit nur wenige. Dann breitet sie sich aus – über das Land,
über den Kontinent, über die ganze Welt. Sie wird zur Pandemie und versetzt Nationen
und internationale Organisationen in Alarmbereitschaft. Ein ausgeklügeltes
Krisenmanagement setzt ein, dirigiert von der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Die Schweinegrippe ist ein aktuelles Beispiel einer Pandemie.
Text: Melanie Rübartsch
ENTDECKEN + ERFORSCHEN
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
ENTDECKEN + ERFORSCHEN
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
26
D
ie Schweinegrippe hielt
2009 die Welt in Atem.
Auslöser war das Grippevirus
A (H1N1): Influenza-Viren
von Vögeln, Schweinen und
Menschen hatten sich zu einem neuartigen Virus vermischt. Wie verlief
die Pandemie, wie reagierte die
internationale Staatengemeinschaft?
Eine Chronik.
MITTE APRIL 2009
Mexikanischen Ärzten fallen ungewöhnliche Grippeerkrankungen auf,
die vor allem bei jüngeren Menschen
schwer verlaufen. Manche Patienten
müssen auf der Intensivstation beatmet
werden. Die Fälle verteilen sich auf den
Bundesbezirk von Mexiko-Stadt sowie
die Bundesstaaten Baja California,
San Luis Potosí und Oaxaca.
21. APRIL
Die ersten beiden Infektionen in den
USA werden gemeldet. Es handelt sich
um zwei Kinder in Kalifornien, nahe
der mexikanischen Grenze.
23. APRIL
US-amerikanische und kanadische
Laboratorien bestätigen, dass ein neues
Virus verantwortlich für die aktuelle
Influenza-Epidemie ist: H1N1.
24. APRIL
Mexiko ist schockiert: Die ersten
Todesfälle aufgrund von schweren Lungenschäden treten auf. Die Regierung
ordnet an, alle Schulen zu schließen.
Einen Tag später melden die USA acht
Erkrankte, davon sechs im Süden Kaliforniens und zwei in Texas. Die Centers
for Disease Control and Prevention
(CDC) rüsten die US-Bundesstaaten
mit antiviralen Medikamenten aus.
25. APRIL
Die WHO in Genf warnt offi ziell vor
einer Influenza-Pandemie. Sie teilt
solche Pandemien in sechs Phasen ein
und legt fest, welche Maßnahmen die
einzelnen Nationen zur Bekämpfung
27
umsetzen sollten. Dazu zählt etwa die
Produktion von Impfstoffen, das Austeilen von Schutzmasken, die Schließung
öffentlicher Gebäude und die Erstellung
nationaler Notfallpläne. Jetzt befi ndet
sich die Welt in Phase 4: ansteigendes
Risiko einer Pandemie.
27. APRIL
Gouverneur Arnold Schwarzenegger
ruft den Notstand in Kalifornien
aus. US-Präsident Obama fordert den
Kongress auf, 1,5 Milliarden Dollar für
die Bekämpfung der Pandemie bereitzustellen.
Inzwischen hat die Schweinegrippe
Europa erreicht. In Spanien und
Großbritannien weisen Mediziner das
Virus bei drei kürzlich zurückgekehrten
Mexiko-Reisenden nach. Die Briten
lassen alle Passagiere, die aus Mexiko
einreisen, noch im Flugzeug auf Grippesymptome untersuchen.
28. APRIL
Das Virus erreicht weitere Weltregionen: In Neuseeland zum Beispiel wird es
bei vierzehn, in Israel bei zwei Menschen
nachgewiesen. Alle Erkrankten waren
zuvor in Mexiko. Russland, Hongkong
und Taiwan verhängen ab jetzt Quarantäne über Durchreisende bei Verdacht
auf Schweinegrippe. Kuba stellt den
Flugverkehr von und nach Mexiko für
48 Stunden ein. In Mexiko-Stadt bleiben
nun auch Fabriken, Kinos, Theater und
Universitäten geschlossen.
„Bei einer
Pandemie ist
die ganze
Menschheit
bedroht.“
— Margaret Chan,
Generaldirektorin der WHO
29. APRIL
VERBREITUNG DER SCHWEINEGRIPPE BIS AUGUST 2010
Weg vom Tier zum Menschen
Die Entstehung von H1N1
Die ersten drei Fälle in Deutschland
werden bekannt. Die Patienten haben
sich bei einem Mexiko-Besuch angesteckt. Im US-Bundesstaat Texas stirbt
ein mexikanisches Kleinkind an dem
Virus. Am gleichen Tag titelt die BILDZeitung in Deutschland: „Schweinegrippe-Virus nicht zu stoppen“.
InfluenzaA-Viren
Mutation des Virus
Schwein
30. APRIL
Die WHO stuft das Pandemierisiko auf
5 hoch, die zweithöchste Stufe. „Bei
einer Pandemie ist die ganze Menschheit bedroht“, mahnt Generaldirektorin
Margaret Chan. 236 nachgewiesene
Fälle gibt es jetzt laut WHO weltweit,
mindestens 27 davon in der EU.
2. MAI
Der ägyptische Präsident Hosni Mubarak ordnet an, alle Schweine im Land
zu töten. Die WHO betont, das sei
unnötig. Im Land kommt es wegen der
geplanten Keulung zu Krawallen.
Mutation
des Virus
H1N1-Virus
Todesfälle gesamt
1 – 10
11 – 50
51 – 100
101 und mehr
betroffene Länder
sind rund 3.200 Menschen weltweit
erkrankt, 44 gestorben.
16. MAI
4. MAI
Vogel
In 21 Ländern sind nun rund 1.100 Erkrankungen nachgewiesen, acht davon
in Deutschland. Patienten mit Schweinegrippe-Verdacht sollen in Neuseeland
Krankenhäuser mit dreimaligem Hupen
im Auto vor ihrer Ankunft warnen. In
Bangkok und Tokio müssen Reisende
thermische Scanner passieren. Am Pariser Flughafen weigern sich Mitarbeiter,
das Gepäck aus Maschinen auszuladen,
die aus Mexiko oder Spanien kommen.
Die Schweinegrippe hat Japan erreicht.
Nach wenigen Tagen melden die
Behörden mehr als 120 Infektionen.
Hunderte Schulen werden geschlossen.
Marie-Paule Kieny, Direktorin für
Impfstoffe der WHO, fürchtet einen
Engpass: „Selbst wenn die Impfstoffproduktion gegen das neuartige Virus
bald in Gang kommt, würden bei einer
gravierenden Pandemie Milliarden von
Impfdosen fehlen. Für arme Länder
bliebe nichts übrig.“
7. MAI
7. JUNI
Mexiko kehrt langsam zurück zur Normalität. Nach tagelanger Schließung
geben die Behörden Sehenswürdigkeiten
wieder zur Besichtigung frei. Nach
wie vor soll das Aufsichtspersonal in
öffentlichen Einrichtungen aber Schutzmasken tragen und Menschenansammlungen verhindern.
Für die Zulassungsprüfungen an
Universitäten, die gerade in China
stattfi nden, legen die Behörden strenge
Sicherheitsvorkehrungen fest: Jedes
Prüfungszimmer ist zwei Mal am Tag
zu desinfi zieren, jeder der zehn Millionen Prüfl inge muss vor dem Test seine
Körpertemperatur messen lassen.
8. MAI
11. JUNI
Erstmals hat sich ein deutscher Reisender in den USA angesteckt. Inzwischen
Die WHO erklärt die Schweinegrippe
zur Pandemie und ruft die höchste
Mensch
Quellen: WHO, Robert-Koch-Institut
Alarmstufe 6 aus. Fast 30.000 Infektionen in insgesamt 74 Ländern sind
registriert. Mit mehr als 21.000 Fällen
liegt der Schwerpunkt in Nordamerika.
Insgesamt sind bereits mehr als
140 Patienten gestorben.
15. SEPTEMBER
16. JUNI
24. OKTOBER
Die Markteinführung des ersten Impfstoffs, der speziell vor der Schweinegrippe schützen soll, steht bevor. Ein USPharmakonzern will im Juli mit dem
Verkauf des Medikaments beginnen.
US-Präsident Obama spricht von einem
nationalen Notfall: „Grundlage unserer
Antwort auf die H1N1-Grippe ist,
auf allen Ebenen vorbereitet zu sein –
persönlich, in Unternehmen und in der
Regierung“, heißt es aus dem Weißen
Haus. Bei der Lieferung der Impfstoffe
gibt es unterdessen massive Engpässe.
Medien sprechen von Impfchaos.
19. AUGUST
Die deutsche Regierung gibt bekannt,
dass ab Herbst bis zu 35 Millionen Bundesbürger geimpft werden sollen – als
Erste chronisch Kranke, Schwangere,
medizinisches Personal, Polizisten und
Feuerwehrleute. Die Kosten sollen die
Krankenkassen tragen.
28. AUGUST
In der südlichen Hemisphäre ist die
Zahl der Schweinegrippe-Infektionen
nach Angaben der WHO rückläufig.
Die nördliche Hemisphäre hingegen
müsse sich für eine drohende zweite
Welle der Erkrankung wappnen.
Die US-Regierung gibt grünes Licht für
den Einsatz von Impfstoffen gegen die
Schweinegrippe und bestellt 250 Millionen Dosen. Die Impfstoffe werden
kostenlos zur Verfügung gestellt.
26. OKTOBER
Die Massenimpfung in Deutschland
startet. Sie soll zur größten Impfaktion
in der Geschichte der Bundesrepublik
werden. Doch die Bürger sind skeptisch:
Bei einer Krankenkassen-Umfrage
schließen 60 Prozent der Befragten aus,
sich impfen zu lassen. Grund ist unter
anderem eine Debatte um Nebenwirkungen. Anfang November setzt indes
eine zweite Welle der Schweinegrippe
in Deutschland ein.
ENTDECKEN + ERFORSCHEN
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
28
25. NOVEMBER
In Saudi-Arabien beginnt der Hadsch,
die Pilgerfahrt der Muslime nach
Mekka. Drei Millionen Pilger aus 160
Ländern werden erwartet. Bei der
Einreise erhalten sie dieses Mal Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel.
Die tunesische Regierung verbietet
ihren Bürgern dennoch vorsorglich,
nach Mekka zu reisen.
6. DEZEMBER
Im russischen Saratow bricht Panik
aus, weil 30 Menschen in der Stadt an
der Schweinegrippe gestorben sind.
Ein Student kolportiert, dass es sich
in Wahrheit um Pesttote handele. Erst
Tage später gelingt es den Behörden, die
verängstigten Bürger zu beruhigen.
30. DEZEMBER
Das Robert-Koch-Institut meldet für
Deutschland bereits seit Mitte November stetig sinkende Infektionszahlen.
Jetzt gibt auch eine Studie britischer
Forscher Anlass zu vorsichtigem
Optimismus: Nur 0,02 Prozent der
Schweinegrippe-Erkrankungen sind ihr
zufolge bislang tödlich verlaufen.
5. MÄRZ 2010
Weltweit ist die Zahl der Schweinegrippe-Fälle stark zurückgegangen.
Die deutschen Bundesländer wollen deshalb Millionen übrig gebliebener Dosen
des Schweinegrippe-Impfstoffs Pandemrix ins Ausland verkaufen. Doch
die Verhandlungen darüber scheitern:
2011 werden 16 Millionen abgelaufene
Impfdosen in Deutschland verbrannt.
10. AUGUST
Die WHO erklärt die Pandemie offiziell für beendet. Die Bilanz: 18.400
Schweinegrippe-Tote weltweit, 258 davon in Deutschland. Ursprünglich hatte
man vor mindestens zwei Millionen
Toten gewarnt. Trotzdem ist das
Schweinegrippe-Virus nicht ausgerottet:
Experten warnen, dass resistente
Versionen des Erregers weltweit neue
Infektionswellen auslösen könnten. •
GEISSELN DER MENSCHHEIT
Die Furcht vor Pandemien ist Jahrtausende alt. Bevor die Wissenschaft Ursachen und Heilmittel
aufspürte, blieb den Erkrankten meist nur das Beten. Die verheerendsten Seuchen im Überblick
SPANISCHE GRIPPE
Soldaten als Virenschleudern
Zwischen 1918 und 1920 tobte
die Spanische Grippe über alle
Kontinente. Sie kostete 50
Millionen Menschenleben und
gilt als bis dato schlimmste
Pandemie der Geschichte. Die
Patienten zeigten typische Grippesymptome; in schweren Fällen
kam eine Lungenentzündung
hinzu. Nach der Pandemie beobachteten Ärzte vermehrt Fälle der
Europäischen Schlafkrankheit,
einer Art Hirnhautentzündung,
die Lähmungen, willkürliche
Zuckungen und Psychosen
auslösen konnte. Man nimmt an,
dass diese Erscheinungen eine
Spätfolge der Grippe waren. Der
Erreger der spanischen Grippe
war aktuellen Analysen zufolge
eng mit dem der Schweinegrippe
verwandt.
Der Ursprung der Spanischen
Grippe lag – anders als ihr Name
vermuten lässt – in den USA.
Im Ersten Weltkrieg verbreiteten
infizierte Soldaten sie in Europa.
Spanisch nannte man die Grippe,
weil vor allem iberische Medien
darüber berichteten. In anderen
Ländern verhinderte die Zensur
ausführliche Nachrichten: Man
fürchtete, Pandemie-Schlagzeilen
würden die Moral an den Weltkriegsfronten unterlaufen.
DIE PEST
Der schwarze Tod
Zum ersten Mal trat die Pest im
6. Jahrhundert in Ägypten auf,
erreichte dann Konstantinopel
und verbreitete sich schließlich
im gesamten Mittelmeerraum.
Im Mittelalter raffte eine weitere
Pestwelle, damals schwarzer
Tod genannt, etwa ein Drittel der
europäischen Bevölkerung dahin.
Allein zwischen 1347 und 1352
zählte man etwa 25 Millionen
Opfer. Die letzte Pestpandemie
brach Ende des 19. Jahrhunderts
in Südchina aus und kostete
bis zum Ende des Zweiten
Weltkriegs etwa zwölf Millionen
Menschenleben.
Erreger von Beulen- oder
Lungenpest ist ein Bakterium
namens Yersinia pestis, benannt
nach seinem Entdecker Alexandre
Yersin. Ursprünglich ist die Pest
eine Nagetier-Erkrankung, die
meist vom Rattenfloh auf den
Menschen übertragen wird.
Menschen untereinander stecken
sich durch Tröpfcheninfektion
an. Wird die Pest nicht behandelt,
steigt die Bakterienkonzentration
im Blut derart an, dass die
körpereigene Abwehr streikt.
Folge ist ein septischer Schock.
Heute wird die Erkrankung, die
in Afrika und den USA noch
in Einzelfällen ausbricht, mit
Antibiotika behandelt. Bei
frühzeitiger Erkennung bestehen
gute Heilungschancen.
POCKEN
Gefahr inzwischen gebannt
Das Pocken- oder auch Blatternvirus kam wohl im Jahr 165 n.
Chr. nach Europa, als römische
Legionäre von einem Mesopotamien-Feldzug zurückkehrten.
Anschließend breitete sich die
Krankheit bis zur Donau und zum
Rhein hin aus. Die Folge war ein
Massensterben über 24 Jahre
hinweg. Ab dem 15. Jahrhundert
schleppten europäische Eroberer
die Pocken in Amerika ein, wo sie
Erreger gefährlicher Infektionen
lagern heute in geschützten Laboren.
unter der indigenen Bevölkerung
verheerende Epidemien mit
Millionen von Toten auslösten.
Noch in den 1950er Jahren gab
es in Europa Pockenepidemien,
1958 etwa in Heidelberg.
Bei den Erkrankten breiteten
sich Pusteln und Bläschen am
ganzen Körper aus. In schweren
Fällen erblindeten die Patienten,
wurden taub oder erlitten
Hirnschäden. 30 Prozent der
Infizierten starben.
1967 führte die WHO eine
Impfpflicht ein. Den vorläufig
letzten Ausbruch gab es 1977
in Somalia.
CHOLERA
Die längste Pandemie
Streng genommen sind die
Cholera-Wellen des 19. Jahrhunderts keine Pandemie, sondern
eine Kette lokaler Epidemien.
Im Laufe des Jahrhunderts waren
solche Wellen in ganz Europa
zu beobachten und forderten
zigtausende Menschenleben. Ursprünglich kam die Seuche Ende
des 18. Jahrhunderts aus Indien.
1830 brachten russische Truppen
sie von Asien nach Europa, wo
die Cholera immer wieder ganze
Regionen heimsuchte.
Das griechische Wort choléra
bedeutet Gallenbrechdurchfall.
Verursacher ist das Bakterium
Vibrio cholerae. Die Ansteckung
erfolgt in der Regel über verunreinigtes Trinkwasser oder infizierte Nahrung. Cholera-Kranke
bekommen meist extremen
Durchfall und müssen sich heftig
übergeben, was zu Austrocknung
führen kann. Wichtig ist deshalb,
ihnen ausreichend Flüssigkeit,
Zucker und Salze zuzuführen – in
der Regel intravenös. In schweren Fällen brauchen die Patienten
zusätzlich Antibiotika.
Heute tritt die Krankheit noch
in Lateinamerika und Afrika auf.
Besonders schlimm wütete sie
etwa 2010 nach dem Erdbeben
in Haiti.
Je nach mikroskopischer
Aufnahme variiert die Gestalt
des H1N1-Virus.
ENTDECKEN + ERFORSCHEN
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
30
Frau Branzeis Gespür
fürs Widerliche
Ekel ist ein nützliches Gefühl. Es übt eine seltsame Faszination aus –
und regt dazu an, Hygieneregeln einzuhalten. Ohne Ekelgefühle wäre
die Menschheit wohl längst ausgestorben. Die US-Biologin Sylvia Branzei
hat eine eigene Wissenschaft aus dem Reiz des Abstoßenden gemacht.
Text: Kerstin Zilm — Foto: Jim Ingraham
Schleim selbst
herstellen:
Damit begeistert
Sylvia Branzei
die Kinder in ihren
Workshops.
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
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ENTDECKEN + ERFORSCHEN
32
E
ine ehemalige Mormonenkirche
in einem Dorf im Süden des
US-Bundesstaats Oregon. Die
Eingangshalle ist zum zweistöckigen Wohnzimmer umgebaut,
ein Nebenraum zum Schlafzimmer
umfunktioniert. Am Rest des Gebäudes arbeiten Sylvia Branzei und ihr
Ehemann Byron noch. Kinder aus der
Nachbarschaft sind im Wohnzimmer
versammelt. Noch sieht alles harmlos
aus. Den einzigen Hinweis auf Branzeis
Pläne für den Nachmittag gibt ihr TShirt: GROSSOLOGY steht darauf, zu
Deutsch etwa „Wissenschaft des Ekels“.
Das O ist als Augapfel gezeichnet, die
anderen Buchstaben sind groß, bunt,
voller Warzen und Pusteln. Hinter
der Hausherrin hängt eine Leinwand,
auf dem Klapptisch vor ihr stehen
Haushaltsprodukte: Apfelmus, Gelatine, Orangeat und Zitronat, Müsli, eine
Rolle Backpapier, Waschmittel, eine
Sprühflasche mit blauer Flüssigkeit, eine
Herdplatte, ein Teller und eine Pfanne.
33
„Wer will etwas über ekliges Zeug
lernen? Meldet euch!“ Hände schnellen
in die Höhe. „Was ist das Ekligste, was
euer Körper produziert?“ „Kacka!“,
„Pipi!“, „Pickel!“, rufen die Kinder
und werden von heftigem Kichern
geschüttelt. Sylvia Branzei feuert sie
an, schüttelt aber auf jede Antwort den
Kopf. „Nein! Wissenschaftler haben
herausgefunden: Die Nummer eins der
Ekelhitparade ist ...“ Sie macht eine
Kunstpause. Ihr Publikum hält den
Atem an. „Erbrochenes! Erbrochenes
fi nden die meisten Menschen am widerlichsten!“ Getöse und ekelverzerrte
Gesichter im Zuschauerraum. „Wer
von euch musste sich schon mal übergeben?“ Wieder schnellen Hände in die
Luft. „Und das war ziemlich grässlich,
richtig?“ Große Zustimmung.
„Kinder wollen
wissen, was in
ihrem Körper
los ist. Unsere
Kultur verbietet
ihnen, danach
zu fragen. Das
ist Quatsch.“
— Sylvia Branzei
Die showartige Wissensvermittlung
ist das Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung. Schon als Kind trieb Sylvia Branzei ihre Eltern mit ewigem Fragen nach
dem „Warum“ halb in den Wahnsinn.
In der Schule liebte sie die Naturwissenschaften. Niemand war überrascht,
dass sie Mikrobiologie und Pädagogik
studierte. Danach brachte die junge Frau
Über Achselschweiß und Verdauung sprechen?
Für die Pädagogin kein Problem.
zunächst Kindern vom Kindergartenalter bis zum Highschool-Abschluss an
einer Dorfschule im Norden Kaliforniens Biologie, Physik und Chemie bei. Sie
schrieb wissenschaftliche Artikel über
Körperkunde und Umweltschutz, entwickelte ein Physik- und Chemieprogramm
für Grundschulen und sammelte Erfahrung in diversen Schulformen. Dabei
hielt sie sich nie streng an den Lehrplan.
Provozierten Teenager mit lautem Aufstoßen und Flatulenzen, nutzte Branzei
die Gelegenheit zu einem Ausflug in die
Lehre der Körperfunktionen.
ÜBELKEIT DURCH ZU VIEL SÜSSES
„Kinder sind von Natur aus neugierig.
Sie wollen wissen, was in ihrem Körper
los ist. In unserer Kultur wird ihnen
aber verboten, danach zu fragen. Sie bekommen lauter Unsinn zu hören: ‚Das
ist nicht höfl ich! Das ist unerzogen!‘
Ich fi nde, das ist absoluter Quatsch.“
Sie selbst hat keine Hemmungen, beim
Abendessen über Achselschweiß oder
Verdauung zu sprechen. Verwandte und
Freunde haben sich daran gewöhnt, von
Branzei nach ihrem Stuhlgang gefragt
zu werden. „Das sagt viel darüber aus,
ob sie gesund sind. Eigentlich frage ich
damit nur, wie es ihnen geht, und erinnere sie daran, wie wichtig es ist, darauf
zu achten.“
Den jungen Gästen in ihrem Wohnzimmer zählt sie jetzt auf, wann einem
schlecht werden kann: auf dem Jahrmarkt zum Beispiel, wenn man zu
viel Süßes isst. „Dann bekommt man
ein komisches Gefühl im Bauch. Der
Magen würde das Zeug gerne loswerden. Aber er muss ein Zentrum hinten
unterm Schädel fragen. Das bestimmt,
ob es losgehen kann oder nicht. Es
wartet vielleicht, bis dein Hirn in der
Achterbahn durchgeschleudert wird.“
Die Showmasterin fragt, welche Tiere
sich regelmäßig übergeben – Katze und
Eule – und erklärt, warum das wichtig
ist und in welchen Situationen es für
Menschen lebensrettend sein kann, den
Magen zu leeren. Sie betont, wie toll es
ist, dass der Körper diese Funktion hat.
Die Idee zu ihren Ekelexperimenten kam Sylvia Branzei beim Schneiden ihrer Fußnägel: „Ich fragte mich, was das Zeug ist, das unter den Nägeln steckt.“
Branzei bittet um eine Freiwillige.
Ein Mädchen in gelbem Sweatshirt,
etwa zehn Jahre alt, wird zur Assistentin ernannt. Auf der Herdplatte erhitzt
die Biologin Apfelmus in der Pfanne,
während ihre kleine Helferin fl eißig
rührt. Sie fügt Gelatine, Orangeat,
Zitronat und eine Hand voll zerkrümeltes Müsli zum Mus, bittet um einen
Teller mit Pergamentpapier und lässt
die Masse aus der Pfanne vorsichtig
darauf fl ießen. Igitt! Das Ergebnis sieht
tatsächlich aus wie Erbrochenes. Die
Zuschauer kreischen.
Die Idee zu Grossology kam der
Pädagogin beim Schneiden ihrer Fußnägel. „Ich fragte mich plötzlich, was das
Zeug ist, das unter den Nägeln steckt,
und dachte: Das würde auch Kinder
interessieren. Ich könnte daraus ein
Unterrichtsfach machen, vielleicht sogar
eine Wissenschaft!“ Beim Abendessen
sprach sie mit ihrem Mann Byron und
den zwei Stiefkindern Alison und Ian
darüber. Alle waren begeistert. Die Familie stellte eine Liste von körperlichen
Erscheinungen auf, die dringend erforscht und auf witzige Weise vermittelt
ABSCHEU ALS SCHUTZ
Die Funktion von Ekelgefühlen
Ekel zählt zu den Basisemotionen: Er ist Menschen aus allen Kulturkreisen am Gesicht abzulesen. Laut dem amerikanischen Forscher Joshua
Tybur dient er dazu, das Überleben abzusichern.
Verfaulte Nahrung, Kot oder Erbrochenes kann
gefährliche Keime enthalten und wird deshalb
als besonders widerlich empfunden.
Dem US-Psychologen Jonathan Haidt zufolge
hängt Ekel eng mit dem Moralempfinden zusammen: Konservative Menschen ekeln sich demnach
stärker vor körperlichen Phänomenen als liberale
Bürger. Wer gerade Ekel fühlt, weil es zum Beispiel stinkt, fällt außerdem strengere moralische
Urteile über Verfehlungen seiner Mitmenschen,
wie Experimente nachgewiesen haben.
werden müssten: Verstopfung, Warzen,
Krampfadern, Popel, blaue Flecken und
Fußpilz schafften es unter anderem in
die Sammlung. Sylvia Branzei schrieb
darüber 1995 ihr erstes GrossologyBuch, garniert mit skurrilen Illustrationen des Zeichners Jack Keely. Es wurde
ein Bestseller. Branzei kündigte ihren
Lehrerjob und schrieb weitere Folgen
der Grossology-Serie. Sie entwickelte
Ausstellungen und Vorträge, mit denen
sie bis heute durch die USA und andere
Länder tourt.
DR. HATSCHI UND DIE ZAUBERTINTE
Im heimischen Wohnzimmer geht die
Show weiter. Es folgen weitere Experimente, zum Beispiel zu der Frage,
wie weit bei einem heftigen Niesen die
Tröpfchen voller Bazillen fl iegen. Ein
neuer Freiwilliger, diesmal ein Junge,
bekommt Schutzbrille, weißen Kittel
und den Namen ‚Dr. Hatschi‘ verpasst.
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
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35
Ein Freund besprüht ihn mit blauer
Zaubertinte aus der Sprühflasche.
Lektion Nummer eins: Tröpfchen
haben eine Reichweite von fünf Metern,
deshalb in ein Taschentuch oder die
Armbeuge niesen! Lektion Nummer
zwei: Bazillen überleben lange in
den Tröpfchen und haben eine hohe
Übertragungsrate, deshalb regelmäßig
Hände waschen!
Branzei vermittelt Einsichten, die
wissenschaftlich abgesichert sind.
Schon bald nach Erscheinen ihrer ersten
Bücher wurden Hygiene-Experten auf
die ungewöhnliche Pädagogin aufmerksam und luden sie zu internationalen
Konferenzen ein. Intuitiv hatte Branzei
sich eine Erkenntnis der Verhaltensforschung zu Nutze gemacht: Mit witzigen
Geschichten kann man Gewohnheiten
besser verändern als mit Angstmacherei. „Sagst du jemandem, er soll
sich die Hände waschen, weil er sonst
krank wird, nutzt das nicht viel“, hat
sie beobachtet. „Kochst du mit Kindern
künstlichen Schnodder und zeigst, wie
der an Klamotten, Händen und Nasen
kleben bleibt, vergessen sie das nicht,
ändern eher ihr Verhalten und erzählen
anderen davon.“
„IHR HABT WENIGER KOMPLEXE“
Eine Rückkehr in den
Schuldienst schließt Branzei
heute für sich aus. Das Fragen
und Begreifen kommt ihr in
den Lehrplänen zu kurz.
Die Mikrobiologin gewann mit der
Zeit immer mehr Ansehen in Expertenkreisen. Unter anderem arbeitete sie
an einem Hygiene-Programm für Entwicklungsländer mit. Das Ziel: die hohe
Sterberate durch Durchfall mithilfe
einer besseren Anleitung zur Händehygiene zu reduzieren. Branzei entwickelte
ein humorvolles Schulprojekt, angelehnt
an ihre Grossology-Bücher. „Die Schüler sollten das, was sie gelernt hatten,
zuhause weitererzählen. Selbst wenn sie
bei den Eltern nichts verändern, passen
die Kinder selbst garantiert besser auf,
wen und was sie anfassen, und waschen
sich öfter die Hände.“
Branzeis Grossology-Bücher sind
mittlerweile in mehreren Sprachen
erschienen. Ihre Reisen und die Zusammenarbeit mit Übersetzern haben sie
Sylvia Branzei vermittelt, dass Naturwissenschaften
Spaß machen können.
„Stelle ich die
Frage, wer in
der Nase
popelt, meldet
sich im Mittleren
Westen der
USA kein
Mensch.
Dabei bohren
alle mal!“
— Sylvia Branzei
viel über die Kulturen anderer Länder
gelehrt. Auch in Deutschland war sie
schon eingeladen, zu einer Fernsehshow
für Kinder. „Das war super! Ihr habt
weniger Komplexe und Tabus als
die Amerikaner. Mit euch kann man
leichter über all die Dinge reden, die in
uns vorgehen und was das bedeutet.“
Die Amerikaner, so Branzei, seien
besonders peinlich berührt bei allem,
was unterhalb der Gürtellinie passiert.
Bei anderen Themen gebe es regionale
Unterschiede. „Stelle ich die Frage, wer
in der Nase popelt, meldet sich im Mittleren Westen der USA kein Mensch. In
Kalifornien heben fast alle im Publikum
die Hand.“ Sie lacht laut auf. „Alle
bohren mal in der Nase! Es redet nur
keiner drüber. Das schickt sich nicht!“
Immerhin sei die Atmosphäre seit
dem Erscheinen ihres ersten Buchs
etwas liberaler geworden. „Damals
galt das alles als total provokativ. Das
ist es heute nicht mehr. Zum Glück!“
Ihre Bücher stehen inzwischen in vielen
US-Bibliotheken und sind an manchen
Schulen Teil des Lehrmaterials für
Biologieunterricht. Trotzdem, so sehr
sie die kleinen Shows für Kinder bei
sich zuhause liebt, die sie regelmäßig
veranstaltet: Branzei kann sich nicht
vorstellen, zurück ins Schulsystem zu
gehen. „Ich müsste zu früh aufstehen.
Und es geht heute zu viel um Testergebnisse und zu wenig ums Fragen
und Begreifen!“
Ihr Ziel ist, dass die Kinder ihre
Körper verstehen. Und merken, dass
Biologie, Chemie und Physik Spaß machen können, „dass diese Fächer mehr
bedeuten als Formeln und komplizierte
Wörter, die sich keiner merken kann“.
Das hat sie auch an diesem Nachmittag
in ihrem Wohnzimmer wieder erreicht.
Die Zuschauer sind bis zum Schluss mit
Eifer und Begeisterung dabei. Branzei
fordert sie zum Abschluss dazu auf,
hinaus in die Welt zu gehen und andere
mit ihrem neuen Wissen anzustecken.
„Ihr seid nun offi zielle Grossologen in
Ausbildung!“ Das Mädchen im gelben
Sweater fragt seine Mutter beim Hinausgehen, ob sie auf dem Weg nach Hause
Apfelmus und Orangeat zum Experimentieren kaufen können. „Nur wenn
du mir versprichst, dir von nun an öfter
die Hände zu waschen!“, antwortet die.
Sylvia Branzei grinst, nickt und signalisiert mit zwei nach oben zeigenden
Daumen ihre absolute Zustimmung. •
BÜCHER
von Sylvia Branzei über
die spannende Welt des
Ekels sind auf Englisch,
Französisch, Deutsch
und Spanisch erschienen.
Außerdem ist eine Bücherserie über Gruselgestalten
wie Vampire und Mumien
von ihr erhältlich.
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36
MEINUNG
Wie viel ist zu viel?
Die Wissenschaft ist sich einig: Ohne Keime gäbe es kein menschliches Leben. Die Frage ist nur, wie
man am besten mit ihnen umgeht. Kann es zu viel Hygiene geben? Zwei Positionen.
Illustration: Petra Dufkava
O
hne Frage: Bis ins 19. Jahrhundert herrschten katastrophale hygienische Zustände im Gesundheitswesen.
Die Mütter- und Kindersterblichkeit etwa war deshalb
inakzeptabel hoch. Forscher wie Robert Koch haben damals
Vorbildliches geleistet, um ein neues Hygienebewusstsein
zu etablieren. Davon profitieren wir noch heute. Wer völlige
Keimfreiheit erreichen will, erweist der menschlichen Gesundheit indes einen Bärendienst. Selbst Neugeborene benötigen
Mikroorganismen, um ihr Immunsystem zu aktivieren und zu
justieren. Schon wenige Stunden nach der Geburt bewohnen
tausende winzige Lebensformen Haut, Magen und Darm
des Säuglings. Genetisch gesehen sind sie nicht menschlich,
trotzdem aber unentbehrlicher Teil unseres Körpers. Das
Immunsystem hat die komplexe Aufgabe, zwischen nützlichen
und bösartigen Teilen dieses Mikrobioms – der am und im
Menschen lebenden Mikroorganismen – zu unterscheiden.
Diese Aufgabe beginnt mit der Geburt, der Kontakt mit den
Organismen lenkt und optimiert den Prozess.
Um den Menschen in seinem biologischen Gesamtzusammenhang heilen zu können, müssen wir die Interaktion der Mikroorganismen untereinander und mit den
menschlichen Zellen verstehen. Erzeugen wir aber eine keimfreie Umgebung, streichen wir wichtige Faktoren aus der
Gleichung. Die Folgen sind mannigfaltig: Die Körperabwehr
ist weniger robust, die Häufigkeit von Infektionen, Allergien
und Autoimmunkrankheiten steigt. Das gibt der „HygieneHypothese“ Aufwind, nach der solche Erkran kungen auf
den reduzierten Kontakt zu bestimmten Bakterien zurückzuführen sind. Eine Hypothese, die Beobachtungen in wenig
entwickelten Gegenden stützen. Klar ist: Der weitaus größere
Teil der mikrobiellen Welt ist für uns nützlich. Diesen
dürfen wir nicht durch eine keimfreie Lebensweise oder
Desinfektionswut vernichten, denn unsere Immunabwehr
ist alt und auf das Leben in Symbiose mit einer natürlich
schmutzigen Welt eingerichtet. Auf Hygiene zu verzichten,
wäre verantwortungslos. Eine Hygienemanie
aber schadet ebenfalls mehr, als sie hilft. •
PROF. DR. DETLEV GANTEN, Facharzt für Pharmakologie
und Molekulare Medizin, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der
Charité - Universitätsmedizin Berlin, heute unter anderem
Präsident des World Health Summit.
M
itte der 1940er Jahre hatte die Hygiene ihre Blütezeit.
Niemals davor investierten die Menschen so viel Zeit
in Krankenhaus- und Haushaltshygiene. Doch dann
eroberten Antibiotika die Welt. Großartige Medikamente,
allerdings mit einem ungewollten Nebeneffekt: Als sie populär
wurden, begannen die Hygienestandards in Privathäusern, am
Arbeitsplatz und in Kliniken zu sinken. Jetzt aber merken wir,
dass wir uns im postantibiotischen Zeitalter befinden – und
es immer mehr resistente Keime gibt. Wir haben die einstigen
Wundermittel falsch eingesetzt, in der klinischen Praxis ebenso
wie in der Landwirtschaft. Deshalb benötigen wir mehr, nicht
weniger Hygiene. Zumal bislang kein einziges Bakterium bekannt ist, das resistent gegen die große Mehrheit der Desinfektionsmittel ist. Einige Wissenschaftler treten dafür ein, mehr
Dreck in unserem Leben zuzulassen. Mir leuchtet das nicht
ein. Ich weiß zwar, dass zum Beispiel die Zahl der Kinder mit
Asthma gestiegen ist. Nur: Warum soll dafür zu viel Hygiene
verantwortlich sein, wo sich doch gleichzeitig tausend andere
Umweltfaktoren verändert haben?
Gefahr droht vor allem, wenn die Händehygiene vernachlässigt wird. Das zeigen beispielsweise die Infektionen
mit Escherichia coli, die 2011 in Deutschland grassierten.
Sie konnten sich nur deshalb so ausbreiten, weil zu viele
Menschen ihre Hände nicht sorgfältig gereinigt hatten.
Immer wieder beobachte ich, dass gerade Männer sich
nach dem Toilettengang nicht die Hände waschen. Ich sehe
Reisende im Zug, die sich gegenseitig anhusten, ins Gesicht
niesen oder sich die Nase mit der Hand putzen, ohne diese
danach zu waschen. Meine Kollegen und ich haben in den
vergangenen acht Jahren Haushalte in 18 Nationen untersucht. Fast überall gab es Probleme: In unserer Erhebung
von 2010 etwa waren elf Prozent der Kühlschränke mit
Staphylokokken verkeimt. Natürlich sollte Desinfektion
sich auf neuralgische Punkte beschränken, zu denen auch
Waschbecken, Türgriffe oder Telefone zählen. Dort aber
ist sie immens wichtig – und bestimmt nicht
schädlich für unser Immunsystem. •
PROF. JOHN OXFORD, Virologie-Professor am Blizard Institute of Cell
and Molecular Science, Barts and the London School of Medicine and
Dentistry sowie an der Queen Mary University of London, wiss. Geschäftsführer von Retroscreen Virology Ltd. und führender Influenza-Experte.
Den gesamten Haushalt
desinfizieren – oder
auch mal im Dreck baden?
Experten setzen in dieser Frage
unterschiedliche Akzente.
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39
VORURTEILE ÜBER HYGIENE
10
JE ÖFTER, DESTO BESSER?
Vorsicht,
Falle!
Ein frisch bezogenes Bett ist topsauber
Mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland nutzen mehrmals pro Woche Desinfektionsmittel
im Haushalt. Überflüssig, sagen Experten. Nur wenn jemand etwa an Durchfall erkrankt ist, sollte zum
Beispiel die Toilette desinfiziert werden.
Stimmt schon, bis auf die Hausstaubmilben. Auch frische Kissen enthalten noch tausende
davon. Für Menschen mit Milbenallergie gilt deshalb: gut lüften, Betten täglich aufschütteln,
damit die Milben herausfallen, öfter waschen und ältere Matratzen austauschen.
Keine Angaben 0,9
Tausend
Täglich 1,2
Mehrmals pro Woche 4,5
Ca. einmal pro Woche 5,6
Insgesamt
70,06 Millionen
Personen
Trotz aller Aufklärung:
Manche Hygieneirrtümer
halten sich hartnäckig.
Eine kleine Auswahl.
Mehrmals pro Monat
6,9
Ca. einmal pro Monat 6,8
Seltener 24,4
BAKTERIENARTEN
sind bisher erforscht. Anders
als das Vorurteil besagt, ist
nur ein Bruchteil davon gefährlich: Bakterien zersetzen
Nahrung im Darm oder Abfall
auf dem Kompost, schützen
die Haut oder werden wie der
Lactobacillus helveticus zur
Käseherstellung eingesetzt.
Nie 49,7
Anteile nach Häufigkeit der Verwendung in Prozent, in Deutschland 2012; deutschsprachige Bevölkerung ab 14 Jahre
QUELLE: Verbrauchs- und Medienanalyse 2013; Erhebung durch IFAK Institut, Ipsos, Media Markt Analysen
Text: Stefan Grönke — Infografik: Sabine Hecher
SEIFE IST ÜBERFLÜSSIG
Hand
VOR DEN MUND
Gut gemeint, aber hygienisch
husten geht anders. Denn
die auf die Hand geschleuderten Viren verbreiten sich
weiter, sobald man einen
Mitmenschen oder Gegenstand
berührt. Also besser in die
Armbeuge husten.
15
Fertiggerichte
Von wegen: Wer die Hände nur kurz unter den Wasserhahn hält,
entfernt die Keime auf der Haut nicht zuverlässig.
„Saubere
Hände
sind die
mächtigste
Waffe
im Kampf
gegen
Infektionen.“
Hände unter fließendes
Wasser halten
KEIMSCHLEUDER
Toilettensitz?
Stimmt nicht: Spülschwamm,
Kühlschrank und Schneidebrettchen tragen in der
Regel mehr Bakterien als das
heimische WC. Und in der
Öffentlichkeit befinden sich
vor allem an Türklinken
und Haltegriffen viele
Keime. Das gilt besonders
für gemeinschaftlich
genutzte Sanitäranlagen.
— Professor Philip M. Tierno,
Mikrobiologe an der amerikanischen
New York University. Es ist ein
weit verbreiteter Irrtum, dass
man nur sichtbar dreckige Hände
waschen muss.
Eine
FERTIGGERICHTE
sind sicher
14
Leider nicht immer. Übersicht der Lebensmittelkategorien, die in Deutschland am häufigsten
Infektionen verursachen (Anzahl der gemeldeten Ausbrüche 2010).
Fleisch, Wurst
Milliarde
8
Feinkostsalat
5
Backwaren
3
Milch
QUELLE: Bundesinstitut für Risikobewertung 2012
2
Milchprodukte
2
Fisch
2
Eier
4
Sonstiges
KEIME
findet sich durchschnittlich
auf 10 Quadratmeter
Wischtuch. Wischen ist also
nur hygienisch, wenn man
Putzlappen regelmäßig wäscht.
ERWÄRMEN REICHT AUS
Stimmt nicht: Keime sind widerstandsfähig
100 °C
75 °C
60 °C
10 °C
4 °C
0 °C
–18 °C
Hohe Temperatur, Abtöten von Bakterien und
Schimmelpilzen
Heißhalten, verhindert Wachstum, manche Bakterien
überleben
Gefahr: schnelles Wachstum von Bakterien
einschließlich Toxinbildung
Kühlschrank, langsames Wachstum
Tiefgefrieren, manche Bakterien überleben, können
sich aber nicht vermehren; zur Sicherheit Temperatur
auf –18 °C bis –20 °C einstellen
QUELLE: Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit
Seife 20 bis 30 Sekunden
in den Händen verreiben
Auch zwischen den Fingern
Dann gründlich abspülen
Sorgfältig abtrocknen
„Dreißig
bis fünfzig
Prozent der
AntibiotikaVerordnungen
sind absolut
überflüssig.“
— Dr. Ernst Tabori, Ärztlicher
Direktor Deutsches Beratungszentrum
für Hygiene, zum Irrglauben, dass
Antibiotika gegen alles helfen.
QUELLE: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Infektionen
Ärzte sind
Hygienevorbilder
KOMMEN IMMER
VON AUSSEN
Das wäre schön.
Untersuchungen attestieren
dem Pflegepersonal bessere
Händehygiene. So liegt die
Händehygiene-Compliance
von examinierten Pflegern
nach einer Erhebung der
World Health Organization
im Schnitt ca. 15 Prozent
höher als bei Ärzten.
Falsch: Auch körpereigene
Keime lösen Infektionen aus.
Zum Beispiel können Escherichia coli-Bakterien aus
dem Darm in die Harnblase
gelangen und dort zu Blasenentzündungen führen. Keime
der Haut können bei tiefen
Verletzungen sogar eine
Blutvergiftung verursachen.
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41
„Hygiene obliegt nicht
allein dem Arzte,
sondern auch dem Architekten,
dem Ingenieur und der
Verwaltung.“
— Max von Pettenkofer (1818 bis 1901)
MAX VON PETTENKOFER
Wissenschaftler mit
Breitenwirkung
Der Mediziner, Pharmazeut und Chemiker war
der erste deutsche Professor für Hygiene.
HELFEN +
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Wie ernst man Hygiene nimmt, zeigt sich in der Praxis.
Städteplanung und Gesundheitswesen, mutige Einzelkämpfer
und Fachleute sorgen dafür, dass der Mensch im Kampf
gegen die Keime erfolgreich ist.
GEGEN TYPHUS
UND CHOLERA
Von Pettenkofer erkennt
als einer der Ersten,
dass schlechte Wasserver- und -entsorgung
mitverantwortlich
für wiederkehrende
Seuchen ist.
SOZIALHYGIENE
Mehr als Wasser
und Seife
Der Professor beschäftigt
sich auch damit, wie
Luftverschmutzung und
mangelhafte Wohnungsbelüftung sich auswirken.
1865
Wie hygienische
Bekleidung
beschaffen sein
sollte, erforscht Max
von Pettenkofer im
19. Jahrhundert.
Institut für
Hygiene
Von Pettenkofer wird
erster Direktor der
neuen Einrichtung an
der Ludwig-MaximiliansUniversität in München.
1874
Die Hygienebewegung
Nach einer CholeraEpidemie setzt von
Pettenkofer in München
den Bau einer modernen Kanalisation durch.
Viele andere europäische
Metropolen ziehen nach.
Den Tod besiegt
1854 übersteht von
Pettenkofer selbst eine
Cholera-Erkrankung. Auf
dem Krankenbett schwört
er, die Seuche mit allen
Mitteln zu bekämpfen.
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42
Ein Kreuzzug fürs
Klosett
Zweieinhalb Milliarden Menschen weltweit haben keinen Zugang zu hygienischen
Toiletten. Dem Singapurer Jack Sim lässt das keine Ruhe.
Text: Sophie Mühlmann
J
eden Morgen, wenn in Mumbai die
Sonne aufgeht und über den Wellen
an der Küstenlinie glitzert, strömen
sie heraus auf die Felsen: Männer
und Kinder – die Frauen müssen
auf die Dunkelheit warten – lassen sich
entspannt in die Hocke sinken und entblößen ihre Hinterteile. Manche kauern
hinter den spärlichen Büschen, andere
ganz ohne Scham mitten auf dem
Stein. In aller Ruhe verrichten sie ihr
Geschäft, dann waschen sie sich kurz in
einer der Pfützen auf den Felsen ab und
beginnen ihr Tagwerk.
Sie leben in den Hochhäusern entlang der Küste oder in Slums. Manche
besitzen Kühlschränke, Ventilatoren
und Farbfernseher, aber eine Toilette
haben die wenigsten. Und wenn, dann
ist die oft verdreckt, kaputt oder stinkt
bestialisch. 626 Millionen Inder erleichtern sich im Freien, ihre stillen Örtchen
sind der Straßenrand, ein freies Feld,
das Meeresufer. Nur 47 Prozent aller
indischen Haushalte haben Zugang zu
einem Klosett. Und dies sind nur die
Zahlen des asiatischen Subkontinents.
Weltweit leben zweieinhalb Milliarden
Menschen ohne Toilette.
CLOWN MIT GROSSEN AMBITIONEN
Fast 4.000 Kilometer entfernt, in Singapur, sitzt Jack Sim in der Kantine eines
Pharmaunternehmens. Gleich hat er ein
Treffen mit den Geschäftsführern, er will
sie von seinen Konzepten überzeugen.
Denn Jack hat eine Mission. Er mag sich
mit den Statistiken nicht abfinden, nicht
in Indien, nicht in Asien, nirgendwo auf
der Erde. Für den 56-Jährigen ist das
Recht auf eine Toilette für jedermann
Millionen Inder verrichten ihr Geschäft im Freien.
„Das Design einer
Toilette muss
ergonomisch
sein, damit die
Menschen
sich anständig
benehmen.“
— Jack Sim,
Gründer der World Toilet Organization
zum höchsten Ziel geworden. Er kämpft
und wirbt, er singt und streitet, und alles
nur zu einem Zweck: Sanitation – der
Einrichtung sanitärer Anlagen.
Die Leute kennen ihn hier. Immer
wieder bleiben Einzelne an seinem Tisch
stehen, grüßen freundlich, stellen Fragen. Er nippt an seinem Limonensaft,
antwortet lächelnd, scherzt und spottet.
Ein Clown mit großen Ambitionen.
„Als ich hier in Singapur aufwuchs, war
meine Familie arm“, erinnert Jack sich.
„Die Leute denken immer, dieser Stadtstaat war seit jeher so glänzend und
modern“, er zeigt auf die Hochhäuser,
die in den schwül verhangenen Himmel
ragen, „aber in den 50er Jahren war
dies ein sehr armes Land.“ Als Jack
sechs Jahre alt war, hatte seine Familie
in ihrer Wohnung im sozialen Wohnungsbau ihr erstes WC. „Wir fühlten
uns richtig wie die Oberklasse!“
DAS KLO ALS SPIEGEL DER KULTUR
In jungen Jahren war der agile Mann
Händler. Er verkaufte Immobilien,
Ziegel, Theatersitze und vieles mehr.
„Meine Noten waren nicht gut genug,
also machte ich Geschäfte. Business ist
so viel leichter als zu studieren!“, sagt
er und grinst. Er war sehr erfolgreich,
gründete Joint Ventures, hatte seine
Finger in insgesamt 16 Firmen. „Aber
mit 40 wurde mir bewusst, dass es
Jack Sim war erfolgreicher
Geschäftsmann, bevor er
sich ganz dem Einsatz
für mehr Toiletten widmete.
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45
„Es
reicht nicht, Toiletten
zu bauen. Wir müssen die
Menschen dazu bringen, dass
sie darüber offen sprechen.“
46
Rollen Toilettenpapier
verbraucht der durchschnittliche Deutsche
pro Jahr. Schweden benötigen etwa doppelt
so viel, Spanier nur ca. 23 Rollen.
— Martin Mogwanja, UNICEF
115
Menschen pro Stunde
Sitzen oder hocken?
In den meisten westlichen
Ländern sind heute Tiefspüler
verbreitet. Südeuropäer,
Asiaten und arabische Toilettengänger bevorzugen oft die
Variante zum Hocken.
sterben in Afrika an Krankheiten, die auf
unzureichende Sanitäreinrichtungen
zurückzuführen sind.
Jeder zweite Deutsche
liest regelmäßig auf der
Toilette. Männer bevorzugen
Tageszeitungen, Frauen
Romane.
53,8
Milliarden US-Dollar
an Kosten verursachen jährlich
die gesundheits- und umweltbedingten Folgen der mangelhaften
Sanitäreinrichtung in Indien.
40
von 100 Kindern
leben auf dieser Welt ohne
Zugang zu Toiletten.
Q UELLEN: World Health Organization, Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel, Gesellschaft für Konsumforschung
mehr im Leben gibt, als nur Geld zu
scheffeln“, erzählt der humorvolle
Mann mit der Brille. In jenen Tagen
hörte er eine Rede des damaligen
Singapurer Premierministers Goh Chok
Tong: „Wir müssen unser Sozialverhalten an der Sauberkeit unserer öffentlichen Toiletten messen“, sagte der. Das
Klo als Spiegel der Kultur. Einleuchtend
und überzeugend, fand Jack.
1998 gründete er die Restroom
Association Singapore und konzentrierte sich auf die drei Schwerpunkte
Architektur, Benehmen und Sauberkeit.
„Alles, was feucht ist, wird schnell
stinkig und schmutzig“, stellt er fest.
Umso wichtiger wurde es ihm zu
verhindern, dass Putzkräfte mit Wasser
herumspritzen und Toilettenbesucher
ihre nassen Hände einfach ausschütteln,
weil es keine Handtücher in Reichweite
gibt. „Wir brauchten besseres Licht und
eine ordentliche Lüftung. Das Design
einer Toilette muss ergonomisch sein,
damit es die Menschen dazu motiviert,
sich anständig zu benehmen. Wenn es
bequemer ist, sich wie ein Schwein aufzuführen, dann ist das Design schuld.
Oder anders gesagt: Wenn die Toilette
dich nicht respektiert, dann respektierst
du sie auch nicht!“
„FRAUEN BRAUCHEN MEHR PLATZ“
Was als Hobby begonnen hatte, wurde
für Jack Sim bald zum Vollzeitjob. 2001
startete der gewitzte Unternehmer die
World Toilet Organization (WTO).
Zu Beginn noch als One-Man-Show
im Einsatz, vernetzte Jack sich bald
mit Gleichgesinnten in aller Welt. „Mir
wurde schnell klar, dass dieses Projekt
so viel bedeutungsvoller ist als meine
anderen Geschäfte.“ Er trennte sich von
all seinen Unternehmen, um sich ganz
der Sanitation widmen zu können.
Nur eine Firma behielt der Gründer für
sich, „um die Miete bezahlen zu können“, ein Unternehmen, das Toilettentrennwände baut.
Die Medien sprangen auf die
Ideen des selbst ernannten „VollzeitToilettenmanns“ an, immer schneller
In Mumbai sind öffentlich einsehbare Pissoirs schon ein Fortschritt.
„Toiletten stellen
einen Profit dar.
Sind sie nicht
ansprechend,
verlieren die
Geschäftsleute
Kunden.“
— Jack Sim
wurden seine Konzepte in die Tat
umgesetzt. 2005 überzeugte er zum
Beispiel die Regierung in Singapur, das
Gesetz zu ändern, das für Männer- und
Frauentoiletten die gleiche Größe vorschreibt. „Unfug!“, meint Jack, „Frauen
brauchen mehr Platz, damit sie nicht
Schlange stehen müssen. Schließlich
brauchen sie Kabinen, und Männer
können Urinale benutzen.“
Jack Sim packt die Menschen dort,
wo es wehtut: beim Geld. „Wir müssen
den Gebäudebesitzern klarmachen, dass
die Toiletten einen Profit darstellen.
Dass sie Kunden verlieren, wenn ihre
Waschräume nicht ansprechend sind.“
Immerhin machen Impulskäufe
95 Prozent der Geschäfte aus. Dafür
müssen sich die Kunden lange in den
Einkaufszentren aufhalten. Und das tun
sie nur, wenn sie dort ohne Ekelgefühle
auf die Toilette gehen können. Auf ein
Anreiz-System setzt der WTO-Chef
auch im Bildungswesen und in der
Arbeitswelt: In Schulen versuchen er
und seine Mitarbeiter die Eltern zu
überzeugen, dass ihre Kinder bessere
Noten bekommen, wenn sie nicht aus
Widerwillen vor den Schulklos ihren
Harndrang einhalten. Die Schüler selbst
dekorieren ihre Toiletten mit Dinosauriern oder Fischen, „und dann erklären
wir ihnen: Das sind jetzt eure eigenen
Klos. Pflegt sie gut!“ In Fabriken gilt
es den Bossen klarzumachen, dass
Arbeiter nicht effi zient sind, wenn sie
sich Infektionen auf der Betriebstoilette
zuziehen. Schuldirektoren, Bauentwickler, Vorstandsvorsitzende: Jack sucht
mit allen Entscheidern das Gespräch.
Um mehr Sauberkeit zu erreichen,
wendet sich die WTO zudem direkt an
das Reinigungspersonal. „Diese Menschen wurden in Singapur früher mies
bezahlt und schlecht ausgebildet.“ Jack
holte deshalb japanische ReinigungsTrainer ins Land, „denn nirgendwo
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wird Hygiene so großgeschrieben wie
in Japan“. Sie unterweisen die Teilnehmer der WTO-Kurse darin, wie man
nachhaltig und gründlich putzt: welche
Reinigungsmittel man benutzt und
wie viel davon, wie man eine kaputte
Klobrille repariert oder eine verstopfte
Toilette wieder funktionstüchtig macht.
Außerdem bekommen sie Regeln zur
Etikette und zu adäquater Kleidung
mit auf den Weg.
„Wir befördern sie vom schlichten
Kloputzer zum ‚Waschraum-Spezialisten‘. Und am Ende müssen sie eine
Prüfung ablegen und bekommen ein
Zertifi kat des WTO-Colleges“, erklärt
die Umweltmanagerin Laura Simei,
die seit anderthalb Jahren zu Jacks
Team gehört. In Singapur hat sich das
Konzept auch für die Reinigungskräfte
selbst ausgezahlt: Statt wie früher 260
Euro verdienen sie jetzt im Schnitt rund
400 Euro im Monat.
EXPORT NACH INDONESIEN UND CHINA
Laura Simei exportiert das in Singapur
so erfolgreiche Reinigungstraining
gerade für Jacks neues WTO-College
nach Übersee. Im Moment sind die
Schwerpunktziele Indonesien und
China – beide Länder stecken, was die
Qualität und Annehmlichkeit ihrer
öffentlichen Toiletten betrifft, noch in
den Kinderschuhen: Fernab der teuren
Hotels und verspiegelten Shoppingcenter
findet man dort allzu oft nur ungelüftete
Plumpsklos, von Fliegen umschwirrt,
mit Glück hin und wieder von einem
Schlauch durchgespritzt. In anderen
Weltregionen haben Jacks Ideen sich dagegen längst verbreitet. 2008 verlieh ihm
das amerikanische Time Magazine den
Titel „Held der Umwelt“. Ein Jahr später
folgten die USA auf seine Initiative hin
dem Singapurer Beispiel und änderten
das Gesetz für Damen- und Herren-WC
in öffentlichen Gebäuden. Hongkong
und große Städte in China sollen folgen.
Nicht Spenden und Entwicklungshilfe, so meint Jack, könnten endlich für
bessere Sanitation auch in armen Ländern sorgen, sondern die Marktwirt-
schaft. „Der Markt wäre Milliarden
wert – über mehrere Branchen hinweg.
Man stelle sich vor: Privattoiletten, aber
auch Schulen, Behörden, Freizeiteinrichtungen, Moscheen … Wenn wir es
in ein Geschäft verwandeln, kann der
Fortschritt sehr schnell gehen.“ Toilettenpapier und feuchte Tücher allerdings
müssten, damit der Markt seine
GRÜNE OASE
Wasserwirtschaft bei
HARTMANN in Indien
Die Landschaft um Coimbatore gleicht einer
Halbwüste. Dennoch sieht es auf dem Betriebsgelände von KOB Medical Textiles Private Ltd.
erfrischend grün aus. Grund ist eine biologische Abwasseraufbereitungsanlage, die dort
seit 2010 in Betrieb ist. Sie reinigt direkt auf
dem Gelände sämtliche Sozialabwässer der
Mitarbeiterwohnungen, etwa aus Toiletten,
Duschen oder Spülen. Das aufbereitete
Wasser – 40.000 Liter täglich – nutzt das
Unternehmen für die Landbewässerung.
Zuvor musste das Brauchwasser aufwendig
in Tankwagen abgepumpt und gegen Gebühr
entsorgt werden. Bei der Bewässerung des
Grundstücks war das Unternehmen zudem auf
Grundwasserbrunnen angewiesen oder
musste Wasser zukaufen.
SICKERGRUBEN FÜRS REGENWASSER
Zusätzlich hat die Standortleitung Sickergruben
geschaffen. Das Regenwasser wird in ihnen
aufgefangen und anschließend in natürliche
Brunnen weitergeleitet. „Wir schlagen drei
Fliegen mit einer Klappe“, resümiert General
Manager Dr. Aravamudhan Shanmugavasan.
„Wir verbrauchen weniger Trinkwasser pro
Mitarbeiter, das Grundwasser wird geschützt
und wieder aufgefüllt und wir geben kein Geld
für die Abwasserentsorgung aus.“
Seit der Installation der Anlage hat sich am
Standort Coimbatore sowohl der Frischwasserverbrauch als auch das Abwasseraufkommen
um über zwölf Prozent reduziert.
INDIEN
Arabisches
Meer
TAMIL
NADU
Indischer
Ozean
Coimbatore
100 km
SRI LANKA
segensreiche Wirkung entfalten kann,
auch für die Armen erschwinglich sein.
Jack stellt sich ein Modell nach dem
Motto „kauf eins, gib eins“ vor: „Für
jede Packung, die in einem reichen Land
erworben wird, erhält jemand auf der
anderen Seite der Erde auch eine. Einige
Pharmaunternehmen hat die WTO
bereits für solche Subventionsmodelle
gewinnen können.
Jack Sims Lieblingsthema aber ist
und bleibt das Tabu, das es zu brechen
gelte: „Mit den Toiletten“, meint er, „ist
es ein bisschen so wie mit der sexuellen
Revolution: Früher waren die Leute zu
schamhaft, um darüber zu reden. Heute
gibt es sogar Songs dazu. Wir sollten es
genauso machen: Wir sollten die ‚Poop‘also die Toilettenkultur, in Popkultur
verwandeln!“ Er will die Menschen
emotional erreichen. Zumal er es
schlicht ungerecht fi ndet, dass zwar
eine Naturkatastrophe wie der Taifun
Haiyan mit 5.000 Todesopfern die
ganze Welt aufwühlt. Die Tatsache
aber, dass jährlich eine Million
Kinder an Durchfall oder anderen
Erkrankungen stirbt, weil hygienische
Toiletten fehlen, lasse die internationale
Gemeinschaft offenbar kalt. „Über
den Taifun Haiyan haben die Medien
hochemotional berichtet: Die Menschen
wurden traurig, wütend, hilfsbereit,
sie spendeten Millionen. Doch über die
Opfer der Toilettenmisere gibt es keine
Wut, keine Trauer, keinerlei Reaktion.
Warum? Es ist nur eine platte Statistik.
Das ist nicht zu glauben!“
INVESTOREN FÜR BOLLYWOODFILM
Neuerdings betätigt er sich sogar als
Künstler. Er hat ein Liebeslied zum
Valentinstag gedichtet. Adressat ist
sein Klosett. Das sei, erklärt Jack
Sim, schließlich auch so etwas wie ein
Lebenspartner. „Eine Geliebte könnte
immer für mich da sein, mein Klo sollte
es sein. Und überhaupt: Ich kann nicht
ohne dich leben!“ Außerdem hat er das
Skript zu einer Komödie verfasst, die
im Dezember 2013 in Singapur in die
Kinos kam: „Everybody’s Business“ –
Der Gründer scheut auch vor Slapstickeinlagen nicht zurück, um Spenden für seine Organisation zu gewinnen.
„Jedermanns Geschäft“. Nun sucht er
nach Investoren für einen Bollywoodfi lm. Eine Tragödie, gespickt mit
Sozialkritik. Auch dafür hat er selbst
sechs Songs geschrieben: „Ich versuche
mich immer in Dingen, die ich noch nie
gemacht habe.“ Sein Traum ist, dass
Toiletten zu Statussymbolen werden.
„Ein WC muss wie Prada verkauft
werden. Wir müssen Drama im Dorf
kreieren.“ Die Leute sollen sich ein
modernes Klosett aus Neid kaufen, für
das eigene Ego. „Sie geben das Geld erst
einmal für den Status aus, danach werden sie es rational rechtfertigen – nur so
kann es laufen, nicht umgekehrt.“
„DAS MACHT MICH GLÜCKLICH!“
Jedes Jahr am 19. November, dem
Gründungstag der WTO, ist „World
Toilet Day“ – der Welt-Toilettentag.
„Dieser Tag wird heute überall auf der
Mr. Toilet und Sophie Mühlmann im Gespräch.
„Heute sieht
man mich als
Bereicherung.
Das fühlt sich
toll an.“
— Jack Sim
Welt gefeiert. Und die Vereinten Nationen haben ihn offi ziell übernommen.“
Jack grinst: „Das macht mich glücklich!
Früher betrachtete man mich hier in
Singapur als Unruhestifter, weil ich
sagte, was ich dachte. In den letzten
16 Jahren habe ich darum gerungen, als
wohlmeinender Mensch betrachtet zu
werden. Heute sieht die Regierung mich
als Bereicherung für das Land. Das
fühlt sich toll an.“
Wer weiß, was passiert, wenn sein
Bollywood-Film eines Tages tatsächlich
in den Kinos läuft und die indischen
Zuschauer seine Lieder nachsingen.
Dann kommt womöglich auch in Mumbai, auf den Felsen, das Sicherleichtern
im Freien aus der Mode und es entstehen
mehr saubere öffentliche Toiletten in
Indien. Der Toilettenmann hätte einen
weiteren Sieg errungen in seinem Kampf
für Sanitation. •
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49
Eine saubere
Sache
1. Am Reißbrett
Die Produktentwickler analysieren
Risiken, die im Herstellungsprozess,
bei Lagerung und Transport sowie
beim Anwender auftreten können,
und legen Produktbestandteile fest.
2. Kriterien definieren
Rohstoffe und Lieferanten müssen
strenge Anforderungen erfüllen,
damit das Produkt die gewünschten
Eigenschaften hat und den
Hygienestandards entspricht.
Mögliche Partner füllen detaillierte
Fragebögen aus und legen alle nötigen Dokumente und Zertifikate (z. B.
ISO-Zertifizierung) vor. Bei Bedarf
werden sie von HARTMANN auditiert.
Medizinische Produkte unterliegen strengsten
Hygieneanforderungen. Das HARTMANNQualitätsmanagement sorgt dafür, dass sie im
Herstellungsprozess eingehalten werden.
Ein Überblick am Beispiel des hydroaktiven
Wundkissens HydroClean® plus.
4. Partner wählen
Text: Sepideh Honarbacht — Infografik: Sabine Hecher
3. Lieferanten prüfen
HARTMANN beauftragt Lieferanten
für Produktbestandteile wie Airlaid
mit Superabsorber, Ringerlösung
mit Polyhexanid, Propylengestrick
und Faltschachtel.
15
ml Ringerlösung
aktivieren den
Superabsorber, der die
Wunde reinigt und
den Gewebeaufbau
fördert.
cm beträgt der Durchmesser dieses hydroaktiven
Wundkissens.
72
87
Stunden lang kann HydroClean
plus maximal auf der Wunde
belassen werden.
Prozent der Patienten
bescheinigen dem Produkt
eine gute oder sehr gute
Verträglichkeit.*
*QUELLE: HARTMANN-Anwendungsbeobachtung 2012 mit 170 Patienten.
576
Stück passen in Kartons verpackt
auf eine Europalette.
Qualitätskontrolle
8. Mit
Ringerlösung
tränken
5. Im Reinraum
In den Produktionshallen herrscht
leichter Überdruck: Außenluft kann
nicht unkontrolliert eindringen und die
Räume kontaminieren. Das Personal
trägt Schutzkleidung und
passiert eine Reinraumschleuse.
7. Silikonstreifen
aufbringen
Sie verhindern zusätzlich
das Verkleben der hydroaktiven
Auflage mit der Wunde.
Ist der Beutel gefüllt?
Das wird an der
Maschine anhand
seines Volumens
und des Gewichts
automatisch geprüft.
Sie aktiviert den superabsorbierenden Saug-Spülkörper.
Die Ringerlösung verhindert
das Austrocknen der Wunde,
antiseptisches Polyhexanid
hemmt das Keimwachstum.
Qualitätskontrolle
12. An Logistik übergeben
10. Mit Dampf
sterilisieren
Qualitätskontrolle
Stimmt die Saugfähigkeit?
100 cm2 Airlaid mit
Superabsorber müssen
65 ml Ringerlösung
aufnehmen.
5,5
Jeweils sechs Verkaufseinheiten mit zehn
Peelbeuteln werden zu einer Transporteinheit
zusammengefasst, palettiert und an das
Logistikzentrum geliefert.
Der Inhalt der Peelbeutel
wird bei einer Temperatur
von 121 °C sterilisiert.
Die Maschine wird mit
Polypropylengestrick, Vlies,
Folie und Airlaid mit Superabsorber bestückt, führt
die verschiedenen Lagen
zusammen und verschweißt
sie. Anschließend stanzt
sie die Wundkissen aus.
13. Ausliefern
9. Beutel
verschweißen
6. Wundauflage
produzieren
Die feuchte Wundauflage wird
von einem wasserdichten
Peelbeutel umschlossen.
Qualitätskontrolle
Halten die Schweißnähte? Zur
Überprüfung werden die Kissen in Wasser
gelegt und Druck ausgesetzt.
11. Verpacken
Jeweils zehn Peelbeutel und ein
Packungsbeileger kommen in
eine Faltschachtel. Diese wird
mit Verfallsdatum und der
Chargennummer bedruckt.
Welche Erfahrungen machen
Anwender mit dem Produkt?
Nach Genehmigung der
Ethikkommission des Krankenhauses bzw. der kassenärztlichen Vereinigung dokumentiert
der Arzt seine Erfahrungen
im Rahmen einer Anwendungsbeobachtung während
der Behandlung. Die Ergebnisse stellt er HARTMANN
zur Verfügung.
Qualitätskontrolle
Erfüllt das fertige Produkt alle
Anforderungen? Die Beutel
werden stichprobenartig
geöffnet und verschiedenen
Tests unterzogen.
In Deutschland beliefert
HARTMANN Krankenhäuser
direkt mit HydroClean plus;
Apotheken und Fachhändler
beziehen das hydroaktive
Wundkissen zum Teil über
den Großhandel.
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51
IM GESPRÄCH
„Die Hausspitze muss
mit ins Boot“
Im normalen Leben wären sie sich eher nicht über den Weg gelaufen. Dabei
haben Ulrich Küsters und Anja Citrich einander viel zu erzählen. Ein Austausch über
Hygienestandards im deutschen Gesundheitswesen und beliebte Vorurteile.
Interview: Myrto-Christina Athanassiou — Foto: Mareike Foecking
D
as Bethesda-Krankenhaus
in Mönchengladbach. Ein
modernes Haus, erst 2013 hat
eine eigenständige Abteilung
für Kardiologie und Internistische Intensivmedizin neu eröffnet.
Ulrich Küsters ist seit 20 Jahren als
Hygienefachkraft hier beschäftigt. Seine
Gesprächspartnerin: Anja Citrich, bei
HARTMANN für die fachliche Leitung
der Fachberater Pflege und Hygiene
zuständig, die Alten- und Pflegeheime
betreuen. In Kliniken verschlägt es
Citrich nur selten. Zur Freude von
Küsters desinfi ziert sie sich am Spender
im Eingang erst einmal die Hände. Bald
wird gelacht, die beiden finden schnell
einen Draht zueinander.
Hygieneexperte trifft
Fachberaterin: Ulrich Küsters
und Anja Citrich diskutieren
darüber, worauf es im Hygienemanagement ankommt.
Herr Küsters, viele Menschen haben
Angst, sich im Krankenhaus mit
gefährlichen Erregern anzustecken.
Was unternehmen Sie, damit so
etwas hier nicht passiert?
KÜSTERS: Nur ein Beispiel von vielen:
Wir führen schon seit zweieinhalb
Jahren ein 100-prozentiges EingangsScreening bei allen stationären Patienten durch. Damit waren wir einer der
Vorreiter in Mönchengladbach. Jeder
Patient, der aufgenommen wird, wird
komplett labortechnisch durchgecheckt.
Das Robert-Koch-Institut verlangt
eigentlich nur, dass man Risikogruppen
wie zum Beispiel chronisch Pflegebedürftige überprüft. Bei bis zu 110
Neuaufnahmen am Tag leisten wir also
schon einiges. Wenn wir vorher wissen,
dass jemand zum Beispiel mit Noroviren infi ziert ist, isolieren wir direkt.
Ergibt die Laboruntersuchung einen
kritischen Befund, legen wir auch diese
Patienten direkt auf ein Einzelzimmer.
Am meisten Angst haben viele ja vor
multiresistenten Keimen, MRSA …
CITRICH: Das wundert mich nicht.
Sie müssen ja nur den Fernseher anschalten, fast wöchentlich gibt es große
NOSOKOMIALE INFEKTIONEN
Herausforderung für das Gesundheitswesen
Vier Millionen Menschen, so das European
Centre for Disease Prevention and Control (ECDC),
erkranken in Europa jährlich an einer Infektion,
die sie sich in einer Einrichtung des Gesundheitswesens zugezogen haben. Der multiresistente
Keim Staphylococcus aureus (MRSA) wird in
etwa fünf Prozent dieser Fälle als Ursache nachgewiesen. Laut ECDC ließe sich bis zu ein Drittel
der nosokomialen Infektionen durch bessere
Hygiene vermeiden.
Sendungen zu vermeintlichen MRSASkandalen in deutschen Kliniken. Da
ist schon viel Panikmache dabei.
KÜSTERS: Das sehe ich ähnlich. Viele
wissen auch nicht, dass im Schnitt zwei
bis drei Prozent aller Menschen in
Deutschland MRSA-Keime in sich tragen, ohne irgendwelche Beschwerden zu
haben. Die Patienten sind dann oft überrascht, wenn beim Eingangs-Screening
eine MRSA-Besiedlung bei ihnen diagnostiziert wird. „Wie, ich bin doch nur
von der Tür bis zum Empfang gegangen
– und dann habe ich mich schon angesteckt?“ heißt es dann oft. Dabei kann
man sich die multiresistenten Keime
nicht nur im Krankenhaus einfangen.
Ich will aber nichts herunterspielen:
Natürlich ist jede MRSA-Infektion im
Krankenhaus eine zu viel.
In den Medien heißt es immer wieder,
dass zum Beispiel die Niederlande
MRSA deutlich besser im Griff haben
als Deutschland. Wie sehen Sie das?
KÜSTERS: Ich denke, hier in Mönchengladbach können wir da gut mithalten.
Alle unsere Kliniken, gleich in welcher
Trägerschaft, haben sich auf einheitliche MRSA-Standards verständigt und
geben gemeinsam Informationsmaterialien dazu heraus. Alle sind außerdem
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ULRICH KÜSTERS
52
Von der Notfallambulanz ins Hygienemanagement
Bereits seine Krankenpfleger-Ausbildung hat Ulrich Küsters, geboren
1962, in Mönchengladbach absolviert. Später leitete er einige Jahre
die Ambulanz am Marienkrankenhaus in Düsseldorf-Kaiserswerth.
Nach seiner Weiterbildung zur Hygienefachkraft kehrte Küsters
in seine Heimatstadt Mönchengladbach zurück. Am dortigen
Bethesda-Krankenhaus ist er seit 1994 beschäftigt. Außerdem berät
Küsters Alten- und Pflegeheime sowie Arztpraxen zum Thema Hygiene-management und arbeitet als Fachdozent für Krankenhaushygiene.
„Produkte, die einfach zu handhaben sind, verbessern
eindeutig die Compliance der Mitarbeiter.“
— Anja Citrich, vor ihrem Start bei HARTMANN selbst in der Pfl ege tätig
zertifiziert vom „EurSafety Health-Net“,
einem grenzüberschreitenden Netzwerk
für Patientensicherheit und Infektionsschutz, in dem auch niederländische
Einrichtungen vertreten sind. Ohne
Frage sind die Niederländer hervorragend, was das Eingangs-Screening
angeht. In anderen Fragen aber können
sie auch von uns lernen.
Was zum Beispiel?
KÜSTERS: Nehmen Sie das Thema
Sanierung, die Beseitigung von Keimen.
Was macht man mit Patienten, die etwa
einen Katheter haben oder Wunden?
Befreit man auch sie von den Erregern?
Zunächst muss man solche Sanierungshindernisse beseitigen beziehungsweise
die Heilung abwarten, bevor eine endgültige MRSA-Sanierung möglich ist.
Dennoch kann auch in dieser Phase
eine Therapie zur Keimreduktion sinnvoll sein. In den Niederlanden ist das
nicht üblich, bei uns sehr wohl. Und
die Erfolgsquote ist sehr hoch.
Es heißt oft, dass dem Krankenhauspersonal in der Alltagshetze nicht
genug Zeit für die Hygiene bleibt …
CITRICH: Hygiene kostet Zeit, ganz
klar. Aber was passiert, wenn ich nicht
nach den Hygieneregeln handele? Dann
dauert es viel länger, die entstandenen
Probleme in den Griff zu bekommen.
Eine große Herausforderung ist der
aktuelle Personalmangel, gerade in der
Altenpflege. Häufig lassen sich Vakanzen nicht schnell genug besetzen. Und
man kann natürlich auch die Bewohner
nicht in ihren Zimmern einsperren,
wenn sie eine Infektion haben. Oft sind
dann die Demenzbereiche als Erste
von Infektionswellen betroffen.
Trotzdem: Das Personal ist für die
Hygiene zuständig, oder?
CITRICH: Stimmt. Aber man muss
auch berücksichtigen, dass Bewohner
von Altenheimen meist verschiedene
Das Bethesda-Krankenhaus ist Teil eines grenzüberschreitenden Netzwerks für Patientensicherheit und Infektionsschutz.
Ärzte haben. Da kann die Heimleitung
nicht einfach Stuhlproben anordnen,
das sieht unser Gesundheitssystem nicht
vor. Außerdem übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung zum Beispiel
die Kosten für eine MRSA-Sanierung
nicht ohne weiteres. Antibakterielle
Waschlotionen müssen die Betroffenen
selbst bezahlen. Ein zentraler Punkt ist
auch, dass die Hygienemaßnahmen für
das Personal praktikabel sein sollten.
Wenn ich einen Bewohner versorge und
dann zwischendurch aus dem Zimmer
laufen muss, um meine Hände zu
desinfi zieren, ist das schwer in effi ziente
Arbeitsabläufe zu integrieren.
KÜSTERS: In den Zimmern dementer
Bewohner kann man auch nicht so
einfach Desinfektionsmittel bereitstellen, weil manche das versehentlich
austrinken. Manche Häuser geben den
Pflegekräften deshalb Kittelflaschen
mit. Das kostet natürlich Geld …
CITRICH: … das aber sinnvoll investiert ist. Produkte, die einfach zu
handhaben sind, verbessern eindeutig
die Compliance der Mitarbeiter, sie tun
sich deutlich leichter in der Umsetzung.
Spender mit Desinfektionstüchern
sind zum Beispiel sehr hilfreich. Oder
zentrale Dosieranlagen für Desinfektionsmittel, damit die Konzentration
des Wirkstoffs immer gleichbleibend
stark ist. Wer Hygiene vernachlässigt,
bekommt zudem schnell ein Imageproblem. Das kann existenzbedrohend
sein in Zeiten, in denen viele Altenheime nicht voll ausgelastet sind.
Sollten die Heime also am besten niemanden aufnehmen, der nachweislich
mit bestimmten Keimen infiziert ist?
CITRICH: Das wäre der falsche Weg.
Wenn ein Haus ein vernünftiges
Hygienemanagement hat, kommt es
mit fast jedem Keim zurecht.
KÜSTERS: Immerhin wissen viele
Heime inzwischen, dass sie Menschen
mit MRSA-Besiedlung nicht abweisen
müssen. Keime sind beherrschbar,
wenn man auf hohem professionellem
Niveau arbeitet.
Was heißt das konkret?
CITRICH: Dass man sich das entsprechende Know-how aneignen muss.
Und sich bei konkreten Fragen Hilfe
holt, zum Beispiel bei den Beratern des
BODE SCIENCE CENTERS. Auch die
Fachberater von HARTMANN führen
Seminare zu diversen Hygienethemen
durch. Man darf nicht vergessen, dass
es fest angestellte Hygienefachkräfte
wie Herrn Küsters in Altenheimen meist
gar nicht gibt. Sondern fast immer
Hygienebeauftragte, die das Thema
zusätzlich zu ihren Pflegeaufgaben
übernommen haben.
KÜSTERS: Der Trend geht aber in den
Altenheimen dahin, sich das Wissen
freiberufl icher Hygienefachkräfte
zu sichern. Die nehmen die internen
Verantwortlichen an die Hand, schulen
sie und überprüfen die Ausstattung.
ANJA CITRICH
Erst Infektionsstation, dann Fachberatung
Als fachliche Leitung ist Anja Citrich bei HARTMANN für die Arbeit von insgesamt zwanzig Fachberatern Pflege und Hygiene im Vertrieb Institutionelle Pflege
verantwortlich. Das Team der 1972 geborenen Oberhausenerin ist in dieser Form
einzigartig auf dem deutschen Markt: Alle Fachberater sind ausgebildete
Gesundheits- und Krankenpfleger oder Altenpfleger. Zudem haben sie eine
Zusatzausbildung zur Kontinenzfachkraft und zum Hygienebeauftragten. Vor
ihrem Start bei HARTMANN vor sieben Jahren hat Anja Citrich zunächst selbst
als Krankenschwester auf einer Infektionsstation gearbeitet und sich später
als Lehrerin für Pflegeberufe weiterqualifiziert.
Ulrich Küsters wünscht sich flexible, verlässliche Beratung. Anja Citrich und ihr Team wollen Alten- und Pflegeheimen genau das bieten.
Entscheidend ist, dass man dabei die
Hausspitze mit im Boot hat.
Wie handhabt Ihre Klinik das?
Gibt es Sanktionen, wenn sich in einer
Station Infektionen häufen?
KÜSTERS: Die brauchen wir gar nicht,
Transparenz reicht. Organisatorischer
Rahmen dafür ist unsere Hygienekommission, in der alle Chefärzte, die
Geschäftsführung, unser Krankenhaushygieniker, der Krankenhaus-Apotheker
und ich vertreten sind. Wir führen
natürlich auch eine Infektionsstatistik.
Chefarzt A weiß so stets genau, was es
bei Chefarzt B für Infektionen gibt. Und
falls bei neuen Mitarbeitern Schwierigkeiten mit der Hygiene auftauchen,
reicht meist ein kollegiales Gespräch.
Dass die niedergelassenen Ärzte ihr
Vorgehen daran orientieren, ist aber
nicht selbstverständlich …
KÜSTERS: Wir haben hier in Mönchengladbach Pilotprojekte, um die Zusammenarbeit in Sachen Hygiene zwischen
Niedergelassenen und Kliniken aufeinander abzustimmen. Das funktioniert hervorragend. Auch unsere Standards für
die Weiterbehandlung nehmen die Ärzte
sehr gut an. Und was die viel kritisierten
Antibiotika-Verschreibungen anbelangt:
Häufig sind es übrigens die Patienten,
die da Druck machen, Eltern etwa, die
ihr krankes Kind schnell wieder gesund
sehen wollen. Der Umgang mit Antibiotika ist eine Herausforderung für die
ganze Gesellschaft.
CITRICH: Da haben Sie Recht. Für die
Hygiene gilt das genauso. 100-prozentige
Sicherheit vor Krankheitserregern
kann es nicht geben. Aber wir erreichen
schon viel, wenn alle die wichtigsten
Hygieneregeln befolgen! •
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55
Leinen, Rauch und
Vollbadphobie
Zwischen Renaissance und Barock hegten die Menschen eine gewisse Skepsis
gegenüber Badezeremonien. Lieber täglich das leinene Unterhemd wechseln und tüchtig
Parfum versprühen statt waschen, lautete die Devise. Für den Erhalt der Gesundheit hat
die frühneuzeitliche Gesellschaft überraschenderweise doch einiges getan. Ein Rückblick.
Text: Melanie Rübartsch — Illustration: Tina Berning
E
In den Schlossgärten
sprudelte Wasser aus den
Fontänen. Die Haut derer,
die dort lustwandelten,
erreichte es selten.
in heißer Tag im August 1705.
Herzogin Elisabeth Charlotte von
Orléans, besser bekannt als Lieselotte von der Pfalz, reist in ihrer
Kutsche über staubige Straßen
zum französischen Jagd- und Sommerschloss Marly-le-Roi. Völlig verschwitzt
erreicht die Tochter von Kurfürst Karl I.
Ludwig aus dem Hause Pfalz-Simmern
und Schwägerin von Sonnenkönig
Ludwig XIV. ihr Ziel. Ihr aufwendiges
Make-up ist komplett verschmiert. Und
dann geschieht es: Lieselotte muss ihr
Gesicht mit Wasser säubern. Für damalige Zeiten offenbar eine so außergewöhnliche Handlung, dass die gebürtige
Heidelbergerin sie sogleich in einem
Brief an ihre deutsche Verwandtschaft
dokumentiert: „Ich musste mein Gesicht
waschen, es war so staubig.“
Während in den pompösen Hofgärten Fontänen sprudelten, erreichte das
kostbare Nass vergleichsweise selten
die Haut derjenigen, die dort lustwandelten. Glaubt man Jean Héroard, dem
Leibarzt des 1601 geborenen Königs
Ludwig XIII., lässt sich dessen hygienische Erziehung in wenigen Worten
zusammenfassen: Mit sechs Wochen
wurde Ludwigs Kopf massiert, mit sieben Wochen der Milchschorf mit Butter
und Mandelöl eingerieben, im Alter
von fünf wurden seine Beine erstmals
gewaschen, mit knapp sieben nahm er
sein erstes Bad gemeinsam mit seiner
Schwester. Der Geruch dieser Jahre, so
schildert es die kanadische Journalistin
Katherine Ashenburg in ihrer Hygienegeschichte „The Dirt on Clean“, war
eine olfaktorische Zumutung. An den
Höfen waberten eine prekäre Mischung
aus Körper- und Mundgeruch sowie
Schwaden schweren Parfüms.
Aber auch Bürger und Bauern praktizierten Reinigungsrituale nur sporadisch. Kein Wunder: Wer sich waschen
oder gar warm baden wollte, musste das
Wasser zunächst mühselig vom Dorfbrunnen holen und erhitzen. Zudem
war Wasser ein wichtiges Lebensmittel
und wurde daher äußerst sparsam
eingesetzt. Das wiederum führte dazu,
dass vor allem ärmere Haushalte beim
Essen sogar auf Geschirr verzichteten.
Denn unabhängig vom Preis für Steinzeug oder gar Porzellan hätten Teller ja
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56
gespült werden müssen. Also kam der
Topf auf den Tisch und alle Bewohner
bedienten sich daraus.
PASSIONSSPIELE ALS PESTVERHÜTER
Eine Ära ohne jegliches Hygienebewusstsein? „Nein, so einfach ist
das nicht. Wir dürfen unsere heutigen
Vorstellungen nicht einfach dieser
Zeit überstülpen“, mahnt Dr. Fritz
Dross, Privatdozent am Institut für
Geschichte und Ethik der Medizin
an der Universität Erlangen. Jede
vergangene Epoche müsse man wie eine
fremde Kultur betrachten. Mit anderen
Worten: Hygiene war damals durchaus
wichtig, aber sie sah anders aus. Was
die Gesellschaft zur Verhütung von
Krankheiten unternahm, hing von den
medizinischen Möglichkeiten ab und
war geprägt von religiösen Überzeugungen. „In diesem Sinne sind zum Beispiel
die Oberammergauer Passionsspiele
eine hygienische Maßnahme gewesen“,
sagt der Wissenschaftler. „Schließlich
sind sie 1634 nach überstandener Pest
eingeführt worden, damit Gott die
Bewohner künftig von dieser Krankheit
verschone.“ In der Tat verzeichnete der
bayerische Ort seitdem keinen einzigen
Pestfall mehr.
Beinahe religiös mutet auch die Vorliebe für Räucherungen an, die in der
frühen Neuzeit um sich griff. Das Verbrennen von Weihrauch, Kräutern, Hölzern oder Harzen sollte den Pestbazillus
und ähnliche Plagen fernhalten. Luft an
sich galt als potenziell gefährlich, ebenso wie Wasser: Man glaubte, dass es
durch die Poren in den Körper eindringen könne, um ihn aufzuweichen und
somit allen Erregern gegenüber wehrlos
zu machen. Öffentliche Badehäuser,
noch im Mittelalter fester Bestandteil
des Stadtbilds, verschwanden nach und
nach aus den Straßen.
Ein Bad nahmen die Menschen
vermutlich nicht öfter als ein oder zwei
Mal im Jahr bei den Badern: Sie waren
wie Barbiere und Chirurgen zunftähnlich organisiert und galten als Ärzte der
kleinen Leute. Bei ihnen ließ man sich
57
auch scheren und rasieren, ließ kleinere
Wunden behandeln oder Zähne ziehen.
Um den Körper innerlich zu reinigen,
erduldeten selbst Gesunde zudem
Schröpfkuren und Aderlässe. „Bader
kamen deshalb regelmäßig mit Blut und
Eiter in Kontakt“, rekapituliert Medizinhistoriker Dross. „Schon um 1500
vermutete man deshalb, dass in den
Baderstuben vor allem durch schlecht
gereinigtes Behandlungsbesteck Krankheiten übertragen werden könnten.“
Unverzichtbar für die Grundausstattung jedes Bürgers, der gepflegt erscheinen wollte, waren Leinenhemden.
Nach den Recherchen von Katherine
Ashenburg nutzten viele sie schlichtweg
als Ersatz für Wasser. Direkt auf der
Haut getragen, sollten sie Schweiß
„Seit der
Renaissance
entstand
eine gewisse
Aufmerksamkeit
für Fragen, die
wir heute unter
Hygiene
verbuchen.“
— Fritz Dross,
Medizinhistoriker
und Schmutz absorbieren. Das Leinenhemd galt als Statussymbol, häufiges
Wechseln deutete man als Zeichen von
Reichtum. So lugt auf den Porträts
vornehmer Damen und Herren des
18. Jahrhunderts häufig Leinenunterwäsche unter wollenen Ärmeln hervor.
Der Charmeur Giacomo Casanova
(1725 bis 1798) wusste genau, wie er der
feinen Gesellschaft jemanden anpreisen
musste: „Er kann reiten, Flöte spielen,
fechten, ein Menuett tanzen, er ist
höflich und wechselt sein Leinenhemd
jeden Tag“, schrieb er der Pariser
Hautevolee über einen jungen Schützling, der Einlass bei Hofe begehrte.
Dass Schmutz und Körperflüssigkeiten Auslöser für Krankheiten sein
könnten, dämmerte den Herrschenden
immerhin. „Zahlreiche Maßnahmen
zeigen, dass seit der Renaissance eine
gewisse Aufmerksamkeit für Fragen
entstand, die wir heute unter Hygiene
verbuchen“, formuliert Dross. So wurde
die Tierhaltung in Häusern und Städten
per Dekret immer mehr eingeschränkt
und das Schlachten in Schlachthäuser
verlegt, damit Blut und Exkremente
nicht länger durch die Straßen flossen.
Schmutzintensive Gewerbe wie die
Gerberei oder die Färberei verbannte
man an den Stadtrand. Friedhöfe waren
als öffentliche Treffpunkte bald tabu
und wurden schließlich in Gebiete
außerhalb der Stadtmauern verlegt.
Größere Städte richteten dort Ende des
15. Jahrhunderts außerdem so genannte
Pest- und Blatternhäuser ein, um die
Kranken zu isolieren. Waren verdächtiger Herkunft hatten Kaufleute in Kontumazhäusern zu deponieren, speziellen
Quarantäne-Anstalten, bevor sie in die
Stadt hineingebracht werden durften.
GEACHTETE GRUBENENTLEERER
Ihre Notdurft verrichteten die Menschen lange Zeit auf Plumpsklos in
den Höfen. Beim Adel jener Zeit war
es nicht besser: Sie ließen die Orte
der Verrichtung an die Mauern ihrer
Burgen anfügen, mit direkter Verbindung in den darunter liegenden Graben.
„Das Leeren der Gruben unterlag seit
dem 15. Jahrhundert zunehmend
strenger Aufsicht und war oft eigens
privilegierten Gewerbebetrieben vorbehalten“, so Fritz Dross. Leerungen
waren so teuer, dass manchmal Jahrzehnte dazwischen vergingen. Um Geld
zu sparen, wurden die Gruben gerne etwas tiefer ausgehoben. „Noch aus dem
19. Jahrhundert sind Klagen bekannt,
dass sie zuweilen bis ins Grundwasser
reichten“, erzählt der Medizinhistoriker. „Das gibt wenig Hoffnung für
die Wasserqualität der benachbarten
Brunnen, wenn man sie nach heutigen
Maßstäben beurteilt.“
Die Briten immerhin setzten schon
im 16. Jahrhundert auf ausgefeiltere
Konzepte: In Houses of Easement,
öffentlichen Toilettenanlagen, konnten
sich etwa in London bis zu 28 Benutzer
gleichzeitig auf zwei Ebenen verteilt
Erleichterung verschaffen. Ihre Ausscheidungen landeten in der Themse.
SANITÄRE REVOLUTION IN DEN USA
Die Bader galten in
der frühen Neuzeit
als die Ärzte der
kleinen Leute.
Erst ab der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts begann ein gründliches Umdenken in Sachen öffentliche
Hygiene. Die „medicinische Policey“
entwickelte Ratschläge dazu, wie in
deutschen Landen gesunde Verhältnisse
und eine arbeitskräftige Bevölkerung zu
erreichen wären. Lebenserwartung und
Gesundheit, erkannten Wissenschaftler
wie Max von Pettenkofer und Rudolf
Virchow, sind nicht allein von der individuellen Verfassung abhängig, sondern
zum Beispiel auch von Arbeitsbedingungen, Einkommen und dem Zustand
der Wohnquartiere.
Vor allem in den USA brach eine
regelrechte sanitäre Revolution aus:
In den Feldlazaretten des Bürgerkriegs
von 1861 bis 1865 bemerkten die Amerikaner erstaunt, dass simples Wasser
und Seife Verwundete vor dem sicheren
Tod retten konnten. Die oft recht verdreckten Europäer, die im 19. und
20. Jahrhundert nach Amerika auswandern wollten und auf Ellis Island
vor New York landeten, stellte man zur
Begrüßung unter die Dusche. „Wasser ist
die einzige zivilisierende Macht, die etwas gegen die unzivilisierten Europäer,
die in unsere Städte drängen, ausrichten
kann“, konstatierte ein amerikanischer
Stadtpolitiker.
Lieselotte von der Pfalz, die Adelsdame vom alten Kontinent, hätten die hygienebewussten Amerikaner vermutlich
erst einmal in Quarantäne gesteckt. •
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Saubermänner
und Übersensible
Die einen haben immer ein Desinfektionstuch zur Hand, ob unterwegs oder zuhause.
Andere halten zu viel Reinlichkeit für ungesund und vertrauen darauf, dass
Schmutz die Abwehr stärkt. Im Alltag begegnen uns sehr verschiedene Hygienetypen.
Text: Simone Flattich — Infografik: Sabine Hecher
DER PERFEKTIONIST
Hygiene ist ihm heilig
W
er sich intensiv mit der Armada
an Mikroben beschäftigt, die uns
umgeben, kann nie wieder unbekümmert Hände schütteln oder an der
Bar Erdnüsse knabbern.
Der Hygieneperfektionist hat
verinnerlicht,
dass der Mensch
einem wandelnden
Zoo gleicht.
Laut dem Deutschen Ärzteblatt
dient unser Körper als Lebensraum
für bis zu 1,5 Kilogramm Kleinstorganismen. Meist sind sie harmlos,
teils nützlich, aber manchmal eben
auch bedrohlich. Darum studiert der
Perfektionist täglich die Meldungen des
Robert-Koch-Instituts, um sich gegen
einen möglichen Vormarsch von Vogel-,
Schweine- oder Fledermausgrippe zu
wappnen. Kratzt es ihn im Hals, legt er
aus Rücksicht auf seine Artgenossen in
freier Wild- und U-Bahn einen Mundschutz an. Dafür erwartet er auch von
anderen penible Sorgfalt.
Er predigt Vorsicht, bis auch dem
letzten Kollegen das Tiramisu in der
Kantine nicht mehr schmeckt. Laut
einschlägigen Studien sind Perfektionisten eher beim Pflegepersonal als
unter Ärzten zu fi nden. Kein Wunder,
denn in der Krankenpflegeausbildung spielt die Hygienelehre
eine wichtige Rolle. Die
Klassenbesten zelebrieren
Sauberkeit: Niemals würden
sie vergessen, sich die Hände
fachgerecht zu desinfi zieren.
In dieser Hinsicht sind sie
strahlende Vorbilder für ihre
Stationskollegen.
DER THEORETIKER
Weiß viel, handelt aber
nicht konsequent
Ä
hnlich wie die Perfektionisten
befassen sich auch die Theoretiker
gern mit der unsichtbaren Welt der
Viren und Bakterien. Dank ausführlicher Fachlektüre sind sie bestens informiert über Legionellen im Freibad,
Ehec im Bockshornklee und Killerkeime
im Krankenhaus. Die selbsternannten
Experten fühlen sich ständig schmutzigen Machenschaften ausgeliefert.
Wenn sie Angehörige in der Klinik
besuchen, begutachten sie argwöhnisch
jeden Handgriff der Schwester und vergewissern sich, dass die Verbände auch
regelmäßig gewechselt werden.
Ihr umfassendes Wissen führt allerdings
nicht dazu, dass sie selbst stets die
wichtigsten Hygieneregeln einhalten.
Wenn sie sich zum
Beispiel nach der
Toilette die Hände nicht
waschen, dient dies in
ihren Augen der
Seuchenprävention.
Denn schließlich würden Seifenspender und Handtuchrollen in
Gemeinschaftstoiletten viel zu selten
gereinigt, was sie zu Brutstätten für
Mikroorganismen mache. Im Übrigen
liegt der Verdacht nahe, dass mehr
Männer als Frauen Hygiene-Theoretiker
sind. Ein Indiz liefert eine Untersuchung
aus Großbritannien: Wissenschaftler
der London School of Hygiene &
Tropical Medicine beobachteten
rund 200.000 Toilettenbesucher an
Autobahnraststätten. Nur ein Drittel
der Männer wusch sich die Hände.
Bei den Frauen waren es doppelt so
viele, immerhin zwei Drittel von
ihnen wuschen sich nach erledigtem
Geschäft die Hände.
DER PRAGMATIKER
Penibel, wo es sein muss
W
ie in vielen Alltagsfragen ist es
auch in Sachen Hygiene nicht
einfach, einen gesunden Mittelweg zu
fi nden. Die Pragmatiker sind auf dieser
Route gut unterwegs. Sie wissen, dass
zu viel Reinlichkeit die Abwehrkräfte
schwächen und Allergien fördern kann.
Darum verzichten sie im Haushalt
auf überflüssige Keimkiller – vom
Desinfektionsspray im Medizinschrank
einmal abgesehen. Das kommt
jedoch konsequent zum Einsatz,
wenn ein Familienmitglied sich zum
Beispiel eine Durchfallerkrankung
zugezogen hat. Skeptisch begegnen
sie den Überängstlichen in ihrem
Bekanntenkreis, die Kochgeschirr,
T-Shirts und Babyschnuller antibakteriell behandeln, um ihre Liebsten
vor vermeintlichen Krankmachern
zu schützen.
Die Hygiene-Pragmatiker halten
mit sachlichen Argumenten dagegen,
ohne missionarisch aufzutreten. Im
Klinikbetrieb ist dieser Typus sehr
häufig zu fi nden.
DER SCHMUTZFINK
Unverschämt sorglos
Für ihn ist es
selbstverständlich,
sich vor dem Kontakt
mit Patienten die
Hände zu reinigen.
Allerdings wünscht er sich, dass sich
die hygienischen Zwischenstopps am
Desinfektionsspender möglichst nahtlos
in den oft hektischen Arbeitsablauf
der Station einfügen. Sind in der Klinik
die Desinfektionsplätze dünn gesät und
die Wege entsprechend lang, wird die
Zeit für eine lehrbuchgemäße Handreinigung schon einmal knapp.
U
m die Sensiblen zu beruhigen,
sei gleich vorweggeschickt: Der
Schmutzfi nk steht vor dem Aussterben.
Weder Seh- noch Geruchssinn der
Vertreter dieser Gattung sind empfänglich für organische Spuren, die bei
anderen Menschen Ekel hervorrufen. Es
stört den Schmutzfi nk nicht, wenn es
in der Küche nach altem Bratfett riecht
und ein klebriger Schmutzfi lm das
Waschbecken überzieht.
Mühelos fallen ihm
hundert Dinge ein, die
wichtiger sind als
Körperpflege.
Seine Mitmenschen sollen bitte nicht
so empfi ndlich sein. Fängt sich der
Schmutzfi nk eine Grippe ein, schleppt
er sich trotzdem zur Arbeit. Seiner
Überzeugung nach stimulieren seine
Viren das Immunsystem der Kollegen.
Unter Medizinern ist der seltene Vogel
praktisch ausgestorben. Die Kollegen
von Ignaz Semmelweis waren im
19. Jahrhundert zwar noch der Meinung, als Mediziner könnten sie gut
aufs Desinfi zieren ihrer Hände verzichten. Heute jedoch ist die Ärzteschaft
sich der Tatsache bewusst, dass das ein
gefährlicher Irrglaube ist. •
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
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60
61
17,6
HYGIENE INTERNATIONAL
Ohne
Grenzen
14,7
WELTWEITE
EUROPÄER
Fast die Hälfte der Europäer
weiß nicht, dass Antibiotika
nicht gegen Viren wirken und
ihre Einnahme bei Grippe und
Erkältungen, die durch Viren
ausgelöst werden, daher völlig
sinnlos ist.
— Jean-Jacques Rousseau (1712
bis 1778), französisch-schweizerischer
Moralphilosoph, Dichter und Musiker.
52%
39 %
Keine Wartezeiten,
bevor man untersucht
und behandelt wird
29 %
10,0
7,8
Clostridium difficile
Klebsiella spp.
DIE TOP FIVE DER MIKROORGANISMEN,
die bei Patienten mit nosokomialen, d. h. im Krankenhaus
erworbenen Infektionen in Deutschland isoliert wurden (in Prozent).
QUELLE: Marburger Bund Zeitung, Nr. 14 vom 11. Oktober 2013
Resistenzen in Prozent
weniger als 1
UND ZERSTÖREN
Der Methicillin-resistente
Keim Staphylococcus aureus
(MRSA) ist gefürchtet. Niederländische Krankenhäuser
isolieren deshalb jeden potenziell infizierten Patienten und
testen ihn. Mit der Strategie
des Aufspürens (search) und
Zerstörens (destroy) sowie
Zurückhaltung bei der Antibiotika-Verschreibung haben sie
es geschafft, dass ihre MRSARate wesentlich niedriger ist als
die anderer Länder.
1 bis 5
5 bis 10
10 bis 25
25 bis 50
mehr als 50
keine oder weniger als zehn
Fälle übermittelt
nicht erfasst
Liechtenstein
Luxemburg
Malta
Oft tödlich
NEUE RESISTENZEN AUF DEM VORMARSCH
Die besonders häufig in den Tropen auftretenden Erkrankungen Gelb- und Denguefieber sowie Marburgund Ebolafieber gehören zu den schwersten Infektionskrankheiten der Welt. Die Erreger dieser so genannten
hämorrhagischen (griechisch haimorragía = Blutfluss) Fieber können lebensbedrohliche innere Blutungen
auslösen. Eine Impfung gibt es bisher nur gegen Gelbfieber.
Resistenzen von Klebsiella pneumoniae, einem häufigen Erreger von Harn- und Atemwegsinfektionen,
gegenüber der dritten Generation von Cephalosporinen, einer Gruppe von Breitband-Antibiotika,
zu der unter anderem Penicillin gehört, im Jahr 2011.
QUELLE: European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC)
MEHR ALS
Wichtigste Kriterien für eine hochwertige medizinische Versorgung in der EU (Mehrfachnennungen möglich)
Wirkungsvolle
Behandlung
Aufspüren
Viele Krankenhausinfektionen ließen sich durch regelmäßige Händedesinfektion
vermeiden. Mit der Kampagne Clean Care is Safer
Care sensibilisiert die WHO
seit 2005 für dieses Thema.
162 Staaten haben sich der
Kampagne angeschlossen,
darunter Deutschland mit
der AKTION Saubere Hände.
KURZE WARTEZEITEN SIND WICHTIGER
als ein sauberes Krankenhaus
Gut ausgebildetes
medizinisches Personal
Staphylococcus
aureus
Kampagne
Text: Brigitte Lohmanns — Infografik: Sabine Hecher
Unwissende
Enterococcus spp.
13,3
Welche Keime gibt es heute weltweit, welche Maßnahmen zum
Infektionsschutz werden ergriffen?
Daten und Fakten im Überblick.
„Der einzige
nützliche
Teil der
Arzneikunst
ist die Hygiene.
Sie ist
allerdings
weniger eine
Wissenschaft
als eine
Tugend.“
Escherichia coli
Moderne
medizinische
Ausstattung
27 %
QUELLE: Europäische Kommission, Eurobarometer-Spezial 327 – Patientensicherheit und Qualität der medizinischen Versorgung
Sauberkeit in
der Gesundheitseinrichtung
19 %
Einladende und
freundliche
Umgebung
7%
ATEMWEGSERKRANKUNGEN LIEGEN VORN
Infektionskrankheiten, an denen im 20. Jahrhundert weltweit die meisten
Menschen gestorben sind (Todesopfer in Millionen)
vier
Atemwege
MENSCHEN
Tuberkulose
100
Masern
97
Millionen
infizieren sich jährlich in
Europas Krankenhäusern mit
einem Krankenhauskeim.
485
Pocken
400
Durchfall
226
Malaria
Keuchhusten
QUELLE: WHO, OECD
194
38
Die Bakterienfresser
Wissenschaftler der britischen
Universität Leicester haben
Viren isoliert, die nur bestimmte Bakterien angreifen. Die
so genannten Bakteriophagen (phagein =
fressen) zerstören
z. B. den Keim
Clostridium
difficile.
„Hygiene
begründet
einen
Triumph der
Menschlichkeit.“
— Raymond Walden (*1945),
Kosmopolit, Pazifist und Autor.
300
Tausend
FÄLLE VON
GONORRHÖ
Die US-Seuchenschutzbehörde
stuft den Erreger der Gonorrhö
als besonders gefährlich ein.
Der über die Schleimhäute
übertragene Keim ist in den
USA inzwischen gegen die
meisten Antibiotika resistent.
Unbehandelt kann die
Geschlechtskrankheit schwere
Folgeschäden verursachen.
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
LEBEN + LEBEN LASSEN
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
LEBEN + LEBEN LASSEN
62
63
„Das größte Verdienst
meiner Lehre ist, dass
sie dem Arzt eine bewusste,
vorbeugende Tätigkeit
vorschreibt.“
IGNAZ SEMMELWEIS
— Ignaz Philipp Semmelweis (1818 bis 1865)
Retter der Mütter
Der ungarische Arzt hat als Erster den Zusammenhang
zwischen Kindbettfieber und mangelnder Hygiene
beim medizinischen Personal erkannt.
LEBEN +
LEBEN LASSEN
Hygiene prägt den Alltag – und kann über Leben und Tod
entscheiden. Individuelle Wahrnehmung und öffentliche
Meinung, Traditionen und Trends haben Einfluss darauf,
was Menschen unter Hygiene verstehen.
BAKTERIELLE GEFAHR
Übertragung
durch die Hände
HARMLOSE
Semmelweis
identifiziert unter
anderem Staphylokokken
und Streptokokken als
Erreger der Infekte.
Hebammen
Weil Geburtshelferinnen,
anders als Ärzte, zu
Semmelweis’ Zeit nie
mit Leichen in Berührung
kommen, verzeichnen
ihre Abteilungen
wesentlich weniger
Todesfälle.
LEBENSLANGER STREIT
Keiner
glaubt ihm
1,8%
HÖHE DER
Geburten bergen in den
Krankenhäusern des
19. Jahrhunderts noch ein
hohes Infektionsrisiko.
Sterberate
Nachdem Semmelweis Händewaschen mit Chlorkalkwasser
in seiner Abteilung angeordnet
hat, infizieren sich dort deutlich
weniger Mütter mit dem
gefürchteten Kindbettfieber.
In anderen Abteilungen sterben
weiterhin bis zu 30 Prozent
der Wöchnerinnen daran.
1867
Späte Anerkennung
Der Chirurg Joseph Lister
führt ein, dass Operationsfelder
mit desinfizierendem Karbol
eingesprüht werden. Die
Mortalitätsrate sinkt. So setzen
sich Semmelweis’ Erkenntnisse
posthum doch noch durch.
Andere Forscher
stellen Semmelweis’
Erkenntnisse permanent in Frage. Ein
Disput entsteht, es gibt
offene Hassbriefe.
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LEBEN + LEBEN LASSEN
65
Der Mann, der
zu viel putzte
Hygiene war für ihn Obsession. Tag für Tag, Jahr für Jahr
verbrachte Holger Müller damit, seine Wohnung zu säubern.
Die Geschichte einer Zwangsstörung.
Text: Myrto-Christina Athanassiou — Foto: David Maupilé
Früher verbrachte Holger Müller
Stunden damit, die Fliesen im Bad zu
putzen. Heute hat er seine Zwangsimpulse weitgehend im Griff.
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LEBEN + LEBEN LASSEN
67
S
Spülbürsten sind für viele Menschen mit
Putzzwang ein Greuel: Sie malen sich in
den schlimmsten Farben aus, was für
gefährliche Keime daran haften könnten.
chleichend, sagt er heute, habe
das damals angefangen. Erst die
Scheidung von seiner ersten Frau,
dann die Trennung von der zweiten. Der Umzug von Thüringen
nach Franken Ende der 1990er Jahre,
die mehrfachen Jobwechsel, zuletzt in
eine Firma, wo er das gesamte Qualitätsmanagement allein zu schultern hatte. Das Gefühl der Überforderung, weil
die gewohnten Abläufe durcheinanderkamen, als seine 18-jährige Tochter bei
ihm einzog. „Sauberkeit war mir schon
immer wichtig“, sagt Holger Müller,
„aber irgendwann hat sich das verselbstständigt.“ Um seine Anspannung
in den Griff zu bekommen, putzte er,
stets mit Desinfektionsmittel. Erst die
Küche, von oben bis unten, von links
nach rechts, dann die übrigen Zimmer,
am Ende das Bad. Jede einzelne Fliese,
jeden Tag, pro Fliese mindestens fünf
Minuten. Ließ niemanden mehr in die
Wohnung, aus Angst, sich anzustecken
oder andere mit gefährlichen Erregern
zu infi zieren.
Heute geht es Holger Müller gut.
In Hamburg-Wandsbek, in der Geschäftsstelle der Deutschen Gesellschaft
Zwangserkrankungen e. V., erzählt er
über sein bisheriges Leben. Die Räume
wirken wie eine Privatwohnung. Orientteppiche bedecken den Boden, an
der Wand hängen historische Grafi ken.
Nach dem Interview wird Müller seine
dritte Frau treffen, sie unterhalten sich
kurz und liebevoll am Telefon. Er ist ein
bescheidener Mann, mit ruhiger Stimme, aufmerksam und bisweilen selbstironisch. „Mit meinem Kontrollbedürfnis war ich damals die Idealbesetzung
als Qualitätsbeauftragter. Keiner hat
so viele Fehler aufgespürt wie ich.“
Sonderbar wirkt er nicht. Und beim
Händeschütteln zur Begrüßung hat der
54-Jährige allenfalls eine Zehntelsekunde gezögert. „Früher wäre das gar
nicht gegangen“, erzählt er. Früher, als
Müller Besucher noch mit Ausflüchten
an der Haustür abfertigte, aus Angst,
sonst später wieder alles stundenlang
putzen zu müssen.
Ein immenser Kostenfaktor für Reinigungsfanatiker sind die Unmengen an Putzmitteln, die sie verbrauchen.
„Mit meinem
Kontrollbedürfnis war
ich der ideale
Qualitätsbeauftragte.“
— Holger Müller
die deutschlandweit als führend in der
Therapie von Zwängen gilt. Manche
empfi nden den Druck, Gegenstände zu
zählen, andere müssen sich die Haare
ausreißen, vermeiden es, auf Fugen zu
treten oder ordnen die Stifte auf ihrem
Schreibtisch nach einem festen Muster
an. Waschzwänge, so Osen, beobachte
er tendenziell häufiger bei Frauen,
Kontrollzwänge eher bei Männern.
„Meist sind Menschen betroffen, die
zu Perfektionismus neigen und ein eher
geringes Selbstwertgefühl haben.“
„ZWÄNGE ERFÜLLEN EINE FUNKTION“
Menschen wie Holger Müller gibt
es viele in Deutschland. Zwei Millionen Männer und Frauen sind laut
Schätzungen an einer Zwangsstörung
erkrankt. Die Dunkelziffer ist hoch,
zumal die Betroffenen im Schnitt
erst nach sechs Jahren Leidenszeit
zum Arzt oder Psychologen gehen.
„Mich fasziniert immer wieder, wie
vielfältig dieses Störungsbild ist. Die
Patienten sind sehr kreativ darin, für
sie beruhigende Rituale zu erfi nden“,
sagt Dr. Bernhard Osen, Chefarzt in
der Schön Klinik in Bad Bramstedt,
Auch bei Holger Müller kam zum
Putz- ein Kontrollzwang hinzu. Ist
das Auto wirklich abgeschlossen? Die
Heizung aus, der Wasserhahn zu?
Noch immer fällt es ihm in stressigen
Zeiten schwer, auf mehrfache Kontrollen zu verzichten. Wie fast allen
Betroffenen ist ihm bewusst, dass sein
Bemühen um Sauberkeit und Ordnung
überzogen ist. „Es wäre aber falsch,
Zwänge als irrational abzutun“, erklärt
Spezialist Osen. „Sie erfüllen immer
eine Funktion. Sie lenken Patienten von
Konflikten ab, die sie als unlösbar erle-
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
LEBEN + LEBEN LASSEN
69
„Ich bin immer wieder erstaunt, wie lange es Zwangserkrankten gelingt, sich irgendwie durchzuwursteln.“
— Dr. Bernhard Osen, Chefarzt an der Schön Klinik Bad Bramstedt
ben – und vermitteln ihnen zumindest
für kurze Zeit das Gefühl, dass die unbeherrschbare Welt dort draußen eben
doch beherrschbar ist.“ Zu dem Preis
allerdings, dass die Zwangshandlungen
immer mehr Raum einnehmen. Bis ein
normales Leben, erfüllte Beziehungen
und ein geregelter Arbeitsalltag unmöglich werden. Und viele Betroffene
in tiefe Depression fallen.
FLOODING ÜBERFORDERTE IHN
Holger Müller engagiert sich heute
für andere Zwangserkrankte und
wirbt in der Öffentlichkeit für eine
bessere ambulante Versorgung.
Bei Holger Müller dauerte es lange,
bis die Zwangsstörung diagnostiziert
wurde. Es gelang ihm über Jahre, seine
ausufernden Putz- und Kontrollrituale
vor Freunden und Arbeitskollegen zu
verbergen. Während seines ersten Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik
im Jahr 2000 behandelten die Ärzte nur
die Depression, die er zwischenzeitlich
entwickelt hatte. Erst 2002 bekam er
einen Platz auf der Zwangsstation einer
psychosomatischen Spezialklinik.
Allerdings überforderte ihn dort
der therapeutische Ansatz des Behandlungsteams, das so genannte Flooding.
Dabei müssen sich Patienten direkt
den für sie bedrohlichen Situationen
aussetzen – ohne Gewöhnungsphase.
„Ich sollte beispielsweise den Grünspan
auf dem Balkon anfassen, ohne mir
danach die Hände zu waschen“, erinnert sich Müller. „Das habe ich einfach
nicht ausgehalten.“ Bei einem weiteren
Klinikaufenthalt gab es Ärger mit
Zimmergenossen, die sein permanentes
Hantieren mit Küchenrollen und Desinfektionsmitteln unerträglich fanden.
„Einer meiner Mitbewohner hat außerdem ständig alles herumliegen lassen.
Das war echter Stress für mich.“
Müllers Leben blieb trotz kleiner
Fortschritte schwierig. Wieder putzte er
viel. Start in der Küche, Ende im Bad,
pro Fliese fünf Minuten. Eine weitere
Beziehung zerbrach. Er spricht leiser,
wenn er sich an diese Zeit erinnert.
Auf Anraten der Ärzte verabschiedete
er sich davon, wieder als Qualitätsmanager zu arbeiten, „gerade Kontrollaufgaben seien bei meiner Disposition
kontraproduktiv“. Also ließ Müller
sich zum Bürokaufmann umschulen.
Und beschloss, einen Teil seiner Zeit
fortan zu nutzen, um die Öffentlichkeit
für die Nöte von Zwangserkrankten
zu sensibilisieren. Dafür trat er sogar
in Talkshows auf. Es tat ihm gut,
ich nicht mehr zu verstecken. 2009
schließlich zog er um, von Franken
nach Hamburg, um sein altes Leben
hinter sich zu lassen. Mut machte ihm,
dass er trotz seines Handicaps schnell
eine Stelle bei einer Bank bekam. Nur
das Sortieren verschmutzter Belege fiel
ihm dort schwer. Noch immer saß sie
ihm im Nacken, die Angst, sich über
womöglich kontaminierte Gegenstände
mit Krankheiten anzustecken.
HERAUSFORDERUNG TÜRKLINKE
Was die Wende brachte? „Hamburg“,
sagt Müller. Die große Stadt, die Weite,
der Hafen, wo er heute viel spazieren
geht, wenn er sich angespannt fühlt.
„Und mein Aufenthalt in der Klinik
in Bad Bramstedt.“ Diesmal ließen
die Therapeuten ihm mehr Zeit. Die
Expositionen, die unangenehmen Situationen, denen sich Müller stellen sollte,
begannen schrittweise. Er lernte, immer
kürzer zu putzen. Sich nur noch die
Hände zu waschen, wenn es nötig ist.
Sogar Türklinken konnte er nach einer
Übungsphase wieder anfassen, ohne in
kalten Schweiß auszubrechen. Mithilfe
des therapeutischen Teams fand er
außerdem heraus, welche Ursachen
seine Erkrankung haben könnte, welche
wesentlichen Auslöser es gibt und war-
Obsessives Putzen kann ablenken, wenn scheinbar unlösbare Konflikte die Psyche belasten. Allerdings nur kurzfristig.
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
LEBEN + LEBEN LASSEN
70
Hamburg brachte die Wende für Müller.
„Heute gehe ich
zum Hafen,
wenn ich mich
angespannt
fühle.“
— Holger Müller
um es ihm so schwerfällt, den Zwängen
nicht nachzugeben. Heute weiß er, dass
er nicht nur sein Verhalten, sondern die
Konfl ikte im Hintergrund anpacken
muss. „Das ist sonst wie bei einer
Distel: Es hilft nicht, sie einfach nur mit
der Sense abzusäbeln. Wenn man nicht
an die Wurzel kommt, wächst sie immer
wieder von neuem nach.“
HILFE VON DER REINIGUNGSKRAFT
In der Fachklinik von Bad Bramstedt
kennt man solche Patientenbiografien.
„Ich bin immer wieder erstaunt, wie
lange es Zwangserkrankten gelingt, sich
durchzuwursteln“, sagt Bernhard Osen.
Oft kommen die Betroffenen erst, wenn
Angehörige meutern – und stellen zu
Beginn, vom Zwang getrieben, absurde
Regeln auf. „Eine Patientin wollte zum
Beispiel, dass ihr Mann ins Hotel zieht,
während sie bei uns in Behandlung ist,
damit er zuhause nichts dreckig macht.“
In einfühlsamen Gesprächen schließen
die Therapeuten Kompromisse mit
solchen Patienten. Mancher bekommt
die ersten paar Tage sein Essen aufs
Zimmer, wenn die Panik vor dem ver-
meintlich von Keimen besiedelten Buffet
zu groß ist. Selbst das Reinigungsteam
wird in die Betreuung einbezogen:
„Ich erkläre den Leuten mit Putz- oder
Waschzwang immer ganz genau, was
ich mit welchem Lappen abwische, was
ich anfasse in ihrem Zimmer und was
nicht“, sagt Reinigungskraft Hanna
Sievertsen. Das hilft, um Vertrauen in
das Team der Klinik zu fassen.
„EIN FIESER NISCHENHOCKER“
Ohne Rückschläge läuft indes kein
Heilungsprozess ab. Als in der Einrichtung im vergangenen Jahr einige Patienten ein Norovirus hatten, war das eine
besondere Herausforderung für die
Zwangserkrankten. Zwar funktionierte
das Krisenmanagement reibungslos,
die Zahl der Infektionen war schnell
eingedämmt. „Aber dass wir überall
Desinfektionsspender stehen hatten und
sie sich plötzlich doch wieder häufiger
die Hände reinigen sollten, war schon
schwierig für manche“, erinnert sich
Bernhard Osen. Wer sich das zwanghafte Desinfizieren mühsam abtrainiert hat,
stellt in solchen Situationen gerne das
Erlernte in Frage. Wie dauerhaft es
gelingt, die einschränkenden Rituale
zu überwinden, ist ohnehin sehr unterschiedlich. Immerhin schaffen es etwa
zwei Drittel der Erkrankten nach der
Therapie, gut bis sehr gut mit ihren
Zwangsimpulsen zurechtzukommen
und ein recht normales Leben zu führen.
Holger Müller scheint dazuzugehören. Das permanente Putzen, erst in
der Küche, am Schluss im Bad, jede
Fliese fünf Minuten, ist passé. Er
verlässt jetzt lieber die Wohnung, wenn
seine Frau sauber macht. Damit gar
nicht erst die Versuchung entsteht,
ihr perfektionistisch in die Quere zu
kommen. Seine derzeitige Arbeit in der
Buchhaltung eines Reisebüros macht
ihm Spaß. Er hat eine Dauerkarte für
den HSV und liebt es, mit Freunden ins
Stadion zu gehen. Außerdem engagiert
er sich in der Deutschen Gesellschaft
Zwangserkrankungen, besucht
Kongresse, hält Vorträge sowie Seminare
und leitet Selbsthilfegruppen für Betroffene und Angehörige. „Man darf sich
nicht gegenseitig herunterziehen“, sagt
Müller, jetzt mit Stolz in der Stimme.
„Der Zwang ist ein fieser Nischenhocker,
der kommt sonst schnell wieder aus seiner
Ecke.“ Sein Kontrollzwang ist zwar,
anders als der obsessive Drang zum
Putzen, nicht ganz verschwunden. Aber
Müller hat gelernt, auf die Signale zu
achten. Er spürt jetzt, wenn seine Anspannung steigt. Dann geht er raus, an den
Hafen, blickt in die Weite – und lässt den
fiesen Nischenhocker einfach sitzen. •
ZWÄNGE ÜBERWINDEN
Therapeutische Hilfe für Betroffene
Häufig treten Wasch- oder Putzzwänge erstmals
zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr auf.
Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass
dabei genetische und Umweltfaktoren
zusammenwirken. So kann etwa ein sehr
fordernder Erziehungsstil, bei dem Eltern ihrem
Nachwuchs früh viel Verantwortung aufbürden,
ein perfektionistisch veranlagtes Kind sehr unter
Druck setzen. Kommen weitere belastende
Erlebnisse hinzu, können Zwänge entstehen.
Meist behandelt man Betroffene
verhaltenstherapeutisch. Sie arbeiten in so
genannten Expositionen an ihrem Verhalten
und lernen, anders mit Impulsen umzugehen.
Psychosomatische Fachkliniken setzen oft auf
einen mehrdimensionalen Ansatz. In der
Schön Klinik Bad Bramstedt gehören dazu
beispielsweise Einzel- und Gruppen-, Kunst- und
Gestaltungs-, Sport- und Bewegungstherapie
oder Entspannungstechniken. Die Therapeuten
entwickeln für jeden Patienten ein individuelles
Behandlungskonzept. Häufig kommen auch
Antidepressiva zum Einsatz. Sie verringern die
Ängste der Betroffenen und reduzieren
Zwangsimpulse.
AMBULANTE THERAPIEPLÄTZE SIND RAR
Außerdem bietet die Klinik Seminare für
Angehörige an. „Sie sollten alles tun, was dem
Betroffenen dabei hilft, den Zwang zu
bewältigen“, erklärt Chefarzt Dr. Bernhard Osen.
„Aber nichts, was den Zwang unterstützt. In der
Praxis ist das eine Gratwanderung.“ Schwierig ist
es häufig auch, einen adäquaten ambulanten
Therapieplatz zu bekommen: Die Zahl der
niedergelassenen Psychologen, die Patienten
bei Expositionen begleiten, ist in Deutschland
noch relativ gering.
Mehr Informationen: www.zwaenge.de
Wie viel Hygiene ist gesund? Muss man
Geschirrtücher täglich wechseln? Laut
Fachleuten ist die Grenze zwischen Normalität
und Zwang fließend. Entscheidend ist, dass
das Putzen das Leben nicht dominiert.
LEBEN + LEBEN LASSEN
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
LEBEN + LEBEN LASSEN
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73
Survival-Kit für
Weltenbummler
Ferne Länder – fremde Keime. Was Touristen und
Berufsreisende unbedingt im Gepäck haben sollten, wenn
sie zu exotischen Zielen aufbrechen.
Mundschutz (9)
7
1
8
Text: Myrto-Christina Athanassiou
2
3
Die Asiaten machen es vor: Um sich vor
Tröpfchen-Infektionen zu schützen, tragen
vor allem Japaner häufig Atemschutzmas­
ken. Manche Hygieniker sähen Masken
auch bei Grippewellen in westlichen
Ländern gerne. Überflüssig, sagt die Fach­
literatur, sind die Masken in modernen Flug­
zeugen: Diese sind oft mit High-EfficiencyParticulate-Air (HEPA)-Filtern ausgestattet, die
Bakterien, Viren und Pilzsporen zu fast
100 Prozent entfernen.
9
Desinfektionsmittel (1)
Trinkflasche (8)
Auf Reisen gibt es oft keine verlässlichen
Möglichkeiten, sich die Hände zu waschen.
Wer mit Kranken in Kontakt kommt oder
hygienisch möglicherweise problematische
Orte besucht, verlässt sich besser auf wirk­
same Klassiker wie beispielsweise die unter
der Marke Sterillium angebotenen Produkte
zur Händedesinfektion von BODE Chemie,
einem Unternehmen der HARTMANN
GRUPPE. Dreißig Sekunden Einwirkzeit
reichen aus, sofern alle Partien der Hände
inklusive Fingerkuppen, Zwischenräumen
und Handrücken benetzt werden.
Zur Desinfektion von Flächen empfiehlt
sich ergänzend Bacillol AF. Hefepilze, Bakte­
rien und viele Viren haben so keine Chance.
4
5
6
Leitungswasser ist außerhalb der Industrie­
staaten selten zum Trinken geeignet.
80 Prozent aller Reiseerkrankungen, so die
WHO, lassen sich auf verunreinigtes Wasser
zurückführen. Schlimmstenfalls fängt
man sich Amöben, Typhus- und Cholerabakterien oder gar Polioviren ein.
Wirksam entkeimen lässt sich Wasser
durch Abkochen. Eine Alternative sind
spezielle Tabletten oder Filter zur Ent­
keimung. Wer ganz sichergehen will,
kocht das Wasser zunächst ab und nutzt
danach Tabletten oder Filter. Letztere
sind inzwischen auch in Kombination
mit Trinkflaschen erhältlich.
Erste-Hilfe-Beutel (2)
Gummischuhe (3)
Moskitonetz (4)
Kleines Schälmesser (5)
Outdoor-Toilette (6)
Impfbuch (7)
Ein Sturz in den Staub, ein Schnitt an
einer Kante: Auch kleine Verletzungen
sollten schnell versorgt werden, damit keine
Keime eindringen. Im DermaPlast Medical
Erste-Hilfe-Set travel von HARTMANN zum
Beispiel sind sterile Binden, Verbände,
Kompressen und Pflaster enthalten, außer­
dem Einmalhandschuhe, Schere, Pinzette,
Reinigungstücher und eine Rettungsdecke.
Besonders gründlich rückt man Bakterien mit
dem Wundverband Cosmopor Antibacterial
zu Leibe: Denn das Innere des Wundkissens
enthält Silber, das viele Erreger bekämpft.
Vorsicht beim Barfußlaufen: In Schwimm­
bädern kann man sich Fußpilze einfangen;
am Strand in (sub-)tropischen Ländern lau­
ern Wurmlarven, die sich in die Fußsohlen
bohren und Infektionen verursachen kön­
nen. Gummischuhe sind empfehlenswert,
um lästige Folgen zu vermeiden.
Aufs Baden in stehenden Gewässern
verzichtet man in vielen afrikanischen Län­
dern besser ganz: Dort beheimatete Saug­
würmer können juckende Hauterkrankungen
wie etwa die Bilharziose auslösen, die mit
Ödemen und Schwellungen einhergeht.
Insektenstiche zu vermeiden, ist der effek­­­tivs­
te Schutz gegen Malaria oder Gelbfieber.
Ein Moskitonetz überm Bett ist in den Tropen
daher unverzichtbar. Um die AnophelesMücke fernzuhalten, die Malaria überträgt,
sollten die Maschen maximal 1,2 mal 1,2
Millimeter groß sein. Noch besser schützen
mit Insektiziden imprägnierte Modelle.
Zum Schlafen tragen Tropentouristen im
Idealfall helle, Haut bedeckende Tex­tilien.
Vor der Buschhütte ist eine große Pfütze?
Möglichst beseitigen oder meiden – stehen­
de Wasserquellen sind Mücken-Brutstätten.
Obst und Gemüse sollte man gerade in
Gegenden mit niedrigen Hygienestandards
vor dem Verzehr immer schälen. Rohe
Blattsalate isst der gesundheitsbewusste
Reisende dort möglichst gar nicht, weil sie
oft mit Parasiten belastet sind. Bedenkenlos
verspeisen kann man aber alle Gerichte
und Getränke, die mindestens zwei Minuten
bei 100 °C gekocht wurden. „Cook it –
peel it – or forget it“, lautet die wichtigste
Grundregel für Globetrotter, die sich auf der
Reise nicht nur von industriell verpackten
Lebensmitteln ernähren wollen.
Die stabile Lösung fürs Campen in der Wild­
nis und alle, die Angst vor unhygienischen
Sanitäranlagen haben: eine Papptoilette.
Sie wird mit handelsüblichen Mülltüten
bestückt und hält angeblich sogar beleibtere
Nutzer aus. Mit einem Gewicht von über
einem Kilogramm und einer Höhe von
zehn Zentimetern im zusammengefalteten
Zustand ist sie indes auch relativ sperrig.
Erfahrene Nutzer raten dazu, vor
Gebrauch etwas Katzenstreu einzufüllen,
damit der Geruch sich in Grenzen hält.
Auch Sand soll hilfreich sein.
Zwei bis drei Monate vor der Reise
sollte man eine Impfberatung in Anspruch
nehmen und Standardimpfungen bei
Bedarf auffrischen lassen. Je exotischer die
Urlaubspläne, desto wichtiger ist der Rat
von erfahrenen Reisemedizinern.
Tropenreisenden empfehlen sie häufig
Impfungen etwa gegen Gelbfieber und
Meningokokken. Vor Reisen in Länder und
Regionen mit niedrigen Hygienestandards
kann es auch sinnvoll sein, sich gegen
Hepatitis A und B, Tollwut sowie Typhus
immunisieren zu lassen.
LEBEN + LEBEN LASSEN
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
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75
Mehrwegbegeisterung ist
eine feine Sache. Mancher
kommt aber ins Grübeln,
wenn ein medizinischer
Eingriff ansteht.
ESSAY
Hier spricht
Ihr Weltenretter
Ökologisches Handeln ist das Gebot der Stunde. Nur – was
bedeutet das fürs Zähneputzen oder im Operationssaal? Der Satiriker
Dietmar Bittrich treibt den Öko-Gedanken auf die Spitze.
Text: Dietmar Bittrich — Illustration: Petra Dufkova
L
eute, sage ich, benutzt Mehrwegprodukte! Und zwar ausschließlich, vom morgendlichen
Schnupftuch bis zum nächtlichen
Ohrstöpsel, vom Schnuller bis
zur kompostierbaren Urne. Vermeidet
Einwegprodukte. Sonst schmelzen die
Polkappen noch schneller.
Ich schäme mich für meinen Hamburger Fußballverein. Zwar trägt er
erdbraune Trikots und eine grüne Gesinnung. Die Flutlichtanlage wird mit
Ökostrom gespeist. Doch die Tornetze
bestehen immer noch aus Polypropylen
LEBEN + LEBEN LASSEN
und keineswegs, wie früher, aus Hanf.
Angeblich, weil der Hanf immer von
den Fans in der Südkurve aufgeraucht
wird. Und so grün diese Fans sein
mögen, sie verwenden Einwegprodukte!
Vor einiger Zeit wurde ein Linienrichter
mit einem Plastikbecher beworfen.
Okay – der Becher war mit alkoholfreiem Bier gefüllt. Aber warum, frage ich
als Klimaschützer, war der Becher nicht
aus wiederverwendbarem Glas?
Meine Frau und mich schmerzt
solche Gedankenlosigkeit. Wir sind im
Bionade-Biedermeier aufgewachsen.
LEBEN + LEBEN LASSEN
LEBEN + LEBEN LASSEN
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
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Wir gehören zur Generation Landlust.
Wir denken ökologisch. Wir fühlen
ganzheitlich. Unser innigster Herzenswunsch ist es, dass es im Regenwald
auch in Zukunft noch regnet, die Wale
weiter fröhlich singen und die Eskimos
auch morgen noch kraftvoll zubeißen
können. Deshalb leben wir vorbildlich.
Wir stellen unseren Joghurtbecher in
die Geschirrspülmaschine, bevor er im
Gelben Sack zur thermischen Verwertung abtransportiert wird. Und wir
zapfen das Regenfallrohr vorm Balkon
an, um Wasser abzuzweigen fürs
nachhaltige Haarewaschen. Das Wasser
vom Dach enthält wertvolle Mikroorganismen für reduziertes Volumen und naturstumpfen Glanz. Leider gehören wir,
wie ich aus unserem schrumpfenden
Freundeskreis weiß, zu den wenigen,
die den Rat des Umweltministers beherzigen und den Zahnputzbecher wieder
eingeführt haben.Eine einzige Füllung
des Bechers reicht unserer fünfköpfigen
Familie. Vom jüngsten Kind an aufwärts bedienen sich alle aus dem
Becher. Zunächst das jüngste, weil
es am wenigsten Bakterien und Fäul-
„Fixierbinde,
Mullkompresse,
Tupfer, Spatel
dürfen gerne
schon bei
anderen
eingesetzt
worden sein.“
— Dietmar Bittrich,
Weltenretter
nisstoffe weitergibt. Nach ihm das
nächst ältere, später meine Frau und
ich, und erst am Schluss legt unser
Großvater sein Gebiss hinein. Das
spart nicht nur Energie, das ist gelebtes
Mehrwegbewusstsein. Das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Familie wird
gestärkt. Und das Restwasser schmeckt
noch den Topfpflanzen!
Wir benötigen keine Watte. Wir
benutzen die Biobaumwolle alter Pullover. Und wenn wir einkaufen gehen,
verzichten wir selbstverständlich auf
Einwegverpackungen. Im Supermarkt
füllen wir die Milch aus den plastikbeschichteten Kartons in unsere antike
Milchkanne um. An der Käsetheke
lassen wir uns den Bioharzer aus der
Folie wickeln und in unser Holzkästchen legen. Um lange Transportwege
zu vermeiden, kaufen wir Obst und
Gemüse grundsätzlich regional. Wir
haben unseren Lieblingsökobauernhof,
zu dem wir kaum anderthalb Stunden
unterwegs sind. Das ist jedes Mal ein
schöner Ausflug, zumal wir langsam
fahren und die ländliche Natur genießen. Hinter uns bilden sich Schlangen
von Fahrern, die gern von uns die Kunst
der Entschleunigung lernen.
Selbstverständlich betanken wir
unseren SUV für diese Ausflüge mit
fair gehandeltem Biobenzin aus Palmöl.
Dadurch wird der Regenwald am Amazonas gerettet. Dass im Gegenzug der
Regenwald auf Sumatra gerodet wird,
wegen der dort angelegten Ölpalmplan-
oder, achtsam portioniert, als Strohhalme bei Kindergeburtstagen. Gerne
verwendet unser Nachwuchs auch
gebrauchte Einweghandschuhe, um sie
zu Luftballons aufzublasen. Wir sind
eine Familie aus lauter Blauen Engeln.
Engel auf Erden.
DIE SACHEN MÜSSEN PATINA HABEN!
Einweghandschuhe
lassen sich mit viel
Puste hervorragend
zu Luftballons
zweckentfremden.
ENTSCHEIDEND IST DER INTELLIGENTE EINSATZ DER ROHSTOFFE
Warum Einwegprodukte nicht zwangsläufig schädlicher für die Umwelt sind
Besser Einweg oder Mehrweg? Eine
kontrovers geführte Diskussion, auch
im Gesundheitswesen. HARTMANN
setzt in seinem Produktportfolio im
Wesentlichen auf Einwegprodukte.
Einmalinstrumente, Einwegsets für
OP und Station oder absorbierende
Inkontinenzprodukte erfüllen höchste
Hygieneansprüche. Da sie nach
Gebrauch sofort entsorgt werden,
entfällt die Wiederaufbereitung in
aufwendigen Wasch-, Verpackungs-,
Sterilisations- und Logistikprozessen.
„Mehrweg bedeutet für Krankenhäuser,
dass sie etwa Wäscherei und Sterilisation genau kontrollieren müssen“, sagt
Magnus Bodmer, Leiter Sicherheitsund Umweltmanagement bei der PAUL
HARTMANN AG. „Das verursacht viel
Aufwand und gehört nicht zum medizinischen Kerngeschäft einer Klinik;
oft sind Einwegprodukte deshalb auch
kosteneffizient.“ Selbst chirurgische
Instrumente wie etwa Peha-instrument
von HARTMANN stehen ihren Mehrwegpendants heute zudem bei Handhabung und Haptik in nichts nach.
Anders als diese gelangen sie jedoch
fabrikneu und einzeln steril verpackt
zum Einsatzort. Kreuzkontaminationen
durch unzureichende Aufbereitung sind
vollständig ausgeschlossen.
WENIG MATERIAL, VIEL LEISTUNG
Keineswegs sind moderne Einwegprodukte außerdem zwangsläufig
umweltschädlicher als die Mehrwegalternativen. „Entscheidend ist der
intelligente Einsatz der Rohstoffe“,
so Bodmer. „Die Kunst ist, aus wenig
Material viel Leistung herauszuholen.“
Weil zum Beispiel die Peha-instrument-
Instrumententisch im OP.
Artikel aus recyclingfähigem Material
gefertigt sind, können sie am Ende
ihres Produktlebenszyklus nahezu
vollständig wiederverwertet werden.
Absorbierende Inkontinenzprodukte wie
MoliCare von HARTMANN haben ebenfalls eine überzeugende Ökobilanz:
Ihre Herstellung verbraucht heute zum
Beispiel 35 Prozent weniger fossile
Energie und 30 Prozent weniger Material
als noch vor 15 Jahren. Die Frage, was
umweltfreundlicher ist, hängt davon
ab, ob man zum Beispiel die Auswirkungen auf den Energieverbrauch,
die Wasserverschmutzung oder den
Klimawandel für bedeutsamer hält. Das
britische Umweltministerium hat 2008
eine Vergleichsstudie zu Babywindeln
publiziert, die in Zusammensetzung
und Herstellung Inkontinenzprodukten
ähnlich sind. Ihr Ergebnis: Weder
Einweg- noch Mehrwegprodukte sind
in ökologischer Hinsicht überlegen.
Magnus Bodmer: „Unsere Wahrnehmung ist durch Visuelles dominiert –
weggeworfene Einwegprodukte sind
klar sichtbar, Strom und Heißwasser für
eine Wiederaufbereitung werden als
Umweltfaktoren häufig ignoriert, weil
sie einfach aus der Leitung kommen.“
tagen, das klingt zunächst bedauerlich.
Auch weil den Orang-Utans die
gewohnte Lebensgrundlage abhandenkommt. Aber vielleicht nehmen die
Orang-Utans diese Herausforderung an.
Ungewohntes bietet immer auch Lernchancen. Jeder muss sich entwickeln!
Apropos Entwicklung: Meine Frau und
ich haben uns über die Partnerbörse
für Menschen mit ökologischer Verantwortung kennengelernt.
Schon beim ersten Treffen, als ich mir
durch ihre Wohnung einen Weg bahnte,
erkannte ich: Diese Frau hasst die
Wegwerfkultur. Sie hebt alles auf und
verwendet es mehrfach. Diese Frau denkt
global. Inzwischen haben wir auch unsere Kinder in diesem Sinne erzogen. Sie
tragen Thirdhand-Kleidung, benutzen
die unbedruckten Ränder von Zeitungen
als Notizzettel und verwenden unsere
mehrfach benutzten Mülltüten noch als
Wasserbomben; selbstverständlich mit
gebrauchtem Wasser.
Aus der Praxis, in der sie als Laborassistentin arbeitet, bringt meine Frau
jeden Tag gebrauchte Einwegprodukte
mit, die dort nur gedankenlos entsorgt
werden würden. Alte Infusionsschläuche dienen als Schnürbänder für Pakete
Und für den Fall, dass ich ernsthaft
erkranke, habe ich meiner Frau eingeschärft: Auch dann möchte ich nur mit
Mehrwegprodukten behandelt werden.
Das OP-Team darf gern die Kleidung
der Vorwoche tragen. Frische Abdecktücher sind überflüssig. Und mein Faible
für altes Besteck soll auch im OP-Saal
fortgesetzt werden. Einwegscheren,
Wegwerfpinzetten, Einwegklemmen
– das wäre nicht in meinem Sinne.
Nadelhalter, die gleich wieder entsorgt
werden – nicht bei mir! Die Sachen
müssen Patina haben. Auch Fixierbinde,
Mullkompresse, Tupfer, Spatel dürfen
gern schon bei anderen Patienten eingesetzt worden sein, sofern diese Patienten
sich vorher eindeutig zum Klimaschutz
bekannt haben. So habe ich es meiner
Frau eingeschärft.
„Aber Dietmar!“, hat sie erwidert,
„ist das nicht viel zu gefährlich, weil
infektiös? Ich bin ja eine große Mehrwegfreundin. Aber wenn es um medizinische Eingriffe geht, ist mir das doch
zu gefährlich. Bedenke bitte, du musst
deinen Fußballverein noch bekehren!
Wir brauchen dich zur Rettung der
Welt!“ Ach so. Ach ja. Danke. Vielleicht
hat sie Recht. Doch. Sicher. Okay, also
dann bitte ausschließlich hygienische
Einwegprodukte für mich! Ich muss
leben! Aber ihr, Leute, denkt an die
Polkappen und verlangt ausschließlich
Mehrwegprodukte! •
DIETMAR BITTRICH
erfand das „GummibärchenOrakel“, sammelte „Böse Sprüche
für jeden Tag“ und schrieb ein
„Einschlafbuch für Hochbegabte“.
Für seinen Anti-Reiseführer
„Alle Orte, die man knicken kann“
bekam er den Hamburger
Satirikerpreis. Zuletzt veröffentlichte Bittrich ein Buch über
Öko-Übertreibungen: „Plastik kommt mir nicht in die Tüte“.
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79
Von Schleusen und
Schwämmen
Lebensmittel bieten Mikroorganismen ideale Wachstumsbedingungen. Hygiene ist
deshalb Pflicht – auf allen Etappen von der Herstellung bis zur Zubereitung.
Text: Stefan Grönke
Hygienische Produktion
A
m Anfang steht die Basishygiene. Wenn ein Betrieb Lebensmittel herstellen möchte,
muss er für entsprechende Arbeitsbedingungen sorgen. Das betrifft Gebäude und
Umfeld, Geräte und Einrichtungen ebenso wie das Personal. Spezielle Schleusen sorgen
beispielsweise dafür, dass Mitarbeiter in der Lebensmittelproduktion nach dem Toilettengang ihre Hände sicher desinfizieren. „Ohne solche Strukturen kommt man nicht weit“,
sagt Dr. Bernd Roesner, Leiter des Laboranalytik-Unternehmens TÜV SÜD ELAB. Denn
auf den Basisanforderungen setzt das HACCP-Konzept (Hazard Analysis and Critical
Control Points) auf, ein international angewandtes Qualitätsmanagement, mit dem
je nach Produktion Gefahren analysiert und abgewendet werden sollen.
Dazu kommen begleitende Programme für verschiedene Betriebe von der Schlachterei
bis zum Milchprodukte-Hersteller. Solche Programme sollen zum Beispiel nachträgliche
Verunreinigungen mit Bakterien der Gattung Listeria verhindern, die in der Natur vielfach
vorkommen und unter Umständen tödliche Infektionen auslösen können. Roesner:
„Wenn alle drei Hygieneprinzipien konsequent eingehalten werden, lassen sich
Lebensmittel bis auf ein geringes Restrisiko sicher produzieren.“
Eine Frage der Kette
O
b auf der Palette, im LKW, Lager oder Warenregal: Bei Transport und Lagerung von Lebensmitteln ist es wichtig, nachteilige Einflüsse zu vermeiden. Verpackungen
dürfen nicht beschädigt werden, damit es nicht zu Verunreinigungen kommt. Auch die Hülle selbst muss zum jeweiligen Produkt passen, es gut schützen und darf
keine unerwünschten Stoffe abgeben. So eignet sich Alufolie für Backwaren oder Schokolade, aber nicht für feuchte, säurehaltige, basische oder salzige Lebensmittel
wie Sauerkraut oder Rohschinken. In Kontakt mit solchen Produkten kann sich die Folie lösen und zersetzen.
Ein weiterer Punkt ist die Kühlkette. „Besonders an Übergabestellen, etwa vom LKW ins Lager, muss es schnell gehen“, so Dr. Bernd Roesner vom TÜV SÜD ELAB.
Unterbrechungen können dazu führen, dass ein Produkt sein angegebenes Haltbarkeitsdatum nicht erreicht. Für die Lagertemperatur gelten klare Regeln. So ist frischer
Fisch unter Scherbeneis bis null Grad zu lagern, frisches Fleisch dagegen bei vier Grad. Außerdem ist im Kühlbereich Trennung angesagt: Rohe und bereits verarbeitete
Ware dürfen nicht nebeneinander stehen.
Sorgfalt auf der Arbeitsplatte
D
Kälte gegen Keime
M
ikroorganismen verhalten sich ähnlich wie wechselwarme Tiere. Je kälter es ist, desto träger sind sie und desto langsamer vermehren sie sich. „Ein paar Grad
Unterschied können einen enormen Effekt bringen“, erklärt Dr. Bernd Roesner vom TÜV SÜD ELAB. Er empfiehlt, den heimischen Kühlschrank auf ca. fünf Grad
einzustellen und Lebensmittel in geschlossenen Gefäßen aufzubewahren oder mit Folie abzudecken. Damit ist schon viel gewonnen – wenn der Kühlschrank sauber ist.
Denn vor allem das Kondenswasser an seiner Rückwand ist ein Paradies für Keime. Regelmäßiges Putzen mit Essig- oder heißem Spülwasser hält sie in Schach.
Darüber hinaus sollte man allzu lange Lagerzeiten vermeiden und Produkte voneinander trennen, um Keimen die Vermehrung zu erschweren. Leicht verderbliche
Ware wie etwa Hackfleisch sollte man außerdem nach dem Kauf umgehend kaltstellen und möglichst noch am Herstellungstag durchgaren. Reste frisch gekochter
Speisen lässt man am besten abkühlen und stellt sie dann in den Kühlschrank oder friert sie ein.
ie Einkäufe sind erledigt, die Arbeitsplatte ist blank gewischt, die Küchenutensilien
stehen bereit: Es kann losgehen mit der Zubereitung des Essens. Gerade jetzt lauern
weitere Hygienefallen. Denn neben dem Kühlschrank bieten auch Schneidbretter, Lappen und
Spülbecken hervorragende Bedingungen für Keime. Bis zu vier Millionen Mikroorganismen
haben Forscher schon in einem Milliliter Wasser gezählt, den sie aus einem Spülschwamm
pressten. Bei jedem Abwischen werden sie verteilt und können sich weiter vermehren.
Auch in den Ritzen zerkratzter Brettchen, in Spülbecken und auf Arbeitsflächen siedeln
potenzielle Krankheitserreger. Experten raten daher, Schwämme regelmäßig auszutauschen
und Lappen bei mindestens 60 °C zu waschen, Schneidbretter nach jeder Nutzung im
Geschirrspüler zu reinigen und alles, was mit rohem Fleisch in Berührung gekommen ist,
sofort heiß abzuwaschen. Besonders wichtig auch hier: Wer mit Essbarem hantiert,
sollte sich vorher und nachher gründlich die Hände säubern. Bei allen Warnungen und
Ratschlägen: „Lebensmittel waren noch nie so sicher wie heute“, betont TÜV SÜD
ELAB-Leiter Bernd Roesner. Produktionsbedingungen und Know-how seien auf einem
hohen Stand. „Dennoch müssen Verbraucher weiterhin selbst Verantwortung
übernehmen, also sorgsam sein in der Küche und ihren Teil zur Hygiene beitragen.“
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83
HYGIENE IM ÜBERTRAGENEN SINN
Mehr als
keimfrei
ACHTUNG, PC-SCHÄDLINGE
Arbeitshygiene
Im April 2014 startet die Kampagne der Europäischen
Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz
Gesunde Arbeitsplätze – Stress und psychosoziale Risiken
bei der Arbeit managen. Sie soll Arbeitnehmer
und -geber dabei unterstützen, Stressfaktoren bei der
Arbeit zu erkennen und zu bewältigen.
EU-Durchschnitt
58
Bulgarien
Distanz
Vergebung der
Sünden
Katholiken beichten
einem Priester, orthodoxe
Christen handhaben es
ähnlich. Protestanten
bitten im Glaubensbekenntnis um Vergebung. In jedem Fall hat
Beichten eine reinigende
Wirkung. Davon ist der
37
29
22
Portugal
Dänemark
Deutschland
14
Österreich
GRÜNDE FÜR WELLNESS
70 Prozent aller Deutschen fahren laut Umfragen in den
Wellnessurlaub, um eine Auszeit zu nehmen, Schönheitspflege
steht nur für rund ein Fünftel an erster Stelle.
Bibliothek
— Platon, griechischer Philosoph,
427 bis 347 v. Chr.
31
QUELLE: Eurostat
ABSTAND
„Willst
du den
Körper
heilen,
musst
du
zuerst
die Seele
heilen.“
DER GEDANKEN
Befall in ausgewählten Ländern
Europas im Jahr 2010 (in Prozent)
Wir reinigen Psyche und Geist,
schützen unsere Sprache vor
fremden Einflüssen und halten
Viren vom Computer fern.
Text: Brigitte Lohmanns —
Infografik: Sabine Hecher
Die Macht
Fast ein Drittel der Computer von
Internetnutzern in der EU war 2010
von einem Virus befallen, obwohl
84 Prozent der Nutzer Sicherheitssoftware verwendeten.
BÜCHEREI
Dialekt
Um eine Auszeit zu nehmen
MUNDART
69,20
Um mir etwas Besonderes zu gönnen
63,40
GESTERN WAR ICH
Schule – ischwör
ABSTAND,
BÜCHEREI, WELTALL,
MUNDART
Sprachbewahrer bekämpfen
die Kiezsprache. Heike
Wiese, Professorin für Deutsche Sprache der Gegenwart
an der Universität Potsdam,
betrachtet sie dagegen
als Beitrag zur sprachlichen
Vielfalt: Kiezsprache
zeige ein großes Maß an
sprachlicher Kreativität und
grammatischer Innovation.
Im 17. Jahrhundert erfand der
deutsche Schriftsteller Philipp
von Zesen zahlreiche Eindeutschungen. Außerdem gründete er die Deutschgesinnte
Genossenschaft mit dem
Ziel, die deutsche Sprache
rein zu halten.
Düsseldorfer Dominikanerpater Elias H.
Füllenbach überzeugt.
Ist Beichte Psychohygiene?
Füllenbach: Auf jeden Fall. Sie
wirkt befreiend, was bei vielen
danach auch spürbar ist.
Woran liegt das?
Viele haben ein Problem
damit, sich mit eigener Schuld
auseinanderzusetzen oder
gar darüber zu sprechen. In
der Beichte machen wir aber
genau das: Wir beschäftigen
uns mit unserer dunklen Seite
und akzeptieren, dass sie ein
natürlicher Teil von uns ist. Wir
trauen uns, ungute Gefühle
im geschützten Raum vor dem
Priester und vor Gott auszusprechen. Mit der Absolution
kann der Beichtende das, wofür er sich schuldig fühlt, hin-
ter sich lassen. Früher hat die
Kirche die Beichte manchmal
missbraucht, um Menschen
unter Druck zu setzen. Das ist
zum Glück heute anders.
Was ist der Unterschied
zwischen Beichte und psychologischer Beratung?
In einem psychologischen
Gespräch redet man über die
Dinge, die einen umtreiben,
und versucht, Lösungen zu
finden. Die Beichte geht
weiter. Mit der Vergebung der
Sünden setzt sie einen Prozess
von Reue, Wiedergutmachung
und seelischer Reinigung in
Gang. Hinzu kommt die religiöse Bedeutung für gläubige
Menschen: Sie haben etwas
mit Gott zu klären. Das kann
ein psychologisches Gespräch
nicht leisten.
40,20
Wegen der gemeinsamen Zeit mit dem Partner
33,20
Zur Schönheitspflege
21,10
Mehr als
zwei
QUELLE: Handelsblatt, Nr. 214, 4./ 5. November 2011, Seite 76
GUT FÜR DIE PSYCHE
Herz-KreislaufTraining
100
97
Millionen
Gewichtsreduzierung
Psychohygiene
Ernährungsberatung
Stoffwechseltraining
92
90
87
85
MENSCHEN
Sonstige
2
QUELLE: Deutscher Industrieverband für Fitness und Gesundheit
„Hygiene
kann
tödlich sein,
wenn
sie zur
Säuberung
pervertiert.“
— Anselm Vogt, deutscher
Kabarettist.
Um etwas für meine Gesundheit zu tun
Gründe für den Besuch eines Fitnesscenters in Deutschland im Jahr 2012 (Angaben in Prozent)
Muskelkräftigung
Die Kraft der Einbildung beeinflusst Herzschlag und Hirnströme. Mithilfe von Biofeedback
werden Patienten eigene
Körpersignale zurückgemeldet.
So erscheinen etwa zu hohe
Blutdruckwerte auf dem Computerbildschirm. Der Patient
lernt, mithilfe der Gedanken
die Körperfunktionen zu
beeinflussen. In Deutschland
fördert die 1998 gegründete
Gesellschaft für Biofeedback
diese Therapieform.
in Deutschland nahmen 2011
die Seelsorge der evangelischen und katholischen
Kirchen in Anspruch. Die
meisten griffen zum Telefon;
E-Mail und Chat waren mit
3.054 beziehungsweise 6.456
Kontakten weit abgeschlagen.
WAS UNS BEWEGT. Das Magazin der HARTMANN GRUPPE
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84
GLOSSE
Wir wollen Gegner!
Aus der Sicht der Keime ist der Mensch ein viel zu leichtes Opfer. Ein Kampf zwischen ebenbürtigen
Kontrahenten wäre viel spannender. Hilferuf eines enttäuschten Erregers.
Text: Dr. Werner Bartens
A
ls rechtschaffener Erreger
kommt man sich auf den Arm
genommen vor, wenn man
sieht, was manche Menschen
treiben, um sich vor unsereins
zu schützen. Howard Hughes zum
Beispiel, amerikanischer LuftfahrtPionier und Milliardär: hat sich
eingeschlossen, jahrelang den Kontakt
zu seinen Artgenossen gemieden und
die Gegenstände seiner Umgebung
mehrlagig mit Taschentüchern abdecken lassen. Als ob uns das abschreckt!
Oder die Dilettanten, die sich aus lauter
Angst vor uns einer Darmreinigung
unterziehen. Was für ein hysterischer
Unsinn. Ohne unsereins würde ihre
Verdauung nicht funktionieren, sie
könnten nicht einmal allein überleben.
WIR SIND KLEIN, ABER GEMEIN
Wir sind Millionen Jahre älter als sie,
dazu noch flexibler und zahlreicher. Die
Bakterien unter uns haben schon Hochkulturen gebildet, da hockte der Homo
sapiens noch auf Bäumen. Wir sind
zwar klein, aber gemein – und dabei
höchst effizient. Gut, Wissenschaftler
gewinnen heute aus Pilzen fiese Substanzen, die uns das Leben schwermachen. Deshalb nennen sie das Zeug
Antibiotika – gegen das Leben. Nur:
Bis die Tablette im Magen ankommt,
haben wir uns längst wieder verändert.
Ein wenig Mutation hier, ein bisschen
Organellenaustausch da – schon ärgert
das Antibiotikum nur noch den, der es
schluckt. Dass die meisten Menschen
das Zeug zu früh absetzen und uns
damit unsere Resistenz-Spielchen noch
einfacher machen, ist eigentlich eine
Beleidigung. Im Krankenhaus stechen
sie dann Löcher in Blutgefäße, diese
Menschen, und schieben Schläuche in
alle möglichen Körperöffnungen. Das
sind die optimalen Reiserouten für uns,
komfortabler geleitet als auf Kathetern
und Kanülen könnten wir kaum ins
Körperinnere gelangen.
„Unsere
Hochkultur
gab es schon,
als der Homo
sapiens noch
auf Bäumen
hockte.“
— Werner Bartens,
Bakterienversteher
Ein paar von uns übertreiben
allerdings. Ich sage nur Clostridium
difficile, Pseudomonas aeruginosa und
Staphylococcus aureus. Ich will kein
Nest- und Kulturbeschmutzer sein, aber
das sind in der Tat Problemkeime. Diese
asozialen Bazillen ruinieren den Ruf der
Branche mit ihren Krankenhausinfektionen. Als ob es etwas Besonderes
wäre, wenn eigens „Reserveantibiotika“
für einen zurückgehalten werden! Da
lobe ich mir die Viren in den Tigerstaaten in Fernost. Geben den Menschen
eine Chance und vergreifen sich vorerst
hauptsächlich an Geflügel. Behutsam
ändern sie ihre H-und-N-Ausstattung
an der Oberfläche alle paar Monate,
treiben sich in Ententeichen und auf Geflügelmärkten rum, um den Forschern
Zeit zu lassen. Manchmal spielen sie
mit den Muskeln und machen nicht nur
auf Vogel-, sondern auch auf Schweinegrippe. Schlau, die Kollegen!
EIN GUTER RAT: KÜSST EUCH!
Weil ein ungleicher Kampf schnell
langweilig wird, gibt es auch die RetroFraktion, alte Bekannte wie Diphtherie,
Cholera oder Pest. Besonders die
Tuberkulose ist einfallsreich und tritt
auch heute manchmal noch im neuen,
schicken Gewand in Erscheinung. Immerhin, man glaubt Madame zu kennen
aus Weltliteratur wie dem „Zauberberg“
von Thomas Mann. So bleibt den Menschen wenigstens die Illusion, den Kampf
gegen uns noch gewinnen zu können.
Wie ihr uns endlich Paroli bieten
könnt? Ein gut gemeinter Rat unter
Feinden: küsst euch! Make love, not
infection. Bis zu 50.000 Erreger werden
pro Kuss ausgetauscht. Das stärkt, im
Vertrauen gesagt, das Immunsystem.
Und macht euch endlich zu würdigen
Gegnern für uns, die
Unbesiegbaren. •
DR. WERNER BARTENS
ist Mediziner und Leitender
Redakteur im Wissenschaftsressort
der Süddeutschen Zeitung.
SCHWER ZU KNACKEN
Rotavirus
Hüllenloses Virus,
das gegen Umwelteinflüsse
weitgehend resistent ist.
Rotaviren verursachen
etwa fünfzig Prozent der
Magen-Darm-Infektionen
im Kleinkindalter.
10.000
Zahl der bislang beschriebenen Virenarten auf der Welt
ca. 2.600
Tuberkulosefälle weltweit im Jahr 2011
5.772.224
Influenzaerkrankungen in Deutschland in der Saison 2012/ 2013....................................... ca. 66.000
Dauer einer durchschnittlichen Influenza
7– 9
30
Minimal nötige Einwirkzeit eines Händedesinfektionsmittels
Anteil der Toilettenbesucher, die aufs Händewaschen mit Seife verzichten
ca. 30
Zahl der Bakterienarten, die im menschlichen Körper leben ................................................. ca.
...........................................................
.........................................................................................
Tage
...............................................................
Sekunden
................................
QUELLEN: World Health Organization, International Committee on Taxonomy of Viruses, BODE SCIENCE CENTER, Robert-Koch-Institut, London School of Hygiene & Tropical Medicine
Prozent
( 314 ) 0 8 6 245 / 1
...............................................................................