Kupferschmid Rimmel

Die Kunst
am Kessel
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Sommer 2013
Ohrenbetäubender Lärm dringt aus der alten Schmiede.
Drinnen wird ein riesiger kupferner Kessel mit dem
Hammer bearbeitet. »Austreiben« heißt dies in der
Fachsprache. Und darin ist Johannes Rimmel ein Meister
seines Fachs. In seiner alten Schmiede stellt er ganz
besondere Handwerkskunst aus Kupfer, Blech und Zinn her.
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ie passende Werkstatt für seine
Tätigkeit fand Johannes Rimmel
in Obermaiselstein. Vor einigen Jahren
hatte er das Glück, hier eine alte Schmiede anmieten zu können. Das 1883 erbaute Haus gehört der Gemeinde, die in der
Absicht die traditionelle Schmiede zu
erhalten, diese nach dem Tod von Schmied
Anton Klink erwarb. Die Werkstatt hat ihre
Authentizität nicht verloren. In einer Ecke
lodert das Schmiedefeuer, Wände und
Decke sind rußgeschwärzt, alte, ausgetretene Holzbohlen zieren den Fußboden.
Zangen, Hämmer und Ambosse sind zu
sehen, Setzstöcke, die Richtplatte, ein
Schweiß- und Lötgerät, ein Bieg- und Falzgerät, Schablonen, Bleche – findet der
gelernte Spengler das passende Werkzeug
nicht, erfindet und konstruiert er dieses
auch schon mal selber.
Einer der letzten seiner Art
Seine Spezialität sind bauchige Käskessel, die er aus drei Millimeter dickem
Kupferblech treibt. Bei einem alten Kupferschmied im benachbarten Österreich
schaute sich Hans Rimmel die Feinheiten
der Bearbeitung ab und fand Gefallen
an dem Material und der traditionellen
Arbeit. »Meine Tätigkeit als Käskesselhersteller ist fast ausgestorben«, erzählt
der Bolsterlanger. Hans Rimmel sieht in
seiner Arbeit mehr, als nur das Abdecken
von Dächern. »Metallen eine Form und
Leben zu geben, ist mein
Beruf und meine Passion«, sagt er.
Das alte Holztor zur Straße steht fast
immer offen. Immer wieder stecken
Freunde oder interessierte Gäste den
Kopf herein, fasziniert von der urigen
Werkstatt, wie sie in fast keiner anderen
Stadt mehr zu finden ist. Immer zu
einem Scherz aufgelegt und ein lausbubenhaftes Glitzern in den Augen, so trifft
man den ambitionierten Kunsthandwerker hier an. Ein typisch allgäuerisches
Merkmal, den Lodenhut, hat er immer
Heute arbeitet der gebürtige Bolsterlanger
Johannes Rimmel in der 300 Jahre alten
Kupferschmiede in Obermaiselstein als einer der
letzten Kupferkesselschmiede in Deutschland.
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Die endgültige Form erhält der Käskessel nach unzähligen Hammerschlägen.
auf dem Kopf. »Der erste mit viel Mühe
geschmiedete Kessel ähnelte eher einem
Nachttopf«, meint Rimmel schmunzelnd,
»doch mit jedem Auftrag gelangen die
Stücke besser. Man muss sich nur mutig
herantrauen.«
Das Handwerk
des Kesselschmiedens
Über 100 Käsekessel finden ihre Verwendung im gesamten Allgäu, z. B. in
den Käsereien im Gunzesrieder Tal oder
auf der Mittelalpe am Riedbergpass.
»Auf der Alp, wo mehrere Kühe sind,
besteht immer noch Bedarf an Kupferkesseln. Alle sind von Hand und mit Herz
hergestellt.« Die Haltbarkeit der Kessel
mit rund 600 Litern Fassungsvermögen
beträgt weit über 100 Jahre, was die
Nachfrage der Sennereien und Alphütten
entsprechend einschränkt. Mittlerweile
gibt es industriell hergestellte Kessel und
die sind entsprechend preisgünstiger.
Mit einem traditionell handgetriebenen
Stück haben diese allerdings nichts mehr
gemein.
Daher erstellt Johannes Rimmel auch
Kessel in allen Größen für Dekorationszwecke, als Fondue- oder Kässpatzen-
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gefäß her. Sogar wunderschöne filigrane
Figuren entstehen unter seinen Händen:
auf Steinen sitzende Engel, die jeden Garten verschönern, sorgfältig ausgestanzte
Motive aus der Tier- und Fabelwelt, zierliche Edelweiß oder Enzian, Wetterfahnen mit Hähnen oder Hexen. »Wer dafür
Modell gestanden hat, verrate ich nicht«,
grinst er. Die Vorlagen für seine künstlerischen Werke malt Rimmel selber. Schablonen zum Anreißen auf Motiven und
Entwürfe auf Blech sind zu sehen, lassen
etwas von dem Künstler erahnen, der
hinter dem Handwerksmeister steckt.
Viele der Werkstücke sind alten Allgäuer
Motiven nachempfunden, werden aber
auch teils für die heutige Zeit neu interpretiert oder komplett nach den Wünschen des Kunden angefertigt. Das Edelweiß ist ein beliebtes Motiv, um das Oberallgäu zu repräsentieren. Früher stellte es
einen echten Liebesbeweis für die Angebetete dar, da es nur mit Aufwand in
höheren Regionen und oft schwer zugänglichen Plätzen zu beschaffen war.
Von der Blechbahn zum Kessel
Eine Bahn aus Kupferblech wird
gerundet und zunächst zu einem Rohr
Der Kupferschmied fertigt die Kupfernieten zum
Anbringen der eisernen Kesselgriffe selbst.
verschweißt. Mit einem Polierhammer
bearbeitet Rimmel die Schweißnaht, bis
sie nicht mehr sichtbar ist. Bei über eintausend Grad glüht er den Rohling mit
einem Flämmer aus und verdichtet das
Blech mit gezielten Hammerschlägen.
Auf dem Richttisch wird das fertige
Kupferrohr mit dem Treiberhammer
vom Rand her bearbeitet. Mit einer sogenannten Sickelmaschine dreht er eine
Sickel ein, wodurch eine gleichmäßige
Randmarkierung entsteht. Diese Naht
hämmert er mit einer Eisenstange nach
außen, so bildet sich ein Rand. Ein geformtes Rundeisen, zu einem Ring verschweißt, verleiht diesem Festigkeit.
Immer wieder wird das Kupfer ausgeglüht, so verdichtet das Material und
der Kessel erhält seine Stabilität.
Den gedrehten Rohling treibt Hans
Rimmel nun durch unzählige Hammerschläge zur Kesselform aus. Den Boden
ergibt ein grob gerundetes Stück Kupferblech, welches in einer Mulde des Hackstockes aus Hartholz schalenförmig bearbeitet wird und schließlich in die Öffnung eingepasst und verschweißt wird.
Nach der Fertigstellung ist von der
Schweißnaht nichts mehr zu sehen. Die
endgültige Form erhält der Kessel nach
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weiteren zahlreichen Hammerschlägen.
Mit Schwefelsäure wird er gereinigt
und poliert, wodurch das Kupfer seinen
Glanz erhält. Bis ein großer Käskessel
fertig ist, muss Johannes Rimmel ungefähr 150 Stunden harte Arbeit einkalkulieren. Zwischendurch genehmigt er sich
eine Prise Schnupftabak. »Das putzt
richtig durch, wenn man hier stundenlang im Staub steht«, grinst er.
Mittlerweile hat auch die Gastronomie
die Kreativität und den Ideenreichtum
Johannes Rimmels entdeckt. So fertigte
er für ein großes Hotel Waschbecken aus
Kupfer für die Bäder. Mit eingestanzten
Edelweiß sollte somit ein Allgäuer Flair in
den Zimmern geschaffen werden. »Kupfer
ist beständig und hat seinen eigenen Charakter«. So seien Kunst- wie auch Nutzgegenstände aus Kupfer immer auch ein
Ausdruck von Persönlichkeit und Wert.
Kunst wohin das Auge reicht
Zuhause in Hirtenstein bei Bolsterlang
zeigt mir Johannes Rimmel noch mehr
seiner Werke. Sein künstlerisches und
handwerkliches Talent ist überall im Haus
zu finden. Die Sitzfläche eines alten Holzstuhles ziert ein Kupferüberzug mit eingestanzten Alpenblumen, in der aus uralten
Holzbalken gebauten Sauna erfolgt der
Aufguss – natürlich – aus einem Kupferkessel und der Kamin ist mit Kupferblech
eingefasst. Seine neueste Kreation geht
vom Kupfer weg zu einem anderen Edelmetall. Aus altem Silberbesteck formt er
kunstvolle Halsketten, Ohrringe und
Ringe. Diese bekam seine Frau zu ihrem
letzten Geburtstag. »Genauso originell
wie der Schmuck war die Verpackung,«
lacht sie, »in einer alten Schraubenschachtel, eingewickelt in ein Stück Stoff«.
Doch wie so oft trügt der äußere Schein.
Wer würde hinter einem bodenständigen,
tief im Allgäu verwurzelten Handwerker
einen Künstler erahnen, der mit dem
Schmiedehammer ebenso umgehen kann
wie mit filigranster Feinarbeit?
Dafür sind künstlerisches Geschick,
Ausdauer und Kraft erforderlich. »Aber
das ist nun mal meine Leidenschaft«, sagt
Johannes Rimmel.
Oben: »Metallen eine Form und Leben zu geben ist mein Beruf und
meine Passion«, so Johannes Rimmel.
Unten: Zum Handwerk gehören Schweißen und Flexen.
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Text: Susanne Reitberger /
Fotos: Jürgen M. Waffenschmidt/
www.allgaeubilder.info f
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