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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Wissen - Manuskriptdienst
Physik und Literatur
Wechselspiele der Welterklärung
Autor: Andreas Trojan
Redaktion: Anja Brockert
Regie: Felicitas Ott
Sendung: Donnerstag, 24.04.2014, 8.30 Uhr, SWR 2
Wiederholung: Donnerstag, 09.03.2017
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Regie: Leise, sphärische Musik, darüber:
O-Ton 1 (Woelk)
Ich hatte immer das Bedürfnis, über den Physiker in dieser Zeit zu schreiben. (…) Jeder
schaut die Welt aus einer bestimmten Perspektive an. Der Physiker, der
Naturwissenschaftler macht das auch aus einer gewissen Perspektive. Und das kann
wiederum literarisch sehr spannend sein darzustellen: Wie beurteilt er die Dinge, wie
sieht er sie.
O-Ton 2 (Draesner)
Man ist dauernd damit beschäftigt zu übersetzen. Und das war auch, was mich
interessiert hat: Literarisch, ich gehe ja da als Schriftsteller ran, die
Übersetzungsprozesse zwischen der Liebe und der Physik und dieser Frage nach Gott.
O-Ton 3 (Fischer):
Was hat eigentlich der Wissenschaftler für eine Verantwortung? Oder: Was denkt er,
wenn ein bestimmtes Ergebnis vorliegt? Wenn er etwa versteht, dass bei einem
Neutronenbeschuss von Urankernen Energie frei wird und eine Atombombe möglich ist.
Ich glaube nicht, dass man das einfach durch eine sachliche Äußerung beschreiben
kann. Dass er etwa weiß, wie viel Energie da frei gesetzt wird, sondern da geht ein
ganz bestimmtes, ethisches, moralische, seelisches Empfinden los. Und dass kann nur
die Aufgabe eines Dichters sein, das darzustellen.
Regie: Musik langsam weg
Ansage:
Physik und Literatur. Wechselspiele der Welterklärung.
Eine Sendung von Andreas Trojan.
Regie: Leise Musik, darüber:
Zitator 1:
Wir Astrophysiker sind die Romanciers unter den Naturwissenschaftlern. Wir erzählen
Euch die Geschichte vom Anfang der Welt. (1)
Sprecherin:
Das ist einer der Lieblingssätze von Harriet, der Heldin in Ulrike Draesners Roman
„Vorliebe“. Das Buch erschien 2010 und erzählt von einer erfolgreichen Astrophysikerin,
die kurz davor steht, an einer Raumfahrtmission teilzunehmen. Und doch nagt ein
Zweifel an ihr: Sind die Ergebnisse, die man aus dem All mitbringt, wirklich so großartig,
so sensationell, wie man sie den Medien und potentiellen Sponsoren verkauft? Harriet
zweifelt. Doch dann kommt die Liebe ins Spiel und Harriet übertritt ein Gebot: Du sollst
nicht Ehe brechen.
Regie: Leise Musik, darüber
Sprecherin:
In Ulrich Woelks Roman „Schrödingers Schlafzimmer“ aus dem Jahr 2006 ist der Held
ein Magier - und vielleicht der uneheliche Enkel des berühmten Physikers Erwin
Schrödinger. Er verzaubert seine Umwelt – unter anderem mithilfe der Quantenphysik:
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Zitator 2:
Alles hat zwei Seiten, eine energetische und eine materielle. Man nennt das WelleTeilchen Dualismus. Und jetzt frage ich sie: Ist das nicht zutiefst menschlich wie die
Liebe? (4)
Regie: Musik kurz frei, dann weg
Sprecherin:
Die Paarung „Physik und Literatur“ hat im 21. Jahrhundert Seltenheitswert. Ulrich Woelk
und Ulrike Draesner gehören zu den wenigen Autoren, die sich derzeit mit ihr befassen.
Ulrich Woelk lebt und arbeitet seit 1995 als freier Schriftsteller, von der Ausbildung her
ist er promovierter Astrophysiker. Die Schriftstellerin Ulrike Draesner hingegen ist eine
Laiin in Sachen Physik – allerdings eine geübte. In vielen ihrer Texte bestimmen
physikalische Erkenntnisse das Geschehen.
Physiker arbeiten mit komplexen Systemen, um die Welt – Makro- wie Mikrokosmos –
erklärend zu beschreiben. Schriftsteller tun dies auch. In der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts machten Einsteins Relativitätstheorie, die Quantenphysik und die
Weiterentwicklung der Urknall-Theorie diese Zeit zu einer „Epoche der Physik“. Und
Autoren wie Hermann Broch, Gottfried Benn oder Ernst Jünger ließen Aspekte
moderner Physik in ihre Werke mit einfließen. Der Schriftsteller Robert Musil meinte
sogar:
Zitator 1:
Die entscheidenden Geschehnisse für das Menscheninnere vollziehen sich unbemerkt
in der Physik. An handgreiflichen Analogien zwischen Makro- und Mikrokosmos wird
schließlich selbst das bürgerliche Leben nicht vorübersehen können. (3)
Sprecherin:
Doch der Physiker als literarische Figur blieb lange Zeit etwas Fremdartiges – wenn
nicht gar Gefährliches! 1962 wurde Friedrich Dürrenmatts Theaterstück „Die Physiker“
uraufgeführt. Ort der Handlung ist bezeichnenderweise eine Irrenanstalt. Zwei der
Hauptfiguren glauben, Einstein und Newton zu sein. In Wahrheit aber spielen sie nur
Irre und sind Agenten der beiden Großmächte USA und Sowjetunion. Der Dritte im
Bunde ist tatsächlich Physiker; er mimt einen Irren, weil er die physikalische
„Weltformel“ in Händen hält, die alles verändern würde.
Zitator 2:
Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung gefährlich, unsere
Erkenntnis tödlich. (2)
Sprecherin:
Das ist die Einsicht des Physikers bei Dürrenmatt. Die Schlussfolgerung daraus ist klar:
Zitator 2:
Nur im Irrenhaus sind wir noch frei. Nur im Irrenhaus dürfen wir noch denken. In der
Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff. (2)
Sprecherin:
Als Friedrich Dürrenmatt das Stück „Die Physiker“ 1962 veröffentlichte, stand die Welt
am Rand des Dritten Weltkriegs. Die „Kubakrise“ und das damit verbundene militärische
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Kräftemessen der beiden Großmächte mittels Atomwaffen konnte nur in letzter Minute
entschärft werden. Und jedermann wusste damals, dass am Bau der Atombomben
Physiker wie Robert Oppenheimer maßgeblich beteiligt waren.
Das Bild des Physikers als „Irrer“ und „Weltvernichter“ hat sich aber in den letzten
fünfzig Jahren stark verändert. Die Schriftsteller Ulrike Draesner und Ulrich Woelk:
O-Ton 4 (Draesner):
Der Physiker, der Atomphysiker, der ist ja von dem Bombenphysiker zu dem gerutscht,
der vielleicht mit Atomkraftwerken zu tun hat. Der ganze Diskurs hat sich aber
verschoben. Das liegt daran, dass die Erfindung lang genug zurück liegt und man
inzwischen sieht: Das ist jetzt kein Problem mehr, dass da hier einer eine böse Tat
begeht, indem er etwas Schreckliches erfindet und damit die Welt sprengt, sondern es
sind viel komplexere Vorgänge, die bestimmen. Und es sind politische Entscheidungen,
soziale Prozesse, die darüber entscheiden, was wir für Energie haben, wie viele
Atomkraftwerke laufen.
O-Ton 5 (Woelk):
Die Atombombe ist nun in der Welt und damit geht man jetzt politisch um. Da wissen wir
alle nicht, wie sich das weiter entwickelt. Also Entwarnung kann in dem Bereich sicher
noch nicht gegeben werden, aber man schiebt das sicher nicht mehr allein den
Physikern in die Schuhe. Das kann man eben auch nicht.
Sprecherin:
Anders als noch zu Dürrenmatts Zeiten ist der Physiker im 21. Jahrhundert nicht mehr
derjenige, der in seiner naturwissenschaftlichen Hexenküche Dinge produziert, die die
Menschheit an den Rand der Existenz führen. Die Genetik, vielleicht auch die
Kybernetik, steht im Zentrum des medialen Interesses. Damit ist der Physiker fast
schon „einer von uns“ geworden, ein Normalmensch, dessen Lebensprobleme einem
nahegehen können. Der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer spricht von einer
„Nachtseite der Wissenschaft“: woran ein Physiker auch immer forschen mag, er ist
auch eine ganz normale Person, die von Hoffnungen und Ängsten geplagt wird - und
die natürlich auch Liebesangelegenheiten nicht kalt lassen. Zudem benötigt er
Phantasie und Vorstellungskraft, um die Erkenntnisse der Physik in plastische Bilder
umgießen zu können.
O-Ton 6 (Fischer)
Ich glaube, das ist die große Herausforderung. (…) Werner Heisenberg, der große
Physiker, hat den Satz von Wittgenstein „Worüber man nicht reden kann, darüber muss
man schweigen“ umgedeutet und gesagt: „Worüber man nicht reden kann, davon muss
man erzählen.“ Da muss man Bilder schaffen und drüber sprechen. Und ich glaube,
dass ist die große Aufgabe der Vermittlung von Wissenschaft, eine Erzählung der
Wissenschaft zu finden. Das könnte übrigens heißen, dass die Vermittlung von
Wissenschaft schwieriger ist als die Wissenschaft selbst. Weil bei der Wissenschaft
können Sie mit Systematik, Methodik und Logik vorgehen, aber bei der Vermittlung von
Wissenschaft müssen Sie noch ne Menge Phantasie involvieren.
Sprecherin:
Hier ist auch der Schriftsteller als „Vermittlungsinstanz“ gefragt. Die Aufgabe ist
allerdings nicht leicht. Der Autor muss auf die literarische Qualität seiner Texte achten und zugleich eine Menge von der Wissenschaft verstehen. Erkenntnisse etwa der
Physik sollen in anschauliche Bilder gebracht werden, die der Leser mit seiner
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Lebenswelt verknüpfen kann. Auch der Physiker als Romanheld ist für den Schriftsteller
eine Herausforderung: zwar ist er eine „Ausnahmenatur“, aber sein Alltagsleben
bestimmt unbewusst die Existenz als Wissenschaftler mit. Hinzu kommt das „ethische
Gewissen“, das er mit seinem Tun verbindet oder ausblendet. Und nicht zuletzt spielt
auch das „Phantastische“ der Physik eine Rolle – geheimnisvolle „Quantensprünge“,
„Parallelwelten“ und die „Urknall-Theorie“. Können Schriftsteller das alles in einem
Roman leisten?
Regie: Leise Musik, darüber
Sprecherin:
Ein Wintermorgen in Berlin. Die Schriftstellerin Ulrike Draesner steht am ZeissGroßplanetarium in der Prenzlauer Allee. Der Wettergott ist an diesem Tag nicht
besonders gut gestimmt.
O-Ton 7 (Draesner)
Wir sind hier am Planetarium im Prenzlauer Berg und sehen vom Himmel sozusagen
Nebelsuppe. Es ist grau bedeckt und novembrig. Und man versteht sofort wieder,
warum die Physik – mit der ich mich zumindest für die in „Vorliebe“ beschäftigt habe „extraterrestrisch“ ist. Am Anfang dachte ich auch: Hups! geht’s da um irgendwelche
Wesen aus dem Weltall? Nein, das heißt es natürlich nicht, sondern es heißt, die
Messungen, die man vornimmt, finden nicht mehr von der Erde aus statt, weil man hier
immer vom Wetter abhängig ist, sondern die Messungen werden im Weltraum selbst
vorgenommen. Also man schickt Satelliten da rauf, das habe ich dann auch gelernt, die
die Forschungsinstitute nicht nur entwerfen, sondern in ihren eignen Werkstätten selbst
bauen.
Sprecherin:
Tatsächlich geht es in Ulrike Draesners Roman „Vorliebe“ um den Himmel – allerdings
in doppelter Bedeutung. Einmal ist es der Makrokosmos, den die Hauptfigur Harriet als
Astrophysikerin erforscht. dann begegnet sie ihrer Jugendliebe wieder: Peter, einem
evangelischen Pfarrer. Auch ihm geht es um den „Himmel“, allerdings auch im Sinne
eines kommenden „Himmelreichs“. Damals hat sich Peter von der jungen,
physikbegeisterten Harriett erklären lassen, warum der Himmel blau ist. Sie gab ihm
eine glatte, physikalische Erklärung, sprach von der Erdatmosphäre und der Brechung
von Lichtwellen. Geheimnisvoll ist daran wenig. Aber die Geschichte ist noch nicht zu
Ende.
O-Ton 8 (Draesner)
Fast dreißig Jahre später – das ist die Hauptzeit des Romans – sind sich diese beiden
Menschen wieder begegnet. Und die damals nicht gelebte Liebe, die flammt wieder auf,
zumindest für eine Zeit. Und auch der Pfarrer, der ist dann schon fast 60 Jahre alt, der
hat natürlich in seinem Leben dazugelernt. Und dieses Lernen spiegelt sich in der
Frage. Und statt zu fragen: „Warum ist der Himmel blau?“ fragt er jetzt, die richtig
schwierige, entscheidende Frage. Und die heißt: „Warum ist der Nachthimmel dunkel?“
Sprecherin:
Wäre das Universum in jeder Richtung unendlich und wären die Sterne mit steter
Helligkeit in gleicher Dichte verteilt, erklärt Harriet, dann müsste es immer hell sein.
Doch Sterne sind endlich, sie vergehen, selbst wenn ihr Licht uns noch aus undenklich
weiter Entfernung erreicht. Deswegen ist es nachts, wenn wir von der Sonne
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abgewandt sind, relativ dunkel. Der Kosmos besitzt nicht genug Materie, nicht genug
Energie, um den Himmel stets zu erhellen. Dieses Ergebnis hat mit Einsteins
Berechnung der Lichtgeschwindigkeit zu tun, aber auch mit der Urknall-Theorie.
Zitator 1:
Astrophysiker versuchten, das Reich der Zahlen auszudehnen in dunklen endlosen
Raum, der aus dunklen endlosen Räumen bestand. Unendlichkeit, Unfassbares. Sie
könnte ihm erzählen, dass alle physikalischen Gesetze 10 – 44 Sekunden vor dem
Urknall zusammenbrachen. (1)
Sprecherin:
Die klassische Urknalltheorie von 1929 stammt von dem belgischen Physiker Georges
Lemaître, der auch katholischer Priester war. Mit ihr fragen wir nach dem Woher und
dem Wohin unserer Existenz. Im Roman „Vorliebe“ heißt es an einer Stelle:
Zitator 1:
Sie lehnte sich ins Fenster und rauchte hinaus. Ha, wie heimlich! Peters allerletzter Satz
ging ihr durch den Kopf. Er hatte recht, sie waren Fossile, nicht zynisch, nicht einmal
richtig ironisch; romantische Träumer waren sie, Theologe und Physikerin. In ihre
Fächer schienen die Träume gekrochen zu sein. Als letzte Refugien. Dort, wo garantiert
nichts auf eine E-Mail antwortete. (1)
Sprecherin:
Die Astrophysikerin Harriet nimmt die Beziehung zu ihrer Jugendliebe wieder auf. Und
Peter, obwohl verheiratet, erwidert diese Liebe. Doch die heftige Romanze ist wie ein
Wetterleuchten am Abendhimmel – sie hat keine Beständigkeit. Mehrmals taucht im
Roman eine Sentenz des romantischen Dichters Novalis auf:
Zitator 1:
„Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft.“ Für Harriet hatte der Spruch immer von den
Folgen der Liebe gehandelt, sie spaltete auf, machte zu vielen. (1)
Sprecherin:
In Ulrikes Draesners Roman wandelt sich der Mensch als „kleine Gesellschaft“ zu
einem kleinen Planeten. Alle Figuren, besonders Harriet und Peter, sind Planeten. Sie
umkreisen einander, werden von den jeweiligen Kräftefeldern angezogen, doch sie
bleiben, das, was sie sind: eigenständige, aber auch einsame Himmelskörper.
Zitator 1:
Peter lag auf der Seite, sie presste die kalten Füße gegen ihn, leise stöhnte er auf im
Schlaf. Langsam kroch seine Wärme über Federn und Laken auf sie zu. Auch das war
Physik. Ein Stück klarer, ganz und gar irdischer Physik. (1)
Sprecherin:
Harriet wird in der Liebe nicht glücklich. Allerdings zweifelt sie auch an den Ergebnissen
der Astrophysik. Sie will hinter die Bilder blicken, die von Satelliten aus dem All zur Erde
gesendet werden. Sie will Zusammenhänge sehen, will Physik und Metaphysik, also
das Wissenschaftliche und das Geheimnisvolle verbinden. Nicht ohne Grund also führt
Ulrike Draesner die Figur der Astrophysikerin mit einem Pfarrer zusammen. Beide
stellen dieselben Fragen. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Beide blicken dabei in
den Himmel.
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O-Ton 9 (Draesner)
Von da oben kommen Botschaften. Es ist ein Buch, das da aufgeblättert ist. Und es
stellt uns diese Fragen: Wo kommst du her? Wo gehst du hin? Und eine Wissenschaft,
die etwas erfindet wie den „Urknall“ – das ist doch eine irre Sache! Und da sieht man
auch die Verbindungen: Den „Urknall“ hat ein katholischer Priester erfunden. Das ist
ganz logisch, finde ich. Beide haben diese Frage nach der Schöpfung, eine immens
philosophische Frage auch: Wie kann es sein, dass etwas ist und nicht Nichts ist?! Und
der „Urknall“ ist eine klassische Schöpfungsgeschichte, bei der man zwar die Instanz
„Gott“ abgeschafft hat, aber dieselben Probleme hat wie die Theologen. (…) Ja, so ist
das mit dem Schöpfungsgott auf der anderen Seite, der erzählt uns etwas. Und erzählt
eine Geschichte dorthin, wo die Wissenschaft auch nur eines kann: schweigen – oder
eine Geschichte erzählen.
Regie: Leise Musik, darüber
Sprecherin:
Berlin-Moabit, drei U-Bahn-Stationen vom Bahnhof Zoo entfernt. Im Fotostudio seiner
Frau hat sich der Schriftsteller und studierte Astrophysiker Ulrich Woelk heute mit einem
neuartigen Feldstecher bewaffnet – Modell Trophy AS/P mit 50mm
Objektivdurchmesser. Eigentlich wollte er an diesem Winternachmittag in den Garten
gehen, um den Andromeda-Nebel zu beobachten. Doch der Himmel über Berlin bleibt
hartnäckig in eine trübe Nebelsuppe gehüllt.
O-Ton 10 (Woelk)
Das ist im Prinzip ein ganz normales Fernglas, mitunter auch Feldstecher genannt, der
aber den Vorteil hat, dass er sehr große Okulare hat und dadurch sehr lichtstark ist.
Das ist eben für Sternbeobachtung sehr wichtig.
Sprecherin:
Oft nimmt Ulrich Woelk seinen Himmelsfeldstecher mit in den Urlaub. Da hat man Zeit
und Muße – und oft klare Nächte, um sich der Sternenbeobachtung hinzugeben. Elf
Romane und Erzählbände hat Ulrich Woelk bislang veröffentlicht, und natürlich geht es
darin nicht immer um Physik. Doch manchmal reizt es den ausgebildeten Astrophysiker,
aus physikalischen Theorien und Erkenntnissen literarische Funken zu schlagen. 2005
erschien sein Roman „Die Einsamkeit des Astronomen“, ein Jahr später „Schrödingers
Schlafzimmer“, der mit der Isolation der Wissenschaft und des Wissenschaftlers bricht.
Die Hauptfigur heißt hier Balthasar Schrödinger. Angeblich ist er ein unehelicher Enkel
des berühmten Physikers Erwin Schrödinger. Genau so geheimnisvoll ist seine
berufliche Existenz: er ist Zauberer. Balthasar Schrödinger lässt sich in einem Vorort
von Berlin nieder, verzaubert und verwirrt alsbald seine Umwelt. Dies tut er mit seiner
extravaganten und selbstbewussten Erscheinung – und mit den Mitteln der
Quantenphysik.
O-Ton 12 (Woelk):
Meine Idee bei dem Roman war, so ein bisschen ein spielerischer Umgang mit der
Quantenphysik. Die Quantenphysik, das muss man vielleicht doch vorwegschicken,
macht ja etwas, was die klassische Physik ignoriert hat, sie nimmt den Beobachter in
das Modell mit hinein, sie beschreibt eine Art Wechselwirkung zwischen dem
Beobachter und dem beobachteten System. (…) Und was nun passiert, ist, dass dieser
Balthasar Schrödinger in dieser Gesellschaft ankommt. Er ist sehr offen eigentlich, er
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lädt auch alle ein und er hat Charme, verdreht den Frauen in der Gesellschaft ein
bisserl den Kopf. Und er macht ein großes Geheimnis aus seinem Schlafzimmer.
Sprecherin:
Das Schlafzimmer des Balthasar Schrödinger ist sozusagen ein geheimnisvoller Ort der
Quantenphysik. Ein Ort, an dem sich die Möglichkeiten verdichten, an dem der eine
etwas Bestimmtes sieht, der andere etwas Anderes – und das zur gleichen Zeit.
Zitator 2:
Da niemand etwas sagte, fuhr der Magier fort: „Materie“ – das ist es, was die
Schrödinger-Gleichung zum Ausdruck bringt – ist eine Verdichtung von Möglichkeiten.
Man kann es so sagen: Alles ist möglich, aber nicht alles verdichtet sich auch. Ich gebe
zu, das ist schwer zu verstehen. (4)
Sprecherin:
Die Schrödinger-Gleichung führt uns ins Geheimnisvolle der Physik. Wer glaubt, dass
Physik eindeutig sei, Vorgänge haargenau berechne, dem stehen bei Schrödinger die
Haare zu Berge:
O-Ton 13 (Woelk):
Materie ist definitiv eine Verdichtung von Möglichkeiten. Das ist ja die Kernaussage der
Quantenmechanik. Es ist schwer zu verstehen! Man darf sich das so vorstellen, dass
man sich die ganze Materie wie ein großes Feld, was eigentlich überall präsent ist,
vorstellen kann. Aber in dem Moment, wo ich es angucke, konkretisiert es sich dann in
einem bestimmten Punkt. Da gibt es berühmte Experimente dazu. Aber vorher, bevor
ich es angeguckt habe, ist es überall und es ist eigentlich alles möglich. Natürlich ist das
auch eine schöne Metapher für das Leben, für unsere Schicksale. Auch da hoffen wir
ja, dass alles möglich ist, und wir müssen es nur verdichten.
Sprecherin:
In der Quantenphysik kann man die Bewegung von Objekten wie Elektronen einmal als
Welle und einmal als Teilchen beschreiben. Und so könnte man sagen: wenn wir in
einem Versuch Elektronen als Welle wahrnehmen, so müssen sich in einem
„Parallelraum“, den wir allerdings nicht wahrnehmen können, die Elektronen als
Teilchen bewegen. Die sogenannte „Schrödingergleichung“ gibt zwar der
Wellenbewegung den Vorrang, allerdings lassen sich die genaue Zustandsbewegungen
von Quanten nur nach ihrer Wahrscheinlichkeit berechnen. Das entscheidende
Merkmal eines Quants ist, dass es die kleinstmögliche Veränderung innerhalb eines
Systems darstellt. Der „Quantensprung“ wiederum besagt, dass etwa ein Atom völlig
zufallsabhängig in einen bestimmten Zustand „springt“, wenn ihm mehrere Zustände
offenstehen. Ein Quantensprung ist demnach vom Zufall abhängig.
In Ulrich Woelks Roman erzählt Zauberer Balthasar Schrödinger, der angebliche Enkel
des berühmten Physikers, eine Geschichte von „Quantensprüngen“ und
„Parallelwelten“. Im Laufe des Geschehens erhält diese Geschichte einen hohen Grad
von Wahrscheinlichkeit.
Zitator 2:
Was ich fortsetzte, ist das Werk meines Großvaters, der bewiesen hat, dass die Realität
eine Verdichtung von Möglichkeiten ist. Und nichts anderes ist Zauberei. Man sieht, was
man zu sehen erwartet, was man für möglich hält. Wie ich schon sagte: Als Zauberer
manipuliert man nicht die Materie, sondern die Erwartungshaltung des Publikums. Je
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nachdem, auf welchen Standpunkt man sich stellt, ist die Wirklichkeit mal so, mal so.
Alles hat zwei Seiten, eine energetische und eine materielle. Man nennt das WelleTeilchen Dualismus. Und jetzt frage ich sie: Ist das nicht zutiefst menschlich wie die
Liebe? (4)
Sprecherin:
Balthasar Schrödinger ist gewissermaßen selbst ein Physiker. Nur kehrt er als Zauberer
das Geheimnisvolle dieser Wissenschaft hervor – und irritiert seine Umwelt damit
gewaltig. Vor allem die Figuren Do und Oliver Schwarz. Beide sind Anfang vierzig,
haben zwei Kinder und sind beruflich recht erfolgreich. Nur die Liebe kommt bei diesem
Paar etwas zu kurz. Da taucht Balthasar Schrödinger wie aus einer fremden, aber
möglichen Welt auf. Der wortgewandte, stets dandyhaft gekleidete Mittfünfziger wirbelt
das fest gefahrene Beziehungsgeflecht auf. Er spricht oft von den Erkenntnissen seines
Großvaters – allerdings auf eine Weise, die den Zuhörern das Geheimnisvolle an der
Physik näher bringen will.
Zitator 2:
Das Universum ist keine eingleisige Veranstaltung, sondern ein permanentes
pflanzenhaftes Herumwuchern und Weiterverästeln von Möglichkeiten und
Parallelrealitäten. Vielleicht hausen in einem anderen Universum hier an dieser Stelle,
an der ich stehe, immer noch keulenschwingende Germanen – ist das nicht Wahnsinn?
Man nennt das Viele-Welten-Theorie, und die ist unter den Physikern wirklich der letzte
Schrei, sage ich Ihnen. Wir müssen total umdenken. (4)
Sprecherin:
Zentrum dieser Parallelwelten und Verdichtung von Möglichkeiten ist Balthasar
Schrödingers Schlafzimmer. Oliver Schwarz, der den Magier partout nicht leiden kann,
weil er allen Frauen und auch Do den Kopf verdreht, dringt eines Nachts sturzbetrunken
in dieses Schlafzimmer ein. Was er dort mit den Erscheinungen weiblicher
Persönlichkeiten wie der biblischen Salome und der berühmten Spionin Mata Hari
erlebt, wird sein Weltbild gehörig durcheinander bringen.
Seine Frau Do wiederum betritt zusammen mit Balthasar Schrödinger dessen
Schlafzimmer. Sie möchte sich diesem Zauberer hingeben, doch er gibt ihr einen Korb.
Was allerdings wirklich im Schlafzimmer passiert oder nicht passiert oder sich in einem
Parallel-Schlafzimmer doch ereignet - das bleibt das Geheimnis von Balthasar
Schrödinger. Ulrich Woelk lässt Do und Oliver Schwarz Dinge und Sachverhalte
getrennt voneinander, aber zeitgleich in Parallelwelten erleben. Dass dieses Paar dann
doch wieder zueinander findet, ist das Verdienst des Zauberers Balthasar Schrödinger.
Und der Leser weiß am Schluss des Romans: Liebe ist wie ein „Quantensprung“ –
niemand weiß, wohin sie genau springen wird, wenn ihr mehrere Möglichkeiten offen
stehen.
Regie: Leise Musik, darüber:
Sprecherin:
Wohin immer man auch schaut, ob in den Himmel, den Makrokosmos oder in den
Mikrokosmos mit seinen „Quantensprüngen“: überall herrscht Unordnung, vieles bleibt
ein Geheimnis. Zwar sehnen wir uns – ob Physiker oder Normalmensch – im
alltäglichen Leben wie in der Liebe nach Ordnung und Überschaubarkeit. Doch beides
hat selten Bestand. So kann man die Physik und die Rolle des Physikers von heute als
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Gleichnis für unsere eigene höchst komplizierte Lebenswelt sehen. Ulrich Woelk ist mit
solchen Überlegungen durchaus einverstanden.
O-Ton 14 (Woelk):
Ja, das wäre schön, wenn man das so lesen würde. Dass man einfach sieht, dass auch
das Spiel mit physikalischen, komplizierten Gegebenheiten und Überlegungen dennoch
sehr lustvoll sein kann und durchaus – in gewissen Grenzen vielleicht – als Metapher
und Bild auch für unsere alltägliche Wirklichkeit, auch für die Liebesunordnung der
heutigen Zeit durchaus taugt.
Sprecherin:
Der Physiker ist auch im 21. Jahrhundert eine reizvolle literarische Figur. In den
Romanen von Ulrich Woelk und Ulrike Draesner erscheint er zugleich als
geheimnisvolle Ausnahmenatur und als Alltagsmensch mit Vorlieben, Sehnsüchten und
Nöten. Zudem vermitteln die Schriftsteller uns Lesern physikalische Erkenntnisse, die
plötzlich nicht mehr nur abstrakt, fremd oder gar gefährlich erscheinen. Dafür braucht es
Wissen und literarisches Geschick. In einem Vortrag über „Literatur und Physik“
formulierte Ulrich Woelk es einmal so:
Regie: Leise Musik, darüber:
Zitator 2:
Albert Einstein hat einmal gesagt: „Raffiniert ist er, der Herrgott“, und wenn ich den
Autor auch nicht in den Rang eines Weltenschöpfers erheben will, möchte ich doch
meinen Vortrag mit einer letzten Analogie abschließen: Raffiniert muss er sein, der
Autor! (5)
*****
Zitatnachweise / Literaturliste:
(1) Ulrike Draesner: „Vorliebe“, Luchterhand Verlag, 2010
(2) Friedrich Dürrenmatt „Die Physiker“, Diogenes Verlag, 1998
(3) Robert Musil: Tagebücher und Anmerkungen, Bd. 2. Rowohlt, 1976
(4) Ulrich Woelk: „Schrödingers Schlafzimmer“, Dtv, 2006
(5) Ulrich Woelk: „Literatur und Physik“, in: Akademie der Wissenschaften und der
Literatur Mainz, Jahrgang 1994, Franz Steiner Verlag