Rede der Genossin Dr. Jana Pinka

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Funke, sehr geehrte Einwohnerinnen und Einwohner von
Dittersbach und Neuhausen und aus den Kreisen Mittelsachsen und dem Erzgebirgskreis, liebe
Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer der OS Rechenberg-Bienenmühle,
hier in Dittersbach erinnern wir heute an die Opfer des Holocaust, 72 Jahre nach der Befreiung des
Vernichtungslagers Auschwitz, wo die Nazis zwischen 1940 und 1945 mehr als eine Million Menschen
ermordeten.
Als 1996 dieser 27. Januar als Gedenktag für die Opfer des NS-Regimes ins Leben gerufen wurde,
proklamierte der damalige Bundespräsident Roman Herzog: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie
muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form
des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken,
dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“
An jedem Jahrestag der Auschwitz-Befreiung gibt es aber immer weniger Überlebende, die ihre
Erfahrungen weitergeben können. Daher sind solche Treffen zwischen Jung und Alt so wie heute sehr
wichtig, damit auch nach der „Generation der Opfer“ die Erinnerungskultur weitergetragen wird. Das
hoffe ich auch mit der heutigen Gedenkveranstaltung sehr, damit die Erinnerung lebendig gehalten
wird und sich Auschwitz nicht wiederholt.
Woran erinnern wir uns, wenn wir uns an Auschwitz erinnern? An einen Teil unserer Geschichte, und
das in einer Zeit, in der Gewalt, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit wieder zunehmen, in der
rechtsradikale und rechtspopulistische Gedanken salonfähig zu werden scheinen in einer nach
Weltoffenheit strebenden Region. Wir erinnern uns an dieses Kapitel der deutschen Geschichte in
einem Moment, da der Streit um die Erinnerungskultur populistisch aufgeladen und für politische
Zwecke instrumentalisiert wird.
Herr Kluge sprach es gerade an, welch furchtbare Nazi-Vokabeln AfD-Mitglieder in Bezug auf die
Erinnerungskultur an die Opfer des Nationalsozialismus hier im Erzgebirge in öffentlichen
Veranstaltungen benutzen. Diese menschenverachtende Sprache des dritten Reiches muss meiner
Meinung nach dringend wieder im Deutschunterricht in einer Unterrichtsstunde analysiert werden.
Gerne unterstütze ich hierbei die Lehrerinnen und Lehrer.
Die Erinnerung an eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte macht unsere Gesellschaft
nicht klein, wie von Rechtsextremen und Rechtspopulisten behauptet. Das Gegenteil ist richtig: Dass
wir uns unserer Geschichte gestellt, dass wir aus der Vergangenheit gelernt haben, war die
Voraussetzung dafür, dass Deutschland weltweit respektiert wird. Und das gilt für jeden Ort, der sich
der Gesamtheit seiner Geschichte stellt.
Meine Heimatstadt Freiberg besuchten beispielsweise im Oktober des vergangenen Jahres drei
Überlebende, die 1945 in Freiberg und Mauthausen geboren wurden, es war ein unvergessliches
Erlebnis, weil sich Geschichte und Gegenwart unmittelbar und biografisch konkret berührten. Von
Mensch zu Mensch.
Solche eine persönliche Erfahrung und einen bewegenden, unvergesslichen Tag erlebte ich auch im
Mai beim Besuch der zentralen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem im Westen Jerusalems in Israel.
Unter den sechs Millionen Juden, die im Holocaust ermordet wurden, waren etwa eineinhalb
Millionen Kinder. 600.000 sind namentlich bekannt. In der eigens für die Kinder gebauten „Halle der
Namen“ werden diese laut verlesen und wenn man durch das verspiegelte, mit Kerzen beleuchtete
Haus geht, entkommt man diesen Kindernamen nicht. Diese Kinder mussten sterben, weil sie als
Juden geboren wurden.
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Die Zahl der jüdischen Kinder, die überlebten, wird auf wenige Tausend geschätzt. Der Holocaust
setzte ihrer Kindheit ein jähes Ende. Oft mussten sie ihren Eltern im täglichen, verzweifelten Kampf
ums Überleben Stütze und Hoffnung geben. Gleichzeitig blieben sie Kinder. Wann immer sie Kind
sein konnten, spielten und lachten sie und verliehen ihren Ängsten und Hoffnungen kreativen
Ausdruck.
Heute Abend wird im Freiberger Theater eine Ausstellung „Kein Kinderspiel – Kinder im Holocaust:
Kreativität und Spiel“ der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem eröffnet. Diese Ausstellung erzählt
die Geschichte ihres Überlebens – dem Bemühen dieser Kinder am Leben zu bleiben. Sie beschreibt
in beeindruckenden Momentaufnahmen Versuche, an ihrer Kindheit und Jugend festzuhalten, indem
sie sich selber eine andere Realität schafften, als diejenige, die sie umgab.
Was ich mir wünschen würde, dass sich viele der hier anwesenden Jugendlichen diese Ausstellung
anschauen, gerne auch heute Abend 17:30 Uhr zur Eröffnung kommen. Sie ist bis zum 15. Februar
geöffnet, melden Sie sich einfach beim Theater, dann wird Ihnen sicher auch außerhalb der
Theateraufführungen geöffnet werden.
Ich schließe mich dem Wunsch von Herrn Kluge an: Lassen Sie uns unsere Kräfte vereinigen, diesem
Vermächtnis der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus gerecht zu werden.
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