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DIEZEIT
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12. Januar 2017 No 3
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Ruhe, bitte!
Jeder Dritte hat
Probleme mit
dem Schlafen.
Woran liegt das?
Und was kann
man dagegen tun?
ZEITmagazin
Titelfoto [M]: Jeannot Olivet/Getty Images
Der Staat rüstet auf
Was ist geplant? Was
ist zu viel? Außerdem:
Thomas de Maizière
über seinen Kampf
gegen den Terror
Politik, Seiten 2 und 3
INFLATION
TRUMP UND HOLLYWOOD
Verkaufte Sparer
Ende der Lovestory
Die Preise steigen, die Zinsen sind niedrig wie nie. Wann kümmert
sich die Politik um das Geld der Bürger? VON UWE JEAN HEUSER
D
er deutsche Sparer steckt in der
Falle: Die Inflation ist im De‑
zember sprunghaft angestiegen,
während die Zinsen weiterhin
nahe null liegen. Eines ist da
fast gewiss: Die Kaufkraft auf
dem Sparbuch oder dem Cash-Konto wird im
Frühjahr schmelzen wie der Schnee, der gerade
fällt. Und alternative Anlagen sind riskant oder
renditefrei, manchmal sogar beides.
Irgendwann musste es für die Deutschen so
kommen. Die Inflation ist höher als in Frank‑
reich und Italien, weil die Konjunktur bei uns
besser läuft. Und die Rendite auf der Bank ist
niedriger. Was klingt wie eine Perversion des
Leistungsgedankens, ist im Währungsverbund
des Euro nur folgerichtig: Die Zentralbank
drückt den Leitzins zwar für alle und über‑
schwemmt die Mitgliedsländer gleichermaßen
mit Geld, aber in Deutschland sind die Ausfall‑
risiken für Kredite von Wirtschaft und Staat be‑
sonders niedrig – weshalb vom Zins hier beson‑
ders wenig übrig bleibt.
Jetzt erhalten die Sparer die Rechnung für die
Euro-Krise. So weit, so erwartbar. Was aber ver‑
wundern sollte: Die deutsche Politik lässt sie da‑
mit allein, tut so, als ginge sie das alles nichts an.
Europas Zentralbank schlägt die
Warnungen aus Deutschland in den Wind
Die Geldpolitik ist das geworden, was sie nie sein
wollte: hochpolitisch. Offiziell strebt die Euro‑
päische Zentralbank nur an, dass Europa eine
moderate Inflation von knapp zwei Prozent be‑
kommt. In den internen Debatten geht es indes um
politische Gefahren. Kippt Italien? Wählen die
Franzosen Le Pen? Was droht durch Trump? Oft
hat man den Eindruck, die Zentralbanker um
Mario Draghi wollten nicht nur Geldhüter sein,
sondern fühlten sich als Bewahrer Europas. Nur so
ist zu erklären, dass sie entgegen deutschen War‑
nungen entschieden haben, mindestens noch 2017
monatlich für viele Milliarden Euro Anleihen zu
kaufen – oder deutlicher gesagt: noch mehr Geld
zu drucken als bisher schon.
Die Inflation kehrt auch so zurück. Ende ver‑
gangenen Jahres war es vor allem der Preis für
Öl, der für einen kräftigen Preisschub sorgte.
Doch die Geldentwertung trifft ebenso Men‑
schen, die kein Auto fahren und nicht mit Öl
heizen. So haben die Rohstoffpreise insgesamt
ihr Tief überwunden, der teure Dollar treibt die
Preise für Importe aus Übersee, und gerade in
Deutschland steigen die Löhne, weil oft eher die
Arbeitnehmer rar sind als die Arbeitsplätze. Des‑
halb sagten führende Ökonomen schon im
Herbst voraus, dass die deutschen Preise 2017
um 1,5 Prozent steigen würden. Jetzt gibt es
noch höhere Prognosen, auch in Europa soll die
Inflation anziehen.
So politisch die Zentralbank also handelt, so
wenig interessiert sich die Politik für die Folgen
dieses Handelns. Das gilt für Krisenländer, die
all die gekaufte Zeit kaum nutzen, um sich zu
erneuern. Es gilt aber auch für Deutschland, wo
den Sparern die Optionen ausgehen. Kauft­
Aktien!, hören sie von überallher. Natürlich
sollten sie auf Dauer auch mit Aktien sparen.
Aber sollen sie ausgerechnet jetzt auf einmal
einsteigen, da die Kurse fast doppelt so hoch
sind wie vor fünf Jahren? Auch Wohnungen
sind teuer geworden. Und es gibt zwar staat­
liche Anleihen, deren Zinsen mit der Inflation
mitwachsen. Nur sind sie so gefragt, dass ihre
Rendite meist negativ ist.
Natürlich gibt es kein Menschenrecht auf
Zinsen. Aber darf man nicht wenigstens erwar‑
ten, dass sich die Politik kümmert, wenn viele
Bürger verunsichert sind? Zumal heute, da die
neuen Nationalisten versuchen, die Mittel‑
schicht für sich zu gewinnen.
Schon mehrfach hat Deutschland seine spa‑
renden Bürger enttäuscht, hat sie in die Volks‑
aktie Telekom getrieben, die sich kurze Zeit
später als Flop erwies. Hat sie zur privaten Alters‑
vorsorge angehalten, aber überteuerte RiesterVerträge zugelassen und dann so lange an dieser
Rente herumgedoktert, bis alle verunsichert­
waren. Jetzt sollte die Politik es besser machen
und zeigen: Wir nehmen eure Sorgen ernst.
Die etablierten Parteien könnten dafür sor‑
gen, dass die Deutschen mehr über Finanzen
lernen. Sie könnten wie in Schweden einen gut
geführten öffentlichen Vorsorgefonds auflegen,
in den Bürger gegen geringe Gebühren investie‑
ren. Auf jeden Fall sollten sie den Sparern neue
Wege zeigen, ohne wie früher die Finanzlobby
mit zu bedienen. Die liberale Demokratie muss
dabei helfen, die Verwerfungen des Kapitalismus
abzufedern. Gerade jetzt wäre es an der Zeit,
doch es geschieht – nichts.
www.zeit.de/audio
Filmstars und US-Präsidenten waren einander oft eng verbunden.
Jetzt gibt es Schmierentheater im Weißen Haus VON KATJA NICODEMUS
E
s ist ein großer Moment. Eine der
berühmtesten Schauspielerinnen
der Welt nutzt die Bühne für ein
Anliegen. Als Meryl Streep bei der
Verleihung der Golden Globes
einen Preis für ihr Lebenswerk ent‑
gegennimmt, ruft sie, sichtlich erschüttert, einen
anderen Auftritt in Erinnerung: Donald Trump,
wie er im Wahlkampf einen körperbehinderten
Journalisten imitiert und damit lächerlich ge‑
macht hat. Schockiert beschreibt Streep diesen
zynischen Akt eines Mächtigen, der jedem nun‑
mehr den Freibrief erteile, andere zu demütigen.
Und im Saal wirkt noch ein zweiter, heftiger
Schock nach: Trotz seines überwältigenden En‑
gagements war es dem traditionell linksliberalen
Hollywood-Milieu nicht gelungen, diesen Trump
als Präsidenten zu verhindern.
Kein Star hatte sich für Trumps Kampagne
zur Verfügung gestellt. Zu Hillary Clintons Un‑
terstützern hingegen zählten George Clooney,
Julianne Moore, Robert De Niro, Leonardo Di‑
Caprio, Dustin Hoffman, Sean Penn, Lady
Gaga, Ben Affleck, Harvey Weinstein, Lena
Dunham – und sie alle haben mit ihr verloren.
»Wer sind wir?«, hatte Streep zu Beginn ihrer
Rede in den Raum gefragt und damit auf die
unterschiedlichen sozialen, nationalen und kul‑
turellen Hintergründe der nominierten Künst‑
ler und Filme angespielt. »Wer sind wir?«, wird
sich das Hollywood-Milieu aber auch weiter
fragen, fassungslos angesichts seiner ins Leere
gelaufenen Anstrengung.
Schauspielerei ist Empathie, also das
Gegenteil herabsetzenden Nachäffens
Der Einsatz mag ehrenwert sein. Aber könnte es
nicht sein, dass sich jahrelang zwei Milieus allzu
selbstverständlich im gegenseitigen Schein­werfer­
licht gesonnt haben: Schon immer hofierten USPräsidenten und Filmstars einander. In den letz‑
ten Jahren wurde das Verhältnis zwischen Holly‑
wood und Weißem Haus aber zur regelrechten
Lovestory. Fasziniert vom jungen Gouverneur
von Arkansas, schmiedeten Stars und Starprodu‑
zenten wie Steven Spielberg und Jeffrey Katzen‑
berg einen popkulturellen Pakt mit Bill Clinton.
Es war ein symbolischer und finanzieller Pakt
zwischen Hollywood und Washington, den
Welthauptstädten der Illusion. Und Hollywood
wurde zur Cash-Maschine für demokratische
Breitscheidplatz:
Wo bleibt die Trauer?
Über den Täter von
Berlin wissen wir
alles, über die Opfer
fast nichts. Warum?
Feuilleton, Seite 41
PROMINENT IGNORIERT
Präsidenten. Eine Art Seilschaft entstand. Etwa
zwischen den Clintons und dem ProduzentenMilliardär David Geffen, der 18 Millionen­
Dollar Wahlkampfspenden aufgetrieben hat.
Oder zwischen Barack Obama und George
Clooney. Ein einziges Event des Schauspielers
brachte zwölf Millionen Dollar ein, eine der
größten politischen Einzelspendenaktionen der
US-Geschichte.
Offensiv und spielerisch benutzte Obama das
Weiße Haus als Plattform für kulturelle Events,
Konzerte, Kinopremieren, etwa von Steven Spiel‑
bergs Film Lincoln. Schauspieler sprachen mit
dem Präsidenten bei exklusiven Treffen über
ihre privaten politischen Anliegen: die Rettung
der Blauwale (Pierce Brosnan), die globale Er‑
wärmung (Leonardo DiCaprio), die Krise in
Darfur (George Clooney). Kann man Holly‑
wood verübeln, dass man es sich dort nicht vor‑
stellen konnte, die Bühne des Weißen Hauses
vom missliebigen Trump bespielt zu sehen?
Womöglich war der Golden-Globe-Auftritt
von Meryl Streep deshalb so eindrucksvoll, weil
die Schauspielerin die Grenzen nicht verwischte.
Weil sie gerade nicht mit politischen Botschaften
an die Zuschauer trat und doch eine hochpoli­
tische Rede hielt. Und weil sie Trump nicht
direkt attackierte, ja nicht einmal seinen Namen
nannte, ihn dadurch aber umso härter traf. Man
kann sich nur wünschen, dass die Präzision ihres
Auftritts Maßstäbe setzt, auch für die Oscar­
verleihung am 26. Februar. Meryl Streep blieb
nämlich bei ihrem Leisten: der Schauspielerei,
dem Handwerk der Repräsentation. Es bestehe
darin, sagte sie, sich in Menschen hineinzuver‑
setzen, die anders seien als man selbst. Schau‑
spielerei sei ein Akt der Empathie, also das Ge‑
genteil des herabsetzenden Nachäffens. Eben­
deshalb – und das brauchte Streep nicht einmal
zu sagen – ist Trumps Persönlichkeit ungeeignet
für ein Amt, das für die Repräsentation eines
ganzen Landes steht. Und das seinem Inhaber ein
Mindestmaß an schauspielerischer Empathie ab‑
verlangt, auch mit seinen schwächsten, feind­
seligsten oder unsympathischsten Bürgern.
Postwendend beschimpfte Donald Trump
danach per Twitter Meryl Streep als eine der
»am meisten überschätzten Schauspielerinnen«
Hollywoods. Das zeigt jedenfalls, dass sie ihn
erkannt und erwischt hat.
www.zeit.de/audio
Treu wie Plastik
Spaziergänger haben am Ostsee‑
strand in Hohwacht einen Jo‑
ghurtbecher mit einer vierstelligen
Postleitzahl gefunden, was be­
deutet, dass der Becher mindestens
23 Jahre lang übers Meer geschau‑
kelt ist. Bis Kunststoff sich zersetzt
hat, können 450 Jahre vergehen.
»Eisen, Stein und Marmor bricht, /
nur meine Liebe, die bricht nicht«,
lautet der alte Poesie­
albums­
vers.
Stärker wäre: »Ich bin dir treu wie
ein Joghurtbecher.«
GRN
Kleine Fotos (v. o.): Mika Knezevic/Stocksy [M];
BILD Leser-Reporter [M]
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