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SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Glauben
NUR NOCH KURZ DIE WELT RETTEN
PRIVATE ENTWICKLUNGSHILFE ALS SINNSUCHE
VON MARION BARZEN
SENDUNG 11.09.2016 / 12.05 UHR
Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft
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Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten
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Musik: Tim Benzko – Muss nur noch kurz die Welt retten.
Man will nicht die Welt retten, muss es auch gar nicht, man muss nur einem
Kind eine Schulbildung ermöglichen. Und das erzeugt dann eine
Zufriedenheit, die eigentlich schon ganz viel wert ist. Was diese private
Entwicklungshilfe uns ganz deutlich zeigt ist, dass Privatleute sich
verantwortlich fühlen können für Leute, die ganz anders sind als sie. Man will
so eine Art Solidarität, ganz ohne bestimmten Grund, ohne
Verwandtschaftsbeziehungen. Das ist ein Modell, wo man sagen könnte,
wenn sich jetzt alle so verantwortlich fühlen für alle anderen, das wär‘
vielleicht ne positive Sache.
Meike Fechter sagt das, Kulturwissenschaftlerin an der englischen Universität
Sussex in Brighton. Sie forscht zur Entwicklungshilfe, zum Unterschied zwischen
großen Organisationen und kleinen Hilfsgruppen, den privaten
Entwicklungshelfern.
Vier solcher Entwicklungshelfer aus der Nähe von Trier sind nach Kenia
gereist. Ins Dorf Mwembe Tsungu, nahe der Hafenstadt Mombasa. Sie tun das
für den Hamburger Verein „Your kids“. Ihr Plan ist es, für die Schulkinder im
Dorf einen neuen Klassenraum zu bauen. Einer der vier, Rainer Adam, war
schon mehrfach in Mwembe Tsungu. Der 50-jährige Zimmermann mit eigener
Firma, unverheiratet – kinderlos, ist vor 2 Jahren Mitglied bei Your Kids
geworden.
Die Idee, mich für Entwicklungshilfe zu engagieren, ist begründet ist der
Tatsache, dass ich über die notwendige Zeit verfüge, und ich dachte, ich
könnte mit dieser Zeit ja auch was Sinnvolles anfangen. Ich bin dann durch
Zufall auf dieses Projekt Your Kids gestossen und das war genau das, was ich
mir vorgestellt hatte, und ich bin auch sehr zufrieden. Ja, weil der Aufenthalt
hier hat viele angenehme Seiten, die durchaus Urlaubscharakter haben, und
auch die Arbeit im Dorf macht mir Spaß. Der Umgang mit den Menschen im
Dorf ist schön und das ist einfach nur ein gutes Gefühl.
Drei seiner Freunde, die beiden Allgemeinmediziner Arno Bauschert und
Nicole Eltges, und den Dachdecker Christoph Lay, hat er mit diesem guten
Gefühl angesteckt.
Atmo: Jambo/Dorfatmosphäre
Gerade sind die vier im Dorf angekommen.
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Atmo: Aufschließen/Hineingehen/Gespräch
Der Schulleiter [Name?] hat sie durch die Klassenräume geführt, ihnen die
Schulbänke gezeigt, in die groß die Namen der Spender eingraviert sind.
Muss nur noch kurz die Welt retten.
Und dann beginnt die Entwicklungshilfe in Afrika mit einer Enttäuschung.
Nicole Eltges findet die Bank mit ihrem Namen darauf – falsch geschrieben.
That’s me. That’s wrong: Dr. Nicole Entgegen ha ha
Da stehen die vier – nach 20 Stunden Flug, einer Nacht ohne Schlaf, und mit
Koffern voller T-Shirts, Kugelschreibern, Heften und medizinischen
Kleininstrumenten. In einem Klassenraum im Dorf Mwembe Tsungu.
Afrikanische Musik
Das Dorf liegt mitten im südostkenianischen Regenwald mit üppigen
Mangobäumen, himmelhohen Kokospalmen, kleinen Lichtungen. Darin
verstreut stehen Lehmhütten. Nahe der Schule ist eine Art Dorfplatz erkennbar
mit einer einfachen Kirche und einem winzigen Kiosk - aber überall liegt auch
Müll herum. Auch die Klassenräume wirken auf den ersten Blick ungepflegt,
der Boden ist staubbedeckt, Papier und Plastik liegen herum, die Bänke
schmutzig und achtlos ineinandergeschoben. Bänke - mit Spenden-Geld
gezimmert. Das hat Christoph Lay, Dachdeckermeister mit eigener Firma,
gerade nicht erwartet.
Also, wenn ich z.B. jetzt meine Firma vorstellen wollte und der Bürgermeister
hätte sich angemeldet, dann hätte ich mal durch gekehrt oder hätte
oberflächlich für Ordnung gesorgt. Man sagte uns, hier sind Ferien, deshalb
sehen die Klassen so aus. Ich hab‘ dann gesagt, dann hätte man an dem
letzten Klassentag sagen könne, so jetzt machen wir eine Stunde Reinezeit.
Deshalb lasst uns doch erst mal die Gebäude, auch wenn jetzt neue
Gebäude geplant sind, lasst uns die alten in Ordnung bringen, auch dass die
Bänke pfleglich behandelt werden und dass dann jeder darauf achtet.
Unter den rund 1.500 Einwohnern von Mwembe Tsungu hat sich verbreitet,
dass die Deutschen da sind. Vor der Schule sammeln sich die Lehrer, das
Schulkomitee, Neugierige aus dem Dorf und die Kinder. Die sind auf viel
höheren Besuch als auf einen Bürgermeister eingestellt. Jetzt präsentieren sie
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stolz, was sie sonst nur beim Hissen der kenianischen Flagge zeigen – exklusiv
für die Deutschen:
Atmo: Kinder singen…. Neue Atmo Hotel Porzellan/Gläserklirren zu hören
Am Abend im Hotel: erste Lagebesprechung mit 3 anderen, früher
angereisten Mitgliedern des Hilfsvereins Your Kids.
Beim Treffen am Abend ist Hannah ……., Kenianerin, mit dabei. Hannah, 32,
Friseurin und alleinerziehende Mutter einer Tochter, ist für die privaten
Entwicklungshelfer die Verbindung zum Land, zum Dorf, zu den Leuten hier –
meist auch als Übersetzerin – viele im Dorf sprechen nur Kisuaheli. Vor zwei
Jahren hat Hannah die Deutschen kennengelernt.
Ich habe sie getroffen, als ich noch am Strand arbeitete. Ich hatte ein
Geschäft am Strand, da hab ich sie kennengelernt. Sie haben mir erzählt,
dass sie hier ein Hilfsprojekt machen, hier in Kenia und das war das Projekt im
Dorf Mwembe Tsungu. Dort war ich zum ersten Mal mit den Deutschen. Ich
war total überrascht. Ich dachte, oh Gott, wir leben in einer komplett anderen
Welt. Ich war so überrascht und gleichzeitig traurig. Weil wir in demselben
Land leben, aber es ist schwer zu glauben, dass die Leute dort in so
schlechten Verhältnissen leben.
Hannah wird in den nächsten Tagen immer dabei sein, wird die Gruppe
privater Entwicklungshelfer aus Trier durch das Gassengewirr der
Händlerbasare in der nahe gelegenen Stadt Mtwapa führen, einen Termin mit
einem Gutachterbüro für Brunnenbau organisieren und zusammen mit Rainer
Adam beim Baustoffhändler das Material für den Schulbau kaufen.
Geld wird dafür gebraucht, kenianisches Geld. Den besten Kurs, das weiß
Rainer Adam noch von seinem Besuch im letzten Jahr, bieten nicht die
Banken, sondern die örtlichen Wechselstuben. Die erste Station am nächsten
Morgen:
Atmo Verhandlung über den Wechselkurs, Geldscheine rattern durch
Zählmaschine
Atmo Straßenlärm/Baustoffhandel
Der Deal mit dem Baustoff-Händler läuft weniger glatt. Die Preise sind höher
als erwartet. Aber der neue Klassenraum muss gebaut werden und zwar
innerhalb der nächsten 8 Tage, so lange sind die deutschen Helfer hier.
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Zimmermann Adam weiß nach 10 Minuten zähem Feilschen, dass er
zustimmen sollte:
Ich glaube wir sind am Ende der Fahnenstange. Also er hat mir erklärt, wieso
auf Grund der Weltwirtschaftslage gerade in Kenia der Zement teurer wird. Der
Preis wäre am steigen. Weil ich natürlich einen günstigeren Preis haben
wollte, war die Begründung, dass insbesondere heute ein guter Tag wäre, zu
kaufen. An und für sich bekommen wir hier alles, was wir brauchen, vom
Nagel über die Farbe, Zement, Ballaststoffe, Kies, Schotter, alles, was wir
brauchen. Wir wollen mindestens heute schon so viel kaufen, dass die
Arbeiten heute, spätestens morgen beginnen können.
Atmo: Autofahrt, Musik Dispensary, Auskippen, Kramen in Mitgebrachtem
Währenddessen sind Nicole Eltges und Arno Bauschert, die beiden Hausärzte,
in eigener Mission unterwegs. Bauschert ist zum zweiten Mal hier. In der Nähe
des Dorfes hatte er im letzten Jahr eine Gesundheitsstation entdeckt. Gut
geführt, aber fast ohne Ausstattung. Jetzt sitzen auf einer Wiese neben dem
schmalen Flachbau des Zentrums Ärzte, Schwestern, Gesundheitsmitarbeiter
auf weißen Plastikstühlen im Kreis um einen Palmteppich. Eltges und Bauschert
kippen zwei große Reisetaschen darauf aus:
Bauschert erklärt:
This is a specular, you can sterilize it? Wir haben also im Prinzip die Sachen
dabei, von denen ich denke oder dachte, ne Grundausstattung einer Praxis
sollte diese Sachen haben. Z.B. Blutzuckermessgeräte, Urinteststreifen, sterile
Instrumente, Verbände in allen Formen und Varianten, Untersuchungshilfen,
viele gynäkologische Instrumente, weil hier Geburten durchgeführt werden
und auch gynäkologische Untersuchungen, bzw. Einsetzen von Spiralen und
und und, und da es hier an allem mangelt, haben wir so eine gewisse
Grundausstattung mitgebracht. Zudem Antibiotika, Schmerzmittel , Sachen für
den akuten Bedarf.
Und einen Laptop, denn auch ein Computer fehlt in der Gesundheitsstation.
Die Instrumente haben sie in Krankenhäuser zuhause gesammelt, den Laptop
neu gekauft. Kurzer Austausch mit den Kollegen auf den weissen
Plastikstühlen, die Köchin der Gesundheitsstation serviert Gemüsereis und
dann geht es weiter ins Dorf.
Atmo – Kleinbusfahrt, Jambo-Rufe, Kinder - Dorfatmo
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Da werden jetzt die mitgebrachten Kleidungsstücke verteilt. Das sind vier
große Koller voller T-Shirts, Hosen, Röcke. Neue und gebrauchte Kleider, die sie
von Freunden und Bekannten, und auch vom örtlichen Sportverein
bekommen haben.
Atmo: Kinder rufen/balgen sich/Jambo
Fotoshooting für die Unterstützer zuhause, als Werbung für den eigenen
Verein: zu sehen sind glänzende Kindergesichter mit strahlend weißen Zähnen,
lauter schwarze Menschen, und wenige Weiße, die verteilen. Im Hintergrund
hängt das Banner des Hilfsvereins.
Das machen alle so, egal ob Hungerhilfe oder Rotes Kreuz mit tausenden
Mitgliedern oder Your Kids mit gerade mal 14.
Shea (Nachname) steht bei der Aktion mit dabei: schwarz, schlank,
freundliches, klares Gesicht, beobachtet. Shea lebt in Mwembe Tsungu und
ist der wichtigste Mann für die privaten Entwicklungshelfer. Im Dorf ist er
angesehen, ein Bauer mit solider Viehzucht:
Ich habe Kühe, Ziegen, ich habe Hühner, Gänse und außerdem bin ich der
Vorsitzende des Schulkomitees. Mein Job ist es, zu schauen, dass alles läuft.
Hilfsprojekte, staatliche oder von Spendern, organisiere ich. Ich halte den
Kontakt zu der Your-Kids-Gruppe. Und dann sind in unserem Dorf einige
Familien, die von deutschen Spendern unterstützt werden, und ich
kommuniziere zwischen diesen beiden Parteien.
An Menschen wie Shea und Hannah zeigt sich einer der Unterschiede
zwischen großen Hilfsorganisationen und einem Verein wie Your Kids. Die
katholische Organisation Caritas International, z.B., mit Sitz in Freiburg, ist so ein
großer Payer in der internationalen Entwicklungshilfe. Bis zu 100 Millionen Euro
im Jahr fließen aus dem Breisgau in Entwicklungshilfeprojekte - werden dort
aber nicht von Menschen wie Shea oder Hannah verwaltet:
Wir haben schon ein Netz von Mitarbeitern vor Ort, ganz überwiegend
Einheimische, die dann als Berater tätig werden, aber nur unterstützend.
Grundsätzlich arbeiten wir von Organisation zu Organisation. Das müssen wir
ja auch, um diesen Umfang, den wir ja auch haben, gewährleisten zu
können.
Sagt Volker Gerdesmeier, Referatsleiter Afrika bei Caritas International. Der
Umfang bei Caritas International ist enorm: 700 Projekte in 80 Ländern.
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Schwerpunkt: Akuthilfe bei Kriegen und Naturkatastrophen. Also Essen, ein
Dach überm Kopf, medizinische Versorgung in erster Linie. Ohne eine ganze
Organisation als Partner auf der anderen Seite gehe das nicht, sagt
Gerdesmeier. Das seien oft die örtliche Caritas, aber auch andere, auch
nichtchristliche Organisationen des jeweiligen Landes. Und – anders als
Privathelfer – steht Caritas International wie alle Großen fast immer in engem
Kontakt mit der Regierung des Empfängerlandes. Das mache auch Sinn:
Egal wo wir sind, wenn wir eigene Bürostrukturen aufbauen, wie z.B. in Haiti
sendet uns einige Leute für ein paar Jahre zur Unterstützung. Da haben wir ein
eigenes Büro aufgebaut und eine staatliche Registrierung beantragt.
Ansonsten, das hängt von Land zu Land ab. Es gibt Staaten, die sich jedes
Projekt zur Bewilligung vorlegen lassen und in anderen Staaten ist ne größere
Freiheit. Aber z.B. wenn wir Brunnen bauen, versuchen wir ja für die Jahre
vorzusorgen, wo wir nicht mehr weiter fördern, versuchen uns mit staatlichen
Diensten zusammen zu bringen, damit auch die Projekte weiterlaufen. Also
ganz konkret. Z.B. in Äthiopien versucht man, dass die Behörden ihre
Pumpenmechaniker in unsere Projekte schicken, damit die Pumpen gewartet
werden und die Brunnen möglichst lange laufen können.
Das kann Projekte stabilisieren, für längere Zeit sichern, eine Garantie fürs
Gelingen ist die Zusammenarbeit mit Staaten aber nicht, sagt
Kulturwissenschaftlerin Meike Fechter. Fechter hat gerade ein
Forschungsprojekt in Kambodscha zum Vergleich von großen
Hilfsorganisationen und Privathelfern abgeschlossen. Private Helfer seien
häufig skeptisch gegenüber offiziellen Stellen, aber nicht nur ihnen
gegenüber:
Also oft erkennen sie, dass der Kontakt zu Staaten oder großen
Hilfsorganisationen den Fortschritt ihres Projektes eigentlich eher
verlangsamen würde. Deswegen ist es für diese Privathelfer eigentlich am
besten, dass man persönliche Kontakte benutzt. Einige sagen, dass sie ganz
bewusst unter dem Radar, wie das heißt, bleiben, damit der Staat nicht
eingreifen kann. Der Vorteil davon, dass man staatlich nicht kontrolliert ist, ist
die Flexibilität, ne große Wirkungsmacht. Also man muss nicht warten, bis ein
Modell abgesegnet wird von einer höheren Instanz. Man kann es einfach
ausprobieren, und wenn es nicht funktioniert, dann ändert man es halt.
Ein anderer Aspekt ist für die Kulturwissenschaftlerin aber fast
bedeutungsvoller – die Augenhöhe. Bei den kleinen, privaten Organisationen
stehe nicht der ausländische Geldgeber über dem einheimischen
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Mitarbeiter, es stünden sich eher Gleichberechtigte gegenüber. Das sei
demokratischer:
Die großen NGOs wollen immer Partnerschaft, schreiben sich das auf die
Fahnen. Aber oft ist das auch nur ein Lippenbekenntnis. Und der Unterschied
zu den Privathelfern ist, dass Partnerschaft nicht nur eine Option ist, was man
freiwillig macht, weil es sich gut anhört, und weil es irgendwie gutherzig ist,
sondern Partnerschaft hat so eine ganz praktische Notwendigkeit in dem die
privaten ausländischen Entwicklungshelfer ihre lokalen Counterparts
brauchen, um das Dickicht von Bürokratie und Sitten oder lokalem Wissen
einfach gut managen zu können.
Sowieso hat die Forscherin in sogenannten Entwicklungsländern ein
gewachsenes Selbstbewusstsein festgestellt. Einzelne Menschen dort suchen
ganz gezielt nach ausländischer Hilfe, aber nicht beim Staat oder bei den
großen Hilfsorganisationen.
Viele sind sich klar darüber, dass ein Ausländer ihnen zu Ressourcen verhelfen
kann. Nicht nur Geld, sondern auch Netzwerke, Freiwilligenarbeit. Das
bedeutet z.B., dass Leute als Touristenführer gearbeitet haben, und so
Partnerschaften entstanden sind, weil sie Ausländern davon erzählt haben,
was sie vorhaben, was ihr Dorf braucht und so gemeinsame Projekte
entstanden sind, die auch lange gedauert haben.
Nach Angaben des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche
Entwicklung und Zusammenarbeiten gibt es mehrere tausend private
Hilfsorganisationen. Viele sind in Ländern aktiv, die Urlaubsländer sind. Auch
der Verein Your Kids, für den die vier Rheinland-Pfälzer reisen, kam so
zustande. Bei einem Urlaub der Your-Kids-Gründerin, der Hamburgerin
Yvonne Kollenda, in Kenia. Nur vier Jahre später stehen in dem Dorf, in das sie
ein Touristenführer brachte, 8 neu gebaute Klassenräume. Die meisten
errichtet mit Spenden von Your kids.
Atmo Autofahren durch Pfützen
Am vorletzten Tag der Reise besuchen die Vier noch einmal ihr Dorf. In der
Nacht zuvor hat es geregnet. Die Straßengräben sind zu Seen geworden. In
dem schlammigen, braunen Wasser waten Kinder, segeln Enten, stehen
Ziegen.
Atmo: Bus drückt sich aufheulend durch tiefe Pfützen
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Von der Asphaltstraße geht es hinein in den Wald. Mühsam kämpft sich der
Kleinbus der Helfer durch knietiefe Schlammlöcher, schaukelt über den
aufgeweichten Buschweg.
Atmo Bauen/Mauern
Im Dorf Mwembe Tsungu sind die Bauarbeiter fleißig, rühren Mörtel, setzen
Stein auf Stein. Vom neuen, 9. Klassenraum stehen schon einige
Außenwände. Ein paar Wochen, dann wird der erste Unterricht hier
stattfinden. Ein Großteil der Spenden, gut 4.000 Euro, die die Helfer von der
Mosel dabei hatten, ist aufgebraucht, der Rest kommt auf das extra
eingerichtete kenianische Konto. Hannah wird es verwalten.
Atmo
Jetzt ducken sich die vier Helfer in einer fensterlosen Lehmhütte, weil zwei aus
der Gruppe spontan eine Zusatzhilfe entschieden haben. Sie wollen nach
dem Vorbild einer anderen Deutschen eine Familie im Dorf mit einem
monatlichen Betrag besonders unterstützen. Das wäre bei dem festgelegten
Projekt einer großen Organisation nicht möglich.
Nicole Eltges freut sich:
Die Idee finde ich besonders schön, gerade weil man hier vor Ort ist und die
Möglichkeit hat diese Familie kennenzulernen. Und im nächsten Jahr sehen zu
können, wie ein Fortschritt auch passiert. Also die Familie besteht aus einer
Frau, 42 Jahre, mit 4 Kindern zwischen 3 und 13 Jahren, der Mann ist an HIV
verstorben, die Mutter ist HIV-positiv und auf Grund der mangelnden
medizinischen Versorgung steht die Zukunft auch da in den Sternen.
Die Mutter bewegt sich langsam, wirkt eingetrübt. Die Kinder stehen scheu
hinter ihr. Shea, der Verbindungsmann der deutschen Helfer, hat die Familie,
eine der ärmsten im Ort, ausgesucht. Er erhält auch den Auftrag 5 lebende
Hühner – für jedes Familienmitglied eines – zu liefern.
Und dann kommt die letzte Aktion, der Kauf eines Kühlschrankes für die
Gesundheitsstation. Den hatten sich die Ärzte dort ganz dringend gewünscht.
Atmo Kauf
Doch es ist gar nicht so einfach, das richtige Modell zu finden.
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Das hier ist ja eine richtige Gefrierkombination/also dafür, dass sie jetzt gar
keinen haben, kann man vielleicht tatsächlich so was nehmen/ich denke
Kapazität spielt schon eine Rolle/wenn wir für ein bisschen mehr Geld einen
deutlich größeren bekämen…
Und es ist auch nicht einfach, aus der Entwicklungshelferrolle auf normalen
Einkaufsmodus umzuschalten.
Make us a good prize. It’s for a good project. It’s for the dispensary in
Mwembe Tsungo. We give it to them. Make us a good prize.
Das ist ein Supermarkt, sagt der Verkäufer irritiert und zeigt auf das Preisschild
an den Kühlschränken. Rainer Adam klärt die Situation:
Another question is could you deliver the fridge to the dispensary?
Als der Kühlschrank einen Tag später an der Gesundheitsstation abgeladen
wird, sitzen Rainer Adam, Arno Bauschert, Christoph Lay und Nicole Eltges in
der Wartehalle des Moi International Airport Mombasa. Eine gute Woche
waren sie unterwegs zwischen Hotel und Dorf, haben organisiert und
verhandelt, den Bau eines Klassenraumes gestartet, eine Familie ins
Hilfsprogramm aufgenommen und das Spendengeld zu 100 Prozent
weitergegeben. Bei Caritas International - einer sparsamen großen
Hilfsorganisation - gehen nach Abzug aller Kosten noch gut 80 Prozent in die
Projekte.
Also 100 Prozent Hilfe – Aber war es auch eine gute Hilfe?
Große Organisationen lassen ihre Projekte von Prüfern bewerten – Stichwort:
Evaluation. Die Kulturwissenschaftlerin Meike Fechter hält das aber nicht
unbedingt für ein Gütesiegel:
Die Projekte, die von großen Organisationen geleitet werden, die geben halt
oft nur Rechenschaft nach oben ab, also an die Geldgeber, aber nicht nach
unten an die Dörfer und die Gemeinden, mit denen sie arbeiten. Und man
kann sagen, bei den Privathelfern ist es so, wenn die Gemeinden, mit denen
sie arbeiten, die Hilfe nicht gut finden, dann nehmen sie sie nicht in Anspruch,
dann kommen die nicht. Ja das ist keine Evaluation im strickten Sinne, aber
schon eine Art Kundenantwort.
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In der Wartehalle des Flughafens Mombasa zieht Nicole Eltges Bilanz von ihrer
Reise ins Dorf Mwembe Tsungu in Kenia, die mit einer Enttäuschung begonnen
hatte:
Dieses Entsetzen, diese Enttäuschung ist weg – ganz weg. Ich bin froh, ich bin
sehr froh, dass ich hier sein konnte und bin guter Dinge, dass mit dem
wenigen, dass wir tun können, die Menschen eine Chance erhalten, die in
diesem Dorf leben.
Hat ihr Leben dadurch einen neuen Sinn bekommen?
Keinen neuen Sinn, vielleicht einen anderen Sinn, wobei meine ganz primäre
Intention war keine Sinnsuche, sondern Neugierde, wie viel man mit dem was
man an Wissen hat in so ein Land bringen kann und wie viel man in solchen
Ländern noch an Hilfe leisten kann.
Kulturwissenschaftlerin Fechter hat es Kundenantwort genannt. Die Reaktion
der Empfänger auf Entwicklungshilfe, die zeigt, ob die Hilfe gelungen ist oder
vergebens war.
Musik: Muss nur noch kurz die Welt retten, noch 148 mails checken:
Per Mail kommt die Kundenantwort aus Kenia wenige Wochen später –
ploppt in Arno Bauscherts Account auf:
Ein Arzt der Gesundheitsstation teilt mit, dass eine Patientin mittels
medizinischer Geräte von der Mosel gerettet wurde.
We thank God for giving us such a good friend with big heart like you for
helping less fortunate people. May the almighty Father give you a long live.
Pass my greetings to everyone and let them know that we love them. Karibu
Kenya again and again.
Und noch eine Mail kommt - ein Foto, geschickt von Shea (Nachname),
Verbindungsmann in Kenia, darauf eine Frau mit ihren 4 Mädchen, alle
lächelnd und jede mit einem Huhn im Arm.
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