Kaspar Karagöz Pulicinell

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Kaspar Karagöz Pulicinell’
Multikulturelles Intermediärobjekt in der Persönlichkeitsentwicklung
verhaltensauffälliger Migrantenkinder
Milan rennt mit ruckartigen Bewegungen zuckend
die Treppe hinauf und hinunter. Wird er dazu angehalten, in einen Reif zu sitzen, knallt er diesen lärmend zu Boden und kreischt dazu. Amir hat sich
inzwischen auf den Bauch gelegt
und trommelt mit beiden Fäusten auf
den Boden, während Dorissa die Lehrerin nachäfft und das Gelächter auf
sich zieht. Dann taucht der Kaspar auf,
mit einem Leintuch wird eine Bühne
improvisiert. Sofort verstehen alle
Kinder, worum es sich handelt, und
beteiligen sich aufmerksam an diesem
Spiel.
«Hast Du keine Verwandten, Gasparko? Nein (weinerlich), gar keine Verwandten (schluchzt erbärmlich),
alle tot und gestorben (heult), alle! Ausser meiner
Frau, den Kindern und Neffen, Nichten, Tanten und
Onkeln, der Grossmutter und dem Grossvater und all
den Cousins und Cousinen … sonst sind alle gestorben und tot.» (Anderles Marionettentheater)
Der Anthropologe Joel Sherzer, der sich mit Clownähnlichen Charakteren in epischen Dramen befasst
hat, bezeichnet diese als soziolinguistische Trickster.
In Sherzers Forschungen wird der indonesische
Dalang beschrieben, der Sanskrit benutzt, altes Javanesisch, sogar Holländisch, Französisch, Englisch und
Japanisch. Die Schattentheaterpuppen des türkischen
Die schlaue Person Kaspar entstand aus Karagöz-Theater sprechen mit dem Akzent des Ottodem Volksschauspiel als slawischer Narr manischen Reiches, also Albanisch, Armenisch, GrieGasparko, im türkisch-islamischen
chisch, Kurdisch, Persisch, Arabisch, Zigeuner Dialekt
Raum und in der semitischen Welt als
und Jiddisch. Die brasilianischen Mamulengo-Puppen
Karagöz. Im deutschen Sprachgebiet ist
reden den portugiesischen Akzent des Nordostens, der
er im 17. Jahrhundert als Meister HämGrossstädte San Paulo und Rio de Janeiro. Traditiomerlein bekannt, in Italien als Pulcinella nelle belgische Puppen reden den lokalen Dialekt
und im britischen Puppentheater in
Walloon ebenso gut wie diverse französische Dialekte.
Punch and Judy. Bis in die dreissiger
In Papa Manteos-Puppentheater in New York City
Jahre vorbildhaft und humorvoll eingespricht der Pupi sizilianische, italienische und englisetzt, muss er im Dritten Reich als politi- sche Dialekte, zwischen denen er hin und her wechselt:
scher Erzieher herhalten – wo er auch
als jüdischer Widerstandskämpfer mit
«Mio caro Ricardo. Como sono felice. You’re in Love
seinem Meister Felix Fechenbach aufwith me and I’m in Love with you! Please, please o o
taucht. Sein Mythos als Schelm ist auch
allontanati! Don’t stay near me! Don’t touch me,
bei Urvölkern, den alten Griechen, den
please! I hate you! Oh, I will never forget him! Non
Chinesen und Japanern bekannt. Wie
dimentichero mai il paladino Rolando!»
wir sehen werden, ist Kaspar ein
Sprachgenie. Eingebettet in ein Ritual,
Vom hiesigen Kasperle-Theater kennen wir die absurlässt sich sein multikulturelles Talent
den Kapriolen: eine Sprache gespickt mit Wortspielen,
sofort erkennen.
befreit von rationalen Regeln, wie das unbekümmerte
Schwerpunkt
aus ergebe sich eine strukturelle Distanz zum Dargestellten, welche erlaube, uns besser mit ihm identifizieren zu können. Für Rothschild ist die Ritualisierung
der Narrenfunktion von zentraler Bedeutung.
Viele Völker kennen solche Riten in recht unterschiedlichen Varianten. So erlaubt es eine jüdische Tradition
dem «Badchen» (einem ausgewählten Spässetreiber)
an Hochzeiten Stimmung zu machen. Dabei kann er
mit oft schwarzem Humor zur Belustigung der Teilnehmenden den Anlass in ein Begräbnis verwandeln.
Ein nordamerikanischer Indianerbrauch erlaubt
ausgewählten Clowns immer genau das Gegenteil von
dem zu machen, was eigentlich erwartet wird. Dazu
zählen auch obszöne Gesten, welche Tabubrüchen
gleichkommen.
Sprechen der Kinder. Die Fehlleistungen in der Sprache pendeln von ernsthaften Reflexionen über Wortdeutungen bis hin zu lustigen Verwandlungen – nicht
selten haben die daraus entstehenden Reime eine
tiefere Bedeutung. Weil der Kaspar von seinen kleinen
Zuhörern und Zuhörerinnen korrigiert wird, bekommen diese Raum für Reflexion und Lernschritte. Ein
Beispiel aus dem englischen Sprachraum:
– Now tell me everybody, what do you call these?
– Sausages!
– Ah yes. But I have to call them swasages, you know
why?
– Why?
– Because I can’t say sausages.
– You just said it.
– No, I said Sawages, I can’t say Sausages.
Einbindung aggressiv-alberner Kinder
in das Narrensetting
Wir erkennen den Kaspar schon im Begriff «Klassenkaspar», den die auffälligen Kinder übernehmen
müssen. Auch wenn das Rollenmodell nervt, so geht es
darum, dieses als kreative Leistung anzuerkennen
und zu versuchen, es in ein Setting einzubinden. Erst
wenn wir verstehen, dass der Antrieb zu aggressivalbernem, auffälligem Verhalten Unsicherheit und
Angst vor dem Versagen ist, können wir Abhilfe schaffen. Die Eigenschaft des Narren ist nach Ansicht des
Psychoanalytikers Berthold Rothschild eigentlich nur
dann evident, wenn dieser sich aus einer gewissen
metaphorischen Distanz darstellt (Der Narr, S.121).
Der Narr nehme den «Als-Ob-Charakter» ein und
spiele uns ein «Als-ob-Ereignis» vor, und zwar im
rituell eingebetteten Rahmen (Theater, CD, TV). Dar-
Rituale wie diese finden sich in veränderter Form in
der Pädagogik. In ihrer Kartei zur Behandlung von
ADS-Kindern schlägt die Kinderneurologin und
Rhythmikerin Renate Klöppel das Spiel von «Herrn
Gegenteil» vor, als hätte sie es direkt den Ritualen
tribaler Völker abgeschaut und adaptiert. Die Kinder
einer störungsanfälligen Klasse werden in dieser
Lektion dazu angehalten, immer genau das Gegenteil
der gestellten Aufgabe zu machen.
Schlachtfeld Klassenzimmer
Das schier chancenlose Ringen im Gruppensetting
oder im Klassenzimmer, welches vielerorts zum
Schlachtfeld geworden ist, schreit nach hartem Durchgreifen. Um auffällige Kinder zu disziplinieren,
scheint dieses autoritäre Vorgehen das einzige und
letzte Mittel zu sein. Um der Abnutzung festgefahrener
Muster entgegenzuwirken, begann ich das Rollen- und
Theaterspiel, das Psychodrama einzusetzen. Der
Kaspar erlaubt mir im lebensfrohen Spiel, trotz starrer
Rollen und Kränkungen auf beiden Seiten, mich in den
empathischen, bauernschlauen Kerl zu verwandeln.
Durch ihn werde ich zur Non-Sense-Poetin, bin dabei
gerechtigkeitsliebend und niemals zynisch. Die autoritäre Rolle erfährt einen Bruch. Ich kann die Kinder mit
Witz, Ironie und einem Schalk erreichen, den ich mir
auch im interdisziplinären Team (Eltern, Schulpsychologen, andere Therapeuten und Therapeutinnen)
niemals leisten könnte.
Leiter von Psychodramagruppen, die sich an Schulen
mit Agressionsbewältigung und Mobbing auseinandersetzen, beklagen, dass sie die Erwachsenen kaum
zum Spiel anleiten können. Selten greifen Lehrerinnen
oder Leiter von pädagogischen Angeboten spielend ein,
sondern reiben sich auf mit verbal festgefahrenen
Mustern wie «Spielt doch wieder mal was Sinnvolles»!
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Schweizer Kinder es als hochnäsig empfinden und
ausgrenzen. Es hat für Schweizer Verhältnisse einfach
zu gut deutsch gelernt!
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Frühmann sagt, dass oft schon in den Kindergärten
das unmittelbare Lernen überlagert und umgeformt
wird durch Hochdeutsch, durch jene Sprache also, die
uns bessere Orientierung in der weiteren Entwicklung
verschaffen soll. Und dies nicht mit wohlwollender
Konnotation, sondern diskriminierend: «Sprich
anständig, sag’s auf deutsch!»
Einem Objekt wie dem Kaspar müsste nur Leben
eingehaucht werden, die Kinder würden die
Geschichte aufnehmen und alleine weitertreiben.
Deutsche Sprache
Wie die Kinder mit ADS /ADHS-Diagnosen erfahren
auch alberne, auffällige Kinder Ablehnung und selten
Lob – bei Migrantenkindern kommt der übertragene
Leidensdruck der Eltern hinzu. Sie sind frustriert über
ihre mangelnden Sprachkompetenzen, müssen aber
trotzdem Zuhause die Übersetzer spielen. Am Anfang
der «Verliererlaufbahn» vieler Migrantenkinder
stehen erwiesenermassen Beschämungen und Ausgrenzungen, gekennzeichnet durch häufige Korrekturen von den Autoritätspersonen. Kinder verstummen
aber, wenn sie zu viel korrigiert werden. Gepaart mit
Schulversagen und Loyalitätskonflikten kann dies zu
ernsthaften Depressionen führen.
Renate Frühmann (in: Poesie und Therapie) führt
Erickson an, der beschreibt, wie Beschämung, kritische Bemerkungen und Demütigungen den Menschen
zum Aussenseiter seiner selbst machen. Sie sieht den
Auftrag der Therapeutin darin, die Fremdheit der
Person mit sich selbst und zur Welt zu korrigieren und
aufzuheben. Eine solche Möglichkeit bietet sich im
Theaterspiel. Die meisten fremdsprachigen Kinder
gehen meiner Erfahrung nach gern auf ein Rollenangebot ein, auch wenn sie die Sprache nicht verstehen.
Doch die Realität ist oft anders: Neben dem Unvermögen vieler Erwachsener, selbst wieder spielen zu
können, besteht auch die einseitige Forderung, die
Integration nur vom Beherrschen der deutschen Sprache abhängig zu machen. Dies ist zu rational und wird
vermehrt staatlich verordnet und belohnt. In der
Wirklichkeit aber, das geht oft vergessen, herrschen
andere Regeln. So hat beispielsweise ein Kind aus
Südindien einige Jahre in Deutschland verbracht und
dabei die deutsche Sprache so perfekt erlernt, dass die
Integration herbeizwingen zu wollen, indem Lehrerinnen schon im Kindergarten Hochdeutsch mit den
Kindern sprechen, ist wenig erfolgversprechend. Die
Lehrpersonen wehren sich noch vielerorts dagegen,
obwohl es im Pflichtenheft steht. Offenbar soll es
autoritär wirken, wenn der Dialekt mitten in einem
Satz aufgegeben wird. Umgekehrt kommt Gemütlichkeit auf, wenn wieder auf den Dialekt zurückgegriffen
wird. Dies bestätigt Frühmanns Aussage, dass das
Hochdeutsche nicht als vertraute Sprache daherkommt, auch für uns Schweizer und Schweizerinnen
nicht.
Kaspars verbales Herumscherzen funktioniert auch
hier in beiden Sprachen, sowohl auf Züritüütsch als
auch auf Hochdeutsch. Und manchmal wechselt er
spielerisch hin und her. Die Kinder rufen Kaspar
korrigierende Wörter und Sätze im PausenplatzJargon zu – zu diesem ist übrigens in englischsprachigen Grossstädten wie New York City schon lange das
pure Spanisch als Majoritätssprache geworden.
Zeichnend schreiben
Die Zeichnungen der Kinder ganz unterschiedlicher
Herkunft – Portraits von Karagöz Pulicinella – erzählen kleine Geschichten, die in diesem Beitrag nicht
weiter ausgeführt werden sollen. Sie geben uns weder
feste Befunde auf ADHS noch auf albernes oder auffälliges Verhalten. Aber gemeinsam mit dem Kind eröffnen sie verschiedene Sichtweisen und Wege zu neuen
Lösungen. Manchmal verschwindet das Problem schon
beim Zeichnen selbst. Es sind Mitteilungen in einer
gefühlsnahen Sprache – kleine Tagebücher –, leicht
verständlich und trotzdem auch mysteriös. Die Kinder
werden sich zeichnend ihrer Umwelt bewusst: Durch
Perspektiven, die bedeutsam sind, durch den Prozess
der Selbsterfahrung, psychomotorisch durch Farben
und Linien. Sie lernen Transferleistungen (Skript,
Rhythmik und Musik, Skizzen, Kaspartheater) zu
machen. Wir schmunzeln, staunen, erschrecken,
lachen und freuen uns als Leser und Leserinnen, als
Zuhörer oder Zuschauerinnen. Wenn im Anschluss an
das Zeichnen ein Kind fragt: «Geben Sie mein Bild dem
Kaspar?», zeigt dies die hohe Popularität des Kaspars,
Schwerpunkt
live und unplugged, cool und unverändert aktuell.
Provokativ albernes Verhalten, in ein
Rollenspiel (Setting) und Objektspiel
eingebunden, entspricht der adäquaten
Befriedigung und dem Annerkennungsbedürfnis aller Kinder. Sie erhalten Lob
in einer Rolle, welche sie von der Sprache her nicht überfordert. In vielen
Spielsequenzen werden sprachliche und
migrationsspezifische Leiden verarbeitet.
Kontakt:
Marianne Feder
Kunst- und Musiktherapeutin GPK
Balgriststrasse 21
8008 Zürich
Wichtige Nebenrollen
Telefon 044 382 16 83
[email protected]
Kaspars besonderes Merkmal: er treibt
Nebenrollen voran, welche die Störenfriede viel bedeutsamer erscheinen
lassen. Anders lässt sich nicht erklären,
weshalb sich Milan und Amir lieber
anderen Charakteren als dem des
Kaspars zuwenden. In der Gruppenbehandlung haben die beiden angefangen,
durch neue Rollen Vertrauen aufzubauen. Sie spielen zur Zeit die Wächter
eines Schlosses, das vom bösen Räuber
überfallen wird. Aus dem Kaspartheater haben sich neue Rollen entwickelt.
Amir spielt den Wachhund. Die beiden
haben Verantwortung übernommen, sie
müssen die Mädchen (Prinzessinnen)
beschützen. Der Kaspar fliegt wie eine
bedeutungslose Requisite durch die Luft
– manchmal gerade dann, wenn der
Hausabwart und der Verwalter vor der
Tür stehen. Ihnen könnte erklärt werden, dass die Kunsttherapeutin Edith
Kramer die Kunst mit Kindern als
zwingend schlampig und von der Improvisation lebend bezeichnet hat. Oder es
liesse sich in die dadaistische «Kasparrolle» des Fred Schneckenbauers kriechen und ausrufen:
«... Seid ihr alle da?
Ai, ai, ai, zuviel der Ehr’
Das ist die ganze Prominenz.
Die Frau Professor,
der Herr Direktor,
der Assessor und die Frau Direktor
und alles was sonst mit Tor bezeichnet
wird am End!»
(Hiermit verabschiedet sich die AuTorin)
Quellen
Bilder:
Migrantenkinder aus Brasilien, Portugal, Italien, Albanien, Kroatien und der
Türkei haben 2006 in einem Industriequartier einer Einschulungsklasse des
Kantons Zürich den Kaspar gezeichnet.
Literatur:
– Feder, M.: Walking Cure, Ethnopsychoanalyse, Verständnis und Wirkung in der Übersetzung fremdsprachiger Lieder
– Feder, M.: Journal Psychoanalytisches Seminar PSZ 40/Dez. 2002
– Kultursensibilisierung und Interkulturelle Kompetenzen in der Arbeit mit
alternden Migranten in der Psychiatrie, Fachzeitschrift Ergotherapie
6/05
– Frühmann, R.: Metareflexionen zur
Überwindung durch poetisches
Sagen, In: Poesie und Therapie,
Paderborn, Jungfernmann Hrsg.
Petzold Orth, 1985
– Klöppel, R. / Vliex, S.: Helfen durch
Rhythmik, Gustav Bosse Verlag, 2004
– Rothschild, B.: Narr und Gesellschaft,
Abschied vom Narren? Der Narr,
Studia Ethnographica Friburgensia
17, 1991
– Sherzer, D. und J. (Hrsg.): Humor and
Comedy in Puppetry, Bowling Green,
Popular Press, Ohio 43403, 1987
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