Bizarre Freundschaft - Die Beziehung zwischen

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Das Feature
Bizarre Freundschaft
Die Beziehung zwischen zwei Präsidenten in Kroatien und Serbien
Autor: Zoran Solomun
Redaktion: Birgit Morgenrath
Produktion: DLF 2016
Erstsendung: 13. September, 19.15 Uhr
Besetzungsbüro
Regie: Wolfgang Rindfleisch
Technik I
Technik II
Sprecher Autor
Faktensprecher
Übersetzer
Übersetzer
Matthias Haase
Philipp Schepmann
Jochen Kolenda
Hendrik Stickan
Urheberrechtlicher Hinweis
Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt
und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein
privaten Zwecken genutzt werden.
Die Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige
Nutzung, die über den in §§ 44a bis 63a Urheberrechtsgesetz
geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig.
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O-Ton Stjepan Mesić:
Übersetzer:
Alle wichtigen Gespräche wurden unter vier Augen geführt. Während des Krieges waren
sie ununterbrochen in Kontakt. Tudjman hat nie ein böses Wort über Milošević verloren,
ebenso wenig wie Milošević über Tudjman.
O-Ton Miloš Vasić:
Übersetzer:
Sie waren keine Kriegsfeinde. Sie waren Verbündete. Ich sehe die beiden als Komplizen in
einem gemeinsamen verbrecherischen Unterfangen. Sie waren wie zwei Betrüger beim
Kartenspiel. Sie beobachten einander, versuchen den anderen zu durchschauen – ich hab
ein Ass im Ärmel und du hast eins, mal schauen, wer seins als Erster zieht!
Ansage:
Bizarre Freundschaft
Die Beziehung zwischen zwei Präsidenten in Kroatien und Serbien
Ein Feature von Zoran Solomun
Autor
Am 13. Dezember 1999 wird der erste Präsident des unabhängigen Kroatiens, Dr. Franjo
Tudjman, in Zagreb beerdigt. Eine Militärkolonne kutschiert seinen Sarg, eingewickelt in
die kroatische Flagge im Schritttempo durch die Stadt. Dazu erklingt die kroatische
Nationalhymne. Mehr als 100.000 Zagreber haben sich auf den Straßen versammelt.
Direkt am Eingang des „Mirogoj“ Friedhofs findet der gefeierte Politiker seine letzte
Ruhestätte – an der sichtbarsten Stelle.
Sein Gegenspieler, der ehemalige Präsident Serbiens, Slobodan Milošević, wird sieben
Jahre später in seiner Heimatstadt Pozarevac beerdigt, im Hof seines Familiensitzes.
20.000 Menschen haben sich dort versammelt. Drei Tage zuvor war Miloševićs Leiche von
Den Haag nach Belgrad überführt worden. Der internationale Strafgerichtshof für das
ehemalige Jugoslawien hatte ihm den Prozess gemacht. Er war in seiner Zelle tot
aufgefunden worden. Miloševićs Beerdigung findet ohne staatliche Zeremonien statt, nicht
einmal seine Familie ist anwesend. Seine Frau und seine Kinder haben sich bereits nach
Russland davongemacht – in Serbien werden sie per Haftbefehl gesucht, wegen diverser
krimineller Aktivitäten und Korruption.
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Autor:
Der Kroate Franjo Tudjman und der Serbe Slobodan Milošević – der eine wurde als der
Vater der Nation beerdigt, der andere eher wie ein Gauner.
Sprecher:
Anfang der Neunziger Jahre stehen Tudjman und Milošević an der Spitze zweier Armeen
und zweier Völker, die sich bekriegen – und trotzdem sind die zwei Präsidenten auf „Du“
und „Du“, nennen sich „Slobo“ und „Franjo“ und sind auffallend herzlich zueinander. Vor
und während des Krieges treffen sich Tudjman und Milošević 48 Mal, sie stehen über eine
direkte Telefonleitung in Kontakt und schicken sich gegenseitig heimlich Abgesandte.
Autor:
Kosta Nikolić, Historiker aus Belgrad und Mittarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte:
O-Ton Kosta Nikolić:
Übersetzer:
Das Verhältnis zwischen Milošević und Tudjman war nicht eindimensional. Das bringt die
Historiker durcheinander. Nicht alles ist schwarz-weiß. Sie waren gleichzeitig Freunde und
Feinde, Verbündete und Gegner. Bei autoritären Führern findet man immer diese
Wertschätzung, sie respektieren einander, wie man bei uns sagt: Man erfreut sich an
Seinesgleichen.
Autor:
Josip Manolić, Anfang der Neunziger Jahre Ministerpräsident Kroatiens sieht das ähnlich:
O-Ton Josip Manolić:
Übersetzer:
Präsident Tudjman hat Milošević vertraut. Genauso hat Milošević Tudjman vertraut: Was
wir untereinander abmachen, das wird gehalten. Und das hat die beiden näher gebracht,
bis zum Ende.
Autor:
Josip Manolić war Anfang der 90er-Jahre einer der engsten Mitarbeiter Franjo Tudjmans.
Er hat sich später von ihm getrennt und eine eigene Partei gegründet. Im seinem langen
Leben – er ist 96 Jahre alt – hat Manolić häufig die Seite gewechselt. Aber stets stand er
den Geheimdiensten nahe.
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Sprecher:
Der kroatische Präsident Franjo Tudjman war fast zwanzig Jahre älter als Slobodan
Milosevic. Tudjman, geboren 1922, entstammte einer Bauernfamilie, studierte in Zagreb,
fand schnell einen Draht zur kommunistischen Partei und ging kurz nach der Okkupation
Jugoslawiens durch Deutschland und Italien 1941 zu Titos Partisanen.
Autor:
Die Partisanen bekämpfen den kroatischen Marionettenstaat des Deutschen Reiches und
des faschistischen Italiens und deren Vasallen: die extrem nationalistischen und
faschistischen Ustaschas.
Sprecher:
Diese streben ein „ethnisch sauberes“ Kroatien an und ermorden im Verlauf des Zweiten
Weltkriegs 300.000 Serben, 30.000 Juden und 30.000 Roma.
Autor:
In der von den Kommunisten geführten Widerstandsbewegung spielt Franjo Tudjman eine
wichtige Rolle, erzählt sein enger Wegbegleiter und späterer Geheimdienstler Manolić.
O-Ton Josip Manolić:
Übersetzer:
Tudjman ist im Partisanenkrieg gereift und das im für die jugoslawischen Partisanen
schlimmsten Gebiet, im kroatischen Zagorje. Dort hatten es die Partisanen besonders
schwer.
Sprecher:
Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, im Jahre 1946, werden Tudjmans Vater
und Stiefmutter in ihrem Haus tot aufgefunden. Die Polizei stellt fest, dass es sich um
einen doppelten Selbstmord handelt. In den 40er und 50er Jahren ist Franjo Tudjman
zunächst Offizier bei der Jugoslawischen Volksarmee. Doch während seines
Geschichtsstudiums in den 60er Jahren kam Tudjman zu der Erkenntnis, Tito habe
historische Wahrheiten verfälscht, um Kroatien niederzuhalten. Er gründet das „Institut für
die Geschichte der kroatischen Arbeiterbewegung“ in Zagreb. In dieser Zeit wechselt
Tudjman die Seite – aus einem Vorzeige-Kommunisten wird ein kroatischer Nationalist und
Dissident. Er nähert sich immer weiter den nationalistischen Kreisen in Kroatien an und
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wird deshalb aus der kommunistischen Partei sowie aus seinem eigenen Institut
ausgeschlossen. Die Kommunisten ließen ihn wegen konterrevolutionärer Umtriebe und
staatsfeindlicher Propaganda zu einer Haftstrafe verurteilen.
Sprecher:
Ende der Achtziger Jahre kommt es zu politischen Veränderungen in Jugoslawien, das
Mehrparteiensystem wird eingeführt. Franjo Tudjman gründet eine Partei mit dem Namen
„Kroatische Demokratische Union“, kurz HDZ. Mitbegründer der Partei sind außerdem der
alte Geheimdienstler Josip Manolić sowie der Rechtsanwalt Stjepan „Stipe“ Mesić.
Organisatorische und finanzielle Unterstützung erfährt die Partei von kroatischen
Auswanderern aus Westeuropa, den USA und Lateinamerika. Unter ihnen gibt es viele
nationalistische Extremisten und Sympathisanten der faschistischen Ustascha. Bei den
ersten freien Wahlen 1990 erlangt Tudjmans Partei die absolute Mehrheit, Franjo Tudjman
wird erster Präsidenten der Republik Kroatien.
Autor:
Nun beginnt Tudjman, Tito nachzuahmen: Er liebt große Zeremonien und in der
Öffentlichkeit zeigt er sich am liebsten in Generalsuniform. Stjepan Kljujić, Anfang der
neunziger Jahre politischer Anführer der Kroatischen Minderheit in Bosnien:
O-Ton Stjepan Kljujić:
Übersetzer:
Tudjman war unglaublich arrogant, das ist schwer zu beschreiben. Bei ihm herrschte
militärische Disziplin. Und dann diese Glorifizierung! Da kommt so ein Schleimer
dahergeschlichen aus Herzegowina und sagt: „Seit dem mittelalterlichen König Tomislav
hatten die Kroaten keine Größe wie dich!“ Das geht bei ihm runter wie Butter.
Autor:
Miloš Vasić, Journalist aus Belgrad, hat sich viel und sehr oft mit Milosevic und Tudjman
beschäftigt.
O-Ton Miloš Vasić:
Übersetzer:
Milošević dagegen war jünger, er war ein grauer Apparatschik wie in der Breschnew-Ära,
ein Mann, wie aus dem Sumpf gekrochen, ein unsichtbarer Bankier, und es wäre ihm
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besser ergangen, er wäre Bankier geblieben.
Sprecher:
Slobodan Milošević wurde 1941 in der Kleinstadt Požarevac geboren. Sein Vater war
serbisch-orthodoxer Priester und seine Mutter radikale Kommunistin. Die Ehe hielt nicht
lange. Miloševićs Vater verließ die Familie, seine Mutter blieb in Požarevac und zog ihre
beiden Söhne groß. Ebenso wie Tudjmans Vater und Stiefmutter begehen auch Miloševićs
Eltern beide Selbstmord. Sein Vater bringt sich 1962 um, seine Mutter ein Jahrzehnt
später, 1973. Als Kind ist Slobodan einsam und zurückgezogen, jedoch immer adrett,
höflich und ein fleißiger Schüler. Er studiert Jura in Belgrad und engagiert sich in der
kommunistischen Partei. Wenige Jahre später wird er zum Direktor der mächtigen BeoBank gewählt. Es folgt eine steile Karriere. 1986 wird Milošević Chef der Kommunisten
Serbiens.
Autor:
24. April 1987: Milošević fährt in die südserbische Provinz Kosovo. Dort soll er den
verfeindeten Serben und Albanern als Vermittler dienen. Milošević trifft sich mit serbischen
Vertretern im Kulturzentrum von Kosovo Polje. Vor dem Gebäude haben sich 15.000
Serben versammelt. Polizisten – von denen der Großteil albanischer Herkunft ist –
versuchen die Massen zu verscheuchen, holen Schlagstöcke hervor und verteilen
mehrere Schläge. Die Spannung wächst von Minute zu Minute. Milošević wird zur Hilfe
geholt, er soll die Situation beruhigen. Als er aus der Tür tritt, ist er bleich im Gesicht. Die
serbischen Demonstranten sammeln sich um ihn. Da stammelt er völlig verängstigt den
berühmten Satz: „Keiner darf euch schlagen!“ Starker Applaus brandete auf, die
Demonstranten rufen seinen Namen. Das ist der Beginn eines Paktes zwischen den
Serben und ihrem neuen Anführer.
Sprecher:
Als Milošević nach Belgrad zurückkehrt, scheint er – nach den Zeugenaussagen seiner
Mitarbeiter – wie verändert. Aus einem grauen, unsichtbaren Parteifunktionär ist ein
nationaler Held geworden.
Autor:
Im Sommer 1989 fährt Milošević wieder in den Kosovo. Die Serben feiern den 600.
Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld. Eine halbe Million Menschen haben sich
6
versammelt.
O-Ton Slobodan Milošević:
Übersetzer:
Genossen und Genossinnen!
Hier im Herzen Serbiens, auf dem Amselfeld, hat vor sechs Jahrhunderten eine der
größten Schlachten der damaligen Zeit stattgefunden.
Autor:
Ende des 14. Jahrhunderts standen sich Kriegsheere des Osmanischen Reiches und
Heere des serbischen Königreiches gegenüber. Der Legende nach haben die Serben die
Schlacht unter großen Verlusten verloren, weil sie uneinig waren und Verräter in ihren
Reihen hatten.
Übersetzer:
Feststeht, dass uns Serben vor sechshundert Jahren in Kosovo die Uneinigkeit plagte. Wir
haben die Schlacht verloren nicht nur aufgrund der besseren Ausrüstung des
Osmanischen Reiches, sondern aufgrund der tragischen Zwietracht an der Spitze der
serbischen Nation. Uneinigkeit und Verrat haben das serbische Volk seine gesamte
Geschichte hindurch verfolgt wie ein Verhängnis. Wie der Zufall es will, findet dieser große
Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld gerade jetzt statt, wo Serbien nach vielen
Jahren, nach vielen Jahrzehnten, seine staatliche, seine nationale und geistige Integrität
wiedererlangt hat.
Autor:
Die Nation war geteilt, das Volk war gedemütigt und litt. Und dann kam ich und habe euch
versöhnt und euch eure Würde zurückgegeben. Das ist die Botschaft dieser Rede.
Sprecher:
Einige Monate später hält Franjo Tudjman im Zentrum von Zagreb eine Rede vor
versammelter Masse.
O–Ton Franjo Tudjman:
Übersetzer:
Liebe Zagreber! Liebe Gäste Zagrebs, der Hauptstadt aller Kroaten!
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Wir kommen aus Gornji Grad, aus der antiken Stadt Grich, die im Mittelalter im Krieg stand
mit der benachbarten Stadt Kaptol. Es brauchte Jahrhunderte, bis dieser Streit zwischen
Kroaten geschlichtet wurde. Wir aber haben in nur ein paar Jahren die Versöhnung und
die geistige Einheit der kroatischen Nation erlangen können. Genug von der unrühmlichen
und mühsamen Geschichte, wir wollen die Einheit des kroatischen Volkes! Keine Teilung
mehr! Wir haben die Einheit aller kroatischen Gesellschaftsschichten und aller kroatischen
Generationen erreicht. Wir haben das niedergeschlagene und verletzte nationale
Bewusstsein geheilt!
Autor:
Zum Zeitpunkt dieser Reden sind Milošević und Tudjman Präsidenten zweier Republiken,
die immer noch Teile desselben Staates sind – Teile Jugoslawiens.
Sprecher:
Ende der 80er und Anfang der 90er kommt es zu großen politischen Umwälzungen in dem
Vielvölkerstaat. Das Einparteiensystem wird abgeschafft und zum ersten Mal finden freie
Wahlen statt. In allen jugoslawischen Republiken gehen die Nationalisten als Sieger
hervor. Von den 23,5 Millionen Einwohnern machen die Serben mit 8,5 Millionen die
größte Bevölkerungsgruppe aus. Sie leben über ganz Jugoslawien verteilt, viele in
Bosnien und Herzegowina und Kroatien. In Kroatien machen die Serben zwölf Prozent der
4,7 Millionen Einwohner aus. Der Wahlsieg Franjo Tudjmans und seiner Kroatischen
Demokratischen Union, insbesondere aber ihre offene Zusammenarbeit mit extremen
kroatischen Nationalisten und Anhängern der Ustascha rufen bei den kroatischen Serben
Angst hervor. Sie fürchten, die Geschichte könne sich wiederholen und die Serben
abermals aus Kroatien vertrieben und ermordet werden. Diese Reaktionen erscheinen
übertrieben, denn 1991 ist keineswegs 1941. Aber die neue kroatische Regierung tut
wenig, um sie zu beruhigen und für sich zu gewinnen. Ganz im Gegenteil. Beide Seiten
gießen Öl ins Feuer. Und – beide Seiten bewaffnen sich.
Autor:
Milošević aber fühlt sich sicher in Belgrad. Er weiß, dass die Jugoslawische Volksarmee
zum Großteil hinter ihm steht. Und er meint, dass die Serben das Recht haben, in einem
Staat zu leben – so wie es in Jugoslawien der Fall war. Wenn das Land zu einem
Staatenbund reformiert wird oder auseinanderfällt, müssten die Serben in verschiedenen
Staaten leben.
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Sprecher:
In diesen Jahren wird der Nationalstaat zum absoluten Ideal. Man spricht nicht mehr von
Bürgern, die gleich sind vor dem Gesetz, sondern von Völkern und ihrer Geschichte. Die
Nation wird wie eine Großfamilie gesehen, die nicht auseinandergerissen werden darf und
deren Mitglieder nur im Rahmen dieser Familie zu ihrem Recht kommen.
Im Sommer 1990 greifen die Serben in Kroatien zu den Waffen, mit dem Ziel, ihre
Territorien Serbien anzuschließen. Jugoslawien befindet sich am Rande eines Krieges.
Autor:
An der Spitze des jugoslawischen Staates steht weiterhin das kollektive Präsidium mit acht
Mitgliedern, jede Republik und Autonome Provinz hat einen Vertreter. Kroatien wird
vertreten durch Stjepan Mesić, engster Mitarbeiter von Tudjman und Mitbegründer der
Kroatischen Demokratischen Union.
O-Ton Stjepan Mesić
Übersetzer:
Ich bin nach Belgrad gefahren. Dort habe ich zum ersten Mal Slobodan Milošević
getroffen. Der Vertreter Serbiens war Bora Jović und über ihn habe ich Milošević unsere
Botschaften zukommen lassen. In erster Linie forderten wir, dass er mit der Bewaffnung
unserer Bürger, kroatischer Bürger serbischer Nationalität, aufhört, denen Milošević
versprochen hatte, sie mit Serbien zu vereinen. Ich habe dann zu Bora Jović gesagt: Es ist
nicht gut, Konflikte mit Waffen zu lösen. Lasst uns die offenen Fragen auf den Tisch
packen und zusammen eine Lösung finden, ohne zu den Waffen zu greifen! Bora Jović
sagte: Ich bin einverstanden, aber ich muss Milošević fragen.
Autor:
Stjepan Mesić will ein Treffen zwischen Milošević und Tudjman vereinbaren und hofft so
den Krieg zu verhindern.
O-Ton Stjepan Mesić
Übersetzer:
Milošević hat dann zugestimmt. Ich bin nach Zagreb gereist, ich wollte nicht über diese
Dinge am Telefon sprechen und ich hab Tudjman alles erzählt. Tudjman war auch
einverstanden. Er hat dann einfach Milošević angerufen und dieser hat ein paar Techniker
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nach Zagreb geschickt, die eine direkte Telefonleitung installierten für die beiden.
Autor:
Die beiden Präsidenten vereinbaren ein erstes persönliches Treffen für den 25. März
1991, in Nordserbien, Titos ehemaligem Ferien- und Jagdgebiet Karadjordjevo.
Milošević und Tudjman reden unter vier Augen, während sie im Park spazieren gehen, wo
einst auch Josip Broz Tito spazieren ging. Sie verhandeln nicht am Tisch, umgeben von
ihren Vertrauten, so wie es üblich wäre.
Sprecher:
Was Milošević nach seiner Rückkehr nach Belgrad mitteilt, ist nicht bekannt. Aber Zeugen
haben erfahren, was Tudjman seinen Mitarbeitern berichtet hat. Stjepan Mesić:
O-Ton Stjepan Mesić:
Übersetzer:
Tudjman gab uns bekannt: ‚Die Grenzen der Banschaft Kroatien, wieder annehmen. Dazu
bekommen wir noch die bosnischen Städte Cazin, Kladuša und Bihać...‘ sagte Milošević
und weiter: ‚denn ich brauch sie nicht‘. Da hatten sich die zwei gefunden – der eine wollte
die Grenzen Serbiens erweitern, der andere die Grenzen Kroatiens.
Sprecher:
Predrag Marković, Politiker und Historiker aus Belgrad bestätigt:
O-Ton Predrag Marković:
Übersetzer
Bei der Teilung Bosniens ist zu beachten, dass Tudjmans Ideal die sogenannte kroatische
Banschaft war. Das war das kroatische Territorium im Jahr 1939. Das Interessante für den
weiteren Verlauf der Geschichte ist, dass Kroatien damals große Teile Bosniens erhielt.
Tudjman, selbst Historiker, der sich sehr wohl der geschichtlichen Analogien bewusst war,
kam 60 Jahre später in den Sinn, dieses Groß-Kroatien in den Grenzen von 1939 zu
erneuern.
Sprecher
Stjepan Kljujić, Anfang der Neunziger Vorsitzender der Kroatischen Demokratischen Union
10
in Bosnien:
O-Ton Stjepan Kljujić:
Übersetzer:
Damals meinte Franjo: Milošević gibt mir das bosnische Cazin! Da hab ich gesagt: Herr
Präsident, das ist so als wenn ich sagen würde: Ich gebe Ihnen Sardinien! Denn Milošević
verfügt genauso wenig über Cazin wie ich über Sardinien.
Sprecher:
Stjepan Kljujić hat während einer kurzen Periode am Anfang des Jugoslawienkrieges eine
wichtige Rolle gespielt. Er war der Begründer der Kroatischen Demokratischen Union in
Bosnien und Herzegowina, der Schwesterpartei der HDZ von Tudjman. Kljujić hat sich für
den Fortbestand Bosniens und Herzegowinas eingesetzt und für ein weiteres friedliches
Zusammenleben der bosnischen Kroaten mit den dort lebenden Serben und Muslimen.
O-Ton Stjepan Kljujić
Übersetzer:
Tudjman war ein rechthaberischer Mann. Die Realität hat ihn nicht interessiert. Ich habe
versucht Tudjman zu erklären, dass er im Jahre 1991 nicht so tun kann, als gäbe es keine
Muslime. Es gab zweieinhalb Millionen Muslime - und Kroaten hatten nie Probleme mit
ihnen, sie haben nie gegeneinander gekämpft. Und ich, als Präsident der Kroatischen
Demokratischen Union in Bosnien und Herzegowina möchte Frieden in Bosnien und ich
möchte Frieden mit den Muslimen.
Autor:
Kurz darauf wird Stjepan Kljujić von seinem Posten suspendiert. Er passte wohl nicht mehr
zu den Plänen aus Zagreb. Späteren Zeugenaussagen sowie verschiedenen Memoiren
und Interviews zufolge haben Tudjman und Milošević in Karadjordjevo vor allem über die
Aufteilung Bosniens und ein mögliches Groß-Serbien wie auch ein Groß-Kroatien
verhandelt. Außerdem sollte sich Kroatien nicht in die Probleme Serbiens auf dem Kosovo
einmischen und Serbien im Gegenzug seine Unterstützung für den Aufstand der
kroatischen Serben stoppen. Miloš Vasić, Journalist aus Belgrad:
O-Ton Miloš Vasić:
Übersetzer:
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Ich glaube sie haben eine eigene, billige Version Geopolitik à la Napoleon betrieben, wie
man das heute nennen würde.
Autor:
Tatsächlich aber haben die beiden Großmachtpolitiker die Lage in ihren Republiken nicht
ganz unter Kontrolle. Kurz nach ihrem ersten Treffen kommt es in Kroatien zu bewaffneten
Auseinandersetzungen zwischen der kroatischen Polizei und den aufständischen Serben.
Diese Zusammenstöße markieren den Beginn des kroatisch-serbischen Krieges.
Sprecher:
Trotzdem vereinbaren Tudjman und Milošević nur zwei Wochen nach ihrer ersten
Unterredung eine zweite. Diesmal in Tikveš, auf kroatischem Boden. Dieses weitere vier
Augen-Gespräch dauert einen ganzen Nachmittag. Nichts davon dringt nach außen.
Autor:
Kurz danach veröffentlicht die kroatische Satirezeitschrift „Feral Tribune“ auf der Titelseite
eine Fotomontage: Milošević und Tudjman nackt im Ehebett, glücklich und verliebt.
Kosta Nikolić, Historiker aus Belgrad und Experte für die Geschichte Serbiens im 20.
Jahrhundert und für den Jugoslawienkrieg:
O-Ton Kosta Nikolić:
Übersetzer:
Was der endgültige Sinn des Ganzen war, kann ich heute nicht sagen, aber ich glaube,
dass es sich in erster Linie um ein Verbrechen gegen die eigenen Bürger handelte. Der
Zerfall Jugoslawiens, oder die Art und Weise, wie dieser stattgefunden hat, kann mit nichts
gerechtfertigt werden. Kriegerische Auseinandersetzungen sind nicht unvermeidlich.
Ethnische Konflikte sind nicht unvermeidlich. Besonders am Ende des 20. Jahrhunderts,
nach all den Erfahrungen, die wir gemacht haben. Die politischen Eliten in Jugoslawien
hatten die Möglichkeit: Wirtschaftsreformen, politische Reformen, EU-Mitgliedschaft. Sie
hätten sich dafür entscheiden können. Aber nein, sie haben sich für den Krieg
entschieden.
Sprecher:
Am 25. August 1990 beginnt der Angriff der Jugoslawischen Volksarmee auf Vukovar, eine
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alte kroatische Stadt an der Donau mit vielen Barockbauten. Gleichzeitig gehen Bilder von
der Bombardierung der kroatischen Stadt Dubrovnik an der Adria um die Welt.
Autor:
Der serbische Politiker und Historiker Predrag Marković:
O-Ton Predrag Marković:
Übersetzer:
Es gibt absolut keinen vernünftigen Grund für den Angriff auf Vukovar und auf Dubrovnik.
So etwas bezeichnet man als „Mission creap“. Die Armee griff an, in dem Glauben, dass
die Kroaten Angst bekommen und sich davon machen. Aber sie blieben.
Und dann wussten sie nicht, was sie tun sollen, und haben dann Vukovar verbrannt.
Autor:
Stjepan Mesić:
O-Ton Stjepan Mesić
Übersetzer:
Die Frage Vukovar ist ein Enigma, ein Rätsel. Wenn Sie dieses Gefecht von der
militärischen Seite betrachten, das von der Jugoslawischen Armee ausgelöst wurde und in
das sich etliche serbische Paramilitärs einschalteten, dann machte es militärisch gesehen
überhaupt keinen Sinn. Eine Stadt wurde zerstört, viele Menschen kamen ums Leben, die
Wirtschaft wurde zerstört, die Infrastruktur. Und – warum? Was sie damit erreicht haben,
das kann man einfach nicht verstehen.
Autor:
Die Verbrechen der Jugoslawischen Armee und der serbischen Paramilitärs an den
Zivilisten in Vukovar haben einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung im Westen.
Die Sympathien sind auf der Seite Kroatiens, dem offensichtlichen Opfer einer Aggression.
Franjo Tudjman nutzt diese Situation, um im Oktober 1991 den gemeinsamen Staat zu
verlassen und die Unabhängigkeit Kroatiens zu erklären.
Sprecher:
Einige Tage später erklärt auch der Präsident von Bosnien und Herzegowina, Alija
Izetbegović, den Austritt aus der jugoslawischen Föderation und die Unabhängigkeit
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seines Landes. Jugoslawien existiert nicht mehr. Nach Vukovar hat Milošević die
Sympathien der westlichen Welt verspielt. Seine Arroganz und sein Selbstvertrauen
geraten auch an der Heimatfront ins Schwanken. Seiner Kriegspolitik begegnet man in
Serbien, vor allem aber in Belgrad mit Missmut. Die Rekrutierung und Mobilisierung von
Soldaten verläuft katastrophal. In nur wenigen Monaten verlassen 200.000 junge Männer
das Land auf der Flucht vor Militär und Krieg.
Autor
Spätestens in diesem Moment beschließt Milošević, die Serben in Kroatien nicht mehr zu
unterstützen und sich den Serben in Bosnien zuzuwenden. Am 2. Januar 1992
unterschreiben Serbien und Kroatien eine Waffenruhe. Josip Manolić:
O-Ton Josip Manolić:
Übersetzer
Milošević sagte: Die Serben in Kroatien interessieren mich nicht. Trotz der Tatsache, dass
er sie zum Aufstand aufgehetzt hatte. Zu uns meinte er: Die Frage der Serben in Kroatien
ist euer innenpolitisches Problem. Mein Interesse und das Interesse Serbiens gelten den
Serben in Bosnien und Herzegowina.
Autor:
Der serbischer Politiker und Historiker Predrag Marković:
O-Ton Predrag Marković:
Übersetzer:
Das Interesse an den kroatischen Serben hat Milošević bereits 1991 verloren. Erst hat er
ihren Aufstand unterstützt und dann hat er sie hängen lassen.
Autor:
Nach dem die Waffenstillstand werden die serbischen Armeekräften nach Bosnien und
Herzegowina verlegt. Dort hat die Teilung entlang nationaler Linien bereits begonnen.
1991 gründen die bosnischen Kroaten im Westen die sogenannte „Kroatische
Gemeinschaft Herceg-Bosna“. Ein paar Monate später wird im Osten des Landes die
sogenannte „Unabhängige Republik des serbischen Volkes von Bosnien und
Herzegowina“ ausgerufen. An der Spitze dieser beiden selbstproklamierten Staaten stehen
Mate Boban und Radovan Karadžić, beide Männer bloß Marionetten von Tudjman und
14
Milošević.
Sprecher:
Dem Vorbild ihrer nationalen Anführer folgend, vereinbaren Mate Boban, der Vorsitzende
der bosnischen Kroaten, und Radovan Karadžić, der Vorsitzende der bosnischen Serben,
ein persönliches Treffen. Das findet im Mai 1992 im österreichischen Graz statt. Boban
und Karadžić sprechen über die Zukunft von Bosnien und Herzegowina, jedoch ohne die
Vertreter der größten Bevölkerungsgruppe in Bosnien: der bosnischen Muslime. Die
Washington Post vergleicht die Verhandlungen zwischen Boban und Karadžić mit dem
Hitler-Stalin-Pakt über die Teilung Polens. Stjepan Kljujić, erster Präsident der Kroatischen
Demokratischen Union in Bosnien:
O-Ton Stjepan Kljujić
Übersetzer:
Mate Boban hatte begriffen, dass die Teilung Jugoslawiens zur Teilung Bosniens führt,
sodass er bereits am 12. Mai einen Vertrag mit Karadžić über die Teilung Bosniens
abschloss. Ihre Zusammenarbeit setzte sich über die ganzen Kriegsjahre fort. Später, als
Serbien international unter Embargo stand, haben Mate Boban und andere die serbischen
Truppen beliefert. Es gibt eine Kreuzung in der Nähe von Stolac. Dort haben kroatische
Öltransporter ihre Kennzeichen in serbische umgetauscht und sind mit dem Öl
weitergefahren. Natürlich wusste Tudjman davon.
Autor:
Kurz nach Kriegsbeginn in Bosnien beschließt der UN-Sicherheitsrat ein WirtschaftsEmbargo gegen Serbien und Montenegro, wegen ihrer militärischen und finanziellen
Unterstützung der bosnischen Serben. Milošević negiert jegliche Beteiligung am
bosnischen Krieg – er behauptet, es handele sich um einen Bürgerkrieg, mit dem er nichts
zu tun habe Allerdings existieren bereits ausreichend Beweise, dass sowohl reguläre als
auch paramilitärische Truppen aus Serbien, in Bosnien kämpfen. Dieser Krieg dauert
dreieinhalb Jahre und kostet 100.000 Menschen das Leben. 1.200.000 Menschen werden
vertrieben.
Autor:
Miloš Vasić, der Journalist aus Belgrad:
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O-Ton Miloš Vasić:
Übersetzer:
Alle drei Seiten haben in allen möglichen Kombinationen gegeneinander gekämpft und
gleichzeitig haben sie sich bei Bedarf gegenseitig unterstützt. Dann ist jemand in
Washington durchgedreht und hat ein Ultimatum gestellt: Kroaten und Muslime beenden
ihren Konflikt und bilden eine Föderation als Verbündete! Der kroatische
Verteidigungsminister Gojko Šušak hat daraufhin gesagt: Gestern haben wir uns noch
geschlagen und heute müssen wir uns verständigen.
Autor:
Unter dem Druck des UN-Sicherheitsrates und des amerikanischen Präsidenten Clinton
unterzeichnen zwei der drei Kriegsparteien in Washington einen Friedensschluss. Die
bosnischen Kroaten und die bosnischen Muslime einigen sich auf die Gründung einer
Bosnisch-Kroatischen Föderation. Das Abkommen von Washington und die daraus
folgende „Zwangsvereinigung“ zwischen Kroaten und Muslimen ist der erste Schritt in
Richtung Frieden. Wie dieser am Ende konkret aussehen würde und wie die bosnischen
Serben für den Frieden gewonnen werden, das wusste allerdings noch keiner.
Zwischen September 1992 und Januar 1994 tagt die „Internationale JugoslawienFriedenskonferenz“ in Genf.
O-Ton Miloš Vasić:
Übersetzer:
Milošević und Tudjman haben sich sehr viel und sehr oft diskret getroffen. Ihre wichtigsten
Treffen scheinen in Genf stattgefunden zu haben. Ich denke, dort wurde die ganze Sache
schlussendlich beschlossen und der Westen, also die USA und Westeuropa, endgültig
überlistet. Der Westen wollte, dass der Krieg beendet wird, wie auch immer. Und dann
haben die beiden dort gesessen, getan ‚als ob‘, Theater gespielt mit irgendwelchen
Landkarten und am Ende haben sie es geschafft, aus Bosnien ein missratenes Gebilde zu
machen.
Sprecher:
Das Treffen in Genf reicht Tudjman und Milošević nicht. Sie haben offensichtlich Themen,
die kein anderer hören darf. Parallel zu den Verhandlungen in Genf, schickt Franjo
Tudjman den Leiter seines Büros auf eine geheime Mission nach Belgrad, wo er sich mit
Milošević treffen soll. Ohne die internationale Gemeinschaft und ohne die bosnischen
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Muslime. Insgesamt haben zehn solcher geheimen Konsultationen stattgefunden.
Autor:
Im Sommer 1995 gelingt es der kroatischen Armee in zwei schnellen Angriffsaktionen die
seit 1991 von den serbischen Aufständischen besetzten Gebiete zurückzugewinnen: mit
den Operationen „Blitz“ und „Sturm“. Der serbische Politiker und Historiker Predrag
Marković:
O-Ton Predrag Marković:
Übersetzer:
Für die Serben war das eine enorme Niederlage. Der 1. Mai 1995, als Serben aus den
nördlichen Gebieten vertrieben und ihre Flüchtlingskonvois von Kroaten auf offener Straße
bombardiert wurden, war in den serbischen Medien so gut wie keine Nachricht. Die
„Operation Sturm“ konnte nicht verheimlicht werden, eine halbe Million Menschen waren
auf der Flucht. Doch die serbischen Flüchtlinge durften nicht nach Belgrad rein! Damit es
in Belgrad zu keinen Wutausbrüchen gegen Milošević käme, haben die Polizei und die
Armee die Flüchtlinge von der Hauptstraße vertrieben, sie sind nie in Belgrad
angekommen.
Autor:
Miloš Vasić, der Journalist aus Belgrad:
O-Ton Miloš Vasić:
Übersetzer:
Das waren ethnische Säuberungen, die als „humane Umsiedlung“ bezeichnet wurden.
Wissen Sie, was das bedeutet? Sie lassen sie gehen, mit einer Plastiktüte in der Hand,
ohne sie umzubringen, zu vergewaltigen oder zu berauben – es sei denn, sie sind gerade
schlecht gelaunt.
Autor:
Die bosnischen Serben, mit Radovan Karadžić und General Ratko Mladić an der Spitze,
veranlassen die systematischsten und brutalsten ethnischen Säuberungen im
Bosnienkrieg. Sie lassen Muslime aus ihrer selbst proklamierten Republik Serbien in
Bosnien ermorden und vertreiben.
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Sprecher:
Im Sommer 1995 kommt es zu zwei Massakern, die die ganze Welt schockieren. In
Srebrenica, einer kleinen Stadt im Osten Bosniens, ermorden serbische Truppen in nur
wenigen Tagen 8.000 muslimische Männer im Alter von 13 bis 78 Jahren.
Ende August schlägt eine Granate auf dem Markt „Markale“ in Sarajevo ein und tötet 37
Zivilisten. Infolgedessen wendet sich Milošević von den Führern der bosnischen Serben,
Karadžić und Mladić, ab um sich selbst zu retten. Unter dem Druck der USA und der
internationalen Gemeinschaft lässt sich der Serbenführer im November 1995 auf
Friedensverhandlungen mit dem kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman und dem
bosnischen Präsidenten Alija Izetbegović ein. Man trifft sich drei Wochen lang im USamerikanischen Dayton. Der serbische Historiker Predrag Marković:
O-Ton Predrag Marković:
Übersetzer:
Das Abkommen von Dayton ist Miloševićs größter Erfolg. Dayton ist ein Abkommen
zwischen Milošević und den Amerikanern, die anderen haben bloß Nebenrollen gespielt.
Sprecher:
Josip Manolić:
O-Ton Josip Manolić:
Übersetzer:
Damit hat Milošević seine Ziele verwirklicht, wenn ihr die Wahrheit hören wollt. Mit der
Teilung Bosniens und Herzegowinas, konnte er einen Großteil seiner Ziele erreichen.
Sprecher:
Stjepan Kljujić, der ehemalige Anführer der bosnischen Kroaten:
O-Ton Stjepan Kljujić
Übersetzer:
Alija Izetbegović hätte lieber Selbstmord begehen sollen, als Dayton zu unterschreiben!
Warum haben die Serben, die 33 Prozent der Bevölkerung in Bosnien ausmachen, 49
Prozent des Territoriums bekommen?
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Autor:
Vom alten Bosnien und Herzegowina – einem multikonfessionellen Vielvölkerstaat mit
Sarajevo als dem „europäischen Jerusalem“ – ist nichts übrig geblieben. Bosnien wird in
drei ethnisch homogene Zonen geteilt. Nach ihrer Rückkehr aus Dayton benutzen
Milošević und Tudjman dieselbe Formulierung: Bei dem Abkommen handle es sich um
einen „historischen Sieg“. Beide haben dafür gesorgt, dass das Land geteilt ist und nicht
als eigenständiger Staat funktionieren kann.
Ein Jahr nach dem Ende des Bosnienkrieges, kommt es in Belgrad zu riesigen
Demonstrationen gegen Milošević. Anlass ist sein Versuch die Ergebnisse der
Kommunalwahlen, bei denen seine Partei große Verluste erlitten hat, zu fälschen.
Ein weiteres Jahr später steht Milošević wieder im Krieg. In der südserbischen Provinz
Kosovo, hat sich unter der Bevölkerungsmehrheit der Albaner eine Guerilla gebildet. Die
Befreiungsarmee des Kosovo, kurz „U-Che-K“, beginnt eine bewaffnete Offensive gegen
die serbische Dominanz. Der Krieg dauert bis ins nächste Jahr hinein und wird mit der
NATO-Bombardierung von Serbien beendet. Milošević wird gezwungen, seine Truppen
aus dem Kosovo abzuziehen. Nach dieser Niederlage sind die Tage des serbischen
Diktators gezählt.
Sprecher:
Sein Gegenspieler und Kompanion Tudjman stirbt im Dezember 1999. Dessen ehemaliger
Mitarbeiter Stjepan Mesić gewinnt mit einer eigenen Partei die darauffolgenden
Präsidentschaftswahlen.
O-Ton Stjepan Mesić
Übersetzer:
Als ich im Jahr 2000 Präsident wurde, dachte ich, ich könnte jetzt auch mit Milošević
telefonieren. Aber meine Sekretärinnen konnten mich nicht verbinden, sie sagten: Nur
Tudjman wusste die Telefonnummer, wir nicht. Dann habe ich Techniker bestellt aus dem
Innenministerium und diese haben das Spezialtelefon abmontiert und mitgenommen.
Autor:
Nur ein paar Monate später, im Oktober 2000 verliert Milošević die Präsidentschaftswahlen
in Serbien. Er versucht mit Gewalt an der Macht zu bleiben, aber dieses Mal kehren ihm
auch die serbische Armee und die Polizei den Rücken.
Ein halbes Jahr später befindet sich Slobodan Milošević in Den Haag, wo er vor dem
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Kriegsverbrechertribunal wegen Völkermordes angeklagt wird. Am Morgen des 11. März
2006 wird Slobodan Milošević tot in seiner Zelle aufgefunden. Die Todesursache ist ein
Herzinfarkt. Historiker Kosta Nikolić:
O-Ton Kosta Nikolić:
Übersetzer:
Das ist das Ergebnis von alldem. Sie hatten keine guten Absichten gegenüber ihren
Bürgern, beide nicht. Sie können sich nicht rechtfertigen! Ach, wir wollten keinen Krieg,
das ist so passiert. Nein, ihr wolltet Krieg. Ach, wir wollten keine Kriegsverbrechen und wir
wollten keine Zivilisten töten, das ist so passiert. Nein, das stimmt nicht, ihr wolltet
Zivilisten töten. Ihr wolltet ethnisch gesäuberte Dörfer, Städte und Staaten.
Autor:
Nach dem Krieg wird Bosnien und Herzegowina zum Protektorat der internationalen
Gemeinschaft. Das Land mit nur knapp drei Millionen Einwohnern erhält eine Finanzhilfe
von insgesamt 80 Milliarden US Dollar - die größte Finanzhilfe in der Menschheitsgeschichte. Trotz dieser immensen Summe ist Bosnien und Herzegowina weiterhin eines
der ärmsten Länder Europas. Ein Teil der Finanzhilfe wurde für verschiedenen
internationale Missionen und Diplomaten ausgegeben, den Rest steckten lokale Politiker
in die eigenen Taschen. Die Arbeitslosenrate von Bosnien und Herzegowina kann nicht
mal mehr berechnet werden. Die ärmsten Schichten ernähren sich in Volksküchen, die
über ganz Bosnien verteilt sind. Die von Slobodan Milošević und Franjo Tudjman
angestrebten Grenzen sind zwar keine offiziellen Staatsgrenzen, dennoch teilen sie
Bosnien nach dem ethnischen Prinzip und machen bis heute einen funktionierenden Staat
unmöglich.
Absage:
Bizarre Freundschaft
Die Beziehung zwischen zwei Präsidenten in Kroatien und Serbien
Ein Feature von Zoran Solomun
Sie hörten eine Produktion des Deutschlandfunks 2016.
Es sprachen: Matthias Haase, Philipp Schepmann, Jochen Kolenda und Hendrik Stickan
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Ton und Technik: Michael Morawietz und Angelika Brochhaus
Regie: Wolfgang Rindfleisch
Redaktion: Birgit Morgenrath
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