Jenseits der Schatten

MINH JONG
JEN SEITS
des
SCH A TTEN S
Roman
Die Offenbarung Johannes
13:1 Und ich sah: Ein Tier stieg aus dem
Meer, mit zehn Hörnern und sieben
Köpfen. Auf seinen Hörnern trug es zehn
Diademe und auf seinen Köpfen Namen,
die eine Gotteslästerung waren.
20:1 Dann sah ich einen Engel vom
Himmel herabsteigen; auf seiner Hand
trug er den Schlüssel zum Abgrund und
eine schwere Kette.
20:2 Er überwältigte den Drachen, die
alte Schlange -das ist der Teufel oder der
Satan -, und er fesselte ihn für tausend
Jahre.
20:3 Er warf ihn in den Abgrund, verschloss diesen und drückte ein Siegel
darauf, damit der Drache die Völker
nicht mehr verführen konnte, bis die
tausend Jahre vollendet sind. Danach muss
er für kurze Zeit freigelassen werden.
1
2
Prolog
S
chwungvoll, leicht wie eine Feder glitt der Pinsel über die
vor ihm stehende Leinwand. Kurz hielt er inne, um seine
bisherige Arbeit zu betrachten. Es war fast fertig – sein
Meisterwerk, wie er fand. Doch schrieb er dies nicht seinem
Können, sondern vielmehr der Perfektion seiner Muse zu,
deren Zartheit und Anmut für die Ewigkeit festzuhalten auf
eine unerklärliche Art und Weise für ihn einer Pflicht
gleichkam. Dort lag sie vor ihm, seine Göttin, so, wie Gott sie
schuf. Und er schuf sie perfekt!
Das lange, seidig glänzende Haar schien förmlich über
ihre Schultern zu fließen und reichte ihr fast bis zur Taille.
Die goldblonde Farbe bildete einen harmonischen Kontrast
zu der zerschlissenen Couch, deren mahagonifarbenes Leder
schon bessere Tage gesehen hatte. Doch trotz – oder
vielleicht gerade wegen – dieses fast perfekten Momentes
überkam ihn erneut eine Melancholie, deren Präsenz er in den
letzten Wochen immer häufiger verspürte. Wie Blei lag sie auf
seiner Seele und so sehr er sich auch anstrengte zu ergründen,
warum ihn diese Traurigkeit und Düsternis immer öfter in
Besitz nahm, es gelang ihm nicht.
»Was ist mit dir?«, flüsterte die Frau vor ihm und ihr
Lächeln holte ihn in die Realität zurück.
»Bitte entschuldige«, sagte er. »Ich war mit meinen
Gedanken kurz woanders.«
»Das habe ich bemerkt.«
»Du musst stillhalten! Nicht so zappeln, sonst kann ich
meine Arbeit nicht beenden«, wechselte er bewusst das
Thema.
Doch als er in die großen blauen Augen blickte, die ihn
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leicht belustigt, leicht erzürnt über seine Kritik ansahen,
verfiel er erneut in eine Lethargie. Dieses Mal jedoch nicht
begleitet von Traurigkeit, sondern vielmehr von tiefer
Leidenschaft und Liebe.
Eine leichte Röte färbte ihre zarten Wangen angesichts
des ihr entgegengebrachten Blickes und sie lächelte.
Vergessen waren Leinwand und Pinsel. Langsam, ohne die
Augen von ihr abzuwenden, ging er auf die nackte Schönheit
zu, die immer noch so reglos wie möglich vor ihm lag. Er
kniete nieder und eine leichte Gänsehaut ließ sie frösteln, als
seine Finger sacht über die Schultern hinab zu ihren Hüften
strichen. Die Berührung ihrer Haut und ihr inniger Blick
beraubten ihn endgültig des letzten bisschen klaren
Verstandes.
»Stillhalten, ja?«, hauchte sie kaum hörbar.
Verträumt betrachtete er seine Hand, die nun langsam ihr
Bein hinab glitt und, an ihrer Fessel angelangt, sich den Weg
wieder hinauf zu ihren Hüften bahnte.
Ihr Blick fiel während des auf ein Gemälde, das achtlos in
einer der dunklen Ecken des Raumes stand, fast so, als wolle
man es in die Vergessenheit verbannen.
»Was um alles in der Welt ist das denn?«, fragte sie.
»Hmm«, antwortete er abwesend, als sei ihre Frage nur
schwer zu ihm durchgedrungen.
Zärtlich nahm sie sein verträumtes Gesicht in ihre Hände
und sah ihm tief in die Augen.
»Hallo? Ich rede mit dir!«
»Aber ja doch«, antwortete er endlich gedehnt. »Ich habe es
letzte Woche gemalt. Frage mich jetzt aber bitte nicht, was
dabei in mir vorging. Es kam so über mich.«
»Es kam so über dich?«, wiederholte sie seine Worte und
zog die Augenbrauen hoch. »Welche Abgründe haben sich
dir da aufgetan, so etwas auf Leinwand zu bannen?«
Voller Argwohn betrachtete sie das Bild.
Die schwarze Leinenwand setzte sich kaum von den in
dunklem Schatten liegenden Wänden ab. In der Mitte des
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Bildes, als zentrales Augenmerk, funkelten die feurig gelben
Augen einer Raubkatze, deren diabolisches Glühen das Bild
auf eine seltsame Art lebendig wirken ließ. Bei genauerem
Hinsehen erkannte man die schemenhaften Umrisse eines
Tierschädels, dessen messerscharfe Reißzähne bedrohlich
über die Lefzen hingen.
»Es macht mir Angst«, flüsterte sie und strich über ihre
nackten Oberarme, um die Gänsehaut zu vertreiben, die sich
zwischenzeitlich auf ihrem ganzen Körper ausgebreitet hatte.
Nun drehte auch er sich, wenn auch widerwillig, zu
seinem Werk um. Der so lebendig wirkende Blick der Kreatur
bohrte sich in sein Innerstes und die Kälte, die er hinterließ,
beraubte ihn erneut jedes positiven Gedankens. Er spürte den
Sog der Melancholie in sich aufsteigen. Nur mit Mühe
schaffte er es, sich der Dominanz des Bildes und deren Magie
zu entziehen.
»Vergiss das Bild!«, erwiderte er, wandte den Blick ab und
schenkte seine ganze Aufmerksamkeit jetzt wieder dem
nackten Körper, der noch immer in seiner Vollendung vor
ihm lag. »Mir steht der Sinn jetzt nicht nach Reden …«,
murmelte er mehr zu sich selbst.
»Und wonach dann?«
Ein verführerisches Lächeln breitete sich auf den Lippen
der Frau aus. Auch sie hatte es geschafft, sich dem Bann des
Bildes zu entziehen, und blickte voller Hingabe in die sanften
braunen Augen vor ihr. Ihre Gänsehaut jedoch blieb.
Beide sahen sich an und eine Antwort auf ihre Frage
wurde überflüssig. Als sein Mund den ihren fand, fielen
Raum und Zeit von ihnen ab. Im Hier und Jetzt gab es nur
sie beide und sie gehörten einander.
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1. Kapitel
h
611 Tage und 21 Stunden bis zur Stunde null
L
ondon.
Keine Nacht wie jede andere.
Tiefe Dunkelheit umgab die Stadt. Das dichte Schwarz lag
wie ein Teppich des Unheils über den sonst so pulsierenden
Lichtern dieser Metropole und es schien, als schlucke die
Düsternis jeden noch so kleinen Versuch, sich gegen sie
aufzubäumen. Ein Nebel, dicht und unnatürlich, kroch durch
Straßen und Gassen und verschlang hungrig alles und jeden,
der es wagte, sich ihm entgegenzustellen. Eine unheilvolle
Stille breitete sich aus, als beide Naturgewalten
aufeinandertrafen, und die Welt verharrte in angstvoller
Erwartung auf das Kommende.
S
t. Paul’s Cathedral.
Kurz vor Mitternacht.
Als suche der unwirkliche Nebel in diesen Stunden ein
bestimmtes Ziel, verweilte er für einen kurzen Moment vor
den Toren der Kathedrale, bevor er sich zu Boden senkte, um
dann jedoch zielstrebig in Richtung der historischen Mauern
weiterzuziehen.
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Langsam krochen die Nebelschwaden die weitläufigen
Stufen des Doms hinauf, bis ein düsterer Schleier diese
vollends verhüllte. Und als warte weit oben vor dem
Hauptportal ein unsichtbarer Magnet auf seinen Gegenpol,
glitten die gallertartigen Nebelmassen ihrem Ziel entgegen,
um sich dort zu vereinen und wie eine mächtige Säule aus
Dunst und Finsternis in den Nachthimmel emporzusteigen.
Die Tonfolge des Westminsterschlages erklang in der Ferne
und verhallte in der Stille der Nacht. Und als sei dies ein
Zeichen, begann die Nebelsäule, um ihre eigene Achse zu
rotieren. Schneller und schneller schraubte sie sich gen
Himmel und die Dunkelheit um sie herum wich einem
unwirklichen Glanz, der das Areal um die Stufen der
Kathedrale fast taghell erscheinen ließ. Mit dem letzten
Gongschlag Big Bens zerbarst sie lautlos.
Vollkommen reglos, als würden Zeit und Raum
innehalten, schwebten nun an ihrer statt ein funkelndes
Teilchenmeer vor den Toren der St. Paul’s Cathedral. Und
einen Atemzug später, für das bloße Auge kaum noch
wahrnehmbar, vereinigten sich die glitzernden Teilchen zu
einem formlosen Gebilde.
Wie aus dem Nichts durchdrangen kurz darauf gleißend
helle Strahlen die dichte Nebelbank. Kleine, milchige
Lichtkugeln flirrten am Himmel weit über der schemenhaften
Gestalt. Ein gespenstisches, unirdisches Licht umgab das
Areal vor den Toren St. Paul’s und die Tiefe der Nacht gab
ihren Kampf auf. Sie wich einer Luminanz, nicht von dieser
Welt, und allmählich schien sich die Zeit wieder aus ihrer
Erstarrung zu lösen. Unkoordiniert und ohne ersichtliches
Ziel begann das unwirkliche Gebilde, sich zu verformen.
Mächtige Gliedmaßen, Händen nicht unähnlich, trennten sich
vom Rumpf und ein nur schemenhaft erkennbarer Kopf
bewegte sich schwerfällig auf und ab. Die anfangs trägen
Bewegungen gewannen nun an Struktur und das was bei
genauerer Betrachtung ein Gesicht hätte sein können,
verzerrte sich zu einer Fratze. Durch die Stille der Nacht
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drang ein markerschütternder Schrei, deren Heftigkeit das
Wesen taumeln ließ. Es fiel seitlich hart auf die Steinstufen
und zerstob erneut in Abertausende Teilchen aus glitzerndem
Dunst. Doch einen Wimpernschlag später hatten sich die
Nebelfragmente bereits wieder zu ihrer Einheit
zusammengefügt.
»Steh auf, mein Freund!«, hallte eine tiefe Stimme durch
die Nacht und ließ das Wesen am Boden zusammenzucken.
Am Fuße der Treppe, wie aus dem Nichts, erschien eine
Gestalt. Licht und Schatten schienen in ihr vereint und die
milchig blassen Reflexionen beider Gegensätze verliehen dem
Wesen etwas Überirdisches. Doch binnen weniger Sekunden
verblassten die Spiegelungen und ein großer, kräftiger Mann
stand vor den Stufen der Kathedrale. Breite Schultern und
eine massige Statur gaben ihm Würde und Macht. Sein langes
Haar, streng zu einem Zopf gebunden, betonte seine hohen
Wangenknochen und ließ ihn unnahbar und bedrohlich
wirken. Sein Äußeres schimmerte farblos und bleich, doch
die Augen des Mannes, eisblau und funkelnd wie ein Meer
aus Diamantstaub, sprühten förmlich vor Leben und
Leidenschaft. Und als würden sie alles um sich herum mit
Energie speisen, begann seine blasse Statur Form und Farbe
anzunehmen.
Festen Schrittes stieg er die Stufen empor. Schnell und
kraftvoll beugte er sich zu der immer noch am Boden
kauernden Gestalt herunter, packte sie und richtete sie auf.
»Man nennt mich Whyrhd. Ich bin hier, um dir deine
Fragen zu beantworten.«
Die schemenhaften Gesichtszüge des Nebelgeschöpfes
verzogen sich erneut, doch kein Laut drang nach außen.
»Du musst dich erst einmal sammeln. Erst dann wirst du
in der Lage sein, dich zu artikulieren«, sagte der bullige Mann
mit den Augen wie aus Aquamarin, als ahnte er, was in dem
Wesen vorging. »Konzentriere dich auf dein innerstes Selbst
und stelle dir vor, wie dein Äußeres aussehen soll. Aber du
musst Ruhe bewahren! Lass deine Lebensenergie sich mit dir
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vereinen.«
Die Kreatur senkte den Kopf. Sekunden verstrichen, ohne
dass etwas geschah. Aus der Formation der Lichtkugeln über
ihnen löste sich die kleinste heraus und schwebte in Richtung
der beiden Gestalten. Ihre Leuchtkraft reichte nicht
annähernd an die ihrer Wegbegleiter heran, doch mit jedem
Zentimeter, den sie ihrem Ziel näher kam, gewann es an
Größe und Intensität.
Whyrhd, die Lider geschlossen, saß erwartungsvoll
daneben, bevor er nach weiteren endlosen Minuten leise zu
sprechen begann: »Ich beginne die langsam wahrzunehmen –
dein braunes Haar, deine jugendlichen Züge. Konzentriere
dich - erschaffe dein neues Selbst!«
Der kleine Lichtball schwebte jetzt unmittelbar über der
Gestalt. Lauernd, fast so, als warte er auf eine höfliche Einladung, hielt er in seiner Bewegung inne. Doch im nächsten
Augenblick beschleunigte er, entfernte sich wieder, beschrieb
einen weiten Bogen, um dann frontal und mit voller Wucht
durch sein Ziel hindurch zu stoßen.
Der Aufprall, so gewaltig und unerwartet, ließ das Wesen
erzittern und nur mit Mühe verlor es nicht das Gleichgewicht.
Auf den Stufen, dort, wo noch Sekundenbruchteile zuvor
die schemenhafte, graue Nebelgestalt gesessen hatte, kauerte
jetzt ein junger Mann. Er war mittelgroß und von
durchtrainierter Statur. Sein welliges, braunes Haar reichte
ihm fast bis zu den Schultern und seine großen, tiefbraunen
Augen blickten verwirrt in die Nacht. Er senkte den Blick
und betrachtete voller Neugierde seine langen, feingliedrigen
Hände.
Whyrhd, der immer noch die Augen geschlossen hielt,
sagte leise: »So – und nun nenne mir deinen Namen.«
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Lange, sehr lange kam kein Laut über die Lippen des
jungen Mannes. Dann, eine gefühlte Ewigkeit später, blickte
er auf. Verzweiflung sprach aus seinem Blick, doch in seinen
Augen lag noch etwas anderes: Ihr Strahlen, voller Intensität
und Wärme, ließ vermuten, welche Kraft und Willensstärke in
ihnen wohnte.
Langsam begannen seine Lippen, den Namen zu formen,
der wie ein Donnerschlag durch die Stille der Nacht klingen
würde:
»Joshua.«
»Welch ungewöhnlicher Name in unseren Reihen«, erwiderte
Whyrhd nach einem kurzen Moment der Stille. »Willkommen
im Reich der Schatten!«
»Was ist passiert?«, hörte man die leise, gebrochene
Stimme des jungen Mannes.
»Du bist nun in einer neuen Welt, mein Freund. Einer
Welt fernab jeglicher Vorstellungskraft. Einer Dimension, die
ihre eigenen Gesetze hat und in der entschieden wird, wohin
und mit wem du weitergehen wirst«, erklärte Whyrhd.
»Wie komme ich hierher? Was ist passiert?« Ein Quell an
Fragen sprudelte jetzt aus Joshuas Mund, begierig auf
Antwort wartend.
»Langsam! Alles der Reihe nach!«, bremste der Mann
neben ihm ein und versuchte, seine Stimme so ruhig wie
möglich klingen zu lassen. »Um es ohne Umschweife zu
sagen: Du bist tot. Deine Seele jedoch konnte nicht in das
Reich der Himmel eintreten. So bist du hier gestrandet, mein
Freund. Ich werde dich auf deinem bevorstehenden Weg
begleiten, dir alles beibringen, was du wissen musst, und
versuchen, dir auf deiner letzten Reise zur Seite zu stehen.«
Die Offenbarung des Unausweichlichen schien die Luft
förmlich zu elektrisieren und man glaubte, das Knistern zwischen den Männern hören zu können.
Joshua schüttelte den Kopf und in seiner Frage lag
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unverhohlene Panik. »Ich verstehe dich nicht! Was heißt, ich
sei tot? Ich sitze hier. Wir reden. Ich fühle das Leben in mir
und das Blut in meinen Adern. Ich kann nicht tot sein!«
»Sehe ich wirklich so aus, als würde ich scherzen?«,
donnerte die Stimme Whyrhds durch die Nacht. Doch dann
schloss er die Augen. Glitzernde Partikel lösten sich von
seinem Körper. Zu Anfang nur vereinzelt, doch mit jeder
verstrichenen Sekunde glich der Sog mehr und mehr einem
Nebel, der sich in rasanter Geschwindigkeit um ihn herum
wand. Dann, vollkommen unerwartet, öffnete Whyrhd die
Augen. Gespenstisch und kalt leuchtete nun das Blau seiner
Iris und Joshua musste unwillkürlich schaudern. Beim
nächsten Atemzug jedoch saß Whyrhd wieder in seiner vollen
Größe neben ihm. Freundlicher als zuvor fuhr er fort:
»Warum du hier bist, können wir nur erahnen. Menschen
gelangen ins Schattenreich, wenn sie für ihre letzte Reise
noch nicht bereit sind. Das ist meist der Fall, wenn sie
unfreiwillig oder unerwartet aus ihrem Leben gerissen
wurden. Diese Menschen konnten noch keinen inneren
Frieden finden, doch bevor dies nicht geschieht, wird ihnen
der Zugang in das Reich der Himmel verwehrt.«
»Aber wieso sieht hier alles so …« Joshua suchte nach
Worten. »… lebendig aus?«
»Du befindest dich in einer Dimension zwischen deiner
bisherigen Existenz und einer Welt, in der das Leben eine
neue Bedeutung erlangt. Das Reich der Schatten ist weder das
eine noch das andere. Es ist der Vorhof in das Reich Gottes.
Du siehst all die Menschen und Tiere, aber sie sehen dich
nicht. Deine Erinnerungen an dein bisheriges Leben wurden
ausgelöscht. Du musst deinen letzten Weg gehen und die
Aufgabe, die dir vom Hohen Rat zugeteilt wurde, erfüllen,
um deinen Frieden mit dir selbst zu machen. Nur so – und
wirklich nur so«, sagte Whyrhd mit Nachdruck, »erhältst du
die Möglichkeit, in das Reich der Himmel einzutreten.«
»Ich bin ein Geist?«
Whyrhd lachte herzhaft und Joshua fühlte Unmut in sich
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aufsteigen.
»Nein. Kein Geist im herkömmlichen Sinne, wenn du das
meinst. Doch der Mythos, der von je her in der Welt der
Lebenden Bestand hat, kommt nicht von ungefähr. Die
Vermutungen und Fantasien der Menschen haben über
Jahrtausende ein Bild erschaffen, welches nichts mehr mit
dem gemein hat, was wir im Grunde darstellen. Daher sind
wir über derlei Vergleiche auch nicht sonderlich erfreut. Wir
spuken nicht in langen, weißen Gewändern und uns fehlen
auch keine Köpfe.«
»Was sind wir dann?«
Whyrhd überlegte kurz.
»Seelen«, sagte er schließlich. »Seelen, die den Sinn des
Lebens noch nicht gefunden haben. Deren innerer Kreis über
die Einheit zwischen Leben und Tod sich noch nicht
geschlossen hat.«
»Wann wird meine Seele bereit sein, in das Reich der
Himmel einzutreten?« fragte Joshua mit gebrochener Stimme.
»Tja … das, mein Freund, das kann ich dir leider beim
besten Willen nicht beantworten. Einzig der Hohe Rat besitzt
das Wissen über die Aufgaben und Schicksale der
Schattenwesen. Du musst deinen …« Whyhrd verstummte,
wendete sich blitzschnell von Joshua ab und war sogleich mit
einem Satz auf den Beinen.
Joshua folgte seinem Blick. Durch die tiefe Schwärze der
Nacht hindurch funkelten zwei feuerrote Punkte und ein weit
entferntes Knurren durchdrang die Stille.
Als würde sein Kopf in einen Schraubstock gespannt, verspürte Joshua einen stetig anwachsenden Druck an seinen
Schläfen. Und so sehr ihn auch die Schmerzen beherrschten,
er vermochte nicht, seinen Blick von den leuchtenden
Objekten abzuwenden. Zwischen Faszination und Entsetzen
hin und her gerissen, schien es, als würde er hinab gezogen in
in die Tiefen der Hölle.
Doch mit einem Mal erlosch die sengende Hitze und der
unsägliche Schmerz in seinem Kopf ließ nach. Whyrhd hatte
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sich zwischen sie gestellt und so den Blickkontakt
unterbrochen.
»Was ist das?«, flüsterte Joshua, der schnell wieder zu
Kräften kam.
Doch Whyrhd gab keine Antwort. Stattdessen ging er
einige der Steinstufen hinunter und jede Faser seines
massigen Körpers, der nur aus Muskeln zu bestehen schien,
war zum Zerreißen gespannt.
Langsam, ganz langsam wurden die leuchtenden Punkte
kleiner, bis sie sich letztendlich in der Schwärze der Nacht
verloren. Whyrhd jedoch regte sich nicht. Selbst als Joshua
mühsam auf die Beine kam und neben ihn trat, wandte er
seinen wachsamen Blick nicht von der Dunkelheit vor ihnen
ab.
»Was war das?«, versuchte es Joshua erneut.
»Frag lieber: Wer war das!«, entgegnete Whyrhd und seine
Muskeln entspannten sich etwas.
»Gut, dann frage ich: Wer – in Gottes Namen – war das?«
Vorsichtig blickte Joshua in die Richtung, in der noch
Minuten zuvor die seltsame Erscheinung zu sehen gewesen
war. Whyrhd ließ sich Zeit, auf seine Frage zu antworten.
»Gott hat damit nichts zu tun. Der Hohe Rat ist es, der
über die Welt der Schatten wacht. Und was du gerade
gesehen hast, sind die Augen von Aureus.«
»Aureus?«
»Er war einst wie wir – bis er sich entschied, einen
anderen Weg zu gehen. Er schloss sich Abaddon an, einem
verstoßenen Mitglied des Hohen Rates und nun Herrscher
der Finsternis. Seit dem Tag seiner Verbannung kämpfen er
und seine Gefolgschaft gegen uns.«
»Was will er von uns?«
Whyrhd zögerte. Letztendlich sprach er doch: »Unsere
Seelen.«
Entsetzen lag in Joshuas Blick, doch Whyrhd wechselte
schnell das Thema: »Für den Rest der Nacht nehme ich dich
erst einmal mit zu mir. Dann werden wir weitersehen.«
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»Zu dir?«
»Komm einfach mit! Ich erkläre dir alles später. Wir
müssen hier fort.«
In Gedanken versunken, beschäftigt mit dem Versuch das
Unbegreifliche für ihn begreiflich zu machen, folgte Joshua
ihm in Richtung Fleet Street.
»Nicht normal diese Dunkelheit …«, murmelte Whyrhd
kaum hörbar. »Bleib dicht hinter mir!«
»Ist es noch weit?«, brach Joshua dann doch das
Schweigen, als die beiden an Lincoln’s Inn vorbeikamen.
Ein Obdachloser, eingehüllt in einen schäbigen Schlafsack, kauerte an dem filigranen Eisenzaun des Parks. Als die
Männer ihn passierten, zog er seinen zerlumpten
Baumwollsack höher. Der Gestank von Alkohol und Urin
drang in Joshuas Nase und er bemühte sich, den aufkeimenden Brechreiz zu unterdrücken. Das hier kann nur ein böser Albtraum sein, dachte er. Er würde gewiss gleich aufwachen.
Vielleicht von einer durchzechten Nacht – dies wäre
zumindest eine plausible Erklärung dafür, warum ihm so
speiübel war.
Und noch während Joshua zu ergründen versuchte,
welche Ursachen dieser bizarre Traum haben könnte, fiel ihm
ein Junge auf, der unter einem der alten Laubbäume im
feuchten Gras saß und ihn anstarrte. Whyrhd und er hatten
den Park bereits betreten, dessen Tore nachts normalerweise
fest verschlossen waren. Doch Joshua blieb nicht viel Zeit,
über diesen ungewöhnlichen Umstand zu grübeln. Als sich
das blassgrüne Augenpaar mit dem seinen traf, tauchte er
hinab in eine andere Welt. Gezogen vom Bann der
Willenlosigkeit, änderte er seine Richtung und ging direkt auf
den Jungen zu. Die unsichtbare Kette zwischen ihnen ließ
seinen Verstand erstarren und seine Motorik gehorchte nicht
mehr dem seinen, sondern dem Willen des Kindes.
Doch als nur noch wenige Schritte sie voneinander
trennten, löste sich der Bann wie von Zauberhand.
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»Andras! Hör sofort auf damit!«, hörte man die laute
Stimme Whyrhds durch den Park. Erst jetzt gelang es Joshua,
den Blick abzuwenden, und er drehte sich zu seinem Mentor
um, der nun dicht hinter ihm stand.
»Was ist …?«
Doch Whyrhd schnitt ihm das Wort ab und blickte finster
zu dem Jungen.
»Du weißt ganz genau, dass es dir untersagt ist, deine
Kräfte auf diese Weise zu nutzen! Wo ist Selene?«
Suchend blickte er umher, doch das Kind schwieg.
Ausdruckslos, fast apathisch fixierte es die beiden Männer.
Joshua meinte, einen Anflug von Spott in der Mimik des
Jungen erkennen zu können. Dicht hinter ihnen hörten sie
auf einmal das Knacken von Ästen und eine junge Frau trat
aus der Dunkelheit. Auch sie besaß dieselben blassgrünen,
stechenden Augen, doch anders als bei dem Jungen lag in
ihnen Wärme und Fürsorge.
Obgleich Joshua diese Frau nicht kannte, fühlte er sich ihr
dennoch unergründlich nahe und so huschte ein Lächeln
über sein Gesicht. Sie erwiderte diese Geste der Zuneigung
und auch sein neuer Lehrmeister schien sich bei ihrem
Anblick zu entspannen.
»Ich bin’s nur.« Sie ging auf Whyrhd zu und schlang ihre
dünnen Arme freundschaftlich um seinen massigen Oberkörper.
»Selene! Es ist schön, dich zu sehen!«, sagte Whyrhd und
seine Stimme begleitete eine Sanftheit, die Joshua seinen
Lehrmeister aus einem neuen Blickwinkel betrachten ließ.
»Was machen denn du und dein Freund zu einer solch
ungewöhnlichen Zeit hier?« Sie sah zu Whyrhd auf und löste
leicht ihre Umarmung.
»Darf ich dir vorstellen: Das ist mein neuer Schützling –
Joshua. Wir sind auf dem Weg zu mir. Das ist zwar nicht der
sicherste Ort, aber ihn gleich mit St. Paul’s zu konfrontieren,
halte ich für verfrüht.«
Die junge Frau musterte Joshua jetzt intensiver und ihr
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Blick entfachte in ihm ein Gefühl, als würde seine
Körpertemperatur um einige Grad ansteigen.
»So, so … ein Frischling.« Zu Whyrhd gewandt, fuhr sie
fort: »Gefährliche Entscheidung in dieser Nacht. Irgendetwas
geht heute hier draußen vor. In St. Paul’s wärt ihr sicherer.«
»Ich weiß. Aureus zieht seine Kreise und auch sonst ist
diese Nacht anders. Da gebe ich dir Recht.«
Selene blickte zu dem Jungen hinüber, der immer noch
teilnahmslos unter dem Baum saß und die Unterhaltung
verfolgte.
»Hat mein Bruder deinen Schüler erschreckt?«
Doch ohne Whyrhds Antwort abzuwarten, fuhr sie – an
Joshua gewandt – fort: »Es tut mir leid, sollte er dich verunsichert haben. Andras schlägt hie und da ein wenig über
die Stränge.«
Obgleich die Situation zwar etwas Seltsames in sich barg,
nickte Joshua und murmelte kaum hörbar: »Schon gut. Es ist
ja nichts passiert …«
Whyrhd, der langsam unruhig wurde, bedeutete seinem
Schüler, ihm zu folgen. Zu Selene gewandt meinte er: »Pass
auf Andras auf! Du weißt, welche Aufgabe dir obliegt?! Ihn in
einer solchen Nacht hier allein zu lassen ist gefährlich.«
Ohne ein Wort des Grußes drehte er sich um und ging
zügig den dunklen Pfad entlang, der sich durch die hohen
Bäume des Parks wand. Joshua folgte schnellen Schrittes, um
den Anschluss nicht zu verlieren.
Doch bereits nach wenigen Metern konnte er die
Neugierde nicht mehr unterdrücken. Er holte seinen
Lehrmeister ein und kam sogleich auf den Punkt: »Was ist mit
dem Jungen? Warum hat er nichts gesagt? Und wieso war ich
ihm praktisch willenlos ausgeliefert?«
»So viele Fragen auf einmal?« Whyrhd sah kurz zu Joshua
hinüber, ohne jedoch seine Schritte zu verlangsamen. »Das ist
eine komplizierte Geschichte. Ich werde sie dir zu gegebener
Zeit erzählen.«
Doch Joshua ließ nicht locker. »Was meintest du
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eigentlich mit: Wir gehen zu mir?«
»Es ist nicht mehr weit«, entgegnete Whyrhd ohne auf
seine Frage einzugehen.
»Du hast eine Familie?«
»Wenn du so willst – ja. Allerdings ist das nicht meine
eigene. Ich habe mich dort sozusagen nur eingenistet. Viele
von uns tun das. Es gibt uns ein wenig Halt und gaukelt uns
ein Stück Normalität vor«, brummte Whyrhd.
Schweigend, ließen die Männer die Straßen und Gassen
hinter sich, und obwohl Whyrhd größer und kräftiger war als
Joshua, so hatte dieser erstaunlicherweise keine Mühe, mit
ihm Schritt zu halten. Viel mehr noch – er fühlte sich, als
könne er Bäume ausreißen, und fast meinte er, die Energie,
die durch seinen Körper strömte, spüren zu können.
Joshua blieb abrupt stehen und sah sich um. Die
Dunkelheit gab nur das Nötigste preis, doch er verspürte eine
Art Vertrautheit mit der Umgebung um ihn herum. Schon im
Park war ihm das aufgefallen, doch er hatte dem keine
Bedeutung beigemessen.
»Ich kenne diese Gegend«, sagte er in die Stille hinein und
Whyrhd, bereits einige Meter vor ihm, blieb stehen und
drehte sich um.
»Das bildest du dir ein. Jetzt komm schon! Dort drüben
ist es!«, rief er ihm zu und zeigte auf eine Kreuzung, in deren
Mitte ein beschaulicher Park zu erkennen war.
Die schmalen Reihenhäuser mit ihren braunen Ziegeln
säumten reihum die kleine Parkanlage und es schien, als
würden sie der grünen Oase in ihrer Mitte Schutz bieten. Die
um die Jahrhundertwende erbauten georgianischen Häuser
wirkten wie ein endloses Aneinanderreihen von immer
demselben Haus. Von den mit weißem Stein umrahmten
Türen bis hin zu den Eisenzäunen unterschied sich in der
Dunkelheit der Nacht kaum ein Gebäude vom anderen.
»Wir sind am Bedford Square«, meinte Joshua nüchtern.
»Ja, selbstverständlich. Dort oben steht es ja.« Whyrhd
deutete auf das blaue Straßenschild.
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Doch Joshua hatte das Schild nicht gesehen. Er war einem
Impuls gefolgt. Einem inneren Wissen.
Er hätte seinen Mentor davon unterrichten sollen,
dennoch behielt er diesen seltsamen Umstand für sich.
»Lass uns reingehen!«, sagte Whyrhd, als sie endlich vor
dem Haus mit der Nummer 9 standen.
»Aha … Und wie? Hast du einen Schlüssel?«, wollte
Joshua wissen und scherzhaft fragte er noch: »Oder wirst du
mir gleich mitteilen, du könntest durch Wände gehen?«
Doch Whyrhd lachte nicht.
»Ich an deiner Stelle würde mich nicht darüber lustig
machen. Wie skurril und bizarr das hier alles ist, brauchst du
mir nicht unter die Nase reiben. Aber vergiss nicht, mein
Freund: Du sitzt mit im Boot!« Für einen Sekundenbruchteil
blitzten Whyrhds eisblaue Augen kalt und wütend auf. »Aber
so ganz Unrecht hast du nicht. Du solltest für diese Gabe
jedoch dankbar sein. Uns wurde die Möglichkeit gegeben, uns
rein durch die Kraft unseres Willens von einem Ort zum
anderen zu bewegen. Unsere mentalen Fähigkeiten erlauben
uns eine Art der Fortbe-wegung, die keine Grenzen kennt
und keine Schlüssel benötigt.«
Joshua hob fragend die Brauen und Whyrhd startete einen
zweiten Versuch: »Also, wir bestehen aus kleinsten
Materieteilen. Das wirst du sicherlich schon festgestellt
haben. Rein durch unseren Willen können wir uns formen.
Das ist uns sozusagen von Grund auf gegeben. Auch du hast
ja diesen Prozess bereits durchlaufen, als du deine Hülle
erschaffen hast.« Er machte eine andächtige Pause. »Und
genauso können wir diesen Vorgang umkehren. Wenn du es
nur wirklich willst und dich auf dein Ziel konzentrierst, dann
schaffst du es auch, dich mit mentaler Kraft von einem Ort
zum anderen zu bewegen. Mit ein bisschen Übung natürlich
…«, fügte er abschließend hinzu.
Whyrhd, dem die Anspannung nach seinem ersten Lehrversuch förmlich ins Gesicht geschrieben stand, betrachtete
erwartungsvoll seinen Schüler. Joshua hingegen gelang es nur,
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seinen Mentor auf die ihm derzeit einzig mögliche Art
anzublicken: mit Verständnislosigkeit.
»Gut«, meinte dieser schließlich und senkte resigniert den
Kopf. »Ich habe begriffen: Du hast nichts von dem
verstanden, was ich versucht habe, dir zu erklären, stimmt’s?«
»Das fällt mir generell schwer angesichts dieser bizarren
Situation«, antworte Joshua nüchtern und knapp.
Whyrhd seufzte, drehte sich ohne ein weiteres Wort um –
und im nächsten Moment bemerkte Joshua die
Nebelteilchen, die sich vom Körper seines Lehrers zu lösen
begannen. Nur einen kurzen Augenblick später war Whyrhd
bereits verschwunden.
Joshua schauderte bei dem Gedanken, jetzt selbst durch
diese Tür gehen zu müssen. Noch ehe er sich zu einer
Entscheidung durchgerungen hatte, erschien der milchige
Strom abermals und wenige Meter vor ihm formatierten sich
in Sekundenschnelle erneut die silbrigen Partikel und Whyrhd
stand in voller Größe vor ihm. Mürrisch und ungehalten
fragte er: »Kommst du endlich?«
Joshua räusperte sich. Doch der Kloß, der hartnäckig
seine Kehle blockierte und ihm das Gefühl vermittelte, keine
Luft zu bekommen, löste sich nicht.
Schließlich nahm er all seinen Mut zusammen, stieg die
Stufen zur Haustür hinauf und hielt den Atem an. Er schloss
die Augen und versuchte, sich den unbekannten Raum hinter
dieser Tür vorzustellen. Einen Atemzug später durchzog eine
Druckwelle seinen Körper und Joshua öffnete blitzschnell die
Augen.
Dunkelheit empfing ihn. Überrascht drehte er sich um.
Tatsächlich – hinter ihm befand sich die Tür des Hauses
Bedford Square Nummer 9, sicher verschlossen, und da stand
auch Whyrhd, der ihm zwischenzeitlich gefolgt war.
Er nickte anerkennend und klopfte Joshua auf die
Schulter.
»Ich bin beeindruckt! Es gibt nicht viele, die diese Hürde
beim ersten Mal schaffen!«, murmelte er und wies Joshua den
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Weg durch einen großen Rundbogen, der den Vorraum vom
Wohnzimmer trennte.
Selbst in der Dunkelheit konnte man unschwer erkennen,
wie stilvoll und familiär das Haus eingerichtet war. Der
offene Kamin, in dem noch immer eine schwache Glut
glomm, strahlte angenehme Wärme aus. Whyrhd ging auf die
Couch in der Mitte des Raumes zu, wobei er über am Boden
liegendes Spielzeug steigen musste.
»Hier leben Kinder?«, fragte Joshua.
Ohne näher auf seine Frage einzugehen, wies Whyrhd auf
die Couch, die mit ihrem floralen Stoffbezug gemütlich und
einladend wirkte.
»Setz dich!« sagte er. »Nachts können wir uns hier
ungehindert bewegen.«
»Du magst keine Kinder?«
»Doch … schon. Aber am Tag müssen wir aufpassen, wo
und wie wir uns im Haus aufhalten. Sie können uns zwar
nicht sehen, aber in seltenen Fällen spüren sie unsere Präsenz.
Abgesehen von der Tatsache, dass es auf Dauer sehr
ermüdend sein kann, ständig aufzupassen, wo und wie man
sich bewegt.«
Joshua, gerade im Begriff sich zu setzen, legte vorher den
zerschlissenen Stoffbären beiseite, dessen trübe Glasaugen in
unweigerlich an seine eigene Gemütsverfassung erinnerten.
»Was, zum Teufel, machst du da?«, fragte Whyrhd
schockiert und überrascht zugleich.
Joshua zuckte die Achseln und sah ihn verständnislos an.
»Hätte ich mich draufsetzen sollen?«
»Das meine ich nicht.« Whyrhd schüttelte den Kopf. »Wie
konntest du ihn einfach beiseitelegen?!«
»Was ist daran falsch? Er lag da. Warum also hätte ich ihn
nicht aufheben sollen«, versuchte sich Joshua zu verteidigen.
»Du musst wissen: Es sollte für einen Frischling wie dich
praktisch unmöglich sein, ohne Übung materielle Dinge in
der anderen Welt zu berühren oder gar zu bewegen«,
entgegnete Whyrhd. »Das bedarf viel Übung und
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Geschicklichkeit. Versuch es noch einmal!«
Joshua nahm erneut den Bären in die Hand.
Whyrhd schüttelte den Kopf.
»Es ist unglaublich! Deine Fähigkeiten sind
bemerkenswert!« Er machte eine kurze Pause. »Und
beängstigend zugleich …«
Nachdenklich, fast argwöhnisch betrachtete er den jungen
Mann neben sich.
»Egal …«, begann Joshua, hob entschuldigend die Hände
und legte den Bären achtlos beiseite. »Was mich viel mehr
beschäftigt ist die Tatsache, dass das alles hier nur ein
schlechter Albtraum sein kann. Anders lässt sich das nicht
rational erklären. Eine Welt zwischen Leben und Tod?«
Whyrhd musterte den jungen Mann und eine Spur Mitleid
lag in seinem Blick.
»Glaubst du das wirklich – oder versuchst du dir hier
selbst etwas vorzumachen? Ich kann das nachvollziehen, aber
es ist und bleibt eine Tatsache, dass dein bisheriges Leben ein
Ende gefunden hat. Auf welche Weise auch immer. Und es
bleibt ebenso eine Tatsache, dass du deinen Weg, der dir vom
Hohen Rat vorherbestimmt ist, wirst gehen müssen.
Gewöhne dich an diesen Gedanken und finde dich lieber
heute als morgen damit ab.«
Die Hoffnung, an die Joshua sich bis zu diesem Zeitpunkt
geklammert hatte, zerplatzte wie eine Seifenblase. Und so
schonungslos die Predigt Whyrhds auch gewesen sein
mochte, sie war ehrlich. Er würde sich mit der Tatsache
anfreunden müssen, dass dies weder ein schlechter Scherz
noch ein Traum war, aus dem er jeden Moment erwachen
würde.
»Dann erzähl mir alles über diese Welt und wie ich dem
Ganzen so schnell wie möglich ein Ende bereiten kann!«
Joshuas Stimme war belegt und die bitteren Worte kamen
ihm nur schwer über seine Lippen.
Whyrhd zögerte und man konnte ihm ansehen, dass er
dieses Gespräch als äußerst unangenehm empfand. Er
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rutschte auf der Couch hin und her und suchte verzweifelt
nach passenden Worten. Als er begann, legte er so viel
Vorsicht und Einfühlungsvermögen in seine Erklärungen,
wie es ihm nur möglich war.
»Mir erging es einst genau wie dir. Am Fuße von St. Paul’s
wurde ich ebenfalls ins Schattenreich geschickt – ohne
Ahnung oder Kenntnis, was mit mir geschehen war. Mein
Lehrmeister wartete damals genauso auf mich, wie ich heute
auf dich gewartet habe. Du musst wissen, dass wir unsere
Fähigkeiten erst erlernen müssen. Ich werde dich lehren, zu
kämpfen und dich in dieser Welt zurechtzufinden. Doch erst
einmal bleibst du für einige Zeit hier bei mir. Zumindest so
lange, bis du etwas anderes gefunden hast und sozusagen auf
eigenen Beinen stehen kannst.«
Whyrhd räusperte sich und Joshua ergriff die Gelegenheit,
eine seiner vielen Fragen zu stellen: »Wie werde ich leben?
Was mache ich den ganzen Tag? Nur warten, bis ich endlich
meinen Weg zu Ende gehen kann?«
»Für uns gibt es weder Tag noch Nacht. Und wir leben
auch nicht!« Whyrhd machte erneut eine Pause, bevor er
weitersprach. »Wir versuchen, unsere Aufgabe zu finden,
damit wir diese trostlose Welt zwischen Leben und Tod so
schnell wie möglich verlassen können. Wir tun im Grunde
nichts anderes, als unserem Gewissen zu folgen. Es wird uns
den richtigen Weg weisen.«
Joshua senkte den Kopf. Er war überwältigt von der
direkten Konfrontation mit der nackten, glanzlosen
Wahrheit. Es fehlten ihm die Worte, um seine Hilflosigkeit
zum Ausdruck zu bringen, und Whyrhd ließ ihm alle Zeit der
Welt, indem er die Mauer der Stille und Beklommenheit
zwischen ihnen nicht durchbrach.
»Ich kann es nicht begreifen«, begann Joshua schließlich.
»Wer tut uns so etwas an? Reichten Schmerz und Unrecht in
unserem bisherigen Leben nicht aus? Was auch immer uns
dort wiederfahren ist, wenn wir noch nicht bereit für den Tod
waren, warum geht unser Martyrium dann hier weiter?«
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»Das habe ich mich auch schon so viele Male gefragt«,
entgegnete Whyrhd. »Aber glaube mir bitte, wenn ich dir
sage, dass du keine Antwort darauf erhalten wirst. Es führt
dich einzig an den Rand der Verzweiflung und hilft dir nicht,
dies hier durchzustehen!«
»Dann verrate mir eines …«, begann Joshua und ein
Hauch von Resignation lag in seiner Stimme. »Wie stehst du
das durch? Erinnerst du dich denn gar nicht an dein Leben
vor diesem …« Er suchte nach Worten. »… gottlosen Ort?«
»Nein, an mein früheres Leben erinnere ich mich nicht
mehr. Wie schon gesagt, unsere Vergangenheit wird
vollkommen ausgelöscht. Und den nötigen Halt finde ich
hier.« Whyrhd sah sich langsam im Raum um und fuhr fort:
»Es ist zwar auf der einen Seite eine Qual, hier bei den
Chesterfields zu leben, aber an manchen Tagen fühle ich
mich fast wie ein richtiges Familienmitglied. Man könnte fast
sagen, wie ein unsichtbares Haustier.« Sein Zynismus war
unüberhörbar. »Wir sollten uns jetzt ein bisschen ausruhen.
Es wird bald Tag und mit der Ruhe in diesem Haus ist es
dann vorbei. Du wirst sehen, ich verspreche dir nicht zu viel,
wenn ich sage: Du wirst dich wieder richtig lebendig fühlen«,
wechselte er jetzt das Thema.
Doch Joshua ließ nicht locker.
»Es ist für mich nicht nachvollziehbar, welchen Sinn es
machen sollte, denjenigen, die bereits einen langen, dunklen
Weg gegangen sind - Tod, Krankheit, was auch immer diese Bürde aufzuerlegen?! Warum sie noch einmal prüfen?
Wo bleibt da die Gerechtigkeit?« Jähzorn loderte jetzt in
seiner Stimme.
»Ja, glaubst du denn allen Ernstes, wir hätten uns das nicht
schon längst selbst gefragt? Du bist weiß Gott nicht der
einzige, den diese Fragen beim Eintritt ins Schattenreich
quälen. Und du wirst auch gewiss nicht der Letzte sein! Aber
ich gebe dir einen guten Rat …« Whyrhd beugte sich vor und
seine Miene war wie versteinert. »Leg dich nicht mit dem
Hohen Rat an! Du würdest den Kürzeren ziehen, mein
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Freund. Glaub mir!«
»Du meinst also, diese Regeln werden vom Hohen Rat
aufgestellt?«
»Bei ihm laufen die Fäden zusammen, ja.« Whyrhd nickte
zögerlich. »Doch sei auf der Hut! Es hat schon einmal
jemand versucht, sich ihm entgegenzustellen.«
»Du meinst Abaddon?«, fragte Joshua.
»Unterschätze niemals die Macht des Hohen Rates! Sein
Wissen ist allmächtig und seine Präsenz allgegenwärtig!«,
antworte Whyrhd, ohne jedoch wirklich auf seine Frage
einzugehen. »Er folgt höheren Gesetzen, die uns oftmals
verborgen bleiben. Glaub mir bitte, wenn ich sage, dass alles
gewiss seine Richtigkeit hat.«
Joshua schüttelte den Kopf, doch er schwieg. Was spielt es
denn für eine Rolle, was ich denke oder fühle, dachte er bitter.
Whyrhd hatte Recht, er würde sich fügen müssen, ob er
wollte oder nicht.
»Lass uns die letzten Stunden der Nacht sinnvoll nutzen.
Komm ein wenig zur Ruhe und lass die familiäre Idylle dieses
Raumes auf dich wirken!«, forderte Whyrhd ihn auf – und
ohne eine Antwort abzuwarten, verschränkte er die Arme
hinter dem Kopf, drückte sich noch tiefer in die weichen
Kissen und legte die Füße auf den kleinen Holztisch vor ihm.
Er schloss die Augen und schien in Gedanken eine Reise in
eine bessere Welt anzutreten.
Joshua jedoch, viel zu aufgewühlt, als dass er auch nur
eine Minute hätte still sitzen, geschweige denn ausruhen
können, schritt ziellos im Raum auf und ab. Das schwache
Licht der Straßenlaterne vor dem Haus warf lange Schatten
durch die Fenster und ließ das am Boden liegende Spielzeug
fast gespenstisch wirken. Der große Kamin, in dem
zwischenzeitlich auch die letzte Glut erloschen war, strahlte
noch immer ein bisschen behagliche Wärme aus und auf dem
Sims stand eine Reihe Familienfotos. Neugierig betrachtete
Joshua die zahlreichen Porträts.
Die Chesterfields mussten eine sehr große Familie sein.
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Einige der Bilder waren schon alt, vergilbte und ausgebleichte
Zeugen vergangener Epochen. Andere, bunt und farbenfroh,
zeigten Kinder, deren offenherziges Lachen und freundliche
Ausstrahlung die Porträts noch lebendiger wirken ließen.
Einzig ein Mann auf den vielen Fotos blickte mürrisch und
geheimnisvoll drein und sein Lächeln schien nicht von
Herzen zu kommen. Joshua konnte sich auch hier des
Gefühls nicht erwehren, die dunklen Augen des Mannes zu
kennen, doch es gelang ihm nicht, sie einzuordnen.
Verwirrt über seine Empfindungen wandte er den Blick
ab, als könne er sich so besser an irgendeine winzige
Kleinigkeit aus seinem bisherigen Leben erinnern.
Angestrengt versuchte er, den Mann auf den Fotos mit seiner
Vergangenheit zu verknüpfen, um vielleicht einen Teil seiner
Erinnerungen zurückzuholen. Doch selbst der Blick aus den
großen Fenstern des Wohnzimmers in die immer noch so
düstere Nacht erlaubte ihm keinen Zugang zu seinem
früheren Leben.
Der Nebel hatte sich aufgelöst, als habe die Dunkelheit
den stillen Kampf dieser beiden Titanen gewonnen. Immer
noch schwer und bedrohlich lag sie über den Straßen
Londons.
Doch da war noch etwas anderes!
Als hätten sich zwei Löcher in die Schwärze der Nacht
gefressen, erkannte Joshua die feuerrot leuchtenden Punkte
in weiter Ferne sofort wieder, die er Stunden zuvor schon
einmal gesehen hatte. Starr vor Schreck und wie gebannt
konnte er den Blick nicht abwenden. Erneut hin und her
gerissen zwischen Faszination und Abscheu starrte er auf die
roten Lichtpunkte, die nun schnell an Größe gewannen.
Unaufhörlich drangen sie aus der Tiefe der Nacht und wem
oder was sie auch immer gehörten – sie kamen näher!
Und dann, im Schein einer Straßenlaterne, konnte er es
erkennen: Ein Wesen, fast zwei Mann groß, stand leicht
vornüber gebeugt am Rande des kleinen Parks.
Joshua stockte der Atem.
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Es hatte den Kopf eines Schakals, der das krasse
Gegenstück zu dem aufrecht auf zwei Beinen stehenden, fast
menschlichen Körper bildete. Und trotz der eingefallenen,
vertrockneten Haut war sein Korpus muskulös - jeder
Knochen und Muskel erkennbar. Seine langen, spitzen
Klauen umklammerten ein wuchtiges Schwert, dessen
Widerhaken bedrohlich im Schein der Laterne funkelten. Als
wüsste das Geschöpf, dass jemand es beobachtete, huschte
ein hämisches Grinsen über sein Gesicht und lange,
messerscharfe Reißzähne kamen zum Vorschein. Die
feuerroten Augen hielten ihn gefangen und was anfangs noch
wie ein leises Knurren mit kaum vernehmbaren zischenden
Lauten schien, bohrte sich langsam als erkennbare Worte in
Joshuas Verstand, als wollten sie ihn innerlich vergiften.
»Du gehörst mir!«
Unerwartet, genauso wie das Wesen erschienen war,
verschmolz es jetzt wieder mit der Dunkelheit. Doch die
Worte, die es hinterließ, würden Joshuas künftige Existenz
für immer verändern.
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2. Kapitel
h
613 Tage und 21 Stunden bis zur Stunde null
D
ie Zeit schien wie erstarrt. Selbst als die Kreatur schon
lange im Nichts verschwunden war, schaffte Joshua es
nicht, seinen Blick von der Stelle abzuwenden, an der das
Wesen noch kurz zuvor gestanden hatte. Die diabolisch
leuchtenden Augen bohrten sich in seine Gehirnwindungen
und gewährten ihm einen kleinen Einblick in die tiefen
Abgründe der Hölle. Die gesprochenen Worte, so leise sie
auch gewesen sein mochten, legten sich wie ein Mantel aus
Eis um seine Seele und machten es ihm schier unmöglich zu
reagieren.
Wie lange er so paralysiert in die Dunkelheit gestarrt hatte,
wusste er nicht. Vor seinem inneren Auge trieben die Blicke
der unheimlichen Kreatur immer noch ihr Unwesen und nur
langsam gewann sein Verstand wieder die Oberhand.
Als er es endlich schaffte, seiner Sinne Herr zu werden,
stolperte er in Richtung Couch. Er setzte sich neben Whyrhd,
der von alledem nichts mitbekommen hatte, und es schien
noch eine Ewigkeit zu dauern, bis Joshua in der Verfassung
war, ihn auf das eben Geschehene aufmerksam zu machen.
»Whyrhd?«, fragte er in die Stille hinein.
»Hm«, brummte dieser.
»Ich habe sie wieder gesehen …«, antwortete Joshua und
seine Stimme klang erstaunlich ruhig.
»Was?«
»Die roten Punkte in der Dunkelheit. Draußen vor dem
Haus.«
Die Teilnahmslosigkeit, mit der er das Geschehene
berichtete, erschreckte ihn, denn tief in seinem Innern wütete
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immer noch blankes Entsetzen.
»Moment mal! Langsam! Willst du mir damit sagen, du
hast Aureus gesehen?!«, fragte Whyrhd, der sofort hellwach
war und sich aufrichtete.
»Ja. Hörst du mir denn nicht richtig zu?«, erwiderte
Joshua. »Er stand draußen auf der Straße. Im Schein der
Laternen konnte ich ihn sehen.«
»Das ist unmöglich!« Doch ein Blick in Joshuas Augen
genügte um zu erkennen, dass sein Schüler ihn nicht in die
Irre führte. »Ich weiß nicht, was hier heute Nacht vor sich
geht, aber es verheißt leider nichts Gutes«, sagte Whyrhd.
»Und was machen wir jetzt?«
»Wir warten bis zum Morgengrauen. Aureus wird es nicht
wagen, am Tage irgendetwas zu unternehmen. Was es auch
sein mag …«
»Dann müssen wir nicht mehr allzu lange ausharren«,
erwiderte Joshua mit einem Blick aus dem Fenster. »Die
Sonne wird schon bald aufgehen.«
Und tatsächlich – das minütlich heller werdende Grau war
der erste Vorbote auf die Lebendigkeit des Tages.
»Bevor wir allerdings nach St. Paul’s aufbrechen, möchte
ich dir gerne die Chesterfields vorstellen«, wechselte Whyrhd
das Thema.
»Was gibt es in St. Paul’s?«, fragte Joshua und ignorierte
damit die letzten Worte seines Mentors.
»Alles zu seiner Zeit, mein Freund«, wich dieser ihm aus.
»Jetzt genieße erst einmal das Leben, das bald in diesen
Wänden Einzug halten wird.«
Und in der Tat – kurz darauf hörte man vom oberen
Stockwerk her laute Stimmen und Fußgetrappel. Whyrhd
stand vom Sofa auf und bedeutete Joshua, ihm zu folgen.
Zwei Kinder kamen die Treppe heruntergelaufen. Der
Junge, nicht älter als fünf Jahren, schubste das Mädchen
neben sich angriffslustig und drängelte an ihr vorbei. Als die
beiden das Wohnzimmer betraten, herrschte bereits eine rege
Rangelei.
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»Du scheinst gewusst zu haben, dass sie das Sofa in
Beschlag nehmen werden, oder?«, fragte Joshua mit leichtem
Schmunzeln, als die Kinder die Couch erreichten.
»Es ist jeden Morgen das gleiche Ritual«, erklärte Whyrhd
verschmitzt.
Nur wenigen Minuten später glich das Wohnzimmer
einem kindlichen Schlachtfeld. Erst der Klang einer resoluten
Frauenstimme ließ beide innehalten.
»Schluss jetzt! Sofort!«, herrschte die Frau und betrat das
Zimmer. »Sebastian, gib Florentina sofort die Fernbedienung!«
Der Junge folgte nur widerwillig der Aufforderung seiner
Mutter, jedoch nicht, ohne lautstark zu protestieren.
»Darf ich vorstellen?« Whyrhd deutete mit einer
theatralischen Verbeugung in Richtung der Frau. »Das ist
meine Traumfrau Jessica Chesterfield!«
Joshua sah ihn mit hochgezogenen Brauen an.
»Ja! Schau nicht so! Wenn ich mir eine Frau aussuchen
könnte, dann müsste sie so sein und aussehen wie Jessica«,
erwiderte Whyrhd mit unverhohlener Bewunderung in der
Stimme. »Sieh sie dir doch an! Sie ist außergewöhnlich. Ihre
Ausstrahlung – ihr schwarzes Haar«, schwärmte er und hatte
nur noch Augen für die Frau, deren feine Gesichtszüge
elegant und anmutig wirkten und sie mit einer Aura der
Erhabenheit umgaben.
Die Streitereien im Wohnzimmer schienen immer noch
kein Ende nehmen zu wollen, bis eine tiefe Stimme ein lautes
»Guten Morgen!« in den Raum warf. Wie von Zauberhand
kehrte schlagartig Ruhe in die morgendlichen Zwistigkeiten
ein.
»Und das ist ihr Ehemann Peter! Irgendwo leitender
Angestellter, Workaholic und nur selten zu Hause«, erklärte
Whyrhd jetzt schmucklos, ohne sich große Mühe zu geben,
seine Geringschätzung diesem Mann gegenüber verbergen zu
wollen.
Der Anblick Peters, der fast gebieterisch die Treppe
29
herunterkam, ließ Joshua heiße und kalte Schauder über den
Rücken laufen. Weder sein perfekt sitzender grauer
Nadelstreifenanzug noch seine hagere, strenge Statur,
brachten sein Blut für einen kurzen Moment in Wallung.
Vielmehr hegte er eine tiefe Abneigung gegen diesen Mann,
ohne jedoch rational erklären zu können warum.
»Komm, lass uns von hier verschwinden!« Unterbrach
Whyrhd seine Gedanken, indem er Joshua bedeutete, er möge
ihm folgen.
Dieser jedoch hätte sich gerne noch länger im Haus der
Chesterfields aufgehalten, denn sein Mentor hatte wahrlich
nicht zu viel versprochen. In den wenigen Minuten, seit
Leben in das Haus Einzug gehalten hatte, konnte Joshua das
erste Mal, wenn auch nur für kurze Zeit, seine eigene
trostlose Lage vergessen. Aber das war es nicht allein. Er
hoffte und klammerte sich an jeden Strohhalm, der sich ihm
bot. Jede Frage, jede Ungereimtheit ließ ihn neue Hoffnung
schöpfen. Aus ihm unerklärlichen Gründen konnte und
wollte er nicht akzeptieren, dass sein bisheriges Leben, wie es
auch immer gewesen sein mochte, ein Ende gefunden hatte.
Whyrhd jedoch wollte weg von diesem Ort und zog Joshua
hinter sich her in Richtung Haustür.
Schon im folgenden Moment standen sie draußen auf der
um diese Uhrzeit bereits verkehrsbelebten Straße. Aus der
gespenstischen, dunklen Nacht war ein grauer Morgen
geworden, doch die Farblosigkeit des Tages störte Joshua
nicht, denn er fühlte die menschliche Wärme um sich herum,
die ihm ein Gefühl von Lebendigkeit vorgaukelte.
»Wieso hast du es auf einmal so eilig?«, fragte er.
»Du wolltest doch mehr über uns wissen, oder?«
»Ja, schon. Aber du hast absolut Recht, die Chesterfields
sind ausgesprochen faszinierend.«
»Nichtsdestotrotz ist es Zeit, in die Wirklichkeit zurückzukehren. Wir müssen nach St. Paul’s, denn eines ist gewiss:
Irgendetwas ist hier nicht so, wie es sein sollte«, erklärte
Whyrhd.
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»Nichts ist, wie es sein sollte!«, meinte Joshua und erntete
strafende Blicke für seinen Sarkasmus.
»Warum eigentlich St. Paul’s? Was macht die Kathedrale
zu etwas so Besonderem?«
»Kannst du dir das nicht denken?«, fragte Whyrhd. »St.
Paul’s ist ein geheiligter Ort. Aureus und seinen Gefolgsleuten
ist der Zugang dort verwehrt. Somit stellt sie für uns eine
ideale Zuflucht dar.«
Joshua drehte seinem Lehrmeister den Rücken zu und
ging in Richtung Fleet Street.
»Stopp! Wo willst du denn hin?«, rief er ihm nach.
»Du wolltest doch zur Kathedrale, oder?«
»Ja, aber doch nicht auf so profane Art und Weise!«
Joshua hob fragend die Augenbrauen.
»Ich sagte dir doch bereits, dass wir auf schnelle und
unkonventionelle Art und Weise die Möglichkeit haben, uns
fortzubewegen. Große Distanzen sind für uns ebenso wenig
ein Problem wie verschlossene Türen. Ich dachte eigentlich,
dir das gestern verständlich erklärt zu haben.«
Noch immer sah Joshua sein Lehrmeister fragend an.
»Es ist beunruhigend, wenn du diesen Blick hast«,
brummte Whyrhd.
»Wie meinst du das?«
»Er vermittelt mir, was für ein schlechter Lehrer ich zu
sein scheine. Du hast nichts von dem verstanden, was ich
versucht habe, dir zu erklären, stimmt’s?«
»Das siehst du falsch«, antwortete Joshua ruhig. »Ich kann
dir durchaus folgen. Es ist nur …« Er stockte. »Ach, vergiss
es! Erkläre mir lieber, wie ich mich so verändern kann, dass
ein Fußmarsch überflüssig wird.«
»Im Grunde ist keine große Schwierigkeit dabei. Du hast
es ja gestern bereits intuitiv richtig gemacht. Verknüpfe dein
Ich mit dem Ort, an den du vorhast, zu gehen. Stelle dir dein
Ziel genau vor und vereine diese Vorstellung mit deinem
Willen, dort zu sein – und das war es auch schon. Versuch du
es als Erster! Ich werde nachkommen, sobald ich gesehen
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habe, dass es klappt!«
Joshua schloss die Augen. Eine seltsame Kälte erfasste
ihn. Wie ein Geschwür breitete sie sich aus und fraß sich
unersättlich durch das Innerste seines Selbst. Nur mit Mühe
gelang es ihm, durch die Barriere der Hoffnungslosigkeit zu
dringen, um sich auf sein Ziel zu konzentrieren. Und dann
sah er vor seinem inneren Auge die Stufen von St. Paul’s, auf
denen vor wenigen Stunden seine Reise in die Unendlichkeit
begann. Eine erneute Druckwelle durchzog seinen Körper,
gefolgt von einem Prickeln. Er fühlte sich leicht wie eine
Feder. Der Wind trug ihn fort und strich ihm sanft über die
Haut. Doch schon im folgenden Augenblick verspürte er
einen unsäglichen Schmerz, der sich durch seine Gliedmaßen
fraß.
Erschrocken über diesen Anflug von Unbehagen öffnete
er die Augen. Vor ihm lagen die Tore St. Paul’s.
»Du bist ein wahres Naturtalent, weißt du das?«, lobte
Whyrhd, der bereits neben ihm stand. »Mir ist noch niemand
untergekommen, der in kürzester Zeit solche Fortschritte
gemacht hätte. Gut – du bist mein erster Schüler …« Er
räusperte sich verlegen. »Aber ich habe zumindest schon oft
gehört, dass es Monate dauert, bis Schützlinge angelernt
seien.«
Joshua konnte seine Begeisterung nicht teilen. Diese Form
der Fortbewegung empfand er als unnatürlich und zudem
noch als ausgesprochen unangenehm.
»Du hast mir immer noch nicht gesagt, wen du hier
treffen willst«, meinte Joshua, als sie durch das große Tor in
die Kathedrale eintraten.
Zu beiden Seiten strömten bereits die ersten Besucher in
die Kirche, deren weitläufiges Hauptschiff vom hereinfallenden Tageslicht zart erhellt wurde. Andächtige Stille und
leises Getuschel zeigten Joshua, dass er nicht der einzige zu
sein schien, den die Anmut dieses Bauwerkes beeindruckte.
Ohne weiter auf seinen Schüler zu achten, ging Whyrhd
auf einen kleinen Mann zu, der an einer der zahlreichen
32
Säulen im Schneidersitz saß. Wie in Trance schwebte ein
Dolch unmittelbar über seiner Handfläche. Silbern glänzend
und wohl nicht länger als zehn Zentimeter folgte er gehorsam
dem Blick des Mannes hinauf in Richtung Deckengewölbe.
Doch sobald dessen Aufmerksamkeit nicht mehr dem Dolch,
sondern Whyrhd galt, der mittlerweile direkt vor ihm stand,
unterwarf sich die Waffe der Erdanziehung und schoss hinab
auf die noch immer ausgebreitete Handfläche des Mannes.
Blitzschnell und geistesgegenwärtig zog dieser seine Hand
beiseite und die Waffe stoppte nur Millimeter vor dem
Steinboden der Kathedrale seinen Fall.
»Hallo, Thomas«, begrüßte ihn Whyrhd.
Joshua stand noch immer andächtig und gedankenverloren am Eingang. Überwältigt von der Schönheit und
dem erhabenen Glanz seiner Umgebung hatte er nicht darauf
geachtet, dass sein Lehrmeister seinen Weg bereits fortgesetzt
hatte. Whyrhd bedeutete ihm, er möge ihm endlich folgen,
doch Joshua kam nur träge dieser Aufforderung nach. Die
hellen Mauern aus Stein mit ihren Pilastern faszinierten ihn
ebenso wie die reichen Verzierungen, mit denen Säulen,
Nischen und Denkmäler ausgestattet waren. Die Aura, die
dieses Gebäude umgab, nahm ihn gefangen. Es war weit
mehr als das andächtige Staunen beim Anblick dieser
Gewaltigkeit. Diese Mauern schienen ihn willkommen zu
heißen. Er fühlte sich fast heimisch, so, als kehre er nach
Jahren der Abwesenheit an den Ort seiner Geburt zurück.
»Das ist Thomas«, riss ihn Whyrhd aus seinen Gedanken.
Der Mann zu seinen Füßen sah gebrechlich und dürr aus.
Die matten, grauen Haare hingen ihm strähnig bis ins Gesicht
und der ungepflegte Bart wirkte verfilzt und dreckig Joshuas.
Er hatte Mühe, den Worten seines Lehrers Glauben zu
schenken.
»Lass dich in dieser Welt nicht vom äußeren Schein
täuschen! Er kann oft trügerisch sein. Thomas ist einer
unserer besten und siegreichsten Kämpfer!«
In seiner Stimme lag große Bewunderung für diesen
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hageren und kränklich wirkenden Mann.
Thomas grüßte Joshua stumm mit einem Nicken. An
Whyrhd gewandt fragte er frei heraus: »Ein Frischling?«
»Ja – wobei seine Fähigkeiten bereits jetzt außergewöhnlich sind. Das ist auch der Grund, warum ich
dringend mit dir reden muss.«
»Kein Problem. Aber, wenn möglich, nicht jetzt. Ich hatte
eine anstrengende Nacht. Irgendetwas hat alle gottverdammten Dämonen wie Ratten aus ihren Löchern
getrieben. Ich konnte zwar einige ausschalten. Leider aber
nicht genug.« Und nach einer kurzen Pause meinte er: »Wart
ihr draußen? Ist euch nichts aufgefallen?«
»Doch. Und auch deswegen muss ich mit dir sprechen«,
antwortete Whyrhd. »Treffen wir uns bei Einbruch der Nacht
wie gewohnt unten in der Krypta?«
Thomas nickte. »Können wir machen«, sagte er knapp
und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die kleine
Waffe, die sich in der Zwischenzeit nicht vom Fleck bewegt
hatte.
Joshuas Lehrmeister folgte weiter dem Hauptschiff.
»Du hast hier immer einen Ort, an dem du Zuflucht und
Trost finden kannst«, erklärte er, ohne auf eventuelle Fragen
seines Schülers zu warten. »Und hier oben«, er wies auf die
Empore im Kuppelbereich der Kirche, »haben wir die
Whispering Gallery. Es heißt, sie könne Stimmen von einer
Wand an die gegenüberliegende projizieren. Für uns jedoch
stellt sie weit mehr dar als das! Hier hast du die Möglichkeit,
mit dem Hohen Rat Kontakt aufzunehmen – sofern dieser
dazu bereit ist.«
Joshua blickte beeindruckt auf die große Galerie mit ihren
mächtigen Säulen und den prunkvoll verzierten Wänden.
»Wer oder was ist der Hohe Rat?«, fragte er unvermittelt.
»Der Hohe Rat fungiert als Bindeglied zwischen den
Welten. Man sagt, er besäße die allwissende Macht und diene
Gott als Verbindung von seinem Reich in die Welt der
Lebenden. Nichts geschieht ohne oder gegen den Willen des
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Hohen Rates.«
Joshuas Gedanken arbeiteten auf Hochtouren. Er würde
eine Unterredung mit ihm erbitten. Es würde der Augenblick
kommen, da er die Gelegenheit dazu bekäme und dann
würde man ihm seine Fragen beantworten müssen.
Whyrhd unterbrach ihn und es schien, als ahne er die
gewagten Gedanken seines Schützlings.
»Denk nicht mal dran, Joshua!«, ermahnte er ihn scharf.
»Ich weiß nicht, was du meinst …«
»Ich sehe es in deinen Augen. Dieses gefährliche Blitzen
verheißt nichts Gutes. Also, lüg mich nicht an!«
Ohne sich in Diskussionen verstricken zu lassen, drehte
sich Joshua auf dem Absatz um und setzte seinen
Erkundungsgang fort. Whyrhd folgte ihm und so verbrachten
sie den Rest des Tages damit, die Kathedrale näher in
Augenschein zu nehmen. Whyrhd machte Joshua mit einigen
Plätzen vertraut, an denen sie sich ausruhen konnten, ohne
von Besuchern vertrieben zu werden.
Die Zeit verging wie im Flug, und ehe sie sich versahen,
wurde es dunkel. Die Kirche begann sich langsam zu leeren
und Ruhe kehrte in das jahrhundertealte Gebäude ein.
Doch immer mehr Männer und Frauen traten durch das
Hauptportal, die sich grundlegend von den anderen
unterschieden. Beim Blick in ihre fesselnd leuchtenden Augen
schien es, als würde ein Feuerwerk aus Zuversicht und
Entschlusskraft die Nacht zum Tage machen. Doch ihre
Blicke waren ernst, fast trübsinnig und in sich gekehrt.
Whyrhd, der es sich bereits vor Stunden in einer der
angrenzenden Nischen gemütlich gemacht hatte, erhob sich
nun und ging zu einer jungen Frau, die er sogleich
freundschaftlich umarmte.
Ihr schulterlanges, glattes Haar ließ sie noch zarter und
gebrechlicher wirken und ihre schlichte, schwarze Kleidung
verlieh ihr eine Aura der Unnahbarkeit. Was die beiden
sprachen, konnte Joshua nicht verstehen, aber die Frau kam
daraufhin näher, streckte ihm ihre Hand entgegen und sagte:
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»Hallo, ich bin Saundrine. Whyrhd hat mir gerade so einiges
über dich berichtet.«
Beim Blick in die azurblauen Augen der Frau segelte
Joshuas Geist im ruhigen Meer der Unendlichkeit, um sich
ihr darzubieten.
»Was tust du da?« Instinktiv trat er einen Schritt zurück
und blickte zu Boden.
»Ich habe die Gabe einer Seherin«, erklärte sie ruhig. »Ich
kann in die Seelen eines jeden Schattenwesens blicken. Ich
sehe, welche Abgründe sie in sich trägt.«
»Und was siehst du bei mir?«
»Eine undurchdringbare Mauer der Bedrohung«, sagte sie
schmucklos. Ihre Augen verdunkelten sich und ihre Stirn lag
in Falten. »Du scheinst etwas mit aller Macht verbergen zu
wollen.«
Whyrhd trat zu den beiden und legte den Arm
freundschaftlich um die Schulter seines neuen Schützlings.
»Na? Habt ihr euch schon bekannt gemacht?«, fragte er.
Sie nickte, doch Joshua, der nicht wusste, ob er verärgert
oder verwundert über ihre seltsame Feststellung sein sollte,
erwiderte mürrisch: »Sie meint, ich würde etwas verbergen!«
Whyrhd sah fragend zu Saundrine.
»Es umgibt ihn eine Aura, die ich nicht durchdringen
kann. Ich glaube jedoch nicht, dass er das bewusst steuert,
aber irgendetwas ist dort.«
Mit dieser Feststellung schien für sie die Unterhaltung
beendet, denn sie drehte sich ohne ein weiteres Wort um und
ging zu einer kleinen Gruppe, die unweit des
Kuppelbereiches stand.
Joshua sah ihr verwundert nach und Whyrhd, der seinen
Gesichtsausdruck sofort richtig deutete, versuchte zu
erklären: »Ich weiß, Saundrine ist etwas seltsam, aber sie
besitzt die Gabe, den Weg eines jeden Schattenwesens sehen
zu können. Es ist bislang noch nie vorgekommen, dass sie,
wie bei dir, nicht in der Lage war, das Vorherbestimmte
vollständig wahrzunehmen. Vielleicht hat sie das etwas aus
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der Fassung gebracht …«
»Was hat sie bei dir gesehen?«, wollte Joshua wissen.
»Keine Ahnung! Ich glaube, ich würde es auch gar nicht
wissen wollen. Ich kenne niemanden, der so verschwiegen ist
wie Saundrine, daher vermute ich, würde sie mir sowieso
keinen Einblick in meinen Weg gewähren.«
Whyrhd beugte sich zu Joshua und flüsterte, als stünde sie
direkt neben ihnen: »Weißt du, man sagt, sie besäße ein
Geheimnis, welches sie vor uns geschickt im Verborgenen
hält. Es heißt auch, sie nutze ihr Wissen einer Seherin, um
dies vor uns zu schützen. Ich kenne Saundrine, seit ich
denken kann, doch sie gibt mir immer wieder Rätsel auf.«
Saundrine, als habe sie die leise Unterhaltung
mitbekommen, blickte plötzlich auf und kam erneut zu ihnen
herüber.
»Ich hörte, ihr hattet Probleme mit Aureus?«
»Ja. Seltsamerweise tauchte er nicht nur hier vor dem
Portal auf, sondern Joshua hat ihn auch vor dem Haus der
Chesterfields gesehen.«
Saundrine blickte zu Whyrhds Schüler. »Da bist du dir
ganz sicher?«
»Ja, selbstverständlich! Glaubst du, ich würde lügen?«,
antwortete Joshua hitziger als eigentlich gewollt.
Saundrine sah nachdenklich zu Boden.
»Weißt du, es ist nicht typisch für Aureus, dass er sich
einem Frischling so häufig in so kurzer Zeit nähert. Meist
wartet er, bis sie ausgebildet sind, um zu versuchen, sie auf
seine Seite zu ziehen. Das erspart ihm eine Menge Arbeit und
Zeit«, erklärte sie.
Joshua dachte an die wenigen Worte der Kreatur, die sich
in sein Gedächtnis eingebrannt hatten. Für einen kurzen
Moment war er gewillt, diese Information jetzt preiszugeben.
Doch er hielt inne. Die Reaktionen seiner neuen
Weggefährten zeigten ihm, dass etwas Seltsames im Gange
war. Etwas, was für diese Dimension ebenso als
ungewöhnlich galt, wie es in der Welt der Lebenden der Fall
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gewesen wäre. Und so entschloss er sich, dieses Stückchen
Wissen fürs Erste nicht zur Sprache zu bringen.
»Was ist los mit dir?«, fragte Whyrhd, der ihn mit
wachsamen Augen beobachtet.
»Nichts«, antwortete er ein wenig zu schnell.
»Komm mit, ich zeige dir die Krypta!«, wechselte Whyrhd
zu Joshuas Erleichterung das Thema. Freundschaftlich legte
er den Arm um dessen Schultern und zog ihn von Saundrine
fort. »Es wird Zeit, mit dem Training zu beginnen«, erklärte
er. »Thomas wird bestimmt auch schon unten sein. Wir
haben einiges zu besprechen.«
Sie stiegen die Steinstufen in die unteren Gewölbe
hinunter, aus denen bereits lautes Stimmengewirr und das
Klirren von Metall zu ihnen hinaufdrangen.
Als sie die Krypta betraten, lieferten sich an die zehn
Paare hitzige Schwertkämpfe.
»Hier trainieren wir, sooft es geht«, erklärte Whyrhd. »Es
hält uns fit und wir sind für den Tag X vorbereitet.«
»Der Tag X?«
»Ja, der Tag X! Er wird kommen – der Tag, an dem
Aureus und Abaddon versuchen werden, die Kontrolle über
den Hohen Rat zu erlangen.«
Und obgleich Joshua noch so viele Ungereimtheiten auf
der Seele brannten, beließ er es erst einmal dabei. Doch er
kam nicht umhin, sich selbst du fragen, warum er nicht
einfach nur hatte sterben können? Doch anstelle dieser so
simplen Lösung fand er sich nun weit über die Grenzen des
Todes hinaus in einem Chaos aus Macht, Gier und Krieg
wieder. Und tief im Innersten, begannen quälende Frage zu
keimen: Was definiert das Gute? Was macht Böses zu
Bösem? Und was war richtig oder falsch?
Whyrhd riss ihn aus seinen Gedanken: »He! Hörst du mir
überhaupt zu?«
»Klar«, antwortete Joshua schnell. »Aber was macht ihr
euch für Sorgen? Wir sind doch schon tot. Was also kann es
Schlimmeres geben?«
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Entsetzen stand Whyrhd ins Gesicht geschrieben.
»Was es Schlimmeres geben kann?! Bist du nicht mehr bei
Sinnen? Glaubst du allen Ernstes, deine Seele würde unter
Abaddons Herrschaft Frieden finden? Wir wären Sklaven!
Dazu verdammt, willenlos zu dienen, ohne die Aussicht,
jemals in das Reich der Himmel eintreten zu können!«
»Es tut mir leid«, antwortete Joshua, doch es klang ein
wenig lahm.
Whyrhd sah ihn immer noch entgeistert an, so als stünde
vor ihm nicht der Mann, den er noch vor wenigen Stunden
als einer der ihren bezeichnet hatte.
Joshua bereute es zutiefst, seine derzeit so abstrusen
Gedanken laut ausgesprochen zu haben. Abermals dachte er
an die unmissverständlichen Worte Aureus‘. Und selbst wenn
er die Euphorie seiner Weggefährten nicht teilen konnte, so
wusste er doch es gäbe für ihn keine andere Wahl.
»Dann will auch ich kämpfen. Ich werde für eure Sache
mein Bestes geben!«
Entschlossenheit war in seine Stimme zurückgekehrt.
Einzig ein rasches Aufblitzen der Furcht in seinen
dunkelbraunen Augen zeugte von der Verzweiflung, die in
ihm wütete. Doch Whyrhd bemerkte dies nicht.
»Gut. Dann lass uns beginnen!«, sagte sein Mentor.
Alle Frauen und Männer, die sich in den unteren Hallen
von St. Paul’s im Kampf übten, hielten inne, als Whyrhd mit
lauter Stimme in das stetige Klirren des Metalls hineinrief:
»Hört mich an! Wir haben einen neuen Kämpfer an unserer
Seite!«
Ein Raunen erfüllte den weitläufigen Saal, und als aus der
Menge der kleine, hagere Mann hervortrat, den Whyrhd ihm
kurz zuvor als Thomas vorgestellt hatte, wich das Gemurmel
einem gespannten Schweigen. Ein warmer, freundschaftlicher
Schatten lag über seinem Gesicht, als er seine Hand auf
Joshuas Schulter legte und mit tiefer Stimme, die so gar nicht
zu seiner Statur passte, meinte: »Weise Entscheidung, mein
Freund! Es wäre mir eine Ehre, dich unterrichten zu dürfen.
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Whyrhds Einverständnis vorausgesetzt …«
»Natürlich bin ich damit einverstanden! Es gibt keinen
Besseren als dich, Thomas!«
»Ich meine ja nur … Du bist sein Lehrmeister«, warf
dieser ein.
»Joshua soll aber den Besten bekommen. Und das bist
nun einmal du.«
Zu Joshuas Verwunderung schloss Thomas die Augen.
Einen Sekundenbruchteil später bewegte sich einer der
zahlreichen Dolche aus dem Lederfutteral seines Gegenübers.
Thomas öffnete die Augen und das unscheinbare, glanzlose
Stück Metall begann, sich langsam auf Joshuas Augen
zuzubewegen.
Im Zuge dieser Bedrohung bemerkte er die Veränderung,
die sich über ihm vollzog. Er blickte nach oben und erkannte
das kleine, milchige Etwas sofort wieder, das ihn schon
einmal so unsanft attackiert hatte. Ein hohes Flirren erfüllte
den Raum und nur von fern nahm Joshua das Raunen in der
Menge wahr. Gebannt verfolgte er, wie der zu Anfang so
unscheinbar wirkende Ball nun stetig an Größe zunahm.
Seine Leuchtkraft erhellte jetzt das gesamte Kellergewölbe,
so, als würden gleißende Sonnenstrahlen direkt in den
unterirdischen Saal geleitet.
»Ist das seiner?«, hörte er eine Stimme aus der raunenden
Menge.
»Was zum Henker …?!« Noch ehe Joshua den Satz
vollenden konnte, bewegte sich der Ball langsam auf ihn zu.
»Du brauchst nicht vor ihm zurückzuweichen. Es ist
deiner!« Whyrhd stand jetzt direkt hinter ihm. »Es ist dein
Viamnamis deine Lebensenergie! Er ist ein Teil von dir.«
Joshua sah den Ball jetzt unmittelbar an sich
hinunterschweben und vor seiner Brust innehalten. Und als
wisse er um das Ritual, welches auf ihn wartete, öffnete er die
Hände. Sacht glitt der Ball in seine Handflächen, ohne diese
jedoch zu berühren. Eine seltsame Wärme umfing ihn. Das
ballähnliche Gebilde leuchtete jetzt stärker denn je und
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begann, um die eigene Achse zu rotieren.
Was im nächsten Augenblick geschah, konnte Joshua
nicht genau nachvollziehen: Der Ball schien sich in einen
silbrig glänzenden Strudel aufzulösen. Wie eine Spirale wand
er sich um seinen Körper. Doch fast zeitgleich umgab ihn ein
undurchdringbarer Nebel, so als würden die seltsamen
Teilchen durch ihre Reibung aneinander verdunsten.
Gebannt verfolgte Joshua das Schauspiel, und mit ihm alle
Anwesenden. Ohne zu wissen, warum oder weshalb, griff er
in die Luft. Wie selbstverständlich ertasteten seine Hände
einen massigen Griff. Seine Finger umschlossen kaltes Metall
und bereits im nächsten Moment hielt er ein Schwert in
Händen, welches an Größe und Glanz dem Whyrhds in
nichts nachstand. Beeindruckt betrachte Joshua seine neue
Waffe und blickte fragend zu seinem Lehrer.
»Es hat schon alles seine Richtigkeit! Sieh hinauf!«
Johsua folgte dem Blick Whyrhds. Das Deckengewölbe
erstrahlte in gleißendem Licht und Joshua legte schützend die
Hand vor die Augen. Doch dann, als bediente jemand einen
Regler, normalisierte sich die Helligkeit und er erkannte ein
Meer von kleinen und großen Bällen.
»Ein jedes Schattenwesen trägt seinen Viamnamis in sich.
Es ist ein Teil von uns und wann immer wir es brauchen,
wird es uns zu Diensten sein. Dein Viamnamis vereint sich
mit dir und zum Schutze deiner selbst erhältst du in unserer
Welt eine Waffe, die deinen jeweiligen Fähigkeiten und
Vorlieben angepasst ist.«
Joshua betrachtete das Schwert in seinen Händen.
»Da habe ich aber viel von diesem Viamnamis …«, meinte
er trocken.
Thomas lachte lautstark und antwortete verschmitzt: »Ja,
mein Freund. In der Tat! Wenn ich mir da so meine Waffe
ansehe …«
Und auch Whyrhd konnte sich ein Schmunzeln nicht
mehr verkneifen.
»Was bedeutet die Inschrift?«, fragte Joshua jetzt und
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wandte seinen Blick Whyrhd zu, dessen Lachen
augenblicklich erstarb.
»Welche Inschrift?«
»Na, die auf der Klinge.«
Auch das Interesse von Thomas war nun geweckt. Beide
Männer gingen einige Schritte auf Joshua zu und dieser hob
das imposante Stück Metall in die Höhe, sodass man es
genauer betrachten konnte. Das Schwert war schlicht, ohne
Zweifel, aber doch ging von ihm eine Magie aus, die
sämtliche Blicke auf sich zog. Zwei Flügel, die sich um den
Griff wanden, bildeten seine einzige Verzierung. Auf beiden
Schneiden des blanken Stahls waren Inschriften der Länge
nach eingraviert:
»LUDIT IN HUMANIS DIVINA POTENTIA REBUS«
»SI MONUMENTUM REQUIRIS CIRCUMSPICE«
Ein unwirkliches Licht umgab die Lettern und Joshua fühlte
sich an die außergewöhnliche Leuchtkraft seines Viamnamis
erinnert. Thomas und Whyrhd starrten immer noch gebannt
auf die Buchstaben.
»Was steht da?«, wollte Joshua wissen.
Gespannte Stille beherrschte den Raum. Erst nach
Minuten, die ihm wie eine Ewigkeit vorkamen, begann
Thomas zögerlich: »Deine Waffe trägt die Inschrift des
Hohen Rates. Du findest sie überall hier in St. Paul’s.«
Es war ihm deutlich anzusehen, dass er nur einen kleinen
Teil dessen preisgab, was er tatsächlich wusste. Sichtlich
nervös blickte er von Whyrhd zu Joshua und wieder zurück
und versuchte dann recht unbeholfen, das Thema zu
wechseln.
»Ich möchte wetten, dass du bestimmt ein herausragender
Kämpfer wirst! Ich würde gern gleich mit deinem Unterricht
beginnen. Lass uns keine Zeit verlieren!«
»Warum weichst du mir aus?«, fragte Joshua
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herausfordernd.
»Für alles gibt es eine Zeit, mein Freund. Frage nicht
nach dem Warum! Nimm es als Geschenk und mache dir
seine Fähigkeiten zu Nutze. In allem liegt ein Sinn, eine
Fügung. Also übe dich in Geduld, denn das Schicksal wird dir
zur rechten Zeit Antworten auf deine Fragen geben«, sagte
Thomas ruhig. »Bist du jetzt bereit für deinen ersten Kampf?«
Joshua nickte.
Die Männer begannen ihren Kampf und das mächtige
Schwert in Joshuas Hand verschmolz mit ihm zu einer
mentalen Einheit. Kraft und Ruhe durchströmten seinen
Körper, und obgleich seine neue Waffe ein enormes Gewicht
besaß, lag es in seinen Händen wie eine Feder. Ohne zu
wissen, warum, wusste er, welche Hiebe er ausführen musste,
um den blitzschnellen Attacken von Thomas auszuweichen.
Dieser griff Joshua mit seinen Dolchen an, die aufgrund ihrer
geringen Größe wie Pfeilspitzen durch die Luft schossen. Die
Messer fielen klirrend zu Boden, als die schwungvollen Hiebe
des Schwertes sie trafen. Doch Joshua unterschätzte die
mentalen Fähigkeiten seines Gegners. Die so harmlos wie
unscheinbar wirkenden Werkzeuge erhoben sich in
Windeseile wieder hoch in die Luft, um ihn erneut in einen
Kampf zu verstricken.
Thomas zog alle Register. An die dreißig Dolche
schwirrten mittlerweile auf Joshua zu und so sehr er und sein
Schwert sich auch drehten und die Waffen abzuwehren
versuchten, letztendlich unterlag er. Sechs Klingen hatten
seinen Kopf dicht eingekreist und warteten auf die
Anweisungen ihres Meisters.
»Ich gebe auf!«, sagte er atemlos und ein Grinsen lag, trotz
der Niederlage, auf seinem schweißnassen Gesicht. Er fühlte
sich leicht, ja, fast glücklich. Der Kampf hatte ihm alles
abverlangt, doch gleichzeitig gab er ihm ein Gefühl der
Befriedigung.
»Du hast dich, wie erwartet, als würdigen Gegner
erwiesen«, meinte Thomas.
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Erst jetzt entfernten sich die kleinen Waffen und
schwebten, als würden sie den Weg nach Hause antreten,
langsam in die Futterale an Thomas’ Brustgurt zurück.
Whyrhd kam auf Joshua zugestürmt und umarmte ihn
euphorisch.
»Das war wirklich großartig!«
»Ich habe nicht gewonnen«, gab Joshua zu bedenken.
»Ich sagte ja schon, Thomas ist der Beste! Aber du hast
dich hervorragend geschlagen. Nicht war, Thomas?«
»Ohne Zweifel. Für deinen ersten Kampf außergewöhnlich. Mit ein wenig mehr Übung wirst du ein mehr als
ebenbürtiger Gegner im Kampf gegen die Mächte der
Dunkelheit werden.«
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