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21. JULI 2016 No 31
15.01.16 09:11
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Worauf wir uns noch
verlassen können
Anschläge, Putschversuche, Säuberungsaktionen.
Wir erleben ein globales Drama. Was kommt auf uns zu?
Und was gibt uns jetzt Halt? POLITIK
Der Zauber des
späten Glücks
»Kommt da noch
was?«, fragen sich
viele Singles über
50. Aber ja! –
Wie Ältere eine
neue Liebe finden
und sie erleben.
Letzter Teil
unserer Serie
ZEITmagazin
TRANSATLANTISCHER HANDELSPAKT
ZUKUNFT DER TÜRKEI
Abschied tut weh
Treue tut weh
Warum ein Ende des Handelsabkommens TTIP den weltweiten
Rückzug ins Nationale beschleunigen würde VON UWE JEAN HEUSER
Warum der Westen die Türkei trotz aller Katastrophen
unbedingt in der Nato halten sollte VON MICHAEL THUMANN
W
enn zwei Nationen frei‑
en Handel miteinander
betreiben, profitieren
beide davon. Das gilt
selbst dann, wenn die
eine der anderen in allen
Belangen überlegen ist. Denn für beide wird
der Markt größer, und die erste Nation stellt
mehr von dem her, was ihr besonderen Vorteil
bringt. Das lässt der zweiten Nation Raum,
um mehr von dem zu produzieren, auf das sie
sich vergleichsweise gut versteht.
So sagt es die Handelstheorie des briti‑
schen Ökonomen David Ricardo. Gerade für
die Deutschen funktioniert die 200 Jahre alte
Idee wie aus dem Lehrbuch. Sie stellen Ma‑
schinen und Autos für alle Welt her und kau‑
fen von Kleidung bis zu Computern vieles
günstig im Ausland ein, was sie früher selbst
produziert haben. Umso bemerkenswerter ist
es, dass ausgerechnet der deutsche Wirt‑
schaftsminister die Lust am Freihandel zu
verlieren scheint.
Titelillustration: Smetek für DIE ZEIT
Die Globalisierung wird
zurückgedreht
Sigmar Gabriel und seine SPD wollen das trans‑
atlantische Handelsabkommen schon begraben,
während die EU noch mit den Amerikanern
darüber verhandelt. Sie setzen damit ein Zei‑
chen: TTIP ist am Ende. Selbst wenn die Ver‑
handler aus Brüssel und Washington sich nach
drei Jahren und 14 Gesprächsrunden über­
raschend noch auf mehr einigen als den Abbau
von ein paar Zöllen: Wer kann sich vorstellen,
dass ein in sich gekehrtes Amerika und alle Par‑
lamente im globalisierungskritischen Europa
dem ambitioniertesten Freihandelsprojekt der
Geschichte zustimmen werden?
TTIP war ein Zeichen der Hoffnung in
einer Welt, in der die Globalisierung längst
zurückgedreht wird. Staaten schränken den
Rohstoffhandel ein, wenden sich gegen aus‑
ländische IT-Produkte und sorgen dafür, dass
öffentliche Stellen bei heimischen Unterneh‑
men einkaufen. Zwischen Mitte 2014 und
Ende 2015 haben allein die großen Länder
der Welt rund 200 neue Barrieren errichtet
und in derselben Zeit nicht einmal 20 alte
Hürden entfernt.
Demgegenüber sollte TTIP gut zehn Pro‑
zent der Menschen, die fast die Hälfte des
planetaren Wohlstands erzeugen, in einem
riesigen Binnenmarkt vereinen – und dabei
hohe Standards für Arbeit, Produkte und
Umwelt setzen, an denen auch die Chinesen
nicht vorbeikämen. Doch gerade dieser Ge‑
danke, dass der Westen die Globalisierung
noch einmal nach seiner Fasson voranbringt,
ist untergegangen. Fundamentalopposition
bestimmt die Debatte. Es geht um Chlor‑
hühnchen, Gen-Essen oder Schiedsgerichte,
die angeblich den bösen Konzernen in die
Hände spielen. Mit jedem Einwand, den die
EU aufgreift, provoziert sie neue Klagen.
Es passt zum weltweiten Rückzug ins Na‑
tionale, dass die im globalen Maßstab kleinen
Differenzen mit Amerika aufgebauscht wer‑
den. Und es wird für Politiker schwer, sich
dem entgegenzustemmen. Aber zur Wahrheit
gehört auch, dass Berlin und Brüssel die­
Sache denkbar arrogant angegangen sind.
Lange tat man so, als sei TTIP nur Routi‑
ne – ein Handelsabkommen wie Hunderte
zuvor. Da hatte die Finanzkrise längst die Wut
auf die Globalisierung geschürt. Außerdem
übersahen die Politiker: Mit dem Abbau von
Zöllen an den Außengrenzen kommt man im
Westen nicht mehr weit, weil es kaum noch
welche gibt. Deshalb soll TTIP Regeln im
Herzen der Gesellschaft vereinheitlichen – bei
technischen Standards oder im Verbraucher‑
schutz. Was da geschieht und warum, hätten
die Verhandler von Anfang an offenlegen und
erklären müssen.
Vor allem haben sie vergessen, das Klein­
gedruckte bei Ricardo zu erwähnen. Zwar
lässt der Freihandel den Wohlstand einer­
Nation insgesamt wachsen, aber nicht den­
aller Bürger. Bauern können ihre Existenz ver‑
lieren, Arbeiter ihren Job, Verbraucher ihr lieb
gewonnenes Produkt. Die Politik muss sich
das eingestehen und von vornherein ver­
suchen, den Verlierern zu helfen.
Das zaudernde Europa hat gezeigt, wie
man es nicht macht. Wer heute noch Globali‑
sierung will, muss schon geschickter vor­
gehen. Und Tollkühnheit gehört auch dazu.
www.zeit.de/audio
Das Mysterium
der Flugpreise
Warum ein Flug den
einen Gast 100 Euro,
seinen Sitznachbarn
aber 800 Euro kostet
Wirtschaft
PROMINENT IGNORIERT
D
Und wenn Erdoğan, wie angedroht, die To‑
desstrafe wieder einführt, schlägt er die Tür
zur EU selbst zu. Der Türkei und der EU
blieben dann noch die Zollunion und bilate‑
rale Abkommen, auch der Flüchtlingspakt.
Doch bei der Nato liegt der Fall ganz anders.
Da ist man drin oder draußen. Die Todes‑
strafe ist kein Kriterium, die haben die USA
auch. Nichts spricht für den Rauswurf der
Türkei, viel für das Gegenteil.
Erstens können die USA und Europa
durch die Nato den stärksten Einfluss auf
Erdoğan ausüben. Solidarität ist das stärkste
Argument für ein Land, das Syrien, das Ban‑
ditenkalifat und den Irak als Nachbarn hat. In
Incirlik stehen nicht umsonst Nato-Soldaten,
auch deutsche. Ob die demoralisierte Armee
der Türkei allein die Fronten halten könnte,
ist fraglich. Das Land ist zerbrechlich, von
Identitätsfragen zerrissen. Türken gegen Kur‑
den, Sunniten gegen Aleviten, Gläubige ge‑
gen Säkulare. Da sollte die Nato ihre Klam‑
mer nicht fortnehmen. Ein Syrien reicht.
Auch früher hat sich die Allianz nicht zu
Die Türkei ist gefährdet.
Kurzschlussreaktionen hinreißen lassen. Die
Jedes Wort zählt
Türkei trat 1952 bei, ihr Militär putschte
Die Nato bindet die Türkei fest an den Wes‑ 1960, 1971, 1980 und 1997. Die Armee roll‑
ten. Die Mitgliedschaft in der EU sollte der te über die Demokratie hinweg – aber die
zweite Anker sein. Der türkische Staatsgrün‑ Türkei blieb in der Nato. Ihre Mitglieder war‑
der Kemal Atatürk starb, bevor diese Bünd‑ teten, und immer fand Ankara zur Demokra‑
nisse gegründet wurden. Aber sie passten zu tie zurück. Für die Nato ist die Türkei der
seinem Traum: die Türkei unwiderruflich im strategische Pfeiler im Südosten. Zu wichtig,
Westen zu halten. Atatürk wollte die Repu‑ um ihn Wladimir Putin in Moskau oder Aja‑
blik als säkularen Soldatenstaat. Er sollte mit tollah Chamenei in Teheran zu überlassen.
dem Rücken zum Nahen Osten stehen,­ Vor Kurzem hat sich Erdoğan wieder Russ‑
Osmanenprunk, Kalifat und Dominanz der land angenähert. Nach dem Putsch telefonier‑
Religion begraben. Zur Demokratie wurde te Putin mit ihm, noch vor den westlichen
die Türkei erst später. Der Volkstribun Er‑ Führern. Eine bündnislose Türkei wäre für
doğan hatte die Chance, Bürger und Staat Moskau ein Geschenk. Im Westen verliert die
demokratisch zu versöhnen. Die ist nun dop‑ EU gerade Großbritannien, da sollte die Nato
pelt verspielt, von den putschenden Genera‑ nicht im Osten die Türkei ausschließen.
Hier zählt jedes Wort. Westliche Politiker
len und von Erdoğan selbst. Unerhörtes pas‑
siert: Das Volk lyncht »Mehmet«, den einfa‑ dürfen sich nicht in die Trennung hinein­
chen Soldaten. Eine Revolution. Es droht das drohen. Wenn sich die Türkei vom Westen
Ende der von Atatürk geschaffenen Republik. entfernt, ist das Sache der Türken und die
Für die EU bedeutet das: Beitritts­ Entscheidung ihres erratischen Führers. Doch
verhandlungen haben aktuell keinen Sinn. Amerika und Europa sollten Atatürks Traum
Man kann mit der Türkei nicht über Rechts‑ nicht selbst begraben.
staat und Freiheit verhandeln, wenn unklar
ist, wie sie nach ihrer Umwälzung aussieht.
www.zeit.de/audio
ie Türkei entfernt sich von
Europa. Auf den Militär‑
putsch reagiert Präsident
Erdoğan mit einem Gegen‑
coup. Nach den Putschisten
verbreitet er Angst im Land.
Ein Fünftel aller Richter wurde entlassen,
Tausende Beamte gefeuert. Soldaten und Be‑
amte werden in Scharen verhaftet, Wehrpflich‑
tige misshandelt. Der Sieg über die Putschisten
bringt nicht mehr Demokratie, sondern eine
Generalsäuberung. Und was kommt noch?
In dieser hochexplosiven Lage warnt USAußenminister John Kerry die türkische Re‑
gierung, dass »zur Nato-Mitgliedschaft demo‑
kratische Pflichten« gehörten. Auch wenn
sein Sprecher nachschickte, man denke nicht
an Rauswurf, bleibt doch eine Ahnung d
­ avon
im Raum. Die Nato sieht sich als ein Verteidi‑
gungsbündnis von Demokratien. Die EU hat
Demokratie fest in ihre Grundakte geschrie‑
ben. Darf eine undemokra­tische Türkei Mit‑
glied in westlichen Bündnissen sein?
Bilder vom Essen
Ein Drittel aller Deutschen, so eine
Umfrage, liebt es, die selbst zuberei‑
tete Mahlzeit abzulichten und ins
Netz zu stellen. Aus Notzeiten weiß
man, dass sich die Hungernden
»Gesottenes und Gebratenes«, wie
es in den Märchen heißt, her­bei­
fanta­sier­ten, um imaginär satt zu
werden. Wo permanent Sattheit
herrscht, ist die Abbildung schon
fast der ganze Genuss. Sollte es ein‑
mal ernst werden, dann hat man
immerhin noch die Fotos. GRN.
Kleine Fotos (v.o.): Kapitza/Getty Images; Monaghan/Getty Images; Anja Bäcker/Plainpicture
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