SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Musikstunde
Ein Königreich der Gambe!
Bogenklänge zwischen Orient und
Okzident (4)
Von Sabine Weber
Sendung:
Donnerstag, 23. Juni 2016
Redaktion:
Ulla Zierau
9.05 – 10.00 Uhr
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere
Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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„Musikstunde“ mit Sabine Weber
Ein Königreich der Gambe!
4. Bogenklänge zwischen Orient und Okzident
SWR 2, 20. – 24. Juni 2016, 9h05 – 10h00
Signet: SWR2 Musikstunde
MODERATION
Je nach Sitten und Gebräuchen anders klingend, anders ausgestattet bis hin zu
Camouflage.
Die Viola da gamba und ihre vielen Erscheinungsformen beschäftigen uns heute.
Ich bin Sabine Weber. Herzlich Willkommen!
Titelmusik
MODERATION
„Ihre Stimme sei die eines Botschafters“, behauptet ein gewisser Hubert le Blanc
1740, „ein wenig nasal und äußerst vornehm“.
Verfolgt man ihre Spuren, die von Arabien bis nach Europa führen, ihren
verschlungenen ‚Eurokurs’ durch Spanien, Italien, Deutschland, England bis nach
Frankreich, dann fällt es wie Schuppen von den Augen: das ist das Itinerar einer
Diplomatin! Und wie sich das für eine noble Aristokratin im Dienste ihrer Sache
gehört, passt sie sich den jeweiligen Gewohnheiten und Moden des
Gastgeberlandes an: mal ist es der mondäne Hut mit Pferdekopf, dann wieder
der mit rankendem Weinlaub und pausbäckigem Bacchus’, mal ist es die nach
unten trapezförmig auslaufende Kastenrockform, die elfenbeinerne Bordüre,
oder die mit äußerster Diskretion, aber souverän zur Schau gestellte und im Trend
liegende Körperbemalung oder Tätowierung: das Blumenbouquet oder
symmetrische Rautenmuster.
Als Georg Philipp Telemann an seiner Konzertsuite in D-dur schreibt, denkt er nicht
nur an ihren diskreten Charme, sondern auch an brillante Eloquenz. Als Kenner
und Vertreter des sogenannten „vermischten Geschmackes“, zu seiner Zeit
Anfang des 18. Jahrhunderts eine wichtige Strömung im musikalischen
Nationengeschäft. Und natürlich offeriert er ihr auch neue Klanganreize: im Tutti
kollaboriert sie nicht etwa mit den Bässen – oh nein! Das Protokoll führt sie parallel
in der Unteroktave zu den Violinen. Alles weitere erzählt sich wie von selbst.
In unserer heutigen Ouvertüre mit der Camerata Köln.
3
4.1
LC00761 HMF 1998 05472773242 Länge: 4'26
Georg Philipp Telemann, Ouvertüre aus der Suite D-dur TWV55:d6,
Rainer Zipperling, Viola da gamba, Camerata Köln, Michael Schneider LTG
MODERATION
Die Camerata Köln unter Michael Schneider mit der Ouvertüre aus der Suite in Ddur für konzertierende Viola da gamba (Telemannwerkverzeichnis 55:d6). Der
Solist war Rainer Zipperling. Deutlich heraus zu hören ist die Viola da gamba
allerdings nur im schnellen Mittelteil gewesen. Ansonsten hat sie sich in’s Tutti der
Violinen gemischt, nur eine Oktav tiefer. Etwas ungewöhnlich. Sie ist ja eigentlich
ein Tenor-Bassinstrument.
Der Reiz des Besonderen, das sich jeder Einordnung entzieht, ist eines ihrer
untrüglichen Markenzeichen. Das trifft für die westeuropäischen Bass-Tenor- und
die kleine Sopran- oder Diskantgambe zu. Aber vor allem lässt sich das an den
Vertreterinnen der international weitverzweigten Familie der sogenannten
„Kniegeigen“ beobachten.
Und dem ersten europäischen Auftritt einer Kniegeige, einem in senkrechter
Haltung gestrichenen und auf dem Schoß oder mit den Beinen zwischen den
Knien gehaltenen Instrument, geht eine aufregende Geschichte voraus:
Familienkriege zwischen den Herrscherhäusern in Damaskus führen dazu, dass
Araber bis nach Cordoba auswandern. Im südlichen Zipfel Spaniens errichteten
sie sich ein neues Reich. Im 10 Jahrhundert bringen sie ein unscheinbares
Streichinstrument ins Spiel. Rabab oder Rebec wird es genannt. Das Staunen
darüber WIE es zum Klingen gebracht wird ist aber dann doch groß: die Saiten
des Instruments werden gestrichen! Auf die Idee ist man im Westen, in Europa bis
Dato noch nicht gekommen. Lernfähig, wie die Europäer nun mal sind, wird das
Streichen übernommen. Und wird mit dem doch dürftigen Klangkörper in Birnen,
Acht- oder Flaschenform experimentiert. Anfang des 16. Jahrhunderts ist die
‚Kniegeige’ nicht mehr wiederzuerkennen! Statt der zwei oder drei besitzt sie 6
Saiten. Ihr Körpermaß ist fast auf Cellogröße angewachsen. So wird sie von
Spanien nach Italien weitergereicht und reist von dort mit dem Stempel „welsche
Geyge“ im Reisepass nach Deutschland und England, um schließlich als
formvollendete Musikinstrumentenschönheit, als Basse de viole in Frankreich
großartigeTrumpfe zu feiern. Mit siebenter Saite! „Diß Instrument, Basse de Viole,
wird in Franckreich sonderlich hoch gehalten und sehr excolirt.....“, bemerkt
Johann Mattheson 1713 in seiner Abhandlung über Das Neueröffnete Orchester
(O.282). In Deutschland wird zu Protokoll gegeben, was die Basse de viole
4
musikalisch erreicht. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn der deutsche
Georg Philipp Telemann der angeblich so sanften und intimen Stimme der Viola
da gamba aufträgt, eine Trompete zu imitieren. La Trompette, so der Titel des
zweiten Satzes aus der bereits eben erklungenen Suite für Streicherbesetzung und
konzertierende Viola da gamba.
4.2
WDR Eigenproduktion Länge: 2'06
Georg Philipp Telemann, La Trompette aus der Suite D-dur TWV55:D6,
Sarah Cunningham, Orchestra of the Age of Enlightenment, Monica Huggett LTG
MODERATION
La Trompette aus der Suite D-dur für Viola da gamba, 2 Violinen, Viola,
Violoncello und Generalbass. Das Orchestra of the Age of Enlightenment unter
Monica Huggett hat Sarah Cunningham begleitet.
Die Gambe hat hat nichts mit den Geigeninstrumenten zu tun. Sie hat spitz
zulaufende und nicht über den Rand überstehende Zargen – Zargen sind die
Seitenteile. Sie besitzt in der Regel einen flachen Rücken, der bei den
europäischen Violininstrumenten wie Violine, Bratsche und Cello gewölbt ist. Und
hat mindestens sechs oder sieben Saiten. Schnitzereien und Verzierungen am
Wirbelkasten, auf dem Griffbrett oder Korpus fallen sofort ins Auge. Gestrichen
wird sie mit dem Bogen, der allerdings wie ein Löffel, im sogenannten
Unterhandgriff geführt wird. Vielleicht haben Sie sich schon einmal gefragt,
warum Kontrabassisten in unseren Orchestern den Bogen löffelartig - von unten
und nicht von oben wie die benachbarten Streicher - führen. Sie streichen ja
auch eine Bassviole! Der Kontrabass ist der einzige Vertreter der Kniegeigen, der
in die Orchesterfamilie adoptiert wurde. Ansonsten bevorzugen die kleineren
Gambeninstrumente auch eher den kammermusikalischen oder solistischen
Auftritt.
Jordi Savall nimmt es jetzt mit mehreren Dudelsäcken auf der Gambe auf,
beziehungsweise er ahmt die schnarrenden und lärmenden Instrumente auf der
Gambe nach. Auch wie der Spieler erst einmal Luft in seinen Sack arbeitet. Diese
gambistische Dudelsack-Nummer findet sich in einem nach seinem
Aufbewahrungsort Manchester-Tabulatur genannten Manuskript. Mitte des 17.
Jahrhunderts ist es entstanden.
5
4.3
Unbekannt ALIAVOX AV9803 Länge: 5'53
The Lancashire Pipes, Jordi Saval, Viola da gamba
MODERATION
Beim Imitieren von Dudelsäcken kommt die Gambendame auf Hochtouren!
Lancashire Pipes - Dudelsäcke aus Lancashire. So heißt dieses, in einem
englischen Manuskript anonym überlieferte Stück, für das Jordi Savall einige
Saiten skordiert, heißt umgestimmt hat. Die Saiten der Gambe sind in der Regel in
Quarten und einem Terzabstand gestimmt. Eine verstimbte Violdigamba ist aber
nichts ungewöhnliches. In England kennt man bis zu 52 verschiedene
Verstimmungen! Und Lyra-viol nennt man eine Gambe, die so konstruiert ist, dass
man nicht nur die Seiten leicht umstimmen, sondern auch Akkorde einfacher
greifen und die Saiten gleichzeitig streichen kann.
4.4
LC XXX GLOSSA 920403 Länge: 2'10
William Corkine, The Punckes Delight, Paolo Pandolfo, Viola da gamba
MODERATION
Paolo Pandolfo mit The Punckes Delight von William Corkine, einem englischen
Komponisten des 17. Jahrhunderts. Bei Puncke handelt es sich laut englischem
Großlexikon um eine Art Kaspar, womit der Titel dieses Stückes mit Kaspars
Ergötzung oder Unterhaltung zu übersetzen wäre.
Ergötzend ist, dass auf der Viola da gamba viele Obertöne mitschwingen
können. Jeder einzelne Ton ist ein Klang. Damit die fleischige Fingerkuppe beim
Abgreifen der Töne die Schwingungen der Darmsaite nicht dämpft, werden
noch heute auf dem Griffbrett Bünde geknüpft. Setzt der Finger exakt hinter dem
Bund auf, dann schwingt die Saite silbrig und hell wie eine leere Saite.
Mitschwingende Resonanzsaiten sind faszinierend. In Süddeutschland entsteht
nur aus diesem Grund der Baryton. Bei diesem Gambeninstrument sind auf der
rechten Korpusdecke zusätzliche Metallsaiten gespannt. Auch auf der hinteren
Seite des Griffbretts werden Saiten gespannt, die der Daumen der linken Hand
sogar zupfen kann. So viele Saiten wollen erst einmal befestigt sein. Eine riesige
Doppelschnecke, damit die Wirbel von all den Saiten Platz finden, ein breites
Griffbrett und plumpe Körpermaße sind die Konsequenz. Die Instrumentenbauer
überspielen die Gewichtsprobleme mit Schnitzereien und Intarsienarbeit. Die
wohl bekanntesten Werke für den Baryton komponiert Joseph Haydn, die
6
sogenannten Baryton-Trios. Hier ein Satz aus dem Trio Nr 47 in G-dur
Hobokenverzeichnis 11 für die Besetzung Violoncello, Viola und Baryton. Den
Baryton spielt Alfred Lessing.
4.5
WDR Eigenproduktion Länge: 5'25
Joseph Haydn, Adagio aus Trio Nr. 47 G-dur Hob XI:47 für Baryton, Viola und
Violoncello
Baryton-Trio Lessing, Wolfgang Lessing, Baryton
MODERATION
Das Baryton-Trio Lessing mit dem ersten Satz aus dem Trio Nr. 47 in G-dur
Hobokenverzeichnis 11 von Joseph Haydn.
Resonanzsaiten, wie die des Barytoninstruments, das im übrigen wie eine Gambe
gespielt wird, schwingen nicht erst seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Michael Praetorius berichtet bereits 1619 über dererlei klangtechnische
Experimente: „jetzo ist in Engelland noch etwas sonderbares... erfunden/ dass
unter den rechten gemeinen sechs Saitten/ noch acht andere Stälene und
gedrehte Messings-Saitten....liegen...und ...per consensum zugleich mit zittern und
tremulieren...“ (Wolfenbüttel 1619;O.58). Dem hat der Musikethnologe Curt Sachs
1914 eine abenteuerliche Hypothese hinzu gefügt. Die laut Praetorius englische
Erfindung sei nämlich aus Asien exportiert worden. Durch den schon im 17.
Jahrhundert expandierenden englischen Welthandel sei sie im Mutterland
bekannt geworden.
Blicken wir also in den Osten, in Richtung arabische Welt. In Pakistan, im
nordwestindischen Rajastan und in Südafghanistan ist noch heute eine mit
mehreren mitschwingenden Resonanzsaiten versehene Knie- besser Schoßgeige
oder Gambe in Gebrauch: die Sarinda.
Das aus einem Stück Holz geschnitzte zierliche Instrument besitzt eine, den
oberen und unteren Korpusteil trennende schmale Taille. Der untere Korpusteil ist
mit einer Tierhaut abgedeckt. Darüber ein Steg und viele Saiten. Das Griffbrett
mündet in einen Wirbelkasten, der in einem nach hinten geschwungenen
Halbmond endet, oftmals verziert mit Vogelschnitzereien. Die Saiten sind alle aus
Metall aber nur zwei oder drei werden mit dem Bogen bespielt. Zum Abgreifen
verschiedener Töne werden die Saiten nicht etwa mit den Fingerkuppen, sondern
mit den Fingernägel seitlich leicht berührt. Ein Flageolett-Tönen ähnlicher,
obertonreicher, heller Klang entsteht, wenn der Bogen streicht. Die Sarinda wird
im orientalischen Schneidersitz gespielt.
7
4.6
LC6759 WORLDNETWORK Länge: 2’43
Sarindasolo, Abdul Rashid, Sarinda, Ghol Alam, Dhol
MODERATION
Der Afghane Abdul Rashid auf der Sarinda. Das ist eine asiatische Gambe, die in
Südafghanistan gespielt wird. Begleitet hat Ghol Alam auf der Dhol. Mögen ihrer
beider Instrumente derzeit musikfreundliche Zeiten erfahren. Musik ist Hoffnung für
die Zukunft, so hat sich das Mistislaw Rostropówitsch in einem seiner letzten
Interviews gewünscht: „Schönheit bewegt und bezwingt jeden Menschen. In
Afghanistan müssen die Musiker sofort nach dem Krieg tausend Musikschulen
gründen, damit die Kinder mit Streicherbögen statt mit Waffen spielen lernen.“
Wir hoffen, dass sein Wunschtraum wenigstens zum Teil inzwischen wahr
geworden ist ...
… und brechen auf in die mongolische Steppe.
4.7.1
LC 08648 JARO4236-2 Länge: 6'01
Chiraa-Khoo, Huun-Huur-Tu
MODERATION
Naturhafte Geräusche schwingen in der Musik der Tuva immer mit. Pfeiflaute,
Vogelgeräusche, das Traben von Pferden oder Kamelen. Die Steppe in der
nördlichen Mongolei oder im südlichsten Teil Sibiriens ist weit. Auf der Hochebene
des Altaigebirges wohnen die Stammesangehörigen der Tuva. Huun-Huur-Tu
heißt eine Gruppe von tuvinischen Musikern, die sich, weil inzwischen in der
ganzen Welt auf Tournee, als Musiknomaden bezeichnen. Bekannt sind sie durch
ihren Kehlkopfgesang. Uns interessieren aber ihre Kniegeigen:
4.7.2
LC08648 JARO4236-2 Länge: 5'52
Fantasy on the Igil, Huun-Huur-Tu
4.7.3
LC08072 FACE MUSIC FM50026 Länge: 2'07
Morin Khuur, Ensemble Temuzhin
8
MODERATION
Das kleinere Instrument besitzt einen trommelartigen Klangkörper, steht auf dem
Oberschenkel wenn es gespielt wird und heißt [I'gihl] Igil.
Das größere mit trapezförmigem Klangkörper wird zwischen den Knien gehalten
und heißt Morin Khuur.
Die Morin Khuur ist das Nationalinstrument der Mongolen auf welchem traditionell
Nomaden gespielt haben. Der Wirbelkasten oberhalb des Griffbrettes ist von
einem Pferdekopf geziert. Die Pferdekopfgambe wurde früher auf dem Boden
sitzend gestrichen. In den Jurten standen ja keine Stühle. Inzwischen sitzen die
Spieler auf einem Stuhl, wenn sie die beiden in Quartabstand gestimmten Saiten
des Instruments streichen. Dabei wird der trapezförmige Korpus wie eine Gambe
auf den Waden gehalten. Der Steg ist sehr hoch. Die Saiten bestehen aus einem
Bündel von Pferdehaaren und liegen extrem weit über dem schlanken Griffbrett.
Zum Abgreifen der Töne werden die ‚Pferdehaarsaiten’ mit den Fingern der
linken Hand nicht aufs Griffbrett gedrückt, sondern nur leicht berührt. Die Saiten
werden mit einem Bogen gestrichen, der ebenfalls mit Pferdehaaren bezogen ist.
Es ist ein Begleitinstrument für den Sänger.
Da gibt es eine Legende. Ein Mann hatte ein Pferd, das fliegen konnte. Und er
flog mit diesem Pferd zu seiner Geliebten. Eines Tages erfahren die Nachbarn von
dem Pferd. Sie werden neidisch. Und schneiden dem Pferd die Flügel ab. Als der
Mann heraus kommt, ist sein Pferd schon tot. Er trauert und nimmt von seinem
Pferd die Haare, bastelt ein Musikinstrument und spielt auf den Pferdhaaren. So
kann er in seinem Inneren seine Geliebte wieder besuchen und spielen, wie er zu
ihr reitet …
Bogenklänge aus dem Orient. Ein kleiner Ausflug in die entfernten Welten
gestrichener Kniegeigen.
Orient und Okzident sind nicht zu trennen. Diese Vision hat ein Johann Wolfgang
von Goethe formuliert. Das gilt sicherlich für unser heutiges Thema. Denn das
Streichen eines senkrecht gehaltenen Instruments, das auf dem Schoß (im
Schneidersitz) oder auf den Beinen gehalten wird ist, so Ian Woodfield in seinem
Buch über die Frühgeschichte der Viola da gamba, eine orientalische Praxis. Als
sie im Westen im 10. Jahrhundert aufkommt, wird sie auch für eine solche
angesehen. Vielleicht wären die Europäer allein aufs Streichen gekommen! Ohne
die Araber hätte sich diese Entdeckung wahrscheinlich nur um einige
Jahrhunderte verzögert.
Apropos Orient – Okzident von woher stammt die folgende Musik?
9
4.8
LC07038 CHANDOS 9320 Länge: 6’45
Istanpitta Ghaetta, The Dufay Collective
MODERATION
Eine melodisch bestimmte Musik, in welcher sich alle beteiligten Instrumente im
Unisono wiederfinden, von Bordunklängen oder von parallel geführten Quarten
und Quinten abgesehen. Das klingt verdächtig nach homophoner arabischer
Musik. Ist aber mittelalterliche Tanzmusik aus dem 13. Jahrhundert. Und kommt
aus Nordfrankreich (im Manuscrit du Roi). Rekonstruiert vom Dufay-Collective.
Diese Musik wird nur in rudimentären Neumen aufnotiert. Aus dieser Zeit gibt es
Lieder der Trouvèrs und Tänze, Estampies genannt. Estampies sind untextierte
Instrumentalstücke. Im 14. Jahrhundert tauchen sie dann auch in Italien auf. So
die Istanpitta Ghaetta, die wir gerade gehört haben.
Zum Einsatz kamen neben Laute und Harfen: Vieilles und Rebecs oder Rababs.
Gestrichene Kniegeigen also, die als Vorläufer der Viola da gamba gelten. Keine
dieser frühen Kniegeigen aus dieser Zeit ist erhalten. Man muss sich mit ihrer
Darstellung auf Bildern begnügen. Die erste Abbildung einer Rebec oder Rabab
findet sich in einem mozarabischen spanischen Manuskript aus dem 10.
Jahrhundert (Woodfield 9). Das Rabab ist noch heute die Bezeichnung für ein
ganzes Arsenal orientalischer Instrumente, darunter auch gezupfte Instrumente.
Dass dieselbe Bezeichnung für unterschiedlichste mittelalterliche Kniegeigen
damals auftaucht ist und bleibt verwirrend.
Ob Birnen, Achtform oder Flaschenform, nach 1300 sind alle Rabab-Instrumente
verschwunden. Bis heute hat die Forschung nicht herausfinden können, warum.
Vielleicht, weil ihr Ton dem europäischen Ohr auf Dauer einfach zu dünn war.
Die Musikwelt atmet also erleichtert auf, als endlich die neuen Instrumente
auftauchen, die man mit weit schöneren Klangergebnissen ‚streiche(l)n’ kann.
Viola, Vièle, Viella, Vihuela oder Fidel heißen sie. Instrumente, deren Namen
ebenfalls bis heute resistent gegen alle etymologischen Erklärungsversuche
geblieben sind. Von der Rabab und Konsorten hatte man gelernt sie zu streichen.
Die Vihuela de arco – die Laute MIT Bogen wandert von Spanien weiter nach
Italien. Und das ist vielleicht noch erwähnenswert, genau in dem Moment kommt
sie in Italien an, als die katholischen Majestäten Isabella und Ferdinand die
Mauren und die Juden des Landes verweisen, 1492!
10
4.9.1
LC00761 DHM0547277502 Länge: 4'00
Diego Ortiz, Doulce Memoire, Hille Perl und ein Gambenconsort
MODERATION
Ein Gambenconsort unter der Leitung von Hille Perl mit Doulce memoire. Eine
vierstimmige Chanson von Pierre Sandrin. Mit kunstvoll verzierter Oberstimme vom
Spanier Diego Oritz. Beispiele für eine solche verzierende Bearbeitung, nebst
weiteren Anweisungen zur Erlernung gambistischer Künste, vor allem der
Improvisation, veröffentlich er in einem Traktat, 1553 in Rom. (Tratados de glosas y
clausulae).
Die Viola da gamba ist in Italien angekommen. Die Geschichte der Kniegeigen
ist noch lange nicht zu Ende erzählt - einige Kniegeigen, die nordafrikanischen
oder die japanischen haben wir gar nicht erwähnt. Das Ende der heutigen SWR2
Musikstunde ist unweigerlich gekommen. Wir sind immerhin beim Consort
angelangt. Und darum geht es unter anderem morgen in der letzten Folge über
die Viola da gamba. Und wir kommen auch nach Deutschland und England!
Und hoffen dann den Kreis nach Frankreich wo wir Montag angefangen haben,
zu schließen.
Für heute habe ich noch einen kleinen Rausschmeißer von Diego Ortiz von Hille
Perl serviert.
Einen schönen Tag mit SWR2 und bis morgen!
Ihre
ss
4.9.2
LC00761 DHM0547277502 Länge: 1'19
Diego Ortiz, Recercada sopre tenore, Hille Perl, Viola da gamba