SWR2 OPER Moderationsmanuskript von Reinhard Ermen Jean-Philippe Rameau: „Dardanus“ Sonntag, 29.05.2016, 20.03 Uhr Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. 1 Wir senden „DARDANUS“, eine „Tragédie en musique“ in fünf Akten und einem Prolog nach einem Libretto von Charles-Antoine Leclerc de La Bruère. Musik von Jean-Philippe Rameau! Wir wollen gleich mit dem Prolog beginnen. Dieses umfängliche Vorspiel ist bestens geeignet, Sie in die Klangwelt Rameaus einzuführen, alle Ingredienzien seines Theaters kommen bereits zum Zuge. Die Kollektive, also Chor und Orchester, spielen eine gewichtige Rolle. Rameaus Opern sind dankbare Feste für die Chöre. Die Tatsache, dass darüber hinaus das Orchester über weite Strecken allein das Sagen hat, erklärt sich aus der Vorliebe für den Tanz. Zusammen mit der Ouvertüre dauert der Prolog etwa eine halbe Stunde; ausgetragen wird ein allegorisches Divertissement. Angeleitet von Venus, feiert man in Amors Palast auf der Insel Kythera ein Fest der Freuden. Die Eifersucht und ihre Begleiter wurden gefesselt, doch ohne diese unverzichtbare Würze sind die Freuden matt und leer, so dass Venus sich gezwungen sieht, sie zurückzurufen. Mit einem fulminanten Chorauftritt verleihen sie dem Geschehen neuen Schwung. Zum Ende des Festes wird ein großes Schauspiel versprochen, die Geschichte des Dardanus, der ein Krieger und ein Liebender war, soll zur Aufführung kommen. Die Figuren des Prologs sind Venus (Mireille Delunsch) und Amour (Françoise Masset); Chor und Orchester Les Musiciens du Louvre werden von Marc Minkowski geleitet. „Dardanus, Ouvertüre und Prolog = 29‘35“ Opernabend in SWR2, wir senden „Dardanus“ von Jean-Philippe Rameau. „Dardanus“ ist Rameaus dritte „Tragédie en musique“, seine dritte ernste Oper. Erst sechs Jahre zuvor, nämlich 1733, hatte er als Operndramatiker debutiert. Er war seinerzeit immerhin schon 50 Jahre alt. Das setzt die heutigen Betrachter immer wieder in Erstaunen und weckt Hoffnungen bei den Spätentwicklern. Es ist also möglich, sich mit 50 noch eine Gattung, ein ganz weites Feld zu erobern, um Maßstäbe zu setzen. Als Rameau sich mit der Oper einließ, war er schon ein geachteter Mann; er hatte als Orgelspieler einen großen Namen und vor allem als Musiktheoretiker. Vielleicht hat der oft gegen ihn erhobene Vorwurf, seine Opernmusik sei zu schwer, zu gelehrt und überladen, mit dieser Vergangenheit zu tun. Dass gerade das Klischee vom schweren Musikstil Rameaus nicht stimmt, mögen Sie heute Abend selber überprüfen. Zugegeben, die französische Barockoper ist, verglichen mit der Doppelpunkt-Dramaturgie von Rezitativ und Arie in der italienischen „Opera Seria“, durchaus Intellektueller. Die Musik ist viel stärker in ein durchgehendes dramatisches Konzept eingebunden. Die Arien fallen nicht so aus dem „stream of conciousness“ heraus. Nur den Tanzbildern eignet zuweilen etwas Standardisiertes zu, doch ist gerade Rameau immer bemüht, diese „conditio sine qua non“ des französischen Musiktheaters seiner Dramaturgie sinnvoll einzuverleiben. Bei Rameau fließt alles, die Übergänge sind weich, Kontraste werden mit dem Gespür für den richtigen Augenblick gesetzt. Die Harmonik ist eher chromatisch orientiert und klingt gelegentlich fast ein wenig exotisch. Das ist keine Musik für Virtuosen, sondern für Ausdrucksartisten, die in einer klingenden Abenteuer- und Gefühlslandschaft agieren. Das belegt geradezu beispielhaft der prägnante erste Akt. Die phrygische Königstochter Iphise liebt Dardanus, den Feind ihres Vaters Teucer. Dieser Dardanus ist ein Sohn des Jupiter und wird später einmal der mythische Gründer Trojas werden. Unsere Oper behandelt dazu die Vorgeschichte. Der erste Akt wird von der klagenden Arie der Iphise eröffnet. Der innige Ton dieser Exposition wird schnell mit den Realitäten einer väterlichen Machtpolitik konfrontiert, denn Iphise soll Anténor, einen Verbündeten heiraten. Das martialische Klingen kriegerischer Rituale beherrscht fast den ganzen Akt, in dem für die echten Sehnsüchte einer Liebenden kaum Platz ist. Nur zum Schluss kommt die bedrängte Iphise noch einmal zu Wort. Sie beschließt, sich Rat bei dem Magier Isménor zu holen. 2 Es geht gleich weiter mit dem zweiten Akt, wobei das kurze, rasante Orchestervorspiel als eine Art akustischer Kulissenwechsel zu verstehen ist. Isménor, der Zauberer und Priester des Jupiter tritt auf; und bei dieser Gelegenheit ist festzustellen, wie präsent die tiefen Männerstimmen in dieser Oper sind. In der italienischen Barockoper werden den Bässen und Baritonen allenfalls Figurantenpositionen zugestanden; bei Rameau dagegen sind sie in tragenden Rollen beschäftigt, gleich in der zweiten Reihe hinter dem hohen Paar. Überhaupt läßt sich bei dieser Gelegenheit festhalten, dass die Kastraten in der französischen Barockoper keine Chance haben. Es singen natürliche Personen, in ihren natürlichen Stimmfächern. Für den Rundfunkhörer dieser Aufnahme nach Maßgabe der historischen Aufführungspraxis heißt das: Männer sind Männer und Frauen sind Frauen! – Doch zurück zum Tempel des Zauberers. Dardanus sucht Rat bei Isménor. Durch die Warnung, dass er sich auf feindlichem Gebiet befände, lässt er sich nicht schrecken, er braucht Hilfe; auch er liebt Iphise. Isménor hilft so gut er kann und überreicht einen Zauberstab mit dem Dardanus sich in die Gestalt des Zauberers selbst verwandeln kann. Den benutzt er auch gleich, denn Iphise ist im Anzug. In der Gestalt des Isménor hört Dardanus, dass Iphise ihn liebt, doch vom Zauberer ein Mittel verlangt, sie von dieser Liebe zu befreien. Dardanus wirft den Zauberstab weg und steht plötzlich in seiner eigenen Gestalt vor Iphise, die vor Schreck die Flucht ergreift. Die Protagonisten des 1. und 2. Aufzugs sind: Iphise (Véronique Gens), Teucer (Russel Smythe), Anténor (Laurent Naouri), Isménor (Jean-Philippe Courtis), Dardanus (John Mark Ainsley). Chor und Orchester Les Musiciens du Louvre werden von Marc Minkowski geleitet. „Dardanus“, 1. und 2. Akt (49’06“) Opernabend in SWR2, wir senden „Dardanus“ von Jean-Philippe Rameau. – Die Schmerzen der Liebe werden im folgenden dritten Akt gemalt. Iphise beklagt das Schicksal, denn Dardanus wurde von ihrem eigenen Vater gefangen genommen und dann taucht auch noch glücksstrahlend der Sieger Anténor auf, um zu verkündigen, dass er sie noch heute heiraten werde. Aller Widerstand ist zwecklos. Die phrygischen Kämpfer feiern ihre kriegerischen Rituale. In die Freude platzt die Nachricht, dass Neptun ein Meerungeheuer ausgeschickt habe, aus Zorn über die Gefangennahme; Dardanus ist schließlich ein Sohn des Jupiter. Anténor beschließt, sich dem Monster entgegenzuwerfen. Die Protagonisten des 3. Aufzugs sind: Iphise (Véronique Gens), Anténor (Laurent Naouri), Isménor (Jean-Philippe Courtis), Teucer (Russel Smythe), Chor und Orchester Les Musiciens du Louvre werden von Marc Minkowski geleitet. Dardanus der dritte Akt. „Dardanus“, 3. Akt = 21‘45“ Opernabend in SWR2, wir senden „Dardanus“ von Jean-Philippe Rameau. – Bevor wir mit dem 4. und 5. Akt fortfahren, müssen wir einen Blick auf die Werkgeschichte des „Dardanus“ werfen. 1739 in Paris uraufgeführt, erlebte die Oper 26 Vorstellungen. 1744 kam es zu einer radikalen Umarbeitung, die einer Neukomposition gleichkam. Für die Wiederaufnahme 1760 nahm Rameau nochmals einige Änderungen vor. Seitdem gilt „Dardanus“ als ein Schatz französischer Opernkunst. 1760 hatte man auch, dem Zeitgeschmack entsprechend, den szenischen Prolog weggelassen, der sich in der höfischen, französischen Barockoper ohnehin länger gehalten hatte als in der italienischen Oper. 3 Mit dieser Werkgeschichte im Rücken, muss sich jeder Interpret des Stückes für eine Fassung entscheiden. Marc Minkowski, der ein echter Kenner der Materie ist, schreibt im Begleitheft zur CD, dass er sich nach einigen Monaten (!) Bedenkzeit für die erste Fassung entschieden habe, also für die Barocktragödie zu Ungunsten des etwas späteren graziösen Rokokodramas. Was diese Entscheidung über das Grundsätzliche hinaus so schwer macht, ist der Beginn des vierten Aktes. Die zweite Fassung eröffnet mit einer wahrhaft ergreifenden Tenorarie, die für Minkowski eine der schönsten Tenorarien ist, die jemals geschrieben wurde. Die Erstfassung beginnt stattdessen mit einem kolossalen Traumbild. Hier hat der Purist Minkowski einfach einen Kompromiss gemacht. Er hat die Kerkerarie „Lieux funestes“ aus der Zweitfassung vor das grosse Traumbild gesetzt und die Arie für diese CD-Produktion gerettet. Und in der Tat diese Arie ist wunderschön! Zu Beginn also der Held im Gefängnis. Er schläft ein, den Träumenden hat Venus inzwischen befreit, in ihrem Gefolge umtanzen ihn säuselnde Gestalten und beschwören ihn, das Ungeheuer zu töten. Dardanus erwacht und tut wie ihm geheißen. Dem Widersacher Anténor rettet er dabei das Leben. Der gibt dem unbekannten Retter zum Dank ein Schwert, und Dardanus kann ihm (noch immer unerkannt) den Eid abringen, dass er (Anténor) Iphise die Freiheit lassen soll, seine Hand zurückzuweisen. Nach Kampfgetümmel und dem kurzen Dialog zwischen Dardanus und Anténor tauchen wir direkt in die Jubelchöre des fünften Aktes. Dort wird zu Beginn der etwas verlegene Anténor als Sieger über das Ungeheuer gefeiert. Dardanus tritt auf, gibt sich in die Hand Anténors, doch als er dem Feind das Schwert überreich, fällt es dem wie Schuppen von den Augen: dass Dardanus ihn gerettet hat, und dass ein Eid in bindet, Iphise die freie Wahl ihres Verlobten zu lassen. Nun sind die Liebenden vereint. Venus steigt vom Himmel, um die feindlichen Parteien zu versöhnen. Ein grosses Divertissement besiegelt den neuen Frieden. Die Protagonisten des vierten und fünften Aktes sind: Dardanus (Mark John Ainsley), Venus (Mireille Delunsch), drei Träume (Magdalena Kožená, Jean-François Lombard, Marcos Pujol), Anténor (Laurent Naouri), Teucer (Russel Smythe), Iphise (Véronique Gens); Chor und Orchestre Les Musiciens du Louvre werden von Marc Minkowski geleitet. Dardanus, der vierte und fünfte Akt. „Dardanus“, 4. Akt und 5. Akt (55‘02“) Auf dem Spielplan unseres Opernabends in SWR2 stand heute ein Meisterstück des französischen Barocktheaters, sie hörten „Dardanus“ von Jean-Philippe Rameau! Die Ausführenden waren: Venus – Mireille Delunsch Teucer – Russell Smythe Iphise – Véronique Gens Anténor – Laurent Naouri Dardanus – John Mark Ainsley Isménor – Jean-Philippe Courtis Chor und Orchester Les Musiciens du Louvre Leitung – Marc Minkowski 4
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