taz.die tageszeitung (23.04.2016)

Sonderausgabe: 30 Jahre nach Tschernobyl
12 Seiten über das Leben nach der Reaktorkatastrophe. Außerdem:
Trauer um Prince und „Merdoğan – das Duell der Süperhelden“
AUSGABE BERLIN | NR. 11001 | 16. WOCHE | 38. JAHRGANG
SONNABEND/SONNTAG, 23./24. APRIL 2016 | WWW.TAZ.DE
€ 3,50 AUSLAND | € 3,20 DEUTSCHLAND
Tschernobyl, heute
KERNSCHMELZE Eine Generation danach scheint vieles wieder normal: Auf dem Gelände des stillgelegten Atomkraftwerks arbeiten
Tausende Menschen, drum herum gedeiht die Natur. Über die Folgen des Super-GAUs – in der Ukraine und bei uns SEITE 2–12
Hochzeitsfeier auf der Datsche: Schenja und Julia in Slawutitsch, knapp 50 Kilometer östlich von Tschernobyl, aufgenommen im Juni 2013 Fotos: Niels Ackermann/Polaris/laif; ap (oben)
G
ANZEIGE
eigerzähler, Strahlentabellen
in fast allen Tageszeitungen,
Hamsterkäufe von Konserven
und die bange Frage, ob es gefährlich ist, bei Regen das Haus zu verlassen. Die Erinnerungen daran, was
die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mit den Menschen
gemacht hat, ist wohl
auch 30 Jahre nach der
Havarie allen Zeitzeugen
präsent. Tschernobyl war eine Zäsur.
Doch was hat der Super-GAU wirklich
verändert? Wir haben uns für diese
Ausgabe der taz.am wochenende auf
die Suche nach der Generation Tschernobyl begeben.
Da ist die Bundesrepublik, die sich
vom Atomstaat zum Atomausstiegsstaat gewandelt hat. Und da die Ukra­
i­ne, wo unweit der Front das größte
Atomkraftwerk Europas betrieben
wird. Zwei Welten, die so recht nicht
zusammenpassen. Hat die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch recht, wenn sie sagt,
die Welt habe den Krieg gegen Tschernobyl verloren? Oder sollen wir dem Kulturtheoretiker Klaus Theweleit
folgen, für den auch der
Wandel der Protestkultur vom Revolutionären zum Welterhaltenden dafür
gesorgt hat, dass der Atomausstieg erst
möglich geworden ist?
Wie der Krieg gegen die Strahlung
am Ort der Katastrophe geführt wird,
lässt sich am Bau der neuen Schutzhülle beobachten. Das gigantische
Bauwerk soll für die nächsten 100
Editorial
60616
4 190254 803208
TAZ
MUSS
SEIN
Die tageszeitung wird ermöglicht
durch 15.781 GenossInnen,
die in die Pressevielfalt investieren.
Infos unter [email protected]
oder 030 | 25 90 22 13
Jahre die Region vor den Strahlen aus
dem havarierten Reaktor schützen. Es
ist ein Megaprojekt, das für uns Deutsche wichtiger erscheint als für viele
Ukrainer, die versuchen, in der Nähe
von Tschernobyl ein möglichst unbeschwertes Leben zu führen.
Die Fotoserie des Schweizer Fotografen Niels Ackermann, aus der auch das
Bild auf dieser Titelseite stammt, versucht, die Stimmung der jungen Menschen einzufangen, deren Familien
vor 30 Jahren die Gegend verlassen
mussten, die wir seit der Katastrophe
die Todeszone nennen. Tschernobyl ist
für sie zum Arbeitsplatz geworden, zur
Kulisse von Badeausflügen an den großen Fluss. Die jungen Menschen dieser Generation Tschernobyl scheinen
zumindest vor der Atomkraft kaum
Aboservice: 030 | 25 90 25 90
fax 030 | 25 90 26 80 [email protected]
Anzeigen: 030 | 25 90 22 38 | 90
fax 030 | 251 06 94 [email protected]
Kleinanzeigen: 030 | 25 90 22 22
Angst zu kennen – ebenso wenig wie
die Arbeiter in der riesigen Atomanlage von Saporischja.
Und wir? Während wir darüber
nachdenken, wo das deutsche Endlager im Postatomzeitalter stehen soll,
machen sich Start-ups in den USA daran, neue Kraftwerkstypen zu entwickeln, und gerieren sich als die großen Klimaschützer. Hat der deutsche
Weg wirklich Modellcharakter, oder
wird er zum Sonderweg? Mit Fragen
dieser Art werden wir uns noch lange
beschäftigen müssen. Die Erinnerung
an Tschernobyl muss bei den Antworten auf diese Fragen immer eine
Rolle spielen. Auch deshalb ist Tschernobyl gegenwärtig. Und das wird es
wohl noch für Generationen bleiben.
ERNHARD PÖTTER, ANDREAS RÜTTENAUER
B
tazShop: 030 | 25 90 21 38
Redaktion: 030 | 259 02-0 | [email protected] | [email protected]
taz.die tageszeitung Postfach 610229, 10923 Berlin
taz im Internet: www.taz.de | twitter.com/tazgezwitscher
facebook.com/taz.kommune
Das ist der
Geldgipfel 2016
Was kommt nach dem Homo
oeconomicus? Diskutieren Sie mit.
21. und 22. Mai 2016
Universität Witten/Herdecke
Jetzt anmelden!
www.glsbankstiftung.de/
geldgipfel2016
02
TAZ.AM WOCH EN EN DE
Tschernobyl
SON NABEN D/SON NTAG, 23./24. APRI L 2016
Helikopter warfen Tausende
Tonnen Blei, Sand, Bor und
Lehm zur Eindämmung des
Feuers ab.
Reaktor 4
Turbinenhalle
Steuerstäbe
Reaktorkern
Der Unfall
Es ist ausgerechnet ein Sicherheitstest, der zur Katastrophe führt: Am späten Abend des 25. April wollen die Techniker an Reaktor 4 des AKW
Tschernobyl in der heutigen Ukraine testen, ob die Kühlpumpen für den Reaktor auch ohne externe Stromversorgung arbeiten. Damit soll der
Notfall simuliert werden. Die Bedienungsmannschaft senkt um 23 Uhr Steuerstäbe in den Reaktor, um die Kettenreaktion herunterzufahren.
Gleichzeitig legen sie die Not-Abschaltung lahm. Als die Leistung des Atomreaktors aber fast zum Erliegen kommt, fürchten die Techniker, der
Reaktor könne instabil werden. Sie ziehen die Steuerstäbe wieder heraus. Um 1.23 Uhr hat der Meiler nur noch 12 Prozent Leistung, der Test
beginnt. Doch plötzlich nimmt die Leistung sprunghaft zu. Offenbar sind nur 6 Steuerstäbe im Reaktor. Die Sicherheitsbestimmungen
verlangen mindestens 30. Das Kühlwasser verdampft, als die Reaktorleistung auf das Hundertfache des Normalen springt. Brennelemente
schmelzen. Um 1.24 Uhr zerreißen zwei Explosionen in den Brennelementen den Deckel des Reaktors (Abbildung I) und schleudern einen Teil
des Kerns in die Umgebung. Luft dringt in das Innere und entzündet die Grafitstäbe in der Reaktorkammer (Abbildung II).
Die offene Wunde der atomindustrie: die ruine von block 4 Foto: ap
eine Katastrophe verändert die Welt
Am 26. April 1986 explodierte das sowjetische Kernkraftwerk Tschernobyl. Seitdem steht „Atom“ weltweit für „Gefahr“.
Von den Folgen des Super-GAUs hat sich die Region bis heute nicht erholt VON bernharD pÖTTer
Kampf gegen Das Inferno
sTrahlenDes DeUTschlanD
Im Reaktor befinden sich beim Unfall etwa 190 Tonnen hochradioaktives Material. Das Feuer brennt etwa zehn Tage und trägt
wie in einem Kamin radioaktive Partikel hoch in die Luft. Explosion und Feuer setzen etwa 200-mal so viel Radioaktivität frei wie
die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki zusammen.
Das brennende Grafit wird erst erstickt, als 5.000 Tonnen
Bor, Blei, Sand und Lehm in den Reaktor gekippt werden
– aus Helikoptern und von „Liquidatoren“: Bauarbeitern und Soldaten, die mit völlig unzureichender
Ausbildung, Ausrüstung und Schutzanzügen
teilweise mit bloßen Händen aufräumen. Allein
1986/87 arbeiten schätzungsweise 240.000
dieser Nothelfer aus der ganzen Sowjetunion an der Unfallstelle, tragen strahlende
Erde ab, schlachten verstrahlte Tiere oder
ebnen verseuchte Dörfer ein. In Prypjat,
3 Kilometer vom Reaktor, steigen die
Strahlenwerte auf das 250-Fache der
Normaldosis. 31 Liquidatoren sterben
kurz nach dem Unfall, meist an akuter
Strahlenkrankheit.
36 Stunden nach der Kernschmelze werden auch in Deutschland,
der Schweiz, Schweden und der damaligen Tschechoslowakei erhöhte Strahlenwerte gemessen. Während in der Bundesrepublik
die Medien bald ausführlich über das Thema berichten, wird es in
den DDR-Zeitungen nur als kleine Meldung versteckt. Die Wolke
über Deutschland belastete kurzfristig Milch und Blattspinat mit
radioaktivem Jod, die Messungen werden aber nur im Westen
öffentlich. Die Belastung durch den radioaktiven Fall-out ist so
unterschiedlich, dass sie große Unruhe auslöst und auch die
empfohlenen Grenzwerte etwa bei Milch zwischen 500 und
20 Becquerel (bq) pro Liter schwankten. Heute liegt der
Mittelwert bei der Jod-Belastung bei 0,1 bq. Weit größere Mengen an strahlendem Cäsium reichern sich im
Boden an. Nach 30 Jahren sind bis heute davon etwa
44 Prozent der Radioaktivität zerfallen. Besonders
betroffen waren und sind allerdings Waldböden im
Bayerischen Wald und südlich der Donau. Auch
weiterhin sind Pilze und Wildschweinfleisch aus
diesen Gebieten belastet. Während die Behörden sehr zurückhaltend bei den medizinischen
Folgen sind, verweisen die atomkritischen „Ärzte zur Verhinderung des Atomkriegs“ (IPPNW)
auch auf deutsche Opfer: Die Statistiken zeigten mehr Totgeburten, Fehlbildungen bei
Kindern und ein verändertes Verhältnis von
Jungen und Mädchen bei Neugeborenen seit
der Atomkatastrophe.
abWIegeln
sTaTT Warnen
KranK UnD arm
DUrch Tschernobyl
20
16
Die ersten Warnungen kommen aus
einem anderen AKW: dem schwedischen Forsmark, 1.100 km entfernt von
Tschernobyl, wo Arbeiter am 28. April
bei Kontrollen radioaktive Partikel an ihrer Kleidung entdecken. Die sowjetische
Nachrichtenagentur TASS bestätigt den
Unfall erst am Abend mit einer dürren Meldung (siehe Faksimile). Die 50.000 Einwohner
von Prypjat klagen nach dem Unfall über Kopfschmerzen, Übelkeit und metallischen Geschmack
im Mund. Die Stadt wird erst 36 Stunden nach dem
Unglück geräumt. Am 1. Mai finden überall an der freien Luft Demonstrationen zum Tag der Arbeit statt. Die Be-
en
nz
re
g
r
de
Län
erhöhte strahlendosis im Vergleich zur normalen rate, 3. mai 1986
1
1–5 mal
5–10 mal
10–20 mal
20–40 mal
40–100 mal
UnTer Den WolKen
hörden kontrollieren Milch und Trinkwasser in der verstrahlten
Region erst später und verteilen an die Bevölkerung Jodtabletten
zum Schutz der Schilddrüse erst vier Wochen nach dem SuperGAU. Schließlich werden die Menschen aus einer Zone von 30
Kilometern rund um den Reaktor evakuiert. 350.000 Menschen
verlieren ihre Heimat. Etwa 5 Millionen leben heute noch in teilweise verstrahlten Regionen. 7 Prozent der Ukraine und 30 Prozent von Weißrusslands sind kontaminiert.
Weil der Wind sich immer wieder dreht, ziehen
nach dem Super-GAU mehrere Wolken von
radioaktivem Cäsium und Jod aus Tschernobyl
über Europa: die erste nach Norden über Polen
und Skandinavien, die zweite nach Westen über
die damalige Tschechoslowakei und Österreich
bis Deutschland, die dritte nach Süden Richtung
Rumänien, Bulgarien und Griechenland bis zur
Türkei. Die Grafik zeigt die maximale Ausdehnung
mit abgestuften Strahlenbelastungen: Je dunkler,
desto höher die Strahlung. Etwa ein Drittel der gesamten Radioaktivität regnete über Weißrussland,
Russland und der Ukraine ab, vor allem nördlich des
Kraftwerks. Etwa 53 Prozent der Strahlung gingen
über Skandinavien, Ost- und Mitteleuropa und dem
Balkan nieder. 11 Prozent verteilten sich über die
gesamte Nordhalbkugel. In Deutschland traf es vor
allem Bayern und Baden-Württemberg.
Quellen: BfS, IRSN, BBC, IPPNW, BMUB, Greenpeace, Ifo-Institut, IAEO, WHO, afp
taz.Grafiken: infotext-berlin.de
Schon 3 bis 4 Jahre nach dem Unfall steigen die
Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern besonders
in Weißrussland an. Auch andere Krebserkrankungen nehmen dort zu, ebenso verschlechtert sich der
allgemeine Gesundheitszustand. Das Erbgut der Strahlenopfer wird teilweise geschädigt. Von den insgesamt
600.000–830.000 „Liquidatoren“, die über die Jahre in
der Region eingesetzt werden, sind nach Schätzungen bis
2005 bereits bis zu 125.000 gestorben. Eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung der Folgen durch die sowjetischen
Behörden gibt es nicht. Um die Zahl der toten, behinderten oder
erkrankten „Tschernobyl-Opfer“ tobt seit Jahrzehnten eine Kontroverse zwischen offiziellen Stellen wie der WHO und der IAEO
und unabhängigen Medizinern wie den IPPNW. Während die
IAEO nur etwa 4.000 Tote als Folge von Tschernobyl annimmt,
rechnen die IPPNW mit „einigen Zehntausend bis 850.000“.
Eine aktuelle Studie von Greenpeace ergab auch nach 30 Jahren
teilweise hohe Strahlenwerte für Milch (100 bq), getrocknete
Beeren und Pilze (bis 2.500 bq), Getreide, Heu und Holz.
Seit der Unabhängigkeit hat Weißrussland etwa 19 Milliarden Dollar für die Folgen von Tschernobyl gezahlt, die Ukraine etwa 10
Milliarden. Weißrussland musste zeitweilig über 20 Prozent seines
Staatshaushalts für die Bekämpfung der Krise aufbringen. Die Ukraine wendet noch heute zwischen 7 und 13 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung auf, um die Folgen von Tschernobyl zu lindern.
WeITere folgen
In der BRD richtet die CDU/CSU-FDP-Regierung fünf Wochen
nach dem Unfall das Bundesumweltministerium ein. Die SPD
beschließt im August den Atomausstieg innerhalb von 10 Jahren.
Weltweiter jahrelanger Stopp bei Neubauten von Atomkraftwerken. Österreich nimmt sein fertiges AKW nicht in Betrieb. Italien
steigt nach einem Referendum aus der Atomkraft aus.
Tschernobyl
SON NABEN D/ SON NTAG, 23./ 24. APRI L 2016
TAZ.AM WOCH EN EN DE
03
Die Fotos dieser Ausgabe
■■Der Schweizer Fotograf Niels
Ackermann hat 2012 begonnen,
die jüngste Stadt der Ukraine zu
porträtieren. Slawutitsch, 50 Kilometer von Tschernobyl entfernt,
wurde für diejenigen gebaut,
die ihre verstrahlten Heimatorte
nach der Reaktorkatastrophe
1986 verlassen mussten. Dabei
ist Ackermann vielen jungen
Menschen begegnet. Auf den
folgenden Seiten präsentieren
wir einen Teil seiner Bilder, die im
April bei der Edition Blanc et Noir
unter dem Titel „Der weiße Engel
– Die Kinder von Tschernobyl sind
groß geworden“ veröffentlicht
worden sind.
2012 hat Ackermann seine Arbeit in Slawutitsch begonnen. Dort lernt er Julia kennen. Hier sitzt sie mit ihrem Freund Iwan in einem Boot auf
einem Anhänger und lässt sich nach Hause ziehen. Die beiden waren beim Wakeboarding auf dem Dnjepr Foto: Niels Ackermann/Polaris/laif
Die Cäsium-Zäsur
WANDEL Früher Protest sann auf Revolution – heute sinnt er auf Erhaltung. Tschernobyl hat alles geändert
VON KLAUS THEWELEIT
A
lso, nicht etwa, dass ich
ein Spezialist in „heutige Protestkulturen“
wä­re. Ich kann zum Beispiel die heutige Antifa nicht aus
wirklicher Kenntnis beurteilen;
kenne aber zumindest die „alte“
Protestkultur, die vortschernobylsche, ganz gut; war lange ein
Teil von ihr; hörte aber, im Lauf
der 70er auf, aktiv in organisierten Gruppen der „alten Protestkultur“ tätig zu sein; an der Verhinderung des Kernkraftwerks
Wyhl war ich noch beteiligt, aber
nicht an „vorderster Front“ wie
zwischen den Jahren 1968 und
1971 im Freiburger SDS an der
Uni. Von 1972–77 schrieb ich an
der Dissertation; verheiratet,
Hausmann und Vater; 1972 hat
meine Frau unser erstes Kind
geboren.
Es sind hier zwei grundsätzliche Wahrnehmungen, denen ich
nachgehen will. Die erste: Die
heutige Protestkultur geht im
Kern von Erhalt aus. Regenwald
erhalten, Luftqualität erhalten,
Lebensräume erhalten, Wasserreservoirs; Schadstoffe begrenzen, CO2-Ausstoß begrenzen;
schädliche Energien begrenzen, erneuerbare fördern. Das
Zen­tral­vorhaben lässt sich gut
unter dem Etikett „Schadensbegrenzung“ und „Einleitung von
Heilungsprozessen“ fassen; alle
Ziele sind positiv formulierbar.
Im Hintergrund dabei: die
Vorstellung von einer (endlich!)
vernünftig agierenden Weltregierung; einem Konsortium herausragender WissenschaftsPolitiker, das auf der Grundlage
aller verfügbaren Daten, Statistiken, Hochrechnungen, Mate­
rial­
analysen der Atmosphäre
und der Weltmeere, vom Erhalt
des Grünbestands zu schweigen, die notwendigen Maßnahmen einleiten und durchsetzen
wird – unterm Beifall der sich
so vor der Globalkatastrophe
zu rettenden Weltbevölkerung.
Der „Protestanteil“ daran ist dabei von den Peripherien in die
Machtzentren gewandert. Vom
Widerstand in die Gesetzgebung.
Die zweite: Die alte Protestkultur lebte primär von „Wider­
stand“ und von Umsturz­forde­
run­gen. „Die Revolution“ – selbst
wenn man an ihre Möglichkeit
für Deutschland nicht glaubte –
war kein Hirngespinst; andere
bis dahin größten Protestauflauf. Die dann sta­tio­nier­ten Raketen – da sie nicht flogen – verschwanden aus dem Alltagsbewusstsein. Wo der Alltag „sonst“
einigermaßen zufriedenstellend läuft, verfallen drohende
Negativa der psychischen Abspaltung.
Tschernobyl aber tangierte
jede/n: ein „Hyperobjekt“ im
Ene dene dimpedil,
Wer hat Angst vor Tschernobyl?
Millirem und Becquerel,
Kleine Kinder sterben schnell.
Aus der Wolke
Strahlt‘s heraus –
Und du bist – Aus!
1987 veröffentlicht die Schriftstellerin Gudrun Pausewang ihren
Jugendroman „Die Wolke“. Die Schülerin Janna-Berta irrt darin
nach einem Reaktorunglück durch Deutschland. Dabei erinnert sie
sich an einen Abzählreim, den ihr die Mutter beigebracht hatte.
(andere Länder, andere Leute)
würden sie hinbekommen; hatten sie hinbekommen. Cuba libre
war ein Versprechen aus der realen Welt; politisch für hier abgerundet mit der Formel „Sex and
Drugs and Rock ’n’ Roll“.
Was tat Tschernobyl 1986 für
den Wechsel von der „alten“ zu
einer „neuen“ Protestkultur? Ich
würde sagen: Alles.
Tschernobyl sprengte die
Grenzen in mehrfacher Hinsicht. Die Auseinandersetzungen um die Stationierung der
Pershing-Raketen in der BRD
waren eine Art Vorläufer. Die
Drohung des Pershing-Einsatzes
(mit nuklearen Sprengköpfen)
tangierte viele Menschen über
die üblichen Protestkreise hinaus. 300.000 Menschen machten sich 1981 auf nach Bonn zum
Sinne von Timothy Morton. Hyperobjekte nennt er übergreifende Objektkonglomerate. Im
„Hyperobjekt Tschernobyl“, ist
nicht nur das Kernkraftwerk selber, sondern alle weiteren AKWs,
dazu der gesamte Luftraum
über der Erde und die FalloutGefahr für alle Länder; das „Hyperobjekt“ konstruiert sich aus
all diesen Dingen und Gegebenheiten sowie aus der gemeinsamen Angst potenziell aller Menschen des Erdballs vor radioaktiver Verstrahlung. Der neue
Stand: „Das kann jetzt passieren
ohne nukleare Raketen und HBomben-Abwurf.“ „Das ist jetzt
passiert.“
Die Panikreaktionen: Hamsterkäufe von PrätschernobylKonserven, von Fertiggerichten,
Boh­nen, Kartoffeln, Reis, Baby-
Nahrung. H-Milchverkäufe ungekannten Ausmaßes. Jodtab­
let­ten, Geigerzähler. Cäsium 137:
Keine Zeitung ohne Halbwertzeit-Tabellen und Windrichtungsangaben. Nie wieder Pilze!
Absehbar allerdings: die Prä­
tscher­nobyl-Vorräte würden irgendwann enden.
Noch absehbarer die Halbwertzeit des Booms der Reisekataloge. Wo ist es sicher? Die Azoren? Kapverden? Patagonien?
Emigration nicht vor den Nazis, sondern vor den Kernkraftverbrechern. Die große Fluchtbewegung aus den reichen Ländern blieb aber aus; die Leute
kühlten ab. Und wo überhaupt
stehen keine AKWs? Die territorialen Fluchtfantasien brachen
schnell zusammen. Das Gegenteil war zu tun: diese Dinger selber in die Flucht zu schlagen,
also abzuschalten.
Und die alten Protestformen? Sahen in der Tat alt aus:
Wie macht man ein Go-in gegen Kernkraftwerke. Die Arbeiter aufklären, an was für ’nem
Scheiß sie da arbeiten. Mit
’ner roten Fahne in der Linken,
rechte Hand mit Flugblatt und
Zeigefinger, wo’s gefälligst langgeht zur atomfreien Welt. No.
Die lebten zum Teil davon und
wollten die Dinger behalten. Es
ergab sich: Politische Lagerbildung mit festen Freund/FeindFronten, die bis dahin noch fast
jede politische Protestaktion
strukturiert hatten – ist lächerlich vor Atomkraftwerken.
Die alte Kultur der Protestbewegungen – basierte auf Lagerbildung mit spezifischen Protestformen: Which side are you
on … und kommst du (gefälligst) zur nächsten Aktion „gegen (… XXX!!!)“; denn: sind wir
erst mal VIELE, sind wir erst mal
ALLE (= Die ganze Erde uns und
kein Stück unseren Feinden, wie
Weltoberaktivist Mikis Theodorakis formulierte), dann „Wenn
wir erst mal alle richtig organisiert sind im richtigen Lager“:
„Ja, was dann?“ „Lauter richtige
Leute auf dem richtigen Haufen
werden schon das Richtige tun.
Räterepublik usw.“
Bloß: nachdem langsam
durchgesickert war, was die
Roten Brigaden in Maos China
und die Roten Khmer in Kambo­
dscha veranstaltet hatten, war
das nicht mehr so einfach mit
dem: „Werden wir dann schon
sehen.“ Millionen Tote lagen
da und sahen nicht mehr viel.
Und nun? Die Sachlage verschob sich. Das Ding mit dem
„Viele-Sein“ war nicht erledigt,
die Form der Organisation dieser potenziell Vielen aber durchaus. Aus den Problemlagen
Kernkraft, globale Erwärmung,
CO2-Ausstoß ergibt sich nicht
nur der Wunsch, es ergibt sich
die Notwendigkeit, möglichst
VIELE (sowohl Einzelmenschen
wie Staaten) an den erstrebten
Lösungen zu beteiligen; einfach weil sonst nichts passiert.
Es gibt allerdings eine neue politische (nicht: ökonomische) Tendenz zurück zur Lagerbildung.
Das amerikanische Militär, Putin und östliche Teile der EU arbeiten massiv daran.
Aber: man kann sie mildern.
Man kann sie sogar einspannen für Dinge, die deren Absichten und Plänen zuwiderlaufen.
Nach Tschernobyl ist Fukushima
der entscheidende Einschnitt.
Fukushima hat die Auswirkungen von Tschernobyl potenziert; jedenfalls in Deutschland. Ob Kanzlerin Merkel tatsächlich zur Kernkraftgegnerin
mutierte oder nicht, ist dafür
belanglos. Sie kann lesen, unter
anderem Umfragen unter Wählern. Diese sagten nach Fukushima, dass die deutsche Wählermenschheit auf dem Weg
war, „den Grünen“ bundesweit
20 Prozent oder mehr der Stimmen zu geben; woraufhin eine
Politikprofessionelle handelt:
Abwahl oder sich an die Spitze
„der Bewegung“ setzen.
Prinzipiell waren politische
Prozesse im Sinne der Protestkultur aus den Machtzentren heraus zu bewegen.
Das war vorher nicht so.
■■Dies ist der Auszug eines Textes
des Kulturtheoretikers Klaus Theweleit, der in voller Länge unter
taz.de/theweleit zu finden ist
ANZEIGE
DIE GRÜNE BUNDESTAGSFRAKTION LÄDT
ZU FILM UND DISKUSSION
VERBRANNTE ERDE
30 JAHRE TSCHERNOBYL
am 26. April, 18.45 Uhr im Sputnik-Kino
am Südstern, Hasenheide 54
» gruene-bundestag.de/tschernobyl