- Deutsche Mittelstands Nachrichten

Ausgabe 15
22. April 2016
Deutsche
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Mittelstand
Risiko für deutsche Exporteure steigt
Drei der fünf wichtigsten deutschen Handelspartner weisen mittlerweile steigende Pleitefälle auf
D
ie gesunkenen Ölpreise und der
schwache Euro haben den deutschen
Exporteuren zum Ende des vergangenen
Jahres zu neuen Höhenflügen verholfen.
Für 2015 erwartet der Außenhandelsverband BGA einen Anstieg der Ausfuhren
um bis zu sechs Prozent auf einen Höchststand von 1091 Milliarden Euro. Im ersten
Halbjahr waren die deutschen Exporte um
6,9 Prozent auf 595 Milliarden Euro gewachsen. Die Kreditversicherungsgesellschaft Euler Hermes hält eine anhaltend
positive Entwicklung auch in diesem und
kommenden Jahr für möglich. Allerdings
steigen damit auch die Risiken für die
deutschen Unternehmen.
„Der deutsche Export ist derzeit ein
bisschen wie die Formel 1 – hohes Tempo und steigende Risiken, überraschende Überholmanöver und die Gefahr von
unerwarteten Remplern aus dem toten
Winkel“, sagt Ron van het Hof, CEO von
Euler Hermes in Deutschland, Österreich
und der Schweiz. Demnach werden sie
Euler Hermes zufolge in den kommen-
In etlichen Ländern ist die Zahl der potentiellen Pleiten erheblich gewachsen.
Grafik: Euler Hermes
Analyse
Konjunkturerwartungen hellen sich kurzfristig auf
Das zweite Mal in Folge ist das ZEWBarometer angestiegen. Positive Nachrichten aus China und ein moderates
Wachstum der deutschen Wirtschaft
stimmen die Börsianer positiv. Für das
gerade beendete erste Quartal halten
Experten einen Anstieg von rund 0,5
Prozent für möglich.
Unter den Börsianern in Deutschland ist Optimismus eingekehrt. Das
Barometer für die Erwartungen in den
nächsten sechs Monaten stieg im April
um 6,9 auf 11,2 Punkte, wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) mitteilte. Experten hatten nur mit einem Plus auf
8,0 Punkte gerechnet.
„Überraschend positive Wirtschafts-
nachrichten aus China dürften die Stimmung unter den Finanzmarktexperten
aufgehellt haben“ sagte ZEW-Experte
Sascha Steffen. Auch international sind
die Erwartungen für China positiver
ausgefallen. Der CEP-Indikator, der die
Konjunkturerwartungen internationaler Finanzexperten für das Land für die
kommenden zwölf Monaten wiedergibt,
ist von minus 25,7 Punkten auf plus 3,5
Punkten gestiegen. Es bleibe abzuwarten, ob sich diese für China und die
Weltwirtschaft wider günstigeren Erwartungen auch bald in den realen Wirtschaftszahlen niederschlagen werde, so
das ZWE.
Denn „unter dem Strich bleibt die
anhaltende Wachstumsschwäche Chi-
nas und anderer wichtiger Schwellenländer jedoch eine Belastung für die
deutsche Exportwirtschaft“, so Steffen.
Auch die Sorge über einen möglichen
EU-Austritt Großbritanniens dürften die
Stimmung gedämpft haben. Die aktuelle Lage bewerteten die Fachleute etwas
ungünstiger. Dieses Barometer sank um
3,0 auf 47,7 Punkte. Hier hatten Experten
einen minimalen Anstieg auf 51,0 Zähler
vorhergesagt.
Die Bundesbank hatte jüngst betont, im ersten Quartal 2016 sei die
Wirtschaft „wohl kräftig gewachsen“ und
womöglich stärker als Ende 2015 mit 0,3
Prozent. Für die Monate April bis Juni
zeichne sich jedoch ab, dass die Wirtschaft an Fahrt verliere.
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den beiden Jahren sogar einen stärkeren Zuwachs bei den Exporten als China
(+96 Milliarden US-Dollar) verbuchen.
2016/ 2017 winken daher sogar insgesamt zusätzliche Exporte in Höhe von
104 Milliarden Dollar.
Allerdings steigt mit dem guten
Wachstum der deutschen Exporte auch
das Risiko für die Unternehmen. Denn
die Zahlungsbereitschaft lässt angesichts wirtschaftlicher Schwierigkeiten
in etlichen Schwellenländern nach. In
China beispielsweise könnten die Zahlungsausfälle ebenso zunehmen wie in
Brasilien, Russland und Südafrika. Für
2016 rechnet Euler Hermes mit einem
Zuwachs der Pleiten in China in Höhe
von 20 Prozent. Ähnlich schlecht sieht
es in Taiwan (+17 Prozent), China (20
Prozent) und Russland (+7 Prozent) aus.
„Bei drei der fünf wichtigsten Handelspartnern der Deutschen steigen 2016 die
Insolvenzen und damit die Risiken an“,
sagt auch Ludovic Subran, Chefvolkswirt
der Euler Hermes Gruppe.
Die zunehmenden Pleiterisiken in
vielen Schwellen- und Nachbarländern
sollten die deutschen Unternehmen je-
doch nicht dazu bringen, sich vermehrt
aus dem Exportgeschäft zurückzuziehen, so Subran. Zu schnell würden andere ausländische Unternehmen trotz des
hohen Risikos die Plätze der deutschen
Unternehmen besetzen. Insgesamt werden die nachlassenden positiven Währungseffekte dazu führen, dass Deutschland vor allem in der EU die Exporte
deutlich anheben können wird. Außerhalb der Eurozone werden keine großen
Sprünge erwartet. Den Experten zufolge
werden die Ausfuhren nach Frankreich
in diesem Jahr beispielsweise schneller
wachsen als in die USA. Zu den eindeutigen Verlierern zählt Subran Griechenland, Russland und Brasilien.
Neben möglichen Zahlungsverzögerungen und -ausfällen bei einigen
Handelspartnern bestehen aber weitere
Risiken für die deutschen Unternehmen
und letztlich auch für die Weltwirtschaft. Eine Welle von Kapitalverkehrskontrollen könnte beispielsweise die
Schwellenländer erreichen. „Zudem
halten politische Unsicherheiten durch
Neuwahlen und drohende soziale Unruhen in zahlreichen Ländern wie bei-
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spielsweise Thailand, Brasilien oder
auch in der Türkei 2016 die Politik und
vor allem auch die Wirtschaft in Atem“,
so Subran. In jüngster Nachbarschaft
wären in diesem Zusammenhang die geplanten Neuwahlen in Spanien und das
Referendum über einen möglichen Austritt Großbritanniens aus der EU im Juni
zu nennen.
Mitte Februar warnte die britische
Handelskammer vor den negativen
Auswirkungen eines Brexits für die
deutsche Exportwirtschaft. Die deutschbritische Handelsbilanz bei Waren und
Dienstleistungen betrug 2014 nach Angaben der Bundesbank 177 Milliarden
Euro. Dabei lag der Überschuss eindeutig auf deutscher Seite: Die Bundesrepublik exportierte Waren im Wert von 91,9
Milliarden Euro nach Großbritannien
und importierte Güter im Wert von 44,1
Milliarden Euro. „Das trifft die deutsche
Automobilindustrie an allererster Stelle,
dann die weiße Ware, sehr viele Finanzdienstleistungen, die Bankenwelt“, sagte
der Geschäftsführer der Britischen Handelskammer in Deutschland, Andreas
Meyer-Schwickerath.
Mittelstand
Deutsche Unternehmen können Führungsrolle übernehmen
Mit der richtigen Investition kann Industrie 4.0 für IT-Unternehmen und Industrie eine Neupositionierung auf dem Markt bieten
D
ie industrielle Revolution unserer
Zeit ist digital“, sagt Andrus Ansip,
der EU-Vizepräsident für den digitalen
Binnenmarkt. „Da viele Unternehmen
den gesamten Binnenmarkt nutzen wollen, sollten die öffentlichen Verwaltungen mit dem Bedarf an elektronischen
Dienstleistungen Schritt halten – indem
sie Dienste anbieten, die digital, offen zugänglich und grenzübergreifend angelegt
sind.“ Aus diesem Grund hat die EU-Kommission in ihrer Strategie für den digitalen Binnenmarkt nun vorgeschlagen, 500
Millionen Euro in ein unionsweites Netz
von Technologie-Exzellenzzentren (Digital Innovation Hubs) zu investieren, in denen Unternehmen digitale Innovationen
testen und sich beraten lassen können.
Die tatsächliche Auswirkung der Industrie 4.0 auf die wirtschaftlichen Ergebnisse der kommenden Jahre und die
Noch können deutsche Unternehmen dafür sorgen, dass sie bei Industrie 4.0 eine Führungsrolle übernehmen.
Foto: Flickr/TORLEY/CC by sa 2.0
Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ist
umstritten. Kurzfristig wird es durch die
Umstellungen sicher zu etlichen Stellenverlusten kommen. Arbeitskräfte, die also
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schon ein mittleres Alter erreicht haben
und in der Industrie tätig sind, könnten
im Zuge der vierten industriellen Revolution tatsächlich auf der Strecke bleiben.
Gleichzeit schafft die Digitalisierung eine
Reihe von neuen Berufsbildern und demzufolge auch Jobs. „In der Summe überwiegen die positiven Effekte durch Industrie 4.0, das zusätzliche Wachstum schafft
mehr Arbeitsplätze als in der Fertigung
entfallen“, sagt Michael Rüßmann von der
Beratungsfirma Boston Consulting Group
(BCG). „Auch in Zukunft wird es keine
menschenleeren Fabriken geben.“
BCG rechnet in diesem Zusammenhang in den kommenden zehn Jahren
mit bis zu 390.000 Arbeitsplätzen. Darüber hinaus werde die Industrie 4.0 in
Deutschland in drei weiteren Bereichen
positive Effekte generieren. So werde sich
beispielsweise die Produktivität erheblich verbessern, so die Schlussfolgerung
der aktuellen BCG-Studie „Industry 4.0:
The Future of Productivity and Growth
in Manufacturing Industries“. Nach Abzug der Materialkosten für die Industrie
lassen sich in den kommenden fünf bis
zehn Jahren zusätzliche Gewinne in Höhe
von durchschnittlich 5 bis 8 Prozent durch
eine verbesserte Produktivität erreichen.
Vor allem Hersteller von Maschinen und
Autos werden der Studie zufolge die besten Produktivitätsleistungen durch Industrie 4.0 erreichen.
Insgesamt rechnen die Experten mit
einem zusätzlichen Wachstum des Bruttoinlandproduktes um ein Prozent bzw.
30 Milliarden Euro. Gleichzeitig könnte
ein Investitionsvolumen in Höhe von 250
Milliarden Euro geschaffen werden. Dies
hängt davon ab, wie gut die die Angebote
nationaler Unternehmen zur Umsetzung
von Industrie 4.0 sind. Die deutsche Industrie hat einen erheblichen Investitionsbedarf, wenn sie rechtzeitig das Zeitalter der
Digitalisierung einläuten will. Wenn deutsche IT-Unternehmen hier interessante
Lösungen anbieten, können sie den USUnternehmen Konkurrenz machen und
von den Investitionen profitieren.
„Die deutsche Industrie mit ihrem
führenden Automatisierungsgrad hat
alle Chancen, bei Industrie 4.0 ganz vorne
mitzuspielen“, so Rüßmann. „Die Unternehmen können sogar eine Führungsrolle
einnehmen, wenn sie jetzt entschieden
handeln“. Das bedeutete aber, sich mit den
technologischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen und für die eigene Produktion pragmatisch die passenden Technologien einzuführen.
Gleichzeitig sind dazu ein verstärkter
Ausbau der Netze und eine Anpassung
auch der schulischen Bildung notwendig.
In Sachen Breitbandvernetzung International liegt Deutschland zwar im oberen
Mittelfeld, allerdings reicht die dafür zugrunde liegende, von der International Telecommunication Unit (ITU) zwei Megabit
pro Sekunde als Breitbandverbindung
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bezeichnete Übertragungsgeschwindkeit
nicht für die Bedürfnisse der Industrie
4.0. Vielmehr seien stabile Hochleistungsübertragungswege über Glasfaserkabel erforderlich. In Sachen Glasfaserkabel liegt
Deutschland mit einer Glasfaser-Quote
von lediglich einem Prozent jedoch auf
dem letzten Platz in Europa, wie aus einer
FES-Studie hervorgeht.
Bei dem steigenden Bedarf an IT-fähigen Mitarbeitern muss auch an eine Änderung der schulischen Kompetenzvermittlung gedacht werden. „Ohne IT- und
Softwarekompetenz verliert Deutschland
den Vorsprung bei Automatisierung und
Arbeitsplätzen“, sagt Rüßmann. Das gilt
auch für die Mitarbeiter. Der Länderindikator 2015 „Schulde digital“ der Deutsche
Telekom Stiftung zeigt, dass lediglich
Rheinland Pfalz, Hamburg und Bremen
gut aufgestellt sind. Baden-Württemberg,
Hessen, Schleswig-Holstein, SachsenAnhalt, Berlin, Brandenburg und Sachsen
haben hingegen einen erheblichen Nachholbedarf. 46 Prozent der deutschen Lehrer setzen mindestens einmal die Woche
Computer im Unterricht ein, 2013 waren
es sogar nur 34,4 Prozent, so die Ergebnisse der International Computer and Information Literacy Study. Die Mehrheit
der Lehrer in Deutschland wünscht sich,
Computer öfter einsetzen zu können. Allerdings stehen hier auch oft die starren
Lehrpläne und die Anschaffungskosten
im Weg.
Innovation
Algen sollen Plastik ersetzen
Algen werden für die Wirtschaft und die Wissenschaft zunehmend interessanter
E
in
japanisches
Designerteam
(AMAM) beschäftigt sich mit der
Möglichkeiten, Algen für die Herstellung
von Plastik zu verwenden. Dabei konzentrieren sie sich auf Agar. Dieses wird
aus den Zellwänden verschiedener Algen
gewonnen. Agar Plasticity heißt das Projekt. Mittels unterschiedlicher Texturen
und Formen sollen so aus Algenprodukten verschiedene Plastikarten entwickelt
werden. Von der Tüte über Plastikfolie
bis hin zu Schaumverpackungen sollen
die zukünftigen Anwendungsgebiete
reichen.
Die Idee: Werden die aus Agar hergestellten Plastikprodukte nicht mehr
benötigt, bleiben nach dem Zersetzen
keine Rückstände in der Umwelt zurück.
Im Gegenteil, theoretisch würden sie
in den Boden gelangen, würden diesen
durch ihren Zersetzungsprozess sogar
noch anreichern und dessen Wasserspeicherungsfähigkeit erhöhen. Der erste Prototyp der AMAM-Gruppe erhielt
sogar bereits den ersten Platz bei der Lexus International’s Design Competition.
Tatsächlich müsste allerdings, um
eine große Produktion zu ermöglichen,
eher auf künstliche Algenfarmen gesetzt werden. Das reine Abziehen der Algen aus dem Meer würde nur vorübergehend möglich sein und irgendwann
auch einen zu großen Eingriff in das
Ökosystem darstellen. Ähnlich agiert
auch die Firma oceanBasis GmbH. Diese
kultiviert seit 2001 vor der Küste Kiels
die Braunalge Saccharina latissima. Aus
der Alge wird dann die Naturkosmetikserie Oceanwell hergestellt.
Nach der Ernte werden die Algen
gespült und in einer speziellen Mühle
zerkleinert. Ein vierwöchiges Gärverfah3
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Zahlreiche Plastikprodukte lassen sich aus Algen herstellen.
Foto: Agar Plasticity
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ren und mehrere, anschließende Filtervorgänge helfen dabei, das für die Kosmetik benötigte Extrakt aus der Alge zu
gewinnen. Lebensmittel stellt das Unternehmen damit ebenfalls her.
Und im Algen Science Center auf
dem Jülicher Campus versorgen die
Wissenschaftler des Instituts für Biound Geowissenschaften (IBG-2) Mikroalgen mit dem CO2 aus Niederaußem
und gewinnen daraus Öle als Basis für
Biotreibstoffe. „Die winzigen Algen
wachsen bei den hohen Konzentrationen besonders schnell“, so die Forscher.
Diese können dann als „Alternative
zum Erdöl für Flugzeugtreibstoff, als
Grundstoff für die chemische Industrie oder für Nahrungsmittel eingesetzt
werden“.
Innovation
Niederlande will Benziner und Diesel-Autos verbieten
Die Niederlande wollen den Verkauf von Benzin- und Diesel-Autos ab 2025 verbieten
N
iederländische Politiker haben für
einen Antrag gestimmt, der den Verkauf von neuen Benzin- und Diesel-PKW
ab dem Jahr 2025 verbietet. In weniger als
zehn Jahren könnten damit nur noch EAutos in den Verkauf kommen. Die Autobranche gerät zunehmend unter Druck: In
Norwegen und Österreich werden bereits
ähnliche Pläne diskutiert.
Der Antrag wurde bisher nur durch
das Unterhaus des niederländischen Parlaments verabschiedet, und müsste erst
den niederländischen Senat passieren,
um rechtlich verbindlich zu werden. Dennoch ist der Erfolg bei der Mehrheitsabstimmung ein bedeutsames Zeichen, dass
die Niederlande dem jüngsten Beispiel
Norwegens und Österreichs folgen und
mit der Abschaffung der Diesel mit konkreten Terminen ernst machen, so ein Bericht des britischen Guardian.
Zu Beginn zielte demnach der von
der mitregierenden Arbeitspartei (PvdA)
vorgeschlagene Antrag darauf ab, Benzinund Diesel-PKW gleich völlig zu verbieten.
Allerdings wurde diese radikalere Version
abgeschwächt: Bereits verkehrende Autos
dürfen nach dem aktuellen Entwurf nun
weiter im Einsatz bleiben, allerdings strebe man danach, den künftigen Verkauf
jeglicher Autos mit Verbrennungsmotoren
zu verbieten. Damit soll die schrittweise
Elektrifizierung auf den niederländischen
Straßen in den nächsten zehn Jahren sichergestellt werden.
Der Koalitionspartner VVD lehnte den
Plan jedoch als „unrealistisch“ ab. ElektroAutos machen in den Niederlanden derzeit knapp 10 Prozent aller Auto-Verkäufe
aus. 2015 wurden im Land 43.000 neue
Elektrofahrzeuge gekauft. Europaweit liegt
damit nur in Norwegen der Marktanteil
mit 22,4 Prozent noch höher.
Auch Deutschland plante jüngst erste
Schritte zur Abschaffung der Diesel-Motoren. Wirtschafts-Staatssekretär Rainer
Baake hatte ebenfalls vorgeschlagen, ab
2030 keine Diesel- und Benzinautos mehr
In weniger als zehn Jahren sollen in den Niederlanden nur noch Elektro-Autos verkauft werden.
Foto: EU-Kommission
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zuzulassen. Allerdings stoßen die Pläne
auf starken Widerstand: Nicht einmal eine
Abschaffung der Steuervorteile für DieselKraftstoffe wurde auf dem jüngsten Treffen der Verkehrsminister durchgesetzt.
Langfristig hat sich Deutschland jedoch ebenfalls verpflichtet, sich bis 2050
ganz von Verbrennungsmotoren zu verabschieden: Ein Verkaufsverbot diente der
Vorbereitung zur Einhaltung der KlimaZiele der ZEV-Allianz, der auch Deutschland am Rande des Klimagipfels in Paris
beitrat.
Dieser sieht für alle unterzeichnenden Länder vor, ab 2050 den Verkehr ohne
fossile Rohstoffe zu bestreiten, heißt es in
einer Mitteilung. An der Allianz nehmen
neben Deutschland und Norwegen auch
Großbritannien, die Niederlande, acht USBundesstaaten sowie die kanadische Provinz Quebec teil. Demnach ergebe sich aus
dem Verzicht von Diesel- und Benzinmotoren eine jährliche Ersparnis von einer
Milliarde Tonnen CO2-Emissionen.
Ausgerechnet das ölreiche Norwegen
könnte dabei den Anfang machen und
fossile Brennstoffe als erstes Land der
Welt von seinen Straßen verbannen. Die
Norwegische Verkehrsbehörde hat einen
Nationalen Transport Plan veröffentlicht,
nachdem ab 2025 keine Diesel- und Benzinautos mehr verkauft werden dürfen.
Stattdessen sollen nur noch Fahrzeuge mit
Elektroantrieb eine Zulassung bekommen.
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Auch das österreichische Umweltbundesamt hat den Vorschlag eingebracht,
dass ab dem Jahr 2020 Händler keine
Fahrzeuge mehr mit Diesel- oder Benzinmotor verkaufen dürfen. Die Wirtschaftskammer und der Autofahrerclub ÖAMTC
wiegelten den Vorschlag zwar umgehend
als „unrealistisch, teuer und wirkungslos“
ab, doch eine wachsende Anzahl von Ländern heizt die Debatte um einen Ausstieg
aus dem Diesel mit konkreten Jahreszahlen an. Damit wächst auch der Druck auf
die Autobauer, sich für den Fall mit einer
fertig entwickelten Elektro-Antriebstechnologie auf ein mögliches baldiges Verkaufsverbot für Verbrennungsmotoren
vorzubereiten.
Finanzen
Saudi-Arabien droht mit Angriff auf den Petro-Dollar
Saudi-Arabien droht, US-Devisen in Milliardenhöhe abzustoßen. Das würde die hochverschuldeten USA massiv gefährden
Adel al-Jubeir sagte Abgeordneten, dass Saudi-Arabien gezwungen wäre, US-Staatsanleihen und andere US-Papiere im Wert von bis zu 750 Milliarden Dollar abzustoßen.
Foto: Flickr/ edward musiak/CC by sa 2.0
N
ine Eleven sorgt auch nach 15 Jahren
noch für Aufregung. Nun geht es um
die mögliche Rolle, die Saudi-Arabien bzw.
Beamte oder Mitglieder der Regierung dabei gespielt haben. Und es geht um Milliarden US-Anleihen, die bald auf den Markt
geworfen werden könnten. Hintergrund
ist ein Gesetzesentwurf, der vom USKongress genehmigt werden soll. Wird der
Entwurf gebilligt, könnte die saudische
Regierung vor amerikanischen Gerichten
für jedwede Rolle bei den Anschlägen von
11. September zur Rechenschaft gezogen
werden. Ein Gesetz von 1976 sieht vor,
dass die automatische Immunität anderer
Nationen vor den US-Gerichten nicht in
Fällen angewendet werden soll, in denen
Nationen als schuldig für Terroranschläge befunden werden, die Amerikaner auf
amerikanischen Boden getötet haben.
Einige US-Familien hatten nach dem
11. September versucht, gerichtlich Mitglieder der saudischen Königsfamilie,
saudische Banken und gemeinnützige
Organisationen zur Verantwortung zu
ziehen. Dabei ging es um die angebliche,
finanzielle Unterstützung des Terrorismus. Doch diese Anstrengungen ameri-
kanischer Bürger wurden weitgehend vor
allem aufgrund des Gesetzes von 1976
zunichte gemacht. Dieses Gesetz soll
nun mit dem neuen Gesetzesentwurf
bei Terroranschlägen umgangen werden
können.
Saudi-Arabien will der New York
Times zufolge, dass dieses Gesetz nicht
verabschiedet wird. Im März soll der
saudische Außenminister Adel al-Jubeir
eine Warnung des Königs bezüglich des
Gesetzesentwurfs an Washington herangetragen haben. Adel al-Jubeir sagte Abgeordneten, dass Saudi-Arabien gezwungen wäre, US-Staatsanleihen und andere
US-Papiere im Wert von bis zu 750 Milliarden Dollar abzustoßen, bevor diese Gefahr liefen, von US-Gerichten eingefroren
zu werden.
Die Obama-Administration wirbt im
Kongress dafür, das Gesetz nicht zu verabschieden. Beamte sollen der New York
Times zufolge Senatoren vor den diplomatischen und wirtschaftlichen Risiken
des Gesetzes gewarnt haben. Am Mittwoch wird Obama in Riad zum Treffen
mit dem König und Beamten der saudischen Regierung erwartet.
Welche genaue Rolle Saudi-Arabien
möglicherweise bei den Anschlägen vom
11. September zukam, ist umstritten. Die
saudische Regierung hat immer wieder
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verneint, dass das Königreich darin verwickelt war und auch die 9/11 Kommission
„fand keinen Beweis, dass die saudische
Regierung als Institution oder ein gehobener saudischer Beamter allein die Organisation finanziert hat“. Kritiker mahnten
bisher die sehr spezielle Formulierung
der Kommission in diesem Fall an. Und
auch die Zusammenfassung der Untersuchungen des Kongresses im Jahr 2002 ist
in diesem Zusammenhang zuletzt wieder
ins Gespräch gekommen. Dieser 28-seitige Bericht ist bis dato nie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.
Wenn beide Häuser des Kongresses
den Gesetzesentwurf billigen, fehlt noch
die Unterschrift des Präsidenten. Und damit würde der Weg für Klagen gegen die
saudische Regierung und Banken etc. ermöglicht.
Edwin M. Truman vom Peterson Institute for International Economics sagt,
die Drohung der saudischen Regierung
seien „leere Drohungen“. Der Verkauf von
hunderten Milliarden Dollar in Form von
US-Papieren wäre nicht nur technisch
schwierig durchzuführen. Vielmehr würde es an den internationalen Märkten zu
erhebliche Turbulenzen kommen, für die
sich die Saudis verantworten müssten, so
Truman. Vor allem aber würde es den USDollar destabilisieren, an den der saudische Rial gebunden ist. „Der einzige Weg,
wie sie uns bestrafen könnten, ist, indem
sie sich selbst bestrafen.“
Die spezielle Beziehung der USA zu
Saudi-Arabien zeigt sich sehr deutlich in
den US-Devisen des Königreichs. Bloomberg zufolge gibt es seit den 70er Jahren
keine offiziellen Angaben darüber, wieviel
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US-Schulden tatsächlich von Saudi-Arabien finanziert werden. Die Anleihen und
Papiere im Wert von 750 Milliarden Dollar, mit denen die saudische Regierung
gerade droht, können nur ein Anhaltspunkt sein. Edwin Truman vom Peterson
Institute for International Economics
bezeichnet es als „irrsinnig“, dass das USFinanzministerium die Daten zu SaudiArabien nie öffentlich gemacht hat.
Die Geheimhaltung war Teil der Politik mit dem Königreich. Damit stellte das
Finanzministerium Saudi-Arabien auf
die gleiche Stufe wie 14 andere Nationen
(meist OPEC-Mitglieder), deren US-Devisen auch nicht bekannt sind. Die US-Devisen hundert anderer Länder sind jedoch
öffentlich einsehbar, so Truman. Truman
war in den späten 90er Jahren Assistent
des Finanzministers.
Rohstoffe
Die Opec hat versagt
Saudi-Arabien droht, US-Devisen in Milliardenhöhe abzustoßen. Das würde die hochverschuldeten USA massiv gefährden
W
ährend der vergangenen anderthalb Monate gaben eine
Lockerung der Geldpolitik der amerikanischen Zentralbank sowie höhere
Ölpreise den Märkten eine Verschnaufpause im Baissetrend. Die Ölpreise dürften nach dem Scheitern des Gipfels in
Doha wieder fallen, weil die Fundamentalfaktoren überwältigend negativ sind.
Saudi-Arabien wollte in der Essenz
gar keinen Deal, nicht nur wegen des
Iran. Wo die Geldpolitik weniger subtil
gehandhabt wird – Japan, Schweiz, Eurozone – haben die Aktienmärkte den
Baissetrend wieder aufgenommen.
Besonders betroffen: Finanztitel und
Autohersteller, klassische frühzyklische
Sektoren. Die US-Märkte sind überbewertet, wurden jedoch von der Geldpolitik gestützt. Ein Sturz des Ölpreises und
anderer Märkte wird auch dort für tiefere Kurse sorgen.
Die Ölpreise sind nach wie vor Taktgeber der globalen Finanzmärkte, wenn
auch nicht mehr quasi auf Tagesbasis.
Von Mitte Februar bis Mitte April erholten sie sich scharf von rund 28 Dollar
auf über 42 Dollar per Barrel. Sie stiegen
also um rund 50 Prozent an. In Baisse-
Erdölpreis für den Juni 2016 WTI-Kontrakt.
märkten sind solche scharfen Korrekturen nicht ungewöhnlich. Auch vorher
gab es Korrekturen in ähnlichem Ausmaß, wenn auch nicht prozentual. Die
Grafik zeigt, wie enorm die Volatilität
nach wie vor ist, mit Rückwirkungen auf
andere Finanzmärkte.
Die wichtigsten Faktoren waren eine
Umkehr der US-Geldpolitik sowie Spekulationen über eine Produktionsbeschränkung von OPEC- und Nicht-OPECLändern. Die amerikanische Notenbank
Grafik: DMN; Quelle: ariva.de
hatte im Dezember die Zielmarke für
den Satz für Fed Funds um einen Viertel
Prozentpunkt angehoben. Gleichzeitig
hatte sie praktisch vier Zinserhöhungen
für den Jahresverlauf 2016 angekündigt. Mit dem Einbruch der Märkte zu
Beginn des Jahres schwand der Mut der
Entscheidungsmacher rasch dahin. Was
sich in Meinungsäußerungen von Mitgliedern des FOMC rasch abzeichnete,
wurde Mitte März bekräftigt. Die Notenbank will den Zinsanstieg verlangsamen
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und zieht nur noch zwei Zinsschritte für
dieses Jahr in Betracht. Der veränderte Zinsausblick schwächte den Dollar
markant und auf breiter Front ab. Zinserwartungen und der Dollar sind wichtige Treiber der Rohstoffpreise. Durch
das Abrücken der Notenbank von ihren
ursprünglichen Zielvorstellungen erholten sich nicht nur die Rohstoffpreise, sondern auch die Währungen und
Märkte in den Schwellenländern. Weil
sich die Währungen dieser Länder stabilisierten, sanken auch deren Zinsen.
Also Ende gut, alles gut? Nicht ganz, der
Druck verlagerte sich nur zeitlich, und
in Bezug auf die Adressaten. Japan, die
Schweiz und die Eurozone sind nun die
Hauptbetroffenen.
Für den 17. April war in Doha/Katar
seit Wochen ein Treffen von 16 OPECund Nicht-OPEC Produzentenländern
angesetzt. Dieser erste Gipfel von OPEC
und Nicht-OPEC Ländern seit 2001 ist
nach all den öffentlichen Signalen der
vergangenen Wochen eine wichtige
Wasserscheide für den Ölpreis. Die Spekulation über Produktionsbegrenzungen war von vier Produzentenländern
angeheizt worden. Sie vereinbarten, die
Produktion auf dem Niveau von Januar 2016 einzufrieren. Das besagt wenig,
denn dies entspricht ungefähr dem Maximum dessen, was in den vergangenen
Jahren erreicht wurde und technisch
kurzfristig machbar ist. Die Motivation
war durchsichtig. Es sollte den Druck
vom Erdölpreis wegnehmen, und allenfalls erlauben, die Absicherungen über
Forward-Kontrakte und Futures auf erhöhten Niveaus zu verlängern. Solange
die Situation mit den amerikanischen
‚tight oil’-Produzenten nicht bereinigt
ist und der Iran nicht daran teilnimmt,
spielt die Produktionsbeschränkung allenfalls taktisch eine Rolle. Die im Markt
weit verbreitete Spekulation um eine
koordinierte Förderkürzung dürfte bis
zum 17. April 2016 weiterhin wirksam
sein – in beide Richtungen.
Die Ausgangslage war komplex, und
die Wirkung auf die Märkte vielleicht
schwieriger als auf den ersten Blick ersichtlich. Es kann keinen Zweifel geben,
dass es vielen OPEC- wie auch NichtOPEC Produzentenländern schlecht
geht. Der Preissturz beim Erdöl hat die
auf rosigen Preisprognosen basierenden Staatsfinanzen arg durcheinander
gebracht, die Zahlungsbilanzen drastisch passiviert, und in einigen Ländern die Währungen kollabieren lassen.
Selbst Liquiditätsschwierigkeiten sind
nichts Ungewöhnliches. Von daher ist
der Ruf nach Produktionsbeschränkungen mehrerer Länder verständlich.
Vordergründig ist die Konferenz in
Doha daran gescheitert, dass Saudi-Arabien den Einbezug Irans in die Produktionsbeschränkung verlangte. Dasselbe
Saudi-Arabien hatte aber noch bis vor
wenigen Tagen darauf beharrt, dass der
Iran außen vor belassen werden soll und
sich die übrigen Produzentenländer auf
eine Produktionsbeschränkung einigen
sollen. Entweder ist in der Zwischenzeit etwas passiert – oder Saudi-Arabien
wollte in Realität gar nie einen Deal. Die
öffentlichen Äußerungen seines wichtigsten Exponenten – des stellvertretenden Kronprinzen Salman – lassen
eher auf die zweite Version schließen.
Effektiv ist das Verhältnis zu Iran und
Russland stark belastet. Russland ist der
Allierte des Irans in Syrien. Im Mittleren
Osten gibt es einen Kampf um die Vorherrschaft zwischen Saudi-Arabien und
Iran.
Doch die Situation ist dadurch kompliziert, dass die Vereinigten Staaten als
eines der drei größten Produzentenländer nicht involviert sind. Die Kapazität
und Produktion wurde vor allem dort
ausgebaut, von den oft kleinen ‚tight
oil’-Produzenten, welche mit hydraulischem Frakturieren und horizontalem Drillen mit hohen Kosten Erdöl in
tief liegenden Gesteinsformationen
erschließen. Der Boom war kreditfinanziert. Viele dieser Produzenten sind
finanziell schwer angeschlagen, haben
ihre Rentabilitätsschwelle aber deutlich
reduzieren können. Deshalb ist ihre Produktion nur wenig gefallen.
Außerdem könnten sie bereits erschlossene, aber noch nicht komplettierte Bohrlöcher (engl. Drilled Uncompleted, kurz DUC) wieder in Betrieb
nehmen und für die nächsten Monate
oder Quartale erhöhte Produktion über
Forwards verkaufen. Viele Produzenten
am Rande des Konkurses würden kurzfristig überleben, weil sie wieder fri-
22. April 2016
schen Cash generieren und ihre Schulden weiter bedienen könnten. Dafür
genügen einige Wochen von Preisen
von 45 Dollar per Barrel, für die Masse
der Produzenten 50 bis eher 60 Dollar
per Barrel. Es ist schlicht nicht einsichtig, warum das enorm reiche SaudiArabien mit seinen extrem niedrigen
Produktionskosten diese marginalen
Produzenten subventionieren, vor dem
Konkurs bewahren und eine Redimensionierung verhindern soll. Es würde die
Schwierigkeiten der Produzenten- und
Schwellenländer längerfristig immens
vergrößern. Die Preise würden dann
verzögert, dafür umso länger nach unten ausbrechen. Ausschließen lässt sich
nichts. Doch eine wirkliche Produktionskürzung würde für einen Anstieg
der Preise und eine verzögerte Ausweitung des Nicht-OPEC Angebots sorgen.
Auch Russland steht vor der Schwierigkeit, sich auf das veränderte Angebot
einzustellen. Denn nicht nur die ‚tight
oil’- , sondern auch die ‚shale gas’-Produzenten sind angeschlagen. Sie produzieren, um später mit LNG-Transporten
den Weltmarkt zu erschließen. Sie werden dadurch Konkurrenten Russlands
darstellen. Warum diese Konkurrenten
überleben lassen, wenn sie jetzt in riesigen Schwierigkeiten stecken? Diese Frage dürfte sich umso mehr stellen, als die
USA und die Europäische Union Ausrüstungen für Tiefseebohrungen wie auch
für das Frakturieren auf die Sanktionsliste gegen Russland für die Annexion der
Krim und das Eingreifen in der Ukraine
gesetzt haben. Aus der Sicht Russlands
könnte dies als Form des Wirtschaftskriegs der USA interpretiert werden.
Warum dann deren tight-oil- und shale
gas-Produzenten mit koordinierten Produktionsbeschränkungen und höheren
Preisen Überlebenshilfe leisten?
Eine Produktionskürzung jetzt würde die Schwierigkeiten der traditionellen Produzenten- und Schwellenländer
längerfristig immens vergrößern. Die
Produktion und Kapazität der amerikanischen Produzenten würden auf
Quartale oder sogar Jahre hinaus erhöht
werden. Die Preise würden dann verzögert, dafür umso länger nach unten ausbrechen. Ausschließen lässt sich nichts.
Doch eine wirkliche Produktionskür7
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zung würde für einen Anstieg der Preise und eine verzögert kräftige Ausweitung des Nicht-OPEC Angebots sorgen.
Letzten Endes hing das Ergebnis
des Doha-Gipfels vom Verhalten weniger Entscheidungsträger ab. Die wichtigsten waren der Kronprinz SaudiArabiens, der für die neue Erdölpolitik
Saudi-Arabiens verantwortlich ist, sowie die Führung des Iran und der russische Präsident Putin. Sie haben ihre
Berater, aber letzten Endes müssen
sie entscheiden, wie sie zukünftig mit
der Realität der amerikanischen tight
oil- und shale gas-Produzenten klar
kommen wollen. Überleben diese und
sind fit und abgespeckt, werden SaudiArabien und Russland auf Jahre hinaus
mit volatilen und unberechenbaren Ölpreisen konfrontiert sein. Als reine Ölbzw. Gasproduzentenländer haben sie
ein Interesse, die lästige Konkurrenz zu
beseitigen, um eine berechenbare und
langfristig orientierte Preispolitik hinzubekommen.
Die Konferenz am 17. April endete
ohne wichtige Beschlüsse, nicht einmal
mit einem gemeinsamen Communiqué.
Auch wenn einzelne Exponenten von einem neuen Treffen im Juni reden: Dieses Ergebnis ist ein schwerer Schlag. Es
zeigt, dass die wichtigsten Exponenten
eigene Agenden haben. Von einem gemeinsamen Verhalten nur schon innerhalb der OPEC, geschweige denn einem
koordinierten Verhalten mit Russland
und anderen Nicht-OPEC Förderländern
kann keine Rede sein. Deshalb wird der
Erdölpreis rasch nach unten gehen und
die alten Tiefstände unterbieten.
Die reinen Fundamentalfaktoren
für den Erdölmarkt haben sich verschlechtert, der Preis wird nach unten
durchbrechen. Der Winter 2015/2016
geht in der nördlichen Halbkugel als
mildester Winter seit Beginn der Wetter-Aufzeichnungen in die Annalen ein.
Dort wo die saisonale Nachfrage deshalb
typischerweise extrem stark ist, fiel sie
diesmal unterdurchschnittlich aus. Die
Produktion dagegen läuft auf Hochtouren. Die Contango-Situation im Markt
macht es auch weiterhin profitabel, Lager auszubauen und auf Lager zu produzieren. Die Nachfrage in den klassischen
Produzentenländern selber geht kon-
Erdöllager in den USA.
junkturbedingt zurück. Ein Einfrieren
der Produktion bedeutet, dass die langsamer wachsende oder schrumpfende
Inlandnachfrage in den Förderländern
durch wachsende Exporte kompensiert
wird. Dies ist bereits in Russland der
Fall, sodass die erhöhten Exporte auf
die Weltmarktpreise drücken. Im Effekt
gehen die Lager ungebremst hinauf in
Rekordhöhen.
Allerdings sind die Aussichten
für die Finanzmärkte durchaus unterschiedlich, was dem teilweise entgegengesetzten Kurs der Geldpolitik geschuldet ist. In den USA ist die Konjunktur
gespalten. Die verarbeitende Industrie
ist durch die Erdölkrise, die Krise der
Schwellenländer und die Wachstumsverlangsamung in China betroffen. Die
Export und Unternehmensinvestitionen bleiben schwach. Finanzpolitik,
Wohnungsbau und privater Konsum
stabilisieren dagegen die Endnachfrage. Der Kurs der Geldpolitik kann als
deutlich weniger restriktiv bezeichnet
werden als 2015. Der Dollar hat sich abgeschwächt, wenn auch nicht stark, und
die Kreditrisikozuschläge sind markant
zurückgegangen, mindestens im Investment Grade und sogar im High-YieldBereich außerhalb des Energiesektors.
Zwar ist die Emissionsaktivität auch
eingeschränkt, aber die monetären Bedingungen sind entspannter als vor
drei Monaten. Der breite reale handelsgewichtete Index des Dollar vermittelt
einen Eindruck, wie 2014/15 die Geldpolitik über den Wechselkurs restriktiver
geworden ist
22. April 2016
Grafik: DMN; Quelle: EIA
Doch die Konjunkturlage ist kompliziert. Der amerikanische Aktienmarkt
ist überbewertet. Das Gewinnmomentum ist, besonders an den US-GAAP statt
an den pro-forma Gewinnen gemessen,
seit mehreren Quartalen stark rückläufig. Vorlaufende Indikatoren in der Realwirtschaft sind teilweise negativ, was
eine weitere Kontraktion der Gewinne
impliziert. Die Unternehmen stützen
den Aktienmarkt durch Dividendenzahlungen und durch Rückkäufe, die
durch zusätzliche Verschuldung finanziert sind. Hilfreich sind neuerdings die
Umrechnungseffekte für die Währung.
Die Verbindung von Nullzinspolitik und
Quantitativer Lockerung der Geldpolitik
hat den enormen Aktienboom seit 2009
herbeigeführt. Der Markt ist jetzt sehr
fragil, da konjunkturbedingt und von
den Bewertungen wie von der Verschuldungsdynamik her erhebliche Korrekturen bzw. eine Baisse möglich sind. Ein
eigentlicher Einbruch des Aktienmarktes würde das Konsumentenvertrauen
erschüttern und den privaten Konsum
als wichtigste Stütze der Konjunktur gefährden. In diesem Fall wäre eine Rezession unvermeidlich. Die amerikanische
Notenbank wird wohl alles daran setzen,
Konjunktur und Aktienmarkt eine gewisse Unterstützung zu geben. Die Fed
hat – anders als dies viele Analysten sehen – Spielraum für eine Feinsteuerung.
Sie kann ein Überschießen des Marktes
verhindern, notfalls mit einer Zinserhöhung, und sie kann subtil mit den
Erwartungen spielen oder im Extremfall die Zinsen senken. Doch für den US8
Deutsche
MittelstandsNachrichten
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Ausgabe |15/16
Aktienmarkt spielen auch andere Faktoren als die Geldpolitik eine Rolle – die
Erdölpreise, die Wahlaussichten für die
Präsidentschaftswahlen, die Konjunkturaussichten und die Finanzmärkte
im Rest der Welt.
Weil in Doha während zwei Monaten geschürte Hoffnungen zerschellt
sind, werden die Erdölpreise fallen und
die Aktienmärkte folgen. Eine schwere
Baisse an den ausländischen Märkten
kann eine Flucht in den Dollar als sicheren Hafen auslösen. Ein scharfer
Fall der Ölpreise, der von einer Flucht
in den Dollar begleitet würde, gäbe den
Anstoß auch für eine Baisse des USAktienmarktes.
Die veränderten Zinsaussichten in
den USA und die damit einhergehende
Dollarschwäche haben eine Kehrseite.
Länder wie Japan oder die Schweiz sind
einer scharfen Währungsaufwertung
ausgesetzt. Tiefere Zinsen, ja Negativzinsen sind dort kein Konjunkturstabilisator, sondern verstärken die negativen Effekte der harten Währung. Kein
Wunder, sind die Aktienmärkte dieser
Länder praktisch zurück bei den Tiefständen von Mitte Februar. Zudem wird
in diesen Ländern die Finanzpolitik die
Konjunktur bremsen oder zumindest
belasten. In der Schweiz wird die Finanzpolitik nach dem bürgerlichen Wahlsieg
mittelfristig restriktiv. In Japan lastet
die Unsicherheit bezüglich der für 2017
angekündigten Mehrwertsteuer-Erhöhung auf der Konsum- und Investitionsnachfrage.
Das gleiche Szenario, vorerst ohne
restriktivere Finanzpolitik, gilt für die
Eurozone, wo die EZB mit ihrer Negativzinspolitik und ihren Anleihenkäufen
die Binnenkonjunktur – erklärtermaßen entgegen ihrer Absicht – wohl eher
abwürgt, statt sie zu stimulieren. Der
Mechanismus ist überall der gleiche.
Der gesamte Finanzsektor – Banken,
Versicherer, Pensionskassen – werden
irreversibel geschädigt. Die Transmission geldpolitischer Impulse wird ver-
Realer handelsgewichteter Wechselkurs des Dollars.
hindert statt erleichtert. In all diesen
Märkten sind die Titel des Finanzsektors
im steilen Absturz. Sie werden die Tiefstände von Mitte Februar, von 2012 und
allenfalls von 2009 in nicht allzu weiter Ferne durchschlagen. Ob der breite
Markt gleich mitzieht, ist eine andere
Frage. Wenn der Ölpreis sich in einer
Bandbreite stabilisiert, mag sich die
Konsolidierung länger hinziehen. Wenn
nicht, dann stehen diese Märkte vor einer scharfen Talfahrt. Diese antizipiert
dann die Rezession und nicht mehr nur
eine Wachstumsverlangsamung wie bisher. Für Investoren aus diesen Ländern
ist der US-Markt bei Obligationen und
Aktien deutlich attraktiver.
Seltsames gibt es über China zu
berichten. Die Behörden haben die
Märkte – Devisenmarkt, Aktienmarkt –
erfolgreich stabilisiert. Ob sie über diese kurzfristigen Maßnahmen hinaus
die richtigen Entscheidungen treffen,
steht auf einem anderen Blatt. Wichtig
scheint die Zentralisierung der Macht
bei Staatspräsident Xi Jinping. Dieser
verfolgt zusehends eine autoritäre Politik der Repression, inklusive des eiser-
22. April 2016
Grafik: DMN; Quelle: Fredgraph, Fed St. Louis
nen Besens in den eigenen Reihen. Nur
gute Nachrichten sind gefragt, sie sind
Teil einer gleichgeschalteten patriotischen Propaganda. Deshalb werden die
eingehenden Wirtschaftszahlen aus den
Provinzen auch positiv aussehen, selbst
ohne statistische Massage durch die
Zentrale. Was völlig verquer steht, ist die
Tatsache, dass engste Familienangehörige des Präsidenten offenbar ebenfalls in
den Panama Papieren aufgeführt sind.
Bereicherung und Kapitalflucht im
engsten Umkreis berauben die Kampagne gegen die Korruption der Legitimation und Glaubwürdigkeit. Alle Macht
auf sich zu konzentrieren, eisern durchgreifen und gleichzeitig selber angreifbar sein, ist eine schwierige Mission.
Scheitert die Wirtschaftspolitik, könnte
es angesichts vieler Feinde in den eigenen Reihen schnell geschehen sein.
Die kommunistische Partei Chinas hat
eine lange Tradition brutaler interner
Machtkämpfe und Wendungen in der
Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.
Überraschungen sind dann ohne Weiteres möglich. Chinas politischer Ausblick
ist unsicher.
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