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Chemie-Stiftung • Sozialpartner-Akademie
Editorial
„Wir können das hinkriegen“
Liebe Leserinnen und Leser,
Chemiebranche eröffnet Flüchtlingen Ausbildungsperspektiven
auch in diesen Tagen ist die Fähigkeit der
Chemie-Sozialpartner wieder gefragt, pragmatisch nach Lösungen zu suchen. Ihre
seit Jahrzehnten praktizierte K
­ ooperation
bewährt sich bei der Integration von
Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Viele
Chemie-Unternehmen unterstützen mit
Spenden Sprachkurse für Flüchtlinge, bieten ihnen Zugänge zu einer qualifizierten
Ausbildung an und fördern das Engagement ihrer Beschäftigten mit Freistellungen. Klar ist aber: Schnelle Erfolge sind
nicht zu erwarten. Integration ist ein langwieriger Prozess, ein „realistisches Erwartungsmanagement“ daher unabdingbar.
Auch das wissen die Beteiligten.
Hinzu kommt: Wer Flüchtlingen eine r­ eale
Chance geben will, zu Bürgerinnen und
Bürgern dieser Gesellschaft und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Unternehmen zu werden, muss auch das Mit­
einander von Menschen unterschiedlicher
Nationalität und Kultur im Alltag organisieren. Diversity oder interkulturelle Vielfalt war lange bevor das Thema Flüchtlinge
auf der Agenda erschien in vielen Unternehmen wichtig. Es wird in den kommenden Jahren aktuell bleiben. Die CSSA hat
es beizeiten aufgegriffen, eine Broschü­re
dazu vorgelegt und zusammen mit dem
BAVC, der IG BCE und dem VCI die Sozial­
partner-Tagung „Kulturelle Vielfalt in der
chemischen Industrie“ im September vo­
rigen Jahres veranstaltet.
Ihr Klaus-W. West,
Geschäftsführer der CSSA
Inhalt
Michelin
Der richtige Dreh 2
Im Gleichgewicht
CSSA startet BALL-Pilotseminar
2
Geduldsprobe
M. Erzberger-Ries über Flüchtlinge 3
Zeit für Führung
Round Table zu „Gesund führen“ cssa-news 1/2016
4
Es sind wichtige Schritte zur Integration und ein klares Signal: BASF bietet 50 Flüchtlingen die Teilnahme an dem Programm „Start Integration“ an, Evonik hat 15 zusätzliche
Plätze bei „Start in den Beruf“ speziell für junge Flüchtlinge eingerichtet und Lanxess eine
hohe sechsstellige Summe vornehmlich für Sprachkurse gespendet: Die Chemiebranche
engagiert sich, damit Flüchtlinge schnell in Deutschland Fuß fassen.
Mit der Lanxess-Spende sollen an den Unternehmensstandorten Köln, Dormagen, Leverkusen und Krefeld Sprachkurse und Unterrichtsmaterialien sowie die Betreuung
für die Einführungsklassen schulpflichtiger
Flüchtlingskinder finanziert werden. Außerdem können sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Lanxess während der Arbeitszeit für Flüchtlinge engagieren – bezahlt.
Asylerstanträge im Jahr 2015
Gesamtzahl 476.649
7,6 %
Kosovo
12,2 %
Albanien
35,9 %
Syrien
44,3 %
andere
Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
So hat es der Spezialchemiekonzern mit der
IG BCE vereinbart. Der Arbeitgeberverband
ChemieNord und seine 300 Mitgliedsunternehmen stellten für in Norddeutschland angekommene Flüchtlinge 250.000 Euro für
Online-Videosprachkurse zur Verfügung.
Und Wacker Chemie hat im vergangenen
Jahr das Flüchtlingsprojekt SchlaU-Schule
in München mit 100.000 Euro unterstützt.
Bei Evonik traten die ersten sieben Flüchtlinge bereits im November ihre praktische
Berufsvorbereitung an, und zwar im Chemiepark Marl. Am Anfang steht für sie ein
Deutschkurs. Zwei weitere kommen am Evonik-Standort Wesseling und sechs in Darmstadt und Hanau unter. Außerdem wird der
Stromerzeuger Steag in Essen als Kooperationspartner von Evonik zehn weitere Startplätze finanzieren. Teilnehmen können vor
allem Flüchtlinge, die „eine hohe Aussicht
auf ein Bleiberecht in Deutschland haben“,
betont eine BASF-Sprecherin. Dazu gehören
Flüchtlinge aus Syrien (ca. 34 Prozent aller
registrierten Flüchtlinge), Irak (8 Prozent),
Iran und Eritrea. Rund 80 Prozent der in diesem Jahr nach Asyl Suchenden ist jünger als
35 Jahre, ein Viertel noch nicht mal 16 Jahre alt.
Die deutsche Sprache und ein schneller Zugang zum Arbeitsmarkt gelten als die wichtigsten Bausteine für eine erfolgreiche Integration. Das Engagement der Chemie-Industrie ist daher ein erster Schritt „eines langen
und schwierigen Prozesses“, wie der BAVC
betonte.
Die Unternehmen können vor Ort auf Partner bauen oder, wie BASF, auf ein reges
kommunales Netzwerk. Die ­Metropolregion
Rhein-Neckar GmbH in Mannheim hatte
bereits im Oktober 2014 den Steuerkreis Vitaler Arbeitsmarkt eingerichtet, in dem 30
Vertreter der IHK, der Industrie, Unternehmen, Kommunen und der Arbeitsagenturen
vertreten sind. Daraus gingen eine Arbeitsgruppe und ein Konzept vor allem für kleine
und mittlere Unternehmen sowie ein Positionspapier für die schnelle Integration von
Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt hervor.
Maria Lauxen-Ulbrich, die in der Metropolregion GmbH den Bereich Vitaler Arbeitsmarkt leitet, fasst die wichtigsten Voraussetzungen so zusammen: „Spracherwerb, Kompetenzfeststellung und Anerkennung der
Berufsqualifikation, Ausbildung und klare
Entscheidungen, wie lange Flüchtlinge bleiben können.“
Zum Thema: Interview mit Martina
Erzberger-Ries über Flüchtlinge und
Beschäftigungspiloten (Seite 3).
1
Der richtige Dreh
In Kürze
Michelin dokumentiert Arbeitsschritte per Videokamera
„ Termine
Viele ältere Beschäftigte tun sich schwer, ihre routinierten Arbeitsschritte niederzuschreiben oder am PC zu dokumentieren. Ein CSSA-Modellprojekt brachte den Reifenhersteller Michelin in Bad Kreuznach auf den richtigen Dreh – eine Kamera für Videodokumentationen.
24. bis 26. Februar, Friedrichsthal (Saarl.)
„Zukunftssymposium Mitbestimmung
2035“ der Hans-Böckler-Stiftung in Kooperation mit der Arbeitskammer des Saarlandes. Infos: bit.ly/Zukunft-Mitbestimmung
„Sehr viele ältere Mitarbeiter verlassen uns in das sogenannte Instandhaltungsprogramm
den nächsten Jahren“, sagt Personalleiter Pe- BMA (Business Maintenance Assistant). Das
Problem: „Es ist mitunter schwer, die Kollegen dazu zu kriegen, dass sie die Prozesse im
BMA ausführlich dokumentieren“, sagt Werner Nick, Leiter eines Instandhaltungsteams.
Die Lösung: eine Kopf- bzw. Videokamera.
Denn den besagten Kollegen fällt es leichter, etwas zu zeigen und vor Ort zu erklären.
Zum Beispiel, wie man eine Anlage einstellt.
Und die leichte Kamera stört nicht. Auf die
Videos können die Mitarbeiter wiederum
ohne Probleme vom BMA aus zugreifen.
Jung und Alt werten dann gemeinsam das
Videomaterial aus. Peter Kubitscheck sieht in
Teamarbeit: Beim Wissenstransfer geht Michelin neue Wege.
diesem Ergebnis einen großen Erfolg: „Das
Modellprojekt mit der CSSA hat andere Forter Kubitscheck. Der Grund: Die Belegschaft
men der Dokumentation in unseren Fokus
ist im Mittel 46 Jahre alt. Für Michelin stellt
gerückt wie zum Beispiel Videos.“
sich daher die Frage: Wie kann das wertvolle Erfahrungswissen älterer Mitarbeiter im
Den ausführlichen Best-Practice-Bericht
Betrieb gehalten werden? Zwar hat Michelesen sie hier: www.cssa-wiesbaden.de
lin ein modernes Dokumentationssystem,
12. Mai, Berlin
What does co-determination do? Konferenz aus Anlass des 40. Geburtstags des
Mitbestimmungsgesetzes von 1976.
Mehr: bit.ly/Co-determination
9. bis 10. Juni, Hannover
Pilotseminar „Balance von Arbeiten, Leben
und Lernen (BALL)“.
September, Wiesbaden
5. CSSA-Länderseminar: „Arbeitsbeziehungen in Spanien“. Kontakt: Christine Kolodzyck, Tel.: 0611-970098-0.
„ Mehr Frauen in Führungspositionen
Der Pharmakonzern Sanofi hat es sich
zum Ziel gesetzt, mehr Frauen für Führungspositionen zu gewinnen. Wie das
gelingen kann, diskutierten über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer während
des sogenannten Gender Days bei ­Sanofi,
der vor kurzem zum zweiten Mal veranstaltet wurde. Der Gender Day sollte ­dabei
k­eine reine „Frauenveranstaltung“ ­bleiben:
Erstmals nahmen auch 25 Männer in Führungspositionen teil und diskutierten mit,
warum beispielsweise gemischte Teams
­einen deutlichen Mehrwert für den Arbeits­
alltag und damit für das Unternehmen darstellen. Den ausführlichen Bericht lesen
Sie hier: www.cssa-wiesbaden.de
Arbeiten, Leben und Lernen
CSSA startet BALL-Pilotseminar in Hannover
Mehr Beschäftigte denn je müssen flexibel und mobil sein und sich ein Berufsleben lang
weiterqualifizieren. Die Folge: Stress und Belastungen wachsen, aber auch der Wunsch, Beruf und Familie besser zu vereinbaren.
Gruppenarbeiten angewandt.
Wie es gelingen kann, ist TheIhr Nutzen PilotsemiWährend der zwei Tage geht es
mat? des zweitägigen
um eine Bestandsaufnahme, wie
nars „Balance von Arbeiten,
gut die Vereinbarkeit von ArbeiLeben und Lernen (BALL) in
0611 97 00 98 16
ten, Leben und Lernen im Untermeinem Unternehmen“. Es
nehmen bereits funktioniert, welfindet am 9. und 10. Juni in
Hintergrund zum
Tarifvertrag
che Belastungssituationen es gibt,
Hannover statt.
Das Seminar
was die Ursachen und Lösungen
basiert auf Erkenntnissen des
Balance von Arbeite
dafür
sind und wie schließlich die
Trierer Forschungsprojekts
Leben und Lernen n,
(BALL)
Work-Learn-Life-Balance
ein ­fester
„Allwiss –Info
Arbeiten
–
Lerfür Chemie-Unterne
& Anmeldung
hmen
Bestandteil des Personalentwicknen – Leben in der Wissenslungssystems werden kann. Das
arbeit“. Das Allwiss-ForSeminar richtet sich vor allem an
schungsteam hat seinerzeit
Multiplikatoren aus Chemie-Unterleicht handhabbare, wirksanehmen,
idealerweise an ein Tanme Instrumente wie einen
www.cssa-wiesbade
n.de
dem aus Personalverantwort­lichem
Unternehmens-Check, eiund Betriebsrat. Die Teilnehmernen Fragenkatalog für Mitarbeitergespräche und Mitarbeiter-Work- zahl ist auf maximal 15 begrenzt. Weitere
shops entwickelt und praktisch erprobt. Informationen: Christine Kolodzyck, Tel.:
Diese Instrumente werden in Übungen und 0611-970098-0.
Interesse geweck
„ Dirk Meyer wird Chef der HessenChemie
Mehr Informationen
und eine ausführliche
Darstellung
der Instrumente
finden Sie auf unsere
r Website
www.cssa-wiesbaden
.de.
Dirk Meyer übernimmt zum
1. März die Hauptgeschäftsführung des Arbeitgeberverbandes Chemie und verwandte Industrien für das
Land Hessen e. V. (Hessen­
Chemie) in W
­ iesbaden. Meyer, der auch dem Vorstand
der CSSA angehört, ist seit
2001 ­Geschäftsführer des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC), wo er die
Ressorts Bildung, Wirtschaft und Arbeitsmarkt leitet. In der HessenChemie sind
aktuell rund 300 Unternehmen der chemischen und kunststoffverarbeitenden Industrie Hessens sowie einer Reihe von industrienahen Serviceunternehmen organisiert.
Sind Sie an unsere
m Angebot interes
siert?
Bitte senden Sie dieses
Formular an die CSSA
unter
folgender Fax-Nr.:
Ich wünsche mehr
Informationen über
das neue Angebot „Balance von
Arbeiten, Leben und
Lernen (BALL) für
Chemie-Unternehm
en“ der CSSA.
Vorname
Name
Position
Firma
Anschrift
Telefon
E-Mail
2
Stehen Arbeiten,
Leben und Lernen
in Ihrem Unternehmen
Gleichgewicht, wirkt
im
sich das positiv aus
…
… auf Ihre Beschä
ftigten:
sie fühlen sich nicht
mehr überlastet,
sind langfristig zufried
en, arbeitsfähig und
gesund.
… auf Ihr Untern
ehmen:
Sie können
die Ressourcen und
Kompetenzen Ihrer
beiterinnen und Mitarb
Mitareiter nachhaltig nutzen
bleiben
und
so wettbewerbsfähig.
Mit dem Chemie-Tarif
vertrag „Lebensarbeit
szeit und Demografie“ 2012 beschl
ossen die Chemiesozial
partner BAVC
und IG BCE, u.a.
die Vereinbarkeit
von Beruf und Famili
verbessern und Maßna
e zu
hmen zur Qualifi
zierung während
gesamten Erwerb
des
slebens zu entwic
keln.
Mit dem Angebot
„BALL“ unterstützt
die CSSA die betrieb
chen Sozialpartner
liin der Umsetzung
ihrer Vereinbarung
.
Chemie-Stiftung
Sozialpartner-Akad
emie (CSSA)
Kreuzberger Ring
70
65205 Wiesbaden
Tel.: 0611 97 00 98
-0
Fax: 0611 97 00 98
- 16
service@cssa-wiesb
aden.de
Eine Initiative der
Chemie-Sozialpartn
er
Industriegewerks
chaft
Bergbau, Chemie,
Energie
cssa-news 1/2016
„Außer Zeit ist vor allem Geduld nötig“
Martina Erzberger-Ries über Beschäftigungspiloten und Deutschland als fremde Kultur
Frau Erzberger-Ries, wie viele Flüchtlinge
betreuen Sie aktuell und was steht vor allem
auf dem Lehrplan?
Das hängt davon ab, was man unter Flüchtling versteht, also welchen Status sie aktuell
haben, ob sie z. B. eine Bescheinigung über
die Meldung als Asylsuchender (BÜMA),
eine Aufenthaltsgestattung, eine Duldung,
eine Aufenthalts- oder Niederlassungserlaubnis haben und aus welchen Ländern sie
kommen. Wir betreuen derzeit 900 Menschen allein aus den vier Ländern, die derzeit
eine gute Bleibeperspektive haben. Das sind
Syrien, Iran, Irak und Eritrea. Die deutsche
Sprache steht natürlich an erster Stelle, aber
es geht nicht nur darum, dass sie möglichst
schnell perfekt Deutsch lernen. Im Vordergrund stehen Fragen, wie die Deutschen ticken, wie das hiesige Gesundheitssystem
funktioniert, wo ich einen Arzt finde oder
wie man einen elektrischen Herd benutzt.
Es geht also vor allem darum, die Flüchtlinge mit einer für sie oft völlig fremden Welt
vertraut zu machen.
ProfeS wurde im Jahr 1995 gegründet, um
vor allem Sprachkurse für Spätaussiedler anzubieten. Worin sehen Sie den wichtigsten
Unterschied zwischen den heutigen Flüchtlingen und den damaligen Spätaussiedlern?
Ein großer Unterschied ist, dass die heutigen Flüchtlinge in eine für sie wirklich fremde Kultur kommen. Anders als die meisten
Spätaussiedler sind die wenigstens Flüchtlinge europäisch sozialisiert. Hinzu kommt,
dass die Spätaussiedler oft in Mehrgenerationenfamilien nach Deutschland gekommen
sind und ihre Emigration in der Regel lange
vorher vorbereiten konnten. Viele Flüchtlinge dagegen kommen allein, häufig sind es
junge Männer, die überdies durch die Erfahrungen in ihrem Land und auf der Flucht
traumatisiert sind. Ihre Betreuung muss daher auch auf diese Belastungen eingehen.
Was sind typische Fehler, die Ausbilder in
Unternehmen mit Flüchtlingen machen
können?
Viele Flüchtlinge kennen oder verstehen
nicht die Erwartungen, die Ausbilder an
sie haben. Das müssen Ausbilder wissen
und akzeptieren. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn sie einem Flüchtling sagen, so,
ihr Praktikum beginnt morgen um 10 Uhr,
können sie nicht erwarten, dass er wirklich
anderntags pünktlich um 10 Uhr erscheint.
Die uns vertraute Zeitdisziplin und Pünktlichkeit sind für viele Flüchtlinge keine
Selbstverständlichkeit, sie sind eben kulturell anders geprägt. Ausbilder in Unternehmen müssen also ein interkulturelles Training machen, um ihren eigenen kulturellen
Hintergrund und den eines Menschen etwa
aus Eritrea zu verstehen. Ein anderer Punkt
ist, dass wir auch Flüchtlinge haben, die keine Schriftsprache kennen. Daraus folgt, dass
mit schriftlichen Anweisungen wenig zu bewirken ist. Auch das muss man wissen.
Seit Jahresbeginn bieten Sie das Projekt „Beschäftigungspilot für Flüchtlinge“ an. Wo­
rum geht es und was ist das Ziel?
Wir haben jetzt vier Beschäftigungspiloten
in den drei Landkreisen. Hier geht‘s darum, unter den Flüchtlingen Menschen zu
finden, die aufgrund ihrer Qualifikat­ion
­relativ schnell in Arbeit oder eine Ausbildung zu bringen sind. Das heißt, die Beschäftigungspiloten arbeiten eng mit den
Ausländerbehörden und den Arbeitsagenturen zusammen. Sie suchen Flüchtlinge in
Aufnahme­einrichtungen oder Wohnheimen
auf, sprechen mit ihnen über ihre Qualifikation oder begleiten sie zu Ämtern. Sie sind
das Verbindungsglied zwischen Behörden,
Unternehmen und Flüchtlingen.
Martina Erzberger-Ries
ist geschäftsführende
Alleingesellschafterin
der ProfeS Gesellschaft
für Bildung und Kommunikation mbH mit
Sitz in Germersheim
und Landau. Sie studierte an der Bundeswehr-Verwaltungshochschule und in den USA. Im Jahr 1995
gründete sie ProfeS. Außer Sprachkursen
bietet ProfeS fachliche Fort- und Weiterbildungen im kaufmännischen, sozialen
und gewerblich-technischen Bereich an.
Die Arbeit für und mit Migranten steht
auch heute noch bei vielen Projekten im
Fokus der Arbeit: 70 Prozent der Teilnehmer und etwa 30 Prozent aller ProfeSMitarbeiter haben einen Migrationshintergrund. Weitere Informationen:
www.profes-gmbh.eu
Wie können Sie Unternehmen in und um
Landau unterstützen, die Flüchtlingen Ausbildungs- und Arbeitsplätze anbieten?
Im vergangenen Jahr haben wir die ersten
18 Flüchtlinge in eine Ausbildung im Bereich Hotel und Gaststätten vermittelt. Viele
Flüchtlinge stehen aber unter großen Druck,
auch wenn sie es in eine Ausbildung geschafft haben. Unser Hauptanliegen ist daAußerdem starten Sie das Projekt „Fit für her, den Abbruch einer Ausbildung zu vergrüne Berufe“. Worum geht es hier?
hindern. Deshalb steht hier die sozialpädagogische Betreuung im Vordergrund.
Info | Keine gute Schulbildung
Mehr als 33 Prozent der irakischen Flüchtlinge haben keine Schule oder diese nur vier Jahre lang besucht. Etwas besser ist die Schulbildung bei Afghanen (25 Prozent) und Syrern
(22 Prozent). Diese Zahlen finden sich in der „Flüchtlingsstudie 2014" des Bundesamtes
für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vom Januar dieses Jahres. Sie basiert auf der Befragung von rund 2800 Asylberechtigten und anerkannten Flüchtlingen, vor allem aus den
Hauptherkunftsländern Syrien, Irak und Afghanistan. Deutlich ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern: Mehr als 35 Prozent der irakischen Frauen waren nicht in der
Schule. Immerhin gab fast jeder zweite Afghane an, 10 bis 14 Jahre lang zur Schule gegangen zu sein. Außerdem: 73 Prozent aller Iraker haben keine Berufsausbildung oder Studien­
abschlüsse (Afghanen: 61, Syrer: 58). Die ganze Studie: bit.ly/Bamf-Studie
cssa-news 1/2016
Hier wollen wir vor allem die Leute unter
den Flüchtlingen ansprechen, die in ihren
Heimatländern bereits in der Land- oder
Forstwirtschaft tätig waren und auch in ihrer
neuen Heimat Interesse an einem grünen
Beruf haben. Das Projekt soll sie während
eines Vorbereitungsjahrs fit für eine Ausbildung machen, sei es in der Forstwirtschaft
oder im Weinbau.
Wie beeinflussen die Ereignisse während der
Silvesternacht in Köln Ihre Arbeit?
Sehr stark. Wir haben uns entschieden, diese
Vorfälle mit den Flüchtlingen zu diskutieren.
Das heißt, wir haben Zeitungsartikel auch
ins Arabische übersetzt. Der Grund, warum
wir das tun, ist: Die Flüchtlinge müssen wissen, was los ist und warum ihnen nach einer
großen Welle der Solidarität womöglich Vorbehalte entgegenschlagen. Ich kann nur sagen, die Flüchtlinge, die bei uns sind, sind
entsetzt über diese Vorfälle.
3
„Mehr Zeit für Führung“
Gesprächsrunde der CSSA: Was heißt „gesund führen“?
Sie sollen achtsam mit sich und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umgehen, sie
wertschätzen, sich ausreichend Zeit für sie und sich selbst nehmen, über ein hohes Maß
an Selbstreflexion verfügen, fachlich überzeugen und ihre Managementaufgaben erledigen: Moderne Führungskräfte müssen viele Fähigkeiten mitbringen. Das zeigte jüngst
eine Gesprächsrunde der CSSA über „gesunde Führung“.
„Es ist ein Spagat zwischen Firmenzielen,
den Bedürfnissen der Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter und den Bedürfnissen der Führungskräfte selbst“, sagt Dr. Rüdiger Koch,
ehedem Betriebsratsvorsitzender bei Merz
Pharma. Vielen Führungskräften scheint er
nicht leicht zu fallen.
Das verdeutlichte die Gesprächsrunde über
„gesunde Führung“, zu der die CSSA vor
Kurzem zwei Betriebsräte und zwei Personalverantwortliche eingeladen hatte. Es ging
um die Fähigkeiten, die Führungskräfte heute mitbringen müssen, vor welchen Anforderungen sie heute stehen, wie sie auf ihre Füh-
po, die Teamarbeit und der Zeitaufwand für
Abstimmungsprozesse zu, werden die Belegschaften vielfältiger (Diversity), sollen Arbeiten und Leben nicht in Schieflage geraten
(Work-Life-Balance).
Unstrittig war in der Gesprächsrunde, dass
nicht nur Führungskräfte ihr Selbstverständnis ändern müssen. Auch die Unternehmen
müssen dazu beitragen. Boehringer Ingelheim, so betont Sandra Laegner, versuche
klarzustellen, „dass gesund führen zum täglichen Tun gehört und keine Extrasache ist“.
Was er unter gesunder Führung versteht,
beschreibt Rüdiger Koch so: „Ich richte den
In Kürze
„ Wie Sozialpartnerschaft funktioniert
Sozialpartnerschaft betrifft heute nicht nur
deutsche Unternehmen, sondern auch Betriebe im Ausland, in Europa ebenso wie in
Übersee. Thema wird sie auch dann, wenn
englische oder französische Unternehmen
deutsche Firmen kaufen oder übernehmen
und die neuen Eigentümer auf eine sozialpartnerschaftlich geprägte Unternehmenskultur treffen. Wie Sozialpartnerschaft
funktioniert und auf welchen Prinzipien sie
basiert, hat die CSSA in kompakter Form
auf Charts erläutert. Sie sollen Betriebsräte
und Mitarbeiter der Personalabteilungen
unterstützen, ausländischen Kollegen das
deutsche System der Mitbestimmung und
Sozialpartnerschaft verständlich zu machen. Die Charts gibt es in Englisch, Französisch und Deutsch, und zwar hier:
www.cssa-wiesbaden.de
„ Nächstes Länderseminar: Spanien
Round Table (von l. n. r.): Klaus-W. West (CSSA), Bernhard Rettler (Hutchinson), Sandra Laegner (Boehringer), Rüdiger
Koch (Merz Pharma) und Ida Schönherr (BASF ESSC).
Blick auf den Mitarbeiter und schaue, wie es
ihm insgesamt geht, ohne dabei jedoch die
Managementaufgaben zu vernachlässigen.“
Dafür sei „die Fähigkeit der Führungskräfte
zur Selbstreflexion wichtig“, sagt Bernhard
Rettler, der einen Kulturwandel in den Führungsetagen sieht. „Als ich vor 27 Jahren in
der Personalarbeit anfing, hatte das Thema
Noch haben Führungskräfte vor allem ihre
Selbstreflexion in der Geschäftswelt einfach
Managementaufgaben im Blick. „Viele Fühkeinen Platz.“
rungskräfte sehen sich vor allem als Manager von Zielen und Prozessen, das Führen Bernhard Rettler hat daher „eine große Hoch­
von Menschen hat nicht immer den gleichen achtung vor der Führungsleistung des BeStellenwert“, sagt Sandra Laegner, Head of triebsrats. Er wird zwar nur alle vier Jahre
Local HR Center of Expertise bei Boehrin- gewählt, aber im Grunde muss er jede Woger Ingelheim. Ein Grund: In Führungspo- che die Mehrheit der Beschäftigten hinter
sitionen kommen vor allem solche Mitarbei- sich bringen.“
ter, „die produktiv und erfolgreich in ihrer
Arbeit waren, das heißt wegen ihrer fachDie CSSA hat die Gesprächsrunde auslichen Kompetenzen“, sagt Bernhard Rettführlich dokumentiert. Das vollständige
ler, Personalleiter beim Automobilzulieferer
Gespräch finden Sie auf unserer Website:
Hutchinson. Außerdem steige die Komple- www.cssa-wiesbaden.de.
xität und der Kostendruck, nehme das Temrungsrolle vorbereitet werden können (zum
Beispiel durch Mentoring), welche Erwartungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an
Führungskräfte haben, über Führung in intergenerationellen Teams (junge Führungskräfte führen ältere Beschäftigte) und nicht
zuletzt um die Rolle der Sozialpartnerschaft.
4
Nach vier erfolgreichen Länderseminaren
wird die CSSA gemeinsam mit dem BAVC
und der IG BCE auch in diesem Jahr wieder
ein Länderseminar anbieten. Nach Frankreich, Italien, Großbritannien und Polen
sind diesmal – auf vielfachen Wunsch der
bisherigen Teilnehmer – die „Arbeitsbeziehungen in Spanien“ dran. Das Seminar
findet im September in Wiesbaden statt.
Der genaue Termin wird noch bekannt gegeben. Weitere Infos: Christine Kolodzyck,
Tel.: 0611-970098-0.
„ Ihre Wahl: gedruckt oder digital?
Wie wollen Sie Ihre „cssa-news“: per Post
im Briefkasten oder per E-Mail als PDF-­
Datei? Die digitale Variante ist natürlich
umweltfreundlicher, für Sie schneller und
für uns günstiger. Bitte entscheiden Sie
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Chemie-Stiftung Sozialpartner-Akademie –
eine Initiative der Chemie-Sozialpartner BAVC
und IG BCE
Kreuzberger Ring 70, 65205 Wiesbaden
Tel.: 0611 - 970098 - 0, Fax: 0611 - 970098 - 16
[email protected], www.cssa-wiesbaden.de
Verantwortlich: Dr. Klaus-W. West
Redaktion: Dirk Dietz, textmanufaktur
Fotos: Michelin (Seite 2), BAVC (Seite 2),
ProfeS (Seite 3), Dietz (Seite 4)
Gestaltung: www.grafikbuero.com
Wiesbaden, Januar 2016
cssa-news 1/2016