DIETER JUST

2. Auflage, siehe NEU am Schluss
DIETER JUST
27. Zusammenfassung aller Aufsätze
Nachdem Constantin, der spätere Kaiser Konstantin der Große, im Jahre 312 über einen seiner
Rivalen unter dem Zeichen des Kreuzes gesiegt hatte, leitete er eine welthistorische Wende
ein. Das Christentum wurde nach und nach Staatsreligion. Der bislang streng pazifistische
Christ konnte von da an auch als Soldat mit gutem Gewissen seinem Kaiser dienen. Das Judentum hat diese „konstantinische Wende“ nicht mitgemacht, also blieb ein ursprünglich religiöser Pazifismus im Judentum bis zur Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 erhalten.
Die Zionisten wären mit dieser religiösen Haltung hoffnungslos untergegangen.
Die Deutschen kamen trotz ihrer zahlenmäßigen Stärke erst im neunzehnten Jahrhundert aus
einem mystisch verklärten „Heiligen Reich“ zur lang ersehnten staatlichen Einheit. Sie selbst
hatten wohl den Verdacht, als gutmütiger deutscher Michel oder verträumter deutscher Jüngling zu wenig militärischen Schneid gezeigt zu haben, so dass sie einem Eroberer wie Napoleon unterlagen. Wie um Versäumtes nachzuholen, haben selbst berühmte deutsche Denker wie
Fichte (6. Aufsatz) und Hegel (3. Aufsatz) einer sittlichen Verklärung des Krieges gehuldigt, die
im damaligen Europa kein Gegenstück hatte. Und das Schwanken von einem Extrem ins andere, vom gnadenlosen SS-Mann zu Kanzlerin Merkels Angebot, Asyl anzubieten allen Verfolgten der Welt, scheint das deutsche Schicksal zu sein.
Jedenfalls war es nur eine Frage der Zeit, bis der idealistische Militarismus der Deutschen, in
dessen Tradition sich auch die Nationalsozialisten sahen, mit dem jüdischen Pazifismus etwa
eines Heinrich Heine zusammenstieß. In diesem Zusammenhang wäre auch die von zwei Juden, von Marx und Lassalle, gegründete SPD zu erwähnen, die einen konsequent antimilitaristischen Kurs verfolgte.
Wenn Hitler und seine SS „nur“ intellektuell und politisch profilierte Juden unschädlich gemacht hätten, müsste man dieses Vorgehen schärfstens verurteilen, aber es bliebe wenigstens
noch politisch einigermaßen verständlich, als ein wenn zwar unmoralisches aber vielleicht
doch wirksames Mittel zur Erhaltung der Macht.
Dass aber die nationalsozialistische Judenverfolgung auch völlig unpolitische fromme Juden
von der arischen Bevölkerung isolierte und liquidierte, lässt sich rational überhaupt nicht
mehr nachvollziehen.
Hier liegt eine Wahnidee vor. Von Wahnideen werden im Allgemeinen nur völlig isolierte Individuen befallen. Und wenn kollektive Wahnideen auftreten wie der im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit grassierende Hexenwahn, lassen sich Schriften nachweisen,
die seiner Verbreitung dienten, eine päpstliche Bulle oder eine Anleitung zur Hexenverfolgung
wie der Hexenhammer.
Auch der Rassenwahn der Nationalsozialisten muss sich auf eine Schrift gestützt haben, nicht
auf ein obskures antisemitisches Pamphlet, sondern auf das Urteil eines anerkannten deutschen Autors, weil sonst die ansteckende Ausbreitung auf viele Individuen und ganze Institutionen wie die SS nicht funktioniert haben konnte. Autorität1 ist in diesem Falle sehr wichtig.
Und als dieses Medium der Verbreitung des nationalsozialistischen Rassenwahns diente
Nietzsches Antichrist, genauer nur eine Passage:
... Der Aristokratismus der Gesinnung wurde durch die Seelen-Gleichheits-Lüge am unterirdischsten untergraben; und wenn der Glaube an das „Vorrecht der Meisten“ Revolutionen
macht und machen wird – das Christentum ist es, man zweifle nicht daran, christliche Werturteile sind es, welche jede Revolution bloß in Blut und Verbrechen übersetzt... (AC 43)
1
Dazu eine längere Anmerkung am Schluss.
Dazu noch eine Ergänzung: Im nächsten Abschnitt heißt es dann: Ich halte eine gewisse Art,
die Augen aufzuschlagen, an ihnen (den Christen) nicht aus. (AC 44)
Wer schlägt schon theatralisch in verzweifelter Missbilligung die Augen auf? Damit können
nur seine weiblichen Erzieherinnen gemeint sein, mit denen Nietzsche in seiner letzten philosophischen Schrift abrechnen will.
In der Genealogie hieß es über diese christlichen oder jüdischen „Revolutionäre“:
(...) Wenn die Unterdrückten, Niedergetretenen, Vergewaltigten aus der rachsüchtigen List der
Ohnmacht heraus sich zureden: „lasst uns anders sein als die Bösen, nämlich gut! Und gut ist
jeder, der nicht vergewaltigt, der niemanden verletzt, der nicht angreift, der nicht vergilt, der
die Rache Gott übergibt, der sich wie wir im Verborgenen hält, der allem Bösen aus dem Weg
geht und wenig überhaupt vom Leben verlangt, gleich uns, den Geduldigen, Demütigen, Gerechten“ (....) GM I,13
Wie kann der geduldige, demütige und fromme Jude oder Christ, der die Rache Gott übergibt,
eine brandgefährliche Revolution anzetteln, ausgerechnet gegen die Mächtigen und Starken
dieser Welt? Wie können die Lämmer den großen Bestien und Raubvögeln gefährlich werden? Hier liegt eine Wahnidee vor, deren Entstehung im 26. Aufsatz nachgezeichnet wurde.
Ich möchte zum Schluss nur einen Punkt nochmals hervorheben.
Aus dem Satz „das Christentum ist es, man zweifle nicht daran, christliche Werturteile sind
es, welche jede Revolution bloß in Blut und Verbrechen übersetzt“ (AC 43) wird in Hitlers
Aufzeichnungen und Himmlers Geheimreden sinngemäß der Satz: „Jede Revolution ging immer schon und wird auch in Zukunft immer von den Juden ausgehen, also haben auch wir Nationalsozialisten nur die Juden zu fürchten.“
Da ich die einschlägige Passage aus Hitlers Tischgesprächen im letzten Aufsatz bereits zitierte,2 sei hier ein Zeugnis aus Himmlers Geheimreden nachgereicht:
Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir im Innern keinen Juden mehr haben, so dass der
Herd jeder Revolte in der Masse des Volkes ausgetilgt ist.3
Diese Botschaft wurde, wie man weiß, von vielen Offizieren mit Freuden gehört. Denn der
antisemitische Wahn war konstituierender Bestandteil einer letztlich selbstmörderischen Verblendung: Nach ihrem Selbstverständnis brauchten sich die NS-Organe keinerlei Rücksichten
weder auf die eigene Bevölkerung, noch auf die besetzten Völker aufzuerlegen: Wenn sie die
Juden sicher ausgeschaltet hatten, war keine Revolte der Unterworfenen mehr zu befürchten.
Was war folglich die erste Tat der SS in besetzten Gebieten? Die Juden aufzusuchen und unschädlich zu machen.
Aber wie kamen Himmler und Hitler eigentlich auf die Juden? Nietzsche hatte doch im Antichrist „das Christentum“ der Aufhetzung zur Revolution gegen die Mächtigen bezichtigt. Die
Nationalsozialisten haben Nietzsche schon „richtig“ verstanden, „richtig“ in ihrem Sinne.
Zum einen spricht Nietzsche von „christlichen Werturteilen“, die er wenig später auf den „jüdischen Größenwahn“ zurückführt. (AC 44) Und die Nationalsozialisten waren keine weltfremden Theoretiker, sondern Praktiker, also kam es ihnen auf die Realisierbarkeit eines Gedanken
an und sie konnten ja schlecht die christliche Mehrheit von den Christen selbst isolieren.
Und eine allerletzte Frage: Wie konnten die Lämmer den großen Bestien und Raubvögeln jemals gefährlich werden? In der weltlichen Realität sicher nicht, da erscheint die Frage schon
grotesk.
Anders sieht es in der Innerlichkeit aus: Die Nationalsozialisten haben hin und wieder offen
zugegeben, dass das auf dem Sinai gegebene Gesetz für sie nicht mehr gelte. Also worin lag
die eigentliche jüdische Gefahr: In der Stimme ihres Gewissens, da die Zehn Gebote noch allen Nationalsozialisten als göttliches Gesetz eingeschärft worden waren. (16. Aufsatz)
2
In den Spalt des sozialen Gefüges hat er sich hineingezwängt, um ein paar Revolutionen in die Welt zu schleudern.
3
Geheimrede von dem Offizierskorps einer Grenadierdivision... am 26.7.1944, Heinrich Himmler, Geheimreden
von 1933 bis 1945, Hg.: Bradley F. Smith und Agnes F. Peterson, Frankfurt/M 1974, S.216
NEU. Dazu eine längere Anmerkung zum Begriff Autorität. Ich gebe einen Auszug aus Friedrich Kaulbach
Nietzsches Idee einer Experimentalphilosophie wieder, Köln, Wien 1980:
2. Das Experiment der Vernunft im Denken Kants
Im Unterschied zur Einzelwissenschaft, der es auf Aussagen über Objekte innerhalb der Welt ankommt, geht die
Philosophie darauf aus, über diese Welt selbst und die Stellung zu denken und zu sprechen, die wir uns innerhalb
ihrer den Mitsubjekten und den Objekten gegenüber geben. Die Welt ist nicht „gegeben“, sondern Ergebnis eines Entwurfes. An dieser Einsicht Kants hält auch Nietzsche fest, wenn er betont, dass es kein „An-sich-Sein“
gibt und dass jede Aussage über die „Dinge“ der Welt auf Interpretationen beruht... Die Überzeugung von der
Bedeutsamkeit einer Weltperspektive jeweils für eine geschichtliche Gegenwart entsteht nicht auf dem Wege eines Beweises, einer theoretischen Ableitung aus ersten Sätzen: ebenso wenig durch Berufung auf bisherige Erfahrung der Weltverhältnisse. Denn einzelne Dinge und Verhältnisse innerhalb der Welt sind immer Ergebnis einer Interpretation im Rahmen eines allgemeinen und in einem gewissen Sinne „transzendentalen“ Weltentwurfs.
Das entwerfende Subjekt begreift die von ihm gedachte und aufgezeichnete Welt in ihrem inhaltlichen Aufbau,
etwa als ewige Wiederkehr des Gleichen. Zugleich aber vergegenwärtigt es bei seinem quasi objektiven Weltdenken auch immer seine eigene Stellung gegenüber dieser Welt und ihren Dingen. (S.144f.)
Mein Kommentar: Nietzsche hätte niemals deutsche Offiziere zu Wahnvorstellungen verführen können, wenn
ihn nicht deutsche Philosophen auf einen so hohen Sockel gestellt hätten, wie Kaulbach dies hier tut. Er sieht
Nietzsche nämlich in einer Linie mit Kant und seiner Transzendental-Philosophie der Subjektivität. Der Philosoph hat eine eigene, rein subjektive Stellung zur Welt, kein Wunder, dass Kants Subjektivismus zu typisch deutschen Weltanschauungen führte, wie der H. St. Chamberlains, des ersten Rassenantisemiten. Bezeichnend ist die
systemimmanente Erschleichung unserer Zustimmung: Der Philosoph erdenkt eine rein subjektive Weltperspektive, die aber für eine bestimmte geschichtliche Gegenwart bedeutsam, also für möglichst viele Zeitgenossen relevant sein soll, ohne auf Beweisen oder auf der bisherigen Erfahrung der Weltverhältnisse zu beruhen. Wie
kommt es zu einem quasi objektiven Weltdenken? Wie gelangt der Philosoph vom Ich zum Wir? Wobei unter
„Wir“ keineswegs die große Masse gemeint ist, sondern schon bei Fichte nur eine Geistesaristokratie. „Was für
eine Philosophie man wähle, hängt davon ab, was man für ein Mensch ist.“ (Vgl. 6. Aufsatz)
Chamberlain war ehrlicher als Kant und Fichte: die vermeintliche Allgemeingültigkeit der rein subjektiven Weltperspektive eines Philosophen oder Weltbetrachters beruht auf einem bloßen Gefühl, also keineswegs auf rationaler Vernunft.4
Dazu ein simpler Einwand aus meinem Buch Nietzsche kontra Nietzsche gegen die Philosophie der ewigen Wiederkehr des Gleichen: Obwohl er (Nietzsche) die Bedeutung der Lehre von der ewigen Wiederkunft des Gleichen
durch den Hinweis auf ein Naturgesetz unterstrich, - „Der Satz vom Bestehen der Energie fordert die ewige Wiederkehr" (12/205) - scheitert ihre naturwissenschaftliche Interpretation an zwei Fakten: Erstens spricht Nietzsche wiederholt von der Unmöglichkeit der Existenz gleicher Dinge,5 z.B. zweier gleicher Blätter, betont jedoch
im selben Zusammenhang, dass die Gesamtlage aller Kräfte immer wiederkehre, (9/523) womit er die Möglichkeit der Existenz gleicher Weltzustände bejaht, obwohl es sich bei letzteren doch um unendlich komplexere Gebilde handelt (als eines Blattes). (6.2) Also ist die Lehre von der ewigen Wiederkunft des Gleichen dem alogischen Denken (26. Aufsatz) zuzuordnen.
Waiblingen, Oktober 2015/ November 2015
www.d-just.de
4
Unmittelbar überzeugend wie nichts anderes ist der Besitz von „Rasse“ im eigenen Bewusstsein. Wer einer ausgesprochen, reinen Rasse angehört, empfindet es täglich... (1. Aufsatz)
5
„Die Erfindung der Gesetze der Zahlen ist auf Grund des ursprünglich schon herrschenden Irrtums gemacht,
dass es mehrere gleiche Dinge gebe (aber tatsächlich gibt es nichts Gleiches)..." MA I 19; vergl. V 11(202)