Die Profis am Herd bitten in Harsefeld zu Tisch

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HARSEFELD
Die Profis am Herd bitten in Harsefeld zu Tisch
05.02.2016
Frauen haben in der Küche der Selma-Lagerlöf-Oberschule am Dienstagabend nichts zu
suchen: Diese illustre Männerrunde hat hier einmal im Monat am Herd das Sagen. Fotos
Beneke
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HARSEFELD. Die Herren des Kochclubs der Harsefelder Volkshochschule sind
eine eingeschworene Gemeinschaft. Seit 30 Jahren stehen 17 Männer einmal im
Monat in der Selma-Lagerlöf-Oberschule hinter dem Herd.
Die Gänge im Schulgebäude sind stockfinster, nur in der großen Küche brennt
noch Licht. Hinter der Tür ist die Stimmung ausgelassen. In Vierergrüppchen
stehen die Männer an den Herdzeilen und bereiten Erbsenpüree zu. Als
Organisationsleiter der Gruppe fungiert Jürgen Kluit aus Horneburg. Der Rentner
schreibt die Rezepte und besorgt die Zutaten.
Zehn Euro pro Teilnehmer und Abend sind als Budget gesetzt. Das ist bisweilen
knapp kalkuliert. Schließlich kommen nur erlesene Waren auf den Tisch. „Ich
versuche, immer regional und saisonal einzukaufen“, erklärt der Küchenchef. So
brachte er zu Weihnachten frisches Rehfleisch eines örtlichen Försters mit. Bei
einem kleinen Oktoberfest kamen bayerische Schmankerl wie Weißwurst und
Leberkäse auf den Tisch. Zum Jahresbeginn steht nun Winterkabeljau aus
Norwegen, in Fachkreisen als Skrei bekannt, auf dem Speiseplan.
Kluit wühlt in Kochbüchern und recherchiert im Internet, um immer wieder neue
Kreationen zu finden, die geschmacklich wie optisch etwas Besonderes sind:
„Ich interessiere mich für alles, was Deutschland kulinarisch hergibt.“ Um zu
wissen, ob seine Ideen funktionieren, probiert er einige Rezepte zu Hause aus.
„Sie müssen nachkochbar sein“, betont der Horneburger. Manchmal werden die
Frauen der Köche ein paar Tage später mit den spannenden Gerichten versorgt.
Die älteren Mitglieder nehmen auch mal eine Portion mit nach Hause.
Normalerweise sitzen sie aber an einer langen Tafel und speisen zusammen.
Binnen eines Abends zaubern die Küchenprofis ein exquisites Vier-Gänge-Menü,
an dem sie sich anschließend in geselliger Runde laben.
Einen „Genussabend in freundschaftlichem Rahmen“ nennt der Horneburger das
Konzept. Dass ein passender Wein und ein süßes Dessert die Gaumenfreuden
abrunden, versteht sich von selbst. „Keiner von uns ist Koch“, berichtet der
Küchenchef. Freunde nahmen ihn vor 28 Jahren in die Runde auf. Regulär
anmelden können sich interessierte Gourmets für den Kochclub, der von der
Harsefelder Volkshochschule unterstützt wird, nicht. Der Platz in der Küche ist
begrenzt, die Gemeinschaft eng zusammengewachsen. Regelmäßige Ausflüge
07.02.2016 17:57
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wie eine Boßeltour auf der Geest oder eine Reise nach Neuwerk gehören dazu.
„Hier spielen weder der Beruf noch das Alter eine Rolle. Ich weiß bei vielen gar
nicht, wie sie mit Nachnamen heißen“, sagt Kluit. T-Shirts und Schürzen mit
dem Logo der Gruppe stiften Identität. Einer der dienstältesten Köche ist Paul
Reisener, der 1987 zum ersten Mal dabei sein durfte. „Ich komme jeden Monat
gerne wieder“, erzählt der Lehrer im Ruhestand. Einst leitete er die
Bildungsstätte, in der die Männerrunde heute hinter dem Herd steht. Hier hat
der Harsefelder einiges gelernt: „Wir können jetzt Apfelsinen filetieren. Aber
dafür sind wir ja nicht hier“, scherzt er.
Was die Männer in Sachen Essen von ihren Gattinnen unterscheidet? „Frauen
kochen konventioneller. Wir schauen über den Tellerrand hinaus“, meint
Chefkoch Kluit. Auf Vielfalt legt sein Team, das überwiegend auf der Geest zu
Hause ist, großen Wert. Die Speisekarte des Abends bezeugt diesen Grundsatz:
Bunter Salat mit Garnelen und Avocado, Skrei mit Speck und Erbsenpüree,
Hähnchenbrust mit Mango-Zimt-Dip und zum Abschluss noch
Bitterschokoladencreme mit Mandeln.
„Viele Köche verderben den Brei“ – diese alte Volksweisheit trifft im Geestflecken
Harsefeld offenkundig nicht zu.
07.02.2016 17:57