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STADTLEBEN
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Terror im Kinderzimmer
Manche Eltern schweigen, andere reden darüber. Wie erklärt man Kindern die Anschläge von Paris?
E
s hätte ein unbeschwerter Start ins
Wochenende werden sollen, mit
Schulfreundinnen, Saft, Kuchen und
Kinderdisco. Doch die Terroranschläge von
Paris überschatteten auch die Pyjamaparty, von der Eva und Christoph ihre beiden
Töchter am nächsten Tag abholten. Die
Schwestern, sieben und neun Jahre alt, begrüßten ihre Eltern mit der Frage „Warum
haben die das gemacht?“
Die Warum-Frage hat Fabian seinen Eltern nicht gestellt. Der Zweitklässler wollte zwar wissen, was das für Bilder seien,
die seine Eltern da im Internet anschauen, und sie erzählten ihm dann, was in Paris passiert war. Weiter nachgefragt hat er
nicht. Fabians Mutter war erleichtert. Wie
soll man einem Kind auch erklären, was
Radikalisierung ist und welche Verantwortung der Westen dabei hat?
„Niemand hat den Durchblick, was also
den Kindern erzählen? Die eigenen Vorurteile?“, meint auch der dreifache Vater Oliver. Er ist heilfroh, dass der Pariser Terror in
der Schule seiner Kinder nicht besprochen
wurde und hofft, dass sie nichts von den Attentaten des 13. November erfahren.
Anita sieht das anders. Sie hat mit ihrer zehnjährigen Tochter überlegt, wie man
sich am besten vor einem Anschlag aus dem
Hinterhalt schützt. Laufen sollte man immer können, fanden sie und treiben nun
regelmäßig Sport, um in Zeiten wie diesen
fit zu bleiben.
UMFRAGE:
GEORG RENÖCKL
UND
BIRGIT WITTSTOCK
ILLUSTRATIONEN:
BIANCA TSCHAIKNER
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Vier Wiener Familien mit Kindern im
Volksschulalter, vier Arten des Umgangs
mit den jüngsten Terroranschlägen, wie
sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Geht es nach Brigitte Rollett, Grande Dame der Entwicklungspsychologie an
der Uni Wien, machen sie es alle irgendwie
richtig: „Je mehr man Kinder in Angst und
Schrecken versetzt, desto schlechter“, sagt
sie. Für Rollett werden Kinder heute zu oft
mit Bildern und Nachrichten konfrontiert,
die sie überfordern. Dazu kommt die Tendenz vieler Eltern, mit kleinen Kindern zu
komplexe Sachverhalte erläutern zu wollen. „Hilft es der Welt, wenn Kinder sich
schlecht entwickeln, das aber auf politisch
korrekte Weise?“, fragt sich die emeritierte
Professorin.
Oberste Priorität hat für sie das Senken der
Angst, dafür empfiehlt sie einfache Maßnahmen. Etwa Kindern Gewalt auf eine
Weise zu erklären, die sie verstehen können, nach dem Motto: „Streit hat es immer schon gegeben, ihr streitet ja auch.“ Ein
sechsjähriges Kind weiß immerhin auch,
dass man nicht zuschlagen darf, sondern
reden muss, um ein Problem zu lösen. Vielen Kindern hilft es auch, darüber zu sprechen, was im Ernstfall zu tun ist: weglaufen zum Beispiel, wenn eine Situation gefährlich aussieht. Besonders wichtig findet Rollett, dass Kinder aktiv etwas gegen
das Leid und das Böse unternehmen kön-
nen, vom gespendeten Taschengeld-Euro
über die gemeinsam gefüllte Schuhschachtel mit Weihnachtsgeschenken für Kriegsflüchtlinge bis zur für den guten Zweck am
Elternsprechtag verkauften selbstgemalten
Grußkarte.
Auch Christian Swertz, Professor für
Medienpädagogik am Institut für Bildungswissenschaft an der Universität Wien, würde gar nicht erst versuchen, Kindern den
Terror verständlich zu machen. „Terrorismus ist unvernünftig, und Unvernünftiges
kann man nicht vernünftig erklären.“
Damit Kinder lernen, mit den Informationen umzugehen, sei es jedoch wichtig,
dass deren Eltern die Informationen zuerst
verstehen. Andernfalls kann kein Austausch
stattfinden. Bei Anschlägen wie jenen 2001
auf das New Yorker World Trade Center,
2005 auf die Londoner U-Bahn oder den
jüngsten in Paris sei das primäre Ziel der
Terroristen, „mediale Aufmerksamkeit zu
produzieren“. Die Toten sind dabei nicht
mehr als ein Kollateralschaden, Mittel zum
Zweck. „Das kann man Kindern einfach
und gut erklären“, sagt Swertz.
Die „Lösung“, Kinder zu schützen, indem man nicht darüber spricht, funktioniere hingegen nicht. „Das wäre unsinnig, weil
sie sich dann keine Meinung bilden könnten“, sagt Swertz. Und außerdem Absicht
der Terroristen. „Wenn man fähig ist, selbst
zu urteilen, ist man von jeglicher Art des
Fundamentalismus weit entfernt.“
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Das Internet hat nicht nur das Angebot an
zugänglichen Informationen extrem vergrößert, es verlangt auch nach einem eigenverantwortlicheren Umgang als Massenmedien. Deshalb ist Medienkompetenz in
Zeiten, in denen sich viele Jugendliche via
Websites und Social Media radikalisieren,
besonders wichtig. Für Kinder und für Eltern. Swertz sieht die Schulen in der Pflicht,
die Urteilsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen zu fördern.
Medienkunde als eigenes Unterrichtsfach
gibt es bislang jedoch nicht an den Wiener
Schulen. Medienerziehung finde stattdessen
fächerübergreifend in Form von Schwerpunkten und Workshops statt, erklärt Kurt
Nekula, Sektionschef im Bildungsministerium. Auch gibt es vonseiten des Bildungsministeriums keine konkreten Anleitungen
für Pädagogen, wie auf Ausnahmesituationen wie die Terroranschläge von Paris zu
reagieren ist. Man habe aber im vergangenen Jahr Informationsmaterial zum Thema
Deradikalisierung erarbeitet, einen Folder
herausgegeben, und es gebe laufend Fortbildungsmaßnahmen für Lehrerinnen und
Lehrer. Auch die Schulpsychologen seien in
Sachen interkultureller Fragestellung speziell geschult, sagt Nekula.
Was die aktuellen Anschläge betrifft,
so bleibt es den Lehrerinnen und Lehrern
selbst überlassen, wie sie mit dem Thema
umgehen. Manche besprechen die Geschehnisse, andere schweigen und fahren mit dem
Unterricht fort, als wäre nichts passiert.
An der Schule des neunjährigen Vitus hat die
Lehrerin die dritte und vierte Klasse am
Montag nach den Anschlägen zur Seite
genommen. „Sie hat uns gefragt: ‚Wie war
das für euch?‘“, erzählt Vitus. Die meisten
Kinder aus seiner Klasse würden sich kei-
ne Sorgen machen, nur eines hat Angst:
„Vor dem Tod, und dass es auch bei uns so
schlimm enden könnte wie in Paris.“
„Kinder sind oft sprunghaft in der Verarbeitung, einmal scheinbar wenig beeinträchtigt und im nächsten Moment voller Ängste. Erwachsene sollten das verstehen und
die Kinder entsprechend begleiten“, meint
dazu Claudius Stein, ärztlicher Leiter und
Geschäftsführer des Kriseninterventionszentrums Wien.
Es sei vor allem wichtig, Kinder mit
den Bildern und Informationen, die auf sie
einströmen, nicht alleine zu lassen und sie
möglichst dosiert mit den Eindrücken zu
konfrontieren, sagt Stein. „Das heißt, besonders darauf zu achten, wie viel und welche Informationen die Kinder bekommen,
und mit ihnen darüber zu sprechen.“ Vor allem kleinen Kindern kann man außerdem
helfen, indem man mit ihnen spielt oder
zeichnet, oft verarbeiten sie etwas auf diese Art leichter.
Nachrichtenkanäle
speziell für Kinder:
„Arte Journal
Junior“, die tägliche
Nachrichtensendung
für Zehn- bis 14-Jährige
(Montag bis Freitag um
7.35 Uhr im Fernsehen
und am Vorabend ab
18.30 Uhr im Internet
auf ARTE Info): www.
arte.tv
„logo!“ wird
von Samstag bis
Und was ist, wenn der Tod wirklich ganz nahe Donnerstag um 19.50,
kommt? „Es hätte auch deinen Papa er- freitags um 19.25 Uhr
wischen können“, hörte Clara am Montag sowie in Kurzsendunnach den Terroranschlägen in der Schule. gen „logo! ganz kurz“
Die Volksschülerin lebt mit ihrer Familie im von Montag bis Freitag
Pariser Vorort Nanterre. Ihr Vater Miguel um 14.08 und um
war als Zuschauer im Stade de France, als 16.15 Uhr bei KiKA live
sich vor dem Stadion drei Selbstmordatten- gesendet: www.tivi.de/
täter in die Luft sprengten.
fernsehen/logo/start
Die Eltern versuchen, sich ihre Sorgen nicht anmerken zu lassen. Sie überlegen aber, aus dem Großraum Paris wegzuziehen: Hartnäckig hält sich das von der
Nachrichtenagentur Reuters in die Welt gesetzte, aber bisher unbestätigte Gerücht,
ein im letzten Moment vereitelter weiterer Terroranschlag habe dem Hochhausviertel La Défense gegolten – genau eine
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S-Bahn-Station von Nanterre entfernt. Direkter vom Pariser Terror betroffen als die
meisten österreichischen Kinder sind auch
die Schüler des Lycée français de Vienne.
Paris ist für sie ein wichtiger Bezugspunkt,
viele haben dort Freunde und Verwandte
oder verbringen dort regelmäßig ein paar
Ferientage.
Tatsächlich hört Jeannette Chakkal,
Deutschlehrerin und Schülerberaterin am
Lycée, dieser Tage oft den Satz: „Das hätte
auch mir passieren können.“ Bedroht fühlen
sich die Schüler ihrer Meinung nach trotzdem nicht, auch wenn ständig eine Gruppe
Polizisten mit Hund gut sichtbar vor dem
Eingang der Schule patrouilliert. Der beliebte „Hinterausgang“ über den Park des Palais Clam-Gallas ist aus Sicherheitsgründen
geschlossen, auch Oberstufenschüler dürfen
das Gebäude in den Pausen nun nicht mehr
verlassen. Schulveranstaltungen wurden bis
auf Weiteres abgesagt.
Von Panik kann dennoch keine Rede
sein: „Die Kinder nehmen das viel gelassener als wir Erwachsene“, meint Chakkal.
„Ein wenig Aufregung gab es schon, aber
nur bei den Kleineren. Die Großen haben so
viel für die Schule zu tun, dass sie gar nicht
dazu kommen, sich Sorgen zu machen.“
Diese Art der Ablenkung mag auf den ersten
Blick etwas unsensibel wirken. Sie entspricht aber ziemlich genau dem guten Rat,
den auch P’tit Libé, die Kinderausgabe der
französischen Tageszeitung Libération, ihren Lesern zum Umgang mit Terrorismus
mitgibt. „Ce qui est le plus utile pour ne pas
laisser gagner les terroristes, c’est de continuer à vivre normalement“ – „Die beste
Methode, um die Terroristen nicht gewinnen zu lassen, ist es, ganz normal weiterzuleben.“
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