Pressemitteilung 14.1.2016 «165 Feiertage

Medienmitteilung
Zürich, 14. Januar 2016
100 Jahre Dada und Cabaret Voltaire
«165 Feiertage: Obsession Dada»
Am 5. Februar 2016 jährt sich die Eröffnung des Cabaret Voltaire zum 100. Mal und Dada feiert damit
ein Jahrhundert der Existenz. Gefeiert wird dies mit 165 Feiertagen und einer Manifestation unserer
Obsession Dada. Wir tun dies mit den drei Themenbereichen Dadalogie, Akademie und Kunst mit dem
Ziel, durch dieses Ritual eine Transformation des Cabaret Voltaire zu erreichen, um es zu dem zu
machen, was es vor 100 Jahren war: eine Künstlerkneipe und ein freier Ort der zeitgenössischen Kunst.
Wir tun dies, indem wir Schwung holen bei den Dadaisten, uns von ihnen inspirieren lassen und von
ihnen lernen, mit Philosophen über Gesellschaft und Kunst nachdenken und mit Künstlerinnen und
Künstlern die Energieeinheit Obsession entzünden.
Pünktlich zum 100. Geburtstag eröffnet in der Krypta des Cabaret Voltaire die von Adrian Notz und Una
Szeemann kuratierte Ausstellung «Obsession Dada». Sie basiert auf Dokumenten aus dem Archiv des
grossen Kurators Harald Szeemann. Für «Obsession Dada» werden u.a. Dokumente über das Museum
der Obsessionen und die Agentur für geistige Gastarbeit publiziert.
«Ich sehe diese Ausstellung als eine Entdeckungsreise zu den vielen Intensionen von Obsessionen. Und
auf diesem Weg begegne ich vielen wunderschönen Inseln», so Szeemann.
Mit einer raumgreifenden Installation, von ihr in konzipiert und in Zusammenarbeit mit Markus Kummer
realisiert, wird eine Bühne für Obsessionen geschaffen, die wöchentlich mit Performances, Lesungen und
Manifesten bespielt wird.
Den Auftakt macht am 5. Februar 2016 das Kollektiv Lu Cafausu, darauf folgen Oppy De Bernardo &
Aldo Mozzini, Garrett Nelson, Domenico Billari, Thomas Hirschhorn, Marcel Janco, Carlos Amorales,
Michele Robecchi, Gianni Motti, Shana Lutker, Nedko Solakov, Pilar Albarracin, Lily Reynaud Dewar,
Grupo EmpreZa, Giovanni Morbin und Königreiche von Elgaland-Vargaland (KREV).
Obsession Dada
Dokumente aus dem Harald Szeemann Archiv
Wöchentliche Soiréen mit zeitgenössischen KünstlerInnen
5. Februar–15. Mai 2016
165 Feiertage
Täglich: Offizien 6:30 Uhr, 5. Februar–18. Juli 2016
Soiréen 20:00 Uhr (SO 17:00 Uhr)
Kontakt:
Nora Hauswirth, Kommunikation
Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, CH 8001 Zürich
www.cabaretvoltaire.ch / [email protected]
+41 43 268 08 44, +41 79 613 92 12
«Dadalogie»
Für das «Schwung holen bei den Dadaisten» steht der Themenbereich Dadalogie, er bildet unsere
Basis. Kernstück ist das «Offizium», das an jedem der 165 Feiertage für alle 165 DadaistInnen in
einem kleinen und intimen Rahmen beginnt. Um die Persönlichkeiten zu ehren und von ihnen zu
lernen, wird während 165 Tagen vom 5. Februar bis am 18. Juli 2016 morgens um 6:30 Uhr ein Gebet
für sie gesprochen, in Form eines Gedichtes oder Textes von ihnen, eines Tanzes, der Präsentation
eines Kunstwerkes oder der Rezitation ihres Manifestes. Die Feiertage wurden in einer crowdfunding
Kampagne gegen eine Spende verschenkt. Somit werden nun die unterschiedlichsten Menschen mit
einer Dadaistin oder einem Dadaisten als Paten alljährlich ihren persönlichen Feiertag, an dem sie
Nichts tun, feiern. Denn schon 1913 suchte Hugo Ball, der Begründer des Cabaret Voltaire, nach einer
Liga von Menschen, die sich orgiastisch dem Gegenteil all dessen hingibt, was nützlich und brauchbar
ist.
«School of Dada»
Im Rahmen des Vermittlungsprogramms «School of Dada» entwickelt wir in Kooperation mit dem
Landesmuseum Zürich Unterlagen für Schulklassen, mit welchen Schülerinnen und Schüler Dada auf
einem Dada-Themenpfad in der Stadt Zürich kennenlernen können. Als «Basisliteratur für DadaEinsteiger» haben wir das «Dada Hand Buch» publiziert. Um die Liga zu vergrössern, werden wir das
umfassende Vermittlungsprogramm mit zweiwöchentlichen Dada Stadt Führungen von
Spezialistinnen und Spezialisten weiterführen.
Stadtplan «Dada Stadt Zürich»
Das Fundament der Stadtführungen und der «School of Dada» ist, neben dem Cabaret Voltaire
selbst, der «Dada Stadt Zürich» Stadtplan, den wir nun neu gestaltet und aufgelegt haben. Er
erscheint dieses Jahr in deutsch und englisch in einer Auflage von 45'000 Stück und wird mit dem
Schweizer Kunstmagazin Kunstbulletin verschickt, am Infopoint von Zürich Tourismus, bei allen
Partnern des Cabaret Voltaire und Beteiligten von Dada 100 2016 Zürich aufgelegt, die ebenfalls
eingezeichnet sind, um das Ausmass von Dada 2016 zu zeigen. Neu am «Dada Stadt Zürich» Plan
ist, dass man mittels Überlagerung von historischem und aktuellem Kartenmaterial einen
unmittelbaren Vergleich von Zürich vor 100 Jahren und von heute hat, welcher mit Fotografien aus
dem Baugeschichtlichen Archiv der Stadt Zürich illustriert ist.
«Genese Dada»
Die «Dada Stadt Zürich» Karte zeigt, wie sehr die «Genese Dada» an den Zürcher Stadtraum
gebunden ist. Eine «Genese Dada» war nur in Zürich möglich mit den drei Orten, welche erst dazu
geführt haben: Das Cabaret Voltaire, die Galerie Dada und – geographisch und zeitlich dazwischen –
das Zunfthaus zur Waag. In der von Adrian Notz co-kuratierten Ausstellung «Genese Dada» im Arp
Museum Bahnhof Rolandseck, zu der auch ein Katalog erscheint, konstruieren wir die «Genese
Dada» mit den Kunstwerken, welche 1916 und 1917 im Cabaret Voltaire und in der Galerie Dada im
Sprünglihaus an den Wänden hingen. «Genese Dada» schafft so die polare Situation, von der Hugo
Ball am 14. Juli 1916 im Zunfthaus zur Waag sprach: «Wie erlangt man die ewige Seligkeit? Indem
man Dada sagt. Wie wird man berühmt? Indem man Dada sagt.» Im Cabaret Voltaire suchten die
Dadaisten angeführt von Hugo Ball die Seligkeit und in der Galerie Dada am Paradeplatz versuchten
sie mit Tristan Tzara berühmt zu werden. Ebenso war das Cabaret Voltaire der Ort, an dem sie «bis
zum Irrsinn, bis zur Bewusstlosigkeit« gingen und die Galerie Dada eher der Ort, an dem sie «edlen
Gestus und feinen Anstand» pflegten. Das Zunfthaus zur Waag symbolisiert mit der Waag diese
Situation und die wahre Bedeutung von Dada einprägend: Sowohl selig als auch berühmt, sowohl bis
zum Irrsinn als auch mit edlem Gestus. Mit beiden Waagschalen gefüllt ist Dada kein entweder–oder,
sondern ein sowohl als auch, mit dem das genaue Dazwischen erreicht wird, das Kippmoment, der
Balanceakt, der «pivot», wie man im Englischen oder Französischen sagt. In ihm eröffnet sich etwas
Drittes, dass nicht «links oder rechts, sondern vertikal» ist und gibt unserer Einbildungskraft Raum.
MERZ
Um auch heute diese polare Situation mit dem «pivot» im Dazwischen erleben zu können, werden wir
2016 in der Galerie Gmurzynska am Paradeplatz gleich neben der Galerie Dada, eine MERZ
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Ausstellung präsentieren. Denn die Einmannkunstbewegung MERZ, welche von Kurt Schwitters 1919
in «KomMERZ- und Privatbank» gefunden wurde, ist, obschon auch zu Dada gezählt, das genaue
Gegenteil und die klare Abgrenzung von Dada: «Während Dadaismus Gegensätze zeigt, gleicht
MERZ Gegensätze durch Wertung innerhalb eines Kunstwerkes aus. Der reine MERZ ist Kunst, der
reine Dadaismus Nichtkunst, beides mit Bewusstsein.» Nicht nur, dass die Galerie Gmurzynska am
Bankenplatz Zürichs liegt und damit der idealste Ort für eine «KomMERZ- und Privatbank» ist,
sondern auch weil sie seit der Entdeckung von Kurt Schwitters umfassenden Werk diesen mit «edlem
Gestus und feinem Anstand» vertritt.
«She Dada»
An der Bahnhofstrasse in der Galerie Dada prägten die Frauen und vor allem die Tänzerinnen der
Schule von Rudolf von Laban Dada. Diesem «Tanz auf den Dada Bühnen» gehen wir mit einer
Konferenz, die bereits auf dem Monte Verità und in Köln Station machte, am Wochenende von
«Zürich tanzt» nach. In Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Zürich legen wir Dank dem Engagement
von Ina Boesch mit «She Dada» einen besonderen Fokus auf die Rolle der Frauen in Dada. Obschon
die Männer auch in Dada dominierten, hatten die Frauen für damalige Verhältnisse eine sehr hohe
Präsenz und grossen Einfluss auf Dada. Nicht nur auf der Bühne als «Diseusen und Tänzerinnen»,
sondern auch abseits, wie man schnell feststellt, wenn man Künstlerinnen wie Emmy Hennings,
Hannah Höch, Sophie Taeuber, Angelika Hoerle, die Dada Baroness oder Suzanne Duchamp
betrachtet, wie wir es mit «She Dada» tun werden.
Eine prägende Rolle für die umfassende Sammlung von Dada Dokumenten im Kunsthaus Zürich und
für Dada in Zürich spielte Hans Bolliger. Er war der Meister von Generationen von Zürcher Dada
Spezialisten, wie Guido Magnaguango, Raimund Meyer und Juri Steiner. Diese drei Dadalogen halten
gemeinsam eine Soirée als Hommage an Hans Bolliger. Die Dada Bücher von Hans Bolliger und
Guido Magnaguagno wurden dem Cabaret Voltaire für eine Dada Bibliothek geschenkt und sind nun
neu vis-a-vis im Hotel Marktgasse frei zugänglich.
«Akademie»
Der Themenbereich Akademie steht für eine Auseinandersetzung mit und Reflexion von Gesellschaft
und Kultur. Die «Akademie Cabaret Voltaire» ist in erster Linie ein Ort der Debatte. Seit Jahren sind
sowohl das Zentrum der Geschichte des Wissens (ZGW) der Universität und ETH Zürich wie auch
das Zentrum der Künste und Kulturtheorie (ZKK) der Universität Zürich enge Partner des Cabaret
Voltaire. Beide Zentren nutzen das Cabaret Voltaire erfolgreich für lebendige Vorträge und Debatten,
welche nichts mit Dada zu tun haben, sondern sich mit aktuellen gesellschaftlich, politisch,
wissenschaftlich und kulturell relevanten Themen auseinandersetzen.
Für das ZGW lanciert Prof. Dr. Franco Moretti von der Stanford University unter dem Titel «Where is
the humanities in digital humanities?» eine Kolloquiumsreihe, die vom Philosophen Prof. Dr. Michael
Hampe und vom Historiker Prof. em. Dr. Jakob Tanner mit «Wissen in Gesellschaft» weitergeführt
wird. Das ZKK lädt zwei Künstler ein: Zum einen den polnischen aktivistischen Videokünstler Artur
Zmijewski zu einem Gespräch in den ZKK:Salon und zum anderen den tschechischen Aktionskünstler
und Musiker Milan Knizak zu einem Konzert. Eines der Kernelemente von Dada war das Ereignis,
weshalb sich der Master Studiengang Ereignis der Zürcher Hochschule der Künste im
Frühlingssemester mit Dada auseinandersetzt.
«Grosse Denker»
Das Cabaret Voltaire selbst setzt die von Hayat Erdogan co-kuratierte Reihe der «Grossen Denker»
fort. Als «Grosser Denker 3» wird der französische Philosoph Jacques Rancière zu einem Symposium
ins Cabaret Voltaire kommen. Rancière ist sehr bewusst zur Transformation im Jubiläumsjahr
eingeladen worden. Mit seinem Vortrag «Muss Kunst widerständig sein?», den er 2004 in Brasilien
hielt, beschreibt Rancière den Widerstand von einem Monument, als etwas das an eine Revolution,
die geschehen ist, erinnert. Das Monument ist passiv widerständig, indem es da ist. Es ist auch aktiv
widerständig, indem es Widerstand leistet. Es geht in die Opposition, stört und hinterfragt. Das
Monument verweist auf eine Zukunft und «spricht an ein Ohr der Zukunft», an welches die Vision der
Revolution gerichtet ist. Nach Rancière ist das Cabaret Voltaire kein Ort, sondern ein Monument.
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«Kunst»
Die zeitgenössische Kunst mit einem transdisziplinären Ansatz und mit einem Fokus auf das Ereignis
ist als höchste dieser drei Stufen das eigentliche Kernelement des Cabaret Voltaire.
«Energieeinheit Obsession Dada»
Für das Jubiläum holen wir Unterstützung bei der Obsession des Schweizer Kurators Harald
Szeemann (1936–2005), indem wir ihr mit Una Szeemann in seinen Dokumenten im J.P. Getty
Research Institute in Los Angeles nachgegangen sind. Harald Szeemann fing seine Karriere mit
einem Einmanntheater an und entdeckte in dieser Zeit auch das Cabaret Voltaire, da er sich als
Kunstgeschichtsstudent mit Cabarets und Kabaretts beschäftigte und so seine eigene kabarettistische
Tätigkeit theoretisch unterstützte. Er beschäftigte sich umfassend mit Hugo Ball und veranstaltete am
30. Todestag von Hugo Ball einen Gedenkabend. Nach seiner Zeit an der Kunsthalle Bern kuratierte
Szeemann als Generalsekretär die documenta 5 in Kassel und stellte dort «Individuelle Mythologien»
vor: «Die Definition der Individuellen Mythologie als „geistiger Raum, in dem ein Individuum seine
Zeichen, Signale, Symbole setzt, die für ihn die Welt bedeuten“ (Bachmann) gibt diesen wohltuenden
Freiheitsraum…». Geistig sehr nahe an dieser Idee begründete er nach diesen institutionellen
Erfahrungen das «Museum der Obsessionen» als Obsession eines Einzelnen. Das Museum der
Obsessionen befreite ihn von den Verstrickungen institutioneller Tätigkeiten und ermöglichte es ihm,
sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Obsession verstand er als eine Energieeinheit, die den
Einzelnen antreibt und das Museum als einen Ort der Visualisierung der Obsessionen. Seine
«Agentur für geistige Gastarbeit», damit beauftragt, Ideen des und für das «Museum der
Obsessionen» umzusetzen, war ein Generalunternehmen in einer Person, das sich von der Idee, über
die Finanzierung und Buchhaltung bis hin zur Gestaltung des Kataloges und dem Einrichten der
Ausstellung um alles kümmerte. Aus dem Museum der Obsessionen entstanden unter anderen die
Ausstellungen Junggesellenmaschinen und Monte Verità. Auch im Gesamtkunstwerk, das er für die
Ausstellung Der Hang zum Gesamtkunstwerk studierte, tauchen die Elemente des Einmanntheaters
wieder auf: «Das Gesamtkunstwerk ist die Fiktion eines Einzelnen mit dem Blick auf das Ganze, das
er sich als Einzelner vorstellt.» In der Auseinandersetzung mit Kurt Schwitters Merzbau für diese
Ausstellung begegnete Szeemann einem Künstler, der eine Kunstbewegung begründete, die nur von
einer Person geführt und umgesetzt wurde: MERZ. In seiner gesamten Tätigkeit als
Ausstellungsmacher verband Szeemann immer wieder Dadaisten, wie Duchamp, Picabia, Ball oder
Schwitters mit zeitgenössischen Künstlern, um aufzuzeigen, «dass Kunst konzentriertes Leben sein
kann.» Dies «wurde auch von der Mehrzahl der Künstler vergessen. Kein Wunder, dass heutige Kunst
mehr kommentiert denn erlebt wird. Wir ersticken in der Flut der Informationen und verpacken jede
subjektive Äusserung mit Kommentarpapier.»
Ausstellung «Obsession Dada»
In der Ausstellung «Obsession Dada», die wir mit Una Szeemann co-kuratieren gehen wir diesen
Obsessionen nach. Angetrieben vom «Einmanntheater» bauen wir in der Krypta des Cabaret Voltaire
ein Bühne, auf welcher «konzentriertes Leben» stattfindet. Diese Bühne ist aus Kupfer gebaut und ist
wie die Obsession eine Energieeinheit, die das Cabaret Voltaire zu einem Ort der zeitgenössischen
Kunst transformiert. Wir streben von unten beschwörend zum Gebärsaal von Dada hinauf. Eine Säule
aus Kupfer, die mitten aus der Bühne und direkt in den Cabaret Voltaire Saal ragt, dient als leitendes
Element, wo eine zweite Kupferbühne im Saal die Ladung empfängt. Neben der Bühne in der Krypta
kann man Zeitungen lesen, in denen wir die Dokumente zeigen, die wir im J.P. Getty Research
Institute entdeckt haben. Sie nähren die Idee der Bühne mit den Gedanken, Texten und Skizzen von
Harald Szeemann zu «Einmanntheater», «Hugo Ball (1886–1927)», «Museum der Obsessionen»,
«Junggesellenmaschinen» und «Der Hang zum Gesamtkunstwerk». Sie sind Zeugnis der Obsession
von Harald Szeemann sowie seinem Interesse für einzelne Dadaisten.
Ergänzt werden diese Zeitungen von Manifesten, Intentionen, Visionen, Utopien und Ideen von
internationalen zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, die wir den Besuchern mitgeben. Die
«Obsession Dada» Bühne, welche von Una Szeemann entworfen wurde und von Markus Kummer
gebaut wird, wird wöchentlich durch zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler bespielt. Mit ihren
rituellen Akten transformieren wir das Cabaret Voltaire.
Einige dieser Künstlerinnen und Künstler waren bereits davor im Cabaret Voltaire zu Gast, wie
Thomas Hirschhorn, der uns mit seinem Einsatz für die Kunst immer wieder Mut macht, oder der
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mexikanische Künstler Carlos Amorales, mit dem wir 2009 aus einer Recherche zu Hans Arp die
Ausstellung «The Skeleton Image Constellation» entwickelt haben. Ihn hat die Auseinandersetzung
mit Dada und Hans Arp nachhaltig beeinflusst, so dass er nun, sieben Jahre danach, auf eine
umfassende Auseinandersetzung mit den lateinamerikanischen Avantgardebewegungen
zurückblicken kann und eine neue Avantgarde namens «El Cubismo Ideologico» begründet hat. Diese
kommt nun mit ihm zum ersten Mal nach Europa. Auch Gianni Motti war mit seiner «Preemptive
Exhibition» bereits im Cabaret Voltaire, wo er mit Hilfe der Wahrsagerin Asmi Nardo eine Ausstellung
zeigte, die in der Zukunft stattfand. Ebenfalls zum ersten mal in Europa ist die brasilianische «Grupo
EmpreZa», welche mit ihrem Bodystorm den Geburtsort von Dada gleich eine Woche lang bestürmt.
Dank Una Szeemann konnten zudem viele weitere zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler
eingeladen werden, die bisher nicht im Cabaret Voltaire waren: Das italienische Performance Kollektiv
«Lu Cafausu», Giovanni Morbin mit seinem Hund Ada, das Künstlerduo Oppy De Bernardo & Also
Mozzini, der schweizerisch-amerikanische Performancekünstler Garrett Nelson, der Mitbegründer des
Cabaret Voltaire Marcel Janco aus Israel, der italienische Kritiker und Musiker Michele Robecchi, die
amerikanische Künstlerin Shana Lutker, der bulgarische Zeichner Nedko Solakov, die südspanische
Künstlerin Pilar Albarracín, der schottische Musiker und Künstler Jim Lambie, der Basler Domenico
Billari sowie die französische Installations- und Performancekünstlerin Lili Reynaud-Dewar. Sie alle
helfen uns dabei, das Cabaret Voltaire zu einem Ort der Kunst zu machen.
Das Cabaret Voltaire als Skulptur
Ganz im Sinne von Rancières Begriff des Monuments wird Kerim Seiler das Cabaret Voltaire sogar zu
einer Skulptur transformieren. Er präsentiert ein Modell der Skulptur «Cabaret Voltaire». Das Cabaret
Voltaire ist dann keine Liegenschaft mehr, sondern ein Kunstwerk, welches nach den Regeln des
Systems Kunst funktioniert. Diesen Freiraum haben bereits 2002 Künstlerinnen und Künstler
geschaffen, indem sie die gesamte Liegenschaft besetzten und es während mehreren Monaten als
«Dadahaus» betrieben. Dank ihnen gibt es das Cabaret Voltaire als Institution heute. Pastor Leumund
und Ajana Calugar, welche bei der damaligen künstlerischen Zwischennutzung eine prägende Rolle
spielten, lassen unter dem Titel «1000 Jahre Chaos» mit einer «Chaostage» und einer
realdadaistischen Totenmesse, diesen Freiraum von damals wieder aufleben. Durch die Begründung
des digitalen Anti-Museums und Online Hacktionen unter dada-data.net, einem Projekt von Anita Hugi
und David Dufresne, geht das Cabaret Voltaire in den virtuellen Raum über. Dieser Übergang wird mit
einem «Hacktion» Marathon und einem Konzert der Dead Brothers gefeiert: «Dada sagt den Kampf
an.» Zwingli und die Reformation könnte man als Gegner von Dada verstehen, zumindest Hugo Ball
hat in «Die Folgen der Reformation» sehr stark dagegen angeschrieben. Ebenso ist die «kalte
Avantgarde» Zürichs, die Konstruktive und Konkrete, auch eher komplementär zu Dada zu verstehen,
obschon sie auch als eine direkte Folge von Sophie Taeuber-Arp gesehen werden kann. Wie es sich
genau zwischen Zwingli, Konstruktiv und Dada verhält ergründen wir in einer Prozession vom Haus
Konstruktiv, via Grossmünster zum Cabaret Voltaire. Im Cabaret Voltaire wird der deutsche Künstler
Bazon Brock in einem Action Teaching das Verhältnis der dreien beschreiben.
Unser Feiertagsritual wird tagtäglich bis zum 15. Mai 2016 durchgehend mit vielen weiteren
künstlerischen Aktionen, Performances, Lesungen und Konzerten gefeiert. So wird auch der
mittlerweile legendäre «Cheesesticks-Club» stattfinden, an dem junge und auch etablierte Musiker
jeden Dienstag die Bühne bespielen. Ab dem 11. Juni 2016 wird das Cabaret Voltaire zum «Zunfthaus
Voltaire – Cabaret der Künstler» der Kunstbiennale Manifesta 11 transformiert. So endet die
Ausstellung «Obsession Dada» und das allabendliche Programm im Cabaret Voltaire am 15. Mai
2016 mit der Lancierung des «Vögele Kulturbulletins» zu Dada genau 100 Jahre nachdem das
Cabaret Voltaire Magazin erschienen ist. Für «Vögele Kulturbulletin» haben wir sieben Begriffe, die
Dada umschreiben verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern, sowie Schriftstellerinnen und
Schriftstellern geschickt: «pivot», «bliss», «dandy», «Haltung», «Obsession», «Readymade» und
«soulèvement».
Annexion der Schweiz als Grenze
Unter anderem wird der schwedische Konzeptkünstler und Noise Musiker Carl Michael von
Hausswolff ein Stück komponieren, das in Heftform funktioniert. Zusammen mit dem ebenfalls
schwedischen Künstler Leif Elggren schuf Hausswolff vor 25 Jahren die Königreiche von Elgaland5
Vargaland, deren Botschaft in Zürich das Cabaret Voltaire ist und deren Territorium alle Grenzen sind.
Mit ihnen bestreiten wir das Abschlusswochenende mit Konzerten und einem Symposium. Als
Krönung des Wochenendes und Abschluss der Feierlichkeiten im Cabaret wird in der Nacht von
Samstag dem 14. Mai 2016 im Hauptbahnhof Zürich die Schweiz von den Königreichen von ElgalandVargaland als eine Grenze annektiert und damit der Raum des «pivot», des Dazwischen, voller
«bliss», «dandy», «Haltung», «Obsession» und «Readymade» über die ganze Schweiz ausgebreitet.
Das Soulèvement für die Schweiz.
«Dada on Tour»
Danach geht das Cabaret Voltaire ins Exil. Das Rettungszelt «Dada on Tour», das in den vergangen
Jahren in New York, Hong Kong, Aarau, Rio de Janeiro, Kochi, auf dem Monte Verità, in Zürich und
im Rheinland war, wird, nachdem es zuerst noch kurz vor dem Jubiläum in Singapur Halt gemacht
haben wird, nach London fahren. Wie bereits in Hong Kong und Zürich wird es auch in London von
Hayat Erdogan vom Master Theater der ZHdK co-kuratiert und transformiert. In Hong Kong wurde das
«Dada on Tour» Zelt zu einem Mobilen Museum, das an 10 verschiedenen Orten in Hong Kong
auftauchte. Es war Basislager für eine Gruppe von Scouts, welche jeweils die Umgebung
untersuchten. Für «Dada on Tour – Polytropos» wurde nun eine Website von Erdogan,
Astrom/Zimmer und dem Filmer Lobsang Tashi Sotrug in Form eines Filmes gebaut. In London wird
«Dada on Tour» zur «Instant City Reloaded» und soll im Sinne des britishen Architektenkollektivs
«Archigram» im Rahmen des Städtemarketing Festivals «Zürich meets London» die Attraktion von
Zürich in London präsentieren. Um diese Attraktion zu finden, wurden der Schweizer Künstler Stefan
Burger, der Deutsche Regisseur Kevin Rittberger, die Brasilianische Grupo EmpreZa und die
amerikanischen Yes Men eingeladen. Sie helfen uns, weitere Attraktion Zürichs neben dem Cabaret
Voltaire zu finden, diese nach London zu bringen und in einem Boxring mit dem Boxer und Poeten,
Neffen von Oscar Wilde Arthur Cravan bis in die Eingeweiden zu prüfen.
Postskriptum
Die Transformation der Schweiz zu einer Grenze und des Cabaret Voltaire zu einem freien Ort der
zeitgenössischen Kunst feiern kurz vor den Sommerferien wir im Zunfthaus zur Waag anlässlich des
100sten Geburtstags der Eröffnung des «pivot», der Ersten Dada Soirée vom 14. Juli 1916 mit
«Musik, Tanz, Theorie, Manifesten, Versen, Bildern, Kostümen und Masken».
Obsession Dada
Dokumente aus dem Harald Szeemann Archiv
Wöchentliche Soiréen mit zeitgenössischen KünstlerInnen
5. Februar–15. Mai 2016
165 Feiertage
Täglich: Offizien 6:30 Uhr, 5. Februar–18. Juli 2016
Soiréen 20:00 Uhr (SO 17:00 Uhr)
Wir feiern das 100-Jahr-Jubiläum von Dada und dem Cabaret Voltaire mit 165 Feiertagen Dank der
Unterstützung von
Ernst Göhner Stiftung; Avina Stiftung; Pro Helvetia; Volkert Stiftung, Stiftung ArsRhenia, Verein Dada
100 2016 Zürich; Zürcher Kantonalbank (Dada Tours, Genese Dada); Fondation USM; Else von Sick
Stiftung (School of Dada); Hotel Marktgasse; Hotel Ambassador; den Menschen, die für uns im
crowdfunding spendeten (Obsession Dada); und den zahlreichen Veranstaltungspartnern.
Anhang
- Programm Eröffnung 5. Februar 2016
- Programm Jubiläum 5. Februar–18. Juli 2016
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Eröffnung: Freitag, 5. Februar 2016
6:30 Uhr Erstes Offizium von Adrian Notz für Armada von Dulgedalzen
15:00 Uhr «Vexations» von Erik Satie, am Klavier Dario Bonucelli (IT)
20:30 Uhr Ansprachen von Jürgen Häusler, Präsident Trägerverein Cabaret Voltaire; Adrian Notz,
Direktor Cabaret Voltaire; Corine Mauch, Stadtpräsidentin
«Obsession Dada» Ausstellungseröffnung mit einer Performace des Kollektivs Lu Cafausu
Luigi Presicce, Emilio Fantin, Luigi Negro, Giancarlo Norese, Cesare Pietroiusti
im Anschluss: Predigt von Pastor Leumund; «Dada Zürich Museum» Vernissage; «Dada Stadt
Zürich» Vernissage der Stadtkarte: «Cabaret Voltaire als Skulptur» von Kerim Seiler;
«Feiertagsurkunden» feierliche Übergabe und Giovanni Morbin, Performance mit D'Ada
Programm 5. Februar–18. Juli 2016
Dadalogie
«Dada Ambassadors», seit 17.11.2015 im Hotel Ambassador;
«Dada Tours» ab 5.2.3016 Spezialistinnen Führungen alle zwei Wochen;
«Genese Dada» 14.2.–10.7.2016 Ausstellung und Soirée am 22.4.2016 Arp Museum Bahnhof
Rolandseck;
«MERZ» Ausstellung in der Galerie Gmurzynska;
«She Dada» 11.–12.3.2016 Konferenz von Ina Boesch mit Elza Adamowicz, Irene Gammel, Karolin
Hille, Ruth Hemus und Christa Baumberger, in Zusammenarbeit mit Kunsthaus Zürich;
«DADA ZÜRICH – WIEN DADA: ALLES IMMER – GRENZENLOS» am 11.3.2016 mit Gerhard
Jaschke, Poet, Künstler, Herausgeber, Wien; und Peter K. Wehrli, Dokumentarfilm-Regisseur,
Schriftsteller, Zürich;
«School of Dada» ab 5.2.2016 Vermittlungsprogramm für Schulen;
«Dada Stadt Zürich» ab 5.2.2016 Stadtkarte, gestaltet von Corina Künzli;
«Das Prinzip Dada», ein SRF-Film von Marina Rumjanzewa am 14.2.2016
«Eine bekannte Unbekannte – Sophie Taeuber Arp», ein SRF-Film von Marina Rumjanzewa am
26.2.2016
«Hommage an Hans Bolliger» 9.3.2016 Soirée mit Guido Magnaguagno, Raimund Meyer und Juri
Steiner;
«The Force and the Dark Side of DADA» 7.4.2016 Vortrag von Radu I. Petrescu;
«Tanz auf den Dada Bühnen» 14.5.2016 Konferenz von Mona De Weerdt und Andreas Schwab;
«Erste Soirée Dada» 14.6.2016 Zunfthaus zur Waag;
«Offizium des Direktors für die 165 DadastInnen» 5.2.–18.6.2016 (täglich, 6:30 Uhr)
«Dada Bibliothek» ab 5.2.2016 von Hans Bolliger und Guido Magnaguagno, Hotel Marktgasse
Akademie
«Grosse Denker 3» Symposium mit Jacques Rancière, co-kuratiert von Hayat Erdogan;
«Zentrum der Künste und Kulturtheorien» mit Artur Zmijewski am 22.4.2016 und Milan Knizak am
25.4.2016;
«Zentrum der Geschichte des Wissens» mit Franco Moretti am 29.2.2016, Prof. Michael Hampe am
23.3.2016 und Prof. Jakob Tanner am 20.4.2016;
«ERdaEIGdaNIS» 7.5.2016 Werkraum mit ZHdK Master of Arts in Design
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Kunst
«Obsession Dada» Ausstellung co-kuratiert von Una Szeemann und Adrian Notz vom 5.2.–15.5.2016,
wöchentlichen Soiréen mit Luigi Presicce, Emilio Fantin, Luigi Negro, Giancarlo Norese, Cesare
Pietroiusti (Kollektiv Lu Cafausu) sowie Giovanni Morbin am 5.2.2016; Oppy De Bernardo & Aldo
Mozzini am 12.2.2016; Garrett Nelson am 19.2.2016; Thomas Hirschhorn am 10.3.2016; Marcel
Janco am 17.3.2016; Carlos Amorales am 25.3.2016; Michele Robecchi am 30.3.2016; Gianni Motti
am 7.4.2016; Shana Lutker am 14.4.2016; Nedko Solakov am 21.4.2016, Pilar Albarracin am
27.4.2016; Lily Reynaud Dewar am 29.4.2016 Grupo EmpreZa am 2.–5.5.2016; Domenico Billari
(tbd), Jim Lambie (tbd), Markus Kummer und mehr;
«Das Cabaret Voltaire als Skulptur» von Kerim Seiler am 5.2.2016
«1000 Jahre Chaos» am 6.2.2016 von und mit Pastor Leumund und Ajana Calugar;
«Jamal and the Coconut Experience» am 7.2.2016 Konzert;
«Cheesesticks Club» jeden Dienstag Konzerte, kuratiert von Simon Bühler und Yllnora Semsedini;
«Lagune» Performance von Denis Savary am 10.2.2016, kuratiert von Cynthia Odier, Fluxum
Foundation;
«Kursk» eine kurskische Heftpräsentation am 18.2.2016;
«Gute Fragen» eine Soiree mit Thomas Grüter am 20.2.2016
«Zwinglidadakonstruktiv» eine Spurensuche zum Zürcher Reizklima am 27.2.2016 im Haus
Konstruktiv, im Grossmünster und mit Bazon Brock im Cabaret Voltaire;
«Dies und das» eine Lesung von Andri Perl am 28.2.2016
«dada data» ab 5.2.2016 Digitales Anti-Museum und Online-Aktionen, 4.3.2016 36h Hacktion am
5.3.2016 Konzert «The Dead Brothers, kuratiert von Anita Hugi und David Dufresne;
«Dada on Tour – Polytropos» Screening der Website am 24.3.2016, konzipiert von Hayat Erdogan,
erstellt Astrom/Zimmer und Lobsang Tashi Sutrog;
«Blago Bung» Performance Action Sound Poetry am 9.4.2016 mit Demosthenes Agrafiotis (AthensGR), Michel Collet (F) Jean Dupuy (F) , John Giorno (NY) , Yolanda Hawkins (NY), Larry Litany Litt
(NY), Patrice Lerochereuil (NY), William Niederkorn (NY) , ieke Trinks (Amsterdam), Valentine
Verhaeghe (F), Martha Wilson (NY), Christian Xatrec (NYC), und mehr.
«Oyroha» Performance am 13.4.2016 von Susana Perrottet;
«NO FUTURE für Ideen von Gestern» Performance am 30.4. von Antipro;
«Dada Vögele Kulturbulletin» ab 15.5.2015, kuratiert von Monica Vögele;
«Königreiche von Elgaland-Vargaland» 13.5.2015 Konzerte; 14.5.2015 Annexion der Schweiz als
Grenze und 15.5.2016 Symposium mit Carl Michael von Hausswolff, Leif Elgren und mehr;
«Instant City Reloaded» 17.–22.5.2015 ZHdK: Zürich Meets London: mit Grupo EmpreZa, Stefan
Burger, Kevin Rittberger und The Yes Men, co-kuratiert von Hayat Erdogan
Unsere Agenda mit alle Veranstaltungen finden Sie Online
www.cabaretvoltaire.ch/agenda.html
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