Europäische Währungsunion

EUROPÄISCHE WÄHRUNGSUNION
Ausweg aus der Eurokrise
Hintergrund
Was ist eine Währungsunion?
Eine Währungsunion ist ein Zusammenschluss mehrerer
souveräner Staaten mit unterschiedlichen Währungen zu
einem einheitlichen Währungsgebiet.
Kennzeichen einer Währungsunion sind:
• Eine einheitliche Währung in allen Mitgliedsstaaten
• Eine einheitliche Geldpolitik für das gesamte Währungsgebiet
• Der unbehinderte Kapitalverkehr innerhalb der
Währungsunion
Gemäss dieser Definition bilden zum Beispiel die Schweiz
und Liechtenstein eine Währungsunion. Die bekannteste
und bedeutendste Währungsunion ist die Europäische
Währungsunion, die wir im Folgenden genauer untersuchen werden.
Wie ist die Europäische Währungsunion entstanden?
Den Grundstein zur Schaffung der Europäischen Währungsunion legten die Regierungschefs der EU-Mitgliedsländer mit dem Vertrag von Maastricht im Februar 1992.
Auf dem Weg zu einer Währungsunion wurden drei Stufen
durchlaufen:
1. Stufe, ab Juli 1990
• Festlegung gemeinsamer wirtschaftspolitischer Ziele
• Vollständige Liberalisierung des Kapitalverkehrs
• Teilnahme aller EU-Mitgliedsstaaten am Europäischen
Währungssystem (EWS)
2. Stufe, ab Januar 1994
• Gründung eines Europäischen Währungsinstituts als
Vorstufe zu einer gemeinsamen Zentralbank
Ziel: stabile Wechselkursverhältnisse, einheitliche Geldpolitik, wirtschaftliche Angleichung der Mitgliedsstaaten
3. Stufe, ab Januar 1998
• Entscheid der Mitgliedsländer über den Beitritt zur
Europäischen Währungsunion
• Errichtung der Europäischen Zentralbank (EZB)
• 1999: unwiderrufliche Fixierung der Wechselkurse,
Einführung des Euro als Buchgeld
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Am 1. Januar 2002 wurde der Euro in Form von Banknoten und Münzen ausgegeben. Heute ist der Euro nicht in
allen, aber in der Mehrheit der EU-Mitgliedsländer gesetzliches Zahlungsmittel. Im Jahr 2012 bezahlen rund 335
Millionen Menschen in 17 EU-Mitgliedsstaaten sowie sechs
weiteren europäischen Staaten (Monaco, San Marino,
Vatikanstadt, Andorra, Kosovo und Montenegro) mit dieser
Währung. Für die gemeinsame Geldpolitik im Euroraum
sind nicht mehr die nationalen Zentralbanken zuständig,
sondern die Europäische Zentralbank (EZB). Eines der
wichtigsten wirtschaftspolitischen Instrumente, die
Geldpolitik, wurde damit von der nationalen auf die
supranationale Ebene transferiert.
Wer wird Mitglied der Eurozone?
Zur Bestimmung derjenigen Länder, die Mitglied der Europäischen Währungsunion werden dürfen, entwickelte die
EU eine Reihe von makroökonomischen Bedingungen: die
sogenannten Konvergenzkriterien (Maastricht-Kriterien).
Potenzielle Beitrittskandidaten müssen diese Bedingungen
im Vorfeld des Beitritts erfüllen. Die Konvergenzkriterien
betreffen sowohl die Geld- als auch die Fiskalpolitik.
Geldpolitik
• Die Inflation darf in den beitretenden Staaten höchstens
1,5 Prozentpunkte über der Inflation in den drei preisstabilsten Ländern liegen.
• Die Zinssätze auf ihre langfristigen Staatsanleihen dürfen nicht mehr als 2 Prozentpunkte über den Zinssätzen
der preisstabilsten Länder liegen.
• Ihre Wechselkurse müssen im Vorfeld des Beitritts
gegenüber dem Euro relativ stabil sein.
Fiskalpolitik
• Das jährliche Budgetdefizit von beitretenden Staaten
darf nicht grösser als 3 Prozent ihres Bruttoinlandprodukts sein.
• Ihre Staatsverschuldung darf 60 Prozent des Bruttoinlandprodukts nicht überschreiten.
Mit diesen Konvergenzkriterien wollten die Gründerväter
sicherstellen, dass sich die in der Europäischen Währungsunion zusammengeschlossenen Volkswirtschaften
makroökonomisch annähern.
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EUROPÄISCHE WÄHRUNGSUNION
Ausweg aus der Eurokrise
Die Ausgangslage
Die ersten zehn Jahre galten die Europäische Währungsunion und der Euro als Erfolgsgeschichte. 2009, zehn
Jahre nach seiner Einführung, wurde der Euro als stabile
und starke Währung angesehen.
Nach der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise werden
indes auch die Nachteile sichtbar: Länder an der sogenannten «Peripherie» der Eurozone drohen ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem «Zentrum» zu verlieren.
Die Gegensätze in Europa nehmen zu.
Bürger, Unternehmen und/oder Regierungen einiger Länder haben in den letzten zehn Jahren Schulden aufge-
nommen, deren Bedienung zunehmend zum Problem wird.
2010 mussten Griechenland und Irland mit Notkrediten vor
dem Bankrott bewahrt werden. 2011 griff Portugal auf
Rettungsgelder zurück. 2012 erhielt Spanien einen Rettungskredit und Zypern beantragte einen solchen. Ob Italien ohne Finanzhilfen durchkommt, ist gegenwärtig alles
andere als sicher.
Das internationale Vertrauen in den Euro hat gelitten. Auch
zwei Jahre nach dem Ausbruch der Eurokrise bleibt umstritten, welches die Existenzbedingungen und Überlebenschancen der Währungsunion sind.
Die Eurozone (Stand 1. Januar 2011)
EU-Staaten mit Euro
Andere Staaten mit Euro
Quelle: Wikipedia.org
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Ausweg aus der Eurokrise
Die Eurozone: ein optimaler Währungsraum?
Eine gemeinsame Währung erleichtert den Bewohnern, aber auch den Unternehmen in einem Währungsraum das tägliche
Geschäft – der Fachjargon spricht diesbezüglich von mikroökonomischen Vorteilen. Andererseits verzichtet ein Land mit
dem Beitritt zu einer Währungsunion auf eine eigene Geldpolitik. Damit verliert das Land makroökonomisch an Flexibilität:
Ohne eigene Währung können Konjunkturschwankungen nicht mehr durch Zins- und Wechselkursanpassungen gedämpft
werden. (Wohingegen strukturelle Probleme, z.B. ein Defizit an Wettbewerbsfähigkeit, nicht durch eine Abwertung
korrigiert werden können.)
Aufgabe 1: Vorteile der Währungsunion
Denken Sie an die Bewohnerinnen und Bewohner Europas: Welche Vorteile hat die gemeinsame Währung für sie?
Welches sind die volkswirtschaftlichen Vorteile des Euro? Erläutern Sie, auf welche Weise die Wirtschaft von den
folgenden Effekten profitiert:
Wegfall des Wechselkursrisikos
Senkung der Transaktionskosten
Reduktion der Informationskosten
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Ausweg aus der Eurokrise
Aufgabe 2: Nachteile und Voraussetzungen einer Währungsunion
Ist die Europäische Währungsunion ein vielversprechendes Projekt? Einige Hinweise dazu liefert die in den 1960erJahren vom kanadischen Ökonomen Robert Mundell entwickelte «Theorie optimaler Währungsräume». Sie listet diverse
Bedingungen auf, die über die Erfolgsaussichten einer Währungsunion entscheiden.
Recherchearbeit: Vergleichen Sie die Situation in der Eurozone mit derjenigen in den USA. Wie ähnlich sind sich die
jeweiligen Mitglieds- bzw. Gliedstaaten dieser beiden Währungsgebiete?
Ähnliche Wirtschaftsstrukturen
Wirtschaftliche Homogenität ist ein Vorteil: Je ähnlicher die Teilnehmerländer sind, desto kleiner ist die Gefahr, dass
einzelne Länder stärker als andere von Konjunkturveränderungen betroffen sind.
 Situation in der Eurozone bzw. den USA:
Flexible Löhne und Preise
Sind die Löhne und Preise in einem Land völlig flexibel, so passt sich die Lohn- und Preisstruktur eines Landes rasch an
eine veränderte Konjunktur an: Bei guter wirtschaftlicher Lage steigen die Löhne und Preise, in einer Rezession sinken
sie. Je flexibler die Löhne und Preise sind, desto weniger ist ein Land auf eine individuelle Geldpolitik angewiesen.
 Situation in der Eurozone bzw. den USA:
Mobilität der Arbeitskräfte
Sind die Arbeitskräfte dazu bereit, ihren Wohn- und Arbeitsort innerhalb der Währungsunion zu wechseln, so können
regional unterschiedliche Entwicklungen besser ausgeglichen werden. Die Lohnhöhe in einzelnen Regionen übt dabei eine
Signalfunktion aus: Arbeitskräfte aus einer rezessiven Wirtschaftsregion wandern in boomende Regionen, in denen sie
einen höheren Lohn erzielen können.
 Situation in der Eurozone bzw. den USA:
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Ausweg aus der Eurokrise
Koordinierte Fiskalpolitik
Die Fiskalpolitik, d. h. die Gestaltung der Staatseinnahmen und -ausgaben, wird für die Mitgliedsländer einer
Währungsunion zu einem wichtigen Mittel, um dem Entstehen von Ungleichgewichten entgegenzuwirken. So bewirkt
beispielsweise eine Obergrenze für das jährliche Staatsdefizit auf natürliche Weise eine Koordination der Fiskalpolitik,
indem z. B. Länder in einer Boomphase automatisch eine restriktivere Fiskalpolitik führen als ohne solche Obergrenze.
 Situation in der Eurozone bzw. den USA:
Ausgleichende Transferzahlungen
Fiskalische Transfers stellen eine Form des Ausgleichs zwischen verschiedenen Wirtschaftsregionen dar. Dabei handelt
es sich um Steuergelder, welche meist indirekt (über eine stärkere Zentralisierung des Steuerwesens) von boomenden in
rezessive Länder fliessen und dort eine entsprechende Nachfragewirkung erzeugen.
 Situation in der Eurozone bzw. den USA:
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Ausweg aus der Eurokrise
Streiks und Proteste in den Krisenländern
Anpassungen können sehr schmerzhaft sein – dies
erfahren gegenwärtig Krisenländer wie Griechenland
oder Spanien: Hier muss der Staat sparen. Den
Unternehmen der Krisenländer fällt es schwer, ihre
Produkte abzusetzen. Um die Wirtschaft wieder
wettbewerbsfähig zu machen, müssen Preise und
Löhne gegenüber den starken Zentrumsländern
sinken. Arbeitsmarktreformen sind angesagt, um der
Wirtschaft zu neuer Dynamik zu verhelfen: In der Zwischenzeit leiden Wachstum und Beschäftigung in
den Krisenländern.
Wie kam es zu diesen Problemen? Hintergrund ist die ungleiche Entwicklung in Europa. Nach dem Eintritt
in die Währungsunion verzeichneten viele der heutigen Krisenländer einen Boom: Es herrschte
Hochkonjunktur, die Produktionskapazitäten der Unternehmen waren ausgelastet. In der Folge stieg das
Preisniveau in diesen Ländern an – und zwar stärker als im restlichen Kerneuropa. Stärker auch, als das
gleichzeitige Wachstum der Produktivität es in den jeweiligen Ländern erlaubt hätte. Der Boom
manövrierte die Länder gewissermassen ins wirtschaftliche Offside.
Weil diese Länder heute keine eigene Geldpolitik mehr führen, bleibt ihnen innerhalb der Währungsunion
nur noch die Anpassung über das Preis- und Lohnniveau. Ein solcher Prozess der «Deflation»,
«Desinflation» oder «inneren Abwertung» kann langwierig und mit hohen Kosten verbunden sein, wie die
aktuellen Beispiele zeigen. Deutlich wird heute auch, welchen Stellenwert die Fiskalpolitik in der
Währungsunion erhält. Senken die Krisenländer ihre Ausgaben und erhöhen die Steuern, so senkt dies
die Preise in den Krisenländern. Verfolgen die wettbewerbsstarken Länder gleichzeitig eine expansive
Fiskalpolitik (d. h., es werden Steuern gesenkt oder Ausgaben erhöht), so steigen die Preise in diesen
Ländern an. Diese Art der koordinierten Fiskalpolitik beschleunigt die Rückkehr zum Gleichgewicht in der
Währungsunion.
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Ausweg aus der Eurokrise
Der Weg in die Krise
Aufgabe 3: Das strukturelle Auseinanderdriften der Eurozone
In einer Währungsunion gilt eine Geldpolitik nach dem Motto «one size fits all». Das bedeutet, dass die nominalen Zinsen
in der gesamten Union gleich hoch sind und sich die Entwicklung von Konjunktur und Inflation in den einzelnen Ländern
nicht mehr geldpolitisch beeinflussen lässt – es entfällt die Möglichkeit, eine auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Landes
ausgerichtete Geldpolitik führen zu können.
In den verschiedenen Euroländern herrschten bei der Einführung des Euro unterschiedliche Ausgangsbedingungen. Die
unten stehenden Abbildungen zeigen, wie sich einige Länder im darauf folgenden Jahrzehnt entwickelt haben.
Welche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern fallen Ihnen auf?
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Ausweg aus der Eurokrise
Wie beurteilen Sie die fiskalpolitischen Bedürfnisse der einzelnen Länder in den ersten Jahren der Eurozone?
Auswirkungen auf die Investitionstätigkeit in den einzelnen Ländern
Abbildung 3: Realzinsen in der Eurozone, 2006
1
Betrachten Sie die nebenstehende Grafik. Wie war das
Investitionsklima in den verschiedenen Ländern vor
Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008?
Welche Rolle spielte die Geldpolitik?
Quelle: Eurostat
Der Realzins entspricht dem nominalen Zinssatz
abzüglich der Inflation in einer Volkswirtschaft:
Realzins = Nominalzins – Inflation
Was waren die Folgen dieser Unterschiede?
Der Realzinssatz beschreibt die realen Kosten der
Verschuldung. Weil die Nominalzinsen innerhalb einer
Währungsunion überall gleich hoch sind, gilt: je höher
die Inflation in einem Land, desto tiefer die Realzinsen.
1
AT = Österreich, BE = Belgien, DE = Deutschland, GR = Griechenland, ES = Spanien, FI = Finnland, FR = Frankreich, IE = Irland, IT = Italien,
LU = Luxemburg, NL = Niederlande, PT = Portugal,
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Ausweg aus der Eurokrise
Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Länder
Betrachten Sie die nebenstehende Grafik. Wie erklären Sie
sich das Auseinanderdriften der Lohnstückkosten?
Abbildung 4: Aufaddierte Veränderung der
Lohnstückkosten in der Eurozone, 1999–2007 2
Quelle: Eurostat
Die Lohnstückkosten setzen die Lohnkosten einer
Firma ins Verhältnis zur produzierten Stückzahl:
Was waren die Folgen dieser Unterschiede?
Lohnstückkosten =
Lohnkosten
Produzierte Stückzahl
Die Lohnstückkosten einer gesamten Volkswirtschaft
(berechnet aus Lohnsumme und BIP) liefern ein Mass
für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes.
2
AT = Österreich, BE = Belgien, DE = Deutschland, GR = Griechenland, ES = Spanien, FI = Finnland, FR = Frankreich, IE = Irland, IT = Italien,
LU = Luxemburg, NL = Niederlande, PT = Portugal,
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Ausweg aus der Eurokrise
Bankenrettung mit Steuergeldern
Staatliche Ausgabendisziplin nützt wenig, wenn
unkontrollierter Wildwuchs im Bankensystem
herrscht: Diese Lektion haben Irland und Spanien in
den Jahren seit der Finanzkrise lernen müssen.
Gerade einmal 25 Prozent betrugen Irlands
Staatsschulden im Vergleich zum BIP im Jahr 2007
– im europäischen Kontext war das ein rekordtiefer
Wert. Zwei Jahre später lag die Zahl bereits bei 65,
zwei weitere Jahre später bei 106 Prozent der
Wirtschaftsleistung. Europa musste dem
«keltischen Tiger» mit Rettungskrediten aus der Patsche helfen.
Wie konnte es zu diesem Fiasko kommen? In den Boomjahren vor der Krise war massiv viel Geld nach
Irland geflossen. Irlands Einwohner begannen, Hypothekarkredite für den Häuserbau im grossen Stil
nachzufragen – welche die unvorsichtigen, wenig regulierten Banken noch so gerne gewährten. Als die
Krise einschlug, die Arbeitslosigkeit zunahm und die Häuserpreise in sich zusammenfielen, rächte sich
dies: Um die Banken vor dem Zusammenbruch zu bewahren, musste Irlands Staat Gelder im Wert von
gegen 35 Prozent des BIP in den Finanzsektor pumpen. Manche Institute mussten mit Milliardenspritzen
rekapitalisiert werden. Bei der Anglo Irish Bank war die Lage dermassen hoffnungslos, dass die
Regierung gleich die gesamte Bank verstaatlichte. Gegen 30 Milliarden Euro kostete allein die Rettung
von Anglo Irish den Staat – Geld, das Irlands Bürger in der Wirtschaftskrise noch so gut hätten brauchen
können.
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Aufgabe 4: Das Versagen des Stabilitätspakts
Im Jahr 1997 schlossen die Mitgliedsländer der Europäischen Währungsunion den sogenannten Wachstums- und
Stabilitätspakt. Dieser Vertrag legt fest, dass die Euroländer auch nach ihrem Beitritt zur Währungsunion an die
Konvergenzkriterien bezüglich Staatsverschuldung und erlaubten Budgetdefizits gebunden bleiben. Der Wachstums- und
Stabilitätspakt soll für fiskalpolitische Stabilität in den Euroländern sorgen, ohne ihre nationale Souveränität in Fragen der
Steuerpolitik anzutasten – das heisst, ohne in die nationale Gestaltung der Budgets einzugreifen. Bereits in den ersten
Jahren nach der Eurolancierung wurde die Defizitschwelle von 3 Prozent von diversen Ländern – darunter Deutschland
und Frankreich – unterschritten (d.h. tiefer als minus 3 Prozent).
Die folgende Grafik zeigt die Verschuldungs- und die Defizitquote einiger Euroländer in den Jahren 2007 und 2009.
Kommentieren Sie die Grafik: Welche Ausgangslage herrscht im Jahr 2007? Welche Veränderungen finden bis 2009
statt?
Abbildung 5: Verschuldungsquoten in der Eurozone
(in Prozenten des BIP)
Abbildung 6: Haushaltssalden in der Eurozone
(in Prozenten des BIP)
Quelle: Eurostat
Quelle: Eurostat
Staatsverschuldung der Euroländer
Defizitquoten in den Euroländern
Wie beurteilen Sie die Wirksamkeit des Stabilitätspakts im Rückblick?
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Ausweg aus der Eurokrise
Aufgabe 5: Die Rolle der Finanzmärkte
Im Verlauf des Jahres 2010 wurde deutlich, dass sich die Finanzen einiger europäischer Länder in bedrohlicher
Schieflage befinden. In der Folge stiegen die Renditen auf Staatsanleihen dieser Länder stark an: Staaten wie
Griechenland, Irland oder Portugal sahen sich dazu gezwungen, immer höhere Zinsen auf Neuemissionen ihrer
Staatsanleihen anzubieten, weil die Finanzmärkte nur noch gegen hohe Risikoprämien bereit waren, ihnen Geld zu leihen.
Abbildung 7: Renditen auf 10-jährige Staatsanleihen
In einer Währungsunion emittieren alle Länder Anleihen in derselben Währung. Weshalb kann dies ein Land zur Aufnahme
hoher Schulden verleiten?
Weshalb waren die Renditen innerhalb der Währungsunion lange Zeit identisch?
Warum gingen die Renditen auf Staatsanleihen seit dem Jahr 2008 auseinander?
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Ausweg aus der Eurokrise
Die Zukunft der Europäischen Währungsunion
Aufgabe 6: Die Kosten mangelnder Finanzdisziplin
Um den drohenden Staatsbankrott abzuwenden, musste Griechenland im Frühjahr 2010 auf Hilfskredite von EU-Ländern
und vom Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückgreifen. Ende 2010 und im Frühjahr 2011 erhielten auch Irland und
Portugal Hilfskredite von EU und IWF. Diese Kredite müssen von den Empfängerländern verzinst werden – jedoch zu
einem etwas niedrigeren Zinssatz, als ihn die Finanzmärkte verlangt hätten. Anfang 2012 erliessen private Kreditgeber
Griechenland zudem einen Teil der Schulden, Ende 2012 wurde mit neuen EU-Krediten ein Schuldenrückkaufprogramm
finanziert.
Unter der Aufsicht der internationalen Gemeinschaft erhalten die Krisenstaaten nun etwas Zeit, um die Sanierung ihres
Staatshaushalts in Angriff zu nehmen. Ob ihnen der Schuldenabbau gelingt und sie ihren verbleibenden Gläubigern das
geliehene Geld zurückbezahlen können, ist jedoch ungewiss.
Überlegen Sie sich vor dem aktuellen Hintergrund: Wie tragen die nachfolgend genannten Akteure die Kosten mangelnder
Finanzdisziplin?
Die Bewohnerinnen und Bewohner des Landes
Die privaten Gläubiger des Staates
Andere Staaten, Notenbanken und internationale Organisationen (wie IWF)
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Ausweg aus der Eurokrise
Aufgabe 7: Massnahmen in der Krise
Nicht in allen aktuellen Krisenländern ist die Lage gleich prekär – doch die Probleme sind dieselben:
• Erstens besteht ein Schuldenproblem: Bereits die Zinszahlungen erfordern vom Land enorme Anstrengungen.
• Zweitens besteht ein Wettbewerbsproblem: Wegen hoher Löhne ist die Wirtschaft international kaum konkurrenzfähig.
Diverse Auswege aus der Krise sind denkbar. Bearbeiten Sie dazu die folgende Aufstellung: Was ist das Ziel der
aufgeführten Lösungen? Welche Wirkung verspricht man sich davon? Welche Risiken beinhalten sie?
Austritt aus der
Währungsunion:
Länder wie Griechenland
verlassen die Eurozone
und kehren zu ihrer
früheren Währung zurück.
 Ziele:
 Wirkungsweise:
 Risiken:
Spar- und
Reformprogramme:
Der Staat erhöht seine
Einnahmen bzw. drosselt
seine Ausgaben (über
sogenannte «Austeritätsmassnahmen») und
liberalisiert die Märkte.
 Ziele:
 Wirkungsweise:
 Risiken:
Schuldenschnitt:
Der Staat handelt mit
seinen Gläubigern die
teilweise Streichung der
Schulden, die Kürzung der
Zinsen oder die Verlängerung der Laufzeit aus.
 Ziele:
 Wirkungsweise:
 Risiken:
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Ausweg aus der Eurokrise
Aufgabe 8: Zukünftige Krisen verhindern
Die Eurozone ist eigentlich kein optimaler Währungsraum: Trotz Stabilitätspakt entstanden in den ersten zehn Jahren
ihres Bestehens massive wirtschaftliche Ungleichgewichte (vgl. Aufgaben 2 bis 4). Seit Ausbruch der Krise wurde
deshalb über Reformen diskutiert, die zur künftigen Stabilisierung der Währungsunion beitragen können.
Im Folgenden sind einige Aussagen von Politikern und Ökonomen aufgeführt, die sich auf mögliche Massnahmen
beziehen. Recherchieren Sie, worauf sich die Zitate beziehen, und nehmen Sie dazu Stellung: Inwiefern sind die
Vorschläge bereits umgesetzt? Welche Vor- und Nachteile hätten sie?

«Der Fiskalpakt ist beschlossen und muss jetzt weiterbearbeitet werden.»
Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel am 7. Mai 2012 zu den Medien

«Das Europäische Semester ist eine weitere dieser guten, aber wirkungslosen Ideen.»
Ökonom Charles Wyplosz in einem Aufsatz vom 4. Oktober 2010

«Eurobonds werden im Zuge der Integration Europas wohl in der einen oder anderen Form eingeführt.»
Italiens Premierminister Mario Monti in einem Zeitungsinterview vom 2. Juni 2012

«Ich bin für gründliche Vorbereitungen, nicht für die hastige Einführung einer Bankenunion.»
Jean-Claude Juncker, Chef der Eurogruppe, an einer Pressekonferenz am 19. September 2012
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Ausweg aus der Eurokrise

«Ein finanzieller Risikoausgleich sollte nicht so strukturiert sein, dass er zu dauerhaften Fiskaltransfers
zwischen Mitgliedsländern führt.»
EU-Ratspräsident Herman van Rompuy in einem Bericht über die Zukunft der Eurozone vom 12. Oktober 2012
Der Euro und der Schweizer Franken
Aufgabe 9: Betroffenheit der Schweiz
Wie ist die Schweizer Volkswirtschaft von der aktuellen Schuldenkrise in der Eurozone betroffen?
Wie wirkt sich die Euroschuldenkrise auf den Schweizer Franken aus?
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Ausweg aus der Eurokrise
Welche Auswirkungen hätte eine Verschärfung der Schuldenkrise auf den Schweizer Finanzsektor?
Welche Konsequenzen ergeben sich für den Bund und die Steuerzahler?
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