Predigt von Pfarrerin M. Reister-Ulrichs über Lukas 2, 8-20 an Heilig Abend 2008 Liebe Gemeinde, ob es möglich ist, diese Geschichte so zu hören, als hätten wir sie noch nie gehört? Als hörten wir sie heute zum allerersten Mal? Als wüssten wir nicht längst, was sich begeben wird, wenn es denn anhebt zu erzählen „Es begab sich aber zu der Zeit…“ Ich habe von einem gelesen, der hat es geschafft, dem ist es passiert. Einem Landstreicher. Ausgerechnet. Zu Zeiten, als auch er noch Frau und Kind, Beruf und festen Wohnsitz hatte, wäre er auch in diesen Gottesdienst gekommen, so wie jedes Jahr. Hätte dort zwischen Ihnen auf der Bank gesessen und mit kräftigem Bass die bekannten Weihnachtslieder gesungen. Aber die Zeiten sind lange vorbei. Seit Jahren schon lebt er auf der Straße. Die Geschichte, wie es dazu kam, gehört jetzt nicht hierher. Die Tage vor Weihnachten machen ihn unruhig. Er kennt das schon. Es kommt von ganz tief innen und lässt sich nicht vertreiben. Trotz anhaltender Kälte meidet er die Stadt und trotz der Freigebigkeit der Menschen um diese Jahreszeit die Fußgängerzonen. Auch nachts kehrt er nicht in die Obdachlosenunterkünfte zurück. Am Abend des Heiligen Abend landet er nach einem Tag rastlosen Umherstreifens in der unwirtlichen Gegend beim Rangierbahnhof und findet Unterschlupf in einem leer stehenden Güterwagen, den er mit Gewalt aufbricht. Er hat etliches Hochprozentige intus, das macht ihn warm, aber nicht ruhig. Um die Nacht zu verteilen und den Schlaf zu vergessen, beginnt er, mit einem Stück Straßenkreide, das er irgendwo aufgelesen hat, die Wände des Güterwagens zu beschreiben, in völliger Dunkelheit, denn Licht hat er keins. Er weiß nicht, was er schreibt und ob es anderntags noch leserlich sein wird. Es ist wie ein Rausch. Er kann es nicht lassen. Erst als alle Wände mit Kreide beschrieben sind, schläft er endlich ein. Am Weihnachtsmorgen erwacht er; weiß nicht, wie spät es ist. Und er öffnet die Tür, und ein Lichtstrahl fällt herein. Und auf den vier Wänden um ihn voll Lebenszeichen und Hilferufen, Wutausbrüchen, Bekenntnissen und Jahreszahlen hat auf einmal gestanden überall hinter und übereinander und unter und durcheinander und sogar an der Decke des Wagens und auf dem Boden, die er, das schwört er, beide gar nicht beschrieben hat, hat auf einmal deutlich zu lesen gestanden: „Fürchtet euch nicht.“ Und wäre nicht wegzuwischen gewesen. (nach einer Idee von Hanns Dieter Hüsch, Der Fall Hagenbuch, Düsseldorf 2008) Sie meinen, das ist doch gar nicht die Weihnachtsgeschichte? Sie vermissen Engel und Hirten, Ochs und Esel, den Kaiser Augustus und den König Herodes, Maria und Josef und um Gottes willen - das Kind? Vielleicht haben Sie recht. Machen wir also einen zweiten Versuch. Nähern wir uns dieser Geschichte noch einmal von außen, von fern. Dazu müssen wir freilich die eingefahrenen Wege verlassen, aussteigen, uns entfernen. Gehen wir hinaus auf’s freie Feld, dorthin, wo keine Weihnachtsbeleuchtung dringt. In die Dunkelheit. Dorthin, wo es heißt: „Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.“ Am Rande des Feldes steht übrigens ein Güterwagen, aber vielleicht täusche ich mich auch. Man sieht so schlecht bei Nacht. Und nichts von Weihnachten. Kein Hauch, kein blasser Schimmer. Die Hirten. Ich sehe sie vor mir, schemenhaft, und schaue in sie hinein. Die meisten schlafen, da fällt das leicht, denn im Schlaf kann man sich nicht verstellen. Einer ist glücklich. Er hat vor kurzem geheiratet. Seine Frau erwartet ein Kind. Er weiß es seit gestern. Er träumt von den Namen, die er seinem Sohn geben wird. Einer ist krank. Schon seit Jahren. Er wartet auf revolutionäre medizinische Entdeckungen. Oder auf die nächste Gesundheitsreform. Er hofft auf ein Wunder. Er hat Schmerzen. Er fällt seiner Familie zur Last. Oft ist er unausstehlich. Er weiß es und es plagt ihn. Aber er kann nicht anders. Einer wird Karriere machen. Er weiß es noch nicht. Aber man ist an der rechten Stelle auf ihn aufmerksam geworden. Er wird es noch weit bringen. Zum Schafgroßhändler mit internationalen Kontakten. Einer hat eine Geliebte in Bethlehem. Gleich wird er sich wegschleichen in einem unbemerkten Moment. Er denkt, dass es keiner weiß, aber das stimmt nicht. Auch seine Frau weiß es. Sie schläft nicht in dieser Nacht. Sie überlegt zum hundertsten Mal, ob sie ihn verlassen soll. Einer steht kurz vor dem Ruhestand. Er kann schon die Tage zählen. Und die Nächte. Er freut sich, aber er hat auch Angst. Wie wird das sein, wenn das Schafezählen aufgehört hat und keiner ihn mehr braucht? Ob sie ihn holen werden, wenn der Krankenstand zu hoch ist? Ob er ab und zu noch einspringen darf? Die Hirten. Sie meinen, so viele können es gar nicht gewesen sein? Vielleicht haben Sie recht. Setzen wir uns zu ihnen. Leisten wir ihnen Gesellschaft. Es ist Platz für alle da. Viel mehr als auf den Wänden eines Güterwagens. Wir schreiben mit durchsichtigen Kreidezeichen unsere Geschichten in die Nacht. Und die Hirten und die Landstreicher sind unsere Brüder im Suchen und Finden, sind Vorbilder dessen, was uns in dieser Nacht blüht. Ob es möglich ist, die Botschaft des Engels zu hören, als hätten wir sie noch nie gehört? Als hörten wir sie heute zum allerersten Mal? Als wäre uns nicht längst klar, was passiert, wenn plötzlich die Klarheit des Herrn aufleuchtet? „Und der Engel des Herrn trat zu ihnen und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ Klarheit. Einfach. Furchtlosigkeit. Mich fasziniert die Rede von der Klarheit des Herrn. Ich weiß, dass das griechische Wort „Ehre, Ruhm und Ansehen“ bedeutet. Auch das passt zu dem, was geschieht. Aber Klarheit erscheint mir besonders schön. Gott ist klar in dieser Nacht. So klar wie damals, als er die Welt ins Leben rief. Gott ist klar in dieser Nacht. Er will heilen, retten, erlösen. Nichts anderes. Er wagt den Schritt zur Menschwerdung. Ohne Furcht. Mit Freude, Verlangen, glühenden Wangen. Die Augen leuchten. Das Herz brennt. Klarheit. Jetzt dies eine. Eine Botschaft. Ein Fleisch gewordenes Wort. Ein Kind. Ich finde es eine wunderschöne Vorstellung, dass Gottes Klarheit leuchtet, hereinleuchtet, einleuchtet. Wie eine lichte Wolke hüllt sie die Hirten ein. Sie nimmt sie hinein in ihre Klarheit. Und sie fürchteten sich sehr. So viel Klarheit erschreckt zunächst. Da liegt die eigene Unklarheit plötzlich bloß. Die alltägliche Existenzangst. Das resignierte Achselzucken über das eigene Leben und seine Abgründe. Da fühlst du die Angst unter der Oberfläche: was tu ich eigentlich? Wozu bin ich da? Was soll ich hier? Wer braucht mich? Und die Klarheit antwortet: „Fürchtet euch nicht!“ Und sie leuchtet so hell, dass du beginnst, ihr zu glauben. Sie hüllt dich in Gott. Ihre Worte tränken dich wie Regen die durstige Erde. Fürchtet euch nicht. Denn euch ist heute der Heiland geboren. Du fragst, wozu du da bist. Sie zeigt dir dies Kind. Es kam ungewollt. Es hat keine Legitimation, ja nicht einmal einen Ort, an dem es willkommen ist. Eine Krippe halt, ein Viehtrog. Aber dieses Kind ist die Rettung. Gott braucht es. Es ist seine Mensch gewordene Liebe. Ganz einfach. Verstehst du? Der Heiland. Der Gott, der dich heil macht. Klar, einfach, furchtlos ist Gott für euch da. Mit den Worten des Engels sickert die Klarheit des Herrn den Hirten ins Herz. Und als der Bote ausgeredet hat, als das Rühmen der himmlischen Heerscharen verklungen ist, da sind sie selber ganz klar geworden. Sie haben Klarheit über sich. Sie sehen klar den nächsten Schritt. Jetzt fürchten sie sich nicht. Jetzt nicht mehr. Etwas geschieht. Sie sind da mittendrin. Und überlassen sich dem. „Lasset uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.“ Überlasst euch der Botschaft dieser Nacht. Zögert nicht. Lasst sein, was ist. Es ist, wie es ist. Ihr aber geht. Ihr werdet finden das Kind. Erstaunlich, diese Einigkeit. Als vor wenigen Wochen hier in der Kirche das Weihnachtsoratorium von Bach zum Mitsingen gegeben wurde, da gab es auch an derselben Stelle diese Einigkeit. Ich höre das noch, wie die Tenöre eingesetzt haben wie ein Mann: „Lasset uns nun gehen nach Bethlehem.“ Damals wie heute scheint eine große Einigkeit zu herrschen, dass man da hin muss. Unbedingt. Sie diskutieren nicht wie über alles andere sonst. Ob man dem allem trauen kann. Es nicht vielmehr eine Täuschung der übermüdeten Sinne war. Oder ein übler Scherz derer von nebenan. Ob man noch ganz bei Trost ist. Ob es Engel überhaupt gibt. Und ob das die angemessene Form der Spiritualität sei. Ob es nicht vielleicht schon zu voll an der Krippe ist und man vielleicht nur noch einen Stehplatz ganz hinten kriegt und nicht besser zuhause bleibt und gleich mit der Bescherung beginnt. Oder mit dem Essen. Nein, wenn es diese Worte zu hören gibt, dann gehen alle mit. Dann bleibt keiner zuhause. Auch die kritischen Zeitgenossinnen und genossen kommen, um die Geschichte zu sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Lasset uns nun gehen nach Bethlehem. Schön ist sie, diese Einigkeit. Ob es möglich ist, diese Geschichte so zu sehen, als hätten wir sie noch nie gesehen? Als sähen wir sie heute zum allerersten Mal? Als wüssten wir nicht längst, was wir finden, wenn wir mitgehen nach Bethlehem? „Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.“ Mal ehrlich, wenn wir nicht seit 2000 Jahren wüssten, dass da ein Kind in der Krippe zu finden sein wird, was würden wir halten von so einem Gott? Ich glaube, dass dieses Gottesbild und bis heute anficht. Wollen wir so einen Gott? Der sich ausliefert an die Verhältnisse der Welt statt sie zu beherrschen? Der sich im Schrei eines Neugeborenen verbirgt statt Befehle zu erteilen? Der in einer Krippe liegt statt auf einem Thron zu sitzen? Kann es sein, dass wir eigentlich noch an dem Augustus-Gott hängen, zu dem Jesus nach dem Zeugnis des Lukasevangeliums der Gegenentwurf ist? Wir lassen uns von Pracht beeindrucken, und wenn es nur die Edelsteine von Tchibo sind, aber glitzern soll es zum Fest. Wir wünschen uns Machtworte, wollen beherrscht werden und herrschen. Wir trauen dem mächtigsten Mann der Welt mehr zu als einem Gott, der die Windeln voll hat. Das Kind, das wir finden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen, korrigiert unsere Gottesbilder. Es sagt uns: Du musst dich nicht einem höheren Wesen unterwerfen. Du darfst ein Kind lieben. Und die anderen Kinder. Und das Kind in dir. Die mächtigen Augustusse müssen die Ohnmacht fürchten. Heere und Waffen und Geld mögen sie ihnen vom Leib halten. Unser Gott fürchtet die Ohnmacht nicht. Er fürchtet auch nicht die Bedürftigkeit, das Angewiesensein, das Scheitern, noch irgendetwas anderes, was mit dem Menschsein zusammenhängt. Er fürchtet dies alles nicht. Es gehört zu ihm. Das ist das Geheimnis seiner Furchtlosigkeit. Wissen Sie auch, wie die Geschichte ausgeht? Wie das Weihnachtsevangelium endet? Es schließt mit den Worten: „Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.“ Dieser Schluss gefällt mir. Sie sind zu ihren Hürden zurück gekehrt, zu ihren Schafen. Und haben ihren Alltag wieder aufgenommen. So wie wir, wenn wir gehen und Weihnachten feiern. Aber nie mehr sind wir Menschen, die diese Geschichte nicht gesehen haben, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Nie mehr sind wir Menschen, die die Botschaft des Engels nicht gehört haben. Nie mehr sind wir Menschen, die Gott in diesem Kind nicht gefunden haben. Da steht plötzlich dieses Wort. Fürchtet euch nicht. Und ist nicht mehr wegzuwischen. Amen.
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